Aus der Provinzialbauptstadt
Gießen, den 23.3anuar 1931.
Vortrag in der Historischen Kachschast.
Man berichtet uns: Die historische Fachschaft hotte Prof. Geizer (Frankfurt) -um Vortrag „Die Zerstörung Karthagos als Problem der römischen Republik"' gewonnen. Dieses Thema „von epochemachen- der Bedeutung für die römisch Machtentfoltung" wie Gallust sagt, hat — natürlich — nicht nur zeitgenössische Schriftsteller zur Darstellung angeregt. Die Bearbeitung dieses Stoffes durch neuere Historiker wie Momnisen oder Kahrstedt etwa ist dabei wesentlich subjektiver, d. h. Vermutungen und Theorien sind nicht unbedeutend dabei gegenüber eines mehrwchlichen Quellenberichtes, z. B. bei Polybios. Die Motivierung der Zerstörung glaubt Mommsen von wirtschaftlichen Gegebenheiten her bestimmt, wahrend von anderer Seite ein politischer Einfluß wirtschaftlicher Tatsachen für die damalige Zeit in Frage gestellt wird. Im Frieden von 201, dem Abschluß des zweiten panischen Krieges, diktiert Scipio den Karthagern als Bedingungen: Neben Auslieferung der Kriegsflotte Rückgabe des ehemals nu- bischen Besitzes an Mesinisia und Verbot der Kriegführung in Nordafrika. Der Verstoß gegen diese Bedingung hat dann den Römern die Gelegenheit gegeben, das unerbittlich mahnende Postulat des alten Cato zu erfüllen. Und keine noch so schwerwiegenden Zugeständnisse der Karthager, Stellung von 300 Geiseln, absolute Deditio, und keine noch so ausgezeichnete Kriegsleistung, Neubau eines Dammes während der Hafensperrung, konnte sic vor dem grausamen Untergang ihrer Stadt bewahren. — Der Redner des Abends hat dann in ge- schichtsphilosophischen Erörterungen und dem Ausweisen verfassungspolitischer Zusammenhänge gezeigt, daß die Zerstörung Karthagos im Fahre 146 mehr als eine Grille des greisen Cato war. Sd)on Polybios, der die Gedanken Scipios kennt und ousspricht, versucht In mehreren Darlegungen die Haltung der Römer zu bewerten. Seine Sorgen um die Zukunft Roms kommen vom Wissen um das Gesetz der Hegemonie her, nachdem Macht und Reichtum eines Staates in Zuchtlosigkeit und Pöbel- Herrschaft enden. Diodor, der dieses „Naturgesetz der Hegemonie" zuerst formuliert, sieht in ihm auch gleichzeitig eine Entbindung von irgendwelcher Schuld für den einzelnen Staatsmann:' denn das WaUen eines Gesetzes mache frei van persönlicher Verantwortung. Es hilft nichts, daß beide Scipio- nen im Sinne der Plutarchschen Zuchtmeistertheorie Karthago als dauernden Gegenstand der Furcht erhalten wollen: „Das römische Schwert brauche seiner als Wetzstein." Das römische Reich, dessen Grenzen für unsere durch vcrkehrstechnische Errungenschaften verwöhnten Begriffe unendlich weit auseinanderzuliegen scheinen, besaß kein entsprechend^ heeressystem, das den immer heftiger und zalu- reicher werdenden Aufständen auch nur annähernd gewachsen war: ja die Verweichlichung der Soldaten ist bekanntlich auch ein Verfallssymptom. Der Senat konnte schließlich kaum anders beschließen als diese dauernd drohende Gefahr restlos zu beseitigen und den Befehl zur vollkommenen Vernichtung zu geben. Dio arglistige Verhandlungs- weise der Römer erinnert nur allzudeutlich an das Verhalten der Entente im Fahr 1918. Prof. Gelzer hat mehrmals diese Parallele aufgozeigt.
Gießener Giandesamisstaiistik 1930.
Die Zahl der Geburten in unserer Stadt betrug im abgelaufenen Kalenderjahr 938 (gegen 948 in 1929). Davon sind ehelich geborene Kinder 712 (720), unehelich geborene 226 (226) Kinder. Auf die ortsangesessene GießenerBe- völkerung entfallen von der Gesamtzahl der Geburten 442 (451), darunter 225 (245) Knaben und 217 (206) Mädchen. Auf ortsfremde Mütter, welche in den Kliniken und Anstalten Aufnahme gefunden hatten, entfallen 496 . (495) Geburten = Knaben 249 (265), Mädchen 247
Die kleine Motette.
