Liebe cmacht eine Niederlage nach der anderen auf den Schlachtfeldern der Mandschurei erlitten. Den Untergang der rusf i schen Flotte bei Tsushima — eine Folge der unerhörten Korruption im Marineministerium — empfanA Leutnant Schmidt als einen Schlag ins Gesicht. Gr entschloß sich zu einem Schritt, der ihm seine Karriere Hütte kosten können. Gr richtete an alle Dor- gesetzten und an die Offiziere der Schwarzmeer - slotte einen anonymen Aufruf, in dem es u. a. hietz: „Als echte Russen können wir unserem Volk nichts Böses wünschen. Linser Vaterland, unser Gewissen, unser Rang rufen uns zur Erfüllung der Pflicht. Offiziere der ruhmreichen Schwarzmeerflotte! Stellt eine Bittschrift an den Allerhöchsten Herrn zusammen. Bittet, fleht, verlangt bei seiner Majestät dem Zaren die Gewährung einer Der fassung, die seit langem das Recht eines Kulturvolkes ist." Der Aufruf hatte keinen Erfolg. Es ist ein Wunder, daß der Verfasser des Schriftstückes, der sich als „Freund des Volkes" unterzeichnete, nicht entdeckt wurde.
Die Geschehnisse entwickelten sich inzwischen in rasendem Tempo. Nachdem im Oktober 1905 der General st reik ausgebrochen war, — eine in Rußland bisher unbekannte Erscheinung — sah sich die Zarenregierung zu Zugeständnissen gezwungen. Am 17. Oktober erließ der Zar ein Manifest, das dem russischen Volke eine parlamentarische Vertretung gewährte. Ungeheuer war die Freude des Leutnants Schmidt, dec in dem Manifest die Erfüllung seiner Träume sah. Am selben Tage begab sich der Leutnant an der Spitze einer Schar von begeisterten Demonstranten vor die Tore des Gefängnisses von Sebastopol. in dem zahlreiche politische Gefangene schmachteten. Sfljre Schuld bestand nur darin, daß sie an Kundgebungen zugunsten der jetzt Tatsache gewordenen Verfassung teilgenommen hatten. Während Schmidt mit dem Gefängnisdirektor über die Freilassung der Gefangenen verhandelte, öffneten sich plötzlich die Tore des Gefängnisses, Soldaten erschienen, legten an und gaben aus die entsetzte Menge mehrere Geweh^alven ab. Z<chlreiche Tote blieben auf dem Platze liegen. Schmidt begab sich in die Stadtverordnetenversammlung, hielt dort eine flammende Rede, bat aber die aufgeregte Menge, die ihm gefolgt war, keinen Kampf anzufangen, und der Gewalt zu weichen. Den Vertreter einer revolutionären Partei, die Schmidt zu einer aktiven Teilnahme an ihrem Programm gewinnen wollte, wies der weltfremde (Idealist in schroffen Worten ab und erklärte, daß fein Programm feine innere Lieberzeugung und feine Vorstellung von De: Gerechtigkeit fei.
Einige Tage später fand auf dem Friedhof von Sebastopol die feierliche Beisetzung der O p f e r der zaristischen Gewalt statt. Schmidt hielt an den offenen Gräbern eine erschütternde Rede. Er sagte u. a.: „Der Geist der Toten fragt uns, wie wir die uns vom Zaren geschenkte Freiheit benutzen wollen. Wir wollen Den teuem Toten geloben, daß sie die letzten Opfer der Willkür waren. Wir wollen ihnen schwören, daß wir niemals und niemandem die menschlichen Rechte, die wir erkämpft haben, zurückgeben." Die von der Rede Schmidts mitgeriffene Menge sprach ihm die Formel des Eides nach. Schluchzen und Iutel- rufe ertönten in der Menge. Unzählige QKännet und Frauen stürzten zu Schmidt, umarmten ihn und gelobten ihm, der jetzt wie ein Heiliger erschien, ihn niemals zu verlassen und treu zu ihm zu halten. Einigen Leuten aus dem Volke, die Schmidt als Ausrührer anredeten, erklärte er, daß er sich nur für die Erfüllung des Zarenmanifest es, dem die Behörden nicht folgen wollten, einsehe. Am selben Tag wurde Schmidt v e r h a s t e t und auf einem Kriegsschiff . als Gefangener untergebracht. Er wurde aller- * dings bald unter dem Druck der empörten offen t» - lichen Meinung befreit und reichte fein Ab- z schiedsgesuch ein.
