Realpolitik. Nie stand eine gleich große Aufgabe vor deutscher Jugend. Es liegt an ihr, daß aus dem Zusammenbruch des Krieges und der Nachkriegszeit der deutsche Auferstehungstag werde, der neue Geist des deutschen Pfingsten.
Lsnser Burgenland.
Zur Zehnjahrfeier der Vereinigung m.t Oesterreich.
Don Dr. Fr. König, ii.
Das Weltkriegsende hat die Lage grundlegend verändert. 3m Zusammenbruch entstand jene Woge gesamtdeutscher Volksbewegung, die den Blick vom jeweiligen Staate auf die Substanz des deutschen Lebens zu richten zwang. Wir Deutsche, die wir uns in einer Anzahl Staaten auseinandergelebt hatten, entdeckten unsere Gesamtvolkheit wieder und standen staunend vor der Fülle deutschen Lebens, das sich an den Grenzen des geschlossenen Dolksbodens und in den 3nselsiedlungen draußen uns ent- gegenstreckte. Indem insbesondere die Donaumonarchie auseinanderbrach, trat auch das deutsche Volkstum, das sie beherbergt hatte, in das Licht des Tages: das deutsche Volkstum Oesterreichs und auch Ungarns. Der geschlossene deutsche Dolksboden forderte sein Recht, Westungarn trat zu seinem größeren Teil aus dem ungarischen Staate heraus und schloß sich Oesterreich an, in Oesterreich aber begannen wir wieder die alte Ostmark zu sehen, von ähnlicher Bedeutung nach Südosteuropa hin, wie die preußischen Lande nach demNordosten. llnfi als wir das deutsche Bauerntum der Heinzen und der Heidebauern We st Ungarns seinen Anschluß an Deutschösterreich suchen sahen, weil es den Drang in sich verspürte, aus der Zwiespältigkeit seines Lebens wieder in eindeutige Verhältnisse zu kommen, weil es trotz der Niederlage der Deutschen Reiche seine Zukunft an das deutsche Gesamtvolk binden wollte, in dessen Reich es mit Gesamtösterreich einst einzugehen gedenkt, da überkam uns neben der Freude eine leise Scham, daß wir im Ringen um die Weltgeltung den Sinn für die organischen Gegebenheiten des volklichen Lebens so sehr verloren hatten, daß wir dies Deutschtum an der Südostfront hatten vergessen können. So klein auch das Burgenland mit seinen rund 220 000 deutschen Menschen sein mag, seine Bedeutung für die Gesamtnatron ist eine große: es zwingt uns, den Blick in die Vielvölkerwelt des Südostens zu lenken, es offenbart uns die Verflechtung unseres Volkes mit den Völkern Grohpannoniens, es nötigt uns zur Vertiefung in die große Vergangenheit. in der das Reich der Deutschen politisch und kulturell in dem Südosten sich auswirkte, es mahnt daran, daß auch die Gegenwart und die Zukunft an der Donau große Aufgaben stellen, die das deutsche Gesamtvolk als der Erbe gar mancher Aufgabe der Donaumonarchie wird lösen müssen, wenn es sich selber und auch Mitteleuropa soll in Ordnung bringen können.
In Ungarn sind die Deutschen WestungarnS zentralistisch regiert gewesen: der ungarische Staat war ein Einheitsstaat, in dem es keine Selbstverwaltung geben konnte. Budapest war, wie Paris im Westen, die Zentralsonne, um die das Leben kreiste, von der aus alles Land im Staate das Heil erwarten mußte: die Provinz draußen hatte kein eigenes Leben. Das war besonders verhängnisvoll für das bäuerliche Volk der nicht-magyarischen Gebiete. Es war im .Grunde doch nur Objekt der Staatsgesellschaft, ^fite ihm keinen Raum für die korporative Ausgestaltung seines Lebens in der Heimat gewahren "konnte. Das ist für das Burgenland, soweit es
Das SchiMÄ
weicht das letzte Wert
Roman von 2.Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
26. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Angst? Um sich?"
