tut Kilogramm Produktion über gegangen und wäre imstande, binnen sieben Wochen eine Goldreserve im Werte von 2.5 Mil- lionen Mark zu schaffen. Einer Kontrollkommiiswn führte Taufend das .besonders gut gelungene Experiment vor, bei dem er aus 750 Gramm vorbereiteten Materials725Gramm reines Gold ausschmolz. Durch Hergabe von Goldgutscheinen brachte er danach mehrere Ver- eins- und Nichtvereinsmitglieder um wertere 44000 0 Mark, die er für sich verbrauchte.
Nach der Verlesung der Anklageschrift wurde in die Vernehmung des Angeklagten eingetreten, aus der sich ergibt, daß Tausend einige Jahre auch im Auslande lebte, so in Zürich, wo er Musikunterricht erteilte und sich mit dem Geigenbau beschäftigte. Er will dort ein Verfahren entdeckt haben, billige Geigen in Meistergeigen zu verwandeln. Als er nach der Entlassung aus dem Heeresdienst im Jahre 1917 seine Studien wieder aufnahm, beschäftigte er sich mit der Frage der Lösu n g der Quadratur des Zirkels. Auf die Frage des Vorsitzenden meinte er, daß nach seinen Verechnungen die Möglichkeit der Lösung dieses Problems gegeben sei. Leider habe er seine Berechnungen verloren. Der Angeklagte bestreitet, daß er sich auf Grund seiner Erfindungen um den Nobelpreis beworben habe. Er betonte, dah er auch heute noch an sein Verfahren zur Herstellung von Gold glaube. Die negativen Erfolge der verschiedenen Versuche seien nur auf Versehen zurückzuführen.
An eine Herstellung synthetischen Goldes durch Zertrümmerung von Ätomen habe er nie gedacht. Sein Streben sei dahin gegangen, «inen Prozeß, zu dessen Durchführung die Natur Jahrhundert-- tausende nötig hatte, auf einen kurzen Zeitraum zusammenzudrängen.
3m Frühjahr 1929 fei er mit Cubenborff in Derbinbang getreten. 2HU Cubenborff als „Ireu- tjänber ber Reichskanzlei" fei ein vertrag abgeschlossen worben, in dem Tausend seinen Vertragspartnern sein Verfahren übertrug jur Verwertung zum Ruhen des deutschen Volkes, Daburch seien alle Rechte auf Cubenborff übergegangen.
Am gleichen Tage sei dann der Gesellschaftsvertrag zur Gründung der Gesellschaft nach bürgerlichem Recht abgeschlossen worden, wobei Ludendorff ebenfalls als Vertrauensmann der Geldaeber im Mittelpunkt gestanden habe. Auch hier habe man ihm 5 v. H. des Ergebnisses zugebilligt, während 7 5 v. H. an Ludendorff zur Verwendung für vaterländische Zwecke gegeben werden fällten, ohne daß Ludendorff verpflichtet gewesen wäre, Rechnung zu legen. Wiederholt bestritt Tausend, daß er Darauf ausgegangen sei, sich einen Profit aus der Verwertung seiner Erfindung zu verschaffen. Erst auf Drängen habe er sich dazu bereit erklärt, 5 o. H. des Gewinnes als seinen Anteil anzunehmen.
Italien und Frankreich in Genf
Paneuropa als Mittel fran ösischer Wirtschaftshegemonic.
Nom, IS.Jan. (END.) Der bisherige Verlauf der Paneuropa-Tagung gibt der gesamten italienischen Presse Anlaß, Wege und Ziele der französischen Außenpolitik kritisch zu untersuchen und die italienische Außenpolitik klar herauszuarbeiten. Dabei nimmt die italienische Presse für G r andi das Verdienst in Anspruch, der Debatte über Paneuropa ihren großen politischen Charakter gegeben zu haben. Hierdurch sei das französische Manöver abgestoppt worden, bas darauf hinausgelaufen sei, nicht nur die französische Vormachtstellung auf dem europäischen Kontinent sicherzustellen, sondern auch für 'das französische Geschäft vor allem auf
dem Balkanmarkt politische Sicherheiten zu schassen. Cs sei jetzt klar, daß der einzige urtb eigentliche Zweck des französischen Paneurvpa- plans darauf hinausging, die französische S i ch e r h e i t s t h e s e auch auf das wirtschaftliche Gebiet zu übertragen und durch Zusammenschluß aller O st - staaten im französischen Interessennetz eine Einheitsfront zu schaffen, mit der Frankreich schließlich auch zu einem antirufsischen Block hätte gelangen wollen.
