Nr. 140 Zweiter Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für GderlMn)
Donnerstag, 18. Znni 1951
Landnöten.
Heimlich, still und leise arbeiten die Franzosen daran, aus unserem Wunsch noch Revision des V o u n g p l a n e s auf den verschiedensten Wegen Nutzen zu ziehen. Wie man hört, wird bereits hinter den Kulissen der Gedanke einer genauen Sdo n t r o 11 e der Reichsausgaben oenti- Uert, um festzustellen, ob wir tatsächlich zahlungsunfähig sind. Darauf müssen wir uns natürlich einstellen, daß uns eine etwaige Aenderung des Äoungplanes nicht so ohne weiteres in den Schoß fallen wird. Wir werden uns vielmehr eine eingehende Durchleuchtung unserer finanziellen Lage gefallen lassen müssen. Allerlei Anzeichen sprechen nun dafür, daß die Gegenseite diesen Umstand benutzen will, um auf Schleichwegen die vor einigen Jahren gefallene interalliierte Militärkontrolle wieder einzuführen. So hört man, daß angeblich nm Reichswehretat noch allerlei gespart werden könnte. Nun ist es längst kein Geheimnis mehr, daß die Franzosen immer wieder mit unseren Mehrausgaben hausieren gehen, um uns Aufrüstung vorzuwersen, ja, sie haben ihre neuen Kriegsschiffbauten sogar mit dem Panzerschiff A begründet, bas angeblich für sie eine große Gefahr darstelle. So ist denn auch bald nach der Eröffnung der internationalen Debatte über die Revision des Poungplanes davon gesprochen worden, daß man gut daran tun würde, die Revision mit der Abrüstung zu verbinden, um den Franzosen weitere Dorwände für die Aufrechterhaltung ihres hohen Rüstungsstandes zu nehmen. In England wird jetzt auch ziemlich offen zum Ausdruck gebracht, daß Großbritannien gar nicht so schlecht sahren würde, wenn es gelänge, Poung- reoision und Abrüstung in enge Beziehung zu bringen. Die Engländer heucheln zwar Verständnis für unsere erheblichen Rüstungsausgaben, auch sie machen das Versailler System dafür verantwortlich, fordern aber gleichzeitig, daß wir unseren Heeres- etat noch weiter zusammenstreichen und auch auf die Kriegsschifsersatzbauten verzichten sollten. Das Stichwort ist jedenfalls gefallen. Wir werden gut daran tun, uns auf einen neuen Kampf um u n • sere bescheidene Landesverteidigung einzurichten. Sollte eine künftige Reparationskonferenz irgendwelche Beschlüsse über unseren Heeres- haushalt bringen, dann wird das eben bedeuten, daß die alte Militärkontrolle ihre Auferstehung feiert und das Ausland erneut das Recht erhält, nachzuprüfen, ob wir wirklich die uns auferlegten Verpflichtungen erfüllen. Derartige Nachprüfungen, die sich bis auf die Hufnägel des letzten Kavallerie- pserdes erstrecken, haben wir in der Vergangenheit so oft kennengelernt, daß wir auf eine Neuauflage entschieden verzichten. Die Strömungen bei unseren Gläubigermächten, uns unter reparationspvlitischen Vorwänden militärisch noch ohnmächtiger zu machen, als wir ohnehin schon sind, können leider nur deswegen in die Erscheinung treten, weil es das deutsche Volk bisher vorgezogen hat, sich in den Haaren zu liegen, anstatt auf militärischem, wirtschaftlichem, finanziellem und sozialem Gebiete Ein- mütigfeit und Geschlossenheit zu zeigen.
