Samstag, 25. Mai 195(
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessens
Nr. U9 Zweites Blatt
Freikorps der Arbeit.
Don Dr. Ernst Michael.
Die von bem früheren Reichsarbeitsminister Dr. Brauns geleitete Kommission zur Prüfung der Frage der Arbeitslosigkeit hat vor einiger Zeit chr zweites Gutachten veröffentlicht.
Die neuen Vorschläge zeigen deutlich, wie sehr die Erkenntnis wächst, daß nur die Durchführung ganz außerordentlicher Maßnahmen unsere verzweifelte Wirtschaftslage wird bessern können. Mit besonderer Genugtuung hat man es in weiten Kreisen der Devölterung empfunden, daß die maßgebenden Regierungskreise endlich auch zu einer positiveren Einstellung gegenüber dem Problem des Arbeitsdienstes gelangt sind. Freilich, der Gedanke der Einführung einer Arbeitsdienst - pflicht erfährt auch diesmal wieder eine Ablehnung, und zwar mit der kurzen Begründung, daß' sie kein geeignetes Mittel zur Entlastung des Arbeitsmarktes sei.
Sollte damit ein endgültiges Urteil über die Arbeitsdienstpslicht abgegeben sein, so wgre dies außerordentlich zu bedauern. Ganz abgesehen davon, daß bci der Frage der Arbeits-, oder besser gesagt, Volksdienstpflicht die großen sittlichen Werte dieser Einrichtung nicht unberücksich'igt bleih^n dürfen, muß ja auch eine Entlastung des Arbeitsmarktes automatisch eintreten, wenn jedes Jahr einige Hunderttausend junge Menschen im Arbeitsdienst beschäftigt werden. Falls aber diese Aeutzerung nur so zu verstehen ist, daß bei. der augenblicklichen Finanzlage die großen Summen für die Durchführung einer allgemeinen Arbcitsdienstpflicht nicht aufgebracht werden können und diese darum fürs erste nicht in Betracht käme, wird wenig dagegen einzuwenden sein. Denn die Anfangskosten sind, das hat auch das Beispiel Bulgariens bewiesen, in der Tat sehr beträchtlich, und sie würden in Deutschland in den ersten Jahren sicher in die Milliarden gehen, wenn man wirklich einen oder zwei Jahrgänge Jugendlicher voll erfaßt und keinerlei Drfreiungsmöglich- keiten vorsieht. Die Möglichkeit eines Loskaufs, wie sie die bulgarische Arbeitsdienstpflicht kennt, erleichtert zwar die Finanzierung eines Arbeitsdienstjahres sehr, würde aber vom deutschen Menschen als unsozial und unsittlich empfunden werden, daß große Werk von vornherein in Mißkredit bringen und ist daher abzulehnen.
Durchaus zustimmend dagegen äußert sich das Gutachten zur Einführung eines freiwilligen Arbeitsdienstes, wie er in letzter Zeit von studentischen und bündischen Kreisen, besonders auch vom Jungdeutschen Orden, gefordert wird. Sehr richtig sagt hierzu das Gutachten, die Möglichkeit solcher Arbeit bedeute für den Arbeitslosen die Gefühlsbeseitigung, überflüssig zu sein. Sie wirke der Entmutigung entgegen und stelle ihn vor eine Ausgabe, deren Erfüllung von seinem freien Entschluß abhänge. Man will daher nicht nur den Einsatz freiwilliger Arbeitskolonnen am älnterstützungsort selbst fördern, sondern, und das ist das wesentliche, die Bildung von gesinnungsmäßig gebundenen Gruppen unterstützen, die als Freikorps der Arbeit überall dort eingesetzt werden, wo dringende volkswirtschaftliche Aufgaben der Lösung harren. Eine gleiche Einrichtung kennt man schon seit Jahren in der Schweiz: dort werden in jedem Soin- mer einige hundert Studenten in freiwilligen Arbeitskolonien zusammengefaßt, die in den ärmlichen Gebirgsgegenden als Helfer zum Einsatz gelangen. Hochwasser- und Lawinenschutzbauten, Wegverbefserungen, Landmel orationen, alles wichtige Arbeiten, die sonst aus Geldmangel unterblieben wären, wurden von ihnen zum Segen für die betreffenden Gebiete durchgeführt. Aach den Berichten des eidgenössischen Volkswirt- schaftsdepartements ist auch die Rentabilität durchaus gesichert.
