schroffes Auftreten gegen die Mittelmächte eine solche Verwicklung herbeizuführen, die Grey als Voraussetzung für eine englische Parteinahme bezeichnet hatte' England gatte sich tn seinen Entschlüssen vom Zarenreiche abhängig gemacht. Wie Sasonow die englischen Vachrichten verwertet hat, ist bekannt, durch schroffe Forderungen an Oesterreich machte er jede ernstliche Unter» Handlung unmöglich und zwang schließlich durch die Mobilisation Deutschland zur Kriegserklärung. Fragt man nach den vornehmsten objektiven Ursachen deS Weltkrieges, so sind es zwei: der eroberung-lustige PanslawiSmuS und die fran- ?ösifche Revancheidee! fragt man nach den Per- önlichkeiten, die die in diesen Strömungen liegende Offensive in den kritischen Tagen bewußt gefördert haben, so wird man immer auf das Kleeblatt geführt: Sasonow, Poincars, Grey.
Aus der provinzialhauptfiavt.
Gießen, den 17.Oktober 1931.
Herbstliches Fest.
Rachdem uns der Sommer eine Enttäuschung nach der anderen gebracht hat, und ein Regentag nach dem anderen vergessen ließ, daß Sommer war, hat sich der Her^'t bemüht, den Menschen einige- von dem zu ersehen, was der Sommer nicht gehalten hat. Wenn auch die Rächte nun kühl sind und am Morgen die Welt im Rebel liegt, so siegt doch noch oft die Sonne und läßt alles schöner und freudiger, farbiger und lebendiger erscheinen. Da greift man denn zum Wanderstab und pilgert hinaus.
Der Weg süyrt durch Wiesen und Felder, an Gärten vorbei. Ucberall sind die fleistinen Kleingärtner bei der Arbeit. Roch blühen und leuchten die letzten Rosen, Dahlien und Herbstastern, die Sonnenblumen neigen ihr Haupt unter der Last der schweren Korner. Auch die letzten Tomaten haben sich noch gerötet in diesen Tagen, und hier und da sehen wir tiefdunkle Trauben. Welches Leben mag eben in den Weingegenden herrschen!
Die Bäume haben zum Teil schon ihr Laub verloren, einzelne Dirnen und Aepscl hängen noch auc Freude der Kinder. Aber in diesen Tagen denken sie kaum ans „Stoppeln". Sie haben ihren Kreisel hcrvorgeholt und lassen ihn auf der Straße tanzen. Die Mädchen spielen wieder mit dem Ball. Kinder können immer am besten eine IahresAeit einschätzcn. Das sehen wir im Frühling, das sehen wir auch jetzt. Ucberall herrscht Freude und reges Leben.
Drunten der Wiescngrund — zweimal hat er seine Pracht hergeben müssen — hat sich mit neuem Grün geschmückt. Darin sind, wie in einen Teppich, die violetten Herbstzeitlosen eingestickt. Zähe und ausdauernde Blumen aber finden wir noch am Wegrand. Dort stehen die letzten Schafgarben, Habichtskräuter. Flockenblumen und die nimmermüden Gänseblümchen. Unverdrossen fiie- gen auch heute die Dienen und holen sich, waS noch an Rektor da ist. 3n der milden Luft spielen die Mücken.
Und da ist der Wald, der verzauberte Wald! Wir wollen noch nicht eintreten, wir wollen hier vor ihm stehen bleiben und in vollen Zügen daS frohe Dtld in uns ausnehmen, das sich hier unserm Auge darbietct. Da leuchten alle Farben in wundervollem Zusammenllang auf. Don dem Boden her, der schon mit buntem Laub bedeckt ist, wächst die Pracht. Da stehen die Düscye, umrankt von den dunklen Dromveerruten, in buntem Herbstgewand. Dahinter erheben sich die stolzen Buchen, die zum Teil schon ihr Laub verloren haben. Was noch von den Blättern hängt, glänzt in allen Farbentönen. Die schlanken Dirken haben ein goldgelbes Kleid angezogen. Zarte Sommerfädcn umwinden die bunten Blätter.
Kein Lüftchen bewegt den Wald. Die Eichen sind noch grün, sie lassen nur mürrisch und langsam ihr Laub fallen. Es müssen starke Stürme kommen, um sie kahl zu zausen. Aber auch ihre Dlätter sind schon am Rande gelb gefärbt. Ganz im Hintergrund stehen stumm und aufrecht die Fichten. Durch ihre dunklen Radeln hebt sich erst die frohe Farbenpracht und wirkt desto lebhafter und frischer.
