Ausgabe 
23.6.1931
 
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im Namen Oesterreichs zustirnrnte. Der ita­lienische Botschafter teilte dem Staats­departement mit, daß er die Antwort aus Nom nicht vor morgen erwarte. Der bulgaris ch e Gesandte sprach dem Staatsdepartement offi­ziell die Dankbarkeit seiner Regierung aus.

Hunderte von Glückwunschtele- g r a m m e n sind aus allen Teilen der Welt im Weißen Hause eingegangen.

Wallstreet stimmt zu.

N e u y o r k, 22. Juni. (WTB.) In maßgebenden Finanzkreisen der Wallstreet wird übereinftim-

mend erklärt, daß Hoovers Schritt von allen Seiten im Lande als erster konstruktiver Schritt zur Behebung der Weltwirtschaftskrise begrüßt werde. Wenn auch zugegeben werden müsse, daß der Durchführung des Zahlungsaufschubs zahl­reiche und noch nicht übersehbare Schwierigkeiten im Wege ständen, so bestände doch kein Zweifel, daß Hoovers Schritt die Wiederherstellung des Iter- trauens in die zukünftige Entwicklung der Weltwirtschaft bedeute.

Die ganze Welt müsse Hoover dafür dankbar sein, daß er sich zu diesem Schritt entschlossen habe.

Aus der Berliner Wilhelmstraße.

Berlin, 22. Juni. (GAB.) Während Bot- schafter v. Hoesch Berlin bereits verlassen hat, um sich auf seinen Posten zu begeben, haben in der Reichskanzlei heute Besprechungen mit dem deutschen Botschafter in Washington Dr. v on Prittwih stattgefunden, in denen die durch den Vorschlag de« Präsidenten Hoover ge­gebene Lage eingehend besprochen wurde. Das Problem ist heute aber praktisch nicht weiter vorwärts gediehen.

Es kommt seht zunächst darauf an, wie sich die französische Regierung einstellt.

Man wartet deshalb wohl erst den Minister­rat ab, der am Dienstag in Paris stattfindet. Frankreich wird vielleicht noch besondere Vor­schläge machen, um seinen Ausfall zu vermindern. Es verstärkt sich in politischen Kreisen aber der Eindruck, daß auch die französische Regierung sich dem großen Gedanken Hoovers nicht entziehen können wird. Vielmehr liegt nach Ansicht poli­tischer Kreise auf der Hand, daß

Deutschland nicht mehr in der Lage ist, seine Reparationsverpflichtungen zu erfüllen.

Das ist durch den Schritt des Präsidenten Hoo­ver und die Zustimmung, die er bisher bei den Hauptmächten außer Frankreich ge­funden hat, auch nach außen hin zu sinnfällig bestätigt, als daß Deutschland noch zögern könnte, von sich aus bestimmte Schrrtte zu unternehmen, wenn die Aktion des Prä­sidenten Hoover etwa an dem Widerstand einer einzelnen Macht scheitern sollte. Die Tatsache, daß solche Möglichkeiten gegeben sind, wird sicher auch in den morgigen Beratungen des französischen Kabinetts nicht unbeachtet blei­ben können. Hm so mehr rechnet man damit, daß auch Frankreich sich schließlich in die allgemeine

Front zur Sanierung der Weltwirtschaft ein­gliedern wird.

WaswirdmitdenSachleistliligen?

Berlin, 22. Juni. (ERB.) In politischen Kreisen beschäftigt man sich auch lebhaft mit der Frage, was bei einer Einstellung der Repa­rationszahlungen am 1. Juli aus den Sach- lieferungen werden wird.

Es ist nicht daran zu zweifeln, daß auch die Sachleistungen mit eingestellt würden.

Sie betragen im laufenden Etats- und Repa- rativnsjahr etwa 4 5 0 Millionen M k. Natürlich werden gewisse Industrien von einer Einstellung dieser Sachleistungen betroffen wer­den. In unterrichteten Kreisen hält man diesen Schaden aber nicht für sehr groß, daß nach Ansicht der Fachleute mehr als die Hälfte, schätzungs- weise sogar 60 bis 80 Prozent normalen, Exports, in den Sachlieferungen enthalten sind. Ein großer Teil der Lieferungen wurde dann also ganz auto­matisch ganz auf den Export übergehen.

In Kreisen der Reichsregierung ist man der Auf- fassung, daß die freiwerdenden Reparations­gelder in erster Linie zur Reservebildung und zur Konsolidierung kurzfristiger Kredite ver­wendet werden müssen,

daß es darüber hinaus aber auch notwendig sein wird, einen Ausgleich für den Ausfall eines Teils der Sachlieferungen zu schaffen.