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Der Schrumpfungsprozeß unseres Außenhandels macht raplde Fortschritte. Aock> vor einem Jahre führten wir einschließlich der Reparationssachleistungen für 1096 Millionen Mark Erzeugnisse aller Art aus, jetzt zeigt die Abrechnung einen Betrag von 783 Millionen! Daß wir im vergangenen Monat mit einem Ausfuhrüberschuß von rund 200 Millionen Mark abschließen konnten, will angesichts dieser Tatsache gar nichts sagen. Dieser Ueberschuh ist nicht durch die Aufnahmefreudigkeit der fremden Märkte, sondern durch ungewöhnliche Einschränkungen unserseits hervorgerufen worden. Wie es um uns bestellt ist, geht am besten aus den Ziffern des Fertigwarenexportes hervor. Im Mai 1930 gingen noch Waren im Werte von 813 Millionen hinaus, diesmal hat un£ die Ausfuhr gebrauchsfertiger Waren nur eine Einnahme von 592,8 Millionen Mark gebracht Wie wir unter diesen Umständen aus unserem Außenhandel die Summen herauswirtschaften sollen, auf die unsere Reparationsgläubiger einen völlig ungerechtfertigten Anspruch erheben, dürfte
Bei Professor Samoilowitsch.
Die geplante Zeppelinfahrt in die Arktis. Don Wladimir Koropow.
Professor Samoilowitsch, der durch die „Krasfin'-Fahrten zu Weltruhm gelangt ist, weilt augenblicklich in Berlin, um gemeinsam mit Dr. Cckener den Zeppelin^lug in die Arktis vvrzubereiten. Unser Mitarbeiter hatte Gelegenheit, sich mit dem Forscher eingehend zu unterhalten.
Ein freundlicher Herr, in einem bescheidenen Hotelzimmer. Einen Mann von Weltruhm, einen großen Polarforscher, der in Eis und Schnee gehungert und gefroren hat, stellt man sich anders vor. Das also ist Professor Samoilowitsch. Er ist mittelgroß, trägt einen Schnauzbart. man könnte ihn für einen Dolksfchullehret hallen. Was am meisten an ihm auffällt? Eine rührende Bescheidenheit, eine zurückhaltende Borsicht in seinen Aeußerungen.
„In diesem Sommer könnte ich ein Jubiläum feiern", erzählt mir Professor Samoilowitsch. „Es sind nämlich nun zwanzig Jahre vergangen, seit ich meine erste Polarfahrr angetreten habe. Das war im Spätsommer 1911. Wie ich darauf gekommen bin. Polarforscher zu werden? Aach Beendigung meines Studiums,vn der Bergakademie in Freiberg in Sachsen kehrte ich nach Rußland zurück, wo ich bald wegen revolutionärer Provaganda von der Zarenregierung verhaftet wurde. Ich mußte — wie so viele Studenten und Intellektuelle — in die Verbannung gehen. Zu meinem ©akf wurde ich nicht nach Sibirien, sondern nach Archangelsk geschickt. Diesem Umstand verdanke ich meine Tätigkeit als Polarforscher. Ich bin im Süden Rußlands geboren, in Asow am Don. und ich wäre wohl nie auf den Gedanken gekommen, in weltferne nordische Gegenden zu ziehen, wenn die zaristische Polizei mir nicht, ohne es zu wollen, die Qlnregung gegeben hätte. Ein Geschäftsmann aus Archangelsk, We- l i t s ch k o , charterte auf meine Bitte den französischen Segler „Jacques Cartier". Dieses Fahrzeug hatte eine Wasserverdrängung von 60 Tonnen. Es war damals in AvAmgelsk ganz unmöglich, statt des Seglers einen Dampfer für eine Spitzbergensahrt zu bekommen. Unter den
Wustrie- und Handelskammer Gießen.
Heber die Sitzung der Industrie- und Handelskammer Gießen für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbachs die am 12. Juni in Alsfeld stattfand, wird uns folgendes berichtet :
Herr Fabrikant A in n als Vorsitzender begrüßt die Versammlung, dankt den Mitgliedern von Alsfeld für die freundliche Einladung nach Alsfeld, welcher die Kammer sehr gerne Folge geleistet habe, und gibt schließlich seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß er Herrn Bürgermeister Dr. D ö l s i n g für das durch die Bereitstellung des Rathaussaales bekundete Entgegenkommen nicht Persörtlich danken könne.
