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Rr. 272 Erstes Blatt
181. Jahrgang
Zreitag, 20. November 1031
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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Biehen.
Die Zuhörer des pariser Gesprächs.
Außenpolitische Umschau.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Äerlin.
Wie ist das Bild in den großen Staaten, die jetzt den deutsch-französischen Gesprächen zuhören, ohne selbst in diese einzugreifen und an ihnen doch auf das Höchste interessiert sind?
, Für England ging es aus den Beden bei Eröffnung des Parlaments hervor. Zweierlei ist nachzutragen. Nichts Wirtschaftliches, aber von höchster Wichtigkeit. Das eine: wenig bemerkt wurde in der Thronrede die Ankündigung, daß den großen Selbstverwaltungskolonien jetzt durch das Parlament „Westminster-Statute" gegeben würden. Das bedeutet die Ausführung des Beschlusses der letzten Aeichskonferenz: die Dominions sind, wenn diese Gesetze angenommen sind, auch formell unabhängig und souverän. Alles richtig, was über den trotzdem bleibenden Zusammenhang zwischen Mutterland und Kolonien gesagt wird, aber -- ein Bundesstaat ist das „British Empire" nicht mehr! Es ist ein Staaten» bund, und wenn die Fragen an das Leben gehen, wie jetzt die des Beichsschuyzolles, so wird das Leben, das nächste Leben, das selbständige und autonome Interesse der Selbst- verwaltungskolonien entscheiden. Das ist natürlich nach jeder Richtung von größter Bedeutung. Das andere: nach fünf Wochen Beratung ist die Indien-Konferenz fast gescheitert. Rur ein kaum mehr zu erwartendes Nachgeben der Mohammedaner in der Kommünalfrage hat verhindert, daß sie jetzt erfolglos auseinanderging. Trotzdem ist ein positiver Abschluß fraglich. Das ist nun beinahe noch wichtiger; aber England ist so ausschließlich von den eigenen Nöten beschäftigt, daß ihm die Indienfrage heute in zweiter Neihe steht.
Daß Italien tief in der Wirtschaftskrise ftedt, ist nichts neues. Neu aber und inter- elsant ist, wie jetzt in ihrem Gefolge seine größte Bank, die „B anc.a Commerciale d'I ta - E t a", ihren ganzen Industriebesitz abgestoßen hat, so also saniert worden ist mit Staatshilfe. Der Staat entlastet diese Bank, die die Haupt- trägerin der faschistischen Industriepolitik war, von diesem illiquiden Besitz. Mit einem Wort: der Staat, der bisher schon die Wirtschaftskrise weniger durch Arbeitslosenunterstützung als durch Produltionsunterstützung bekämpft und dazu die Banken an die Industrie große Kredite hatte geben lassen und diese gestützt hatte, greift noch weiter in die Wirtschaft e i n. Derselbe Staat hat auch den Z u s a m m e n- schluß der größten italienischen Reedereien jetzt durchgeführt. Die Schifffahrt war schon durch fortlaufende Subventionierung in Abhängigkeit vom Staat gekommen. Der Staat veranlaßte diese Fusion, die auf dem Gebiete öct Gcohschiffahrtstonkurrenz natürlich auch von besonderer Wichtigkeit sein wird.. Mussolini hat in jener großen Rede in Neapel von „Trennungswänden" gesprochen, gebildet von Gruppeninteressen oder von Cinzelinteressen, die im Interesse der Nation „zertrümmert werden würden. Der Korporationsminister B o t t a r i hat das soweit gedeutet, daß „das Ende des Kapitalismus' gekommen sei und die kor- horative Wirtschaft nun Wege gehen müsse, die irgendwie zum S t a a t s s o z i a l i s- mus oder zum Bolschewismus fuhren würden". Das ist übertrieben, aber es kennzeichnet eine Tendenz für den Kampf mit der Weltwirtschaftskrise, die eigentlich nicht überraschen kann. Mussolini kommt ja vom Sozialismus her, und den Faschismus leitet die Grund- Einstellung, daß der Staat die Wirtschaft he stimme, ungemein. So zeigt das Bild Italiens jetzt einen bemerkenswerten Zug, von dem wir glauben, daß er immer stärker werden wird. Der Staat hat auch hier noch (wie in Rußland) viel Aufbauwerk als möglich vor sich, deren- gleichen in England und Deutschland l ä n g st getan ist. Was in Rußland industrielle 3 u - lückgebliebenheit ist, wird in Italien durch ein lehr hübsches treffendes Wort bezeichnet, nämlich, daß „die Faulheit der Ahnen das iMüd der Enkel" sei.