Still und weich k ommt dieses Herbstwunder, nicht stürmisch wie nach einer lauen Frühlingsnacht das Erwachen des Waldes. Rur dann und wann hören wir den Schrei eines Eichelhähers, auch das leise Zirpen einiger Meisen, sonst herrscht Stille. Ab und zu knackt cs im dürren Laub. Die reifen Eicheln fallen zur Grde. Schon liegen sie wie gesät. Und dort, eben noch sahen wir den bu chigen Schwanz, klettert das Eichhörnchen hinaus hinter die schützenden Aeste. Es lann jetzt ernten und Vorräte einheimsen.
Ein Ton vom Scheiden und Meiden klingt durch das herbstliche Fest. Wir fühlen in diesen Tagen mit leiser Wehmut, wie nun das Jahr sich lang- sam zu Ende neigt. Es ist ein Abschied wie bei einem guten Freund. Wenn alles gesagt ist, schauen wir uns noch einmal stumm in die Augen und drucken uns still die Hand. Das ist ein schönes Scheiden. Und wir wünschen, daß alle Feste so wundervoll auSkllngcn wie diese goldenen Herbst- tage von 1931. W.
Der diesjährige Auftakt im Gießener Konzertverein.
Vom Konzertoerein wird uns geschrieben: Das neue »onzertjahr das 140. des Xonzertoereins, nimmt am 24. d. M. mit einem Sonatenabend der Herren Pros. Adolf Busch und Rudolf Serkin seinen Anfang. 'Rach dem außerordentlich großen Erfolg des vorjährigen Konzerts dieser beiden, in ihrer Art wohl bedeutsamsten Künstler glaubte der Vorstand eine bessere Einleitung der Konzertver- anjtaltungen nicht bringen zu können, und er hofft, daß die besondere Anziehungskraft so namhafter Mu. fiter |lct) auch jetzt wieder erweisen wird. Dao Pro- gramm wird zudem bestimmt dazu beitragen, den hir.O,ln,4?>0?,Q^nb besonders festlich zu gestalten: auf h e h.^oU-oonate °p. l22 von Reger folgt die O-Dur.Sonate von Beethoven op. 30 Nr. 3. Den Be. Wu& bildet die Schubert.Fantasie op. 179. Es war djroicrlfl, die beiden Künstler für ein Konzert nach Wiefern wieder zu verpflichten, da Adolf B u s ch An. ang November eine Konzertreise durch Amerika an. ritt und sich nur für wenige Abende im Herbst noch frei machen konnte. Aus diesem Grunde mußte auch in der BZahl de» Termins eine Aenderung gegen fonft eintreten Da» Konzert findet ausnahmsweise am oamstag 20 Uhr. in der Unioersitatsaula statt Wahrend die Abonnementspreise im ganzen roefent- "ch herabgesetzt worden sind, konnten die Einzel- karten für diese» Konzert, das natürlich besondere Kosten verursacht, leider nicht billiger abgegeben werden als früher. E» sei. bei dieser Gelegenheit noch einmal dringend daraus hingewiesen, wie sehr von dem Besuch der Konzertveranstaltungen, und
Aus her Praxis der öffentlichen Serussberatung.
Don Dr. Bottenbacher, Arbeitsamt Gießen.
Die Berufsberatung wird nicht immer nur von Schulabgängern ausgesucht, von Jugendlichen, die anfangen sollen zu lernen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, auch ältere, der Scfjule längst entwachsene Ratbedürftige finden den Weg zu ihr. Abiturienten, die noch kein oder kein passendes Unterkommen gefunden haben, Studenten, die wegen falsch gewähllen Studiums die Fakultät wechseln möchten, nach andern Berufsmöglichkeiten Umschau haltende Arbeitslose und auch in Arbeit Befindliche, die aus irgendeinem Grunde vor neuer Berufswahl stehen: sie alle treibt die Berufs- not in die Sprechstunden der Berufsberatung, der
Sammelstelle aller Berufserfahrungen, wo man jedem mit Rat und Tat zu Helsen sucht.
Von diesen älteren Ratsuchenden soll heute einmal kurz die Rede sein.