Dor Eintritt in die Tagesordnung gedenkt der Herr Vorsitzende des Herrn Christian Scholz, dessen früher Heimgang für den hessischen Industrie- und Handelskammertag einen schweren Verlust bedeutet. Die Anwesenden haben sich zu Ehren des Verstorbenen von ihren Plätzen erhoben. — Er beglückwünscht ferner Herrn Kommerzienrat Gustav R a m s p e ck zu seinem 4vjäh- rigen Dienstjubiläum und Herrn August A ol l zu seinem 75. Geburtstag. Beide Herren bauten für die ihnen gewordene Ehrung.
Der Voranschlag der Oef f entliehen Handelslehranstall für das Rj. 193132 wird in der vorgelegten Fassung genehmigt.
Der Syndikus berichtet über die Aeusestset - z u n g der E i n h e i t s w e rte für das Grundvermögen. In der sich anschließenden Aussprache kommt übereinstimmend die Auffassung xum Ausdruck, daß eine Anpassung der Orunb» ftücksbewertung an die tatsächliche Entwickelung der wirtschattlichen Verhältnisse in den Jahren 1928 bis 1931, d. h. also, daß eine wesentliche Senkung der Einheitswerte zur unbedingten Aotwen- bigfeit geworden sei.
Aus dem Geschäftsbericht ist folgendes hervorzuheben: Für das Rhein-Maingebiet ist eine Zulassungs- und Prüf ungs st ekle für Wirtschaftsprüfer mit dem Sitze in Frankfurt a. M. errichtet worden, welcher Vertreter der hessischen und hessen-mafsauischen Kammern angeboren. — In einer Erklärung haben die hessischen Kammern einen zeitgemäßen Ausbau der Fernverbindungen durch Vermehrung der bl)-Züge und Einführung der dritten Klasse bei dieser Zuggattung als wünschenswert bezeichnet. — Die hessischen Kammern nahmen im Interesse des hessischen Tabakgewerbes Stellung zu den Verordnungen des Reichssinanz- ministers über steuerbegünstigten Feinschnitt und Aeueinteilung derSteuer - klassen für Pfeifentabak. — Die Vorschriften über das regelmäßig nach einem bestimmten Zeitraum vorzunehmende Reinigen von Fabrikschorn st einen wird von den beteiligten Kreisen als eine unnötige Belästigung und Belastung empfunden, weshalb sich die Kammern um eine Aufhebung der Verordnung bemühen werden. — Die hessischen Handelskammern haben zu dem im Landtag vorgebrachten Antrag, eine Verpflichtung zur Beschäftigung von Lehrlingen nach Beendigung oer Lehrzeit gesetzlich festzulegen, in ablehnendem Sinne Stel
lung genommen unter Hinweis auf die schwerwiegenden Bedenken, die einem solchen Eingriff in die Freiheit des Wirtschaftslebens entgegen- stehen. — Die Kammern haben sich gegen eine weitere Beschränkung der Sonntags- arbeit im Zeitungsgewerbe mit der Begründung ausgesprochen, daß einesteils der Aach- richtendienst eine zu große Unterbrechung erführe und anderseits die Derdienstmöglichkeiten für die Arbeitnehmer des Zeitungsgewerbes zu sehr verringert würden. — Klagen über den schlechten Zustand von verschiedenen Verkehrs st raßen gaben der Kammer Veranlassung, sich hn Interesse des Kraftverkehrs für eine baldige Instandsetzung bei den zuständigen Behörden einzusetzen. Den Bemühungen der Kammer ist zum Teil Erfolg beschieden gewesen: es mußte aber auch festgestellt werden, daß nicht immer der Straßenbaubehörde die erforderlichen Mittel zur Verfügung stehen. — Ein bestimmter Fall gab der Kammer Veranlassung, bei der Postverwaltung für eine schonendere Behandlung von Zigarrenpaketen einzutreten. — Die Reichsbahngesellschaft gibt nach einer Mitteilung an die Kammer bei Gesellschaftsfahrten von 15 bis 20 Personen nach der Leipziger Messe in fahrplanmäßigen l)-Zügen Ermäßigungen von 25 Prozent auf den Personentarif einschließlich l)-Zug-Zukchlag. Bei einer Beteiligung von mehr als 50 Personen erhöht sich die Ermäßigung auf 33' 3 Prozent.
