Samstag, 20. Juni (931
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)
Nr. 142 Zweites Blatt
Oie Tribut-Revision.
Außenpolitische Umschau.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin.
Dor „Obfemr“, ein unabhängige- und kluge- englische- Matt, das freilich deshalb auch durchaus nicht die Gesamtauffassung in England widerspiegelt. schreibt in bezug aus die Lage in Deutschland, es sei kein Zweifel, daß die Krise über Reparation und internationale Kriegsschulden im Anzuge sei: »Die deutsche öffentliche Meinung revoltiert gegen die Rotverord- nung, die Unruhen nehmen ernste Formen an und der Bankerott beginnt. Wenn der Reichskanzler seinen Platz behaupten und eine gewaltsame und gefährliche Aenderung des Regimes vermeiden soll, muh Deutschland bereits vor Oktober eine finanzielle Unterstützung erhalten." Und nun kommt die Formel, die sachlich gar nichts neues sagt, aber allmählich jtne Formel für die Weltpolitik in dieser Beziehung überhaupt wird, jedenfalls werden muh: „.Stur ein Zusammengehen der Welt, Amerikas Zustimmung zum Zahlungsaufschub, oder zu einer weitgehenden ^Schuldenstreichung kann die gewaltigen Krediterschütterungen und einen weiteren Rückschlag sür den Welthandel verhindern.'"
Mit dieser Ansicht eines, wie gesagt unabhängigen und klugen englischen Blattes ist der Ragel auf den Kopf getroffen. Die Frage ist nur, ob der Weg zu diesem Ziele und einer Lösung der Krise so schnell zurückgelegt werden kann, dah eine Lösung ohne Explosion und Erschütterung noch denkbar ist. Dos ist die Schicksalsfrage. 3u ihrem Licht ist auch die Krise zu betrachten, die eben Deutschland im Innern durchgemacht und glücklicherweise mit dem Siege des Reichskanzlers abgeschlossen hat. Aber ein Sieg ist das nur, wenn er als Mittel benutzt wird für eine schnelle Inangriffnahme jenes zentralen Problems.
Dabei steht Frankreich beiseite. Der genaue Wortlaut dessen, was Driand im Parlament dazu gesagt hat, begründet freilich nicht ganz di-e erste Erregung darüber. Briand sprach sehr reservlert, aber mit Anerkennung gewisser Möglichkeiten, die der Boungplan Deutschland bietet. Aus dieser absichtlichen Passivität ist nur vorwärts zu kommen — darin hat der „Temps" ganz recht — durch „eine parallele Reduzierung der Reparationen und der Kriegsschulden der Allierten. aber dies hängt bekanntlich nur von den Bereinigten Staaten ab". Dieser Standpunkt ist entscheidend für Frankreichs (und auch Englands) Stellungnahme in der Reparationsfrage. Es hat wirklich sehr lange gedauert, ehe diese Verbundenheit von Reparationen und interalliierten Schulden so deutlich erkannt und ausgesprochen wird, obwohl sie längst vorhanden war. Dafür ist wesentlich, an eine Bestimmung im fran- z ö s i s ch - a m e r i k a n t s ch e n Schuldenabkommen zu erinnern. Darin hat Frankreich bekanntlich die von ihm gewünschte sog. Garantieklausel nicht durchgeseht. den Vorbehalt nämlich, dah bei einem deutschen Verzug in der Reparationszahlung automatisch die Schuldenzahlung Frankreichs an Amerika stoppe, oder reduziert werde. Aber im Schuldenabkommen hat Amerika tatsächlich zugestanden, dah Frankreich die Zahlung einer Jahresrate für Kapital und Zinsen, ganz oder teilweise, auf drei Iahre hinausschie- ben kann, von 1932 an allerdings nur für die Kapitalzahlung selbst. Eine ähnliche Bestimmung steht auch im französisch-englischen Schuldrnab- kommen. Es ist also, wie nachdrücklich betont werden muh, eine vertraglich gesicherte Grundlage vorhanden, die für Frankreich ausreicht. dah es im Fall eines deutschen Zahlungsaufschubs auch den Zahlungsaufschub seinen Gläubigern gegenüber erklären kann.