Der Zweck des Schuldenfeierjahres ist ja ge­rade, die Wirtschaft wieder zu beleben. 660 Millionen von der Annuität hat bekanntlich die Reichsbahn aufzubringen. Es ist zu er­warten, daß ein Teil dieses Betrages für Zwecke der Wirtschaftsankurbelung verwandt wird, um den Wegfall der Sachleistungen wettzumachen.

Das Llrteil der Reichsbankleitung.

D e r l i n, 22. Juni. (TU.) Reichsbankvizepräsi­dent Dr. D r e h s e äußerte sich über die L a g e b e i der Reichs bank, wie sie sich nach der Be­kanntgabe des Hoover-Vorschlages jetzt darstelle. Die Entwicklung am Geldmarkt sei be­kannt. Rach ruhigem Beginn der letzten Wochen hätten gegen Ende der Woche wiederum starke Devisenabflüsse stattgefunden und seien starke Kreditkündigungen erfolgt, so daß die Reichsbank eine Kreditrestriktion zu­nächst in der Form durchgeführt habe, daß sie den Privatdiskont nicht notierte. Andere Mittel seien mit Rücksicht auf die in- und ausländische Stimmung nicht empfehlenswert erschienen, zumal auch etwas Positives dabei nicht hätte geboten werden können. Wenn auch die Kreditrestriktion vielleicht eine verhängnisvolle Maßnahme dar- - stelle, so sei sie immerhin doch besser, als wenn man den zur Verfügung stehenden Be° l reitschaftskredit in Anspruch genommen , hätte, was die Lage der Reichsbank gegenüber z dem Auslande noch verschärft hätte. Der Hov- v ver-Plan habe nunmehr eine neue Lage geschaffen.

Die Reichsbank hoffe, daß nun weniger Kredit- kündigungen erfolgen, fo' daß eine Restriktion nur in allermildestem Ausmaße notwendig zu werden brauche.

Der erste Schritt der Reichsbank werde sein, heute wieder die Privatdiskontnotiz «inzufüh- ren. In seinen weiteren Ausführungen erklärte der

Vizepräsident, daß zu weiteren Besorgnissen nach Ansicht der Reichsbank kein Anlaß sei. Die Deichsbank rechne damit, daß sie auch über den Ultimo hinwegkomme, wenn keine besonderen neuen Momente auftreten.

An eine Diskontänderung werde vorläufig nicht gedacht.

Die Kreditrestriktion werde es wohl mit sich bringen, daß über den Kredit der Banken in Höhe von 250 Millionen Mark an die Reichs­regierung neue Verhandlungen erforderlich sein würden. Er wies dann insbesondere darauf hin, daß die gegenwärtigen Maßnahmen das Ge­genteil einer Inflation bedeuteten. 3m Verlaufe der letzten Woche sei der Noten­umlauf um mindestens 100 Millionen zu­rückgegangen. Es bestehe keinerlei An­laß zu Besorgnissen bezüglich der Währung.

Auf eine Anfrage erklärte er sodann ausdrück­lich, daß

die Reichsbank feste Unterlagen für ihre opti­mistische Ansicht habe, da zweifellos durch den hooverschen Plan für die Freunde der Reichs­bank im Auslande eine neue Lage geschaffen sei.

Auf eine weitere Anfrage bestätigt er, daß ein größerer Teil der Kündigungen von Auslandgeldern in der letzten Woche auf französischeBanken zurückzuführen sei.

Die Ehe mit Kummer 44170.

Oaü Ende eines phantastischen Rechtsstreites

Von Or. Gustav W. Eberlem, Rom.

R o m , im Juni.

Endlich hat sich der eiserne Vorhang über ein Drama gesenkt, das als Komödie anfing, als Posse endete und eine Tragödie zurückläßt. Das aus fünf Akten, jeder von der Dauer eines vollen Jahres, besteht, die ganze Welt in Span- nung hielt, soweit sie sich noch um Einzelschicksale kümmert, und das italienische Volk in zwei Lager spaltete: in Canellisten und Druneristen, die sich grimmig befehdeten.

