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Große Strafkammer Gießen.

Ein wegen Diebstahls häufig vorbestrafter An­geklagter war durch das hiesige Schöffengericht wegen eines in einer Gastwirtschaft in Rocken­berg begangenen Einbruchsdiebstahls zu je zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Gegen dieses Urteil verfolgte er zum Zwecke seiner Freisprechung Berufung, indem er jede Täter­schaft bestritt. Das Gericht überzeugte sich aber auch jetzt wieder durch das Beweisergebnis da­von, daß nur der Angeklagte der Täter sein mnß. 2m vergangenen Jahr hatte er in Marien- schloh eine längere Zuchthausstrafe verbüßt und hatte während dieser Zeit wiederholt bei dem Geschädigten auf Auhenarbeit gearbeitet. Hier­bei hatte er reichlich Gelegenheit, dessen Räum­lichkeiten, insbesondere das Wirtszimmer und die Küche in Augenschein zu nehmen. Beide Räume wurden in der fraglichen Rächt dann auch gründ­lich durchsucht, wobei Eßwaren und Rauchwaren in großer Menge mitgenommen wurden, selbst die Küchenvorhänge wurden nicht verschont. Am anderen Morgen fand man aber am Tatort ein Stück zusammengeknäueltes, zweifellos versehent­lich zurückgelassenes Packpapier, auf dem der Rame des jetzigen Angeklagten in Form eurer Postadresse zu lesen war. Die Ermittlungen er­gaben, daß im vorigen Jahre sein früherer Arbeitgeber ihm eine Jacke nachgesandt und diese in das vorgefundene Papier eingewickelt hatte. Während der Angeklagte, der sofort erkannte,

daß ihm dieses Stück Papier zum Verräter geworden war, früher behauptete, daß er da­mals das Papier gleich weggeworfen habe, will er jetzt auf einmal eine Hose, die er am Tage vor dem Diebstahl an einen unbekannten Handwerts­burschen verkauft habe, in dieses Papier ein­gepackt haben. Das Gericht, das diese sich wider­sprechenden Darstellungen für leere Ausreden hielt, hatte auch heute nicht den geringsten Zweifel an seiner Täterschaft. Die Berufung des Angeklagten wurde kostenfäklig verworfen und das erstinstanzliche Urteil in vollem Umfang be­stätigt.

Buntes Allerlei.

Die Wirkung der Inserate.

Eine namhaste Schweizer Firma, die sich von der Wirkung ihrer Inserate überzeugen wollte, hat folgenden Versuch gemacht. Sie l in verschie­denen großen Schweizer Zeitungen Anzeigen er­scheinen, die absichtliche Verstöße gegen Googra- phie und Geschichte enthielten. Schon einen Tag nach Erscheinen dieser Inserate wurde die Firma mit Anfragen bestürmt, die sich verwunderten, daß sich der Pressechef eines großen Unternehmens so offensichtliche Fehler zu Schulden kommen lassen könne. Rach einigen Tagen waren diese Beschwer­den auf nicht weniger als viertausend Stück an­gewachsen, die aus allen Kreisen der Bevölkerung zusammenkamen: Beamte, Aerzte, Geistliche, Leh­rer und Landwirte hatten die Unrichtigkeiten der

Anzeigen bemerkt, sie hatten also nicht nur flüch­tig, sondern recht gründlich gelesen. Wieviele Menschen diese Verstöße gemerkt und nicht ge­schrieben haben, läßt sich natürlich nicht berechnen, doch die Wirkung der Anzeige war hiermit schla­gend bewiesen.

Sportkampf um die Existenz der Familie.

Eine interessante Geschichte wird aus Australien erzählt. Dort werden hin und wieder Wettkämpfe ausgeschrieben, für die hohe Geldpreise ausgesetzt sind. So sollte vor einiger Zeit in Sidney ein Dauerschwimmen stattfinden, das auch für Frauen offen war, und ein beträchtlicher Geldpreis sollte derjenigen Teilnehmerin zufallen, die die längste Zeit im Wasser zubringen würde. Immerhin eine eigenartige Konkurrenz, die sich mehr an die Sen­sationslust der Zuschauer, als an den ernsten Sport wandte. Unter den Frauen, die sich zur Teilnahme meldeten, war auch eine Maori-Frau, Katharina Rehua. die erst vor fünf Wochen einem Kinde das Leben gegeben hatte. Ihr Mann war erwerbs­los. und da kein Geld im Hause vorhanden war, meldete sie sich zu diesem Wettschwimmen in der Hoffnung, einen Geldpreis zu gewinnen. Und dies gelang ihr in der Tat; sie erhielt den zweiten Preis in Höhe von etwa tausend Mark. Als die näheren Umstände ihrer Teilnahme an dem Wett­kamps bekannt wurden, verzichtete die erste Siege­rin auf den ihr zustehenden Preis, und durch die Sammlung des Publikums wurde der Siegerpreis noch um eine erhebliche Summ« erhöht.

G. B. 5. der Praktiker.

Der englische Dichter G. B. Shaw, ein unent» weg ter Sonderling, nimmt alles eher ernst als gesellschaftliche Formalitäten, die seiner Meinung nach meist gänzlich sinnlos und in höchstem Grade unpraktisch sind. Sein neuester Streich war ein Scheck in Höhe von 15 Pfund, den er seinem guten Freunde Charles Graves als Hochzeits­geschenk verehrte. Ratürlich wurde dl« Chose öfsentlich bekannt und selbstverständlich entsandten .Daily Rews" einen Reporter zu G. B. S., der dann bereitwilligst erklärte, warum er Bargeld zur Vermählung schenkte. Er hofft. Schule zu machen, denn es spotte jeder Beschreibung, mit welch lächerlichen und unbrauchbaren Geschenken sonst Brautleute überschüttet werden. Würde man der Braut und dem Bräutigam Kleider und Anzüge schenken, wäre somit dem jungen Paar die Gelegenheit geboten, für das ersparte Geld eine schöne Reise zu unternehmen! Diesmal hat G. B. S.. der große Praktiker, nicht ganz un­recht.

Briefkasten der Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)

R. C. aus R. Für voreheliche Schulden seiner Ehe­frau haftet der Mann nicht.

Verantwortlich für Lokales: i. V. HL. Neuner.

Der Vorstand.

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Gießen, den 17. August 1931.

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