Bor ähnlichen Aufgaben würden auch die Trupps der Arbeitsfreiwilligen in Deutschland stehen. Der Einsatz muß aber nach einer Richtung hin erweitert werden. Durch die Freikorps der
3m Kalender steht Pfingsten.
Kriminalnovelle von Otto Kander.
Kommissar Tesch war der ruhigste Mann des Präsidiums. Seine Feinde schimpften ihn einen unver- besserlichcn Phlegmatiker. Aber das war natürlich nur Verleumdung. Tatsache ist, daß Tesch vier Stunden lang hintereinander die Daumen drehen konnte; ein Rekord, der noch nicht gebrochen worden ist. Ganz wenige Eingeweihte wußten allerdings, daß das Resultat dieser anstrengenden, vierstündigen Arbeit manchmal in einer kleinen, unauffälligen Verhaftung bestand, die unmittelbar daraus vorgenommen wurde.
Auch an diesem schönen, sonnigen Samstag saß Kommissar Tesch in einer Weise vor seinem Schreibtisch, die deutlich bewies, daß er nichts zu tun hatte. Morgen war Pfingstsonntag, und es gab wenig Leute im Präsidium, die sich nicht darauf freuten. Als sich gerade auch Tesch darauf zu freuen begann, klingelte plötzlich sein Telephon.
„Ueberfall? Vor einer halben Stunde? Wieviel? Für zweihunderttausend Mark? Ja, ich werde selbst kommen. In einer Viertelstunde bin ich dort."
„Kommen Sie" sagte Tesch im Vorzimmer zu einem Beamten. „Man will uns gesegnete Pfingsten wünschen."
Es war eine mittlere Iuwelenfirma in der unteren Friedrichstraße. Donnermann & Sohn. Herr Donnermann sen. erwartete die Beamten vor dem Eingang.
„Helfen Sie mir", lamentierte er in weinerlichem Ton. „Sie müssen mir helfen und die Steine wieder herbeischasfen. Ich bin ein ruinierter Mann, wenn Sic mich im Stich lassen ..."
„Langsam", sagte Tesch. Er war die Gemütlichkeit selber, als er in den Laden eintrat. Hinter dem Ladentisch saß ein tief deprimierter junger Mann, der die Beamten mit einem hoffnungslosen Blick begrüßte.
„Herr Donnermann junior, vermute ich", sagte Tesch.
Herr Donnermann jun. verbeugte sich und stammelte etwas vom Revolver und tätlicher Bedrohung.
„Gemach", sagte Tesch. „Erzählen Sie alles der Reihe nach. Waren Sie allein?"
„Ja, leioer war ich allein. Ich war vollkommen unvorbereitet!"
„Wo waren Sie, Herrn Donnermann?" wandte sich Tesch an den Vater.
„Auf der Bank", erwiderte dieser. „Ich löste einen Scheck ein, den. mir gestern ein Kunde gegeben hatte." „Wann verließen Sie das Geschäft?"