Allmählich dringt nun auch in den Vereinigten Staaten der Zusammenhang zwischen Reparationen und Kriegsschulden durch, oder besser gesagt: über die Einsicht hinaus, die an vielen Stellen längst vorhanden war. der Mut, diesen Zusammenhang einmal auszusprechen. Freilich sind die Aeuherungen zu dem ganzen Problem, mit dem für Amerika bekanntlich auch die Abrüstungsfrage verbunden ist, noch reichlich undeutlich und unbestimmt. In Hoovers offizieller
Oas preislied.
Eine morgenländische Anekdote.
Don Karl Lerbs.
„Allahs herrlichstes Geschenk an das Volk der Gläubigen, die das Antlitz gen Melka wenden, ist Iussuf Pascha, der Grohwesir!" Also trompete das neue Lobgedicht Achmed Alis, des Dichters. „Der Gesang der Sterne auf ihren ewigen Feuerbahnen tönt preisend seinen unsterblichen CH am en, der Glanz der Sonne verhüllt sich schamvoll, wo seine Güte leuchtet: lieblicher denn der linde Lenzmorgen ist das Lächeln seiner Lippen: ehrfurchtsvoll preist ihn die Rede der Edelsten, und Dank stammelt ihm der erquickte Mund des letzten Armen. Ditte ihn, um was du willst, und es ist dir gewährt!"
Wohlan, das Lied nahm seinen Weg hx die Kaffeehäuser und die Dalare: und Achmed Ali lieh es unter das Volk verteilen und las es seinen Freunden auf dem Markte vor: und am dritten Tage schon plärrten es die tauben Bettler, wenn sie die Rosse des Grohwesirs traben hörten, und die blinden, wenn sie nur von ferne einen Diener aus dem Palaste Iussuf Paschas sahen. Und Achmed Ali wartete auf seinen Lohn und dankte Allah früh und spät für die schöne und nützliche Begabung, die er ihm verliehen hätte. Und am vierten Tage, eine Stunde bevor der Muezzin zum Mittagsgebet rief, sandte der Kadi einen Häscher zum Dichter und lieh ihn vor Gericht fordern.
„Sei mir gegrüßt, v reiner Quell des lieblichsten Liedes", sagte der Kadi und vergrub die Finger der Rechten in seinem weihen Barte, so dah man das Lächeln nicht sah, das seine Mundwinkel herabbog. „Allah reife die edlen Früchte deiner Kunst an der Sonne feiner Gnade. Aber Feik, der Schneider. hat Klage wider dich erhoben, dah du ihm tausend Dinare zahlest."
„Die Fürbitte des Propheten schütze Feik und sein Haus!" versetzte der Diener. „Aber ich schulde ihm nichts.
„Besinne dich, v König des Liedes!" mahnte der Kadi und bedeutete mit einer Handbewegung dem Schneider, dah er schweigen solle. „Schriebest du nicht auf Iussuf Pascha, unseren erhabenen Grohwesir — Allah erhalte ihn — jenes herrliche
Rede vom 15. Iuni, die man als Ankündigung deutet, sich zur Wiederwahl nächstes Iahr zu stellen, sind diese auhenpolitischen Probleme mit keinem Wort erwähnt. Es liegen aber Aeuherungen auS seiner Umgebung vor, die allerdings eine gewisse Bedeutung haben, und die den Zusammenhang zwischen Kriegsschulden und Abrüstung auf das schärfste unterstreichen. Das würde zunächst nur bedeuten, dah das amtliche Amerika in der Finanzfrage nichts tun wolle, bevor die Ergebnisse der Abrüstungskonferenz bekannt seien. Daraus kann mit Bestimmtheit gesagt werden: so lange bat Deutschland nicht Zeit, so lange hält das jetzige System in Deutschland nicht stand gegenüber den Stimmungen und den Forderungen hx den Massen! Immerhin können wir fcftftellcn, dah unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise' auch in Amerika sich die Tonart und Ausdrucksweise der amerikanischen Politik ändert. Man spricht davon, dah Kriegsschulden (gleich Kriegsschuldennachlah) und Abrüstung in einem Zwangszusammenhange stehen. Richt neu ist darin Amerikas Standpunkt. dah es Erleichterungen nicht gewähren würde, wenn es befürchten müsse, dah sie nur zu Rüstungszwecken verwendet werden. R e u ist aber die Anerkennung eines Zusammenhanges, der dahin zu deuten ist: wenn Erfolge der Ab- rüstungsbewegung zutage treten, wäre Amerika zu einer elastischeren Politik in der Schuldenfrage bereit...
