Brandung bestehens
Vornan von Käte Lindner.
(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.)
17. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Heute käme ja der Conte zurück. Dann würde sie wohl auch diese Zimmerhaft wieder aufgeben, launenhaft sei die Contessa schon immer gewesen. Man könne vielleicht dann später einmal darüber reden über diese kleinen Toilettengeheimnisse und der Frau Contessa Künste, die Mängel ihrer Figur geschickt zu verdecken. „Ob denn die Demoi- selle Blanche schon lange bei den Herrschaften bedienstet sei?", fragte der Neue zurück. Nein, in London sei sie nicht bei den Herrschaften gewesen, erst kurz vor Antritt der Reise sei sie gemietet worden. Aber sie seien reiche und sehr freigebige Herrschaften. Ob diese Ehe gut sei? Nun ja, was man eben gut nennen könne. Des öfteren gebe es Meinungsverschiedenheiten. Dann zankten sich die Herrschaften in einer fremden Sprache, davon kein Mensch etwas verstehen könne. Aber das könne ihr ja ganz gleich sein, es seien doch eben sehr noble Herrschaften und gut mit ihr.
Der Neue hatte plötzlich große Eile, nach unten zu kommen. Er verabschiedete sich tura und verschwand um die Ecke des langen Korridors. Nein, Guilio war doch viel netter gewesen, obwohl er nicht so mit Zehnlirenoten um sich geworfen hatte. Lange nicht so neugierig war er gewesen, und viel bessere Manieren hatte er gehabt. Schade, man sah sich fast nie mehr, hier in. diesem großen Hause begegnet man sich so selten.
Drunten in bem kleinen Privatbureau saß der neue Hausdiener dem Direktor gegenüber, hatte eine Zigarette zwischen den Zähnen und starrte angelegentlich an die Zimmerdecke. Gespannt sah der Direktor zu ihm hinüber.
Als aber noch immer keine Antwort kam auf .die Frage, die er vorhin gestellt hatte, fragte er noch einmal:
„Sie haben einen ganz bestimmten Verdacht, Signore Boni? Ich möchte Wohl wissen, ob er sich mit meinem eigenen deckt, der sich immer mehr befestigt in meiner Lleberzeugmrg. Aber wenn Sie weiter stillschweigen...
Statt einer Antwort sagte der Detektiv: „Ich bekam vor einer halben Stunde ein Telegramm, daß die Perlen Miß Galvestones bei einem Händler in Venedig heute morgen aufgefunden worden sind. Der Händler ist festgenommen worden, seine Aussagen sind ungewiß, befestigen aber den Verdacht, den ich seit gestern habe. Wissen Sie, wann Conte Semjonow seine Rückkehr in
Aussicht genommen hat? Sagte er irgend etwas, wohin diese plötzliche Abreise ging?"
Befremdet hob der Direktor den Kopf.
„Conte Semjonow?" sagte er erstaunt. „Nein, es handelte sich Wohl nur um einen mehrtägigen Ausflug, den er unternehmen wollte, die Contessa erwartet ihn übrigens heute zurück. Aber wie kommen Sie auf diesen Gast, Signore Boni? Haben Sie nach dieser Richtung hin Verdacht? Der meine geht ganz andere Wege."
Mit unerschütterlicher Ruhe blies Signore Dom kunstvolle Rauchringe gegen die Zimmerdecke.
„Es würde mir interesiant sein, wenn Sie sich darüber näher ausdrücken wollten, Herr Direktor. Mein Aufenthalt hier ist von zu kurzer Dauer, als daß ich schon weit vorgeschritten sein könnte in meinen Erkundungen. Also schießen Sie los."
Da neigte sich der andere vor und sagte im Flüsterton: „Linser russischer Eintänzer zeigt seit einiger Zeit ein dermaßen auffallendes Wesen, daß er entweder geistesgestört sein muh oder sonst irgend etwas auf dem Kerbholz hat. Er war ja immer ein absonderlich zerfahrener und düsterer Mensch, aber gerade dadurch war er eine überraschend vorteilhafte Aquisition für unser Haus. Die Domen sind sämtlich vernarrt in diesen russischen Melancholiker. Miß Galvestone tragt sich anscheinend ganz öffentlich mit der Absicht, ihn mit ihrer Hand zu beglücken. Lind nun auf einmal diese ganz offenkundige Veränderung in seinem Wesen. Mein Verdacht richtete sich deshalb sofort auf ihn, als nun auch noch Miß Galvestones Perlen aus dem Zimmer heraus entwendet wurden. Welches Glück übrigens, daß sie gefunden worden sind. Der Ruf, die Ehre unseres Hauses."
