Ausgabe 
18.8.1931
 
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Das bißchen Erde.

Vornan von Richard Slowronnel.

Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.

8. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Es war ein gar seltsamer Unterricht, deir er seinem Zögling erteilte. Bei gutem Wetter strichen sie im Vellahner Walde umher, lagen irgendwo stundenlang auf einer sonnigen Wiese und sprachen über die tiefsten und letzten Fra­gen des Menschentums. Das he'.ht. das junge Gräflein hörte zu, und der rotköpfige Siewers sprach. Sprach sich allerlei Zorn und Ingrimm von der Seele, ohne daran zu denken, was er bei seinem Schüler anrichtete. Vielleicht aber auch trieb ihn dabei «ine seltsame Lust, in das Herz dieses Spröhlings aus uraltem Adel aller­lei Keime zu senken, die später einmal aufgehen sollten, zu Gutem oder Bösem. Baute auf und zerstörte, zeigte jedes Ding von zwei Seiten, wie es sich ausnahm, wenn man es unter diesem Gesichtswinkel betrachtete oder jenem. Dem Schü­ler blieb es überlassen, sich aus diesen Wider­sprüchen einen Vers zu machen, denn der Lehrer meinte, selbständiges Denken wäre die Haupt­sache, ein jeder hätte sich in allen Fragen der Politik und Religion. der Moral und Ehre den eigenen Weg zu suchen, Und mancherlei aus diesen Stunden blieb in dem empfänglichen Ge° müte des halbwüchsigen Jungen hängen, aber nicht immer das für ihn Bekömmlichste. Von der Politik zum Beispiel, daß es ein Ekel wäre, sich mit ihr zu beschäftigen, weil jede der Par- leien, die das allgemeine Wohl im Munde führ­ten, nur darauf aus wäre, den eigenen Wanst an der Staatskrippe zu mästen; oder von der Moral, dah es am besten wäre, sich mit ihr überhaupt nicht den Sinn zu beschweren. Rur die Skrupellosen kämen vorwärts in dieser heuch­lerischen Welt, die keine Bedenken kennten,, außer dem einen, nach außen hin sorgfältig den Schein des Gerechten zu wahren. Unö ähnlich verhrelt es sich mit dem Begriffe der persönlichen Ehre. Die sie als ein altererbtes Vorrecht ihres Stan- des verteidigten, hätten zumeist von wirklicher

Ehre keine Spur im Leibe, Venn nicht darauf käme es an, sein Leben rein äußerlich nach ge­wissen überlieferten Formeln einzurichten, son­dern auf den Adel der Gesinnung. Und ganz töricht wäre es, jeden Quark mit der Degenspitze aufzuheben, immer die Waffe in der Faust zu führen zur Verteidigung seiner Ehre; danach mühte der beste Fechter auch der größte Ehren- mann sein, oder ein schlechter Schütze das ver­ächtlichste Subjekt. So sprach der Theologiekan- didat Siewers, der das linke Dein nachschleppte wegen einer im Duell davongetragenen Pistolen­kugel und dem unter gelichtetem Haar die Hoch- quarren und Terzen in dichter Reihe saßen. Uno in der nächsten Stunde wiederum focht er mit leuchtenden Augen alle seine zahlreichen Men­suren noch einmal durch, erzählte von den ge­waltigen Schmissen, die er ausgeteilt, und daß die herrlichste aller Männerfreuden sich im Dusen regte, wenn sich drüben im Gesichte des Geg­ners die ersten blutigen Treffer zeigten ...

Das war ein recht krauser Llnterricht, und «in Glück war es nur, daß es zuweilen im Sommer auch Regenwettcr gab und man im Winter nicht auf sonnenbeschienenen Wiesenschlenken lie­gen konnte. In diesen Zeitläuften nämlich wan­delte sich der Weltweise in einen strengen Prä­zeptor, der mit dem jungen Gräflein ernsthafte Wissenschaften paukte. Rur alle Monate einmal, gleich nach dem Ersten, war er verschwunden, da fuhr er nach Rostock hinüber, zu seinen frü­heren Derbindungsbrüdern. Um sich geistig wie­der ein wenig aufzufrischen, wie er sagt«, in Wirklichkeit aber, weil dem verbummelten alten Studenten das Geld in der Tasche brannte und er keine Ruhe hatte, bis er es im Kreise gleich­gestimmter Kumpane wieder vertan hatte. Und von einem dieser Erholungsausflüge kehrte er nicht wieder zurück. Ein, kurzer Brief nur kam nach Vellahn, er hätte aus persönlichen Gründen mit der verhaßten Klerisei einen Waffenstillstand geschlossen. 'Für kurze Zeit bloß, um das letzte Examen zu bestehen, denn seine sonst so geduldige Iugendliebste wollte nicht mehr länger warten. Der mühte er wohl oder übel das Opfer seiner Uebcrzeugungen bringen, später gedächte er das Wort Gottes an einem Platze zu lehren, an dem ihm die Herren des hochwohlweisen und stets

infalliblen Consisivrii gewogen bleiben könnten. Als Missionar in Afrika, und er freute sich schon darauf, den dickschädeligen Riggern ein Christentum von ganz besonderer Art beizu­bringen ...