Zfiomon von Paul Hain.
26 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Wördehoff antwortete kühl.
»Wie Sie sehen — meine Frau ist nicht da. Wer weiß — sie ist vielleicht einen anderen Weg —"
»Aber sie kennt doch die gerade Strecke nach hier", warf Dr. Römer ein. „Und Damowfkh behauptet, 3hre Frau wäre lange vor ihm fortge- gangen. Ah — die Frauen! Weiß der Kuckuck, welche Augenblickslaune sic wieder irgendwo fest- gehalten hat."
Wördehoff nickte gleichmütig.
„3a — cs ist ihre Stärke, vergeßlich zu sein. Warten wir also noch eine Weile. Kommen wird sie ja schon — so vergeßlich ist sie doch nicht."
Dnd sie warteten nun zu brüt Eine Viertelstunde verging. Von Rorma war noch nichts zu sehen.
Da begann Wördehoff doch unruhig zu werden. Es war eine seltsame Llnruhe, die sein Herz schneller schlagen lieh. Wo war Rorma?
Hastig sagte er:
-34) werde einmal zum Gasthof zurückgehen. Das ist ja sonderbar. So lange hat sie sich doch noch nie verzögert."
Er sprang auf.
„Sie warten wohl hier, meine Herren", rief er noch schnell zurück.
„3a — gewiß", sagte Dr. Römer und hielt Varnowsky fest, der am liebsten mit Wördehoff davongelaufen wäre.
„Rur nicht zu leidenschaftlich, lieber Varnowsky. Gewöhnen Sie sich nur 6eiieüeit Geduld an. 2loch sind Sie weiter nichts als Rormas Freund."
17.
Aorma hatte schon am Abend vorher ihren Plan gefaßt gehabt, als sie ihren Gatten und die Freunde gerade zu jener Bank als Treffpunkt hinbestellte. Sie wußte, daß Wördehoff und Dr. Römer pünktlich sein und sich auf eine bestimmte Wartezeit gefaßt machen würben. Varnowsky aber hatte mit seiner Morgentoilette zu tun.
Sie konnte also unbemerkt aus dem „Braunen Hirsch" herauskommcn und — auf den Schloßberg hinauf! ilnö bevor man ihre Verspätung ernst nahm, konnte sie auch wieder bei den auf sie Wartenden sein. Wördehoff würde also vor seiner Rückkehr von dem Spaziergang nicht wissen, wo iic inzwischen gewesen war.
3a — das war ihr Plan: Mit Ricolette zu sprechen!
Wenn sie von ihr ihrem Gatten gegenüber auch hier nichts mehr erwähnt hatte, ihr Weibinstinkt. das feine Rervengefühl der Frau, die selbst gewohnt war, mancherlei Heirnlichkeitm zu haben
(230). Von den 226 in Gießen unehelich geborenen Kindern fallen auf Gießener Mütter 66 (72), während auf ortsfremde Mütter 160 (154) uneheliche Spröhlinge entfallen.
Verstorbene wurden im Berichtsjahr in unserer Stadt im ganzen 756 (813) gezählt. Don diesen entfallen auf die Gießener Bevölkerung 329 (400), darunter 157 (187) männlichen und 172 (213) weiblichen Geschlechts. Don der Gesamtzahl der Todesfälle entfallen auf Ortsfremde 427 (413), davon waren männlich 221 (226), weiblich 206 (187).
Von der Gesamtzahl der 1930 in Gießen geborenen Kinder verstorben im er ft en Lebensjahr 78 (59), darunter 11 (10) unehelich geborene. Von diesen Kindern entfallen auf Gießener Mütter 24 (25), auf ortsfremde Mütter 54 (34). 3m Berichtsjahr waren im ganzen 51 (43) Totgeburten zu verzeichnen, und zwar unter der Gießener Bevölkerung 19 (17), auf Ortsfremde 32 (26). Von den totgeborenen Kindern waren 43 (34) ehelich und 8 (9) unehelich.
3n den Stand der Ehe traten 1930 *=-- 274 (289) Paare.
