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24.2.1931
 
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Nr. 46 Zweites Blatt

Dienstag, 24. Sebruar 193s

Tießrner Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflenf

Engelschor erinnert, preist den Bezwinger des Todes.

Jetzt wendet sich Händel der Ausbreitung des Christentums zu: er schildert den Auszug der Glaubensboten, ihr Wirken mit Liebe und Sanft­mut (Sopranarie), das Erwachsen ihres Werkes zur Kraft im Chor: .Ihr Schall geht aus". Der Kampf des Christentums findet seinen musikalischen Aiedcrschsag in der Err^gcheit einer Daharie und im Spottchor der Heiden. Der Sieg des Christentums wird musikalisch ver­klärt in einer Tenorarie, die den göttlichen Zorn charakteristisch zeichnet; er gipfelt in dem gro­ßen Halleluja, dessen anfänglichem Jubel die Herrlichkeit Gottes im Unisono des Chores gcgen- übergesteilt wird:Denn Gott der Herr regieret allmächtig..."

Bei dieser Stelle erhob sich in der ersten Londoner Aufsührung die gesamte Zuhörerschaft und mit ihnen der König von ihren Plätzen. Den Höhepunkt bezeichnet das Aufsteigen des Soprancs:Herr, der Herren, der Götter Gott" bis an die Grenzen des Stimmumfangs. Ein Sah, der in seinem Aufbau und in seiner Aus­wirkung einzig in der gesamten Musikliteratur dasteht, in der sinnvollen Bereinigung von mu­sikalischen Ausdruckswerlen des Göttlichen und des Menschlichen. Einen Blick auf den inneren Zustand Händels bei der Komposition desHal­leluja" lassen nach seiner eigenen Aeußerung die Worte des Apostels Paulus tun:Ob ich im Leibe gewesen bin oder außer dem Leibe, als ich schrieb, ich weiß es nicht. Gott weih es."

Mit demHalleluja" hätte Händel den Mes­sias abschliehen können, aber das grundsätzliche Festhalten an der Dreiteiligkeit des Oratoriums ließ ihn noch den Schlußteil anfügen, der als Folgerung aus den Ereignissen der vorhergehen­den Teile den Crlösungs- bzw. den Auser» stehungsgedanken in den Vordergrund der trachtung stellt. Auferstehungsgewißheit spricht aus der Sopranarie:Ich weih, daß mein Erlöser lebt"; ein Gedanke, der in dem folgenden Chor bekräftigt wird. Besonders erwähnt sei die Baß- arie mit obligater Trompete:So schallt die Posaun', und die Toten erstehn". Der Schluß- chorWürdig ist das Lamm" erhebt sich in sei­nem Mittellah zu jubelnder Erregung; ein kunst­voll durch geführtesAmen" gibt ihm den er- l habenen Ausklang. Dr. n.

Selbstverwaltung und Groß-Berlin

Don Erich Mehenthin, Korvettenkapitän a. O., M. b.pr. L

schäft in seine Hände zu legen. Das ent­spräche der rheinischen Dürgermcisterverfafsung. Eine einsache llebertragung ist aber nicht mög­lich, weil auch die tüchtigste Persönlichkeit nur ein bestimmtes Höchstmaß von Arbeit leisten kann. Das Einkammersystem der Bürgern.eisterverfassung steht und fällt mit der Derhandlungsleitung durch den Bürger­meister in der Stadtverordnetenversammlung. Eine solche würde eine neue zeitrauoende Be­lastung bedeuten, während die Hauptausgabe ge­rade darin liegt, den künftigen Oberbürger­meister von Cinzelarbeit zu entlasten, damit er den Gesamtüberblick behalten kann. Man darf nicht vergessen, daß die größte S.adt mit Dürgermeisterverfassung Köln nur etwa ein Sechstel der Einwohnerzahl von Ber­lin hat.