Inzwischen waren in Sebastopol schwereUn- ruhen ausgebrochen. Matrosen und Soldaten
„100000 RM. Belohnung!"
Auf der Suche nach den Eisenbahn-Attentätern von Jüterbog.
BESCHREIBUNG DES GESUCHTEN: Mitte 30er(?)—schlank — auffallend gebräunte Hautfarbe — dunkles fschwarzes ?)Haar- starker Bartwuchs, Rasur durchschimmernd
Oben: Schriftzeichen, die der Attentäter auf einer Zeitung am Tatort zurückließ. — Unten: Die Drahtspule, die am Tatort gefunden wurde, offen und verpackt. Darunter das polizeiliche Signalement des mutmaßlichen Täters. — Rechts: Rekonstruierte Figur des Täters mit den verpackten Materialien, dte er zu einem Attentat benutzte. Auch der Anzug ist nach den Zeugenaussagen rekonstruiert.
der Garnison, von revolutionären Geheimagenten aufgewiegelt, meuterten. Zarentreue Truppen unter dem Kommando des Generals Meller Sa- komelsky hatten die Stadt umringt. Standrecht war proklamiert. Mehrere Kriegsschiffe wurden vom Oberbefehlshaber der Schwarzmeerflotte, Admiral Tfchuchnin, entwaffnet. Anfang November erschien in Der Wohnung des Leutnants Schmidt eine Abordnung vonMatrosen. Die Matrosen, die Leutnant Schmidt geradezu vergötterten, baten „Väterchen Schmidt", das Kommando über die Schwarzmeerflotte zu übernehmen. Schmidt versuchte zuerst bei Qtomiral Tfchuchnin die Begnadigung meh
rerer zum Tode verurteilter Matrosen zu erwirken. Als er von dem Admiral nicht einmal empfangen wurde, nahm Schmidt das Angebot an. Er stellte nur eine Bedingung: unbedingten Gehorsam und strengste Disziplin zu bewahren. Run übernahm Leutnant Schmidt das Kommando über die ganze Schwarzmeerflotte. Die Losung des Aufstandes war die Forderung der sofortigen Einberufung der kon stituierenden Versammlung. Llm vor aller Öffentlichkeit zu unterstreichen, Daß er zarentreu bleibe und nur die Hofkamarilla und die Ministex des Zaren bekämpfe, ließ Schmidt am selben Tage, an dem er das Kommando übernahm, — es war der Ge
burtstag der Zarinmutter Marla Fedorvwna, eine Messe zum Seelenheil der Zarin abhalten. Auf die Einwände der revolutionär gestimmten Matrosen erinnerte er seine Kameraden, daß sie ihm Gehorsam geschworen hatten.
