Nr. 243 Zweites Blatt
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Ich merkte aus einer Unterhaltung mit einem hohen Beamten des auswärtigen Dienstes in Tokio, daß der Regierung aus wirtschaftlichen Gründen, um die Ausfuhr nach China nicht zu gefährden, daran lag, daß keine ernste Verwicklung eintrat — aber da passierte ein Zwischenfall, der das Militär in Erregung brachte: ein japanischer Offizier, Hauptmann Nakamura, mit einem Unter-
Mit solcher Abgrenzung des Eigenen gegen das Ueberkommene im Schauspiel weist Hofmannsthal über die spanische Vorlage zurück ins Mittelalter mit seinen zugleich tiefsinnigen und primitiven Mysterienspielen und Revuen, seinen Totentänzen und Weltgerichten: und deutet auch die Der- loandtschaft dieses DelttheaterS mit seinem aus
Hugo von Hofmannsthal, der schon das bunte und leichtgeschü^te „Mantel- und Degenstück" von der „Dame Kobold" für unser Theater erneuert hat, kehrte mit dem Salzburger „Großen Welttheater" in die romanisch-romantischen Bezirke des spanischen Dichters zurück.
Er schrieb dazu in einer Einführung: von Cal- derons Werk „ist hier die das Ganze tragende Metapher entlehnt, daß die Welt ein Schaugerüst aufbaut, worauf die Manschen in ihren von Gott ihnen zugeteilten Rollen das Spiel des Lebens aufführen, ferner der Titel dieses Spiels und die Namen der sechs Gestalten, durch welche die Menschheit vorgestellt wird — sonst nichts. Diese Bestandteile aber eignen nicht dem großen katholischen Dichter als seine Erfindung, sondern gehören zu dem Schatz von Mythen und Allegorien, die das Mittelalter ausgeformt und den späteren Llahrhunderten Übermacht hat".
Gießener Gtadttheaier.
Hofmannsihal nach Calderon: „Das große Wclitheater."
Bor einem Bierteljahrtausend starb, am 25. Mai 1681, Pedro Calderon de la Barca, der große nationale Dichter des spanischen Barock. In Madrid geboren anno 1600, hat er ein langes und bewegtes Leben geführt, war Iesuitenschüler und Student in Salamanca, später Soldat und Dichter, Theaterdirektor und Hofkaplan König Philipps IV.
Obwohl Calderon ein Liebling Goethes und der Romantiker gewesen ist, haben sich von seinen etwa zweihundert Stücken, „autos sacramentales“ und „comedias“, lange Zeit hindurch nur „Der Richter von Zalamea", „Der standhafte Prinz" und „Das Leben ein Traum" auf dem deutschen Theater behaupten können. Erst die moderne Literatur hat sich bemüht, das minder bekannte dichterische Gut des alten Spaniers der Vergessenheit zu entreißen und für die Gegenwart neu zu gestalten.
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Durch diese Methode hatte sich in der Man- dschu rei eine Masse Zündstoff zwischen Chinesen und Japanern ausgehäuft. Die Japaner sind in der Mandschurei nicht Siedler, sondern Geschäftsleute, außerdem Beamte und Angestellte der süd- mandschurischen Bahn und andrer Betriebe. Die Lhinesen Heben die Japaner nicht, und jede chinesische Behörde ließ bei Polizei-, Steuer- und Zi lachen, Lizenzen und wo sich sonst Gelegenheit ergab, die Japaner ihre Abneigung fühlen. Auf die Weise häuften sich auf der japanischen Seite Be- ichwerden über Beschwerden, die von Mulden und Nanking grundsätzlich ignoriert oder nichtochtend behandelt wurden. Als ich kürzlich in Japan war, war die Stimmung in der japanischen Presse und öffentlichen Meinung schon aufs höchste gegen China
China und Japan,
politische Eindrücke von einer Weltreise.
Von £)r. Paul Rohrbach.
Peking, den 27. September 1931.
Vorgestern in Nanking bekam ich die Stellung n a 1) m e des Völkerbundsrats im chinesisch-japanischen Konflikt nur erst im Auszug zu lesen und wunderte mich schon über die Genugtuung, die die Chinesen, auch die Regierungsstellen, zur Schau trugen. Heute, hier, wo der volle Text vorliegt, wundere ich mich noch mehr. Wenn die Japaner auf das als Notaustunfsmittel verordnete sZunfmännerkollegium des Völkerbundes nicht hören zu können erklären — wer will sie dann zum Gegenteil anhalten? Außerdem ist es gar nicht unmöglich, daß mancher Ratsmacht nur mäßig daran gelegen ist, den Chinesen eine Genugtuung gegen die Japaner zu verschasfen.