Signore Boni stand auf, griff nach seiner Dedienstetenmühe.
„Ich erwarte dringende Nachrichten aus London, Herr Direktor. Lassen Sie sofort im Hause suchen nach mir, sobald die Depeschen eingegangen sind. Es eilt. Lind sobald Conte Semjonow zurück ist von seinem Ausflug... bitte mich sogleich zu benachrichtigen. Wenn .... wenn dieser Herr zurückkehrt, was ich stark bezweifle."
Mit beiden Händen griff sich der Direktor nach dem Kopf.
„Er hat eine respektable Rechnung auflaufen lassen, Signore Boni. Es wird dies hoffentlich Ihr Ernst nicht sein. Liebrigens... seine Gemahlin kehrte allein zurück, wäre Ihr Verdacht begründet, dann..."
„Dieser Llmstand eben macht mir Hoffnung, Herr Direktor, daß er sich sicher fühlt. Mein Augenmerk richtete sich sofort auf diese russischen Herrschaften, als ich meine Tätigkeit hier begann. Leider erst dann, als sie am ersten Tag meiner Anwesenheit eben diesen geheimnisvollen Ausflug schon angetreten hatten. Bei der Rückkehr der Frau Contessa fiel mir mancherlei auf. Aber nun haben Sie mich ja auf eine andere Fährte ge
bracht. Auch diesem Weg muß ich nun folgen. Wenn der Conte also zurückkehrt, wenn..." Er zuckte die Achseln. „Ich beschlagnahmte sofort heimlich alle Briefe der Frau, die sie nach ihrer Rückkehr ihrer Kammerjungfer zur Besorgung übergab... alle sind in Geheimschrift abgefaht, das bestärkte meinen Verdacht. Wenn diese Dame also den Gemahl nicht auf einem anderen Weg hat warnen können, was ebenfalls möglich wäre, dann müßte er, da er sich sicher fühlt, also heute zurückkommen... Wo befindet sich das Zimmer Ihres Eintänzers? Lind wann beginnt die Tätigkeit des Herrn Petrowitsch? Ich teile Ihre Ver- rnutungen durchaus nicht, Herr Direktor, bin aber dankbar für jeden Fingerzeig. Miß Galvestone zeichnet den Russen nach jeder Richtung hin aus. Wahnsinn wäre es doch, wenn er diese Perlen.. .“
„Ja, Wahnsinn... könnte er nicht für ein Irrenhaus überhaupt reif sein? Gestern, als ich ihn hierher in mein Zimmer rufen ließ, weil ich etwas zu besprechen hatte mit ihm... was meinen Sie wohl, was er für Antworten gab. Lind seine Augen waren so finster und ganz geistesabwesend sah er mich an, daß mich ein Grausen ankam. Lind dann fing er an, irgend eine sinnlose Geschichte aufzutischen, in den Kasematten Moskaus habe man ihm seine Papiere gestohlen, er sei nicht Kyrill Petrowitsch, er fei Graf... Da schrillte hier das Telephon, und ich konnte ihn zu meinem Glück stehen lassen, der Mensch war mir so unheimlich. Aber sofort kam inir der Verdacht, daß er der Dieb sein könnte."
Lingläubig schüttelte der andere den Kopf. Dann machte er eine kurze Verbeugung und ging hinaus. Auf dem Korridor des ersten Stockwerkes begegnete ihm Blanche, das Kammermädchen. Sie trug einen Brief in der Hand und hatte sicherlich Eile.
Sofort war er an ihrer Seite und griff nach dem Briefe.
„Geben Sie her, Demoiselle, eben bin ich im Begriff, nach der Post zu gehen und könnte Ihnen den Weg abnehmen."
Sie schüttelte den Kopf und hielt den Brief fest.
„Die Frau Con^ssa hat mir sofortige Besorgung anbefohlen."
Seine scharfen Augen hatten trotz des Zwielichtes auf dem Korridor die Adresfe überflogen. Der Brief trug eine Aufschrift in russischer Sprache und war nach Paris gerichtet.