Ein Oberrealschulabiturient tritt ins Sprechzimmer, keinen hoffnungsfreudigen Eindruck machend, den Händedruck etwas krampfhaft erwidernd. Das einzige Kind einer sich mühsam durchs Leben schlagenden Witwe, die heroisch auf vieles verzichtete, was allgemein zu den Lebensnotwendig- keilen gehört, nur um ihren Sohn, der es einmal besser haben soll, durch höhere Schulbildung ein leichteres Fortkommen zu ermöglichen. Er war auch kein schlechter Schüler, ihr Zunge aus den sie nicht mit Unrecht stolz sein konnte. Sie dachten beide, Mutter und Sohn, wegen Unmöglichkeit eines Hochschulstudiums an ein Unterkommen bei der Post, der Eisenbahn, der Finanzbchörde ober sonstwo als Be- amtenanroärter; aber alle dahingehenden Gesuche blieben erfolglos. Das zweite Jahr vergebenes Mühen um irgendwelche Arbeit nahmen feinen Froh- sinn und machten ihn zum Pessimisten und Fatalisten zugleich. Wie hatte sich auch die Mutter, die unter Tränen leidvoll ihren Kummer offenbarte, doch alles anders vorgestellt! Und ihn drückte es schwer, der Mutter noch länger zur Last zu fallen, sich als Nichtstuer, als Gelegenheitsaroeiter ohne bestimmten Beruf herumzutreiben. — Wir hatten Glück infolge eines Unglücks wodurch eine städtische Beamten- anwärterstelle frei wurde, in die wir ihn vermitteln konnten. Als er nach einigen Monaten unerwartet wiederkam. war er wie verwandelt, kaum mehr zu erkennen, so sehr hatte das neue Lebensziel, die Arbeit, ihn seelisch und körperlich aufgerichtet.
Manche Eltern halten es sonderbar mit ihren Kinder und wissen nicht, wie sie sich dabei an ihnen versündigen. So mußte ein Ratsuchender gegen feinen Willen die Hochschulreife, die er an der Höheren Lehranstalt nicht erreichen konnte, mit langer Mühe und Not an einem Maturitätsinstitut nach- holen, trotzdem er lieber ein Handwerk gelernt hätte. Nun steht er, dem kein Studium recht gefällt, als Pseudoakademiker im achten Semester, wechselt fortwährend die Fakultät und ich mit
sich selbst und seinen Estern, diese natürlich auch mü ihm, höchst unzufrieden. Dor einem abermaligen Fakustatswechsel mußte dringend abgeraten werden, da ihm für das neue in Aussicht genommene Stu- dium die erforderliche hohe mathematische Begabung völlig abgeht. Ob dieser Erziehungsfehler der Eltern wieder gutzumachen ist? Dorläufig scheint ihr Sohn, mit dem sie es sicherlich nicht schlecht gemeint haben, ein „ewiger" Student zu werden.
Arbeitslose denken oft, jeder andere Verns fei besser al» der ihrige, holen sich häufig Rat und Auskunft über die verschiedensten Verufrmög- lichk eiten.
Diele würden gern, um aus dem erzwungenen Nichtstun herauszukommen, eine neueLehre auf sich nehmen, wenn ihnen nur kürzere Lehrzeit und höhere Lehrlingsvergütung zum Durchhalten gewährt werden könnte. Auch kaufmännische Angestellte, die noch ein Handwerk erlernen wollten, waren schon in Beratung. Nicht selten werden Umschulungswünsche laut für Berufe, die längst überfüllt sind und selbst auf lange Zeit hinaus kaum geringste Aus- sichten auf Unterkommen bieten. Der Drang, endlich wieder in Arbeit und Brot zu kommen, laßt oer- ständlicherweise alle möglichen, von vornherein unrealisierbaren Ideen fecranreifen. Dor manchem Irrweg konnte abgeraten, vor manchem vorauszusehendem Reinfall auf schwindelhafte Reklame gewarnt werden.
Im folgenden dürfte besonders veranschaulicht sein, gewisse körperliche Mängel bei der Berufswahl nicht zu vernachlässigen. Ein in ungekündigter Arbeit befindlicher Friseurgehilfe wünschte eine Lehrstelle in einem „sitzenden" Beruf. Er hatte schon als kleines Kind Plattfüße und konnte das Friseurhandwerk, für das er sich sonst sehr gut eignete, wegen starker, bei langem Stehen eintretender Fußschmerzen nicht mehr ausüben. Wir waren in der Lage, eine Lehr- stelle in einem passenden Beruf zu vermitteln.
