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Das «Schicksal

spricht das letzte Mort

Roman von I. Schneider-Foerstl.

Ärheber-Rechtschuh durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

1. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Hedwig Dloem fror. Damals waren die Kinder aus ihrer zweiten Ehe neun- und fünfjährig und der Aelteste so alt wie der Vertreter des Hauses. Als er nach Java geschickt wurde, war er schon ganz ein Mann. Thom dagegen wirkte in dem gleichen Alter wie ein unreifer Knabe. Aber sie hatte die Bitterkeit in Lutz' Worten wohl her­ausgehört und gab nun eine Antwort, die sie sofort aufs schmerzlichste bereute: n5>u< bist eben viel früher selbständig geworden, Gut)!

Das haben die Umstände mit sich gebracht. Erlaube, daß ich mich verabschiede. Gvelin ist wohl nicht zu Hause?

Die Kommerzienrätin klingelte nach dem Mäd­chen, das gleich darauf den Bescheid brachte, das gnädige Fräulein sei ausgegangen.

Weiht du, wohin sie gegangen ist, Mama?" Setterholm forschte mit halbgeschlossenen Lidern in dem Gesicht der Mutter.

Sie wird bei Freundinnen sein!

Mit Gewißheit kannst du es nicht sagen?

Rein!

Er führte die Hand der Mutter an seine Lippen und gab sie nach dem Bruchteil einer Sekunde wieder frei.Auf Wiedersehen! Falls ich dir irgendwie dienlich sein kann, stehe ich natürlich zur Verfügung, Thom.

Meinen untertänigsten Dank, Herr Setter­holm. Mit einem Lachen hing Thom am Arm des Bruders. Draußen half er ihm in den Mantel. Hast du gesehen, Lutz? Sie hat schon wieder ge­weint.

Gott! Setterholm schloß gleichmütig die letzten beiden Knöpfe.Vielleicht sind es nur Launen, möglich auch, daß Mama eine dritte Ehe in Erwägung zieht."

Lüh! Schreckhaft geweitet sahen die Augen des Jüngeren zu ihm auf.

Der zuckte die Schulter.Warum nicht? Hie ist erst achtundvierzig und wirkt wie eine Dreißig­jährige. Da will jede Frau noch einmal Weib sein. Mich berührt es ja nicht weiter. Für dich und Evelin wäre es peinlicher.

Thom, der dem Bruder den Mantelkragen hincmfzog, fühlte, wie seine Hände zitterten. Er lehnte den Kopf gegen die Schulter des Bruders amt» biß die Zähne aufeinander.Ich möchte nun doch mit dir fahren. Ich habe dich etwas zu fragen, Shit)!

Dann komm!

Zu zweien schritten sie die Treppe hinab. Der geschlossene Wagen stand an der Auffahrt und der Chauffeur faltete eilig die Zeitung, als er den Gebieter auftauchen sah.

Lutz Setterholm breitete Thom die Decke über die Knie und sagte aufmunternd:Run?

Der Wagen war schon ein ziemliches Stück gefahren, als Thom endlich die Frage stellte: Wäre es dir lieb, wenn ich von meiner Welt­reise nicht mehr zurückkommen würde?

Ein aller Fassung bares Gesicht starrte Thom an. Zugleich griff Lutz Setterholms stählerne Hand nach dem Gelenk des Bruders und hielt es fest.Inwiefern habe ich dir je Grund gegeben, mich derart zu beleidigen?

Beleidigen? Ich bitte dich, Lutz!"

Jawohl! Beleidigen! Cs ist eine Verdächtigung ohnegleichen, die du da ausgesprochen hast!

Gott, Lutz ... Der Junge würgte an den Tränen.Verzech mir doch! Aber ich habe zu­weilen das unbestimmte Gefühl, als ob ich dir im Wege stünde'

Mir? Ja, wieso denn? Setterholm spannte sämtliche Muskeln seines schlanken Körpers, um seine Rerven in Schach zu halten.Da steckt na­türlich wieder Mama dahinter. Wer anders könnte dir eine solch verrückte Idee ins Gehirn Pflanzen?"