Schmidt schickte daraufhin dem Zaren ein Telegramm folgenden Inhalts: „Die ruhmreiche Schwarzmeerflotte, heilige Treue dem Volke haltend, verlangt von Eurer Majestät die sofortige Einberufung der konstituierenden Versammlung und hört auf, Euren Ministern zu gehorchen. Der Oberbefehlshaber der Schwarzmeerflotte, Leut- nant Schmidt." Der neue Oberbefehlshaber ließ auf regierungstreuen Schiffen siebzig Offiziere ver ha f ten, die alle auf sein Admiralschiff „Otschakow" eingeliefert wurden. Leutnant Schmidt eröffnete Den Gefangenen, was er vorhatte. Falls Die Bureaukratie, wie er sagte, sich wieder einmal* zwischen den Zaren und sein Volk stellen und die Einberufung der konstituierenden Versammlung vereiteln wird, wollte er die Landzungen der Krim besehen und sich in der Krim mit der „Volks- und zarentreuen Schwarzmeer- flotte" und den revolutionären Armeeteilen verbarrikadieren. Er unterstrich noch einmal, daß er dem Eid, den er dem Zaren als Landesvater und obersten Kriegsherrn geschworen h»be.^nbedingt treubliebe. Seine begeisterte Rede an di? gefangenen Offiziere wurde mit eisigem Schweigen beantwortet. Kaum hatte Schmidt seine Ansprache beendet, als auf Befehl des Admirals Tfchuchnin regierungstreue Kriegsschiffe auf den „Otschakow" ein mörderisches Feuer eröffneten. Schmidt signalisierte, daß er 70 Gefangene an Bord habe. Trotzdem wurde das Feuer immer stärker. In wenigen Minuten wurde das Admiralsschiff Schmidts in Grund gebohrt. Schmidt sprang über Bord, wurde aber gefangen genommen und auf das Schiff des Admirals Tfchuchnin gebracht, wo er von betrunkenen Offizieren mit Hohnrufen „Es lebe der Admiral Der Schwarz- meerflotte", empfangen wurde. Auf die Frage des Admirals Tfchuchnin, während des Verhörs, ob Leutnant Schmidt Komplizen habe, erwiderte er: „Rein, ich hatte nur eine Komplizin. Es war Mütterchen Rußland!"
Der Prozeß des Leutnants Schmidt, des Hochverrats angeklagt, fand im Februar 1906 vor dem Kriegsgericht in Der Stadt Otfchakow statt. Der Prozeß, der hinter geschloffenen Türen vor sich ging, wurde in ganz Rußland mit ungeheurer Spannung verfolgt. In feinem letzten Wort bat Schmidt um die Begnadigung feiner Kameraden, Der Matrosen von „Otschakow". Die Schlußworte seiner Rede waren: „Als die Regierung deS Zaren Anstalten traf, um die vom Zaren dem Volk verliehenen Rechte fortzunehmen, hat die Welle des Lebens mich, ehren einfachen Alltagsmenschen, herausgespült. Ich habe mich für Die Rechte des Volkes eingesetzt. Der Pfahl, an Den ich gebunden werde, steht an der Grenze zweier historischer Epochen meines Vaterlandes. Hinter meinem Rücken bleiben die Leiden des unglücklichen russischen Volkes. Vor mir sehe ich das . junge neugebvrne glückliche Rußland."
Leutnant Schmidt wurde des Hochverrats für schuldig erklärt und zum Tode durch Den Strang verurteilt. Linzählige Gnadengesuche aus allen Kreisen der Bevölkerung wurden Dem Zaren eingereicht. Der Zar blieb unerbittlich. So groß war die Popularität Schmidts, daß nicht einmal der abgefeimteste Verbrecher sich bereit erflären wollte, DaS Urteil zu vollstrecken. Man konnte den Mann nicht i inten, ter Die Rolle des Henkers übernehmen wollte. So muhte daS Urteil durch Erschießung vollstreckt werten. Auf einer einsamen Insel — Deresan — spielte sich am 6. März 1906 der letzte Akt des erschütternden Dramas ab. Die Insel war von Kriegsschiffen umringt, die auf das Exekutions-Peloton feuern sollten, falls die Leute sich weigern würden, auf Schmidt zu schießen. Eine tragische Ironie des Schicksals wollte es, daß ter kommandierende Offizier des Pelotons, Leutnant Staw- raki, ein Kamerad Schmidts aus dem Kadetten-
Das bißchen Erde.
ZRomon von Richard Slowronnel.
Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
10 Fortsetzung Nachdruck verboten
Die Frau Erblandmarschall trat über die Schwelle. Eine kränkliche kleine Dame, die fast immer in Schwarz gekleidet ging. Sie gehörte der schier zahllosen Sippe Der Bledows an, und in ausgeprägtem Verwandtschaftsgefühle trauerte sie bei jedem Todesfälle der in allen deutschen Landen verbreiteten Familie. Bald kürzere, bald längere Zeit, je nach dem näheren oder entfernteren Grate der Zugehörigkeit. Und im Laufe Der Iahre hatte sich in ihrem leidenden Gesichte, das immer noch Die Spuren einstiger Schönheit zeigte, ein seltsamer Zug ausgebildet. Als wenn sie immerfort um Entschuldigung bitten mühte, daß sie ihren einzigen Daseinszweck nicht erfüllt hätte. Als die zukünftige Stammutter eines neu aufblühenden Geschlechtes Der Römnitze war sie in dieses Haus geholt worden, aber sie hatte die auf sie gesetzten Hoffnungen gröblich enttäuscht. Die Ehe des Herrn Erblandmarschalls war kinderlos geblieben, dem jüngeren Bruder aber wuchs aus glücklichem Herzensbunte ein blühender Knabe heran, nach Gesetz und Recht ein Erbe des Vaters und Oheims zugleich. Und noch ein andres Leid nagte ihr am Herzen. Sie wußte wohl, daß sie ein kümmerlicher Rotbehelf gewesen, daß ter ältere Römnitz sie nur geheiratet hatte, weil er von einer andern verschmäht worden war. Gegen diese andre hatte sie lange gerungen um die Liebe des Gatten, bis sie sehen mußte, daß aller Kampf vergebens war. Richt einmal ihr Andenken vermochte sie auszulöschen, und da erschien es ihr zuweilen als eine gerechte Strafe des Himmels, daß ihm die heißersehnte Rachkommenschaft versagt blieb ...
Mit dem spitzenbesetzten Taschentuche in Der feinen Hand trat die Frau Erblandmarschall auf Den Reffen zu, schloß ihn bewegt in Die Arme.
..Mein lieber armer Iunge, du willst fort für längere Zeit, hat mir eben ter Paalzow gesagt? Lind was ist das nur für eine schreckliche Geschichte mit dem Alten-Krakower? Ist das nicht auf irgendeine Weise wieder gutzumachen?"
Der Herr Erblandmarschall wandte den Hagern Kopf über die Schulter.
„Keine Emotionen, liebe Elfriede, bitte ich? Das sind Dinge, über die man am besten nicht spricht. Am allerwenigsten aber, wenn man n'cht um Rat gefragt wird."
..Lieber Christoph", wandte die kleine Dame schüchtern ein, „er hat sich gewiß nur nicht getraut, er kennt ja Deine schroffen Ansichten. Aoer Dein Wort gilt so viel ... versuch es doch ein
mal bei Dem Baron von Köhnemann! Vielleicht stellt er sich, und Malte würde ja wohl vernünftig sein ... es muß doch nicht immer gleich auf Tod und Geben gehen! Ich habe ja schon oft gehört, daß in solchen Fällen eine Art von Komödie aufgeführt wird, bloß damit Die liebe Rachbarschaft Ruhe hat?" ... Lind da sie keine Antwort bekam, fuhr sie zaghafter fort: „So eine Reise ist schrecklich. Rach Afrika! Das ist doch nicht, als wenn man für ein paar Wochen nach der Riviera fährt ... Tausend Gefahren lauern ringsum, man sagt sich Adieu und weiß nicht, ob man sich jemals wietersieht?" ...
Der Herr Erblandmarschall hatte sich wieder umgedreht, so daß sein Gesicht im Schatten stand. Lind hart wie Steine fielen Die Worte von seinen schmalen Lippen.
„Liebe Elfriede, ich wiederhole, ich bin nicht gefragt. Lind das ist mir lieb. Ich möchte mich nicht mit dem Ruhme jenes alten Römers bedecken, der in Der eigenen Familie Todesurteile sprach. Aber wenn ich meinem Reffen vorhin eine glückliche Wiederkehr wünschte, war das eine leere Redensart. Ich wünsche ihm in Wahrheit, daß et Da draußen eine Gelegenheit findet, mit Ehren die Heimfahrt zu vermeiden. Hier ist kein Platz mehr für ihn, auf Hohenrömnitz haben nur Leute gesessen, deren Wappenschild blank war!"