Kleine politische Nachrichten.
In dem Zivilppozeß des Senatspräsidenten Dr. G r ü tz n e r gegen den preußischen Staat wegen der rechtlichen Grundlage des Notopfers der B e - a m t e n hat die VIII.Zivilkammer des Landgerichts I Berlin folgendes Urteil verkündet: Der Kläger wird mit der Klage abgewiesen und verurteilt, die Kosten des Rechtsstreites zu tragen.
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Der Reichswehr mini ft er hat einen Erlaß über Hilfsmaßnahmen der Wehrmacht zur Linderung der allgemeinen Not herausgegeben. Darin werden die Wehrkreiskommandeure des Reichsheeres und die Stationschefs der Marine angewiesen, in engem
Zusammenarbeiten mit Behörden, gemeinnützigen Vereinen, amtlichen und privaten Wohlfahrtsstellen die Hilfsmittel der Wehrmacht einzufetzen. 2m Rahmen dieser Hilfsmaßnahmen werden Feldküchen zur Speisung Bedürftiger, Fahrzeuge zu Materialtransporten und auch Personelle Kräfte zur Verfügung gestellt. Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden soll verhindern, daß Arbeitslose geschädigt werden.
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3n der Neujahrsnacht kam eS in Berlin zu einem Zusammenstoß zwischen Mitgliedern der NSDAP, und des Reichsbanners, in dessen Verlaus das Mitglied des "Reichsbanners, Willi Schneider, und das Mitglied der SPD., Herbert Gras, durch Schüsse tödlich verletzt wurden. Wegen des Verdachts der Teilnahme an diesem Zusammenstoß ist jetzt auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Voruntersuchung gegen den Privatförster Br es sei und zehn Genossen eröffnet worden. Der An geschuldigte Decker, der in dem Verdacht steht, den tödlichen Schuß mit Lieberlegung abgegeben zu haben, ist flüchtig. Gegen ihn ist Haftöesehl und Steckbrief erlassen, desgleichen gegen die flüchtigen Angeschuldigten Waler H a u s ch k e und Maurerlehrling Kolla tz.
Dazu hatte die drastischste je dagewesene Deflation des Effektenmarktes bereits stattgefunden, damit waren auch die Maklerdarlehen seitens des Danken stark eingeschränkt, und nahezu alle Neu- Yorker Danken hatten den festen Boden gefun et Geschäftspraktiken einigermaßen wiedergewo.men und befanden sich, ebenso wie das Bundes-Re- serve-System, in einer außergewöhnlich starken Position. Lind, last but not least, schließlich gewann das etwas kopfscheu gewordene Publikum fein Vertrauen rasch wieder, als die dreiundzwanzig dem Clearinghaus-Derbande angehörigen Neuyorker Großbanken sich unverzüglich bereit erklärten, den Einlegern der geschlossenen Dank bis zu 50 v. H. ihrer Depositen gegen! 5 Prozent Zinsen vorzu st recken.
Damit ist natürlich noch lange nicht gesagt, dah jetzt alles im schönsten Gleis ist und die Kunden der Bank ot United States nur etwas Geduld haben müssen, ehe fu wieder zu ihrem Gelbe kommen. Der Bankensuperintendent des Staates Neuhork ist mit einem ganzen Heer von Rechnungsführern an der Prüfung der Bücher Les Instituts, und wenn man Positives auch noch nicht erfahren hat, so ist doch schon so viel durchgesickert, daß mit ziemlicher Bestimmtheit auf einen Verlust des Stammkapitals sowie des Lieberschusses, rund 42 Dollarmillionen, zu rechnen ist. Das heißt, vorläufig haben die Aktionäre das Nachsehen, sofern sie nicht schon vorher ihre Anteilscheine mit mehr oder minder großem Verlust abgestohen haben.