Erfreulich ist bei diesen Angaben des Standesamts, daß die Sterblichkeit in unserer Stadt in 1930 um 71 Fälle gegenüber der Zahl in 1929 za- rückging, wodurch wieder ein einigermaßen normales Verhältnis in der Bevölkerungsbewegung hergestellt ist. War der Geburtenüberschuß gegenüber den Sterbefällen in 1929 auf 51 gesunken, so beträgt derselbe für das abgelaufene 3ahr 123.
Sie durch das Einwohnermeldeamt fortgeschriebene Bevölkerungszahl beträgt für Gießen am 31. Dezember 1930, ohne das Militär und ohne die 3nsassen der Kliniken und Anstalten. 33 487 Einwohner gegen 33 611 Seelen am gleichen Tage des Vorjahres.
Rach Feststellung deS Landesstatistischen Amts - auf Grund einer Volkszählung vom 10. Oktober v. 3. — stellt sich die Wohnbevölkerung Gießens wie folgt: a) männliche Einwohner 15292, b) weibliche Einwohner 17 991, zusammen 33 283 Seelen. Rach einer von der Bürgermeisterei gegebenen Ausstellung sind dieser Wohnbevölkerung hinzuzurechnen: 437 kasernierte ledige Reichswehrmannschaft, ferner 1496 in Gießen wohnende Studenten, sowie die Patienten und 3nsassen von Kliniken und Anstalten mit 1925 Personen, welche sämtlich in der als Wohnbevölkerung bezeichneten Zahl nicht enthalten sind. -- Bei der Zahl der Studenten, welche im Sominer- semester 1946 betrug, hat man 450 Personen bei Ermittlung der tatsächlichen Einwohnerzahl abgezogen, und zwar 200 Personen, die im Hause der Eltern in Gießen wohnen und daher bei der Landesstatistik bereits als Wohnbevölkerung mit- gezählt sind, 200 abwesende Studenten und 50 Studierende, welche in der Dlmgegend — Wetz- lar, Lollar, Grünberg, Butzbach usw. — wohnen und abends heimwärts fahren. So berechnet, beträgt die Seelenzahl unserer Stadt, für 1 930 ermittelt, 37 141.
Die Zahl der H a u s h a l t u n g'e n beträgt für 1930 : 8990 gegen 9061 in 1929 und 8762 in 1928.
*
" Vorträge über Schiller. Man berichtet uns: 3n dem ersten der,angekündiaten 'Vorträge über Schiller gab Lic. Robert Goebel einen bemerkenswerten Beitrag zum „unbekannten" Schiller. Llnbekanntes tritt nämlich dann hervor, toeim jener Stufenaufstieg voll zur Darstellung kommt, der in dem Schillerfchen Werden vorliegt. Die „Philosophischen Briefe" geben in der „Theosophie des 3ulius" die Anschauungen des jugendlichen, noch ungebrochen lebenden Schillers. Der paradiesische älrzustand im Leben des Einzel- menschen muß aber aufgegeben werden, wenn der Mensch »um Eigen-Sein erwacht. Dieses geschieht aber nicht ohne ungeheuren Protest b?r geistigen 3ndividualität des Menschen, der mündig wird. 3m Werk dcs 21jährigen Schillers, in den „Räubern" erfolgt dieser Protest gegen die Einschnü- unö auf halbe Blicke und Wortbetonungen zu achten, sagte ihr, daß da vielleicht irgendwelche heimlichen Schwingungen zwischen Wördehoff und Ricolette bestanden. Vielleicht — ein Geheimnis.
Seit ihrem Eintreffen in diesem halbvergessenen Harzwinkel hatte sie deutlich gemerkt: Wördehoff war ihr vollends fremd geworden. Er war ihr ganz entglitten! Unb unter der Maske einer großen, toleranten Herzlichkeit versteckte sich in ihr aufkeimender Haß.
Der Haß der Frau gegen den Mann, der ihr einst auf Gedeih und Verderb verfallen war und der sich so schnell ihrer Macht entzog. Un& wenn sie — sie fühlte das — ihn auch nicht wiedergewinnen würde und im tiefften selbst gar nicht meßt danach verlangte, da andre, bunfic Wünsche sie erfüllten, so drängte sie doch das Triebhafte in ihr. ihm Schmerzen zu bereiten und ihn für die Leichtigkeit, mit der er sie fallen lieh, leiden zu lassen.
