Ausgabe 
20.10.1931
 
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Sodingen

Morsthausen^Zeche WCenis

Nr. 245 Erstes Blatt

181 Jahrgang

Dienstag, 20. Oktober

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vn'ck und Verlag: vrühl'sche Universitätr-Vuch- und Zteindruckerei 8. Lange in Giehen. Zchriftleltung und Geschäftsstelle: Zchusstraße 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst DIumfchein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Giehen.

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Meine Aufgabe.

Don General a D. Dr. h. c.WiihelmGroener, Reichswehr« und ^eichsinnenminister.

Wir müssen im kommenden Winter alle Kräfte anspannen, um den inneren Bestand des Reiches, die Autorität des Staates und die wirtschaftlichen Grundlagen unserer Existenz so zu festigen, daß das deutsche Volk und mit ihm die Reichsregierung in der Lage sind, in klarer Erkenntnis der Gröhe der Entscheidungen Opfer für eine freie Zukunft zu bringen. Diesem Leit­gedanken, dem der Herr Reichskanzler schon in seiner Reichstagsrede Ausdruck gegeben hat, müssen alle unsere Handlungen untergeordnet werden. Die Bereinigung wichtiger staatlicher Machtmittel des Reiches in meiner Hand ist heute mehr als zuvor eine Rotwendigkeit, die wir zur Stärkung und Verdeutlichung der Auto­rität des Staates und zur Erfüllung der schweren Aufgaben des Winters brauchen.

Als Reichswehrminister habe ich darauf ge­haltem daß die Wehrmacht als sicherer Hort der staatlichen Ordnung unbeirrt von den Wand­lungen der Tagespolitik ihren Weg geht, und schon allein durch ihre Existenz zum Ausdruck der inneren Sicherheit des Staates und der Verfassung wird. An dieser Aufgabe der Wehrmacht ändert sich nichts. Ich lehne es ab. von dieser Linie abzuweichen, und zwar die Wehrmacht als Polizeitruppe des Reichsinnen­ministers verwenden zu sollen. Ihre vornehmste Aufgabe bleibt, den Staat gegen Angriffe von außen zu schützen und kraft der unzulänglichen Wittel,-die uns die Verträge gelassen haben der lebendige Ausdruck des Wehr­willens des ganzen Volkes zu sein. Ebenso wie ich als Reichswehrminister gegen jeden Versuch einer Politisierung der Wehr­macht gekämpft habe, werde ich als Reichsinnen­minister dafür sorgen, daß die personelle Ver­bindung mit einem Ressort, das vornehmlich politische Aufgaben zu erfüllen hat, an der über­parteilichen Linie der Reichswehr nichts ver­ändert.

Je stärker die politischen Spannungen im In­nern werden, je weiter die Spaltung des Volkes in zwei Lager betrieben wird, desto wichtiger wird die Aufgabe der Staatsführung, alle ausbauwilligen Kräfte zu positiver Mitarbeit heranzuziehen. Das gemein­same Ziel erfordert aber, daß der Willkür in der politischen Betätigung Schranken gezogen werden, wenn sie auf den gewaltsamen LI m st u r z der Verfassung und auf die Ver­nichtung unseres Staatswesens und unserer Kul­tur im Bolschewismus gerichtet ist. LInsere Ehre erfordert die Bekämpfung von Versuchen, durch Denunziationenund böswilligeDif- famierung das Ansehen des Deutschen Rei­ches herabzusehen und die Bekämpfung einer politischen Kampfweise, die sich in Hetze und Verunglimpfung der Einrichtungen des Staates und seiner führenden Persönlichkeiten erschöpft. Das Ansehen des Deutschen Reiches erfordert, daß Terrorakte gegen politischeGeg- n e r und blutige Auseinandersetzungen von Volksgenossen untereinander unmöglich gemacht werden. Ich werde mich nicht scheuen, zur Er­füllung dieser Aufgabe im Rotfalle drako­nische Ausnahmebestimmungen vom Herrn Reichspräsidenten zu erbitten.

