Donnerstag, 20. August 1951
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)
Ur. 195 Zweites Blatt
geschminkte Bubiköpfe noch kurzröckige Girls auf chneebedeckten Höhen Ski. Als Goethe in Leipzig
tubierte, wurde in den Casss kaum bis zum frühen
Leutnant Schmidt, der Admiral.
OerOonQuichotten der russischen Revolution. - Eine interessante Erinnerung aus dem zaristischen Rußland.
Don Or. £. Petrow.
,Graue Eule" - der Bibersreund.
3n einem der großen Schutzgebiete von Äanaba, dem Riding Mountain Park zu Manitoba, ist jetzt ein Hinterwäldler von indianischer Geburt namens „Graue Eule" für die Erhaltung des DiberS angestellt worden. Damit kommt ein leidenschaftlicher Tierireund mit einer eigenartigen Laufbahn an die rechte Stelle, denn „Graue Eule" ist schon seit längerer Zeit als der größte Freund des Bibers in Kanada bekannt und hot sich durch seine naturnahen Tierschilderungen sogar einen Namen als Schriftsteller gemacht. „Graue Eule", der heute etwa 40 Jahre alt ist, führte in seiner Jugend das Leben eines „Dusch-3ndianers" und schlug sich als Trapper und Führer durch. Jahrelang jagte er den Biber, der damals noch einS der fruchtbarsten unb gewinnbringendsten Pelztiere der kanadischen Wildnis war. Aber er stellte dem Tier auf indianische Weise nach, mit jener Menschenfreundlichkeit und Achtung vor dem kleinen „sprechenden Bruder", denn für den Boten Mann ist der Biber fast ein heiliges Tier, und in vielen Teilen des Landes ist er daS wichtigste Mittel für seinen Unterhalt gewesen. Dann kam der Krieg, in dem „Graue Eule" beim kanadischen Expeditionskorps diente, und als er wiederkam. da war die Biber-Herrlichkeit vorbei. Die rücksichtslose Erlegung des scheuen TiereS hatte die Bestände außerordentlich vermindert, und strenge Einschränkungen der Jagd und des Berkaufes von Biberfellen wurden erlassen. Während dieser Schuhzeit hatte sich die Zahl der Biber wieder vermehrt: Tausende von Tieren bevölkerten die Seen und Waldströme des Bordens. aber „Graue Eule" hatte keine Freud« mehr daran, den „kleinen Bruder" zu erlegen. Er hat in einem seiner Artikel erklärt, daß er bei seinen Wanderungen in den letzten fünf Jahren im nordöstlichen Kanada von der rücksichtslosen Jagd auf den Biber, die eine neue Bedrohung seiner Existens herbeiführen werde, angeekelt worden sei. Seine Reise über 3000 Kilometer. ursprünglich unternommen, um neue 3agd- gründe zu finden, wurde zu einem Kreuzzug gegen den Bibermord. Er entdeckte eine kleine, von anderen Jägern noch nicht aufgespürte Kolonie und unternahm es nun, die Tiere nicht zu fangen, sondern zu erhalten. Die Sorge und Pflege der Biber wurde seine Lebensaufgabe. Nachdem er sie von Grund auf studiert hatte, begann er sich
Finnland zwischen den Fronten.
Oer Haß auf Rußland und den Bolschewismus. - Zwischen Deutschland und der Entente. - Lappos Sieg.
Don unserem Lr.-Derichterstatter.
mit diesen scheuesten aller Tiere anzufreunden. Das gelang ihm. Sie kletterten auf seinen Nuf aus tem Wasser in sein Boot, fraßen ihm aus der Hand und folgten ihm nach seinem Lager wie Haustiere. Um die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit auf den Biber zu lenken, verfaßte „Graue Eule" Aufsätze und Schilderungen, die bald weithin Geltung erlangten. Mit Hilfe der Negierung stellte er einen Biber-Film her, den ausführlichsten und anschaulichsten, der bisher ausgenommen wurde. Dieser wird in Hochschulen und Tierschutzgesellschaften überall gezeigt, und jetzt wird der Indianer als Angestellter eines großen Schutzgebietes feine Künste in der Erhaltung und Zähmung deS Biber- im großen Mahstabe entfalten können.
die Forderung nach der Grenzendes „größeren Finn- , sich her finnische Sozialdemokrat stets und immerdar lands" ausgestellt, — die von der Mündung des | in erster Cime als Finne suhlen wird!