Wenn man hier mit politisch eingestellten Ausländern spricht inkl. Amerikaner, so kann man zu hören betommen: „Es war den Chinesen schon zu gönnen, daß die Japaner ihnen einmal ordentlich auf die Füße getreten haben, denn mit der Unhöflichkeit, Patzigkeit und Einbildung der Nanking-Leute ist ost schon nicht mehr äus- zukommen!" Dies Urteil ist so allgemein, daß es feinen Grund haben muß. Er ist aiyf) nicht Ichwer zu erkennen, sobald man sich eine Eigen- lümlichkeit des neuen China vergegenwärtigt. China hat nie eine erbliche Aristokratie gehabt, sondern das gelehrte Studium, das ein jeder mit der nötigen Ausdauer und Begabung erwerben konnte, -öffnete den Weg zu allen Staatsämtern. Die alten, im Konfuzianismus geschulten Beamten hatten auch ihren Hochmut gegenüber dem Europäer, aber sie waren höfliche Leute und ließen es nicht an der Form fehlen. Heute wird China großenteils von jungen Menschen regiert, die keine Formen kennen, weil sie gar keine wirkliche Bildung besitzen, sondern nur irgendwo, vielfach in Amerika ober auf amerikanischen Schulen in China, ein oft oberflächliches und unsystematisches Schulwissen sich ungeeignet haben. Sie gehören aber zur herrschenden Partei, der Kuomintang, haben ihr schuldiplom, das sie nach der jetzt geltenden Meinung zu allem befähigt, und bilden sich ein, daß sie damit alles Wissen der Welt beherrschen. Eine Tradition gehobener Umgangsformen gibt es bei den Nankingleuten nicht: was jetzt in Nan"ng und anderswo auf den Amtsstühlen sitzt, stammt meist aus untergeordneten Verhältnissen und kennt kein Benehmen. Damit ist nicht gesagt, daß keine tüch- tlgen Leute darunter sind; es gibt sie. Aber mit dem Parteibuch der Kuomintang ist durchweg die Einbildung verbunden, nicht nur zu jeder Stellung im Staatsdienst berufen und befähigt, sondern auch ohne weiteres im Recht zu sein, wenn man fremde Interessen formlos und rücksichtslos behandelt.
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Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)
offizier wurden im mongolisch-mandschurischen Grenzgebiet von chinesischen Soldaten ermordet. Na- kamura und sein Begleiter waren in Zivil; natürlich sollten sie Erkundungen machen. Japan behauptete, den Beweis zu haben, daß der Mord auf Befehl eines chinesischen Generals geschehen sei, dem die beiden Japaner verhaßt waren. Die japanische Regierung verlangte Bestrafung der Schuldigen und eine hohe Entschädigung, die Chinesen antworteten nach ihrer Art unmanierlich und hochmütig und boten schließlich eine Kleinigkeit an. (Sanz Japan war wütend, aber die Regierung in Tokio veranlaßte, um auf das Militär einzuwirken, den Kriegsminister zu einem Besuch bei dem neunzigjährigen Fürsten Saionji, einem alten Staatsmann von höchstem Ansehen, und das Ergebnis dieses Besuches war zunächst eine starke Milderung der militärischen Tonart.
Da plötzlich, am 19. September, als ich gerade von Kobe nach Mukden abreisen wollte, kam die Nachricht, daß chinesische Soldaten des nachts ein Stück der Eisenbahn bei Mukden gesprengt hätten, daß anschließend Kämpfe entstanden seien, und daß Mukden von den Japanern, denen sonst nur der Bahnhof mit einer starken militärischen Wache untersteht, besetzt sei. Eine größere japanische Truppenmacht steht in der Mandschurei normalerweise
nicht. Erst in Port Arthur, auf der Liautunghalb- insel, dem japanischen Pachtgebiet, stellt eine Division, die aber mit der Eisenbahn rasch yerangebracht werden konnte.