Der Herr Vorsitzende beschließt die Sitzung mit einer längeren Ansprache, in welcher er in tiefernsten Worten dem Bedauern darüber Ausdruck gibt, daß durch die neueste Rot Ver or dnung der Reichsregierung das feierliche Versprechen des Herrn Reichskanzlers auf der letzten Vollversammlung des Deutschen Industrie- und Handelstages, wonach das deutsche Volk und seine Wirtschaft von neuen Steuern unter allest Umständen verschont bleiben werde, nicht nur nicht gehalten, sondern vielmehr aufs schwerste verletzt worden sei.
Aach der Sitzung folgte die Kammer zunächst einer Einladung ihres Mitglieds, Herrn Georg Dietrich Bücking, zur Besichtigung seiner Fabrikanlage. Hier hatten die Mitglieder Gelegenheit, nicht nur in die mechanische Herstellung von De- ruf skleidern aller Art Eirchlick zu erf alten, sondern auch sich davon zu überzeugen, was gerade in der heutigen Zeit die musterhafte Führung eines großen industriellen Unternehmens nicht allein für die Wirtschaft einer Gemeinde, sondern für das Gesamtwohl bedeutet. Der Herr Vorsitzende dankte denn auch mit warmen Worten Herrn Bücking für diese belehrende Stunde und nicht minder herzlich für die in seinem Hause dargebotene Gastfreundschaft. Aach der Fabrikbesichtigung traten die Mitglieder unter Führung des stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Komwe-zienrat Ram- speck einen Rundgang an, welcher sie die Sadt Alsfeld in ihrer ganzen rnittelcU. etlichen Ehrwürdigkeit und Schönheit so recht erkennen und würdigen lieft. Auch hier fand Herr Rinn für den rührigen Vorsitzenden des Als elder Verkehrs- und Derschönerungsvereins herzlche Worte des Dan- 1 kes und der Anerkennung.
wohl allen Wirtschasts- und Finanzgrößen vom General Dawes über Parker Gilbert hinweg bis zu Owen V o u n g nun auch unklar fein. Daß wir bis heute zu zahlen vermochten, war nur mit Hilfe geliehenen Kapitals und unter schweren inneren Opfern möglich, die ihren besten Ausdruck in der katastrophalen Zahl von Erwerbslosen finden. Das Ausland mag sich einmal gründlich die deutsche Außenhandelsbilanz zu Gemüte führen und dabei überlegen, was es profitiert, toervn Deutschland von Monat zu Monat unfähiger wird, auch aus dem Ausland Waren herein» zunehmen. Ist doch auch die Fertigwareneinfuhr ebenso wie die Einfuhr von Rohstoffen stark zurückgegangen.