। „Um Sie, Herr Graf!"
I „Sie scherzen wohl!"
^,Aber gewiß nicht! Er hat vor Hetterfield die Verantwortung für Sie übernommen. Das ist immerhin so eine Sache. Mit Mister Hetterfield ist nicht zu spaßen, so wenig wie mit dem Ophier. Sehen Sie." Er bog sich über die Brüstung der Veranda und streckte die Hand aus. Als er sie wieder zurückzog, war sie mit seinem Ruß bedeckt.
„Asche?" fragte Lippstädt.
„3a! Vor drei 3ahren war hier alles finger- hoch damit überdeckt. Eine ganze Woche lang hat's immer Asche gestreut und dann dareingeregnet. Sie hätten das sehen sollen. Wir haben alle ausgeschaut wie Kohlenbrenner. 3e- denfalls wird es gut sein, wenn Sie sich möglichst wenig außer Reichweite von hier entfernen. Der Wind kommt aus Südwest und trägt den ganzen Schmutz herüber. Außerdem ist man doch nie ganz sicher, ob einem nicht ein Stück des groben Gesellen an den Kopf fliegt."
„Das wäre nicht angenehm", sagte Lippstädt und schritt nun ebenfalls nach dem Garten, wo er 3effersvn im Gespräch mit einem Eingebore- nen stehen sah.
Aber die ganze Sorge war unbegründet gewesen. Roch am gleichen Abend stand die Kuppe des Ophier wieder vom Licht der Abendsonne überstrahlt. Die Haube hatte sich nach der Mitte des Berges herabgesenkt und lag wie ein breiter Gürtel um die Hänge. Es war schon Stunden her, daß er sein letztes Feuersignal zum Himmel geschickt hatte. Die Eingeborenen frohlockten wie die Kinder, da er seit Mittag nicht mehr „gehustet" hatte. Sie kannten den Patron.
Die Bucht war ein Gewimmel von Segeln. Motorboote flitzten zwischen hindurch und ein großer Dampfer zog rauschend vorüber. Die Arbeiter, die ausgezogen waren, ihre Familien zu holen, kamen ohne diese zurück. Es war nicht nötig gewesen, sie in Sicherheit zu bringen. Ganz Sumatra war wieder voll Frieden.
Viktor hatte sich ein Pferd satteln lassen und trabte nun mit der untergehenden Sonne. Das Tier mochte tagsüber sehr unter der Hitze gelitten haben, denn es war widerspenstig und nervös. Mehr als einmal mußte es durch einen
aus dem magyarischen Staat herausgetreten ist, nunmehr anders geworden: Oesterreich hat ihm von vornherein den Charakter eines s e l b - ständigen Bundeslandes gegeben. Das Burgenland hat seinen Landtag und seine Landesregierung: es ist von Oesterreich in den Sattel gehoben worden und hat, ohne daß es eine Selbstverwaltungstradition besessen hätte, einfach reiten müssen. Das ist sicherlich eine schwere Probe gewesen. Oesterreich hat seinen neuen Gliedstaat nach sechs Monaten schon in den vollen Besitz der Landesgewalt gesetzt, ohne sich durch die Sorge vor den Magyaren in Rumpfungarn, vor den Magyaren im eigenen Land beirren zu lassen. Man kann heute schon sagen, daß diese Großzügigkeit ihren Lohn gefunden hat: man gewährte Vertrauen und erhielt dafür die Treue der großen Masse der Bevölkerung. Die Bevölkerung aber hat sich sehr schnell zu einem kleinen Staatsvölklein zu runden verstanden, das durch seine selbst gesetzten Organe das Land erschließt und in Ordnung hält, sich seine deutsche Verwaltung, sein deutsches Gericht, seine deutsche Schule errichtet hat, das seine volkdeutsche Art entfaltet und stolz darauf ist, im ungarischen Staate sich dem deutschen Gesamtvolk erhalten zu haben. Zugleich gibt es in der Behandlung seiner Minderheiten, sowohl der kroatischen wie der magyarischen der Welt ein Beispiel dafür, daß man mit fremdem Volk, das mit einem im gleichen Hause sitzt, besser fährt, wenn man ihm die volle kulturelle Freiheit läßt, als wenn man die Machtmittel des Staates dafür einsetzt, es um sein Volkstum zu bringen.
