Ausgabe 
22.6.1931
 
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AerWiderhallmderVerlinerMrgenpreffe

Berlin, 22. Juni. (CAD.) Die Montags­morgenblätter bringen eingehende Kommentare zu der Erklärung des amerikanischen Präsidenten über ein Weltschuldenmoratorium.

DieMontagspost" betrachtet die Aus­wirkungen des Moratoriums nach drei Richtun­gen: in staatsfinanzieller, in rein wirtschaftlicher und in devisentechnischer Hinsicht.

Linker der Voraussetzung, daß die Bestimmun- gen der Rotverordnung in ihren wesent­lichen Teilen in Kraft blieben, schaffe sich die Regierung durch das Moratorium eine ganz wesentliche Reserve, die'zur Abwen- dungderdrengendsten Finanznot ver­wendet werden könnte. Rein wirtschaftlich ge­sehen höre jetzt der Zwangsexport, den die Uebrr- tragung der 1500 Millionen auf das Ausland notwendig machte, vorläufig auf.

Die Summe siehe als neugewonnene inländische Kaufkraft dem Binnenmarkt zur Verfügung. Die wichtigste Frage bleibe die Entlastung unserer

Devisenbilanz.

Da Deutschland bisher ungefähr 600 Millionen Mark Sachlieferungen ausfuhrte, entlaste sich die Devisenbilanz durch das Moratorium nur um rundeineMilliarde. Das sei eine Summe, die gegenüber den gegenwärtigen außergewöhn­lichen Anforderungen an den Devisenmarkt wenig ins Gewicht falle. Llnabhängig vom Moratorium könne daher eine durchgreifende Entspannung am Devisenmarkt mir eintreten, wenn entweder die Reichsbank außerdem noch einen Bereit» schaftskredit aus dem Ausland schalte, oder wenn die psychologischen Wirkungen des Moratoriums so schnell und tiefgreifend wären, daß sie sich bereits in den nächsten Tagen aus­wirkten und die Kreditkündigungen des Aus- landÄ sofort abstoppten.

DerM o n t a g" spricht vonHoovers Zwischenlösung", von der man nicht nur bei der nationalen Opposition, sondern auch bei der Re­gierung immer mit Sorge gesprochen habe. Die Notverordnung werde weitergehen.

Deutschland habe die kehlen Reserven nicht nur für eine Revision, sondern für eine Zwischen­lösung benutzt.

Was die Regierung seit etwa vier Wochen zur Vor­bereitung von Hoovers Vorschlag getan habe, hätte wesentlich früher kommen müssen. Schon auf den

beiden Haager Konferenzen hätte eine mutige deut­sche Regierung die wirkliche Auffassung der Ver­handlungsgegner benutzen können, um den $ o u n g- plan z u verhindern. Damals habe man sich einem angeblichen politischen Zwang gebeugt. Die nationale Opposition habe Stück vor Stück voraus­gesagt, was sich seit der Unterzeichnung des Poung- planes ereignet hat. Ohne die nationale Opposition hätte die Negierung es nicht erreicht, die ärgste Krisis in letzter Minute abzubiegen. Die Rechnung von Hoover müsse in einem Jahr aufgehen.

Aber es komme für Deutschland nicht auf eine vorübergehende Ordnung an, bei der es wieder von Anleihen lebe, sondern auf die wirkliche Gleichberechtigung Deutschlands in der Welt­wirtschaft, die nur dann bestehe, wenn Deutsch­land keine Reparationen zahle, sondern wenn alle Staaten bereit seien, in gleichem Maße die gleichen Lasten der Weltkrise auf sich zu nehmen.

DerM ontagmorgen" warnt, der an sich sehr dankenswerten amerikanischen Initiative übertriebene Bedeutung für die deutsche Wirtschaft beizumessen. Es sei fraglich, c6 die Ersparnis von 1500 Millionen Praktisch auch nur eine einzige Steuererleichterung gestat­ten würde, und noch fragwürdiger sei der Heil­effekt dieser Ersparnis auf eine Wirtschaft, deren Produktionsvolumen sich auf mehr als 60 Mil­liarden Mark jährlich belaufe. Die Washingtoner Aktion könnte sogar zum wahren Llnglück für Deutschland werken, wenn sie die Gemüter ein­lullte und ihnen suggerierte, jetzt werde schon wie­der alles von selbst ins Gleis kommen. Richts be­rechtigt zu dieser Illusion.