Die Väter der Weimarer Verfassung haben es sich nicht träumen lassen, daß eines Tages der
Artikel 4 8 das letzte Werkzeug fein würde, um angesichts eines versagenden Parlamentes das Reich vor chaotischen Zuständen zu bewahren. Aur weise Vorsicht war es, in die Ver- fauung einen Artikel eiraufügen, der die Anwendung aufterordentlicher Maßnahmen in ungewöhnlichen Zeiten vorsieht. Kein Mensch glaubte damals im Ernst daran, daß dieser Omi fei eines Tages der letzte Rettungsanker des deutschen Volkes werden könnte. Schon bald nach der Verabschiedung der Weimarer Verfassung setzte ein hitziger Kampf um den sog. Diktäturpara- g r a p h e n ein, zu dem die Ausführungsbestimmungen fehlen und dem namentlich die Sozialdemokratie mit großem Mißtrauen gegenübrrstand. Tie Sozialdemokratie hat nicht verhindern können, daß schon sehr zeitig der Artikel 48 zur Anwendung gelangte. Zunächst kamen nur militärische
Kaufleuten von Archangelsk gab es einige, die auf eigene Kosten kleine Expeditionen in ferne Polargegenden auszurüsten pflegten. Cs war Tradition in diesen Kreisen. Bereits im 18. Jahrhundert wurden Streifzüge nach Spitzbergen und in andere Polarregionen von mutigen Seeleuten aus Archangelsk unternommen. Ich entschloß mich, nach Spitzbergen zu reifen, um dort geologische Untersuchungen anzustellen. Meine erstes Polar- fahrt sollte aber nicht von Erfolg gekrönt fein. Wir gerieten in einen furchtbaren Sturm. Zehn Tage lang wurde unser erbärmliches Fahrzeug von den Wellen wie eine Außschale hin und her geschleudert. Es ist ein Wunder, daß wir lebendig zurückkehrten. Am elften Tag — es war im September — konnte „Jacques Cartier" an der norwegischen Küste landen. Wir kamen heil davon, aber das Sch/s war so beschädigt, daß an die Fortsetzung der Expedition nicht zu denken war. Als der Sturm am furchtbarsten wütete, legte unser Schiffskoch ein Gelübde ab: wenn er am Leben bliebe, würde er ins Kloster gehen. Der brave Koch blieb dem Gelübde treu. Er wurde Mönch und trat in ein Kloster in der Aähe von Kola ein.“
„Ein Jahr später unternahm ich eine zweite Expedition nach Spitzbergen. Ich war hart- nädig und wollte meinen Plan, Spitzbergen geologisch zu erforschen, nicht aufgeben. Diesmal gelang es sogar, die Zarenregierung für unser Unternehmen zu gewinnen. Gemeinsam mit einigen anderen jungen Gelehrten wurde mir von der Regierung ein Motorboot zur Verfügung gestellt, das freilich noch kleiner als der Segler meiner ersten Forschungsreise war. Diese Expedition sollte tragisch enden. Wir waren vierzehn Mann. Während drei von uns, darunter ich, auf Spitzbergen blieben, zogen elf Kameraden mit dem Motorboot nach Aowaja Semlja. Sie verschwanden spurlos. Zwei Jahre dauerten die Nachforschungen nach den verschollenen Kameraden, an denen auch ich leilnahm. Trotz der größten Mühe ist es nicht gelungen, die geringste Spur zu finden — offenbar hat das Polarmeer unsere Gefährten verschlungen. Seitdem ist kaum ein Jahr vergangen, ohne daß ich an einer Polarreise teingenommen habe. Die Forschungsreisen in der Arktis wurden mir zur ßeibenfdjaft Ich kann die genaue Zahl meiner Reisen nicht angeben, es werden wohl sechzehn
ober siebzehn gewesen sein, davon vier ober fünf nach Spitzbergen, fünf ober sechs nach Aowaja Semlja. um nur bie wichtigsten außer denen auf der „Krassin" und der „Sedow" zu nennen.