So schrieb der rothaarige Kandidat Siewers, sein Schüler aber trauerte ihm eine ganze Zeit­lang nach, bis er ihn über dem Rachfolger ver­gaß. Das war nämlich «in gar lebenslustiger junger Mann, der einer viel amüsanteren Unter­richtsmethode huldigte. Bei Tage wurde geschla­fen, am Abend aber fuhr man nach Moltzahn hinüber oder nach Waren und kehrte erst lange nach Mitternacht wieder heim. In allerhand Spe­lunken führte dieser Kandidat seinen Zögling, lehrte ihn ungezählte Seidel Bier trinken und feile Mädchenlippen küssen.

Graf Malte aber lachte nur zu den mit allem schuldigen Respekt vorgebrachten Ermahnungen seines alten Dieners, denn das lockere Treiben mit dem lebenslustigen Hauslehrer behagte ihm sehr. Erst als es sich darum handelte, vor der Prüfungskommission in Schwerin das Einjähri­genexamen zu bestehen, ging er ein wenig in sich, begann mit seinem Präzeptor ein über­stürztes Lernen. Aber es hätte nichts genützt, wenn von dem rothaarigem Theologiekandidaten her nicht ein« gewiss« Gruikolage dagewesen wäre und die Herren Examinatoren bei dem zukünf­tigen Erben der Hohenrömnih, der einmal kraft seiner Geburt den Rang eines Erblandmarschalls bekleiden sollte, ein Auge zugedrückt hätten. Rach diesem wenig rühmlichen Ergebnisse jedoch gab er sich selbst einen Stoß, der Hauslehrer wurde entlassen, und das Dienstjahr bei den Friede­berger Dragonern war ihm nicht ohne Ruhen. Das Grüblerische war von ihm abgefallen, von dem Theologiekandidaten her, und die Schlaffheit der allzufrüh gekosteten Genüsse, die ihn dessen Rachfolger gelehrt hatte. Vor einer andern Ge­fahr aber bewahrt« ihn die Baroneß von Alten- Krakow ...

Rur wenigen der jungen Herren von Adel war es gegeben, sich selbst genug zu sein, an den zehrenden langen Abenden in der Stille des Gutshofes sich mit einem guten Buche zu be­schäftigen oder den Wirtschaftssorgen für den kommenden Tag. Und nicht di« schlechtesten waren

eS, Vie di« Ungedulv auS b«r Enge hinaustrieL. Zu allen Rennen, die mit eines Tagesfahrt erreichen waren, unter irgendwelchem Vorwand« nach dem vom Teufel und seinen Bundesgenossen erschaffenen Berlin oder nach Waren und Moltzahn. Dort sahen noch mehrere, die auch vor dem Alleinsein geflohen waren, und unter ihnen die schlechten Kerl«, di« nur auf den Augen­blick lauerten, den Würfelbecher auf den Tisch zu stülpen oder di« lockenden Spielkarten auS- zubreiten. Dor diesem Zeitvertreib war aber das junge Gräflein bewahrt worden, denn an den langen Abenden hatte es eine bessere Kurz­weil, als im Strelitzer Hofe in Moltzahn oder im Hotel zur Stadt Hamburg in Waren unter halbirunkenen Zechkumpanen zu sitzen. Und der Alte hatte willig die heimlichen Brieflein be­sorgt von Vellahn nach Alten-Krakow und zu­rück. Wie ein besonders gutes Werk war es ihm erschienen mitzuhelfen, dah längst verjährtem Hasse die Versöhnung folgte. Bis er sehen muhte, dah von allen Gefühlen, die ein Menschenhcrz bewegten, der Hah das längste Gedächtnis be­sah

Wie vom Schlage gerührt standen Lentz und die treue Miken, als Graf Malte ihnen ankündigte, schon am Abende ging es fort z^ einer langen Reise, von der er nicht sagen formte; wann sie wieder in die Heimat zurückführt«, und si« sollten sich tummeln, die Koffer herbeizutragen, Kleider und Wäsche bereitzulegen. Im ersten Augenblicke glaubten sie, es wäre ein neuer Versuchs ihre Wachsamkeit zu täuschen; erst als sie hörten, daß der Iustizrat Stahmer zu dieser Reise ge­raten, beruhigten sie sich. Und mit wehem Her­zen machten sie sich an die aufgetragene Ar­beit, fingen an, in Gedanken schon Abschied zu nehmen von dem einen, der ihnen teuer war. Malt« aber trat auf die Freitreppe hinaus; es war Zeit, nach Hohenrömnih zu reiten. Und ein anscheinend fremder Zunge fiel ihm aut der sich an den Erlen der Dammallee herumdrückte. In Vellahn kannte er alle Tagelöhnerkinder von Gesicht und Ramen ...

Er pfiff ihn an:Hollah, mien Sähn, wcrt sökst du?" Und der Iunge trat verlegen näher, zog einen verknüllten Brief aus der Tasche.

(Fortsetzung folgt.)

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