Unmittelbar auf die Schließung-dLL Bank of United States folgte die Llebernahme der Neuyorker Chelsea Bank and Trust Company mit ihren sechs Zweigstellen durch die Staatsbehörden. Diese Bank schuldete ihren 40 000 bis 45 000 Depositoren am 14. Oktober rund 21 Millionen Dollar. Ihre Aktien, die vor etwas über einem 2ahr auf 120 gestanden hatten, wurden am Tage vor der Schließung an der Börse mit 4 bis 8 Prozent notiert. Zwischen diesem Kursunterschiede und der Notlage der Bank besteht eine enge, dem Nichteingeweihten nicht ohne weiteres ersichtliche 'Beziehung, aus der sich wenigstens zu einem Teil die Frage beantworten läßt: woran kranken diese Danken, warum fallieren sie, was bedeuten diese Millionenkrachs?
Man geht kaum fehl, wenn man eine Zwangslage wie die, in der sich die Bank of United States und die Chelsea Bank befinden, denM anövern gewisser Baisse-Spekulanten zuschreibt. Nach dem großen Krach der Industrie- werte usw., als das Publikum sich die Finger einstweilen zur Genüge verbrannt hatte und die Makler hier nicht mehr viel auszurichten vermochten, stürzten sie sich auf die Bankaktien und begannen drauf rumzuhämmern. Sie verkauften die Papiere in sogenannten Kurz- oder Leerver- täufen, d. h. ohne sie tatsächlich zu besitzen und suchten dann mit allen Mitteln die Werte zu drücken, um billiger eintaufen zu können und so ihren Schnitt zu machen. Das „mit allen Mitteln" ist geflissentlich gewählt, denn diese Sorte Macher und Schieber scheut vor nichts zurück, um ans Ziel zu kommen. Gestützt auf den von ihnen selbst verursachten Kurssturz der Aktten einer Dank sprengen sie Kassandra-Gerüchte über ihren finanziellen Stand aus, und dann dauert- es gewöhnlich nicht lange, bis der „Run", d. h. der Ansturm der geängstigten Einleger, die ihr Geld haben wollen, da ist. Die Reserven sind bald aufgebraucht, die Hypotheken und Obligationen, in denen der weitaus größte Teil der Gelder angelegt ist, können bei einem Markte, wie dem heutigen, nicht ohne weiteres verflüssigt werden, etwaige von der Bank finanzierte Industricunternehmungen liegen teilweise lahm, so dah auch hier nichts zu holen und nichts zu leihen ist, und der Krach ist da.
Manchmal gelingt es, eine Panik im Entstehen zu unterdrücken. Zu Anfang des 2ahres glückte dies einer ziemlich bedeutenden Bank im Staate Texas dadurch, dah sie auf dem Balkon deS
Bankenkrach in USA.
Oie Zahlungseinstellung der Bank of United States. — Tausend Fallissements n einem Zahre. - Oie ge ährdeten Milliarden der Einleger. - Börsenmanöver als Llrsachen der Zusammenbrüche.
Don unserem A. G. A.-Berichter statter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Neuy ork, Januar 1931.