Darüber hinausgegangen ist in der letzten Woche der Unterstaatssekretär im amerikanischen Auhenministerium. Castle, mit dem Hinweis: die amerikanische Auffassung von der Trennung der Reparationen und Kriegsschulden sei bekannt, aber das bedeute nicht, dah man an dieser These starr sesthalte, sondern man studiere die Frage, um „im Fall einer ernsten Krise zu erwägen, ob eine vorübergehende Aenderung der amerikanischen Politik erforderlich sei". Das ist ein Schritt vorwärts l Cs ist zum erstenmal eine Erklärung von amtlicher Stelle, die die Verknüpfung der beiden Fragen als möglich ansieht. Wir können ohne weiteres annehmen, dah die beiden wichtigen Staatsmänner Amerikas, die jetzt nach Europa auf Reisen gegangen sind, auch für diesen Zusammenhang hier ihre Eindrücke sammeln werden. Dann werden sie auch für die einzelnen Möglichkeiten innerhalb des ganzen Problems aufgeschlossen werden. Sie werden sehen, dah, wenn vom amerikanischen Standpunkte aus Schuldenrevision und damit Revision des Voung- plans vor der nächsten Präsidentenwahl nicht möglich ist, die grundsätzliche internationale Erörterung also erst Anfang 1933 möglich sein würde, Amerika irgendwie anders entgegenkommen muh.
Inwiefern? Dafür bieten eben die Aufschub- fiaufeln nicht nur des Vormgplans, sondern auch jener Schnldenablommen eine Handhabe. Reben der erwähnten französischen Regelung besteht die für England, das von sich aus auch mit 90tägigcr Ankündigungssrist seine Zahlung auf höchstens zwei Iahre aufschieben kann, in einem Mechanismus, der genau der gleiche ist, wie im Poung- plan. Das steht in dem bekannten Dalfourab- kommen von 1922. Desgleichen hat Belgien eine Aufschubsmöglichkeit dieser Art.
Es ist also weithin eine Plattform vorhanden, von der auS gesprochen werden kann, wenn die amerikanische Politik es als nicht möglich erscheinen läßt, schon die grundsätzliche Revision zu erörtern. Die Zahlungspause, die dadurch allgemein einträte, würde eine Atempause fein und die Grundrevision Dorbereiten. Für das Technische aber, sowohl für die deutschen wie die interalliierten Zahlungen, ist die BIZ. da, — wozu ist sie denn sonst geschaffen worden?
Für den ganzen weiteren Zusammenhang fei auch einmal nachdrücklich an die bekannte Rote Balfours an die amerikanische Regierung vom 1. August 1922 erinnert, die schon damals „das Unheil, das der Welt durch den gegenwärtigen Zustand der Dinge widerfährt", ancrfaimtc und die Bereitschaft Englands festlegte, „alle weiteren Ansprüche auf deutsche Reparationen und alle Ansprüche aus Rückzahlungen durch die Alliierten fallen zu lassen, wenn dieser Verzicht einen Teil eines allgemeinen Planes bildet. Eine allgemeine Regelung hätte größeren Wert für die Menschheit, als aller Gewinn, der aus einer noch
Lobgedicht, und hieh es nicht darin: „Ditte ihn um was du willst, und es ist dir gewährt!" —?
„Der Ewige hatte die Hand über dein Haupt!" versetzte der Dichter. „Das tat ich. Aber was hat es mit Feik, dem Schneider, zu schaffen?"