Der Konjunkturrüdgang in den Bereinigten Staaten will sich nicht ändern. Man ist unter den Tiefstand von 1921 schon erheblich her- abgesunken. Die Rentab. .tat ist in scharfem Rückgang. Das „Regime Ford" - der Ausdruck ist ohne weiteres klar — ist a m C n d e: die Idee daß hohe Löhne hohe Kaufkraft verbürgen und daß man möglichst weit technisieren müsse, um Arbeitskräfte zu ersparen. Die Dank zu sam- inenbrüche gehen in die Zehntausende. Die Goldexporte nach dem Ausland haben wieder zugenommen: feit der Abwendung Englands von der Goldwährung hat Amerika 3,5 Milliarden Reichsmark an Gold abgegeben davon rund die Hälfte effektiv exportiert. Die Krise ist permanent und man ist einfach ratlos in bezug auf die Mittel ihrer Bekämpfung. Konstruktives und Neues kommt auch in den Kundgebungen Hoovers nicht zutage. Die Finanzeinrgung mit Laval, die zunächst Frankreichs Guthaben stillhält, ist doch nur eine Hilfsaktion. Borahs Äußerungen, so sehr sie hallen, einen positiven Ge- banken für Amerikas tatsächliche Politik enthalten
Oeuischland stellt den Antrag auf Einberufung des Sonderausschusses der BZZ.
Einiqunq in Paris. — Ein deutsches Memorandum an die BIZ. — Werden die Privatschulden in die Prüfung der deutschen Leistungsfähigkeit einbezogen?
Berlin, 19. Rav. (MTB. Amtlich.) Botschafter von Hoesch stattete heute um 14 Uhr dem französischen Ministerpräsidenten Laval einen Besuch ab. Dabei wurden die gegenwärtigen Besprechungen über die Vorbereitung der Einberufung des im Zoungplan vorgesehenen Sachoer st and igenausschusses zur Nachprüfung der Leistungsfähigkeit Deutschlands zum Abschluß gebracht.
Die Reichsregierung hat beschlossen, nunmehr den Antrag au f,(Einberufung des Sonderansschusfes zu stellen. Der Antrag wird im Lause des Freitags der B 3 3- i n Bafel und den Regierungen der Gläubigerländer i n Form eines Memorandums übergeben werden, das die Ursache und den Zweck des Antrags darlegt. Der Wortlaut des Memorandums wird veröffentlicht werden, sobald es der B3Z. in Basel und den Gläubigerregierungen übergeben ist.
wie WTB. ferner hört, hat der A u s s ch u h d e r deutschen Schuldner sich gleichzeitig an die an dem Stillhalteabkommen beteiligten Ausschüsse der ausländischen Gläubiger gewendet und im Hinblick auf den Ablauf des Stillhalteabkommens am 29.Februar 1932 den Beginn alsbaldiger Verhandlungen über eine Neuregelung vorgefchlagen.
Dem deutschen Antrag auf Einberufung des Sonderausschusses bei der DIZ., ist, wie die „DAZ" berichtet, ein Begleitschreiben der Reichsregierung beigefügt, das vier Schreibmaschinenseiten umfaßt. Cs gibt eine historische Darstellung des Derlaufs der deutschen und internationalen Wirtschaftskrise. Es beginnt mit den schweren Erschütterungen, die das deutsche Wirtschaftsleben im Sommer d. I. erlitt, leitet dann auf die Hooveraktion über und verweist auf die wichtigsten Feststellungen derLon- doner Konferenz. Das Schreiben geht ferner auf die Ergebnisse der Untersuchungen des Wiggin-Comitös ein und stellt fest, daß sich inzwischen die internationale Krise und damit auch die Lage Deutschlands noch wesentlich verschlechtert haben. Es sei daher notwendig, das ganze Problem in feiner Gesamtheit zu prüfen. Hierbei wird darauf angespielt, daß es nicht bloß die Aufgabe des Poungausschusses sein könne, innerhalb der im alten Vvungplan vorgezeichneten Grenzen zu arbeiten, sondern daß auch die Frage der privaten Verschuldung einbezogen werden müsse.