Läßt man die Stadtverordnetenversammlung nicht durch den Oberoürgermeister leiten, so wird eine zweite Kammer, die bisher Magist.at hieß 'und nach dem Eesehesvorsel)'.ag Bürger- meisterlollegium heißen soll, notwendig. Es er­scheint mit richtig, daß diese nur aus we­nigen Köpfen bestehen soll. Es ist mvtocicl- hast, daß der Oberbürgermeister von Ber.in als Einzelperson zu einer wirksamen Gesamtleitung I der Verwaltung nicht in der Lage ist. Deswegen müssen ihm ständige Dertreter an die Seite ge­stellt werden, die gegenüber der Sladtverord- netenversammlung in kollegialer Form die bis­herigen Funktionen des Magistrats übernehmen, in der Berwaltungsexelutive aber nach An­weisung des Oberbürgermeisters und über den eigentlichen Sachbearbeitern stehend, tätig sind, ilm einseitige Spezialisten darf es sich dalei nicht handeln. Es würde neben dem Oberbürgermeister etwa je ein Bürgermeister sür das Finanzwesen, für Personalien, für technische Angelegenheiten notwendig sein.

Cs läßt sich nicht leugnen, daß eine solche Regelung eine Cinflußverminderung für die bisherigen Stadträte bedeutet, soweit sie nicht im Bürgermeisterkollegium Auf­nahme finden. Sie werden in Zukunft nicht mehr im Magistrat über die allgemeine Politik der Stadt mitentscheiden können, sondern lediglich die Leiter städtischer Verwaltung s- zweige sein und als solche nach den Anwei­sungen des Oberbürgermeisters zu arbeiten haben. Auch die ehrenamtlichen Stadträte würden in Berlin fortfallen. Das ist gut. Die Dezernatsver­waltung in einer derartigen Diesengemeinde er­fordert viel Zeit, Sachkenntnis und Hingabe und eine so selbständige wirtschastliche Stellung, daß Persönlichkeiten, die allen diesen Ansprüchen genügen, nur in geringer Zahl vorhanden und bei der Art der Wahl der Stadträte durch die Parteien nur sehr schwer in diese Stellen hinein­zubringen sind.

Dem ehrenamtlichen Element wird die Möglich­keit zur Mitarbeit dadurch geschaffen werden, daß ähnlich den Provinzialausschüsfen der Provinzial­landtage ein Stadtgemeindeausschuh oder Hauptausschuh von etwa 35 Mit­gliedern gebildet werden soll, der unter Vorsitz des Oberbürgermeisters in nicht öffentlichen Sit­zungen die Dinge der laufenden Verwaltung regelmäßig beraten wird. Der Stadtverord­netenversammlung mit ihren öffentlichen Sitzungen würden die Haushaltsberatungen und Dinge von erheblicher Bedeutung verbleiben.

Da die Stadträte nach der neuen Regelung nicht mehrpolitische Beamte", sondern reine Verwaltungsbeamte sein werden, wird es zweckmäßig sein, sie nicht mehr auf zwölf Jahre -u wählen, sondern ebenso wie die entsprechenden Prov'.nzialbeamten lebenslänglich zu be­stellen. Die Ernennung könnte durch den Ober­bürgermeister nach Anhörung der Stadtverord- netenber fammIung erfolgen. Ein entsprechender Antrag ist von der Deutschen Volkspartei ge- ftetlt Seine Annahme würde wesentlich dazu beitragen, fachlich geeignete Persönlichkeiten in

Minister Severing hat im Preußischen Landtage erhärt, daß in abhoberer ^eit nicht mit der Vorlage des lange erwarteten allgemeinen e . b st Verwaltungs-Gesetzes gerechnet tt ..en könne Die Frage Bürgermeister- c. er Maaistratsversassung bleibt da­her in der Schwebe. Um so größere Bedeutung gewinnt lasSelbstverwaltungs-Gesetz für die Hauptstadt Berlin". Denn wenn auch mit Recht darauf hingewiesen wird, daß in Berlin einzigartige Verhältnisse vorlägen, die in jedem Falke eine Sonderregelung erfordert hätten, so wäre es doch töricht, die Augen davor zu verschließen, daß ein gesetz­geberischer Vorgang von derartiger Bedeutung unter allen Umstanden die künftige Entwicklung ery.büch beeinflussen wird. Deswegen hat auch der preußische Staatsrat Einspruch dagegen erhoben, das Gesetz für Groß-Berlin der grund­sätzlichen Regelung vorangehen zu lassen. Prak­tische Gründe machen es schwierig, diesem Wunsche zu folgen. Der Stlarekskandal hat auf das schla­gendste gezeigt, daß Groß-Berlin in der bis­herigen Art nicht weiter verwaltet werden kann. Aendert man nichts, so werden sich die staatlichen Eingriffe in die Berliner Verwaltung vervielfachen und schließlich zum Ende der Selb st Verwaltung in der größ­ten deutschen Stadt führen. Schon wird von ein­flußreichen Stellen mit dem Gedanken einer Präfektoral-Verwaltung nach Pariser V->rbild gespielt. Die städtische Selbstverwal­tung hat in Deutschland unter den mannig­faltigsten zeitlichen und örtlichen Bedingungen so Hervorragendes geleistet, daß sie erhalten werden muß. In Berlin wird dies auf die Dauer nur durch eine Anpassung an Die veränderten Verhältniss e gelingen.