„Rxm, sein Weib ist krank, unb seine einzig«! Kuh hat die Seuche geschlagen, und seine Schuldner bezahlen nicht. Da ist er zum Grohwesir — Allah schenke ihm Wohlergehen! — gegangen und hat sich ihm zu Süßen geworfen und also gerettet: „Achmed Ali, der große Dichter, hat geschrieben, daß du jette Ditte gewährest, Großmächtiger. Wahrheit ist das Wort der Dichler. Atto bitte ich dich, dah du mir tausend Dinare gebest" Der Grohwesir aber hat gelacht und ihn hinauswer- fen lassen und ihm nachgerufen, wenn er noch einmal käme, würde er ihm tausend Stockprügel auf die Fuhsohlen geben lassen — denn es sei unmöglich, dah Achmed Ali, der große Dichter, einen so greulichen Unsinn geschrieben haben sollte. Wahrheit, o Achmed Ali, ist das Wort der Dichter, und Wahrheit muß es bleiben vor dem Volke. Und darum erkenne ich für Recht, daß du Feik, dem Schneider, die tgufentt Dinare gebest, auf der Stelle und ohne Abzug in bar. Vielleicht war es ein Mißverständnis zwilchen dem Grohwesir und dir: da wird es dir ein Leichtes sein zu entwirren, was uni crem nüchternen Verstände ein unlösbares Rätsel scheint.
llnö Achmed Ali schlug sich natürlich an die Drust und raufte fein Haar und klagte und redete Vieles und Rührendes, für das in dieser Geschichte fein Raum ist.. Der Kadi aber zuckte die Achseln und wußte feinen anderen Spruch. Und der Dichter lief heim und nahm all sein Geld und lieh von seinen Freunden und gab Feif, dem Schneider, tausend Dinare, die mit salzigen Tränen benetzt waren. Und er rannte in den Palast und warf sich dem Großwesir zu Füßen und rettete alles noch einmal.
„Umnachtet Scheitan mit Wahnsinn dein erhabenes Gehirn, das Allah mit seinem Lichte erleuchte immerdar?" fragte der Großwesir und vergrub die Finger der Rechten in seinem schwarzen Darte, so daß man das Lächeln nicht sah, das feine Mundwinfel her abbog. „Ober ist bas alles wahr, unb hast bu in ber Tat geschrieben, was Feik, ber Schneiber, behauptet?"
so erfolgreichen Eintreibung ber juristischen Verbindlichkeiten kommen müsse".
Alles das sind keine Reuigkeiten. Sie sind bei uns wohl im Laufe ber Iahre aus bem Gedächt- nis entschwunden, unb die deutsche Reparationspolitik hat auch alle diese Waffen viel zu wenig verwendet.
Man sieht: es gibt Handhaben und Möglichkeiten, um auch heute schon das Problem vorwärts zu bringen. Wir begreifen, warum Dr. 'Brüning zunächst noch einen einseittgen Akt Deutschland- in bezug auf die Reparationspolitik vermeiden und zunächst internationale Verhandlungen einleiten will — hoffentlich schon längst eingeleitet hat. Er wird aber nicht im Zweifel darüber fein, daß weder ber Entschluß, auf eine Erleichterung unserer Lasten mit aller Kraft hinzuarbeiten, noch die Zeit für ihn mehr frei ist.
Mit höchster Anspannung und Einsetzung seines ganzen Prestiges hat er sich jetzt die Dahn freigemacht. Wir lassen die Erörterung beiseite, ob nicht schon kostbare Zeit zwischen dem 14. September 19C0 und heute unwiderbringlich verflossen ist. Jetzt ist die Zeit höchst begrenzt, nur nach wenigen Monaten bemessen. Die Grenze betten, was dem deutschen Dolf zugemutet werden kann, ist erreicht, vielleicht überschritten, der Dogen so gespannt, baß man mit Recht fragen kann, ob er nicht schon überspannt ist. Darum ist es auch nicht möglich, in ber bisherigen geheimnisvollen, kaum in Andeutungen sich bewegenden Weise bie Frage weiter zu behandeln. Der Kanzler hat selbst darauf hinge- wiesen. wenn er die Ablehnung, Reichstag ober Haushaltsausschuß zu berufen, vor allem begrün- bet mit ben außenpolitischen Derhanb- lungen. Uno die Kreditkrise, bie toieber einmal eingetreten ist, hat ihren Grund nicht nur in bem Mißtrauen der Welt draußen in die inneren Zustände Deutschlands — das ist natürlich ein sehr
wichtiger Grund —. sondern zugleich auch In der Unsicherheit ber Wett, daß sie nicht weiß, was Deutschland eigentlich in der Reparattonssrage vor hat und vorbereitet.