Die „D o s s i s ch e Z t g." will dagegen berichten können, daß man einen bestimmten Auftrag für den Sonderausschuß der IZB. nicht f e st g e l e g t hat, sondern ihm bei seinen Beratungen freieHand zu lassen wünscht. Das bedeutet, daß nicht ausdrücklich ein Recht des Ausschusses verlangt wird, auch dasPro- blem der deutschen Privatverschuldung zu überprüfen, d. h. also, daß keine formale Erweiterung der Ausschuß r e ch t e von vornherein vorgesehen ist, aber diese Notwendigkeit zur Beachtung der gesamten deutschen Zahlungsbilanz ergibt sich aus dem Zusammenhang von selb st.
Die Notenbankpräsidenten werden nun zunächst, so schreibt das Blatt weiter, wie es Im Poungplan vorgesehen ist, die Mitglieder des Beratenden Sonderausschusses zu e r n e n n e n haben. Bon der A u s w a h l dieser Persönlichkeiten, über die Verabredungen bis jetzt nicht getroffen sind, wird wahrscheinlich zum guten Teil das Tempo und die weitere Entwicklung abhängen. Keine neuen deutschen Sachlieferungen.
Berlin, 19. Nov. (CNB.) Die Meldung eines Berliner Bo'rmittagsblattes, Frankreich plane neue Reparationsaufträge in Höhe von 81 Millionen Mark an Deutschland zu vergeben, ist, wie an zuständiger Stelle festgestellt wird, unzutreffend. Derartige neue Sachliefe- rung'saufträge kommen schon deshalb nicht in Frage, weil keine Finanzierungsmöglichkei-
t c n bestehen. Bei den ermähnten 81 Millionen handelt es sich um ein Guthaben, das Frankreich bei Beginn des Hoover-Fahres b e i d e r B I Z. gehabt hat. Ein Teil dieses Guthabens, der jetzt frei geworden ist, da alte Verträge nicht zur Ausführung gelangten, wird bestimmunasgernäß zur Erledigung laufender Aufträge verwandt. Reue Aufträge sind nicht erteilt worden.
England fordert eine umfassende Regelung.
Gegen die'Porzugöbeßatidlung der Tribute.
London, 19. Nov. (SU.) In einem Leitartikel wendet sich „ F i n a n c i a l N e w s" scharf gegen die vom „Temps" und anderen französischen Zeitungen vorgebrachten Beweisgründe für die französische Forderung, daß die Tribute den Vorrang vor den eingefrorenenKre- d i t e n haben müßten. Das Blatt lehnt die französische Behauptung ab, daß die englischen und
amerikanischen Bankiers Deutschland über den tatsächlichen Bedarf hinaus Geld zu hohen Zinssätzen geliehen und hierdurch zur Verschärfung der deutschen Krise beigetragen hätten. Hiermit widerlege der „Temps' keineswegs die Notwendigkeit, Deutschlands Kreditfähigkeit Wiederherz u st eilen. England müsse Darauf bestehen, daß Die deutsche Schuldenfrage in Ihrer Gesamtheit behandelt werde. Die Lösung dürfe sich nicht nur auf die wirtschaftliche Tpiedererholung Deutschlands erstrecken, sondern müsse alle Länder umfassen. Dies könne man aber nur erreichen, wenn die Forderung des „Temps", daß jedes Land seine eigenen Rechte und Interessen verteidigen solle, zugunsten einer klügeren und großzügigeren Politik a b g e l e h n t werde. Der Wirtschaftspolitiker Sir W. L a v t o n kritisiert den neuen Zeitverlust, der durch die langen diplomatischen Verhandlungen entstehe. Wichtiger als alle politischen Probleme sei die Frage, o b d i e Privatschulden bezahlt werden sollen oder nicht.
Der mandschurische Krieg und die Mchle.
Japan gibt nicht nach.
Soll der Bölkerbuudsrat ohne Zustimmung der Parteien entscheiden *?
Paris, 19.Nov. (WTB.) Außenminister Brian d hatte heute nachmittag Unterredungen mit dem japanischen Botschafter in London, M a t s u d e i r a, dem japanischen Botschafter in Paris, Poshi- zawa, und dem chinesischen Völkerbnndsdelegier- ten Dr. S z e. Poshizawa hat Briand eine schriftliche Antwort auf die an ihn gestellten Fragen erteilt. Es verlautet, daß Japan darin erklärt, daß es d i e Mandschurei nicht räumen werde, bevor ein neuer zwischen China und Japan direkt zur Verhandlung gelangender Vertrag unterzeichnet sein werde, der die bestehenden Verträge einschließlich der von der japanischen Delegation kürzlich ausgesührten Punkte b e st ä t i g t.