Wenn wir Reichsdeutsche heute unsere Blicke nach dem Südosten richten, so ist das Dunkel gelichtet, das uns vor dem Weltkrieg Die Wirklichkeit verhüllte. Wir wissen, daß fiert bei St. Gotthardt und Güns, bei Oedenburg und Preßburg die Grenze des alten Reiches lag, wir wissen, daß der von Ungarn und Oesterreich umstrittene Grenzsaum von alten Zeiten her deutsches Leben birgt, wir wissen, daß jenseits der Grenze
des geschlossenen Volksbodens jenes Inselfieutsch- tum haust, das einst bis zum Schwarzen Meer hin auszog, um sich überall dort neue deutsche Heimat zu begründen und dadurch zugleich Pionier abendländischer Gesittung in jenen Bereichen des südosteuropäischen Kulturgefälles zu sein: wir wissen, daß Oesterreich die alte Ostmark ist und sehen in dem österreichisches Land gewordenen alten deutschen Westungarn das Deutschtum an der Front, das sowohl die Aufgabe hait sich als Grenzvolk besonders stark in seinem deutschen Wesen zu verfestigen, auf daß keine Unklarheit über die Richtung seines politischen Willens bestehen bleibe, als auch die andere Verbindung mit der Welt fies magyarischen Volkes aufrechtzuerhalten, item es zwar staatlich den Rücken gekehrt hat, dem es aber sicherlich in Freundschaft gewogen bleiben möchte.
Wenn es wahr ist — und es ist wahr —, daß es besser ist für alle Teile, daß Staatsgrenzen und Dolksgrenzen nach Möglichkeit zur Deckung gebracht werden, so ist mit dem Ueber- gang des Burgenlands in den österreichischen Staat ein vernünftigerer Zu stand geschaffen worden als er früher bestanden hast. Volk hat einen Anspruch darauf, bei Volk zu fein: deutsches Volk bei deutschem Volk und magyarisches bei magyarischem. Aus der höheren 3dee heraus, die auch ihnen die Wiederherstellung ihres zerschlagenen Volks- bodens verheißt, müßten sich fite Magyaren mit Dem Verlust fier Herrschaft im volkdeutschen Burgenland zufrieden geben können. Vielleicht würde dieser Verzicht, verbunden mit einer befriedigenden Lösung des Problems fier deutschen Minderheit in Ungarn fite Voraussetzung dafür schaffen, daß die so notwendige Reuordnung Mitteleuropas eine übervolkliche Aufgabe sein könnte, zu der sich das deutsche und das magyarische Doll aus der Erkenntnis ihrer Schicksalsverbundenheit in der Geschichte und im Raum heraus in herzlicher Freundschaft die Hände reichen könnten über ein zufriedenes Ungarn hinweg.
werden. Als Flugschüler können nur Mitglieder des Vereins für Luftfahrt in Gießen Aufnahme finden. 3unge Leute, die sich für die Erlernung der Fliegerei interessieren, mögen sich an den Verein für Luftfahrt in Gießen, oder direkt an den Flughafen wenden, wo sie über alle Einzelheiten dieser Fliegerausbildungsstelle Aufschluß erhalten können.