Sie wußte, wo sie ihn treffen konnte.
Daß Ricolette sich niemals sehen ließ, daß Wördehoff so ängstlich darauf bedacht war, einen besuch auf dem Schlosse zu hintertreiben, daß er selbst danach drängte, von hier wegzukommen, und so manches andere, was sich nicht in Worte fassen ließe, das alles hatte sie dazu getrieben, ihren Plan zu verwirklichen.
Und dann: Die Geheimhaltung seines Aufenthalts!
Ah — wußte Ricolette überhaupt, daß — er nicht frei war?
Rorma Relson kam lange von dieser Frage nicht los. Sie brannte in ihr — sie erfüllte sie mit einer feinen, lauernden Bosheit. —
Gemählich stieg sie Den Berg hinaus.
Wie sie ihr Erscheinen motivieren wollte — sie wußte es bereits. Hatte es sich genau überlegt. Alles, was sie sagen wollte, war wohl vorbereitet.
Run erreichte sie den Platz vor dem Schloß- portal.
Einige Augenblicke lang blieb sie stehen und sah durch das Tor in den ruhig daliegenden Schlotz- platz. 3etzt zögerte sie doch unwillkürlich. 216er da ging Frau Marthe über den Hof, sah nach der oberen Fensterreihe des Schlosses und rief einer dort hantierenden Gehilfin einige Anweisungen zu.
Da schritt Rorma Relson durch das Portal. Den Kops stolz erhoben. Das helle Kleid mit der Sil- berstickerei raschelte und strömte eine Welle feinen Parfüms aus.
Stau Marthe wandte den Kopf. 3hre Augen weiteten sich sichtlich.
Rorma nickte leichthin.
„Liebe Frau — wo kann ich Fräulein Kinna sprechen?"
Frau Marthe wurde ein bißchen verwirrt angesichts dieser stolzen, schönen Erscheinung. Aber dann bemerkte sie die feine Puderfchicht in ihrem
— ich wußte das in der Tat nicht.
(Fortsetzung folgt.)
gelogen Stolz reihend: „Olein
blauen Augen die niemand hier obcit ist doch schon seit
Ricolette sah mit großen, Schauspielerin fragend an.
„Bitte? Es ist heute noch getoefen.“
„Aber ja — mein Mann
— wie war cs möglich, daß Hubert hatte?
sagte sie, sich gewaltsam zusammen
„3ch hörte davon — mein Mann erzählte es —" Rormas Blick funkelte lauernd. Aber Ricolette sagte ruhig:
„Ah — so — Ihr Gatte ist auch hier —“
Sie sand keine rechte innere Verbindung zu dieser mondänen Frau, die mit einer so verwirrenden Selbstverständlichkeit ihr gegenübersah, als wäre sie eine gute Bekannte von ihr.
Da lächelte Rorma Nelson ein bißchen boshaft.
„Aber ja — und ihn suche ich ja gerade hier oben."
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vielen Wochen hier. Wir hatten uns zu einem Spaziergang verabredet und ich wollte ihn eigentlich hier abholen —"
Ricolette sah wie erstarrt da. Aber gleich hatte sie sich wieder gefaßt. Sie hatte wohl nicht recht verstanden.
„3hr Mann — hier oben? Entschuldigen Sie — das ist doch nicht gut möglich —“
Rorma lehnte sich im Sessel zurück. Ganz ruhig — in satter Befriedigung über die Bestätigung ihres Verdachtes ihren Triumph heimlich auskostend.
„Aber Fräulein Kinna — Sie kennen doch meinen Mann — Hubert Wördehoff!" Ricolette zuckte zusammen.
3hr Gesicht war im Augenblick totenblah geworden.
Schleier wogten vor ihren Augen! Hubert — ■ der Mann dieser Schauspielerin? Das war doch nicht möglich! Das mußte — Lüge sein!
Aber da sah sie Rormas Gesicht, in dem ein seines, wie erstarrtes Lächeln war, sah in diese funkelnden, triumphierenden Augen — und ihre Seele erriet: Da sah eine Feindin! And Die Feindin hatte recht! Hubert — war ihr Mann! Rorma Relson — das war nur der Künstlername.
Aber — wie — konnte Hubert geschwiegen: haben?