Die Zahlungseinstellung der Bank of United States in Neuyork, die mitsamt ihren sechzig Zweigstellen und Depositenkassen vor einigen Tagen vom staatlichen Dankensuperinten- denten geschlossen wurde, hat nur deshalb so großes Aufsehen erregt, weil es sich um die größte Bank in den Vereinigten Staaten — wahrscheinlich in der ganzen Welt — handelte, die je ihre Zahlungen eingestellt hat. Vereinzelt steht der Fall keineswegs da. Das von der Federal-Reservebank veröffentlichte „Bulletin" hat während der ersten 10 Monate des vor. Jahres insgesamt 7 34 Fallissements von Banken mit Gesamt- Depositen in Höhe von 317 000 000 Dollar (örci* hundertsiebzehn Dollarmillionen) gemeldet. Die Novemberziffern stehen noch nicht genau fest, die Zahl der Fallissements dürfte aber um rund 150, die Summe der involvierten Depositen um annähernd 100 000 000 Dollar bereichert worden sein. Der Dezember brachte fast Tag fürTag Pressemeldungen von weiteren sechs, ächt, zehn oder zwölf Bankkrachen. Mit der Schließung der Bank of United States mag sich die Summe der Einlagen in den allein im Dezember zur Zahlungseinstellung gezwungenen amerikanischen Danken höher stellen als die Gesamtziffer der ersten zehn Monate. Eine der größten im November verzeichneten Ansolvenzen war die der National Bank of Kentucky in LouiS- n i 11 e, mit 40 C03 000 Dollar De"ositen, die größte je in Konkurs geratene Nationalbank.
Ausweislich ihres letztem am 24. September veröffentlichten Berichts hatte die Neuyorker Bank of United States Gesamtressourcen in Höhe von 254000 000 Dollar, Depositen von 203 000 C00 Dollar, Kapital und Surplus (Lieberschuh) von 42 000 000 Dollar, und die Gesamtzahl ihrer Einleger bezifferte sich auf über 400 000. Man schätzt die am Tage der Schließung in den Büchern der Bank verzeichneten Spareinlagen
auf rund 80 000 000 Dollar, mutmaßlich größtenteils die Ersparnisse kleiner Leute, die mit der Schließung eine Christbescherung erhielten, die sie sich wohl kaum hätten träumen lassen. Sie müssen genau so auf ihr Geld warten, wie der Geschäftsmann, der fein Betriebskapital auf der Bank of United States hatte oder die Hausfrau, die ihr Wochengeld dort deponierte, um ihre Lieferanten mit ihrem Scheck bezahlen zu können.
Denn in einer Geschäftsbank, die auch eine Abteilung für Spareinlagen hat, ist der zu Zinsen berechtigte Inhaber eines Sparbuches nicht besser dran wie der eines Scheckkontos, auf das keine Zinsen bezahlt werden, und er gilt vor dem Gesetze nicht als bevorzugter Gläubiger, wenn die Dank in Zahlungsschwierigkeiten gerät. Sein Geld ist ebenso ungesichert tote das des Geschäftsmannes, und während den eigentlichen Sparbanken — den Savings Danks — scharf umrissene und verhältnismäßig enge Grenzen für die Anlage ihrer Depositen gezogen sind, kann die Geschäftsbank mit den ihr anvertrauten Spareinlagen genau so schalten und walten wie mit ihren anderen Depositen. Eine Tatsache, mit der die wirklichen „Spar"-Danken feit Jahr und Tag das Publikum bekanntzumachen versuchen, und ein Liebelstand, gegen den sie feit Jahr und Tag ankämpfen, bisher allerdings ohne Erfolg. Vielleicht wird der Bank ot United States-Krach endlich dazu führen, dah hierin Wandel geschaffen wird.
Obwohl die Schliehung der Bank ot United States eine Sensation des Tages war, übte sie auf den Effektenmarkt nur geringen, herabstim- menden Einfluß aus, auch vermochte sie das Vertrauen der Oeffentlichkeit in die Danken im allgemeinen nur in verhältnismäßig geringem Mähe zu erschüttern. Hierfür liegen verschiedene gute Gründe vor. Wohl waren die Ressourcen dieser Dank, an den Großbanken des Panik-Jahres 1907 gemessen, ganz beträchtlich, aber die Dan? stand weder an Größe noch an Einfluß mit in der ersten Reihe der heutigen amerikanischen Geldinstitute.
Bruckner und Wagner.
Zum bevorstehenden II. Symphonie-Konzert des Gietzener Konzertv^reins.