Keiner draußen in der Welt, der etwas von den Dingen versteht, zweifelt daran, baß ber Anstoß zur Behandlung bieses riesigen Problems von D e u t s ch l a n b kommen wirb, weil er von ihm kommen muß. Der Kanzler ist jetzt in seinen Erwägungen unb Entscheidungen zur Reparationspoluik. bie von so gewaltiger Tragweite sinb, durch innerpolitischen Lärm nicht gestört. Das ist erfreulich unb unbedingt notwendig. Jetzt aber müssen die Entschlüsse gefaßt unb der deutschen öffentlichen Meinung erkennbar gemacht werden. Sonst ist einfach ber Faktor: „Drüning-Deutschlanb" nicht mit derWuch* in bie beginnenbe internationale Diskussion zur Kriegsschuldens rage emzusetzen, wie es nottoen- dig ist. Der Kanzler wirb für diese jedenfalls schweren Monate, soweit es überhaupt möglich ist, das deutsche Dolf nur in der Hand haben unb mit dem außenpolitischen Prestige, das er sich so wertvoll gewonnen hat, einsetzen können, wenn hinter ihm in diesem Volke bie Ueberzeugungi steht: bie gewaltigen Lasten zur Sanierung der Finanzen sinb notwendig als Voraussetzung entscheidender Schritte zur Entlastung von den Kriegstrlbuten: die- letztere ist unzertrennlich mit dem ersteren verbunden. Sonst gewinnt die Ueberzeugung die Oberhand, daß die ganze Riesenbelastung doch keinen Sinn habe. Das führt zu Explosionen unb fchlägt dann dem Kanzler selber die Waffe aus der Hand, mit der er die Kriegsschuldenrevision einzuleiten beabsichtigt. Er hat sich nicht dazu gedrängt, in diefer Weise buchstäblich im Mittelpunkte einer ganz zentralen Weltfrage zu stehen, aber er steht in diesem Mittelpunkte unb trägt so die V e rantwortung für Deutschland unb sein Schicksal!
Bulgariens graues Arbeiisheer.
Don unserem W. E
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verbaten.)
Sofia, Mitte Juni.
Seit nunmehr elf Jahren kann sich Bulgarien rühmen, als erster und einziger Staat Europas die Arbeitsdienstpflicht für seine Bürger eingeführt zu haben. Die Einrichtung der „Trudowa- Powinnost" (Arbeitsdienstpflicht) wurde in der ärgsten Not der Nachkriegszeit geschaffen und hat sich geradezu glänzend bewährt, so daß die Bulgaren mit Recht auf ihr „graues Arbeitsheer" stolz find. Im Juni 1920 erließ das Kabinett Stamboliisky das Arbeitszeitgesetz, dessen Einleitung am besten den Sinn der Arbeitspflicht der Bürger Bulgariens darlegt: „Obgleich das bulgarische Bolk arbeitsam ist und bereits am Lichte der Zivilisation teilnimmt, hat es noch keinen wirklichen Fortschritt in seinem wirtschaftlichen Leben vollbringen können. Eine Entwicklung, die nicht nur eine Bereicherung der wirtschaftlichen Kultur des Volkes, sondern auch eine Steigerung der Produktion mit sich bringt, ist darum not- wendig. Darum will das Gesetz die steuerliche Abart des Militärdienstes, an den das bulgarische Volk gewöhnt ist, vervollkommnen, will die Erziehung der Jugend zum praktischen Leben fördern, das Gefühl für die Erhaltung und Vergrößerung der nationalen und sozialen Reichtümer stärken und Bulgarien helfen, den durch den Krieg verursachten Niedergang zu überwinden."