Arbeit, zu deren Stellung heute d e großen Bünde der ehemaligen Frontkämpfer, die Bünde der deutschen Jugend, die Organisationen der Dauern, und die deutsche Studentenschaft bereit sind, muh endlich einmal die Ostsiedlung kräftig vorwärts getrieben werden. Den vielen siedlungswilligen und siedlungsfähigen Menschen, die aus Mangel an eigenen Mitteln nicht siedeln können, muß in den kommenden Freikorps der Arbeit der Weg gebahnt werden, aus der Trostlosigkeit ihres Daseins herouszukommen, Herr auf eigener Scholle und damit gleichzeitig Hüter deut- schenBodens i m be d r o h ten G r e nz g e- biet zu werden. Für jedes der nächsten Jahre stehen einschließlich der Beträge der Osthilfe soviel Mittel zur Verfügung, um zährlich zehntausend Siedler anzu^etzen. Man wird die Zahl verdoppeln können, wenn man die großen Mögl ch'eiten, die im Ausbau eines frei teil igen Arbeitsdienstes liegen, voll ausschöpft und die Feßler der bisherigen Siedlungspolitik vermeidet. Daß eine solche Slei- gerung des Siedlungsbestandes im deutschen Osten
eine nationale Aotwendigkeit ist, beweist nichts besser als die Tatsache, daß wir auch dann noch pocit unter der Jahresleistung der Polen biieberr, die Jahr für Jahr mindestens 30 000 neue Siedlerstellen einrichten.
Was aber nicht zuletzt auch von der geplanten Einführung des freiwilligen Arbeitsdienstes zu erwarten ist, das wird hoffentlich eine starke Lieberbrückung der sozialen und politischen Gegensätze in unserem Volke sein. Diese Freikorps der Arbeit, in denen Arbeiter und Bauern, Studenten und Kaufleute Schulter an Schulter stehen werden, müssen sich zu Kristallisationspunkten der deutschen Volksgemeinschaft entwickeln, zu Quellen der Wiedergesundung unseres armen zerrissenen Vaterlandes. Lind gerade darum begrüßen wir den neuen Weg, den die Reichsregierung beschreiten röill und hoffen, daß sie die große Aufgabe rasch und energisch anpacken wird. Sie kann dabei der Unterstützung und des Dankes aller Gutgesinnten im Lande sicher sein.
Wann komm! ÄenWand wieder zu Kolonien?
23tm Adolf Friedrich, Herzog zu Mecklenburg, ehemaligem deutschem Gouverneur von Togo
In den letzten Jahren konnte es bisweilen scheinen, als ob nur noch die alten „Afrikaner" sich um die Kolonialfrage bekümmerten, und namentlich in Preußen nach der sehr bedauerlichen Mm- wandlung der einschlägigen Schulerlasse eine neue Generation heranwachse, die für diese Dinge überhaupt kein Verständnis mehr aufbringen könne. Da war es ein freudig zu begrüßender Lichtblick, daß Mitte April d. I. die Deutsche Studentenschaft chrerseits, unterstützt durch die DeutscheKolonialgesell sch af t, eine koloniale Schulungs-Woche durchführte, die von führenden studentischen Vertretern aus 16 Hochschulen deutscher Zunge, einschließlich Danzig und Graz, beschickt war. Durch eine größere Anzahl sich willig in den Dienst der Sache stellender Dozenten in den ganzen Komplex der kolonialen Fragen eingeführt, sind diese Jung-Akademiker dann hinausgezogen zu ihren Komilitonen, um unter ihnen das Verständnis für Deutschlands koloniale Ansprüche und Aotwendigkeiten zu wecken und zu fördern.
Es sollte heute ja Wohl keines Wortes der De- gründung bedürfen, wie dringend notwendig für Deutschland eigene koloniale Verwaltungsgebiete wären — in einer Zeit, in der bei uns, die wir mit unserem Menschenüberfluß angesichts der in allen Erdteilen gedrosselten Auswanderung der Abflußkanäle für diesen Menschenüberfluß und der kolonialen Absatzmärkte ermangeln, die Hunderttausenden deutscher Arbeitsloser Beschäftigung geben könnten. In einer Zeit, in der auf der anderen Seite Frankreich von dem internationalen Druck der Arbeitslosigkeit nichts verspürt, da dieses Land auf Grund der deutschen Tributleistungen und Sachlieferungen seine großen kolonialen Absatzmärkte in einer bisher nicht dagewesenen Weise zu entwickeln in der Lage war.
Deutschland muß aus zwingenden wirtschaftlichen Gründen wieder heran an d ie kolonialen Märkte — in diesem Zusammenhang einmal ganz zu schweigen von den durchaus nicht minderwichtigen ideellen Momenten!