Aber selten kann falsche Berufswahl so spät wieder gulgcmacht werden;
denn abgesehen davon, daß in diesem eigentlichen überhöhten Alter nicht immer leicht Lehrstellen zu inben finb, können sich bie wenigsten Eltern eine loppelte Lehrzeit ihrer Kinber leisten. Man schleppt ich bann in solchen Fällen in dem einmal verkehrt gewählten Beruf auf Kosten der Sozialversicherungen gewöhnlich so lange herum, als es eben geht. Es wird bei Eintritt ins Berufsleben noch viel zu wenig auf vorhandene Leiden und Gebrechen geachtet, wodurch neue ober sich oerfchlimmernbe Krankheiten, Invaliditäten, private und soziale Un- kosten entstehen, die meist durch frühzeitige Berufsaufklärung hätten verhütet werden können.
besonders der anfänglichen Konzerte, das Schicksal des ganzen Konzertwinters abhängt: nur wenn allen Nöten der Zeit zum Trotz unsere Musikfreunde uns treu bleiben und durch ihren Besuch uns die Möglichkeit an die Hand geben, weitere Konzerte zu veranstalten, werden wir durchführen können, was wir uns vorgenommen haben. Alles Nähere über dieses und die kommenden Konzerte in den Anzeigen und in der Musikalienhandlung von E. Challier, Neuen- weg, wo auch die Abonnementskarten zum Abholcn bereitliegen.
Geh. Kommerzienrat Emmelius f.
Gestern ist hier der Geheime Kommerzienrat Louis Emmelius im 82. Lebensjahre verstorben. Mit ihm ist ein Bürger unserer Stadt in die Ewigkeit abberufen worden, der für das Gießener Gemeinwesen in jahrelanger ehrenamtlicher Kommunalarbeit Hervorragendes geleistet hat und dem die Stadt, in dankbarer Anerkennung seiner großen Verdienste, gelegentlich seines 80. Geburtstages am 7. März 1930 als ersten Gießener Bürger die Ehrenplakette der Stadt Gießen verlieh.
Louis Emmelius wurde am 7. März 1850 in Aßlar (Kreis Wetzlar) geboren. Rach dem Besuch des Gymnasiums zu Gießen und seiner beruflichen Ausbildung als Kaufmann der Tabak- branche diente er als Einjährig-Freiwilliger beim Infanterie-Regiment 116 in Gießen, mit dem er den Krieg 1870 71 mitmachte und in dessen Verlauf er am 18. Januar 1871, am Tage der deutschen Kaiserproklamation, zum Offizier befördert wurde. Aus dem Felde zurückgekehrt, trat er in die väterliche Firma, Carl Emmelius, ein. bie in ihm allezeit einen trefflichen Verwalter des väterlichen Erbes und einen mit klugem Kaufmannsgeist und glücklicher Hand auf bewährtem Grund weitcrbauenden Leiter hatte. 3m Dienste der Allgemeinheit war Louis Emmelius seit 1893 tätig, wo er als Mitglied der Rationallibcralen Partei in die Gießener Stadtverordneten - Versammlung eintrat. Das Vertrauen dieser Körperschaft berief ihn im 3ahre 1911 in das Amt eines unbesoldeten ehrenamtlichen Beigeordneten, in das er im Jahre 1917 einstimmig wiedergewählt wurde. Seine kommunale Arbeit galt insbesondere der städtischen Finanzverwaltung, der er ein außerordentlich fleißiger, mit größter ®c- wissenhaftigkeit wirkender Berater und Mitarbeiter war, dessen höchstes Streben nur das Wohl der Allgemeinheit war. Reben der kommunalpolitischen Tätigkeit war er im Verein ber Tabakindustriellen von Gießen und Ilmgegend zeitweilig zweiter Vorsitzender und Schatzmeister, ferner wirkte er in den Kommissionen des Vereins lange Jahre erfolgreich mit; der Verein dankte ihm feine langjährige Mitarbeit durch die Verleihung der Ehrcnmitgliedschaft. Er war weiter tätig als Kirchenvorsteher der Evangelischen Gemeinde, im Kreistage und im Schulvorstand: der Kricgerverein Gießen ist durch ihn mit gegründet worden; auch die Gießener Hochschulgesellschaft zählte ihn zu ihren treuen und opferbereiten Freunden, daneben tat er auch auf dem Gebiete der RächslenhUfe viele gute Werke, die feinem ausgeprägten Sinn für das Gemeinwohl und für das Gebot der Rächsten- liebe entsprachen. Das Städtische Museum hatte in ihm einen eifrigen Förderer, ein Denkmal für alle Zeiten schuf er sich aber durch die Gründung unseres KriegsmuseumS. Dem Descllschaftsvercin (Klub) stand er lange 3ahre als Präsident vor: sein verdienstvolle- Wirken für den Verein wurde auch hier durch die Verleihung der Shrcnmitglicd- fchaft dankbar anerkannt. Als er das siebzigste Lebensjahr erreichte, zog et sich von seinen vielen Ehrenämtern zurück, um feinen Lebensabend in wohlverdienter Ruhe zu verbringen.