In diesem Geiste werde ich die zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen erlassenen Berordnungen handhaben. Es wird meine Aufgabe Jein, die gerechte Anwendung der Bestimmungen sicherzustellen. Ich a dabei, daß die überwiegende Mehrheit der ,d)en Presse, der politischen Parteien und Ver­bände durch die Achtung dieser Grenzen den poli­tischen Kamps unter das sachliche Ziel der Existenz und der Freiheit des Deutschen Reiches stellen, und damit dem verfassungsmäßigen Recht der freien Mei­nungsäußerung seine Bedeutung wiedergegeben wird. Dann wird es auch möglich fein, die Fülle der einengenben Bestimmungen abzubauen und die Grenzen politischer Betätigungsmöglichkeiten klarer zu gestalten. Ich erwarte davon eine größere Rechtssicherheit aller beteiligten Kreise und nicht zuletzt eine Freimachung der polizeilichen Or­gane für ihre eigentlichen Aufgaben. Es muß eine Ehrenpflicht der einzelnen politischen Gruppen werden, in ihren Reihen Selbstdisziplin zu halten und Ausschreitungen zu verhindern. Dann kann sich die Polizei darauf beschränken gegenüber Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten öorzugehen. Dafür werd» ich allerdings mit meiner ganzen Kraft sorgen, daß, wenn die Staatsgewalt eingesetzt werden muß sie auch in aller Härte durchgreift. Die Polizeibeamten in ihrem schweren, aufopferungs. vollen Dienst gegen WL rstände und Terrorakte zu schützen, betrachte ich als eine Pflicht des Staates, zu deren Erfüllung die schärfsten Handhaben ge- schaffen werden müssen.

3e mehr wir einen fruchtlosen Kampf im Innern vermeiden und verhindern, desto mehr können wir die Kräfte einsetzen zurLIeberwindungder Rot durch positive Maßnahmen. Eine der wichtigsten Aufgaben, die uns neben den wirt­schaftspolitischen Maßnahmen der Reichsregte- tung der Rotwinter stellt, sehe ich in der L i n d e - rungderleiblichenundseelischenRot der jugendlichen Erwerbslosen. Die organisatorischen Möglichkeiten und die Geldmittel für diese Aufgabe sind zu gering, um von Staats wegen allein wirksame Maßnahmen schaffen zu können. Allen Verbänden und Gruppen, die Ju­gendliche in ihren Reihen haben, erwächst die Auf­gabe, in dieser Frage positive Mitarbeit

zu leisten. Es wird meine vornehmste Aufgabe als Reichsinnenminister sein, alle Bemühungen und Versuche, die gemacht werden, um d i e I u - ge nd von der Straße wegzubringen, sie zu Zucht und Ordnung zu erziehen, sie körperlich zu ertüchtigen und in ihrer geistigen Haltung wehrhaft zu machen, so weit wie möglich zu unterstützen. Die in meiner Hand vereinigten Machtmittel des Staates sind stark ge­nug, um der Betätigung der aufbauwilligen Kräfte im Volke weiten Spielraum zu lassen. Die Jugend braucht Ideale. Sie soll die Freiheit haben, für sie au leben, wenn sie nicht gegen den Staat gerichtet sind, sondern auf Deutschlands Zukunft.

Rachklänge zur Braun­schweiger GA.-Tagung.

Braunschweig, 19. Okt. (TU.) Bei dem nn= tionalfozialistischen Treffen, das, wie jetzt partei­amtlich gemeldet wird, 104 000 SA.-Leute in Braun­schweig zufammenführte, kam es verschiedentlich zu Zusammenstößen, die insgesamt 2 Todes­opfer forderten. Unter dem Verdacht, den Arbeiter Fischer erstochen zu haben, wurde ein Mann aus Plauen verhaftet. Auf dem Klint rourbe ferner ber Arbeiter Engelke b u r d) einen Bauchschuß töblich getroffen. Rach bem Polizeibericht finb insgesamt 60 Personen bei Zusammen­stößen teils schwer, teils leicht verletzt worben. Der Behörbe war bekannt geworben, baß etwa 40 Jungkommuni st en von außerhalb