DieWelt am Montag" fragt:Wann geht Brüning nach Frankreich?" Das Blatt be­zeichnet es als erste Rotwendigkeit für Europa, daß an Stelle der bisherigen Konfliktsanhäufung zwischen Deutschland und Frankreich vertrauens­volle Zusammenarbeit trete.

Jetzt handele es sich darum, das (Elfen zu schmieden, solange es heiß sei. Amerikas Prä­sident habe guten Willen bekundet. Dem müsse der gute Wille Europas entsprechen.

Amerika habe eine Fanfare geblasen. Aus Europa müsse ihr die Fanfare antworten: Deutschland und Frankreich wollten sich endgüllig verständigen! Ge­schehe das, so werde das Weltfeierjahr Hoovers zum Weltfriedensjahr.

Das Echo in England.

Mittwoch Kabinettssihung in London.

2 ondon, 22. Juni. (WTD.) Das britische K a- b i n e t t wird sich in seiner nächsten Sitzung am Mittwoch mit dem Moratoriumsvor­schlag des Präsidenten der Vereinigten Staaten befassen.

Erklärungen führender Persönlichkeiten.

London, 22. Juni. (WTB.) Mehrere füh­rende Persönlichkeiten des briti­schen öffentlichen Lebens haben bereits gestern zu dem Vorschlag des Präsidenten der Vereinigten Staaten Stellung genommen.

Premierminister Macdonald und Schah­kanzler Snowden, der gestern abend nach Dow­ning Street zurückgekehrt ist, haben es allerdings abgelehnt, sich zu dem Manifest Hoovers zu äußern.

Der Straatssekretär für die Dominions, Tho­mas, dagegen beschäftigte sich gestern in einer Rede mit dem Vorschlag Hoovers, in der er sagte,

es gebe nichts, was jeden ManU und jede Frau und jedes Kind mehr erfreuen würde. Hoovers Schritt fei der erste, aber notwendige Schritt zur Erholung der Welt.

Wenn sich der amerikanische Vorschlag verwirk­liche, und er hoffe, er werde sich verwirklichen, so bedeute dies, daß Amerika endlich erkennt, daß keine Ration von der anderen unabhängig ist.

Der Wirtschaftler Sir Josiah S t a m p erklärte: Vom amerikanischen Standpunkt aus gesehen ist es das Beste, was die Vereinigten Staaten für das Wiederaufleben des Handels in der Welt tun könnten. Für Deutschland ist es unbedingt wesentlich, daß es innerhalb d^r nächsten Monate Hilfe erhält.

Der Vorsitzende des Gewerkschaftskongresses, H a y d a h , nennt die Aktion Hoovers einen aus­gezeichneten Vorschlag, der, wenn er weiter ausgebaut werde, die gegenwärtige Welt­depression beenden würde.

Eine endgültige, fei es völlige oder teilweise Streichung der Schulden und Reparationen, würde sowohl Amerika, als auch den Schuldner­nationen zugute kommen.

LloydGeorge gab der Lieberzeugung Aus­druck, daß Hoovers Schritt sehr wesentlich zur Behebung der Weltwirtschaftsnot beitragen werde.

Zustimmung in der presse.

London, 22. Juni. (WTD.) Das Manifest des Präsidenten der Vereinigten Staaten, das von der Presse übereinstimmend als

das wichtigste Ereignis in Europa seit dem Waffenstillstand

Gießener Konzertverein.

Orchester konzert in der Bolkshalle.

Stellt man den Eindruck des letzten Konzertes und auch die Darbietung von BachsKunst der Fuge" im Vorjahre mit den früheren Leistungen des Gie­ßener Orchestervereins in Vergleich, so wird man einen ganz außerordentlichen, ja fast rapid zu nennenden Fortschritt feststellen können. Die Erwartungen, die vor Jahren gelegentlich des Symphoniekonzertes unter Prof. Brückner aus­gesprochen wurde, sind durchaus erfüllt worden: unter der führenden Hand von Universitätsrnusik- direktor Dr. Stefan Ternesvary ist durch straffe Zusammenfassung und Disziplinierung der an sich befähigten einzelnen Kräfte ein sehr beachtlicher Klangkörper geworden, der schon jetzt größeren Auf­gaben gewachsen erscheint, und der in seiner wei­teren Fortentwicklung zu den allerbesten Hoffnun­gen für das Gießener Musikleben berechtigt. Der Zusammenklang war rein, voll und ausgeglichen; in der dynamischen Abstufung war er nachgiebig, stets gesättigt und edel; die Akzente zeugten von starker Leuchtkraft. (Wir haben hier in Gießen schon auswärtige Orchester gehört, die nicht alle diese Vorzüge aufwiesen.) Ganz geringen, nur gelegent­lichen Stimmungsschwankungen im Zusammenklang der Hölzbläser wäre noch besondere Aufmerksam­keit zu widmen.