Stellen wir uns im einzelnen die Frage, wann und wo Deutschland wieder Aussicht haben könnte, zu kolonialen Verwaltungsgebieten zu gelangen, so liegt es mir als früheren Gouverneur von Togo erklärlicherweise besonders nahe, zunächst von Deutsch-Westafrika zu sprechen:
Wenn schon vor einiger Zeit von einer Persönlichkeit, der große Möglichkeiten des Einflusses auf die öffentliche Meinung in England zur Verfügung stehen, der Vorschlag gemacht worden ist, daß England seine Mandatsanteile an Togo und Kamerun zurückgeben möge, so kann ein solcher Vor
schlag, wie icder Blick auf die Landkarte lehrt, einen politischen Sinn nur dann haben, wenn er als Anregung an Frankreich aufgefaht wird, auch seine sehr viel größeren und in ganz andere» Verkchrslage befindlichen Mandatsanteile an diesen beiden alten deutschen Kolonien gleichfalls zurückzugebcn. Lind wenn man dann weiter nachprüft, wie sehr in der Tat Frankreich deutscher Kräfte benötigte, um seine westafrikani- schen Mandatsgebiete wirtschaftlich wieder der in und nach dem Kriege eingctretene Stagnation zu entreißen, und wie schwer es Frankreich heute noch fällt, ohne diese ganz überflüssige Vermehrung seines kolonialen Derwaltungsgebietes die unter älterer französischer Verwaltung stehenden Rachbargebiete wirtschaftlich zu entwickeln — dann kann man wirklich keinen vernünftigen Grund ein- sehen, weshalb die von England ausgegangene Anregung für die Rückgabe in den Wind geschlagen werden soll.
Ich möchte aber besonders betonen, daß meine Interessen sich durchaus nicht auf west afrikanische Gebiete beschränken, sondern daß meine ausgedehnten Studienreisen mir ja auch Gelegenheit gegeben haben, die o st a f r i k ani schenDinge und darüber hinaus die im Zusammenhang hiermit stehende Jnderfrage auch in der Heimat des indischen Volkes nachzuprüfen.
Aus mancherlei Gesprächen, die ich noch m der letzten Zeit zu führen Gelegenheit hatte, glaube ich feststellen zu können, daß in England der Kreis der einsichtigen Personen dauernd im Wachsen ist, die das britische Mandat über Deutsch-Ostafrika nicht für ein Glüch halten, und die der Ansicht finb, daß es richtiger wäre, dieses Land an Deutschland zurückzugeben. Denn aus den sonstigen vstafrikanischen Verbindungen und insbesondere aus derDer- bindung mit Indien ergeben sich für England in dem vstafrikanischen Mandatsgebiet Schwierigkeiten in der Behandlung der Eingeborenen und insbesondere der Inder, die eingestandenermaßen für die deutsche Verwaltung in diesem Llmfange weder in früheren Zeiten Vorlagen, noch in Zukunft vorliegen würden.
Fast unmittelbar nach Schluß der eingangs erwähnten kolonialen Schulungswoche der Deutschen Studentenschaft erhielt die koloniale Höchschule in Wihenhausen an der Werra, in der diese Veranstaltung abgehalten worden war, den Besuch einer stattlichen Anzahl englischer Hochschullehrer, deren Sprecher zum Schlüsse seiner Dankesrede an den Direktor der Anstalt, Dr. Arning, das Bekenntnis ablegte: es sei kein Zweifel darüber, daß verschiedene der jetzigen Mandatsinhaber die ihnen anvertrauten Kolonien wesentlich weni-
„Gegen zwölf Uhr."