Blanche setzte ihren Weg ungehindert fort. Aber zehn Minuten später stand ein Herr im grauen Anzug am Postschalter, zeigte einen Ausweis vor und forderte sofortige Leerung des Postkastens. —
Es war um die sechste Nachmittagsstunde, als derselbe Herr, diesmal im eleganten Gesellschaftsanzug, den Teeraum betrat und dann unauffällig in der Nähe von Miß Galvestone sich niederließ.
Sie sah mit Petrowitsch in angeregter Linier- Haltung, es waren heute wenige Damen nur anwesend, so hatte sie sogleich bei seinem Eintritt Petrowitsch mit Beschlag belegt. Natürlich war von dem Diebstahl die Rede, dem Herrn am Nebentisch entging kein Wort der Llnterhaltung.
„Zum Glück hatte ich meinen Schmuck bei Antritt meiner Reise in Amerika versichert", sagte Miß Galvestone soeben und rührte aufgeregt in ihrer Leetasse. „Ich werde also keinen Verlust erleiden, obwohl diese Perlen ein Erbteil meiner Mutter waren und einen hohen Wert haben. Ich beklage den Verlust, aber...“ sie lächelte in das bleiche Gesicht ihres Partners hinein, „wir Arne-- rikaner sind zu praktisch, um uns nicht nach jeder Möglichkeit hin vor pekuniären Verlusten zu schützen. Lind so wird eben die Versicherung der Leidtragende sein, nicht ich."
Der Tänzer nickte. „Es ist ein Glück für Sie. daß Sie diese Versicherung abgeschlossen, Miladh", sagte er artig. „Freilich, da die Perlen ein An- dcnken waren, müssen Sie den Verlust doch beklagen. Meine Frau besaß übrigens eine Schnur von bläulich angehauchten Perlen, die eine große Seltenheit waren, ihr Herz hing sehr an diesem Schmuckstück, sie trug die Perlen mit Vorliebe."
„Ihre... Frau? Warum kamen Sie dann allein hierher, Signore Petrowitsch, wenn Sie verheiratet sind? Wo ist Ihre Frau?" Miß Galvestone war sehr bleich geworden bei dieser Frage, zornig nagte sie an ihrer Llnterlippe.
„Sie ist tot... sagte er nach einer Weile. „Begraben, verweht ihre Spur. Verloren, wie alles, was ich einmal besessen habe. Was ist der Verlust Ihrer Perlen gegen alles das, was ich verlieren muhte, Miß Galvestone. Nichts, nichts. Nur ich allein bin übrig geblieben, ein Wrack, ein Mensch, der oft fürchtet, seinen Verstand zu verlieren. Alles, was ich anfasse, gelingt mir nicht, alles fasse ich verkehrt an. Lind doch habe ich noch nicht den Mut gefunden, diesem elenden Leben ein Ende zu machen."
Sie griff über den Tisch herüber beschwörend nach seiner Hand.
„Wenn Sie sich doch nur ein einziges Mal aussprechen wollten, vielleicht könnte man Ihnen dann helfen, Signore Petrowitsch. Auf diese Weise müssen Sie Schiffbruch am Leben leiden."
Er nickte. Schon öffnete er die Lippen, bat klang eine schüchterne Stimme neben ihm:
„Laby Dalymore wünschen zu tanzen, Signor, Petrowitsch."
Wütend stand Miß Galvestone auf und ging hinaus in den Palmengarten.
So sah sie nicht, wie nach Beendigung des Tanzes der Herr vom Nebentisch auf Petrowitsch zutrat, ihm einen Ausweis vor die Augen hielt und ihn aufforderte, ihm unauffällig in das Bureau des Direktors zu folgern
(Fortsetzung folgt.)
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Bekanntmachung.
Betr.: Vermietung der Marktlauben-Ver- kaufsstände auf dem Wochenmarkt.
Die Marktlauben-Verkaufsstünde auf dem Wochenmarkt sollen für die Zeit vom 1. Juli 1931 bis 30. Juni 1932 an Ort und Stelle neu vermietet werden. Die Vermietung findet durch Versteigerung statt, und zwar am Samstag, dem 27. Juni 1931, vormittags 11 Uhr, im Hofe des Turmhauses am Brand, an den Meistbietenden. Die Bedingungen können vorher bei dem Marktmeister und bei der Markt-Standgeld-Erhebestelle eingesehen werden. 4007C
Gießen, den 20. Juni 1931.
Der Oberbürgermeister. I. V.: Or. Seid.
Bekanntmachung.