Leutnant Schmidt, der Admiral — daS klingt wie der Titel eines Duster-Keaton-Films. 3m Wirklichkeit verbirgt sich unter diesem Namen eine der interessantesten, tragischsten und zugleich widerspruchvollsten Figuren der vielbewegten neuesten russischen Geschichte. Genau vor fünfundzwanzig 3ahren war der Name Schmidts in ganz Rußland in aller Munde. Das Rad der Geschichte dreht sich schnell, besonders das Rad der russischen Geschichte, und heute ist der Name des Helden und Märtyrers Schmidt, dessen Prozeß alle in Atem hielt, einigermaßen verblaßt. Es lohnt sich aber, das dramatische Leben dieses zuerst unscheinbaren Offiziers der kaiserlich-russischen Marine in Erinnerung zu bringen, zumal er deutscher Abstammung war. Sein Aufstieg und sein tragisches Ende muten wie ein erschütterndes Drama an und beweisen noch einmal, daß das Leben doch der beste Dichter ist.
Die Großeltern Peter Schmidts waren au«
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) HelsingsorS, August 1931.
3m „Ateneum" zu Helsingfors hängt ein Gemälde des 1917 verstorbenen sinnländischen Meisters Sim berg, das dem fremden Beschauer einen seltsam-tiesen Einblick in die nationale Seele Finnlands bietet und — ohne 3nschrift und Deutung — wie die Melodie eines der schwcrmüttgen finnischen Bolkslieder anmutet! 3m Vordergrund einer graugrünen, typisch sinnländi- schen Landschaft von See und Wald tragen zwei finnische Bauernjungen — ergreifend in ihrem sprechenden Desichtsausdruck — einen verwundeten. blutgefärbten Engel mit gebrochenem Flügel. der — den Kopf mit den verbundenen Augen vornübergeneigt — sich mühsam zwischen zwei Stangen ausrecht hüll. Das Bild stammt aus dem Jahre 1905 — vielleicht noch aus der Zeit, bevor das finnische Dolk seinen ersten Anlauf gegen den russischen Unterdrücker nahm. 3ft dieser Engel des grüblerischen Allegorien- malerS nicht das geschundene Finnland selbst, dessen Seele, keinen Ausgang mehr sehend, in der Einsamkeit finnischer Wälder und Seen, in der Pflege finnischer Bauernjugend zu neuem, kraftvollen Eigenleben erstehen sott ...?
Aus dem Blute finnischer Jugend unb deutscher Soldaten sind dem mißhandelten Genius neue Schwingen gewachsen. 3m Frciheitskamps gegen die verhaßten Russen, gegen bolschewistische Morbbuben, würbe bas Großfürstentum Finnland im Jahre 1918 wieder ein selbständiges Reich. So haben an der Wiege de» heutigen „Suomi" der Kampf gegen Rußland und den Bolschewis- mus, zugleich gber auch d i e deutsche Waffenbrüderschaft Pate gestanden. Das hat man Deutschland bis zum heutigen Tage nicht vergessen und das finnische Volk bildet eine leuchtende Aus- nähme zu dem Wort von dem Undank befreiter Völker gegenüber ihren Befreiern. Aber Versailles unb bis deutsche Rot haben auch hier hoffnungsvolle Keime zertreten. Den Völkerbund, dessen wahren Wert wir kennengelernt haben, sieht Finnland gegenüber Moskau noch immer als den Schutzherrn der kleinen Ration an. Gegenüber der russischen
Faktor im innerfinnischen Wirtschaftsleben geworden sind. Auch die Parteikampfe sind ihres doktrinären, weltanschaulichen Charakters entkleidet — so daß
Wie stellt Spanien sich ein? ।
Außenpolitische Umschau
Don Dr. Otto Soehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Äerlin.