Als der Freiherr vom Stein 1808 die Studteordnung schuf, hatte Berlin 200 000 Ein­wohner, jetzt mehr als vier Millionen. Diese Ziffer übertrifft die Einwohnerzahl aller deutschen Länder mit Ausnahme von Preußen, Bayern und Sachsen. Trotzdem vollzieht sich die Ver­waltung im wesentlichen noch nach den Grund­sätzen von 1808, denn die Abänderung der preußischen Städteordnung 1853 war nur un­wesentlich und die Gründung der Stadtgemeinde Berlin durch Gesetz vom 27. April 1920 ist ihrem Wesen nach lediglich eine riesige Eingemeindung in Verbindung mit einem schüchternen Versuch einer teilweisen Dezentralisation der Verwaltung durch Einrichtung von 22 Bezirken mit eigenen Bürgermeistern und Bezirksversammlungen, aber nur geringer Zuständigkeit. Die Gesamtleitung lag, wenn man von der Stadtverordnetenver­sammlung absieht, die infolge des neuen allge­meinen Wahlverfahrens immer mehr ins politische Fahrwasser geriet und zum Fenster hinaus de- baliierte, in den Händen eines aus 24 Mit­gliedern bestehenden Magistrats, in dem haupt­amtliche städtische Beamte und ehrenamtliche 6.abträte in gleicher Zahl vertreten waren.

Die Arbeit des Landtagsausschusseszur II i.rsuchung von Mißbräuchen in der Berliner S.adtverwaltung" hat gezeigt, daß die ein­heitliche Leitung der Gesamtverwaltung d. rch den Magistrat fastvölligverloren- gegangen war. Die einzelnen Stadträte zeig­ten in den Magistratssitzungen oft nur für die von ihnen persönlich verwalteten Aufgaben em tiefergehendes Interesse und stimmten auf an­deren Gebieten meist den Vorschlägen des je­weiligen Fachdezernenten zu, so daß Ober­bürgermeister und Kämmerer sich vergeblich ge­genüber zu weitgehenden Forderungen der ein­zelnen Verwaltungszweige z. D. auf dem Ge­biet des Schnellbahnbaus und der Erwerbung von Landgütern zur Wehr setzen. Sie wurden überstimmt. Es ist daher zweifellos notwen­dig. die Stellung des Oberbürger­meisters zu stärken und auf dem Gebiet der Exekutive die letzte Verantwortung für die Gesamtverwaltung gegenüber Staat und Bürger-

die entsprechenden Stellen zu bringen und den geradezu widerwärtig gctooriXnen politischen Kuhhandel auf dem Rathause einschränken. Zur Zeit hat sich in Berlin der Zustand heraus­gebildet, daß, da die Dezirksstadträte von den politisch sehr verschiedenartig zusammengesetzten Bczirksversammlungen gewählt werden, die städti­sche Beamtenschaft in einigen Bezirken ganz sozialdemokratisch, in anderen ganz bürgerlich eingestellt ist. Der Wechsel aus einem Bezirk in den anderen oder in die Zentrale und umgekehrt ist fast unmöglich. Jnfolgede.sen leben sich die Bezirke immer mehr auseinander und die Zentrale vertiert die ständige Fühlung mit der Praxis des Außendienstes. Deswegen wäre es sehr zweck­mäßig, eine einheitliche Groß-Ber­liner Beamtenschaft zu schaffen, deren Ernennung und Versetzung na^> A-yörung der Bczirksversammlungen durch den O*rbürjer- meister zu erfolgen hätte.