Dem volkstümlichen Charakter der Veranstaltung entsprach die Auswahl der Werke, die sämtlich in ihrer Struktur leicht erfaßbar und auch für den weniger geübten Hörer leicht eingänglich waren. DieAkademische Fe st Ouvertüre" von Joh. Brahms, eine Dankesgabe des Meisters an die Breslauer Universität für die Verleihung des philosophischen Ehrendoktors, läßt Blicke tun in das innere, vaterländische Erleben der Studenten im vorigen Jahrhundert. Unter diesem Gesichtspunkte wird man die volkstümlichen Motive, Studenten­lieder, als geistige Symbole werten und so dem Werk den Charakter einer symphonischen Dichtung geben können. Brahms weiß das melodische Gut überaus fein pointiert zu behandeln und mit vielen musikalischen Feinheiten auszugestatten; er trifft ebenso den Ton des Burschikosen wie auch des Feierlicken. Dr. Ternesvary hatte dem Werk eine seyr sorgfältige Durcharbeitung zuteil werden lassen. Das erwiesen die feinen klanglichen Ab­stufungen im Thematischen, dem vielleicht noch stel­

lenweise eine noch stärkere Beleuchtung erwünscht gewesen wäre; das zeigte die Herausstellung der großen Steigerung zumal am Schluß. Der Blech- körper war ausgeglichen und klangschön abgetönt, das Rhythmische erfuhr scharfe Ausprägung. Die Uebergänge zumFuchslied" in den Holzbläsern stehen in der Partitur alsTriolen" verzeichnet, hier wurden sie alsDuolen" gebracht.

In Bizets SuiteL A r 1 £ s i e n n e" sind besonders wertvolle Sätze der Musik, die Bizet zu dem gleichnamigen Drama von Daudet geschrieben hatte, zusammengefaßt. Der eigenartige proven?a- lische Charakter der Dichtung hat djxsem Werk be­sondere Züge verliehen. Das von einem marsch- artigen Rhythmus beherrschte Präludium steigert sich zu leidenschaftlichem Aufwallen. Mit besonderem Reiz erschlossen sich bei der Aufführung die Zwi­schensätze mit ihren satztechnischen Feinheiten in der solistischen Behandlung der Instrumente, nament­lich der Klarinette und des Cello. Im Menuettsatz kamen die Nuancierungen der Instrumentation trefflich zur Geltung. Das Adagietto zeigte den ge­dämpften Streichkörper in der Abstufung des Klanges bis zum ätherischen Entschwinden. Der letzte Satz (Carillon) lieh das Melodische auf dem Untergründe des in den Hörnern durchgesührten Glockenmotives sich stimmungsvoll entfalten; in dem pastoralen Zwischensatz war die Thematik der Holzbläser nicht immer mit der erforderlichen Klar­heit erkennbar.

Liszts zweite Ungarische Rhapsodie gilt für weiteste Kreise wohl als das bekannteste Werk des Meisters. Die hohen technischen Anfor­derungen, die das Werk stellt, vermochte das Or­chester durchaus zu erfüllen; ja, die Kadenzen wur­den in braoouröfter Art durch die Klarinette durch­geführt. Dr. Ternesvary gab den einzelnen Themen durch feine Differenzierung des Tempos ganz besondere Wirkung. (Erfüllt mit starkem Tem­perament, löste das Werk eine zündende Wirkung aus.