Spanien unb (Natten stehen außerhalb ber großen Europasorgen unb finb doch von sehr erheblicher Bebeutung für beren U«berminb4nfli Zunächst: wird die liberal-soztaitst,sch« Republik Spanien am heutigen Punkte anhalten ober »ur rein sozialistischen, zur kommunistischen Räterepublik weitergetrieben werben? Moskau holst bas. man zittert ein Wort von Lenin, baß die nächste Stapp« ber Weltrevvlutivn Spanien sein würbe. 3n Anbalusien, besonders in Sevilla, ist eS auch zu Ausbrüchen, Ctra- ßenkämpsen gekommen, beten Grunblage in erster Linie das Slcnb de- landlosen Dauernproletariers in dieser Gegend ist. Die Regierung ist der Gefahr Herr geworden. Sie hat die Heeresre- form, eine der ersten Ausgaben, schnell durch- gesührt. Aber sie hat sich bie sog. „Guardia ci- vilM, eine halbmilitärische Polizei trupp« mit Maschinengewehren unb Tanks von runb 30 000 Mann bewahrt. Diese garantiert auch bie Sicherheit.
Die^Na t ivna ive r s a m m lu ng trat am 14. 3uli zusammen unb sprach der provisorischen Regierung Zamora am 30.3uli ihr Vertrauen aus. so daß biese Regierung im Amt bleibt, biS die Dersassung fertig ist, bi« erst« Ausgabe dieser Nationalversammlung. — Denn wir können nicht glauben, daß cs eine dringliche Ausgabe sei, was man ganz typisch gleich gefordert hat, gcffen den König vorzugehen. Man wird sowieso Mühe haben, da Reste des Monarchismus im Land bestehen. Andererseits ist wenig ernst zu nehmen, wenn die bisherige Monarchie in dem dritten Sohn de- König AlfvnS, dem 18j übrigen Don 3 u a n, den Prätendenten sehen will. Die Republik ist liberal — intellektuell, die Regierung aber liberal unb sozialistisch zugleich. 3n ihr sührt der gemäßigte SottaliS- muS den Kampf gegen den anarchischen Syndikalismus, der seinerzeit in Barcelona, also in Katalonien, einen Hauptsitz hat, der in der Wirt- schastSschwierigkett seine Nahrung findet unb in der Praxis den Weg für Moskau ebnet.
Verfassung — katalanische Ftaae (also Frage, ob Einheitsstaat oder Föderation?) — Agrarreform, das sind die Probleme: daS Dringlichste ist das dritte. Für die Verfassung liegen schon genug Modelle vor. Die Katalonier arbeiten zunächst an den gemeinsamen Aufgaben mit, verlangen aber einen autonomen Staat im Rahmen der Republik. 3n der Agrarfrage liegt die eigentliche Gefahr. Die Landwirtschaft war außerordentlich rückständig, der Großgrundbesitz enorm (67 Prozent des Lande- waren in den Händen von 23 500 Familien, wobei bie Desihgröße von 100 Hektar an gerechnet ist), unter einem Hektar besitzen ßanb saft fünf Millionen Menschen! Die Zahl der arbeitslosen Landarbeiter ist sehr hoch. König AlfvnS hatte, wie seine Worte bei Eröffnung der Weltausstellung in Barcelona lehrten, das Problem und die Gefahr begriffen. Geschehen ist nicht-. 3etzt steht die Regierung vor einer Schicksalsfrage, die, zusammengesetzt au- Besitznot unb allgemeiner landwirtschaftlicher Krise überhaupt, sehr schnell zu einer Agrarrevolution nach dem östlichen und südöstlichen Dorbilde werden kann. 3n der Reformarbeit ist man mitten drin — im Strudel und in der Hetze der Revolution —, erste Schritte irn Sinn der besseren Landverteilung sind geschehen. Die politische Festigung ist ganz gut gelungen. Sie hat sich ohne besondere Erschütterung, Blut und Bürgerkrieg bisher durchgeseht. Aber waS bisher geschah, ist ausschließlich Dorbereitung. Die Riesenausgabe der WirtschastS- und Sozialordnung erhebt ihr Haupt Immer höher und dahinter stehen die Hoffnungen deS Bolschewismus