Dem verdienten Manne galt die herzliche Zuneigung und dankerfüllte Wertschätzung weiter Kreise der Bürgerschaft. Daneben wurden ihm aber auch noch wohlverdiente öffentliche Ehrungen als äußere Merkmale der Anerkennung zuteil. 3m Dezember 1917 wurde er vom früheren Großhcrzog zum Geheimen Kommerzienrat ernannt, außerdem wurde er mit dem Ritterkreuz 1. Klasse des Hessischen Philippsordens mit der Krone ausgezeichnet. Die Stadt gab ihrer Dankbarkeit für das Wirken von Louis EmmeliuS, wie schon erwähnt, durch die Verleihung des ersten Stückes der Ehrenplakette der Stadt Gießen Ausdruck. Das Andenken an diesen edlen Menschen , und vortrefflichen Gießener Bürger wird über fein Grab hinaus bei allen, die ihn kannten, und in der Geschichte unserer Stadt in Ehren und Dankbarkeit bewahrt bleiben.
General Mohr 70 Jahre alt.
Am morgigen Sonntag, 18. Oktober, kann unser Mitbürger Generalmajor a. D. Rudolf Mohr in voller körperlichen und geistiger Frische die Feier seines 7 0.Geburtstages begehen.
General Mohr, der am 18. Oktober 1861 in Königsee (Thüringen) geboren wurde, trat nach dem Besuch des Gymnasiums zu Rudolstadt am 1. April 1882 beim 3nf.-Regt. Rr. 95 in Gotha als Fahnenjunker ein. 3m September 1883 wurde er Leutnant, im September 1890 Oberleutnant. Dann tozr er vom Oktober 1890 bis Oktober 1893 Adjutant beim Dezirkskommando in Meiningen, hierauf vom April 1894 bis April 1897 Adjutant des 3nf.-Regt. Rr. 95 in Gotha. 3m Mai 1897 wurde er Hauptmann, und in diesem Range war er bis zum Oktober 1901 Adjutant bei der Kommandantur in Breslau. Don dort wurde er als Hauptmann und Kompaniechef zum 3nf.-Regt. 116 in Gießen verseht, wo er am 27. 3anuar 1907 zum Major beim Stabe des 3nf.-Regt. 116 befördert wurde. Vom April 1909 ab bis zum Oktober 1913 war er Dataillonskommandeur in Metz, Forbach und Straßburg i. Elsaß im 3nf.- Regt. 174. Rachdem er im 3uni 1913 zum Oberstleutnant befördert worden war, stand er als Oberstleutnant beim Stabe des 3nf.-Regt. 169 vom Oktober 1913 biS 1. August 1914 in Lahr (Baden) in Garnison. Am 1. August 1914 trat er als Kommandeur an die Spitze des Landwehr- Regiments 109, mit dem er in den Weltkrieg zog. 3m 3uni 1915 wurde er Oberst. 3n der zweiten Schlacht bei Mülhausen stürzte er mit dem Pferde und erlitt dabei so schwere innere Schäden, daß er untauglich zum Frontdienst wurde. Dom April 1916 bis zum Kriegsende diente er als Kommandeur des Landwehr-BeAirks Straßburg i. Elsaß dem Daterlande. Am 11.3anuar 1919 trat er in Bewilligung seine- Abschiedsgesuches vom 30. Oktober 1918 unter Verleihung des Charakters als Generalmajor in den Ruhestand, den er seit Kriegsende in unserer Stadt verlebt. Seit Ende Dezember 1918 steht Genera! Mohr als Vorsitzender an der Spitze der hiesigen Ortsgruppe des Deutschen Offizier-Bundes und ebenfalls als Vorsitzender an der Spitze des Vereins ehemaliger Offiziere 3nf.-Regt. 116 in Gießen.