Was in jener Nacht vorn 18. auf den 19. September an der Eisenbahn bei Mukden wirklich passiert ist, wird schwer zu ergründen sein. Es ist durchaus nicht unmöglich, daß chinesische Soldaten, ohne an die Folgen zu denken, den Japanern einen Schabernack antun wollten. An chinesischen Truppen stehen in der Mandschurei über 200 000, etwa das Achtfache der japanischen Streit&äfte in Port Arthur und an der koreanisch-mandschurischen Grenze. China hat in Genf erklärt, es habe an- geordnet, daß die chinesischen Kräfte in der Mandschurei sich nicht in Kampf mit den Japanern ein» lassen sollten. Das klingt ganz gut so — aber man muh dazu wissen, daß die chinesischen „Generale" in der Mandschurei, kaum daß die Japaner die Zähne zeigten, ihre martialischen Uniformen, ihre schönen braunen Stiefel und ihre Säbel schleunigst verschwinden ließen und truppweise in Zivil hierher nach Peking ausgerissen sind, wo nicht geschossen wird. Ueber alle diese Dinge wird hier recht geschmunzelt, und man meint, daß auch im Völkerbund die wirkliche Stimmung nicht allzu freundlich sein wird.
Der enffcheidendeSchn'ii in denWettkneg
Von Or. Gustav Roloff, 0. ö. profeflor der Geschichte an der Universität Gießen.
Unter diesem Titel hat Alfred v. Wegerer, der am 1. Oktober auf eine zehnjährige erfolgreiche Tätigkeit als Leiter der Zentralstelle zur Erforschung der Kriegsursachen zurückblickte, eine Schrift herausgegeben (Berlin, Quaderverlag), die einen hochwichtigen Punkt im Problem der Kriegsschuld, die Beantwortung des österreichisch - ungarischen Ultimatums an Serbien, näher beleuchtet und zugleich zu allgemeineren Betrachtungen Anlaß gibt. Daß Serbien seine Antwort im Einverständnis mit Rußland aufgestellt hat, hat man immer angenommen, aber es war nicht bekannt oder wenigstens kaum beachtet, daß die serbische Regierung, wie Wegerer jetzt überzeugend nachweist, nach der Tleberreichung des Ultimatums (23. Juli) zwischen Annahme und Ablehnung geschwankt und sich sogar am Vormittag des letzten Tages (Samstag, 25. Juli) zu dem Entschluß durchgerungen hatte, eine zustimmende Antwort zu geben. Von Rußland hatte man noch kein Hilfeversprechen erhalten und allein fühlte man sich Oesterreich-Llngarn nicht gewachsen. Gegen Mittag des 25. Juli erfolgte ein Umschwung. Zwei Telegramme des russischen Ministers des Auswärtigen Sasonow trafen ein, die die Ablehnung des Ultimatums vorschrieben und für den Fall eines Bruches mit Oesterreich militärische Hilfe, ja die Eroberung österreichischen Gebietes zusagten. Danach konnte es in Belgrad ein Schwanken nicht mehr geben: die schon aufgesetzte bejahende Antwort wurde schleunigst in die bekannte leicht verschleierte Ablehnung umredigiert. Diese beiden Depeschen sind zwar nicht im Wortlaut bekannt, sie sind aber seinerzeit in der serbischen Regierungspresse veröffentlicht worden; mehrere europäische Zeitungen haben darüber berichtet, und sie sind im Jahre 1916 in serbischen Archiven den Truppen der Verbündeten in die Hände gefallen, die sie leider nicht sogleich der Oesfentlichkeit übergeben haben. Rach der Räumung Serbiens sind sie wieder in serbischen Besitz gekommen und werden nun selbstverständlich sorgfältig verborgen. An ihrer Existenz ist aber kein Zweifel.
Hieraus geht mit Deutlichkeit hervor, daß Sasonow spätestens am Morgen des 25. Juli öie Verantwortung für den Krieg mit Oesterreich-Ungarn und damit für einen europäischen übernommen hat, denn daß ein Bruch zwischen Rußland und Oesterreich auch den Krieg zwischen Deutschland,
derselben Sphäre hervorgewachsenen (freilich ungleich dramatischeren) „Jedermann" an.
Die Idee des Schauspiels entspricht im tiefsten Grunde dem Weltgefühl Hosmannsthals: die Relativität aller Beziehungen, die Vertauschung von Leben und Traum, von irdischer und überirdischer Wirklichkeit, das Verfließen und Verwischtwerden aller Grenzen ist ja ein immer wiederkehrendes Motiv der Oesterreicher. Das Leben wird zum Gleichnis, der einzelne Mensch zum Typus, zur „Gestalt" erhoben und zugleich vereinfacht. Im Sinne des weitgespannten, mittelalterlichen Theaters erscheinen die typischen Vertreter des irdi- dischen Geschlechtes und passieren Revue.