Bei der Solistin, Frl. Edeltraut Raab, entzieht es sich der Beurteilung, wie weit ihre Leistung durch innere Hemmungen beeinflußt wurden. Sie zeigte wohl technisches Können, aber in der musikalischen Erfassung und Durchdringung des k-Moll-Konzertes von Fr. Chopin blieb mancher Wunsch offen. Mit der Begleitung des Konzertes legte das Orche­ster dafür Zeugnis ab, daß es auch auf diesem Ge­biet sehr erhebliche Fortschritte gegen die früheren Solistenbegleitungen aufweisen kann. Dr. H,

charakterisiert wird, findet die allgemeine Z u st i m m u ng der Blätter, die gleichzeitig die Rolle betonen, die der Besuch der deutschen Staatsmänner in Chequers dabei gespielt hat, die aber anderseits besorgt fragen, we l cheH a l- tung Frankreich einnehmen werde.

Daily Herald" betont, daß Hoover ge­rade noch zur rechten Zeit gehandelt habe. Roch einige Tage, und die deutsche Repu­blik würde dem endgültigen Bankerott gegenüber­gestanden haben. Washington, fährt das Blatt fort, habe sich der Lage gewachsen gezeigt.

Die Annahme des Vorschlags Hoovers stehl außer Frage. Rur in Frankreich zeigt sich Ver­stimmung bei denen, deren Wahlspruch ist, Deutschland niederzustohen, und sich den Teufel um die Folgen zu kümmern.

Aber Frankreich kann sich kaum der Isolie­rung und der Verurteilung aussehen, die die Strafe für seine Weigerung sein würde. Daher kann die Annahme des Vorschlages als gewähr­leistet angesehen werden, und dies bedeute die endgültige Abwendung derernstesten Krise, die Europa und die Welt in der Rachkriegszeit heimgesucht hat. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß der Vorschlag uns nur eine Frist gewährt, dah die Probleme verschoben, jedoch nicht gelöst sind. In diesen zwölf Monaten, die Hoover für uns gewonnen hat, müssen wir die Frage lösen. Die Arbeit muß sofort begonnen werden.

Rach den Ausführungen der ZeitungS c o t s- man", die die Initiative Hoovers warm und dankbar anerkennt, beweise das Vorgehen des Präsidenten, eine auch nur zeitweilige Einstel­lung der Kriegsschulden- und Reparationszah­lungen vorzuschlagen, ein beträchtliches Maß von Mut und Llnabhängigkeit.

Das Haupthindernis für die Annahme des Vor­schlages sieht das Blatt in dem unmittelbaren Opfer, das von Frankreich verlangt wird.

Financial Times" nennt den Plan Hoo­vers den Fall des Auhentores, was «in Erfolg von nicht geringer Bedeutung sei. Die innere Zitadelle habe aber noch nicht kapituliert.

Birmingham P o ft betont, daß Hoove» die Welt ausgefordert hat, einen Schritt zu unternehmen, der niemals rückgängig gemacht werden könne.

wenn das Rloratoriumsjahr gut verläuft, dann wird wahrscheinlich niemand bestrebter fein, es

zu wiederholen als die Gläubigernalionen.

Selbst eine einjährige Erleichterung für Deutsch­land unter diesen Bedingungen wird di« ge­samte Haltung Europas gegenüber dem Voung- plan berühren.

Daily Mail" nennt den Vorschlag Hoovers eineglänzende G e st e", währendTime s" ihn als eineweise Führung" bezeichnet. Wenn, so bemerktTimes", darauf rasch die klug vereinte Aktion anderer folgt, so müßt« dies eine Reihe von finanziellen Zusammenbrüchen verhindern, die das wirtschaftliche, soziale und po­litische Gefüge Europas bedrohen und deren Rück­stoß weit über seine Grenzen hinaus gespürt werden würde. ~*-

. Es fei Sache der Staatsmänner Europas, die die nächsten Schritte unternehmen müssen, ihr Aeußerstes zu tun, um die Vorschläge praktisch und dauernd zu machen. Ls dürfe keine Zeit verloren werden, wenn das Angebot vollkommen ausgenuht werden solle.

Auf jeden Fall müsse der Versuch, den europäischen Kontinent wieder in normale Verhältnisse zu brin­gen, unternommen werden, und je früher das unter­nommen werde, um so besser sei es. England wird, so schließtTimes", die Führung des Präsidenten Hoovers äußerst herzlich bewillkommen und unterstützen.

Will Frankreich Schwierigkeiten machen?

Gefährliche Stimmungsmache der französischen presse.

Halbamtliche französische Giellungnahme.