Wirtschaftliche Zusammenschlüsse.

In einer sehr gut besuchten Versammlung der Ort.gruppe Gießen des Allgcm. Deutjäjen Frauen- Vereins iprad) Lr. h. c. Meesmann überWirt­schaftliche Zusammenschlüsse".

Der Vortragende ging von dem Begriffe des Wirisä-astens aus, das die Erzielung eines E r trags zum Zwecke habe, der über den Wert der verbrauchten Guter hinaus die Mittet zur Ernäh- | rung einer wachsenden Bevoltekung und zur Hebung des allgemeinen Wohlstandes zu liefern hat. Dieser Zweck lönne nur durch die Anspannung des Selbst- interesfes der Unternehmer und den Druck der per­sönlichen Verantwortung, der auf ihnen lastet, er­reicht werden. Aus diesem Grunde sei die Privat wirhchast jedem anderen System des Wirtschaftens überlegen. Hieraus ertläre es sich auch, daß eine Sozialisierung der Wirtschaft, bei der an die Stelle des selbstverantwortlichen Unternehmers der an Jnstrultwnen und Instanzen gebundene Beamte tritt, das Ziel des Wirtschaftens nicht erreichen könne, daß staatliche und Gemeindebetriebe daher zum winschastlichen Mißerfolg verurteilt feien und des­halb nur da eine Berechtigung haben, wo nicht wirtschastliche, sondern andere Grunde, wie z. B. bei der Post und Eisenbahn, vorherrschend sind. Die alleinige Verantwortung des Unternehmers sei mit einer Beteiligung der Arbeiter und Angestellten an Leitung und Ertrag (sog. Wirtschaftsdemokratie) nicht vereinbar; diese hätten einen Rechtsanspruch gegen den Unternehmer auf den bedungenen Lohn ober Gehalt. Der Unternehmer habe keinen Anspruch auf Lohn, er müsse sich auch mit einem Verlust ab­finden, und ehe die Frage, wie denn 2lrbciter und Angestellte am Verlust beteiligt werden sollen, nicht beantwortet sei, könne auch nicht von einer Be­teiligung am Gewinn die Rede sein.

Die heutige Privatwirtschaft alskapitalistische Wirtschaftsordnung" zu bezeichnen, fei falsch. Bei uns herrsche die freie Wirtschaft. Eine Wirtschafts, arbnung hätten wir in gewissem Umfang in ber Kriegs- unb Nachkriegszeit gehabt mit welchem Erfolg fei bekannt; eine Wirtschaftsordnung wolle die Sozialdemokratie und der Bolschewismus (f. Rußland). Auch das Wortkapitalistisch" als Kennzeichen der freien Wirtschaft sei falsch, weil die Verwendung großer Kapitalien nicht eine Eigen­tümlichkeit dieser, sondern jeder modernen Wirt­schaft auch einer sozialistischen fei. Redner streifte dann kurz die verschiedenen Arten des Wirt­schaftens, die Natural- unb Hauswirtfckast, bis Ar­beit für ben Kunden unb für ben Markt unb führte u. a. aus, baß, wenn auch ber Zug zum Groß­betrieb in ber neueren Zeit stark hervortrete, boch ber Klein- unb Mittelbetrieb nicht ersetzt werben könne: noch heute seien 91 v. H. aller Betriebe Klein- unb Mittelbetriebe unb beschäftigten bie Mehrzahl ber Arbeiter unb Anoestellten. Auch bie Zusammen­schlüsse feien keine Besonberheit ber Großbetriebe, sic tarnen auch bei Kleinbetrieben, bem Einzelhanbel unb bem Hanbwerk vor. Ihre Notwenbigkeit sei bebingt burch bas gesteigerte Risiko unb bas Be- bürfnis, burch Kostenersparnis bie Wettbewerbs­fähigkeit zu erhöhen. Daß bie Zusammenschlüffe, wie Kartelle, Synbikate unb Trusts Gefahren mit sich bringen, fei nicht zu bestreiten; deren Beseitigung sei aber in erster Linie Sache der beteiligten und