Die japanische Regierung könne sich keinesfalls mit den Erklärungen zufrieden geben, die der chinesische Delegierte Dr. S z e am 14. November über die Achtung der Verträge durch China abgegeben habe, denn diese Erklärungen böten für Japan keine G a r a n t i e. In der nichtöffentlichen Sitzung der Völkerbundsratsmitglieder wurde die Frage eines Waffen ft ill st andes und die Frage der Entsendung einer Unter- s u ch u n g s k o m m i s s i o n erörtert. Journal des Dsbats will aus sicherer Quelle erfahren haben, daß der japanischen Regierung vom Völkerbund im Einvernehmen mit General Dawes der Vorschlag gemacht worden sei, diese Enquete-Kommission zu beauftragen, sich nur über folgenden Punkt zu äußern. Ist China fähig, die Sicherheit der japanischen Staatsangehörigen in der Man- dschurei und ganz allgemein in China zu gewährleisten? Da Artikel 11 der Völkerbunds»
Während man in Paris über einen Friedensschluß verhandelt: — Blick in ein japanisches Feldlazarett, wo verwundete chinesische Gefangene verbunden werden.
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sie auch nicht. Der Angriff des Vorsitzenden des Dank- und Währungsausschusses im Kongreß, Mac Fadden, gegen Hoovers Frank-Politik und mit der Anerkennung des deutschen Widerstandes ist sehr schön, verpufft aber ebenfalls. Hoover selber weiß zum Danksagungstag des 26. November nichts besseres zu sagen, als daß das Volk „vorübergehend von einem gewissen Maß von Mißgeschick betroffen feil" Kann man sich dann wundern, daß die gewaltige Großmacht Amerika die Weltwirtschaft und den Kampf gegen die Krise so gar nicht vorwärts treiben kann?
Zuletzt Frankreich. — Ist es glücklich? In Paris allein rechnet man mit 150 000 Doll- arbeitslosen, dazu die Kurzarbeiter und die aus der Arbeitslosenunterstützung schon Ausgesteuerten (diese Unterstühung wird nur 180 Tage gewährt). Man weiß zunächst keinen andern Ausweg als Abschiebung der ausländischen Arbeitskräfte auf Grund der Be
stimmung, daß die Wirtschaft nur 10 Prozent ausländische Arbeiter beschäftigen darf. Daß Geld in Noten und Gold seit Wochen schon gehamstert wird, weiß man. Weil die 20-Frank°Goldstücke aus dem Verkehr gezogen werden, wird jetzt Gold in Darren von der Dank von Frankreich gekauft und in den Strumpf gesteckt. Die Danken müssen mit Barmitteln immer höchst liquide sein und sind in Schwierigkeiten, weil Geschäfte eigentlich nicht zu machen sind. Anleihen sind nicht unterzubringen, Streöitc nicht zu bekommen. Glücklich kann man diese Situation auch nicht nennen. Nur die ewige Forderung auf S i - cherheit — das ist im heutigen Wirrsal zu wenig. Konstruktive Gedanken gegen die Weltwirtschaftskrise sucht man auch in Frankreich vergebens. Man fand solche av(d) nicht auf dem großen Kongreß der Radikal » Sozialisten, mit denen Herriot wieder ausstieg. Der Kongreß hat sich eine außenpolitische Wahl-Plattform gegeben, nur wird darum erst im Frühjahr
1932 gewählt. Äenn das wirklich die „Regierung Frankreichs von morgen“ sein soll, so haben wir es einstweilen mit der Regierung Laval zu tun, die unter dem ausschlaggebenden Einfluß der rechten Mitte und der Rechten in Politik und Wirtschaft steht. Unö wenn es auf das Entscheidende ankommt, ist in Frankreich in der Außenpolitik doch eine geschlossene Front da.
Bei dieser flüchtigen Hebersicht finden wir — man möge sachlich dazu stehen wie man wolle — konstruktive Ideen am ehesten noch in Italien. Ein Ringen darum mit wenig Klarheit und Linie in England und nichts davon in Frankreich und Amerika. Wie soll man da in der internationalen Zusammenarbeit im Ernste fachlich weiterkommen, wenn nicht ein ganz entschlossener Stoß von Deutschland ausgeht, wo, wie wir meinen, mindestens die Bereitschaft für konstruktive Ideen wohl am größten ist?