Pirandello hat einmal ein ähnliches Stück geschrieben, in dem es so verworren zugeht, daß der englische Theateragent die Komödie nur unter der Bedingung kaufte, man müsse zum Schlüsse erfahren, wer nun eigentlich der Verrückte sei. Aber das Leben als Autor hat sich als weit grotesker noch, als viel erfindungsreicher, als dreifach verdreht erwiesen, so daß der Held, der im Irrenhaus die Nummer 44170 führte und jetzt im Gefängnis die Nummer 30717, nach wie vor behaupten kann, nicht er sei der Verrückte, sondern der andere, der Pvlizeikommissär, der Jrrendirektor, der Richter, der Gefängniswärter.

Und wehklagend blieb auf der Bühne zurück die weibliche Hauptdarstellerin, die mit Num­mer 44170 wie mit Nummer 30717 verheiratet zu sein glaubt, aber nur die Witwe eines kriegs- verschollenen Professors ist.

Zu viel des Stoffes für ein einziges Drama! Die Gerichtsakten allein machen vierzehn Bände aus; die' Zeitungsartikel aber, die in den fünf Jahren über den Fall erschienen, würden eine riesige Bibliothek füllen und es als ratsam er­scheinen lassen, einen Reservebau in Angriff zu nehmen, denn man kann nicht wissen, ob die Sach« nicht doch noch weitergeht. Nichts wäre schwerer, aussichtsloser als der Versuch, in we­nigen Zeilen sachlich über die Flucht der Ereig­nisse und Erscheinungen zu berichten, seit im Morgengrauen auf dem jüdischen Friedhof in Turin ein Urnendieb festgenommen wurde, der sofort den Geistesabwesenden spielte und in der Irrenanstalt mit unzweifelhaftem Geschick die Rolle einesMannes, der sich selbst verlos, durchführte. Als er es für zweckmäßiger erachten mußte, sich wieder zu finden, übernahm er diese

Rolle und schrieb 2 Bände, nein 3 Bände Me­moiren:Auf der Suche nach mir selbst." Sie sollten beweisen, daß er nicht etwa, wie die Polizei annimmt, der von ihr gesuchte Gewohn­heitsverbrecher und arme Buchdrucker Mario Bruneri sei, sondern der gelehrte, wohlhabende Professor Giulio Canella.

Unter ebenso dramatischen wie ergreifenden Umständen, die man nicht einmal skizzieren kann, ohne den Rahmen einer Zeitung zu sprengen, erkannte eines Tages die Kriegswitwe Giulia Canella in demUnbekannten", in der Num­mer 44170 des Irrenhauses, ihren an der ma­zedonischen Front verschollenen Mann und führte ihn heim. Nach einigem Zögern, als er sich ver­gewissert hatte, daß er in ein warmes Nest kam, übernahm er die Rolle und wachte nun, meister­haft spielend, nach und nach auf, erinnerte sich an dieses und jenes, kurz, wuchs in den Professor Canella hinein. Es war schon immer seine Kunst gewesen, in die Gestalt eines andern zu schlüpfen, sowie ihm die Polizei auf den Fersen war. Man­cher Ahnungslose mußte für ihn büßen.

Tiefstes Familienglück in einer Villa am Gardasee, Gattin, Kinder, Geschwister um sich. Es ist Frühling draußen, unendliche Liebe um­gibt den Heimgefundenen, Reichtum und Schön­heit. Flitterwochen, wie die ersten nicht waren. Monsignore, der sie seinerzeit getraut, bringt den Wiedervermählten Zeitungen aus aller Welt wer hätte sich die rührselige Geschichte von dem Professor, der sich selbst vergaß, entgehen lassen wollen? Wie viele Kriegerwitwen tröstet dieser Fall!

Da mitten in die Idylle hinein rattern Pvlizeiautomobile, aus ' den Armen der Frau reißt man, daß sie zum zweitenmal den Gatten verliere, den Professor unter der Anschuldigung, er simuliere diesen Gatten, wie er seinen Ge­dächtnisschwund simuliert habe. Beweis: Frau Bruneri, die in ihm ihren rechtsmäßigen Gatten erkannt hat.

Run ist der Stein im Rollen, nun hebt die Justizkomödie an. Gericht gegen Gericht, Gut­achter gegen Gutachter, Familie gegen Famllie, Frau gegen Frau, der Simulant gegen sich selbst. Die Bruneri sind eine ärmliche Famllie, bei der nichts zu holen ist, also verleugnet er sie, I verleugnet Frau und Kinder, alles, versteht sich, unter dramatischen Momenten und tragischen Wirkungen. Auf einmal ist er ganz wach, unheim­

lich klar sein Gedächtnis: ich bin Canella und niemand sonst! Er kämpft jetzt um das warme Nest, um eine bessere Lebensstellung, um einen gehobenen Posten in der besten Gesellschaft, denn andernfalls mühte er ins Dunkel zurück, in die Gefängniszelle.