Weiter ist die Frage wichtig, wie Spanien sich außenpolitisch orientiert, die neben der Frage, ob eS zum Kommunismus weiter getrieben wird, Europa höchlichst angeht. Man mochte
Machtverhältnisse zu verkennen und die Rote Armee von heute mit den bolschewistischen Räuberbanden von 1918 gleichzusetzen. 3ähzomig, wie der sonst so schwerblütige Finne ist, hätte er am liebsten die Verschickung der 75 000 Ostkarelier nach Nowaja Semlja, die sich der „Kollekttvie- rung" ihres Grund und Bodens widersetzt hatten, zum Anlaß eines kriegerischen Konflikts genommen. Der Nachhall der Lappoaktion und daS rufsischc Holzdumpmg, daS Finnland zum ersten- mal in Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit gestürzt hat, verschärften die Stimmung. Man muß allerdings dabei bedenken, daß Ostkarelien, für das der Völkerbund vergeblich die gefordert« Abstimmung durchzuseyen versuchte, dem finnischen Volk etwa so viel bedeutet wie unS Deutschen Südtirol. .Dort wohnen unsere besten Menschen!", erklärten sie, verweisen dabei z. B. auf bie „Kalevala", das altfinnische Heldenepos, daS gerade mit der Landschaft des heute noch russischen Ostkarelien am tiefsten verwurzelt ist. Tatsächlich kann auch diese- Gebiet geopolitisch und ethnographisch von Finnland beansprucht wer- den. Selbst ein so ernsthafter Publizist wie der in Deutschland wohlbekannte Johannes Oehquist hat
Lochschulnacknchten.
Professor Dr. Ludwig Wolff in Göttingen, dem der neuzuerrichtende Lehrstuhl für Germanistik am Herderinstitut in Riga angeboten wurde, hat diesen Ruf im Rahmen einer Wechselorofessur für das Herbstsemester 1931 und bas Frühlingssemester 1932 angenommen.
Professor Dr. Helmut Rühl von ber Handels- Hochschule in Mannheim ist zum ordentlichen Professor in der rechts, und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen ernannt worden: ihm wurde der neuerrichtete Lehrstuhl für deutsches bürgerliches Recht übertragen.
Ernannt wurde der ordentliche Professor D. Renatus Hupfeld von ber Universität R o st o ck vom 1. Dhober 1931 an zum ordentlichen Professor der f'raktischen Theologie in Heidelberg als Rach- olger des Geh. Kirchenrats Professor Bauer.
3n ber theologischen Fakultät der Universität Kiek ist ber nichtbeamtete a. o. Professor Pastor Lic. Wal- terBülck zum ordentlichen Professor der praktischen Theologie ernannt worden. Er wird hier Nachfolger von Professor D. Heinrich Rendtorff, ber zum Lan- besbischof der evangelisch-lutherischen Kirche von Mecklenburg-Schwerin ernannt wurde.
Professor Dr. Oswald K r o h, OrbinariuÄ für Erziehungswissenschaften in Tübingen, der erst kürzlich einen Ruf an die Technische Hochschule zu Dresden als Nachfolger des früheren Staatsministers Professor Dr. Richard Deyfert abgelehnt hat. hat neuerdings ein« Berufung an die Technische Hochschule in Braunschweig abgelehnt.