Reben dem aktiven Militärdienst hat sich General Mohr auch auf dem Gebiete der Kriegsgeschichte al- produktiver Schriftsteller betätigt, wobei ihm die Schlacht bei Wörth, der KriegS- beginn und das Gefecht bei Saarbrücken, die Schlacht bei Spichern aus dem Feldzug 1870 71, sowie krieg-geschichtliche Wanderungen in und um Gießen al- Stoff seiner Arbeiten dienten. Weiter hat er ein Werk über .Die Ausbildung der Unterführer W den Kriegsbedarf" geschrieben. Für seine Verdienste im Frieden und in der KrieaSzeit wurde er durch die Verleihung zahlreicher Orden und Ehrenzeichen in gebührender Weise geehrt.
Als Soldat wie als Mensch vorbildlich, ein Mann, der die besten Eigenschaften eine- deutschen Oftiziers in sich verkörpert und dem lauterste Gesinnung, sowie unwandelbare Liebe zu Volk und Vaterland allezeit Richtschnur seine- Wirkens waren, darf er sich hoher Wertschätzung in weiten Kreisen der Bürgerschaft unterer Stadt und darüber hinaus erfreuen.
Oie Gießener Winternothilfe.
Der Derbe- und Sammelausschuß derGieße - ncr Winternothilfe 1 931 32 hielt gestern eine gemeinsame Sitzung mit den Leitern der Gießener Schulen ab, in der über die Durch- iührung einer Geldsammlung in den Schulen beraten wurde. Die Besprechung führte zu dem Ergebnis, daß ein solches Sammelwerk in den höheren Schulen durchgeführt werden soll, während man angesichts der ganzen Wirtschaftsverhältnisse von einer gleichartigen Sammlung in den Volksschulen Abstand nehmen teilt 3n der anschließenden Arbeitssitzung deS Werbe- und Sammelausschusses wurde mitgeteilt daß auS den Kreisen der Erwerbslosen und der übrigen Hilfsbedürftigen von rund 500 Bestellern 214 6 ZentnerKartofseln zur Beschaffung durch die Winternothilfe angemeldet wurden. Die Frage der Heranschaffung dieser Kartoffelmenge wurde eingehend geprüft, über gewisse Maßnahmen soll anfangs nächster Woche entschieden werden, damit dann die Kartoffelversorgung alsbald in Gang gesetzt werden kann. Vom Edeka-Grohhandel lag dem Ausschuß die Mitteilung vor. daß die Edeka-Geschäft« als gemeinsame Winternothilfe zunächst 100 Psd. Reis, 130 Pfund Bohnen. 100 Pfund Erbsen und 50 Pfund Rudeln zur Verfügung stellen, eine Spende dieser Art im Laufe deS WintcrS auch noch wiederholen wollen. Die Firma Kaisers Kaffee-Geschäft stellte zur Versorgung der Hilfsbedürftigen für Oktober 50 Pfund RciS, für Äovembcr 50 Pfund Dohnen, für Dezember 50 Pfund Erbsen bereit.
Weitere Hilfsmaßnahmen sind in aller Kürze von der Däckerinnung Gießen-Stadt und von der Mehgerinnung zu erwarten, worüber gewisse Vorschläge ausgearbeitet sind. 3n diesem Zusammenhänge sei einmal öffentlich darauf hingewiesen, daß die Mitglieder der Gießener Däckerinnung schon seit etwa sechs 3ahren in anerkennenswerter und beispielgebender Weise allwöchentlich an verschämt« Arme Drot kostenlos abaeben, und zwar je nach Größe deS BäckercioetriebeS von 1 Kilogramm Drot bis au 4 Kilogramm Drot in jeder Woche. Diese Hilfe an verschämte Arme soll von der Gießener Däckerinnung in dankenswerter Weise auch fünfttg beibehalten werden, darüber hinaus ist geplant, in einem noch näher zu bestimmenden Ausmaß auf Weisung deS WohlfahrtsamteS Drot zu verbilligtem Preise abzugcben.