Thom wurde beredt:Aber nein, Lutz! Du bist im Unrecht! Wenn sie von dir spricht, dann heißt es nur immer: Als Lutz so alt war wie du, hat er das und das getan, oder so und so gehandelt. Mein Gott, du mußt ja ein Ausbund von Tugend gewesen sein! Und wenn ich um etwas bitten komme, dann heißt es wieder: Ich muß das erst mit Lutz besprechen. Und wenn sie etwas verweigert, gebraucht sie immer den Rachsatz: Du mußt doch auch an deinen Bruder denken, der ist doch auch noch da und darf in nichts ge­schmälert werden. Immer denkt sie erst an dich und ich komme stets hinterdrein!

Also Eifersucht, sagte Setterholm förmlich erleichtert.Das ist kindisch. Mama hat Recht. Du bist noch nicht reif genug für eine so große, Reise. Bleib zu Hause, es wird besser fein!"

Sie sahen nun jeder für sich nach einer an­deren Seite auf die vorüberhuschende Straße und schlossen ihre Gedanken voreinander ab. Thom war der erste, der wieder Zwiesprache suchte. Er schob den Arm unter den des Bruders und drückte sich fest an ihn.Eine Frage noch, Lutz: Ist das nicht komisch? Run sind wir Kinder einer Mutter und du heißt Setterholm und wir Dloem und es ist, als ob wir eine ganz, ganz andere Art wären als du!

Du willst wohl sagen: Eine bessere", kam eS apathisch.

Rein! Eine schlechtere! Onkel Ferdinand sagt, wir Bloems seien eine ganz verdammt leicht­

sinnige Rasse, die schwarzen Setterholms feien wesentlich gediegener.

Lutz' Lippen öffneten sich zu einem Lachen. Er hob das Gesicht des Bruders zu sich auf und sagte gütig:Wenn du wirklich reist, dann werde ich dir Begleitung mitschicken. Vielleicht Thom­son. Rein, widersprich nicht, Thom. Ich kann es sonst vor Mama nicht verantworten und selbst hätte ich auch keine Ruhe. Also Thomson kommt mit. Auf Wiedersehen, mein Junge!"

Der Wagen hielt und Setterholm drückte den Bruder auf den Sitz zurück.

Sie fahren Herrn Dloem noch ein Stück spa­zieren, Friedrich", befahl er dem Chauffeur.Du trinkst irgendwo in einem netten Garten eine Tasse Kaffee und bist um fünf Uhr zu Hause. Ich werde anrufen. Viel Vergnügen!

Thoms verblüfftes Gesicht mit einem Ricken quittierend, klappte er eigenhändig den Schlag zu. Er wartete, bis der Wagen gewendet hatte. Dann schritt er durch den Rachen eines schwar­zen Dores. .

* * *

Die Fabrik lag wie ein glatter Würfel im Sand der Vorstadt. Kinder lärmten in den Rachbarhöfen und um Feierabend saßen die Ar­beiter mit ihren Frauen vor den kleinen Häusern und rauchten ihren Knaster. Selten gab es Streit, trotz der Verschiedenheit der Geister war ein Zug der Gemeinsamkeit nicht zu verkennen.

Und hier heraus, beinahe eine halbe Weg­stunde von der Villa Setterholm, hatte es Lutz gezogen, als die Mutter sich ein zweites Mal verheiratete. Es war nicht eigentlich Trotz ge­wesen, sondern mehr ein Drang, sich seine Selb­ständigkeit'zu erhalten, was ihn veranlaßt hatte, für sich allein zu wohnen.