„Mein Vater war etwa eine halbe Stunde lang fort", erzählte Donnermann jun. weiter, „als ein Herr eintrat, der auf den ersten Blick einen absolut vertrauenswürdigen Eindruck machte. Er wünschte Brillantringe zu sehen, für ein zartes Geschenks wie er sagte. Ich zeigte ihm zuerst etwas in der Preislage für zwei- bis dreihundert Mark. Aber er lächelte nur geringschätzig. Geld spiele aar keine Rolle, sagte er und wünschte das Beste zu sehen, was wir haben. Da zeigte ich ihm einige von den teuersten Stücken. Der Mann war sehr wählerisch, und bald war der ganze Tisch hier mit Etuis bedeckt. Haben Sie sonst noch etwas? frage er schließlich. Ich verneinte. So, sagte er dann ganz plötzlich mit ziemlich ruhigem Ton, dann heben Sie mal ganz schnell Ihre beiden Arme in die Höhe und geben keinen Laut von sich, wenn Sie noch mal zu Fuß hier herausgehen wollen. Ich blickte in eine schwarze Revolvermündung und sah ein, daß mir nichts anderes übrig blieb, als dem Befehl Folge zu leisten. Der Mann packte nun in aller Seelenruhe den Inhalt von zwei Dutzend Etuis in die Taschen. Dann drängte er mich ins anstoßende Zimmer und schloß hinter mir ab."
„Kann ich das Zimmer sehen?" sagte Tesch. Er blickte sich flüchtig darin um, das Zimmer hatte, wie viele Ladenzimmer, keinen Hinterausgang und im Hintergrund war ein vergittertes Fenster.
Wie sah der Mann aus?" fragte Tesch. „Können Sie ihn genau beschreiben?"
„Ja", antwortete Donnermann junior erleichtert. „Er war hochgewachsen, hatte einen kleinen Schnurrbart, trug eine Hornbrille und hatte vorn zwei Goldzähne. Er trug einen hellgrauen Sommerüberzieher und einen dunkelblauen Hut mit umgeschlagener Krempe."
„Dann scheint er den Hut wohl hier vergessen zu haben?" meinte Tesch und deutete auf einen Hut, der auf bem Ladentisch lag.
„Nein", sagte Herr Donnermann sen., „das ist mein Hut und außerdem ist mein Hut schwarz, während der des Täters, wie Sie eben hörten, dunkelblau sein soll."
„So!" sagte Tesch. „Ich hätte geschworen, daß dieser auch dunkelblau ist. Aber das Licht täuscht wohl. Ja, ja, ich sehe nun, daß er schwarz ist."
„Werden Sie mir meine Juwelen wieder zur Stelle schaffen?" wandte sich Donnermann sen. mit tremolierenöer Stimme an Tesch.
Aber Tesch gab darauf nicht gleich eine Antwort. Er war auf einen Wandkalender zugegangen und betrachtete ihn nachdenklich. Dann seufzte er leise vor sich hin und riß einige Blätter ab.
„Warum vernachlässigen Sie so sehr Ihren Abreißkalender?" wandte er sich an Donnermann sen.
„Was hat das mit ...?"
„Moment, mein Herr. Ich wollte nur sagen, daß mir der Wandkalender eben verraten hat, wer der Dieb ist. Wenn Sie nichts dagegen haben, wollen wir einen Augenblick ins Nebenzimmer gehen. So, setzen Sie sich bitte! Haben Sie die Juwelen bei sich? Wollen Sie sie freiwillig wieder herausgeben, oder muß ich Sie verhaften? Schweigen Sie und prote- stieren Sie nicht. Sagen Sie die Wahrheit! Sie wollten einen Versicherungsschwindel begehen?"
„Aber", wagte Herr Donnermann mit erstickter Stimme zu fragen, „wie wollen Sie mir das Nachweisen?"
„Durch eine einzige, kleine dumme Lüge, mit der Sie sich verraten haben. Sie sagten, daß Sie auf der Bank einen Scheck eingelöft haben. Heute ist aber Pfingstsamstag, und jeder bessere Kaufmann sollte wissen, daß heute nur die Wechselschalter geöffnet sind, und auch die nur bis zwölf Uhr mittags. Auf Ihrem Kalender steht das säuberlich vermerkt, aber Sie haben ihn ja schon tagelang nicht abgerissen. Wenn Sie diesen Lapsus nicht begangen hätten, und wenn Ihr Sohn nicht auf den ersten Blick im Halbdunkel dieses Ladens einen dunkelblauen Hut von einem schwarzen unterschieden hätte, dann hätten Sie Pfingsten wo anders verlebt."