Es ist erfreulich, daß unser Flughafen durch diese Reueinrichtung einen weiteren bedeutsamen Schritt in seiner Aufwärtsentwicklung tun kann. Seit einiger Zeit hat bereits die Akademische Fliegergruppe des Polytechnikums Friedberg ihren Flugstandort auf dem Gießener Flughafen, und es ist anzunehmen, daß in nicht allzu ferner Zeit auch noch andere Fliegergruppen hier ihren Uebungsstand aufschlagen werden. Durch die Flugübungsstelle unter der Leitung des Fluglehrers Maier und durch die Fliegerei der Akademischen Fliegergruppen wird sich in diesem Sommer wohl ein Flugbetrieb auf dem Gießener Flughafen entwickeln, von dessen Ausmaß und schulischer Vertiefung man nur
die besten Hoffnungen für die Aufwärtsentwicklung der Fliegerei in Oberhefsen mit Gießen als Mittelpunkt
hegen darf. Die Verkehrsfliegerei, dte^fetzt bereits durch fite Verbilligung der Flüge nach Frankfurt — ein Flug von Gießen nach Frankfurt kostet jetzt nur noch 7 Mark statt bisher 15 Mark — eine starke Zunahme zu verzeichnen hat, dürfte zweifellos von diesem verstärkten Sportfltegerbetrieb ebenfalls günstig beeinflußt werden. n
Oie Ersparnisse im Gießener Etat für 1931. ui.-)
Schulen.
Durch Ersparnismahnahmen sind beim Stadt- schu lam t Die Kosten von 4742 Mk. im Vorjahre auf 4388 Mk. im 3ahre 1931 gesenkt worden.
Bei den Volksschulen ist besonders bemerkenswert, daß im Voranschlag für 1931 erstmalig eine Summe von 13 600 Mk. als Stellenbeittag zu den persönlichen Kosten der Volksschule (68 Stellen je 200 Mk.) in Erscheinung tritt. Es handelt sich hierbei unt Die durch Landesgesetz im Vorjahre bereits in Kraft getretene Mehrbelastung der Gemeinden, fite im Vorjahre erst nach der Ferttgstellung Des Gießener Haushalts beschlossen und damals aus dem Reservefonds bestritten wurde. An der baulichen Unterhaltung der Schulgebäude der Pestalozzischule, der Schillerschule und DerGoethe- schule sind gegenüber fiem Vorjahr rund 1500 Mk. eingespart worden, ferner fallen 1000 ML, Die im vorigen 3ahre für fite bauliche Unterhaltung fier Behelfsbauten in fier Rofiheimer Straße und Gabelsbergerstrahe ausgegeben wurden, im neuen Haushaltsjahre weg. Für Lehrmittel und sachliche Bedürfnisse fier firei Volksschulen sind insgesamt 925 Mk. gestrichen worden, an den sachlichen Bedürfnissen für den Werkunterricht, für fite im Vorjahre 900 Mk. vorgesehen waren, hat man jetzt 450 Mk. abgeseht. Stark gestiegen ist auf fier Ausgabenseite die Ausgabe für Zinsen von den für Schaffung neuen Schulraums aufzu- nehmenden Kapitalien, nämlich von 90 000 Mk. im Vorjahre auf 110 000 Mk. im neuen 3ahre.
Die Kosten für fite Horte sind von 7403 Mk. im Vorjahre auf 6425 Mk. im neuen 3ahre gemindert worden.
Der Haushalt der Fortbildungsschulen weist auf der Einnahmeseite eine Steigerung fier Beiträge der Gemeinden zu den sachlichen Kosten
•) Teil I in Rr. 102 vom 2. Mai, Teil II in Rr. 108 vom 9. Mai.
Fliegerschulung im Gießener Flughafen.
Veranlaßt durch das ständig zunehmende 3nter» esse für fite Sportfliegerei und den starken Andrang von jungen Leuten zur Fliegerei, hat der Verein für Luftfahrt in Gießen in anerkennenswerter Weise eine
Flugübungsstelle im Gießener Flughafen errichtet. Die Schulung der jungen Fliegeraspiranten erfolgt durch den Fluglehrer Ludwig Maier, fier bisher als Fluglehrer bei fiem Mittelrheinischen Verein für Luftfahrt auf dem Flughafen Mainz-Wiesbaden tätig war und sich in der Schulung von Mitgliedern der Luftfahrtvereine nach dem Urteil maßgeblicher Sachverständigenkreise in hervorragender Weise bewährt hat.