Für sein leibliches Wohl sorgte eine alte Haus­hälterin, oder Gerd, der Diener, den er aus Pietät in seinem Dienst behielt. Man konnte einen Wann, der im Hause Setterholm vierzig Jahre in Treue fein Amt versehen hatte, micht einfach auf die Straße sehen. Und nachgerade war der Alte ihm unentbehrlich geworden. Lutz wurde am Morgen auf die Minute geweckt, am Abend ausgekleidet, nach dem Bad frottiert und dann ins Schlafzimmer geleitet. Am Morgen fand er die Zeitungen aufgelegt neben dem Frühstücksteller und die Korrespondenz fein säuberlich nach Geschäfts- und Privatbriefen sortiert.

Gerd sorgte für alles, was das Wohl seines jungen Herrn betraf, empfing Besuche oder wim­melte sie ab. Er kannte die Damen, die Herr Setterholm zuweilen mit Blumen bedachte und die anderen, für die er nicht zu sprechen war.

Herr Setterholm schläft." Er konnte diese und ähnliche ßügen flüstern wie ein Mädchen

und brüllen wie ein Berber, wenn ein Besuch sich nicht abweisen lassen wollte.

Hör mal, Gerd." Lutz übergab dem Alten Hut und Mantel und hielt ihn zugleich am Arme fest.Ist es dir erinnerlich, wann meine Schwe­ster das letztemal hier gewesen ist?"

Das Fräulein Schwester? Hm." In Gerds Gesicht stand ein kleines Verlegensein.Vor einer halben Ewigkeit, Herr Setterholm!"

Kennst du den Lippstädt?"

Ich meine wohl!"

Aus den sollst du ein Auge haben, Gerd!"

Ich werde zwei Augen auf ihn haben, Herr Setterholm!"

Dann^ist es gut! Du nimmst dir ein Auto!"

Ich nehm mir keins, Herr Setterholm." Die Stirn des Herrn in Falten sehend, gab er an­schließend die Erklärung:So ein Ding, das flitzt vorbei, und man sieht nichts oder nicht viel. Wenn ich aber zu Fuß laufe, dann seh' ich alles."

Lutz begriff, daß er dem Alten nichts zu ver­dolmetschen brauchte.

Erleichtert trat er in sein Arbeitszimmer, in dem die Sonnenschüher fürsorglich übereinander- gezogen waren. Sein Gehirn warf die Gedanken kunterbunt durcheinander. Warum^hatte die Mut­ter geweint? Sollte man Thom' fertfen lassen? Wie stand die Sache mit Evelin und Lippstädt? Geküßt hatte >der Graf sie! Das Gold seiner neun Zacken bedurfte wahrscheinlich einer Auf­frischung! Schließlich war auch nichts dabei, wenn ein armer Schlucker ein reichet Mädchen hei­ratete. Aber er durfte nicht Lippstädt heißen. Zum Teufel auch! Das durfte er nicht!

Auf dem Korridor lispelte eine Stimme:Ist er zu Hause? Ja Ich hab' ihm Rosen ge­bracht! Die mag er doch, nicht? Die ganzen Stämme habe ich geplündert."

Herr Setterholm haben sich um das gnädige Fräulein geängstigt!"

Was hat er? Geängstigt? Aber ich bin doch nicht krank gewesen, Gerd. Warum ängstigt er sich dann? Wie? Weil ich so lange nicht mehr da war?"

Gerds Ricken jagte ihr ein Rot über die Wan­gen.

Ohne geklopft zu haben, schlüpfte sie in das Zimmer. Setterholm, der am Schreibtisch saß, legte die Feder zur Seite und hob beide Arme zur Begrüßung.Wo steckst du denn immer, mein Kleines?"

Die Rosen flogen auf den Ledevdiwan, und Evelin kuschelte sich auf Lutz' Knie und strich ihm die Wangen herab, während fein Mund sich von dem ihren küssen ließ.Mama sagte, du feiest bei uns gewesen. Da habe ich Sehn­sucht nach dir gekriegt."

lFortsetzung folgt.)

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Ober-Hörgern, den 22. April 1931.

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