Hochschulnacbrichten.
Professor Dr. jur. et phil. Gerhard Leibholz in Greifswald hat einen Ruf auf den an der Universität Göttingen neuerrichteten Lehrstuhl für öffentliches Recht erhalten.
Zur Wiederbesetzung des durch die Emeritierung des Geh. Medizinalrats F. Sieger! an der Universität Köln erledigten Lehrstuhls der Kinderheilkunde ist ein Ruf an den ordentlichen Professor Dr. Hans Kleinschmidt in Hamburg ergangen.
Das Ordinariat für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Universität Köln ist dem Chefarzt der Städtischen Hautklinik in Essen, Professor Dr. Fr. Bering angeboten worden.
Der an der Universität Bonn neuerrichtete Lehrstuhl für deutsches bürgerliches Recht ist dem Ordinarius Dr. Ernst Levy in Heidelberg angeboten worden.
Das Ordinariat der Kirchengeschichte in der evan- gelisch-theologischen Fakultät der Universität T ü - hingen ist dem ordentlichen Professor D. Hans Rückert in Leipzig übertragen worden.
get guf verwalteten, als es die Deutschen getan hätten.
Sie zwingenden Gründe für eine baldige Ausrottung der Rcvisionssrage im ganzen Umfange mehren sich und wachsen täglich an Gewicht. 2m Gesamtrahmen dieser Revisionsfrage gebührt der Revision der kolonialen Frage unbedingt keine nebensächliche Rotte. Deutschland muß wieder zu eigenen kolonialen Verwaltungsgebieten kommen, und zwar je eher, um so besser.
Deutsche Pfingsten.
Don Dr. Eugen Kühnemann, o. ö. Professor der Philosophie an der Universität Äreelau. . Man soll den Deutschen von heute, die unter der Not der Gegenwart seufzen, einige Dinge immer wieder ins Gedächtnis rufen: Wir haben den größten Tag der deutschen Geschichte in den heiligen Augustlagen von 1914 erlebt, als mit einemmal das ganze Volk ein einziger Gedanke, ein einziger Wille, eine einzige Treue bis zum Tode war. Diese Erinnerung laßt uns den Glauben an die Größe unseres Volkes niemals verlieren. Wir haben die volle Offenbarung der deutschen Kraft gesehen: nicht wie Leonidas drei Tage mit 300 Getreuen, sondern vier Jahre lang mit dem ganzen Volke von Männern, Frauen, Greisen und Kindern hat Deutschland in den Thermopylen gestanden und den Angriff der Welt vom Heimatboden abgewehrt. Der Zusammenbruch hatte feine einzige Ursache in der U n f e r t i g k e i t der deutschen Dinge. Dem Volke versagte,, wie noch jedesmal in feiner Geschichte, die 'Kraft, als gesammelte Gewalt eines einzigen nationalen Willens auszuhalten bis zum Ende. Die Aufgabe der Zukunft stellt sich hiernach in voller Klarheit. Sie gibt der deutschen Jugend ein Ziel des Strebens, wie es größer und herrlicher nicht zu ersinnen wäre, und macht das Leben für jeden gesund gebliebenen Willen zu einer Lust.