Und di« Familie Canella ist sehr reich. Sie kann sich die berühmtesten Rechtsanwälte leisten, sie braucht kein Mittel zu scheuen, um die Richter auf ihre Seite zu bringen. Ein Riesen­prozeß hebt an, läuft durch drei und vier In­stanzen. Aber auch die Familie Bruneri ficht ihn durch. Woher hat sie die Mittel? Ein Ge- tuschel hebt an, Geldinteressen spielen herein. Auch die Bruneri bringen gewiegte Anwälte auf, sogar Farinacci, den seinerzeitigenVize-Duce", und den Vertrauensanwalt des Vatikans, Pro­fessor Cammoo, der bei den Lateranverttägen mitwirkte. Falls Canella nicht lebend aus dem Kriege zurückkomme, solle das riesige Vermögen des Vaters der Kirche zufallen. Die Geistlichkeit lehnt natürlich eine so durchsichtige Unterstellung ab und erklärt, aus christlichen Gewissensgründen ein Interesse daran zu haben, daß «in Schwindler nicht zum Vater wehrloser Kinder werden könne.

Zu spät! Während die Anwälte und die Ge­richte sich herumschlagen, tut derProfessor" seine eheliche Pflicht jedes Jahr bekommt seine Frau" prompt ein Kind von ihm. Hier liegen die Keime für eine der furchtbarsten Familientragödien, die man sich ausdenken lärm.

Glaubt Frau Canella wirklich noch an ihn? Sie beschwört es, sie stellt in ihrer rührenden Gattenliebe und Treue alle klassischen Vorbilder in den Schatten. Kann sie denn überhaupt noch zurück?

Die Wissenschaft arbeitet. Sie bringt ein er­drückendes Material dafür bei, daß der angeb­liche Canella kein anderer als der Buchdrucker Bruneri ist. Fingerabdrücke, Ohrenprobe, Nar­ben, alle Merkmale stimmen haargenau. Tut nichts, es wird dagegen mit Tränen und mit dem gearbeitet, was dem Italiener am heiligsten ist: mit den Kindern. Die Kinder von Frau Canolla und Nummer 44170 werden zur Gerichtsver­handlung geschleppt und müssen erschütternde Szenen provozieren. Die Richter mühten Steine in der Brust haben, wenn sie der Schmerz und der Heroismus einer solchen Mutter nicht rühren sollten. Aber über die Tatsachen kommen sie auch nicht hinweg.

dem Bahnhof in Schneidernühl ein Militärs zug, der beladen war mtt Atrappen von Tanks und Panzerautos. Auf dem Bahnhof konnte beobachtet werden, wie

ein polnischer Eisenbahnbeamler, die In Schneide­mühl den Zug wechseln, sich auffällig für den Militärzug inleressierte und mehrere Male an ihm auf- und abging.

Erst als dem diensttuenden Schupobeamten dieS auffiel, verlieh der polnische Eisenbahner den Bahnsteig. Richt viel später, nach einer Stunde, erschien das polnische Militärflugzeug über Schneidemühl, um hier vor allem ausgerech­net die Reichswehrkaserne und den Bahnhofs m niedrigster Höhe zu überfliegen. Der Militär­zug war bereits abgefahren. Die Vermu­tung, dah das FluMeug vor allem dieses Zuges wegen nach Schneidemühl gekommen sit, wird noch dadurch bestätigt, dah der Flieger in geringer Höhe die ganzen Dahnanlä­ge nauf längerer St recke <^b flog.

Schneidemühl, 22. Juni. (TU.) Am Sonn­tagabend wurde Schneidernühl von einem polnischen Militärflugzeug überflo­gen. Die polnische Maschine war an den weih­roten Abzeichen deutlich erkennbar. Das Flug­zeug kam aus der Richtung B i s ch k e (Polen), überflog di« Grenze bei Küddowthal und wandte sich dann nach Schneidemühl, wo es die Ka­sernen, das Regierungsgebäude sowie die Bahnanlagen in niedriger Höhe über­flog.

Wie derGesellige" noch erfährt, wurden an dem polnischen Militärflugzeug an dem unteren Tragdeck die Nummer Z 96 und am Rumpf das Zeichen Z 1209 festgestellt.