Rormas Stimme klang auf, leicht, schwingend — wie immer:
zum Deutschtum und durch ehrliche Arbeit und Einigkeit wieder emporschafsen können. Diesen Leitstern leuchtete auch durch den folgenden Einakter „Es kommt der Tag" so hell und fesselnd hindurch, dah alle Anwesenden erhebende Augenblicke erlebten. Die Hauptdarsteller, Herr D e ch st e i n als Michael Eichler, Herr Seitz als Martin Staufer und Frl. Fenchel als Frau Eichler haben packend gespielt und den vaterländischen Charakter des Stückes sehr treffend herausgehoben. Die anderen Mitglieder zeigten ebenfalls große Gewandtheit. Der Puppentanz von vier kleinen Mädchen, ein ober- hessischer Kindertanz von zwei Mädchen und die treffend gesprochene ..Heimkehr des Kolonial- kriegerS" gaben neben den flotten Musikstücken dem Ganzen reiche Abwechslung. Die Krieger- vereine treten nicht so oft an die Öffentlichkeit, ihre Arbeit liegt mehr Im Stillen, in der Krie°> gerfürforge und Versorgung. Die einmal beigetretenen Mitglieder bleiben aber zu 99 Prozent treu, und so kam eS, daß auch bei dieser Feier wieder 25 Mitglieder für ihre 50-, 40- und 25jäh- rige Treue zum Verein entsprechende Auszeichnungen erhielten.
*• Reichskurzschrift- Gesellschaft „Gabelsberge r". Die 1. Reichskurzschrift" GeseUschaft „Gabelsbcrgcr" und Samenabteilung e. V. Gießen hielt ihre ordentliche Generalversammlung ab. Aus dem Verwaltungsbericht über daS 3ahr 1930 ist zu ersehen, oafTDer Verein auf die erzielten Erfolge und Leistungen des ab- gelaufenen 3ahres stolz feilt kann. Es wurden drei Anfänger-, drei Fortbildungs-, drei Redeschrift-, drei Praktiker- und sechs Diktatkurse mit einer Gesamtzahl von 529 Teilnehmern zur Durchführung gebracht. An Wettschreiben sanden statt: ein Vereinswettschreib:n, ein Dezirkswettschreiben (Laubach), ein Bundeswettschreiben (Berlitz). An sämtlichen Wettkämpfen beteiligten sich Mitglieder des Vereins, und sie konnten folgende Preise erringen: 3m Schnellschreiben 60 bis 240 Silben: 40 erste und Ehrenpreise, 49 erste Preise, 26 Atoeitc Preise, 8 dritte Preise. 3m Schön- und Richtigschreiben: 9 erste und Ehrenpreise, 4 erste - Preise, 6 zweite Preise, 6 dritte Preise: insgesamt 148 Preise. Die Handelskammer- (Ge- schäftsstenographen- Prüfung 150 bis 200 Silben legten 6, die Vorprüfung (120 Silben) 3 Mitglieder mit Erfolg ab. ein Mitglied bestand die staatliche Stenographiclehrerprüsung. Der Verein hat einen Zuwachs von 27 Mitgliedern aufzuweifen. Bei der Vorstandswahl wurden die fcitberigcn. Vorstandsmitglieder, 1. Vorsitzender A. Karnbach, 2. Vorsitzender A. Merle, Rechner K. Heß, 1. Schriftführer, F. Rispel, 2. Schriftführer Gg. Wahl und die Beisitzer K. H. Kuhl, L. Gravelius, Ang. S i e b er t, und Bibliothekar Hrch. Graf, wiedergewählt. Ferner wurden als Beisitzer Frl. M. S ch m i h, 3ohanna Bohl und Obergefreiter Essinger neu- gewählt.