Paris, 21. Juni. (WTB.) Havas verbreitet heute folgende halbamtliche Mitteilung: In den autorisierten Kreisen weiß man die Bedeu­tung und die Hochherzigkeit der Geste der Ver­einigten Staaten wohl zu schätzen, betont aber die Rotwendigkeit, den Moratoriumsplan mit dem Voung-Plan in Einklang zu bringen. Ein Meinungsaustausch hierüber würde seitens der verschiedenen Regierungen vor dem eventuellen Zusammentritt einer internatio­nalen Konferenz, für die gegenwärtig noch kein Zeitpunkt festgesetzt werden kann, statt- finden müssen.

Oie Haltung der französischen Regierung?

London, 22. Juni. (WTB. FunkspruchL In feinem Bericht imDaily Telegraph" skizziert Per- tinax, der Pariser Korrespondent des Blattes, die Haltung der französischen Regierung gegenüber dem amerikanischen Vorschlag folgender­maßen:

1. Muß der Poungplan soweit wie möglich auf- rechlerhalten bleiben; Deutschland darf von feinen Zahlungen aus dem ungeschützten Teil der Reparationsannuität nicht befreit werden.

2. hinsichtlich des geschützten Teiles der deutschen Annuität wird die französische Regierung dar­aus bestehen, daß nach Ablauf des Morato­riums jede Verminderung der deutschen Zah­lungen, die inzwischen beschlossen sein könnten, eine Kompensation findet in einer gleichen Verminderung der Forderungen verschiedener Gläubiger.

Laut Pertinax glaubt man in Frankreich, daß die (Einberufung einer internationalen Kon - f e r e n 3 in nächster Zukunft nicht vermieden werden könnte, da die Vorschläge Hoovers roeitüber den -lahmen des Poungplanes hinausgingen.

Was die presse sagt.

P a r i s , 22. Juni. (WTB.) Die gestrig« Abend­presse bezeichnet die Initiative des Präsidenten Hoover als eine Tatsache von ungeheurer Bedeutung.T e m p s" erklärt, dieses sen­sationelle Angebot müsse eingehend ge­prüft werden.

Man müsse genauere Angaben über die Be­dingungen des amerikanischen Angebots ab- tvarfen. Denn es handle sich um ein Unter­nehmen, das nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine beträchtliche politische Bedeutung habe, hier könne der Beginn einer völlig neuen

Politik seitens Amerikas liegen.

Rotwendig allerdings sei, daß diese neue Politik nicht darauf abziele, von dem einen schweren und von dem anderen verhältnismäßig unbedeutende Opfer zu fordern. Wenn das Angebot des Präsi­denten Hoover von allen interessierten Regierun­gen angenommen würde, so würde es sich dabei um eine vorübergehende Regelung handeln, die automatisch eine Revision des Boung - Planes bedeuten würde und die man schwer­lich in der Form zurückweisen könnte, die man durch Verschiebung des Teiles der deutschen Zah­lungen um ein Jahr erreichen wolle, der die für die eigentlichen Reparationen bestimmten Annui­täten ausmache. Gerade hier habe Frankreich ein Wort mitzusprechen, und nichts könne ohne seineZustimmung geschGen.

DasJournal des Debats" erklärt: Der Inhalt der Hooverschen Vorschläge ist viel wichtiger, als deren Form und Durchführung. Sagen wir sofort, dah nad) unserer Ansicht

Die Llrvötker der Bienen.

Von Dr. h. c. X Francs.

Di« Biene ist schon so lange zum fleißigen und getreuen Haustier des Menschen geworden, daß man überyaupt nicht mehr hoffen durfte, etwas von ihrer natürlichen Stammesgeschichte zu er­fahren. Erst spät gelang es zwei deutschen Ge­lehrten, Fritz Müller und H. von I h e r i n g , das Leben der beiden wilden sozialen Dienen­arten zu beobachten, die Brasilien bewohnen und vielleicht die einzigen sind, die unabhängig vom Menschen noch nach uralten Gewohnheiten leben.