Wer den Gießener Flughafen mit seinem weiträumigen, auf allen Seiten offenen Anschwebe- gelän&e, seiner ebenen und guten Grasnarbe, sowie seinen vielfachen zweckmäßigen technischen und räumlichen Einrichtungen kennt, wird zugeben müssen, daß man ihn mit Recht als
ideales Fliegerschulgelände
bezeichnen kann. Für den Schulbetrieb stehen zwei FI u g z e u g e zur Verfügung, die von Fluglehrer Maier für die Ausbildung in Gießen mit hter- hergebracht wurden. Die eine Maschine ist ein Klemm-Flugzeug D 1866 Tiefdecker, mit einem Motor von 80 PS, einem Gesamtfluggewicht von 700 Kilo, mit dem eine Durchschnittsreisegeschwindigkeit von 150 Kilometer glatt zu fliegen cst. Das zweite Flugzeug ist ein S ch w a l b e - Doppeldecker Raab-Kahensteinscher Konst u - tivn mit einem 100 PS-Molor, mit dem man eben
falls eine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von 150 Kilometer pro Stunde fliegen kann. Beide Maschinen sind für Schulungszwecke, Reise-, Sport- unfi Kunstflüge in gleicher Weise geeignet, dank ihrer außerordentlichen Stabilität und überaus großen Wendigkeit.
Wir hatten vor einigen Tagen Gelegenheit, diese Maschinen im Fluge zu sehen und dabei auch ihre wunderbare und eindrucksvolle, sichere Handhabung im Kunstflug zu beobachten. Erstaunlich ist namentlich bei dem Klemm-Flugzeug — eine derartige Maschine benutzte bekanntlich die Fliegerin Elli Beinhorn zu ihrem großen Fluge nach und über Afrika — das außerordentlich rasche Steigvermögen nach nur kurzem Anlauf, ferner das stark geminfierte Motorengeräusch, das besonders dem Fliegerneuling oder dem Flugzeugpassagier besonders angenehm sein wird. Aber auch die „Schwalbe" weist starke Vorzüge auf, die sie als ein sehr wertvolles 3n- strument für den ihr gestellten Schulungszweck erscheinen lassen.
Mit dem Schulungsbetrieb soll unmittelbar nach Pfingsten begonnen werden.
3n etwa 60 bis 70 Flügen, die anfangs natürlich nur über dem Flugplatz selbst vor sich gehen und im einzelnen auch nur die Dauer von wenigen Minuten in Anspruch nehmen, später jedoch auch über das Gelände der Umgebung hinaus ausgedehnt werden, kann aus einem Fliegerbaby ein ausgewachsener und kompletter Flieger gemacht werden. Während einer Flugstunde können etwa dreißig Schulflüge ausgesührt
Schenkeldruck zum Gehorsam gezwungen werden. Roß und Reiter vertrugen sich schlecht. Viktor hatte Mühe, sich im Sattel zu hatten, so tänzelte und bockte das Tier. Aber er hatte sich nun einmal vor genommen, dem Ophier noch einen kurzen Abendbesuch zu machen.
Roch lag feiner Staub in der Luft und zitterte dort wie Mückenschwirren. Es roch nach Schwefel und einmal schien es ihm, als schwanke der Boden.
Das Pfcrd schritt mit hochgestelltem Ohr, Lippstädt fühlte, wie es zitterte. Er sprach ein Wort fier Beruhigung und übte keinerlei Zwang mehr auf das Tier aus. Rur als es rückwärts wollte, strich er leicht mit der Peitsche über es hin.
Die Straße war menschenleer. Sie schraubte sich fernen,tinenartig zur Hohe und gewährte stellenweise einen überwältigenden Ausblick auf das Meer. Die Segel leuchteten tote winkende Hände, so daß Viktor unwillkürlich die seinen hob, um erttgegenzugrüßen. Weit ab vorn Lande zejchnete sich die Rauchfahne des Dampfers, der kurz zuvor vorübergerauscht war. Vielleicht fuhr er nach Deutschland! „Grüß' mir die Heimat und Cvelin! Grüß' mir ..."
