Ausgabe 
20.6.1931
 
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Prof. Sr. Minkowski f.

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Professor Oskar Minkowski, der berühmte Arzt und Forscher, ist im Alter von 73 Jahren gestorben. Seine wichtigste Arbeit, die Entdeckung der Wechselbeziehungen zwischen Bauchspeicheldrüse und Zuckerkrankheit, bildete den Ausgangspunkt zur Erfindung des Insulins.

kömmliche Verpflegung. Der Loskauf ist gestattet. Die Loskaufsumme'ist nach dem Vermögen gestaffelt und fließt dem Budget der Direktion der Arbeits­pflicht zu. Etwa 20 v. $) der Eingezogenen machen vom Loskaufsrecht Gebrauch. Von der Jndienst- nahme der weiblichen Jugend wurde Abstand genom­men, als sich herausstellte, daß es schwer ist, für die weiblichen Arbeitspflichtigen Arbeitsgelegenheiten zu schaffen. Neben der staatlichen Dienstpflicht, gibt es auch eine sogenanntezeitliche" Arbeitsdienstpflicht, die sich alljährlich wiederholt (Einberufung zur Re­serve ..und deren Ertrag den Gemeinden zugute kommt. Auch hi^r ist Loskauf gestattet. Der Eintritt in das stehende Freiwilligenheer entbindet für immer von der Arbeitsdienstpflicht.

Im Anfang war die Arbeitsdienstpflicht für den Staat ein Verlustunternehmen, was nicht verwun­dern kann, denn es handelte sich um ein großes Ex­periment, unternommen von einem kleinen Staate, der große Summen investieren mußte, um Arbeits­geräte und Arbeitsmöglichkeiten bereitzustellen. Heute erzielt der Staat erhebliche, sich von Jahr zu Jahr steigernde Gewinne. Dies ergibt sich aus folgenden amtlichen Zahlen:

Ar­beiter Tausende

Arbeits­tage Mill.

Arbeits­wert Mill. Lewa

Loskauf­gelder Mill. Lewa

1926/27

14450

1671

125,4

37,0

1927/28

16160

2079

187,9

45,3

1928/29

16100

2370

224,2

77,5

Es ergibt sich somit, daß die Arbeiterzastl etwa gleich blieb, daß sich aber die Zahl der Arbeitstage in einem Jahre um 200 000 gesteigert hat und daß für 37 Millionen Lewa Mehrarbeit geleistet wurde, ein Beweis für gute Organisation und Auswertung der Erfahrungen.

Die erzielten Reingewinne, die ab 1924/25, also nach dreijähriger Unterbilanz, fühlbar wurden, sind folgende:

1924/25 9 168 Millionen Lewa

1925/26 12 393

1926/27 15 746

1927/28 78 631

1928/29 146 231 1929/30 182 276

Eine bessere Rechtfertigung der Arbeitsdienstpflicht läßt sich nicht denken. Eingrauer Arbeitssoldat" erfordert heute an Aufwand 2,70 Mark einschließlich Bekleidung, Verpflegung, Arzt ufw^ während er dem Staate einen Ertrag von 3 Mark erbringt, worin die Loskausgelder elngeschlossen sind.

Mit Hilfe der Arbeitsdienstpflicht konnten 616 km neueStraßen angelegt werden, darunter 161 km Pflasterstraßen, 230 km Straßen wurden ausge- bcssert. 51 neue, feste Brücken wurden erbaut, 24 Brücken ausgebessert. Der Nutzen ge­rade dieser Arbeiten ist für Bulgarien ganz außer- ordentlich, weil die langen Kriegsjahre und der nach­her zunehmende Lastwagenverkehr das Straßennetz in einen traurigen Zustand versetzt haben. Im Jahre 1928/29 arbeiteten die Dienstpflichtigen an 22 Bahn­linien und stellten 70 km Eisenbahnlinie her. Das Eisenbahnbauprogramm Bulgariens, das dem Umstand Rechnung tragen muß, daß das Bahnnetz Bulgariens außerordentlich weitmaschig und zurück­geblieben ist, könnte ohne die Trudowatzi überhaupt nicht durchgeführt werden. Der Arbeitspflicht ist es zuzuschreiben, wenn sich Bulgariens Bahnnetz in den letzten zehn Jahren von 1900 km auf etwa 3000 km erhöht hat. Eine Glanzleistung der grauen Arbeiter ist auch die Entsumpfung der Donaunie­derung beiKaraboas, zwischen Swistov und Nikopol. Hier wurde das Ueberschwemmungsgebiet der Donau mit Hilfe der Völkerbundsanleihe durch bulgarische Arbeitssoldaten und Ingenieure durch einen Damm von 50 km Länge in hochwertiges Ackerland verwandelt. Die ganze Arbeit kostete 100 Millionen Lewa und bedeutet eine Bereicherung des Volksvermögens von einer Milliarde Lewa.