Während der Fertigstellung der dritten Symphonie hatte D r u d n e r schon die ersten Arbeiten an seiner vierten Symphonie begonnen (1874). Als ihn um diese Zeit sein ehemaliger .Lehrer Otto Kitzler besucht und ihn angesichts der Einordnung in seiner Wohnung fragt, warum er nicht heirate, da weih der ob dieser Zumutung entsetzte Meister keine andere Antwort: „Lieber Fceund, ich habe keine Zeit, ich muh meirue .Vierte' schreiben." Es drängt ihn zum Aeuhern, zum Schaffen, obwohl für ihn kaum die Möglichkeit besteht, seine S.)m'chonien aufgeführt zu sthen. So war die „Zweite" von den 'Wiener Philharmonikern als „unspielbar" abgelehnt worden, und erst durch Eingreifen eines hohen Gönners kam eine bezahlte Aufführung zustande, älnb als gar bei der Aufführung der Richard Wagner gewidmeten „Dritten" das Publikum fluchtartig den Saal verläßt, da wehrt er den Trost einiger getreuen Schüler ab: „Laßt's mi aus, die Leut woll'n nix von mir wissen!" — älnd dennoch läßt er nicht von seinem Werk, in erwägender Selbstkritik legt er bessernde Hand an seine bisherigen Symphonien an; besonders an der ersten Fassung der Vierten, deren erster Satz bei einerNovitäten- probe der Philharmoniker wohl als „spielbar", im übrigen aber als „verrückt" beurteilt worden war, nimmt er durchgreifende Aenderungen vor, und im 3 uni 1880 ist das Werk in seiner neuen Gestalt beendet.
Nach all den Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen, die Druckner in Wien entgegentraten, mochte sich in ihm das Verlangen regen, sich einmal wieder loszulösen von dem ©egentoärtigen, sich in der Hingabe an die Natur wiederzufinden, in der Verbundenheit von Natur und Mensch wieder kindhafte Beglückung in sich zu fühlen; „Naturandacht, ein großer Heimatstraum, tote ihn die Vereinsamten der großen Städte träumen". 3n diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn Druckner der Symphonie den Titel „Romanttsche" gibt. Er selbst fühlte sich als das Werkzeug einer größeren Macht, und in einer Intensität, die nur dem Künstler und dem Kinde gegeben ist, läßt er die Wunder der Natur auf sich einwirken, und ohne das Dazwischentreten irgendwelcher Reflexion kündet er von dem großen Erleben.
Seinem Freunde, dem Chordirektor Deubler in St. Florian hat er einmal den Inhalt des ersten Satzes mit folgenden Worten angedeutet: »Mittelalterliche Stadt — Morgendämmerung — von den Stadt türmen ertönen Worgenweckruse — die Tore öffnen sich — aus stolzen Rossen fo-etngen
die Ritter hinaus ins Freie, der Zauber des Waldes umfängt sie — Waldesrauschen — Vogelsang — und so entwickelt sich das romanttsche Bild." Weniger wohl ein Programm, das mit seinen Einzelheiten in der Musik abgebildet wäre, als das Umreiten einer grundlegenden Stimmung insbesondere für die Entwicklung der ersten Themengruppe mögen diese Angaben bedeuten. Für das Gesangstyema hat das „zi°zi-bea" der Waldmeise das Grundmotiv abgegeben, das gleichzeitig verbundene Dratschenthema will nach Bruckners Angabe „das eigene Glücksgefühl, solchen traulichen Natursttmmen im Walde lauschen zu können" ausdrücken; eine musikalische Gegenüberstellung von Mensch und Natur. Eine Themengruppe, die der Entwicklung der ersten nabeftebt, beschließt die Exposition. Die Durchführung ist k.'ar gegliedert, aus dem Kopfthema erwächst ein feierliches Choralthtzma; das Menschenthema hat sich kurz vor der Reprise von dem ihm verbundenen Meisenruf (Naturthema) gelöst, der Mensch ist zu eigener Kraft erwacht.
Das Andante mit seinem gemessenen Dahin- schreiten ist mit stiller Wehmut erfüllt, von dem eleg'schen Kopfthema führen Choralzeilen zu einem Seynsuchtsgesang der Bratschen, ein kurzes rhythmisches Motiv (dem Meisenruf ähnelnd) will trösten. Ergreifend ist der Ausklang des Satzes mit seinem Absinken nach machtvoller Aufsteigerung.