Es ist somit einwandfrei der Nachweis erbracht, daß es sich um ein polnisches Militärflugzeug handelt.

Außerdem konnte, wie das genannte Blatt weiter erfährt, dec Nachweis erbracht werden, daß ein­wandfrei Spionage vorliegt. Dies geht aus folgendem hervor: Sonntagnachmittag hielt auf

polnischer Spionageflug über Schneidemöhl

Zusammenwirken mit einem polnischen Eisenbahner?

scheidung auf ein Jahr." Dr. Qua atz erklärt: Helfen uns diese 1500 Millionen? Das Defizit des Reiches, der Länder, Gemeinden, der Reichs­bahn und der Sozialversicherung zusammen ist mit über 4 Milliarden erheblich höher. Die Wirt­schaft hat keine steuerlichen Erleichte­rungen zu erwarten, wenn nicht endlich di« durchgreifende Finanz- und Steuerreform kommt."

Der nationalsozialistischeAngriff" nennt Hoovers Plan einen neuen Amerikabluff. Daß Amerika in der Schuldenfrage überhaupt et­was tue, sei zweifellos ein Erfolg der unablässi­gen nationalsozialistischen Propaganda. Ilm diese einzudämmen, werfe man jetzt dem derzeitigen! System in Deutschland einen Brocken hin."

Völkerbunds-Meinung.

Gens, 22. Juni. (WTB.) Wie von unterrichteter Seite verlautet, mißt man auch in den führenden Kreisen des Völkerbundssekretariats dem Schritt der Vereinigten Staaten größte Bedeu­tung bei. Man bezeichnet ihn als

eine der größten politischen Initiativen seit Kriegsende

und erklärt daß es sich hier wahrscheinlich um einen entscheidenden Wendepunkt handele. Selbst die französischen Kreise des Völkerbunds- sekretariats können sich dieser Auffassung nicht ent­ziehen.

Oie deutsch-österreichische Freundschaft.

Berlin, 22. Juni. (WTB.) Der neue öfter- reichische Bundeskanzler hat an Reichs- kanzler Dr. Brüning ein Telegramm gerich­tet, in dem er aus Anlaß der Uebernahme der Bundesregierung darauf hinweist, dah die unter seiner Leitung stehende Regierung bestrebt sein werde, die Freundschaft zwischen Deu t sch - land und Oe st erreich zu pflegen und zu ver­tiefen. , Ä

In dem Danktelegramm des Reichskanzlers Dr. Brüning wird dem Bundeskanzler der aufrichtigste Wunsch für guten Erfolg über­mittelt und betont, dah Deutschland dem Brudervolk in Oe st erreich in allen ern­sten Sorgen, die es jetzt zu überwinden gelte, in stets gleicher inniger Verbundenheit zur Seite stehe.

England distanziert sich von Frankreich.

Köln, 22. Juni. (ENB.) Wie der Londoner Ver­treter der .Kölnischen Volkszeitung" aus zuverläf- figer Quelle erfährt, hat das Foreign Office die französische Regierung aus Anlaß der schweben­den Anleiheverhandlungen mit Oesterreich davon unterrichtet, daß die britische Regierung nicht wünsche, an irgendwelchen Maßnahmen beteiligt zu sein, die, solange das Verfahren des

Di« Anwälte der Familie Bruneri haben leichtes Spiel, die Anwälte der Familie Ca­nella schließlich nur noch die eine Waffe,wie ein Tintensisch das klare Wasser zu trüben", wie ein treffender Vergleich lautet Ein Heer von Zeugen tritt auf, die alle den echten Canella vor und während des Krieges kannten und in dem Unbekannten wieder erkannten, ein Heer von Zeugen läßt andrerseits keinen Zweifel an seiner Identität mit Mario Bruneri. Er selber kämpft um die angenommen« Gestalt wie ein Gladiator. Tausendmal macht er sich lächerlich, wenn er auf die Jntelligenzpvobe gestellt wird, das Latein seines Vorbildes kopievt, wie ein Känguruh auf dem Klavier herumtobt, aber tausendundeinmal erllären die Canellisten diese Bildungslücken eben mit dem doch noch nicht gänzlich zurückgekehrten Gedächtnis. Seine Geliebte hat das Stückchen Stoff, das an dem Kleide des Hmendiebes fehlte, und antwortet auf die Schicksalsfrage der Frau Canella: Natür- dung ins Gefängnis, wenn das alles richtig behalten!