Swir in den Ladoga-See quer durch den — von der Zeppelin-Arktisfadrt noch bekannten — Onega-See zum Weihen Meer bin laufen müsse, also nicht nur Sanz Ofttarelien, sondern auch bie Halbinsel • o l a umschließen würde.
All dies« Saiten schwangen bei dem Ostkarelicr» Konflikt mit und es hat ernsthafte Bemühungen gekostet, um den Ausbruch der Feindseligkeiten zu verhindern. Ader die Frontstellung bleibt Man haßt im Bolschewisten auch noch heute den russischen Unterdrücker — seine rote Farbe aber, in der man ihn ja zur Genüge kennengelemt hat haßt man ganz be'vnderS als die des - Antichrist! Bezeichnend dafür, daß di« Lappv - Bern e g u n g von der kommunisti'chen Verhöhnung pietistisch-lutherischer Sekten im Kirchdorf Lappua ihren Ausgang genommen hat. So war „Lappo" in seinem tiefsten Gehalt zunächst der Aufbruch einer protestantischen Kreuzzugsidee en.sch.eden nationaler Prägung. SuomiS Seele sch.en wieder bedroht wie 1918 — für sie zogen die Zehntausend« von SinödSbauern und Lchärenbewoh- nern in die Hauptstadt, und ihr Kampf richtete sich nicht allein gegen den Do'.schewiSmuS. sondern ebenso gegen die Sozialdemokratie.
Sv wurde Lappo „faschistisch". Man hat seinen bäuerlichen Führer K o s s o l a den finnischen Mussolini genannt. 3st er eS wirklich? Sein Ziel ist vorläufig erreicht. Die Person deS ebenso .finnisch-nationalen" wie beutschsreunblichen Staatspräsidenten Svinhufhud. deS Russen- Märtyrers. bietet die sicherste Gewähr dafür. So ist es um Kossola still geworden. Wenig bliebe ihm noch zu erreichen, denn Finnland- Seele ist gesund — trotz seiner Wirtschast-krise — und einen Mussolini vermag «ine Ration doch wohl nur aus der TodeSnot schwerer Erkrankung zu gebären! Für den Faschismus aber wie für den Kommunismus bietet Finnland keine Grundlage. Sein Grundstock ist bas Dauern- t u m. das 67 v. H. des Landes ausmacht unb da- m .Maalaisliitto", der nationalfinnisch gerichteten Partei der kleinen Leute auf dem Lande, feine in ebenso entschiedenem Gegensatz zum Marxismus wie zu den Auswüchsen deS kapitalistischen Systems stehende, festgegründete Organisation geschaffen hat. Zu dieser beherrschenden Stellung deS Bauerntums tritt die außerordentliche Bedeutung der über das ganze Land verbreiteten Genossenschaften der Bauern und Arbeiter, die ein überragender
Verstaubte Liebe.
Don Wolter Hasenclever.
Denn ich die Gedichtbücher meiner Bibliothek durchblättere, fällt mein Blick oft zwischen den Seiten auf den Namen einer Frau. Es ist eine schöne Sitte, den Mädchen, die man liebt, Gedichte zu widmen, und von Petrarca bis zu den Surrealisten haben die Autoren ausgiebig von diesem Vorrecht Gebrauch aemacht.
Wäre ich als Frau zur Welt gekommen, auch mein Ehrgeiz hätte in dieser vergänglichen Welt der Moden den Wunsch genährt, auf einer papiemen Seite in die Literaturgeschichte einzugehen: ja, ich wäre imstande gewesen, für diesen Ruhm manches zu opfern.