Diese Erfolge sind die materielle Seite der bul­garischen Arbeitsdienstpflicht. Eine nicht geringere Rolle spielen aber auch die ethischen Werte, die durch die Arbeitsdienstpflicht geschaffen werden. Gewiß, ein vollgültiger Ersatz für die auch Bulgarien verlorengegangene allgemeine Wehrpflicht ist die Trudowa-Powinnost" nicht. Trotzdem gleicht ihr moralischer Wert in vieler Beziehung dem einer militärischen Dienstpflicht. Die jungen Leute aus Stadt und Land machen gemeinsam eineVorschule" des Lebens durch, sie werden an Gehorsam und Unterordnung gewöhnt und in dem Gedanken an das notleidende Vaterland erzogen, dem dieser von jedem Parteieneinfluß freie Arbeitsdienst gilt.

In der Verbannung der Sowjets.

Von A exei Zastrow

Ein russischer Ingenieur, der mehrere Mo­nate in dem Verbannungslager von Pinega verbracht hat, schildert hier die furchtbaren Zustände, die in den Sowjetgefangenenlagern herrschen. D. Red.

Die Sowjetregierung hat vom Zarensystem, wie so Sieles andere, auch die Methode übernommen, An­dersdenkende durch administrative Verfahren, d. h.

1 ohne jede Gerichtsverhandlung, in die Verbannung y 3u schicken. Diesem Zweck dienen Gegenden, von denen man auf Russisch zu sagen pflegt, daß sich dort Wölfe und Bären Gute Nacht! wünschen". Nicht nur das als Verbannungsort sozusagen klassisch gewordene Sibirien wird von der GPU., dieser würdigen Nachfolgerin der zarischen Ochrana, benutzt, sondern auch die Wüstengebiete im Nord­osten des europäischen Rußlands sind in der letzten Zeit von den Sowjetmachthabern als Exilland er­schlossen worden. In den Flußgebieten von Petschora, Pinega, Mesen, östlich von Archangelsk, im Reiche der sumpfigen Tundra, sowie im undurch­dringlichen Urwald schmachten in Gefangenlagern

unzählige Tausende, die dort schwerste körperliche Arbeit, z. B. Holzfällen, leisten müssen. Der Geld- äckel der Sowjetregierung ist stets leer und braucht »ringend eine Aufsüllung, zu welchem Zweck man ich gern der kostenlosenMitarbeit" de» Verbannten bedient! Unter den Häftlingen befinden sich auch zahl­reiche Ausländer, die aus irgendeinem Grunde nach Rußland kamen und sich bei der Sowjetregierung durch abfällige Bemerkungen oder andere kleine

Vergehen unbeliebt gemacht haben.

Ganze Familien werden, auf Geheimbefehl der GPU., aus Moskau und anderen Großstädten in die Verbannung geschickt. Eisenbahnzüge sind von Ver­bannten voll. Gewöhnlich werden die Familien, ent­sprechend der Praxis der Behörden, getrennt. Irgendwo mitten im Walde bleibt der Zug stehen. Die Männer erhalten den Befehl auszusteigen. Frauen und Kinder müssen dagegen sitzenbleiben. Es spielen sich dabei Szenen ab, die die fürchterlichsten Bilder aus der Weltgeschichte heraufbeschwören. Die unglücklichen Männer dürfen nicht einmal von ihren Lieben Abschied nehmen. Schluchzen und herzzer­reißende Schreie erfüllen die Luft. Selbst ein Wacht- soldat vermochte bei einer derartigen Szene, die ich beobachtete, seine Tränen nicht zurückhalten.