Vor ihm mußte eine unsichtbare Hand den Boden aufgewühlt haben. Das Pferd stieg kerzengerade hoch. Das Gestein wurde urplötzlich zu schwankendem Sumpf, fier Blasen warf.
Zurück!
Aber es gab kein Zurück mehr. Ein Hagel von Steinen prasselte herab, so von Feuer fiurch- knetet, daß sie aufschlugen wie Geschosse. 3m Minutenwechsel wurde aus fiem Tag die Rächt. Vlljor deckte die Hand über die Augen, in der Aschenregen wie Soda beizte. Ringsum brodelte fier Boden. Dann ein Krachen, das Erde und Himmel erschüttern machte. Der Ophier spie eine glühende Fontäne aus, die in rasender Eile die Hänge herabfloß, dem Meere zu, um dort zu erkalten.
Lippstädt hatte nur noch den einen Gedanken: Hinunter ans Meer! Wenn es noch Rettung gab, dann nur dort. Das Pferd fühlte gleich seinem Herrn, daß ihnen der Tod im Racken sah. Es war ein Ritt ums Leben, ein Hürdenreiten, tote es schrecklicher nicht erdacht werden konnte.
Dazu krachte es wie aus tausend Schlünden. Aus der breiten Straße, der Roß und Reiter zujagten, hetzten Menschen gleich ihnen dem Meer entgegen. Einzeln und in Kolonnen rannten sie vorwärts, liefen um das nackte Sein. Gellende Schreie erfüllten die Luft. Frauen, ihre Kinder auf dem Rücken, brachen in die Knie, taumelten hoch und stürzten weiter. Und hinter ihnen allen war nichts als Rauch und Feuer, Knattern und Rollen. Der Boden wankte, Felsbrocken kamen geflogen, schlugen Donnernd zur Erde und zermalmten, was sie trafen.
Stimmgelähmnt, wie ein Heer von Toten, das man aus den Gräbern aufgescheucht hatte, kamen Die ersten Flüchtlinge auf Hetterfields Plantage an. Die Fetzen hingen ihnen vom Leibe, und in den Gesichtern stand das Grauen. Niemand Dachte mehr an Arbeit. Es herrschte völlige Disziplinlosigkeit. Der Verwalter ließ sie alle gewähren. Befehl und Ditte, beides wäre gleich zwecklos gewesen. Ein wildes Schreien erfüllte die Pflanzungen. 3eder wollte von den Geretteten wissen, ob er fixe anderen nicht gesehen habe, die anderen, die auch drüben in dem gefährdeten Gebiet wohnten und noch nicht eingetroffen waren.
3efferfon, dem Lippstädt gesagt hatte, er wolle eine kleine Abenfipromenade nach dem Meer hinunter machen, war in maßloser Aufregung, denn einer der Arbeiter hatte ihm versichert, daß der Graf in der Richtung gegen den Ophier zugeritten sei.
„Wissen Sie das mit Bestimmtheit?" fragte er. Er fühlte kalten Schweiß auf der Stirne.
„3a! 3ch wollte ihn warnen, unterließ es aber dann. 3ch dachte, es hätte keine Gefahr mehr."
Jefferson war an der Grenze der Beherrschung. „3ch biete 3hnen tausend Dollar, wenn Sie mit mir nach ihm suchen gehen."
„Suchen gehen?" Der Arbeiter hatte nichts ate ungläubiges Staunen in den Augen. „Herr, und wenn Sie zehntausend Dollar bieten — es wäre hinausgeworfenes Geld. Denn wenn da einer nicht von selber wiederkomrnt — zu holen ist der nicht mehr!" .
3efferson mußte ihm recht geben. Aber bei jeder Gruppe forschte er nach Lippstädt. Eine Frau war einem Reiter begegnet, ja, und Plötzlich sei der Mensch in weitem Dogen durch die Luft gesaust, als hätte der Leibhaftige ihn geholt. Das Tier aber sei in einer Spalte verschwunden. 3a, so sei das gewesen. Mehr wisse sie nicht.