„Unsere Zeppelinfahrt, die in diesem Sommer erfolgen soll, ist kaum etwas anbeted als ein Probeflug, um wissenschaftliche Forschungen einzuleiten. Wir wollen weder den Pol erreichen noch sensationelle Rekorde ausstellen. Reine Wissenschaft verträgt sich nicht mit Sensation. Wenn bet Flug gelingt, hoffen wir auf eine Wiederholung. Ich bin sehr optimistisch gestimmt, zumal wir in jeber Beziehung glänjcnb ausgerüstet sind. Ich betone, daß diese Expedition international und nicht, wie oft berichtet wurde, eine russisch-deutsche Forschungsreise ist. Die wissenschaftlichen Ziele, die erreicht werden sollen, sind in erster Linie geographischer und meteorologischer Aatur. Während Dr. Eckener die Führung übernommen hat, ist bie Leitung ber wissenschaftlichen Arbeiten mit übertragen worden. Reben mir nehmen noch ber bekannte russische Gelehrte Professor Moltschanow sowie bie beiben jüngeren Assistenten Ären fei unb Asbetg teil. Die deutsche Wissenschaft ist burch Professor Weischmann, ben Direktor bes Geophysischen Instituts in Leipzig, Professor Walter B t u n s . ben Generaldirektor ber Aero-Arktik, Ingenieur Aschenbtennet, unb ben Aeto- geobetiker Dr. Basse vertreten. Auch ber amerikanische Hybrogtaphiker Leutnant Smith wirb sich zu uns gefeiten. Wir hoffen, Ende Juli auf- zubrechen. Die Reise geht von Friebtichshafen nach ßeningrab, von dort über Archangelsk ent- toeber nach Aorben zum Franz-Lwsephs-Land ober nach Aordosten über Aowaja Semlja nach Aorbland."
„Es ist behauptet worben, baß amerikanische Milliardäre gegen hohes (Entgelt an unterer Expedition teilnehmen werden. Das stimmt nicht, wir sind ber Sensationslust biefer Kreise nicht entgegengekommen. Die Forschungsreise ist nur zum Teil vom Zeitungskonzern Hearst finanziert. Die Sowjetregierung hat einen großen Teil der erheblichen Kosten übernommen. In Leningrad ist ein Ankermast aufgestellt, unb eine Wasserst off anlage angekauft worben, um ben Zeppelin mit Gas zu versorgen. Alle meteorologischen Stationen im hohen Aorben der Sowjetunion
Geheimrat Sommerfeld erhielt die Planck-Medaille.
Dem Münchner Physiker Geheimrat Dr. Arnold Sommerfeld wurde die Planck-Medaille, bie höchste Ehrung der deutschen Physiker, verliehen.
oder polizeiliche Maßnahmen in Frage, wie ja auch nur daran gedacht war. dort mit Gewalt aufzutreten, wo die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört ober gefährdet war. Allmählich mußte man aber umlernen unb feststellen, daß eine Gefährbung der Sicherheit auch dort gegeben ist. wo eine anfechtbare Finanz- undWirtschaftspolitik getrieben wird. So kam die Aotverordnung über die Devisenpolitik zustande, später folgten rasch hintereinander die Steuernotverorbnungen, jetzt stehen wir toteber in einer Periode, in ber eine wirtschaftliche unb finanzielle Maßnahme nach ber anberen mit Hilfe des Artikels 48 durchgeführt wird. Aoch vor einem halben Jahre war bie Zahl berjenigen, die den Artikel 48 auf diesem Gebiet nicht für anwendbar hielten, sehr groß, sie ist aber auf ein Minimum sammengeschrumpft, weil sich heute alle vernünftigen Elemente sagen, daß angesichts dieses Reichstages eben nur noch der eine Ausweg bleibt, der Regierung freie Hand zu lassen. Verfehlt wäre es allerdings, im Anschluß an die letzte Aotverord- nung die Behauptung in die Welt zu sehen, daß wir uns bereits im Stadium der Diktatur befänden. Das ist nicht wahr. Der Artikel 48 ist ein Bestandteil der Verfassung, seine Anwendung bedeutet nicht, daß bie Regierung den Boben der Verfassung verlassen hat. Wann wir aber wieder so weit sein werden, daß man dem Reichstag wieder vollkommenes Vertrauen entgegenbringen und sich von dem Ausnahmeparagraphen allmählich loslösen kann, läßt sich heute nod) nicht sagen. Cher sieht es so aus. als ob schon die nahe Zukunft ein noch kräftigeres Zurückgreifen auf diesen Helfer in ber größten Rot erforderlich machen werde.