Ueberall im Lande stehen verlassene und halb zer­fallene Kirchen. Die Sowjetregierung hat diese Kir­chen in Gefangenlager für Frauen und Kinder oerwckndelt. An den Wänden sind etagenweise Kojen aufgebaut. Tage- und wochenlang darf niemand den Raum verlassen, die Kirche ist von einer bis an die Zähne bewaffneten Wache umstellt. Die Ernährung ist miserabel. Die Verbannten bekommen einen Eimer übelriechender Fischsuppe und trockenes Brot. Laut strenger Vorschrift dürfen die Obenliegenden ihre Plätze nicht verlassen. Die Luft in diesen Räumen ist fürchterlich. Ohnmachtsanfälle sind an der Tages- orbnung. Waschwasser ist eine Seltenheit, und so ist es kein Wunder, daß alle Arten von Krankheiten an diesen Stätten des Grauens herrschen. Auf Grund meiner eigenen, leider sehr gründlichen Erfahrungen schätze ich, daß innerhalb des letzten halben Jahres annähernd 25 000 Kinder und Säuglinge in der Ver­bannung gestorben sind.

Was die Männer betrifft, fo werden sie in die Sowjethölle geschickt so nennt der Volksmund die Gefangenlager im Urwald, in denen im Winter grimmigste Kälte herrscht. 40 Grad Frost sind auf diesem Breitengrad eine normale Tem­peratur. Trotzdem erhalten die Gefangenen keine warmen Filzstiefel und müssen sich mit Latschen aus

Baumrinde begnügen. In den Wintermonaten mür­ben täglich Menschen mit abgefrorenen ©Hebern aus bem Urwalb in unser Lager Pinega zurück­geschleppt unb ihrem Schicksal überlassen. Die Ver­waltung ber Gefangenlager unb bie Wache wirb bagegen mit warmer Kleibung in nötigem Maße versehen. Die Gefangenen können sich bei Bauern im Schleichhandel Lebensmittel erstehen, benn bie Nahrung ist selbstverstänblich ungenügenb sie be­steht im allgemeinen aus Fischsuppe unb schlecht zu­bereitetem Buchweizenbrot. Die Preise, bie für Lebensmittel verlangt werben, finb aber ungeheuer. Ein Kilo Mehl kostet z. B. in beutsche Währung um­gerechnet 8 Mark, ein Kilo Zucker 20 Mark, Fleisch 10 Mark usw.

Beim Morgengrauen werben bie Gefangenen burch Trommelwirbel geweckt. Sie erhalten zum ersten Frühstück kochenbes Wasser zum Aufbrühen einer Tasse Tee unb ein Stück trockenes Brot, bann werben sie von ber Wache zu Holzarbeiten in ben Walb gejagt. Die Arbeit bauert volle zwölf Stunben, obwohl ber Achtstunbentag eine ber wichtigsten For- berungen ber siegreichen russischen Revolution war. Die Arbeit fällt ben körperlich unb seelisch erschöpften Menschen außerorbentlich schwer, trotzbem wirb man notfalls mit Peitschenhieben unb Gewehrkolben zur Arbeit getrieben. Bricht einer zusammen, so läßt man ihn einfach liegen. Was gilt hier ein Menschen­leben!

Jeben Abenb werben bie ins Lager zurückgekehrten Gefangenen burch Namensaufruf kontrolliert. Der Kommissar, ber biefe Zeremonie vornimmt, muß bei feinem Erscheinen vorschriftsmäßig auf militärische Art begrüßt werben. Militärische Disziplin ist über­haupt Trumpf. Verstößt einer gegen bie strengen Varschriften, so wirb er lediglich in Unterfleibung in eine Zelle eingesperrt. Es passiert öfters, baß auf biefe Art Bestrafte am nächsten Morgen erfroren aufgefunben werben. Aber auch bas rührt nieman- ben, benn wie ein Kommissar uns erklärte, finb bie Gefangenlager feine Sanatorien, fonbern Stätten ber Zwangsarbeit.

Was finb bas nun für Leute, bie In ben Gefangen- lagern schmachten? Sinb es Schwerverbrecher? Nun, vielleicht in ben Augen ber GPU., bie bie Betreffen- ben als Schüblinge unb asoziale Elemente klassifi- ziert. Zu bieser Klassifizierung genügt jeboch bei­spielsweise, wenn man aus bem Auslanbe einen Zehnmarkschein von Freunben geschickt erhält unb biefeValuta" nicht an einer offiziellen Kasse zum amtlichen Kurs einwechselt. Der amtliche Kurs be­trägt noch nicht fünf Rubel für zehn Mark, wäh- renb man im freien Hanbel etwa bas Zehnfache bafür erhält. Dafür muß man bann eben bie Gefahr in Kauf nehmen, alsDalutafchieber" verbannt zu werben. Außerdem kann jeber Bürger ber Sowjet­union, ber sich eine Kritik ber herrschenben Zustände zuschulben kommen läßt, als unsoziales Element in biefe Hölle geschickt werben.