nach Braunschweig gekommen waren, offenbar in ber Absicht, Unruhe zu stiften. Sie mürben sest- genommen und über bie Stabtgrenze abgescho­ben. An einer Stelle würben zwei Kraftwagen von Kommunisten mit Steinen beworfen. Bei einem weiteren Zusammenstoß würben zahlreiche Fenster­scheiben zertrümmert. Die politischen Zwischenfälle setzten sich auch Montag fort. Es kam wieberholt zu Zusammenstößen zwischen abreifenben National­sozialisten unb Gegnern, bei benen bie Schutzpolizei zum Einschreiten gezwungen war

Das Braunschweitzer Ministerium b e s I n - 11er n teilt mit:Die von anberer Seite aufgestellte Behauptung, in Braunschweig hätten aus Anlaß bes SA.-Aufmarsches Straßenkämpfe getobt, entspricht in keiner Weise ben Tat­sachen. Es ist lebiglich hier unb bort zu Ansamm­lungen sowie zu Zusammenstößen von Personen gekommen, besonbers in ben Nachtstunben, bie burch politisch linksgerichtete Elemente verursacht waren. Die Aufrechterhaltung von Sicherheit unb Drbnung ist in keiner Weise gefährbet. Vielmehr ist bie Poli­zei in jeber Beziehung Herr ber Lage." Reichsinnen­minister Gr 0 ener hat im Zusammenhang mit von verschobenen Seiten erhobenen Beschwerben ben braunschweigischen Oefanbten in Berlin gebeten, einen authentischen Bericht über bie in Frage stehenben Vorgänge zu erstatten. Die Be­hauptung, bas Reichsinnenministerium erwäge, bie Polizeigewalt in Braunschweig in bie Hänbe bes Reichsinnenministers zu überführen, wirb von unterrichteter Seite als Kombination be­zeichnet.

Londoner Echo.

Großes Zntereife für die Braunschweiger Tagung.

Lo n b 0 n, 19. Ott. (ERB.) Von dem Interesse der Londoner Blätter an der national­sozialistischen Bewegung zeugt die Tatsache, dah mehrere Zeitungen Sonberkorrespondcn- t e n zu der Braunschweiger SA-Kundgebung ent­sandt hatten und daß alle übrigen Blätter aus­führliche Schilderungen ihrer Berliner Korrespon­denten veröffentlichen.Morning Post" sagt: Hitlers Aeußerung, wenn die»Rationalfozialisten die Rerven nicht verlören, werde es keine Macht in Deutschland geben, die sie niederhalten könne, wird vielfach als Zeichen dafür ausgclegt, daß in den Reihen der Rationalsozialisten Llnruhe darüber herrscht, daß ihr Führer nur legale und verfassungsmäßige Methoden anwenden will.Daily Telegraph" schreibt, die gestrige Kundgebung der Rativnalsozialisten sei ein Triumph der Organisation gewesen. Vielleicht habe es sich um eine Probe-Mobil­machung gehandelt. Waffen seien nicht getra­gen worden, aber abgesehen davon hätten die Versammelten den Eindruck einer zum Kampf or­ganisierten unb ausgebilbeten Armee gemacht. AuchDaily Mail" spricht von einer mit mili­tärischer Pünktlichkeit und Energie durchgeführten friedlichen Invasion.Daily Expreß" in Braun­schweig sagt, das Braunschweiger Treffen sei der eindrucksvollste Beweis der Kampfkraft des deutschen Faschismus gewesen, der bisher

Schwere Schlagwetterexplosion auf Zeche Mont Cenis

Recklinghausen

*-Wanne

Eicke!

^Altenhofen

XuNGLÜCKSSTELLE

Karte ber Unglücksstätte.