Die ganze Rächt dauerte das Kommen der Geretteten an. 3mmer wieder stürzten Arbeiter ihren Angehörigen entgegen, die sie schon verloren geglaubt. 3mmer wieder fragte 3efferfon und durchstreifte mit dem Verwalter das Gelände. So viele ihrer aber auch zurückkamen: Lippstädt war nicht darunter. Ab und zu sagte einer, daß er ihn gesehen.
Es schien so zu sein, wie das Weib gesagt hatte. Alle bezeugten, daß er im Dogen durch die Luft geschleudert worden sei. Das Tier aber fei spurlos versackt. Mehr wußte keiner.
Und als am nächsten Mittag noch immer nichts von ihm zu sehen war und man mit keinem Eintreffen mehr rechnen konnte, schickte 3efserson einen Boten ab, Hetterfield von dem Fürchterlichen zu verständigen. Er selbst war un
fähig, zu reifen. Aber wenn er sein Leben zu geben gewillt war, er konnte das Schreckliche nicht mehr ungeschehen machen.
Alice Hetterfield stand vor fiem Arbeitszimmer ihres Vaters und legte das Ohr gegen fite Füllung Der Türe. Zweimal hatte sie schon geklopft, ohne ein Herein zu vernehmen, und doch glaubte sie, im Zimmer ein Gespräch gehört zu haben. Es hatte geklungen wie ein schweres Atmen. Vielleicht war er unpäßlich geworden. Entschlossen drückte sie auf die Klinke und merkte zu ihrem Schrecken, daß sie nicht nachgab. Demnach hatte er versperrt.
3n maßloser Angst begann sie daran zu rütteln. „Vater!"
Cs war nichts mehr vernehmbar. „Vater!'
Ein Stuhl wurde gerückt, dann kam ein Schritt nach Der Türe. 3hre Hand lag noch immer auf Der Klinke und fiel erst herab, als sie von innen niedergedrückt wurde. Hetterfield stand vor ihr, und fite Blässe seiner Wangen gab fiem Elsenbeinton fier ihren nichts nach. „Was ist?" Dicht hinter ihm trat sie ein. „Warum hast Du versperrt, Vater?"
Er sog Den Atem ein und sank in den Stuhl, fier an den Schreibtisch gerückt stand. Man merkte, daß er sprechen wollte, aber fein Mund verschob sich immer wieder. Endlich sagte er mit sichtlicher Ueberwindung: „3ch habe eine böse Nachricht aus Sumatra."
Sie muhte sich setzen. „Viktor?" 3hre Hände waren mit einem Male eiskalt.
„3a, Darling. Du mußt mich nicht so erschrocken ansehen." Er wußte nicht, daß seine Augen die gleiche Not verrieten, tote die ihren. „Niemand weiß etwas Gewisses, Kind. 3efferson hat mir einen Boten geschickt mit der Nachricht, daß Viktor seit fiem Ausbruch fies Ophier vermißt wird. 3d) bitte dich, Liebling", beschwor er sie, „es find noch keine sechsunddreihig Stunden, daß sich das Unglück drüben abgespielt hat. 3e,fer- son schreibt auch, daß noch immer einer oder der andere auf der Plantage ein trifft. Warum soll gerade Viktor nicht zurückkommen?"
Sie drückte die Nägel in die Handflächen und starrte ihn an. „3ch werde sofort hinüberfahren."
„3a! 3d) habe mir dasselbe gedacht und bereits Befehl gegeben, daß die 3acht in einer Stunde auslaufbereit im Hafen liegt. Du kannst selbst lesen, was 3efferson schreibt. Es sind etliche eingetroffen, die ihn gesehen haben. 3ch hätte gerne gekabelt, aber fite Verbindung ist unterbrochen. Das Seebeben, das gleichzeitig auftrat, scheint alles durcheinandergewürfelt zu haben. 3m übrigen, Darling, wenn es dich tröstet: 3ch bin in Derselben Verzweiflung tote du!"
(Fortsetzung folgt.)