Der Geldgeber der Canella, der Bruder der unglücklichen Frau, geht sogar wegen Verlleum- dungs ins Gefänsnis, wenn das alles richtig ist, was man liest, aber nachgeben tut keiner.

Endlich, endlich, nach fünf Jahren schließt die alleroberste Instanz die Akten. Es bleibt auch nicht ein Zehntel Prozent Zweifel an der Iden­tität der Nummer 44170 mit dem Buchdrucker zu­rück. Letzte, ahnungsschwer verhangen« Tage des Glücks, dann kommt der Stellungsbefehl der Polizei Mario Bruneri wird ins Gefängnis geschleppt, es fällt der professoral« Dart,_ dem er sich zugelegt, bald wird auch das Bäuch­lein nachfolgen, er ist Nummer 30717, und die Frau seiner Wahl (oder umgekehrt?) darf nicht einmal Wort und Brief mit ihm wechseln, denn sie ist ja nicht verwandt mit ihm.

Sie sieht in wenigen Tagen ihrer Niederkunft entgegen drei oder vier Kinder sind zu den legitimen dazugekommen, sie ist vernichtet, aber sie glaubt felsenfest weiter. Oder gibt vor zu glauben. Man sagt, dieser Bruneri, der selbst­verständlich schon ein Riesenangebot von einer Filmfirma erhalten wird, sei ein Meisterschau­spieler, ein Schwindelgenie ohnegleichen, aber ist die Rolle, die Frau Canella durchzuhalten hat. nicht noch unendlich schwieriger.

Das Echo

in der Berliner presse.

Berlin, 22.Juni. (TU.) Die Berliner Abend­blätter beschäftigen sich in Leitartikeln mit dem Vor­schlag Hoovers.

DieG e r m a n i a" schreibt, mit dem Hoover- Angebot sei die R e p a r a t i o n s f r a g e nicht im gering st en gelöst, und mit der Stundung der Zahlungen für ein Jahr auch die Ordnung der deutschen Finanzen nicht garantiert. Dieses Jahr müsse dazu benutzt werden, umunserHausvon A bis Z in Ordnung zu bringen. Die Opfer des deutschen Volkes würden nicht geringer werden.

DieDeutsche Allgemeine Zeitung betont, es sei kein Zweifel darüber möglich, daß die Annuitätenreihe des Y o u n g p l a n s mit dem Weltmoratorium aufgehört haben werde, zu bestehen. Hoovers ganze Aktion wäre ja vergeblich, wenn nach einjähriger Pause wieder im alten Ausmaß Deutschland zu zahlen beginnen müßte.

In derVos fischen Zeitung" sagt der frühere Finanzminister Reinhold, der Vorschlag Hoovers bedeute in seinen Auswirkungen auf unser« Innenpolitik, daß nunmehr alle Aussicht da­für bestehe, daß das große Werk der S a m m l u n g der Abwehrkräste der Nation gegen den Ra­dikalismus zu einem dauerhaften Erfolg geführt werden könne. Nichts wäre törichter, als wenn jetzt schon der Streit darüber beginnen würde, ob und wie die finanzielle Erleichterung des Reiches in Steuerermäßigungen umaesetzt werden könne.

DasBerliner Tageblatt" bezeichnet Hoover als den Held des Tages, der in einer schwierigen historischen Situation richtig ge­handelt habe.

DerVorwärts" unterstreicht in einer Aus­lassung desSozialdemokratischen Pressedienstes", daß der Poungplan, so wie er sei, am 1.Juli 1932 wieder in Funktion treten könne, würde wohl niemand annehmen. Kämen die Zahlungs­verpflichtungen an das Ausland in Fortfall, so fei eine ernste Nachprüfung der Notverordnung und die schnelle Beseitigung ihrer Härten unvermeidlich.

DerLokalanzeiger" fragt, wer be­rufen sei, in der entscheidungsschweren Zeit nach einer Annahme des Hoover-Planes für Deutsch­land zu verhandeln und zuhandeln, die, die geirrt hätten, oder die, die alle Irrtümer so­fort durchschaut und vor dem Wege gewarnt hät­ten, aus dem wir so weit gekommen seien. Diese Fragen beantworteten sich von selbst.,

In derDeutschen Zeitung" äußert sich Finanzrat Bang:Wir wollen keineG n ad«, wir wollen unser Recht!" Dr. Goebbels sagt: Ich halte den Hoover-Plan für einen voll­kommen unzulänglichen Versuch. Es handelt sich hierbei überhaupt nicht um eine Lö­sung, sondern nur um eine Verschiebung der Ent-