Große Schwierigkeiten politischer und wirtschaftlicher Natur stellten sich der Verwirklichung des Ge- fetzes entgegen. Die Ueberwachungsorgane der Entente und der feindlich gesinnten Nachbarstaaten witterten in der Arbeitspflicht eine Art „schwarzer" Armee und verfolgten die Einrichtung jahrelang mit einschränkenden Verfügungen, die so weit gingen, daß den „Trudowatzi" das Grüßen ihrer Vorgesetzten durch Anlegen der,rechten Hand an die Kopfbedeckung verboten wurde! Es sei hier festgestellt, daß die Trudowa-Powinnost nicht das geringste mit dem Militär zu tun hat. Sie ist nicht bewaffnet, hält keine militärischen Hebungen ab, und es gehört der ganze böse Wille der Weltkrieg-Sieger dazu, von der
„Allah schenke dir tausenb Iahre paradiesischer Wonnen auf Erben!" heulte berDichter. „Ich habe es geschrieben."
Unb Iussuf Pascha bebeckte bie Augen mit ber Hanb unb schwieg eine lange Weile. Dann sah er ben Dichter mitleidig an unb sprach: „Ich habe in mein Inneres geblickt unb mich geprüft, unb ich habe gefunden, baß ich ein elenber Sünder bin unb keine ber eblen Eigenschaften besitze, bie ttu an mir rühmtest. Allah strafe mich nach Ver- bienst. Dich aber bewunbere ich um beines Glaubens willen: unb ich rate bir, baß bu unters Volk gehest unb bie wahre Gesinnung ber Menschen erforschest: benn sie sinb böse in ihrem Trachten unb verdienen nicht des Himmels Gnade. Ziehe hinweg, o Dichter, unb merke, baß es ein kostspieliger Irrtum rst, andere ebel zu heißen, ehe du sie geprüft hast."
Und der Dichter verhüllte sein Haupt und ging: und als er vor bem Paläste Feik, ben Schneiber, sah, der dreien seiner hllfsbettürftigen Freunde voll heiterer Hoffnung ben Weg zum Großwesir wies, entwich er in eine Seitengasse unb entfloh in einer Staubwolke. Da man seither nichts von ihm vernahm, so formen wir nur hoffen, baß Allah ihm hinfort gnädig war.
Sorffdyriffe der Krebsforschung.
In der Zeitschrift „Forschungen und Fortschritte" erklärt der Frankfurter Pathologe, Universi- tätsprofessor Dr. Bernhard Fischer-Wasels, daß die systematische Erforschung des Krebsproblems jahrzehntelang schwer gehemmt worden ist durch mancherlei Hypothesen und irrige Anschauungen. Besonders die Einreihung der Krebskrankheit unter die Infektionskrankheiten und die — heute restlos widerlegte — Theorie eines „spezifischen Krebserregers" haben hier viel Unheil angerichtet. Es hat sich nun im Laufe der letzten Zeit immer deutlicher gezeigt, daß in der Krebsfrage ein wichtiges biologisches Problem verborgen ist, das geradezu im Gegensatz zur Infektion steht: die Geschwulstzelle selbst ist in ihren Lebensstrukturen die Trägerin des Wesens der Krankheit, und sie entsteht durch einen krankhaften Entwicklungsgang aus normalen, unentwickelten Körperzellen.
8.-Berichterstatter.
äußeren Aufmachung auf ein verkapptes Heer zu fdjließen. Es ist einleuchtend, daß die auf dem Lande verwendeten Trudowatzi in Zelt- oder Barackenlagern untergebracht werden müssen, daß strasfe Disziplin im Interesse der Ordnung und der Arbeitsleistung nötig ist, daß einheitliche Kleidung und Verpflegung selbstverständlich sind. Bezeichnend ist es, daß der von Haus aus militärische Geist der Bulgaren an solchen, durch die Art des Dienstes bedingten Aeußerlichkeiten keinen Anstoß genommen hat. Das ganze Bulgarien — in Bulgarien sind auch die Sozialisten Anhänger der allgemeinen Wehrpflicht, und noch mehr der bürgerlichen Arbeitspflicht — hat einmütig das Arbeitsgesetz unterstützt. Schließ- lich ist es erst ein halbes Jahrhundert her, seit die Türkenherrschaft verschwand, die ihre eigene Ar> bcitsdienstpslicht hatte, nämlich die unfreiwillige Zehntarbeit der bulgarischen Bauern für die türkischen Herren. Heute arbeiten die jungen Bulgaren für den Wiederaufbau des eigenen Vaterlandes. Man findet sie beim Bahnbau, Straßenbau, bei Fluß, regulierungen, Entsumpfungen, Aufforstungen, Oed- lanbfultioierungen und Wasserleitungen, Trudowatzi arbeiten in den staatlichen Domänen, auf Gestüten, bei Hafenbauten, sogar bei archäologischen Ausgrabungen. Diejenigen Trudowatzi die eine bessere Schulbildung genossen haben oder die ein Handwerk verstehen, werden als Schreibkräfte oder Spc- jialarbeiter eingestellt, häufig in Betrieben, die für den Eigenbedarf der Arbeitsdienstpflicht — Herstellung von Bekleidung, Schuhwerk, Arbeitsgerät — arbeiten.