Herne, 19. Oktober. (WTB.) Aus ber Zeche Mont Lenis in Sodingen bei Herne ereignete sich gegen 8.30 Uhr in ber ersten westlichen Abtei­lung ber fünften Sohle Flöz A eine Explosion, ber zwölf Bergleute zum Opfer gefallen finb. 24 verletzte konnten von ben Rettungsmann.

gen oder Einschließungen von Berg­leuten kamen vor. Die Menge vor den Zechen­toren wartete immer noch auf weitere Rach­richten und glaubte nicht, daß das Unglück, das zunächst so.furchtbare Ausmaße zu haben schien, doch nur verhältnismäßig wenig Opser gefordert hat. Weinende Frauen, die um ihre Männör klagen, werden nach ihren Wohnungeii geführt. Auf dem Zechenplatz ist schon wieder, das ge­wohnte Bild, die Mittagsschicht ist bereits ein­gefahren.

Bedeutung bei, da der Bergmann an derartige Geräusche, die meistens von Gebirgsschlägen her­rühren, gewöhnt ist.

Als jedoch kurz darauf die bei Schlagwetter­explosionen charakteristischen Schwaden auftraten, wurde mir klar, in welcher Gefahr wir schwebten. Wir trafen sofort alle für solche Fälle vorgeschriebenen Maßnahmen, vor allem setzten wir das Gesteinsstaubverfahren in Be­trieb, wodurch es uns gelang, die an mehreren Stellen auftretenden Stichflammen zu er- sticken und so eine Kohlenstaubexplo­sion zu verhüten. Mit vereinten Kräften bemühten wir uns, die vergiftetenKnap- p e n , die noch Lebenszeichen von sich gaben nach dem Schacht zu bringen. Als bald darauf die Rettungsmannschaften vonMont Cenis" und den benachbarten Zechen mit ihren Sauerstoffapparaten am Llnglücksort erschienen, schritt das Rettungswerk schnell vorwärts, jedoch konnte nicht verhindert werden, dah zwölf brave Knappen das Leben lassen mußten und 24 andere mehr oder weniger schwer zu Schaden kamen. Die Toten sind zum weitaus größten Teil an Gasvergiftung gestorben, andere haben Brandwunden erlitten. In den Mittagstun­den konnte das Rettungswerk als abgeschlossen gelten. Eine genaue Durchsuchung der Llnglücks- stelle und der benachbarten Betriebspunkte ergab, daß keine Gefahr mehr besteht.

Offenbar lag eine Schlagwetterexplo­sion vor, die aber durch die vorzügliche Or­ganisation der Gesteinsstaubschranken auf ihren Herd beschränkt wurde. Von der Explosion selbst ist in der Grube so gut wie gar nichts beobachtet worden. Auch der Sachschaden ist sehr gering, und keinerlei Verschüttun-

Zwölf Tote und 24 Verletzte aus dem Llnglücksschacht geborgen. Oie Rettungsarbeiten abgeschlossen.

An Bord derIsle de France"

Laval auf der Fahrt nach Amerika. Washington für Wiederaufnahme der Schuldenzahlungen und Herabsetzung der Reparationen.

Blick auf bie Grube Mont Cenis.

schäften geborgen werden. Der größte leit bet ver­unglückten hat Gasvergiftungen unb schwere Verbrennungen bavongetragen. Einige von ihnen befinden sich in Lebensgefahr. Die Zeche zählt zur Zeit eine Belegschaft von 1800 bis 2000 Mann, bie sich über drei Schichten verteilen, von Ihnen waren 70 bis 80 Bergleute zur Zelt des Grubenunglücks in der betroffenen Sohle beschäf­tigt. Eine weitere Gefahr für bie noch unter Tage befindlichen Rettungsmannschaften besteht nach Mit­teilung des Oberbergamts nicht mehr. Auch ist nicht mit weiteren Opfern z u rechnen. Auf ber Zeche wird Dienstag morgen ber U n f a 11 a u 9 - schuß ber Grubensicherheitskominisfion eine Sitzung abhalten. Ls steht fest, daß es sich bei dem Unglück um eine Schlagwetterexplosion gehandelt hat, da bie verletzten Brandwunden bavongetragen haben.