Malte hatte schweigend dagestanten, die Zähne in die Unterlippe gegraben. Lind plötzlich fuhr ihm durch die Seele ein Heller Strahl. Der verborgene Zusammenhänge enthüllte. Roch nie hatte et aus dem Munde des nächsten Verwandten ein Wort der Liebe gehört, und jetzt glaubte er zu wissen, weshalb ... Er richtete sich hoch auf, und seine blauen Augen blitzten. *
„Ah nein, lieber Onkel, den Gefallen tue ich dir nicht, ich komme wieder! Mein Recht hier wahrzunehmen ... Fremde Leute waren milder als du, haben mit gezeigt, daß man ein kostbares Gut nicht fortzuwerfen braucht um einen wertlosen Flederwisch. Die Anschauungen der Menschen sind wandelbar, hat mich einer ter Lehrer gelehrt, die Du mir aussuchtest. Vor ein paar hundert Iahten noch wurde am Scheiterhaufen gesengt, wer anders war als ter blote Haufe ringsum, heute lachen wir darüber. Lind wir leben in einer rascheren Zeit. Rach zwei Iahten vielleicht, wenn ich gesund aus Afrika heimkomme, lacht man Darüber, daß einer aus dem Leben gehen sollte, weil er zu anständig dachte, die Hand gegen einen Greis zu erheben. Verrotteter Formelkram ist das, aber Dir paßt er vielleicht ins Geschäft" ...
Der Herr Erblandmarschall zuckte mit Den Achseln.
„Das sind billige Phrasen. Beklage Dich bei d't selbst, wenn ich mich nicht freue, in Dir meinen Rachfolger zu sehen. Aber ich kann es nicht än-
Dern. Die diesem Hause die Gesetze gaben, konnten nicht voraussehen, daß es mal einem anheim- fallen würde, ter feine Ehre verwirkt hat!"
„Onkel Chriftvph", schrie Malte auf, und Die kleine alte Dame stammelte: „Lim Gottes willen, das ist ja ein blankes Todesurteil" ...
Der Herr Erblandmarschall wandte sich wieder zum Fenster, als wenn der Fall für ihn erledigt wäre. Malte aber trat dicht auf ihn zu, und heiß ging sein Atem.
„Ah nein, lieber Onkel, mit diesen Sachen habe ich mich abgefunden. Gestern und heute. Du hast deinen günstigen Augenblick verpaßt. Der war gestern nachmittag, als mir ter Tüschower Le- wenitz aus Allen-Kralow den Bescheid gebracht hatte. Da war es Zeit, und ich hätte vielleicht deinem Urteil gehorcht. Heute lache ich darüber, denn ich glaube zu wissen, woher es stammt. Lind ich verspreche dir eins. Wenn ich hier ter Herr bin, wird dein Andenken ausgelöscht. Keiner meiner Rachkommen soll erfahren, daß es einen Christoph Römnitz gegeben hat, der seinem Rach- folger den Tod wünschte" ...
Der ältere Graf Römnitz wurde bleich bis in die Sippen; unwillkürlich hob sich seine Hand. Aber der Iüngere stand gespannt und zur Abwehr bereit. Glühender Haß flog aus einem Augenpaar ins andere ...
„Es ist gut", sagte der Aeltere, „zieh hin! Wenn dir Die Wiederkehr beschieden ist, kannst Du handeln nach deinem Belieben. Herr ist Herr" ...
Malte wandte s'ch langsam ab. In einem der steiflehnigen Sessel saß Die kleine alte Dame, vor Schreck in sich zusammengesunken. Er zog ihre feine Hand an Die Lippen.
„Hab Dank, liebe Tante, ich weih, du meinst es gut" ...