Es ist nun sehr interessant, zu vergleichen, was die menschliche Kultur mit ihren Bedürf­nissen an den Instinkten und Wünschen der Tiere geändert hat. Drei grundlegende Dinge scheinen bei unseren Hausbienen und den brasilianischen Meliponen und Trigonen gleich zu sein: das Honigsammeln, der Restbau und die hohe Kopfzahl eines Volkes. Aber auch hier sind be­deutsame Unterschiede. Zunächst sind besonders die Trigonen durch ihre Faulheit in ihrer Hei­mat geradezu sprichwörtlich. Sie stehen auch an den schönsten Tagen nicht vor 10 Uhr vormittags auf und mühen sich während ihrer Arbeitszeit auch nicht annähernd so viel wie unsere kleinen geflügelten Freunde. Das ist sehr leicht zu ver­stehen, wenn man erfährt, daß auch die Brut­pflege etwas ist, das sie mit der geringsten An­strengung zu erledigen pflegen. Richt nur, daß die ehrfurchtsvolle Verehrung und der große und anstrengende Hofdienst bei der Königin fehlt, der bei unseren Bienen beinahe schon einem Zeremoniell gleicht, und daß die arme Königin ohne weiteres in ihrem Winkel rücksichtslos ge­stoßen und weggepufft wird, wenn sie einer beladenen Arbeiterin sich gerade im Weg zu sein erlaubt. Die Brasilianer kennen auch die verschiedenen Unterschiede nicht, die unseren Die­nen beim Dau ihrer Kinderwiogen selbstver­ständlich sind. Anstatt dreierlei Zellen für Ar­beiterinnen-, Drohnen- und Königinnenlarven zu bauen, deren Insassen durchaus anders gepflegt werden, stellen die Trigonen und Meliponen nur eine einzige Art von Wiegen her, die fast bis obenan mit Honig und Blutenstaub voll- gefüllt, mit einem Ei belegt und dann sofort mit einem Deckel fest verschlossen wird. Don einer Pflege ist überhaupt keine Rede, und die junge

Biene erscheint durchaus solbständig, nachdem sie sich völlig entwickelt und den Deckel durchgenagt hat. Man sieht also, das Familienleben dieser wilden Waldbienen vollzieht sich in einer un­endlich viel primitiveren Art und Weise als bei unseren Hausbienen, zu denen sie etwa in einem Verhältnis stehen wie ein Südseeinsulanerstamm zu einem europäischen Großstädter.

Dieses selbe Verhältnis läßt sich auch bei den Bauten der' brasilianischen Bienen feststellen. Sie verlegen sie, wenn gerade kein geeigneter Baum aufzufinden ist, ohne weiteres in Gestrüpp oder Mauerlöcher, sogar drei bis vier Meter in die Erde, wo dann sehr sauber gehaltene und mit Wachs tapezierte Röhren angefügt werden. Bei allen oberirdischen Stöcken wird jedoch stets große Sorgfalt auf einen zuverlässigen Boden, eine feste Decke und sichere Wände angewendet, und die kleinen Baumeister lassen es sich nicht verdrießen, oft aus weiter Entfernung Lehm in ihren Höschen herbeizutragen und aus ihm regelrechte Mauern aufzuführen, in deren Vorderseite dann nur ein oft durch ein meterlang vorstehendes Wachsflugrohr verlängerter Eingang ausgespart wird. Dieses Anflugrohr wird übrigens gern durch eine Tür nachts über verschlossen und am Tage von einer strengen Wache behütet, die nicht nur fremden Dienen und sonstigen Insekten den Eintritt ver­wehrt, sondern auch zu gelegener Zeit die sich herauswagenden Drohnen einzeln hinauswirft, denn die Meliponen und Trigonen haben noch nicht die barbarische Sitte der Drohnenschlacht zum Staatsakt erhoben.

Diese sehr schönen und int Innern sinnvoll und mit guter Raumausnützung eingerichteten Stöcke haben manchmal 60 000 bis 100 000 Bewohner mit fast ebenso vielen Zellen. Die Speiseräume ent­halten richtige Vorratstöpfe aus Wachs, die mit Honig und Blumenstand gefüllt, wie Fässer und Kisten nebeneinander aufgereiht sind. Sie er­reichen etwa die Größe eines Hühnereies, aber der ganze Stock besitzt nicht mehr als etwa 10 bis 15 Liter Honig, was verständlich macht, daß die Zucht dieser Bienen nicht als sehr rentabel gilt.

Dom Standpunkt der Raturerkenntnis aus sind die Meliponen und Trigonen ein selten klares Beispiel, daß die Rotwendigkeiten des 2ebens den Eigenschaftskreis der Geschöpfe bestimmen, und daß es überall Deränderungen der Lebens- gewohnheiten geben muß, wo die Umwelt infolge künstlicher oder natürlicher Ursachen eine andere ist.