Für das Winterhils-werk werden Geldspenden bei den hiesigen Danken entgegengenommen, ferner können Geldbeträge auch auf das Konto 3372 der Winternothilsc bei der Dezirkssparkasse Dießen eingezahlt werden. Auf Wunsch werden Geldbeträge auch aus den Wohnungen abgeholt. Wer Spenden telephonisch anmelden will, rufe da- Städtische Wohlfahrtsamt unter der Telephonnummer 2858 oder 2859 an. Sollen wir am Musikunterricht unserer
Kinder sparen?
Man schreibt unS: Die Rot der Zeit mit ihr n für jede Lebenshaltung schon katastrophalen Au. • Wirkungen zwingt unerbittlich zur größten Spa. - samkeit. Die Eltern sinnen darüber nach, wo v... wie bei der Erziehung der Kinder immer nc > etwas eingcspart werden könnte. Da sind es dc i in vielen Familien die Privatmusikstunben. die diesen Sparmaßnahmen zum Opfer fallen. 3ft es nun auch heute durchaus berechtigt, die Musik- stunden einzustellen bei Kindern, die nur sehr geringe, ober gar feine musikalische Begabung zeigen, so gilt dies doch nicht bei musikalisch begabteren. Diesen Kindern darf die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer künstlerischen Veranlagung durch guten Privatmusikunterricht nicht vorenthalten werden. Wenn man sich darüber klar ist. welch« unermeßlich großen seelischen Werte dem Kind« — und später dem Heranwachsenden jungen Menschen — durch richtige sachgemäße Anleitung zur Entwicklung seines Talentes erschlossen werden, welch einen Reichtum an innerer Kraft bet Mensch für fein ganzes Leben daburch gewinnt, so muy sich bie Waagschale burchauS zu Gunsten der Musikstunden neigen. Gerade die Fähigkeit zu einem guten Dilettieren ist eS, die in den Erholungsstunden den nötigen Ausgleich schafft und Der Gefahr unserer Zeit, daß bie Röte bes täglichen Lebens alles 3bcale allmählich ersticken, vorbeugt. 3ft cs boch nicht allein bas berufliche Vollbringen, unb bie äußerste Pflichterfüllung, die dem Leben den rechten Inhalt geben, sondern Tausend« und .Abertausende werden kraft Ausübung ihrer von Kindheit an gepflegten künstlerischen ^qabung sich hohe und reine Lebensfreude gerade auch für ibten Beruf zu erhalten wissen. Und diesen Weg. dies« Möglichkeit dürfen wir unfern Kindern nicht versperren.
Die Erfüllung dieses Ziele- aber erfordert vor allen Dingen einen wirklich guten Unterricht. Wer feinen Kindern in ber heutigen Lotlage Musikunterricht erteilen läßt, hat Anspruch barauf daß dies nur durch zuverlässige Lehrkräfte geschieht. Bedauerlicherweise haben wir in Hessen hierfür noch keine gesetzliche Gewähr. Ein Befähigungsnachweis, wie et z. B. in Preußen in Form deS Unterrichtserlaubn.Sscheins für die Berechtigung zum Unterrichten eingeführt ist, besteht in Hessen noch nicht. Um sicher zu gehen, wähl« man nur Lehrkräfte, die ein gründliches und erfolgreiche* Musikstudium auftoeifen können. Rur fo lann eine Gewähr gegeben werden, tote sie für diesen ver- antwortungsvcl.cn Beruf durchaus zu wünschen ist.
Gchneegänse.
Am Donnerstag, 15. Oktober, wurden in 2 o n- borf im Lurndatal riesige Schwärme von Wild- gänfen in keilförmig fliegenden Gruppen zwischen 14 und 14.30 Uhr beobachtet. Flugrichtung von Rorden nach Süden. Rach dem Schrei waren eS Wildaänse, nicht Kraniche. Ebenso wurden am Schiffenberg, etwa- östlich über dem Wald, zwischen 14.15 und 15.05 Uhr sehr hoch fliegende enorme Schwärme alcicher Art beobachtet. die in der Richtung nach Watzenborn, also etwas südsüdwestlich, flogen.
Vergleicht man die Lage von Londorf und Schiffenberg, so ergibt sich im ganzen eine südsüdwestliche Richtung. Die Schwärme müßten also über Allertshausen, Beuern, Großen-Dufcck, Annerod geflogen sein. SS fragt sich, ob sie nördlich ober südlich vom Lwppelberg. d. h. übts