Mit klirrenden Sporen schritt er den langen Korridor zurück an Den eisernen Rüstungen vorbei und den vielen Hirschgeweihen, durch die halbdunkeln Prunkgemächer bis zu Der fäulen- geiragcnen Freitreppe, an der sein treuer Wotan stand, in der Obhut eines weihlivrierten Reitknechtes mit einem roten Kragen über Dem langen Rocke. Er schwang sich in Den Sattel und hob die Hand gegen den weitgestreckten Bau ter Hohenrömnitz, über dem sich Der aus Findlingssteinen gefügte Burgsried hob, so all wie fein Geschlecht.
’ „Auf Wiedersehen", sagte er, und in feiner Brust regte sich helle Freute. Wie ein Sieger jagte er die Straße entlang, die heimwärts nach Vellahn führte. Und er wunderte sich, daß er vor dem gefürchteten Oheim so kühne Worte gefunden hatte. Fast war es ihm. als hätte aus seinem Munde ein andrer gesprochen. Einer, dec ihm vor Iahren einmal die breite Hand auf den blonden Scheitel gelegt hatte ...
„Mein Iunge, nimm dich in acht vor dem Hohenrönrnitzer, ich kann dich vielleicht nicht mehr lange bewahren. Zwischen ihm und dir steht etwas ... Das bißchen Erde, das er doch nicht mitnehm en kann; nur hätte er es gerne einem andern vererbt ... Einem, Der ihm naher steht ... Denk daran, wenn ich nicht mehr bin, und nimm vorsichtig auf, was er Dir rät“ ...
Das hatte er mit einem Ohre gehört, zum andern aber war es ihm wieder hinausgegangen in seinem jugendlich-leichtfertigen Sinn; nur heute — Gott sei Dank — war es plötzlich in ihm auf» gestanden, ganz wie von selbst. Daß er aber im heißen Zorn die rechten Worte ter Abwehr gefunden hatte, dankte er einem andern. Einem rothaarigen fleinen Theologiekandidaten, ter beim Gehen das linke Bein nachschleppte, auf sonnigen. Waldwiesen aber mit heißem Eifer von allem sprach, was Menschenherzen bewegte. Der hatte chm die Waffen geliefert zu dem Streit, und ein dankbares Grüßen flog in die Ferne, irgendwohin, wo der Keine Rotkopf fein seltsames Evangelium predigen mochte ...
Sv ritt das junge Gräflein in Siegerfreude dahin, wunderte sich über seinen trotzigen Mut, nur über eines wunderte es sich nicht. Daß einem zur Ueberzeugung werden konnte, was man selbst vor wenigen Stunden noch als leere Ausflucht angesehen hatte ... Zwei gar tüchtige Advokaten hatten ihm Die Ueberzeugung eingebaut Die Todesfurcht und die Lust am Leben ...
Es dunkelte schon, als Der alte Leibkutscher Fuhbel mit den vier Rappen vor Der leichten Kalesche an der Vellahner Freitreppe vorfuhr. Der Leiterwagen mit dem Gepäck hatte sich bereits zwei Stunden früher auf Den Weg nach Waren gemacht zu dem Berliner Schnellzuge. Zwei alle Leutchen standen auf ter Freitreppe, tauschten leise Worte in dem tauen Frühlings- abenD, Der wie eine frohe Verheißung sich still über Die Gante breitete. Die Rappen scharrten im Kies der Auffahrtsrampe, Graf Malle kam von Der Diele her und schüttelte ein paar treue HänDe.
„Ist gut, und macht mir das Herz nicht schwer" ...
Er sprang in den Wagen, Fuhbel hielt Die Rechte auf dem blanken Zylinderhut mit der rotweihen Kokarde. Er schnalzte leise mit ter Zunge, und Die Rappen zogen an. „Auf Wiedersehen klang es von hüben und Drüben, die beiten auf Der Freitreppe standen aber noch lange, bis von dem fortrollenden Wagen nichts mehr zu hören war. Von dem Dvrse am Sceuser klang ein dreifaches Hurra herüber, das ter Verwalter Dergemann dem scheidenden jungen Herrn mit den Kätnern ausbrachte. x
(Fortsetzung folgt.)