Die belgische Schuld.
Stärker denn je widerhallt bie Welt mit Ausnahme des entwaffneten Deutschlands vom Waffenlärm der Kriegsrüstungen. Zugleich ertönt in allen Ländern immer stärker der Ruf nach Friedenssicherung. Bisher trafen die Siegerländer des Weltkriegs keine entscheidenden Maßnahmen, um die Befriedung der Welt wirklich vorwärtszubringen. Aber nicht nur in ber militärischen, sondern auch in der allgemeinen geistigen Abrüstung sind bie Fortschritte überaus gering. Und gerade wir Deutschen wissen viel zu wenig, wie sehr auf ber anderen Seite die (3d) ulb lügen noch nachwirken, ja, wie sie von offizieller Seite heute noch nach anderthalb Jahrzehnten aufrechterhalten und geschürt werden. Mit einer Entschiedenheit, bie in den verflossenen 16 Jahren nichts an Schärfe verloren hat, vertreten Regierung unb öffentliche Meinung in Belgien auch heute noch ben Slanbpunkt, bah es keinen
sinb stärker beseht worben. Aatürlich hängt ber Erfolg ber Expebition von ber Wetterlage ab, bie in diesen Gegenden sehr schwankt. Besonders der (Hebel kann ber Expebition böse Streiche spielen. Dennoch bin ich zuversichtlich gestimmt, obwohl ich persönlich nicht glauben kann, bah wir alle gestellten Aufgaben lösen werben. Aun, bann werden wir eben die Expebition wiederholen, bis wir unser Ziel erreicht haben! Die ganze Forschungsreise wirb fünf b i s sechs Tage in Anspruch nehmen. Welch ein Umschwung hat sich in ben zwanzig Jahren vollzogen. bie ich nun als Polarsorcher tätig bin. Ganz anbere technische Möglichkeiten stehen uns jetzt zur Verfügung. Auf meiner ersten Fahrt mußte ich ein jämmerliches Segelschiff benutzen, unb nun nehme ich an einer Luftexpebition teil, werbe ich auf einem Zeppelin reifen, ber mit allen technischen Mitteln unb wunbervollen wissenschaftlichen Apparaten ausgerüstet ist."
Auf bie Frage, wie sich Professor Samoilowitsch zum Mißerfolg ber Wilkins- expebition verhält, ertoiberte ber Gelehrte: „Der Gebanke. unter bem Eis zum Pol vor- zustohen. ist vielleicht ganz gut. Er müßte nur unter Benutzung aller technischen Möglichkeiten verwirklicht werben. Das 0-Doot. bas bem mutigen Sir Hubert Wilkins zur Verfügung ftanb, ist leiber keineswegs für seine Aufgabe geeignet gewesen. Der „Aautilus" ist ein altes Unterseeboot bes Jahrgangs 1918. Es ist von ben Listen ber amerikanischen Flotte längst gestrichen. Das Gefährlichste an ber Konstruktion sind bie zwei Schrauben links unb rechts an ben Außen- toänben. Hätte bas Schi s nicht bereits mitten im Ozean schweren Maschinenschaben erlitten, so wäre es wahrscheinlich einem noch böseren Schicksal im Eis ver allen. Es ist klar, bah bas Eis bie hervorstehenben Schrauben leicht hätte zermalmen tonnen. Ich glaube kaum, bah bie Expebition in biesem Jahre weitergeführt werben kann. Daß ber Zylinber ber Sleuerbord- maschine einen Riß bekommen hat, zeugt nicht gerabe von ben guten Qualitäten bet Konstruktion. Alle Achtung vor ber Energie unb bem Mut bes Kollegen Wilkins. Ich bin aber beinahe geneigt, unter diesen Umstänben bas Unternehmen als einen Versuch mit untauglichen Mitteln zu bezeichnen."