betroffenen Wirtschaftskreise selbst. Allzu große Zu­sammenballungen trugen außerdem den Keim des Zerfalls in sich, da mit der Größe der Drganifation auch die Schwierigkeiten der Leitung wachsen und ein bureaukratischer Zug sich geltend mache, Nach­teile, denen gegenüber der Einzelunternehmer den Vorzug größerer Beweglichkeit unb Anpassung^ fähigfeit besitze. Der Staat könne wohl in frästen Fällen einschreiten, müsie sich aber vor Eingriffen, burch bie leicht mehr geschähet als genutzt werbe, hüten. Zu solchen Eingriffen gehörten auch zu hohe Steuern unb SoziaUasten, foivie Lohnzwangstarise, wodurch bie Wirtschaft allmählich lahmgclegt werde. Dagegen habe ber Staat wohl bie Aufgabe, die all­gemeine Richtung der Entwicklung sorgfältig zu beobachten und dafür zu sorgen, daß die Volkswirt schäft im Ganzen durch Vordrängung einseitiger Interessen, insbesondere vom Auclande her, nicht notleide. Eine solche Bevorzugung liege heute z. B. and) in der steuerlichen Behandlung der Äonfiini vereine vor. Freiheit unb Kampf in her Wirtschaft fei nach wie vor notwendig, kontrolliert unb g Ist burch eine auf bie Selbstänbigkeit unb gleichmc ge Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft bedachte Staatsverwaltung.

Probleme der Ernährunqsresorm.

(Ein Aussprache-Abend der fjausfrauenbetatung Gießen.

Die Hausfrauenberatung Gießen veranstaltete einen Aussprache-Abend über die Fragen, die durch den Vortrag von Dr. SXex) mann (Aerztevereinsbund Berlin) über Kur­pfuschertum. giftfreie Heilweife und Ernährungs­reform aufgeworfen worden waren.

Als erster Diskussionsredner sprach Herr Scholz Er schränkte die Grenzen desBc- grissS Kurpfuschertum ein, die der vor­erwähnte Referent so weit gesteckt habe, daß es scheine als falle die Raturheilkunbe mit m ihren Tcreich. Tie Raturheilkunbe fei aber eine refor­matorische Bewegung, die sich im Lause von 80 Jahren die Anerkennung der Wisfercschaft erwor­ben habe. , _,

Sodann erklärte Dr. Malech. den Crnoh- rungssragen müsse besondere Bei eututm ^Ge­messen werden, da es sich ergeben Pabe, baß oolls- wohl und Gesundheit untrennbar damit verbunden feien. Schwere Erkrankungen wie Slorbut. Beri­beri bösartige Blütarmut, englische Ärantoeit der Kinder. Eicht, Krebs usw. seien in der Hauptsache auf Fehler in ber Ernährung und auf falsche De- Handlung der Rahrungsmittel zurückzuführen. Em wichtiger Bestandteil der Rahrnng sei das Etwetß. Bisher habe das Fleisch als beste Quelle der Eiweißnahrung gegelten, das pflanzliche Eiweiß, wie es Kartoffel, Getreide, Reis, frisches Gemüse enthalte, sei dem tierischen Eiweiß aber gleich­wertig. Tie Menge des Eiweißes, d.s der Kör­per brauche, hänge ab von der übrigen Ernährung. Kohlehydrate (Stärke, Zucker) leien Eicreißsparer; eine. Kost, die Säuren liefert, fordere mehr Et- weih. Tas richtige Mittelmaß liege zwischen 50 und 60 Gramm Eiweiß pro Tag. Wichtig set die Vorbereitung der Rahrung Beim Mahlen des Getreidekorns gingen wesentliche Bestandteile in die Kleie über, der polierte Reis habe sie eben­falls abgegeben, präparierter Zucker habe viele wertvolle Eigenschaften verloren. Um eine voll­wertige Ernährung zu erzielen, brauchten wir ein gutes Brot, das die nötigen Kleiebestandteile enthält, außerdem Kartoffeln, Hafer, ©erfte»^^ unb schließlich Gemüse, Obst unb Salate. Man könne bei vegetarischer Kost voll leistungsfähig bleiben, zu warnen sei jedoch vor jeglichem Fana­tismus. Zum Schluß warf der Redner ein kur­zes Streiflicht auf die Gerson-Diät.