Kunst und Wissenschaft.

Schluß ber Remes-Auktion. drei Millionen Mark Gesamlerlös.

ERB. München, 19. Juni. (Eig. Melbung.) Die Nemes-Auktion ging heute nachmittag zu Enbe. Der Gesamterlös ber 657 Nummern um- faffenben Auktion beträgt brei Millionen unb einige tausenb Mark. Damit bleibt bas Ergebnis weit hinter ben Schätzungen zurück, bie man im vorigen Oktober abgab.

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Die Gebenkmünze, bie anläßlich des 100. Tobestages bes Freiherrn vom Stein (29. Juni) nach einem Entwurf des Bildhauers Krifchker von ber Preußischen Staatsmünze angefertigt würbe.

Deutscher deamleudund und Notverordnung.

Der Deutsche Beamtenbund, Orts­und Kreiskartelle Gießen Stadt und Land, hielten wie man uns berichtet am Montag eine Mitgliederversammlung ab, in der die durch die neue Notverordnung der Be­amtenschaft erneut auferlegte Belastung schürf ver­urteilt wurde. Diese einseitige Belastung einer bestimmten Volksgruppe werde als ungerecht und vor allem wegen der Belastung besondersder unteren Schichten der Beamtenschaft als unsozial abgelehnt. Eine weitere Ungerech­tigkeit werde in der staffelweisen Kürzung der Ge­hälter nach den Ortsklassen erblickt. Offenbar solle hierdurch ein K?il in die Organisation getrieben werden, um so die Stellung des Deutschen De- arntenbundes zu schwächen. Die Beamtenschaft fei sich aber bewußt, daß auch für sie nur die Stärke in der Einigkeit liegen könne, und sie werde sich dementsprechend einstellen. Man habe bei den maßgebenden Regierungsstellen vergessen, daß es immer wieder in Zeiten der höchsten Not die Be­amtenschaft war, die durch ihre Treue zu Reich und Staat schlimmste Folgen abgewandt habe, die durch ihr Aushalten in den Zähren 1918 und 1919 die Grundlagen zur Ordnung des Chaos schuf, die in Zeiten der Besatzung der Rheinlande und des Duhreinfalls den größten Prozentsatz aller derjenigen stellte, die von Haus und Hof vertrie­ben, in die Gefängnisse gesperrt und so die bitter­sten Leiden erdulden muhte, nur weil sie ihre Pflicht dem Vaterlande gegenüber bis aufs Letzte erfüllt habe. Und gerade diese Beamtenschaft betrachte man heute als die Ursache der zerrütte­ten Reichsfinanzen und lade ihr Opfer auf, die nicht nur von ihr, sondern auch von allen gerecht Denkenden als ungerecht und unsozial abgelehnt werden mühten.

Die Leitung wurde beauftragt, durch das Landeskartell bei der Spitzenorganisativn dahin zu wirken, daß sie die Reichsregierung mit aller Schärfe auf das Unhaltbare dieser Rotverordnung aufmerksam mache und deren Aufhebung verlange. Zum Schluß bestätigte die Versammlung folgende

Entschließung:

3n der heutigen Mitgliederversammlung des Deutschen Deamtenbundes wurde Stellung genom­men zur neuen Rotverordnung und ihren Aus­wirkungen. Es wurde festgestellt, daß die nunmehr zum dritten Male in nicht ganz einem Jahre er­folgte außerordentliche Einkommenskürzung der aktiven Beamten, Ruhe- undWarlestandLbeamten, Hinterbliebenen und Anwärter als völlig untrag­bar, ungerecht und unsozial empfunden wird. Ganz unerträglich ist sie für die Kollegen der un­teren Besoldungsgruppen und für die Kollegen auf dem Lande. Die kriegsbe-- schädigten Kollegen sind unter Ausnahmegesetz gestellt und begreiflicherweise moralisch stark er­schüttert, kurz, die neue Rotverordnung droht eine stäatspolitische Gefahr zu werden. Er­wartet wird von der Spitze der Organisation, daß sie unverzüglich und nachdrücklichst von den Ver­tretern aller politischen Parteien fordert, dahin­zuwirken, diese Rotverordnung aufzuheben oder wenigstenss in ihrem wirtschaftlich zerstörenden Ausmaße bedeutend zu mildern und leistungs­fähigere Schultern zur Behebung der wirtschaft­lichen und finanziellen Rot des Volkes heran­zuziehen. Ferner erwarten wir eine ausgiebige Aufklärung der Oeffentlichkeit in der Tagespresse über die wirkliche wirtschaftliche Lage der großen Masse der Beamtenschaft, zur Beseitigung der fal­schen Vorstellung über deren Wirtschaftslage. Schließlich wird von der Spitze in Berlin verlangt, sofort Schritte bei den zuständigen Regierungs­stellen au unternehmen, daß die nun wieder ver­sprochene Preissenkung energischer und er­folgversprechender durchgeführt wird. Andernfalls wird eine wirtschaftliche Verelendung zahlreicher Deamtenfamilien unausbleiblich sein. Der Be­schluß der Dundesleitung vom 9. Juni. den so­fortigen Zusammentritt des Reichstags zu verlan­gen und die Eingabe des Landeskartells Hessen an die hessische Regierung wurden von der Versammlung begrüßt. Die in Gießen und Umgegend wohnenden Volksvertreter aller po­litischen Parteien und Richtungen fordern wir auf, für unsere berechtigten Wünsche einzutreten. Es kann nicht geduldet werden, daß man eine be­stimmte Gruppe aus dem Volke, die in Zeiten schwerster Rot durch ihre Treue dem Staate gegen­über das Volk vor schlimmsten Folgen bewahrt hat, die die Leiden einer Desatzungszeit gekostet hat, wie wohl keine andere des Volkes, der hier­für der Dank des Vaterlandes von den höchsten Regierungsstellen aus versprochen wurde, heute herausgreift, um ihr Lasten bis zur Unerträglich­keit aufzuerlegen, während jene, die durch Kapital­flucht unser Volk in schwerste wirtschaftliche Röte bringen, leer ausgehen, ja z. T. noch geschützt wer­den. Dem Beamten, der durch seinen Treueid verpflichtet ist, dem Staate und damit dem Dolks- ganzen zu dienen, dürfen nicht durch ein dauerndes Rachgeben der Regierung den beamtenfeindlichen Elementen gegenüber allein alle Saften un­serer wirtschaftlichen Rot aufgebürdet werden."

Oie Eingabe an die hessische Regierung.

Die in der vorstehenden Entschließung ange­führte Eingabe des Hess. Beamten­bundes an das hessische Ministerium hat folgenden Wortlaut:

Ein Schrei des Entsetzens geht durch die ge­samte deutsche Beamtenschaft. Was sie noch vor

einigen Tagen nicht für möglich gehalten hat, ist nun doch Tatsache geworden. Die Beamten­schaft soll erneut mit Abgaben belastet werden, die sich mit den seitherigen Belastungen für sie als unerträglich darstellen. Die hessische Be­amtenschaft protestiert deshalb mit aller Ent­schiedenheit gegen die Regierungsmaßnahme, die ungerecht, unsozial und staatsgefährlich ist, welche die schon recht deutlich erkennbare Staatsver­drossenheit vermehrt und zu einer immer stär­keren Radikalisierung der Beamten beiträgt. Wir pro testieren dagegen, daß man die Beamtenschaft um deswillen zu größeren Opfern verpflichtet, weil man bei ihnen den Eingang bestimmter Summen garantieren kann und weil sie sich nicht, wie andere Bevölkerungsschichten, mit Erfolg einer Besteuerung zu entziehen vermag. Wir prote­stieren dagegen, daß die Rotverordnung ganz offensichtlich jene Kreise schont, die es fertig bringen, ihr Vermögen im Ausland anzulegen. Wir protestieren endlich dagegen, daß man an den Hungergehältern der armen Beamten der unteren Besoldun gsgruppen Ab­züge macht, um unsere Tributzahlungen an das Ausland ausrechtzuerhalten. Wir glauben zuver­sichtlich, daß der Reichstag dieser Rotverordnung seine Zustimmung nicht geben wird. Sollte die Beamtenschaft auch vom Reichstag enttäuscht werden, dann dürfen wir ber Regierung nach­stehend uns ere Auffassung zu den hes­sischen Verhältnissen unterbreiten:

Die Reichsregierung hat in ihrem Aufruf an das deutsche Volk ausdrücklich erklärt, daß mit den Lasten der neuen Verordnung die Grenze dessen erreicht ist, was unserem Volke an Ent­behrungen auferlegt werden kann. Wir gehen weiter und stellen Demgegenüber fest, daß, soweit die Beamtenschaft, insbesondere aber die hessische Beamtenschaft in Frage kommt, diese Grenze seither schon überschritten ist. Run sind aber die hessischen Beamten, Staatsdienstanwär­ter, Kanzlei- und Bureaugehilfen durch Sonder- maßnahmen der hessischen Regierung aus dem vergangenen Jahre noch einmal ganz besonders belastet. Diese Maßnahmen lassen sich nach dem Eingeständnis der Reichsregierung neben den Belastungen aus der neuen Rotverordnung nicht mehr aufrechterhalten. Wir richten des­halb an die hessische Regierung die ganz dring­liche Bitte, falls wider alles Erwarten die Be­stimmungen der Rotverordnung vom 5. 3imi 1931 doch auf Hessen übernommen werden sollten, alle Gesetze, Verordnungen und Verfügungen, welche eine Kürzung der Bezüge Der Staats­dienstanwärter, Der Bezüge Der Kanzlei- und Dureaugehilfen, des Wohnungsgeldes und der ledigen Beamten, Anwärter und Kanzlei- und Bureaugehilfen, der Tagesgelder und Reisekosten der Staatsbeamten herbeigeführt haben und end­lich diejenigen gesetzlichen Bestimmungen, Die eine schlechtere Behandlung Der hessischen Beamten hinsichtlich der Kinderzulagen herbeigeführt ha­ben, außer Kraft zu setzen.

Der Vorstand des Hess. Deamtenbundes."

Eine Kundgebung der höheren Beamten Hessens.

Die Vertreter der gesamten höhe­ren Beamtenschaft Hessens nahmen so berichtet man uns am 16. 3uni zu der durch die Rotverordnung geschaffenen Lage Stel­lung. Die Verhandlungen waren getragen von der schweren Sorge um die Zukunft eines Staates, dessen Regierende das Fundament des Staates, die strengste Gerechtigkeit und Sachlichkeit in allen Regierungsmaßnahmen, so außer acht lassen, tote dies in Den beiden Notverordnungen ge­schehen ist. Die Beamtenschaft hat stets betont, daß sie, Die geistig-sittlich, toie materiell sich dem Staat besonders eng verbunden fühlt, den auf sie entfallende* Anteil eines allgemeinen Opfers zur Behebung der Not des Staates ohne Murren zu tragen bereit ist. Sie muß aber, gerade im Interesse des Staates selbst und zum Schich der Staatsgesinnung, verlangen, daß die Regierung unter Wahrung der höchsten ausgleichen­den Gerechtigkeit und in unbeeinfluß­barer Sachlichkeit die Lasten im Verhältnis der Leistungsfähigkeit verteilt. DasVer trauen der Beamtenschaft, Daß die Regierung dieses Willens fei und sich durch nichts von diesem Weg abdrängen lasse, ist schon durch die erste Notverordnung ins Wanken gekommen und durch die Vorgänge um die neue Notverordnung aufs schwerste erschüttert worden. Die Regie­rung hat dem Druck politischer und wirtschaft­licher Interessengruppen nach gegeben und das Hauptopfer erneut auf die Schultern Der Beamten gelegt. Sie hat das Schwergewicht der verlangten Opfer dorthin verlegt, wo infolge der in Der Deamtenstellung liegenden besonderen Bindung zum Staat der geringste Widerstand zu befürchten war, und damit das Treuverhältnis zwischen Beamte und Staat einer schweren Belastungs­probe ausgesetzt. Werl sie kein Mittel findet, um die Demoralisierung der Kapitalflucht und der Steuerhinterziehung $u bekämpfen, hat sie den Beamten, dessen Einkünfte offen zutage liegen und steuertechnisch restlos zu erfassen sind, erneut zum Hauptträger des Opfers gemacht. Der Ver­gleich Der Belastung der verschiedenen Berufs­schichten zeigt, daß in der neuen Notverordnung das Höchstmaß ungerechter Lastenver- teilung vorliegt. Die höhere Beanctenschast