Oer Augenzeugenbericht eines Gieigers.

Schnelles Rett»ngswerk Tie Mittagsschicht wieder eingesahren

Herne, 19. Okt. (TL1.) Lieber das Gruben­unglück teilte ein Steiger, der zur Zeit des Aus­bruches der Explosion in dem betreffenden Revier arbeitete, dem Vertreter derTLI." folgendes mit: Auf der fünften Sohle waren zur Zeit der Explo­sion 60 Mann beschäftigt. Gegen 8.30 Llhr ver­nahm ich in einem etwa 50 Meter entfernten Streb unterhalb meines Arbeitsplatzes einen leisen Knall, legte dem aber keine besonders große I

Paris, 19. Okt. (TU.) Sonntag hatte der fran> zösifche Ministerpräsident Laval eine längere Un­terredung mit dem französischen Sachverständigen Rist, der ihn über feine Besprechungen mit bem gleichfalls an Borb berIsle be France" befinb- lichen Vizepräsibenten ber Feberal Reserve Bank, Burgeß, unterrichtete. Dabei hanbelt es sich be- svnbers um Maßnahmen, bie geeignet erscheinen, bie Währungsstabilität in Europa auf­rechtzuerhalten.

Der Sonberberichterstatter berInformation", Fernanb be Brinon, brahtet seinem Blatt von Borb berIsle be France" einen bemerkenswerten Be­richt über ben mutmaßlichen Inhalt ber Washing­toner Besprechungen Brinon melbet, es sei wenig wahrscheinlich, baß Präsibent Hoover eine einfache Verlängerung bes im Juli ab- laufenben Feierjahres vorschlagen werbe. Gegen eine berartige Lösung mache sich in parlamentari­schen Kreisen eine st a r k e Opposition geltenb. Ein Teil ber amerikanischen Oeffentlichkeit scheine jebenfaUs einen weiteren Zahlungsauf­schub zugunsten Deutschlanbs zu forbern. Die Schulbverpflichtungen ber anberen Staaten gegenüber Amerika sollten jeboch nicht aufgehoben, sonbern nach Maßgabe ber Zahlungs­fähigkeit ber Schulbner bestimmt wer­ben, wobei natürlich an Frankreich gcbacht werbe. Gut unterrichtete Finanzkreise treten ihrer­seits für eine Aufrechterhaltung ber

Reparationszahlungen in verstänbi - gen Grenzen ein. Man könne baher bamit rech­nen, baß eine Herabsetzung ber Tribut- leiftunge n gebilligt werbe, wobei man von einer Jayreszahlung von 50 Millionen Dollar (210 Millionen RM.) spreche. Man habe sogar ins Auge gefaßt, gewisse Bürgschaften in Form von Sonberabgaben zu verlangen. Man habe Grunb zu ber Annahme baß bie Regierung ber Vereinigten Staaten über bie tzemeinsamen Maß­nahmen ber Emissionsbanken hinaus bereit fein würbe, mit Frankreich zusammen eine feierliche Er­klärung über bie Aufrechterhaltung ber Golbwährung abzugeben

Der Neuyorker Berichterstatter besPetit Pa- rifien" erfährt u. a., baß man beabsichtige, sämtliche Schulben der Regierungen untereinander zu kom­merzialisieren. Man zweifle jedoch daran, ob es im Augenblick möglich sei, in der Oeffentlichkeit Papiere über so große Summen unterzubringen. Man hebe außerdem hervor, daß ein Teil der Re­parationen ausschließlich dazu bestimmt fei, die Schulden an Amerika zu zahlen und daß man sich amerikanischerseits daher entschließen müsse, deut­sche Bonds in Zahlung zu nehmen. Wahr­scheinlich werde man für diese Bonds d i e Saran- tie der übrigen europäischen Mächte verlangen. Die vollständige Aufhebung sämtli­cher Schulden werde in amtlichen amerikanischen Kreisen überhaupt nicht ins Auge gefaßt.