Nachdem der Bezirksausschuß die Satzungen für die Begründung der Fortbil- dungsschulpflicht (Berufsschulpflicht) in den Aemtern Ätzbach und Launsbach vom 10. bzw. 11. Februar d. I. genehmigt und der Kreistag in seiner Sitzung vom 21. Mai d. I. die an die Genehmigung der Satzungen geknüpfte Maßgabe erfüllt hat, werden die Satzungen vom 25. b. 2U. ab 14 Tage lang in den amtlichen Bekanntmachungskasten der Amtsgemeinden und am Schwarzen Brett im Amtshause ausgehängt. Ich mache hierauf die Bevölkerung aufmerksam.
Krofdorf, den 18. Juni 1931. 4132D
Der Bürgermeister
des Amtes Atzbach und Launsbach. __________Brockmeier._________
Mahnung.
Die für den Monat Mai 1931 rückständigen Kranken- und Arbeitslosenoersicherungsbeiträge können noch bis zum 27. Juni 1931 ohne Kosten bezahlt werden.
Nach diesem Termin erfolgt Zwangs- beitreibung. 4128D
Gießen, den 20. Juni 1931.
Allgem. Ortskrankenkasse des Landkreises ________________Gießen.________________
Bullenverkauf.
Die Gemeinde Allendorf an der Lahn beabsichtigt einen zum Dienst untauglichen Vogelsberger Bullen auf dem Wege der Submission zu vergeben. Angebote müssen schriftlich pro Zentner Lebendgewicht bis zum Dienstag, dem 23. Juni 1931, vormit- tags 11 Uhr, auf der Bürgermeisterei ein» gereicht sein, wo auch die Bedingungen bekanntgegeben werden. Die Deffnung der Angebote erfolgt sofort. 4125D
Allendorf a. o. Lahn den 19. Juni 1931. Hess. Bürgermeisterei Allendorf a. d. Lahn.
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3ur Aufklärung - bett. Bausparkassen!
Dis Ende 1929 war die Gründung einer.Bausparkasse nur bei Erfüllung bestimmter gesetzlicher^Borschriften^möglich.
Seit 1. Januar 1930 kann jedermann eine Bausparkasse gründen, ohne gesetzlich an )die ^Erfüllung-sachlicher ober. persönlicher .Voraussetzungen) gebunden^zu sein.
Infolge dieses gesetzlosen Zustandes wütet seit 1930 in Deutsch, land eine Gründungsseuche in Bausparkassen.
Die unheilvollen Folgen dieser-Seuche finden ihren erschreckenden Ausdruck in der Betrachtung, des Vorsitzenden-.des Wohnungsausschusses »im . Preußischen Landtag: Don den ihm bekannten 210 Bausparkassen halte er 180 für betrügerisch ober dilletantenhaft; höchstens 10, wahrscheinlich noch nicht 6, feien so, baß man sie als seriös unb empsehlenswerr bezeichnen; könne l!
Leute ohne jedes Vermögen, Leute, bie ben Offenbarungseid geleistet haben, ober gegen bie Haftbefehl erlassen ist, können heute Bausparkassen grünben unb haben Bausparkaffen gegründet. Leute, bie nichts zu verlieren haben, selbst Vorbestraste, heischen Vertrauen für bie Verwaltung frcmber Spargroschen.
Die Werbung solcher Kaffen verspricht das Blaue vom Himmel herunter.
Erst im Oktober 1931 tritt das Dausparkaffengesetz in Kraft. 3eber prüfe baher, wann bie Bausparkasse gegründet würbe, beurteile sie nach ihren Leistungen unb nach ber Sicherheit ber ihr anoertrauten Spargelber unb prüfe auch, ob sie nicht, wenn sie ^zinsloses Gelb" verspricht, in'Wirklichkeit bas Mehrfache erlaubter Zinsen in ihren Geschäftsbebingungen versteckt ben Bausparern abnimmt.
Jeder hüte sich vor einer Kaffe, deren Werber die Zuteilung der Bausparsurnrne nach 3 ober 6 Monaten ober selbst einem Jahr Spartätigkeit bestimmt „versprechen". Keine gut ausgebaute Bausparkasse macht berartige Versprechungen. Keine kann sie hatten.
Als die älteste, weitaus größte und bedeutendste Dausparkaffe mit ben weitgehenbsten Erfahrungen haben wir immer unb immer bas Bausparkassengesetz verlangt unb enblich erreicht. Solange es sich nicht ausgewirkt hat, warnen wir jedermann vor den geschilderten Gefahren.
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