Nach dem Gesetz sind alle männlichen Bulgaren, die das 20. Lebensjahr erreicht haben, zu einer ein- maligen Dienstleistung verpflichtet, wenn sie körper- lich tauglich find. Anfänglich betrug die Dienstzeit zwölf Monate, sie wurde aber auf Verlangen der Entente auf acht Monate herabgesetzt, und cs wurde außerdem erzwungen, daß jeweils nur 30 v. H. des laufenden Jahrgangs „einberufen" werden dürfen. Ein Barsold wird nicht gewährt, dagegen erhält der Dienstpflichtige eine graue Uniform, im Sommer Leinenblusen und Leinenhüte, Schuhwerk und aus-
Um in das biologische Problem der Krebsbildung einzudringen,' muß vor allem erst die Möglichkeit zum experimentellen Arbeiten geschaffen werden. Don Beobachtungen der menschlichen Pathologie aus- gehend, konnte eine Reihe verschiedener Methoden zunächst empirisch aufgefunden werden, die es ge- stattete, echte Krebserkrankung beim Tier künstlich, z. B. durch Teerpinselung, Bestrahlung usw. zu erzeugen und in Entstehung und Ablauf gründlich zu studieren. Es konnte im Tierversuch gezeigt werden, daß immer zwei Ursachen Zusammenwirken, ein lokaler Vorgang und eine allgemeine Disposition des Körpers. Zahlreiche Berufskrebse des Menschen, wie der Röntgenkrebs, der Paraffinkrebs, der Arsenkrebs u. a. find so in ihren wesentlichen kausalen Faktoren aufgeklärt.
Die chemisch-physiologischen Grundlagen der allgemeinen Krebsdisposition aufzudecken war eine weitere wichtige Aufgabe Diese Disposition lag vor allem in der Stoffwechselstörung. Die Krebszelle selbst zeigt eine stark verminderte Atmung und eine stark gesteigerte Zuckergärung gegenüber der gefunden Zelle. Letztere führt zu einer Anhäufung von Milchsäure im Gewebe, die das Wachstum der Ge- schwulstzellen steigert. Gesteigerte Gärung bei herabgesetzter Atmung konnte im Stoffwechsel der ver- fchiedenen Organe des Krebskranken nachgewiesen werden.
In neuester Zeit ist es gelungen, bei den bösartigen Geschwülsten eine Verschiebung der Reaktion des Gesamtblutes nach der alkalischen Seite aufzudecken. Aus diesen Tatfachen ergeben sich auch neue Wege zur Bekämpfung der Krebskrankheit, da man versuchen kann, den Körper zu einer ver- stärkten Atmung zu zwingen und eine Säuerung des Blutes durchzuführen. Die in dieser Beziehung an- gestellten Versuche Haden schon sehr günstige Ergebnisse gezeitigt, und es ist zu hoffen, daß bei weiterem Ausbau der Methoden wesentliche Fortschritte auf dem Gebiet der Krebsbekämpfung erzielt werden, die aber nur zu erwarten sind von einem tieferen Eindringen in die krankhaften Lebensvorgänge, die pathologische Physiologie der Krebszelle und des krebskranken Körpers. Die bisherwen Ergebnisse haben gezeigt, daß noch große und wichtige Teile des Krebsproblems eingehender wissenschaftlicher Bearbeitung bedürfen.