Die Widmungen sind die Perlenketten der Dichter. Zwar ahnten frühere Jahrhunderte noch nichts von der Emsigkeit moderner Literarhistoriker, sich in die Tiefen des dichterischen Genies zu versenken, um dem staunenden Auditorium das Privatleben ihres Helden zu rekonstruieren. Auch muß man zugeben, daß viele Loriker. vor allem die der Schäferperiode, es den Professoren schwer gemacht haben, in ihren Daphnes und Cloes die historischen Originale zu entdecken. Wir Sterblichen unserer Epoche, die wir nachts vor dem Einschlafen, oder wenn sonst gerade das Telephon nicht klingelt, die schönen Verse vergangener Zeiten lesen, wir fragen uns oft mit Herzklopfen: wie mag wohl diese Maria, diese Laura, diese Llli ausgesehen haben, deren holdes Antlitz im Sternenschein an uns vorüberwandelt?
Nun gab es vor hundert Jahren weder in Jena noch in Weimar, noch am Züricher See ein Kaufhaus. dessen schmalbeinige Verkäuferinnen einen Klopstock zu Oden hätten hinreißen können. Film und Bühne warfen keine rassigen Schönheiten an den Badestrand der Nordsee. Im Harz liefen weder
die 3nnenpolitik Alfons XIII. beurteilen wie man wollte, außenpolitisch ist er auf sicherer unb gerader Linie gegangen: im Weltkrieg neutral, unabhängig bei einem eventuellen italienisch-französischen Zusammenstoß unb dazu eine gewiss« Anlehnung an Snglanb. bie Primv bc Rivera bann nach 3talien weiterleiten wollt«, ohn« bah etwas babei herauskam. 3etzt liest man, bah bie neue spanische Regierung französisch« Sozialisten. wie Leon Blum u. a., zur Mitarbeit an ihrer Wirtschastspolitik eingclaben hat. Die Beziehungen der Republikaner unb Revolutionäre au Frankreich finb bekannt. Frankreich hat zu allererst die neue Regierung anerkannt. Unb Frankreich hat - Gelb, kann Anleihen geben zur Stützung de- Kurse- ber Peseta.
So bahnt sich eine großeWanblung im westlichen Mittelmeer an. Die neue spa-
Gefahr muh Helsingfors in Genf für die unbe- schräukte Rüstungsfreiheit eintreten. Moskau bleibt der Todfeind. Darum hatte sich schon bald nach dem Kriege eine politische Tendcnzzu Polen h i n entwickelt, als der militärisch am stärksten gerüsteten Macht an der Westgrenze Rußlands. Damit droht die Einbeziehung Finnlands in das politische System Frankreichs — während England andererseits, feit Finnlands Handel den Weg über den Ozean gefunden hat, alle Anstrengun- gen macht, sich im Lande der Seen und Wälder einzufchalten.
Der Hah gegen Moskau beherrscht den Finnländer. Diele sind sogar leicht geneigt, bie realen
nisch« Regierung orientiert sich auf Fmakrcich hin. Was können Englandund3talienihr auch an finanzieller ober an politischer Stützung bieten? Frankreich aber kann, wie gesagt, Anleihen gewähren unb Frankreich wirb sich nicht, waS vielleicht bei Snglanb möglich wär«, der spanischen Monarchisten annehmen. Wir fürchten, es wird sich fefcr halb — etwa bei den Abrüstungs- Verhandlungen — zeigen unb neben un- werden cS England und Italien immer stärker spüren, bah Spanien seinen Kur- auf Frankreich hin nimmt. Nur eben gestreift sei der Gedanke. waS da- für bie französisch-italienischen Beziehungen, für Frankreich- Stellung in Europa «Spanien ein Polen de- Westens!) unb für Frankreichs nordafrikanisch« Machtstellung bedeutet.
geborenen Dichter erschien, trug sie bezeichnender- I weife den Titel: „Das alte Ballhaus". So oft ich in den vielen lyrischen Bänden meiner ehemaligen | Freunde blättere (damals wurden noch Gedichte verlest!), erinnert sich mein Herz mit Rührung mancher blonden Schönheit, deren unbeschnittenes Haar im Zigarettendunft an Bartischen dämmerte.
Wo sind sie geblieben, alle die holden Frauen, die wir damals besangen? Ihr Name steht noch in schwarzen Lettern auf den schönen, pergamentnen Seiten: einige haben sogar die zweite Auflag« erlebt ...