Zu schaffen ist das seiner selbst bewußte deutsche Staatsvolk in der Einheit eines sicheren nationalen Wil- lens. Das will sagen: hrer müssen kommen, die das ganze Volk in v.r sicheren Richtung der nationalen Selbsterhaltung und Selbsterhöhung zusammenfassen. Das deutsche Volk war im ganzen Verlauf seiner Geschichte das Volk des Geistes. Durch Leiden ohnegleichen wurde es immer aufs neue befähigt, der Welt den neuen Lebensgedanken vorzuleben. Auch das Leiden der Gegenwart soll der Durchgang zu einem neuen Lebensgedanken sein. Der Gedanke der deutschen Freiheit, der bis jetzt in den Büchern unserer größten Denker und Dichter steht, will die Seele des deutschen Lebens werden. Dies bedeutet, daß im Innern die neue Gesellschaft der wahrhaftigen Menschenwürde errichtet werde, in der alle Arbeiter sind, jeder Arbeiter aber zur Erfüllung eines persönlichen Lebens kommt. Es bedeutet, daß nach außen die Verantwortung für das neue Europa auf die Deutschen gelegt ist. Das Europa der Gegenwart lebt nach dem Gesetz von Versailles. Es ist ein Europa der Lüge, der Ungerechtigkeit und des Hasses. Der deutsche Kampf ist der Kampf für die Wahrheit, für das Recht und für die Liebe.
Das Reich wahrhaftiger Menschlichkeit kann allein ein Reich des Geistes sein. Deutschland kämpft für ein Reich des Geistes an Stelle des Reichs der plumpen Gewalt. Der höchste Idealismus ist für uns die einzige mögliche
Baffermann-Anekdoten.
Ein Bewunderer des großen Schauspielers Albert Dassermann sagte einmal zu ihm: „Ich habe immer, wenn ich Sie betrachte, das Gefühl, daß Sie Gedankenleser sind: Stimmt das?" - „Stimmt", knurrte Bassermann. — „Da.können Sie also auch meine Gedanken erraten?“
„Gewiß, mein Herr, sobald Sie einen haben."
Am Berliner Theater wirkte Frau Henschel als Souffleuse. Albert Dassermann, der in seiner Jugend bei ihrem Manne engagiert gewesen war, begrüßte sie stets mit ausgesuchter Höflichkeit: „Guten Morgen, gnädige Frau!" Das gute Beispiel Dassermanns wurde von seinen Kollegen allgemein befolgt. Eines Tages kam aber Kainz zu einem Gastspiel. Er konnte seine Rolle nicht. Er „schwamm". Plötzlich ließ er seinen Zorn an der Souffleuse aus: „Ra, Sie Frau da unten. Sie wollen wohl nicht? — Sie haben's wohl nicht nötig!“ Lind nach einer Pause: „Schreien Sie doch gefälligst nicht so, als ob Sie am Spieß stäken. Ich kann, Gott sei Dank! noch ganz gut hören." — Schließlich wurde Kainz völlig wild: „Red'ns doch an Ton!" schrie er. „Sonst strickens halt Strümps, wanns net soufflieren woll'n."
Jetzt wurde es der Frau Henschel zu bunt. Sie streckte ihren rot gewordenen Kopf aus dem Kasten und schrie Kainz an: „Lernen Sie doch gefälligst Ihre Rotten, bevor Sie hier auf treten. Ihren Ton find wir hier schon gar nicht gewöhnt." Roch war Kainz sprachlos über diese Gegenattacke, da kam Bassermann und unterstützte seine ehemalige Direktorin mit aller Energie. Kainz wußte noch immer nicht, was er sagen sollte. Schließlich knurrte er: „Das muß ein'm doch vorher mitgeteilt werden, daß an dem Theater eine Fürschtin im Souffleurkasten sitzt." Am nächsten Vormittag hatte er seine Rolle vollkommen gelernt.
•
Der Berliner Wohnung Bassermanns gegenüber wohnt eine Familie, die viel ins Theater geht und natürlich auch Bassermann sehr schätzt. Der Künstler spielt gerade in dem Stück „Der Brotverdiener", das in Berlin bekanntlich unter dem Titel „Muh die Kuh Milch geben?" auf geführt wurde. Eines Tages sah das achtjährige Töchterchen des Hauses vom Fenster aus Bassermann Weggehen. Als die Mutter meinte, Herr Bassermann werde nun Wohl ins Theater gehen, fragt die Kleine: ,Muß er jetzt Milch geben ?“