** Fünfziger 1 880/1930. Am Samstagabend veranstaltete, wie man uns schreibt, mc Fünfziger-Vereinigung 1880 1930 im Casö Leib ihre vierte und letzte Geburtstagsfeier im Rahmen ihres 3ubeljahres 1930. Drei große mit Blumen geschmückte Tafeln waren für die Gäste vorbereitet, wovon die mittlere für die Geburtstagskinder aus dem vierten Vierteljahr 1930 bestimmt war. 3n der Mitte der Geburtstagskinder sah man den zweiten Vorsitzenden, Rechtsanwalt und Rotar Ernst Schneider. Weiter konnte man als Ehrengast neben dem ersten Vorsitzenden einen Mann sehen, der schon vor 27 3ahren in seinem Fünfzigerverein im gleichen Saale manch' frohes Fest mitgefeiert hatte. Herrn Hermann Elle, Dichter eines Prologs für eine Weihnachtsfeier des festgebenden Vereins. Der erste Vorsitzende, Herr Heinrich Marx, begrüßte in seiner Ansprache zunächst den erwähnten Gast und überbrachte Dann die herzlichsten Glückwünsche an die Geburtstagskinder. Den Dank für die guten Wünsche sprach im Ramen der
Gesicht, die auffallende Extravaganz dieser Frau wurde ihr bewußt - und sie fragte:
»Was wünschen Sie denn von unserem Fräulein?"
„Das kann Sie gewiß nicht interessieren liebe Frau. 3ch fragte lediglich nach Fräulein Kinna. Aber damit auch 3hre Reugierde befriedigt ist: 3ch bin eine gute Bekannte des Professors und seiner Tochter und hörte, daß es ihm sehr schlecht geht. Daher mein Wunsch, die Tochter zu begrüßen und — nun, was starren Sie denn so?"
3hre Augen blitzten.
„Bitte — wollen Sie endlich die Güte haben, mir nun zu sagen —"
»Richt nötig . klang es da von der Haustür her, „ich bin selbst schon da —"
Ricolette stand auf der Schwelle.
DaS feine, zarte Gesicht leicht gerötet. Das blonde Haar glänzte in der Sonne. Wie eine lichte Wolke hing das weiße, einfache Hauskleid um ihre zierliche Gestalt.
Rorma Relson erfaßte diese reizvolle 3ung» mädchengestalt mit einem Blick und sie gestand sich: Der Liebreiz und die frische Anmut Rico- lettes war noch stärker, wirkungsvoller als damals, da sie die flüchtige Bekanntschaft Kinnas und seiner Tochter machte.
„Ah — Fräulein Kinna —"
Sie war im nächsten Augenblick ganz große Dame und ging auf Ricolette zu, die ihr ein bißchen verwundert entgegensah.
„Kennen Sie mich Denn nicht mehr —?"
„Verzeihen Sie — einen Augenblick —" Ricolette lächelte entschuldigend.
„Gewiß — wir kennen uns", sagte sie, „nur im Augenblick — weiß ich nicht —"
„Run, da mutz ich also doch Helsen. Rorma Rel- son — vom Reuen Theater in Berlin, wo 3hr Herr Vater —"
„Ach ja — natürlich. Aber bitte —“
Sie ließ die Schauspielerin in die Halle eintreten. Deutete auf einen der bequemen Sessel. Rorma nahm Platz.
„3ch bin mit Bekannten schon seit einer Woche unten im „Braunen Hirsch" als Sommergast — fahre übermorgen allerdings wieder zurück nach Berlin. Da wollte ich 3hnen vorher doch wenigstens guten Tag gesagt haben. 3ch hörte, 3hr Herr Vater ist schwer leidend — ich habe ihn immer außerordentlich geschätzt —"
Während sie sprach, ließ sie den Blick nicht von Äicolette, die nicht recht wußte, wie sie sich zu diesem Besuch stellen sollte. Sie erinnerte sich nun allerdings deutlich, daß diese Rorma Relson wohl eine der beliebtesten Schauspielerinnen an dem Theater war, an dem damals Kinna als Kapellmeister gastierte.