Aber sie lebt — wo sind sie? Ich sehe sie, verblüht und behäbig, am Samstagnachmittag Einkäufe machen. Sie prüfen mit kritischen Augen die Waren, achten genau aufs Gewicht. Ihr Mann ist Beamter in einer kleinen Stadt, der Aellcste besucht bas Gymnasium, Sonntags gehen sie ins Kino.
Vielleicht, während ich diese Zeilen schreibe, blättern auch sie in den alten Schmälern. Sie lesen bie Wibmung: „An Olly". Da fällt ihnen ein kleiner Stubent ein. ber sie einmal nachts in der Droschke vorn Tanzsaal nach Hause brachte... Dor vielen Jahren!
Elfriede: ich sehe deinen schwebenden Schritt in der Konfirmandenzeit. Heimlich schrieb ich dir Briefe, die deine Mutter auffinck Ich sparte mir die Freimarken am Munde ab. Du aber liebtest einen Primaner, der zwei Hunde besaß. Da konnte ich nicht gegen an. Du warst meine erste Liebe. In ber Ge- schichtsstunbe schrieb ich Verse, bie dich nie erreichten. Zwischen mathematischen Formeln entwarf ich den ersten Roman. Ich wollte dich nach England entführen. Du hast einen fremden Herrn erhört, der in die väterliche Apotheke eingeheiratet hat.
Und du, Hertha, Pensionsmädchen am belgischen Strand: was ist aus dir geworden? Damals nahmen wir Abschied für immer. Du wohntest in Breslau unb ich war Selunbaner in Aachen. Wir korresponbierten über Neuyork, da lebte eine Freundin, deren Eltern kein Deutsch verstanden. Und ich wurde ttotzdem versetzt!
(Beliebte Frauen ber unerschöpflichen Iugenb! Ihr wart bie Quelle der erften Ekstasen, die Ahnung von Leid und Glück. Nie werben wir wiebcr burch den Frühling der Vorstädte gehen, zwischen grünen Wiesen und stillen Tsichen, schüchtern Arm in .Arm. | Wo ihr auch seid: die Erinnerung ist lebendiger als das Leben. Seid bedankt!
Frankfurt a. M. nach Rußland «in* gewandert. Der Vater Schmidts war Admiral Der russischen Flotte. Er starb, als der Heine Peter noch im Kadettenkorps war. Wie so viele deutschstämmige Rusten war Peter Schmidt ein glühender russischer Patriot. BiS zum 3ahve 1905 führte er daS bescheidene Dasein eines Leutnants der kaiserlich-russischen Marine. 3m Frühling deS Schicksalsjahres 1905 wurde Schmidt nach Sebastvpvl, dem KriegS- hafen der Schwarzmeerflott«, abkommandiert, DaS 3ahr 1905 gab den Auftakt zu der Revolution, die zwölf 3ahre später den scheinbar unerschütterlichen Zarenthron in Trümmern schlagen sollt«. 3m 3uni war der Aufstand auf demPan- zerkreuzer .Potemkin“, der heute durch Den Film in der ganzen Welt berühmt geworden ist, über daS erschütterte Land hinweggebraust. Es gärte auf dem ganzen Gebiet deS riesigen Zarenreichs, das in einen Krieg mit 3apan verwickelt war, in dem die Zarentruppen trotz ihrer
Morgen getanzt. Es gab sozusagen kein Nachtleben.
Damals liebten bie Dichter bie Tagesschönheiten. Sie inspirierten sich an Spaziergängen unb besangen ben Sonnenaufgang, ber für unsere nächtliche Generation etwas völlig Unbekanntes geworben ist, es sei denn, bie Sonne geht so frühzeitig auf, daß man sie in der Bar noch sieht.
Als vor bem Krieg bei A R. Meyer bie erste Anthologie ber um bie Wende des Iahrk»^»""'ts