Dr. Reumann-Spengel warnte ganz im Sinne Dr. Malechs vor Extremen. Der Mensch sei durch die Länge seines Verdauungskanals auf Mischkost angewiesen. Herr Röhl ist nicht der Ansicht seines Vorredners, daß die bisherige Er­nährungsweise die richtige sei.

Das Schlußwort war Dr. Siering, Berlin, als dem Vertreter Dr. Lehmanns, Vorbehalten. Mit allem Rachbruck wies der Redner u. a. auch auf die Wichtigkeit der Erziehung in Singen der Ernährung hin.

HändelsMessias".

Znr bevorstehenden Aufführung des Lietzener Honrcrlvcreins.

Kein Werk Handels ist für weite Kreise To unbedingt mit feinem Ramen verknüpft tote berMessias"; für viele bedeutet er den alleinigen Inbegriff Händelschen Schaffens; ja. mit vollem Recht wird man diesem Werl in der Geistesgeschichte der Menschheit eine Vorzugs­stellung einräumen müssen. Wenn auch von eng­lischer Seite her. dem Lande, too derMessias' entstand, neuerdings versucht wird, Händels Be­deutung zugunsten des Engländers Henry Purcell herabzusetzen, so wird das der Weltgeltung dieses Werkes nichts anhaben können, im Gegenteil, diejenigen, die sich in der Beurteilung musikali­scher Werte von politischen Gesichtspunkten leiten lassen, sprechen sich damit selber ihr jlrteiL

-Nach den Widerwärtigkeiten, die Handel in seinem Schaffen und Wirken durch die Eng­länder erfahren hatte, kam ihm eine Einladung des Dieekönigs von Irland durchaus gelegen; sei­nen dortigen Freunden hatte er zu einem Wohl- tätigkeitskonzert etwas -.oon feiner beften Mufti versprochen. Es war der Messias, den handel noch in England in der verhältnismäßig kurzen Zeit vom 22. August bis zum 14. September 1741 vollendet hatte. Am 13. April 1742 brach e man das Werk unter Händels Leitung m Dublin zur Aufführung; ein wichtiger Gedenktag in der deutschen Geistesgeschichte! Ein Jahr spater er­klang das Werk in London. Die große Zeit: des Messias" beginnt um 1750; von da ab führte Händel alljährlich mehrmals (im ganzen 34mal) das Werk zum Besten des Findlings-Hospitals aus. dem er durch Lieberlassen der Partitur und der Stimmen gewisse Eigentumsrechte auf das Werk einräumte unter dem Verzicht der Druck­legung zu feinen Lebzeiten. Händels letzte öffent­liche Betätigung war die Teilnahme an einer Aufführung desMessias" am 6. April 1759, am 14. April starb er. Deutschland lernte denMes­sias" 1772 durch eine Privatauftührung in eng­lischer Sprache in Hamburg kennen; Auf ührun- gen in deutscher Sprache folgten; seit den großen Händelfeiern in London zum hundertsten Ge­burtstage des Meisters kann man von einer Weltgeltung desMessias" sprechen.

Schon die textliche Anlage des Werkes ver­mochte ihm eine Sonderstellung zu gewährleisten. Händel selbst hat sich die einzelnen Teile zu­sammengestellt. unter beratender Beihilfe seines Freundes Jenner. Er ließ sich hierbei nur von sachlichen Erwägungen, nicht aber von Rücksichten auf Zuhörer und Tradition leiten. Zwar waren vor ihm schon Abschnitte aus dem Leben Jesu oratorienmäßig bearbeitet worden. Die zusam- menfaffenbe Darstellung des Lebens und Wirkens des Messias und der Geltung seines Werkes war ein ganz neues Moment im damaligen Oratorienschaften. Dabei setzte Händel die Be­kanntschaft des Hörers mit den zugrundeliegenden Tatsachen voraus, ihm lag an einer religiös­ethischen Erfassung von Wert und Bedeutung des Weltheilandes, frei von jeder einengenben kon­fessionellen Stellungnahme. Für den hoheii Grad der Bewunderung, mit der allein der Text in der christlichen Well ausgenommen wurde, zeugt eine Veröfteilllichung von 50 Predigten über bie Bibelstellen desMessias" aus dem Jahre 1780.