„3a — wir reifen auch übermorgen", sagte sie, „Papa muß in ein Sanatorium nach der Schwerz —"
tung der Freiheit de» Einzelmenschen zugleich als Protest gegen die „unidealische" Welt überhaupt. Aber schon der 28jährige hat sich gewandelt. 3n „Don Carlos" werden die Probleme innerlicher, zugleich erkenntnismäßiger aufgefaßt. Marquis Posa ist der Vertreter eines auf der freien 3ndi- vidualität begründeten Menschentums, der einen neuen Menschheitszustand herbeisehnt. 3n den „Briefen über die ästhetische Erziehung" bricht Schiller in derLebensmitte zur Erfahrung i omgöttlichen Kern der Persönlichkeit hindurch. „Die Anlage zur Gottheit trägt der Mensch unwidersprech- lich in seiner Persönlichkeit in sich." Diese Persönlichkeit wächst in einem unendlichen Werden zu ihrem Ziel heran, indem sie zugleich die Ziele der Gemeinschaft verwirklicht. 3m letzten der vollendeten Werke, in „Wilhelm Teil", stellt der 45- jährige Schiller das Bild desjenigen Menschen hin, der auS biefent göttlichen Kern heraus lebt, Damit aber auch zugleich schöpferische 3mpulse in das Erden- und Gemeinschaftsleben hereinträgt. Teil wächst zu einer Erlösergestalt heran, die durch ihr Eingreifen im Zufammenwirken mit den Eidgenossen den alten vergangenen MenschheitSzu- stand (Szenerie am Anfang) in den neuen zukünftigen Menschheitszustand hinüberwandelt, Der im Zusammenwirken freier zur Persönlichkeit her- angcreiften 3ndividualitäten besteht (Schlußbild). Schiller hat in einzigartiger Weise in seinem Wirken und Leben die Stufen geistigen Werdens des Menschen, die geradezu für jeden Menschen gelten, zur Anschauung gebracht. Heber alle gc- schafsenen Kunstwerke hinaus hat er sein Geben selbst aus der Kraft eines unermüdlich tätigen: Geistes heraus zum allergrößten Kunstwerk gestaltet. 3n diesem verborgenen Kunstwerk entdeckt man den nach „unbekannten" Schiller.
*• Berufs- und Fachlehrer-Versammlung. Der Dezirksverein Gießen des Landesvereins Hessen im Aeichsverein der hauptamtlichen Lehrerschaft an deutschen Berufs- und Fachschulen hielt hier seine 3ahreshauptverfamm- lung ab. Der für die nächsten zwei 3ahre einstimmig gewählte Vorstand setzt sich wie folgt zusammen: Geschäftsführender Vorsitzender für 1931: Gewerbelehrer Leichum, Stellvertreter: Berufsschullehrer Adam: Geschäftsführender Vorsitzender für 1932: Berufsschullehrer Ada m, Stellvertreter: Gewerbelehrer Le ich um. Schriftführer: Berufsschullehrerin S ch o n e b o h m, Stellvertreter: Berufsschullehrer Ost, Rechner: Berufsschullehrer Schneider, Stellvertreter: Gewerbelehrer Schuchmann. Den Vortrag dieser Versammlung hatte Berufsschullehrer Schneider übernommen, der als Teilnehmer der Berufsschulpädagogischen Hochschulwoche in Aachen an Pfingsten 1930 über Rationalisierung und Rormung sprach. Die anschließende lebhafte Aussprache zeugte von dem 3ntereffe, mit dem der Vortrag ausgenommen worden war.
•* Kriegerverein Gießen. Man berichtet uns: Der 18.3anuar 1931, die 60. Wiederkehr der Gründung des Deutschen Reiches, war für die Stadt Gießen wieder ein deutscher Tag. Mittags marschierte das hiesige Bataillon des 15.3nfanterie-Regiments zur Parade auf, die einen großen Eindruck hinterließ, und von 1§ Llhr ab versammelten sich die Mitglieder des Kriegervereins Gießen und deren Angehörige im großen Saal des Cafe Leib zu einer entsprechenden Feier, mit der das 5 7. S t i f- tungsfcst des Vereins verbunden war. Saal und Galerien füllten sich schnell. Die Musik leitete die Feier ein, es folgte der von Fräulein. Erna Volkmer gesprochene interessante Doll- mersche Prolog, und danach war es die Be- grüßungs- und Festansprache des 1. Vorsitzenden, Landgerichtsrats T r ü m p e r t, die die An- toefenben fesselte. Die Gedanken wurden auf lange 3ahrzehnte zurückgelenkt. Die Entstehung des Reiches wurde im Geiste sichtbar. Glanz, Aufstieg, Wohlstand und Tapferkeit des Volkes und dann der jähe Absturz in eine grundlose Tiefe, aus der wir uns nur durch die Treue
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„Sie hatten das wohl gar nicht gewußt, gnädiges Fräulein?"
Ricolette fühlte die Spitze in dieser Frage.
3hr Kopf hob sich. Was sollte sie antworten? Herrgott
Aber — es ist ja wohl auch belanglos, nicht wahr? Herr Wördehoff war und ein lieber Gast —"