Bei der .Umarbeitung der Symphonien hat Druckner an die Stelle des ursprünglichen Scherzos, dessen Thema dem Kopf thema des Eingangs- satzes sich stark näherte, das jetzige Scherzo mit dem Grundgedanken einer Iagdszene gesetzt, das in älrfprünglichkeit und Natuekraft.sich austoirkt, ohne jedoch in reine programmatische Abschilderung zu,versallen, und das von zahlreichen musikalischen Feinheiten erfüllt ist. Das Trio, durch einen Eintrag in der Originalpartttur als „Tanzweise während der Mahlzeit zur Jagd" benannt, birgt besondere Reize in melodischer Führung, harmonischem Aufbau und Instrumentalfarbe.
Bruckners Symphonien gipfeln von der „Dritten" ab im Finale; ja, man hat ihn direkt als einen „Meister des Finales" bezeichnet. Auch in der Vierten finden die vorangegangenen Sähe im Finale ihre Zusammenfassung, so klingt das Scherzothema an, ebenso leuchtet das Kopfthema des ersten Satzes auf. Als man Druckner einmal nach dem Inhalt des Satzes fragte, antwortete er: „Und im letzten Satz, da weiß i selber nimmer mehr, was i dabei denkt hab'." Aus pochenden Rhythmen eines 42 Takte dauernden Orgelpunkts erhebt sich zu gigantischer, koloßhaster Größe das erste Thema im Uniform des vollen Orchesters. Nach Zwischenentwicklungen, die das Kopfthema des ersten Satzes in vollem Glanz aufstrahlen lassen, erwächst die gesangliche Gruppe. Ihr stellt
sich drohend die Schlußgruppe gegenüber. Die Durchführung wird mit einer Umkehrung des Kopfthemas eingeleitet; das Gesangsthema findet in der Dlechgruppe klangliche Stärke. Im weiteren Verlauf des Finales wächst das Hauptthema zu massiver gewaltiger Kraft und elementarer Machtfülle auf. Die Klangslut ebbt ab, ein kurzes, scheinbares Erschöpftsein führt zur Reprise. Das Hauptthema führt in seiner Umkehrung wieder zu leise pochenden Hörnertriolen; nach einem kurzen Auftreten des zweiten Themas beginnt die Zusammenfassung des ganzen Werkes in der Coda; zuerst in zarten feierlichen Klängen, dann aber erhebt sie sich zu klanglicher Apotheose, beherrscht von dem Rhythmus des Kopfthemas im Cingangssatze.
Der erste Teil des Programms ist Werken Richard Wagners gewidmet: Ouvertüre zur Oper „Der fliegende Holländer" und „Siegfried- Idyll". Die Holländer-Ouvertüre bildet Den Gang des Dramas ab; sie wird geführt von den Themen, die die fluchbeladene Welt des Holländers und die Erlösungsbereitschaft Sentas in ihrer Gegensätzlichkeit charakterisieren. Der Gesang der Daland-Matrosen steht zwischen beiden. Das Schwanken zwischen Heilsgewihheit und Zweifel bricht mit einem jähen Akkord ab. Eine Generalprobe versinnbildlicht den Sühnetod Sentas; ein jubelndes Aufsteigen der Streicher führt zu klanglicher Glorie und in klanglicher Verklärtheit entschwindet der Schluß.