Mit einer Ouvertüre, die man als die erste Szene des Werkes ansehen kann, indem sie die allgemeine Stimmung der Menschheit wiedergibt, ehe der Messias auf die Welt kam, leitet das Werk auf den Adventsgedanken hin. Em rezi- tativisch auslaufendes Arioso mit der daran anschließenden Arie verheißt, daß bie Zeit des Leibens vorüber sei: ein zusammenfassenber Chor kündet von derHerrlichkeit Gottes, die nun geoffenbart werden" soll. Hier schon zeigt sich bie Bereinigung von weltlich-menschlichen und reli­giösen Rkotiven im Aufbau des Satzes, wie wir sie auch in den späteren Chören erkennen können. Die Vorbedingung für ben Empfang des Messias ist Sinnesänderung, ist Buhe. Diesem Gedanken dient das Bahrezitativ mit seiner star­ken Aufwallung, die ihren Höhepunkt in dem Prestissimo der folgenden Arie findet zu bem Text:Denn er entflammt wie des ßauterers Feuer". Der Chor wird zum weiteren Träger des Läuterungsgcdcrnkens. Das Offenbarungs­wunder in ber Erscheinung bes Messias flingt purch in der Alt-Arie mit ihrer freudigen (Er­regung über das Kommen in der Einleitung unb mit ihrem sich immer mehr steigernden inneren Jubel, der pom Chor aufgenommen wirb. D'-e Bedeutung der Ankunft des Messias läßt ein Bahrezitativ erleben, das sich vom Dunkel ber

I Rächt zum Licht steigert; die anschließende Arie I läßt das Dunkel, in dem das Volk bisher wan­delte, in besonders starkem Gegensatz zu dem kommenden Licht treten, unvermittelt bricht der Zu bei im Chor aus:Denn uns ist ein Kind geboren, mit starken Akzenten die Herrlichkeit des Gekommenen preisend; ein Sah, an dem zu bewundern ist, wie die Vielheit des Gedanklichen in fo knapper Einfachheit und älrsprünglichkeit gemeistert wird. (Der grundlegende musikalische Gedanke ist aus einem italienischen Duett Händels abgeleitet.) Eine Szene aus der Heiligen Rächt schildern bie kommenden Sähe; eine Sinfonia pastcrale läßt bie Weisen ber kalabresischen Hir­ten. der Pifserari, nachllingen, bie zu Weih­nachten nach Rom kommen und dort ihre Weih­nachtsweise aufspielen; eine Reminiszenz aus Hänbels Aufenthalt in Italien 1709. Endlich kommt der Sopran als Solostimme au seinem Recht: er kündet von bem Erscheinen ber Engel bei den Hirten in einem Rezitativ, bas burch bie Begleitung bilbhaft untermalt wird. Der Engels­chor (Ehre sei Gott") versinnbildlicht die Gegen­sätzlichkeit von Himmel unb Erbe durch bie ver­schiedenen Stimmlagen; das Orchestemachspiel läßt die wundersame Erscheinung in klanglicher Entrückthell entschwinden.

Jubel ertönt aus ber SopranarieErwacht zu ßiebern ber Wonne", ein kurzes Rezitativ kündet von den Wundern des Heilands; eine weitere Arie schildert im Sicilianen-Rhythmus Jesus als den Guten Hirten. Den Textgedanken des Mittel- sahes läßt der Chor ausklingen.

Die Passionsschilderung verzichtet auf die Dar­stellung der Cinzelvorgänge, sie führt mit einem Chor in der Gedrängtheit ber Schützschen Introi­tus-Sätze an das Kreuz; eine schmerzensreiche Altarie nimmt ber Chor mit ihrem Hauptgedanken auf; dieser findet seine Zusammenfassung in der Doppe'fuge:Durch seine Wunden sind wir ge­heilt" und feinen Ausgang in einem Chorsatz, ber das Bild vom Guten Hirten anknüpft. Ein Rezitativ unb ein Spottchor des Volkes zeichiret bie Gegner Jesu. In kurzen erschütternden Sätzen finden bie letzten Leibensstunden ihre muß- kalische Verklärung. Die Auferstehungstatsache klingt in einer Eopranarie nach, bie auf bie Er- löferarie des britten Teiles hinweist. Ein Triumphchor, ber in seinem Anfang an den