War hier das dramatische Geschehen bestimmend für die Formung des Werkes, so bedeutet für das <3 i e g f r i e d-I dy11 subjektives Erleben, die Freude über die Geburt seines Sohnes Siegfried, die Grundlage. Aus seinem Triebschener Liebesglück berichtet Wagirer: „An dem Tage, an dem mir Ueberglücklichen ein schöner Sohn geboren wurde, vollendete ich die Komposition des .Siegfried'; ein unerhörter Fall! Keiner hat geglaubt, daß ich dazu noch kommen würde. Alnb nun mußt du diesen letzten Akt hören, die Erweckung der Drünnhilde! Mein schönster!" Drei Hauptthemen aus dem Schluß des „Siegfried" erwuchsen zu einer symphonischen Dichtung als Dankesgabe. — „ Für ihn und dich dürft ich in Tönen denken; wie gäb es Liebestaten Hold ren Lohn?" — Am ersten Weihnachtstage 1870 führte er das Werk als Morgenmusik für Frau Cosima in seinem Triebschener Landhause auf. Freudiges Glück in stiller Erfülltheit zieht durch die Komposition, die in ihrer formalen Ausgeglichenheit, Wosilabgewogen- heit Richard Wagners Befähigung für das Symphonische in ganz besonderem Lichte erscheinen läßt. Zum andern aber gibt die Gegenüberstellung dieses Werkes mit der Bruckner-Symphonie eine klare Antwort auf die oft aufgeworfene Frage, ob Druckner als ein Nachfahre Wagners auf symphonischem Gebiete anzusehen fei. Diese Frage
wird jeder verneinen müssen angesichts der reflektierenden Themenbildung Richard Wagners und der naiv strömenden Melodik Druckners. Dr. H,
Lieber moderne Kunst.
Auf Veranlassung des Oberhessischen Kunst-« Vereins und der Gesellschaft der Gießener Kunstfreunde sprach der Franksurter Maler Dr. Her»- mann Keil gestern abend im Kunstwissenschaftlichen Institut über „Moderne Kunst vom Expressionismus zum Aeberrealis- m u s". Rach kurzen Degruhungsworten von Landgerichtsdirektor a. D Bücking begann der Vortragende seine Darstellung des sog. Surrealismus mit einer Abgrenzung der geographischen Konstellation dieser neuen künstlerischen Richtung, die, in jüngster Zeit aus literarischen Anregungen hervorgegangen, heute bereits erledigt fei, ohne daß man ihre Auswirkungen ab* sehen könne. Recht aufschlußreich war die Gegenüberstellung der Bewegung mit dem Dadaismus, dem Expressionismus und Kubismus. Wesentliche Einflüsse gingen, wie ausgeführt wurde, von dem Ideenkreis der Lehren von Freud und Einstein aus; wichttge Beziehungen ergeben sich zu gewissen archaischen, primitiven und infantilen Kunstäuherungen, auch zur Bildnerei der Geisteskranken: das spontan intuitive Element fei hier wie dort vorherrschend. Eine wichtige Rolle spielen ferner, wie an Lichtbild-Reproduktionen bar» gelegt wurde, stilistische Elemente bei Klee, Kandinsky und Chagall. Automattsmus und Traumleben müssen als wichttge Erlebnisgebiete deS surrealistischen Künstlers gelten. Dildbeispiele (die zum Teil nicht unbeträchtliche Anforderungen an die Vorstellungskraft des ungeübten Dv- trachters stellten) charakterisierten die wichtigsten Vertreter der surrealistischen Richtung wie Arp, Chirico, Max Ernst, Miro und Masson. Die An- i eutung und Auslassung von Dildelementen ist l>er stellenweise außerordentlich weit getrieben. Nach einem aufschlußreichen Seitenblick auf Picasso bezeichnete der Vorttagende als hervorstechende Wesenselemente der surrealistischen Malerei den Wunsch nach Alebcrtoiegen des Graphischen, nach Leere auf der Bildfläche; auch die irrationale (durch den Zufall ober das Alnter- bewußtsein bedingte) Ordnung der Dildelemente. Zum Schluß wurde eine sehr merkwürdige kartographische Darstellung gezeigt, welche die (von Paris aus gesehen) östlichen Einflüsse auf die Bewegung anbeutet; hieran schlossen sich einige politisch und kulturmorphologisch interessante Ausblicke an.
Raummangel verbietet eine kritische Auseinandersetzung mit dem sehr anregenden, aber nicht unanfechtbaren, nicht immer eindeutig formulierenden und nicht sehr übersichllich geglieberten Vortrag.