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Die körperlosen Seelen werden auf das von der „Welt" errichtete Schaugerüst gerufen und erhalten ihre Rolle in Gestalt ihrer schicksalhaften Bestimmung. Erst in der Welt des Scheins gewinnen sie flüchtiges Dasein und spielen ihr Spiel im alten, einfältigen Stil auf der schmalen Lebens-Mitte zwischen Himmel und Hölle, verführt und angetrieben vom scharfen, hetzenden Stichwort des „Widersachers" unten — gewarnt und geleitet durch die Engelsstimmen von oben aus dem Reiche des Herrn der Erde. Die „Welt" versieht das Amt des Spielführers: die echt österreichische Arlecchino-Figur des „Vorwitzes" bringt die komischen Pointen in ihren Auftritt; der „Tod" aber, wie in den ältesten Zeiten, macht, von leisen Trommelwirbeln angekündigt, den Beschluß und weist die armen Seelen eine nach der anderen von der Bühne, die die Welt bedeutet, zurück ins Gefilde der körperlosen Schatten.
Die neue deutsche Fassung des „Großen Welttheaters" entsprang einer verhältnismäßig späten, sehr reifen und abgeklärten Schaffensperiode im Gesamtwerk Hosmannsthals. Er hat, woraus in einer feinsinnigen Analyse von Hans Naumann hingewiesen wurde, dem alten Stoss durch die Herausarbeitung eines Leitmotives der jüngsten Dichtung den entscheiDenöen Akzent gegeben; an der Idee der Wandlung und Läuterung, welche sich in der Gestalt des Bettlers offenbart, erweist sich die Entwicklung des Dichters von den frühen Dramen zum geistlichen Mysterium; die Entwicklung seines Weltgefühls.
Hier ist die berühmte Ungewißheit, die Relativität der ethischen Normen, das „Jenseits von Gut und Döse" überwunden in einer sittlichen Forderung und einer menschlichen Tat. Der vom
Rußland und Frankreich zur Folge haben werde, hat er keinen Augenblick bezweifelt. Alle weiteren Verhandlungen, die noch eine Woche lang geführt wurden, waren nur Schein und dazu bestimmt, der russischen Regierung die notwendige Rüstungsfrist zu verschaffen. Nach Rußlands Willen konnte der Friede nur erhalten werden, wenn Oesterreich-Ungarn alle wirksamen Forderungen an Serbien preisgab, sich mit einer Scheingenugtuung begnügte und damit sein eigenes Todesurteil unterschrieb. Denn nach einem solchen kläglichen Ausgang der Wiener Aktion hätte die seit einem Jahrzehnt betriebene revolutionäre und verbrecherische Wühlarbeit auf österreichischem Boden, die ebenso von Rußland wie von Serbien betrieben wurde, in verstärktem Grade ihren Fortgang genommen.
Es fragt sich, was den russischen Minister bestimmt hat, in diesem Augenblick den Würfel zu werfen, obgleich doch die russischen Rüstungen noch nicht vollendet waren, und der Krieg deshalb erst für einige Jahre später geplant war. Allerdings hatte Sasonow vor einigen Monaten dem Zaren die Ileberzeugung ausgesprochen, ein Krieg des Dreiverbandes gegen den Dreibund werde nur kurze Zeit dauern, da die englische Flotte Deutschland in wenigen Wochen aushungern werde — aber gerade über dies entscheidende Moment, die Beteiligung Englands, bestand noch keine Gewißheit. Am 24. Juli hatte der englische Botschafter Sasonows Verlangen, sich mit Rußland für einen etwa bevorstehenden Konflikt solidarisch zu erklären, hinhaltend beantwortet. Was den Minister trotzdem zu dem Versprechen an Serbien getrieben hat, war öie Rücksicht auf d i e russische öffentliche Meinung. Er wußte, daß die herrschende panslawistische Strömung den Schuh Serbiens unbedingt begehrte, und er beugte sich ihr aus Furcht vor einer Revolution. Nicht einmal einer Niederlage Montenegros, hatte ein Gutachten der höchsten Würdenträger Rußlands vor kurzem ausgesprochen, werde die öffentliche Meinung ruhig zusehen, sondern die Regierung zwingen, den slawischen Glaubensgenossen beizustehen. Es sind also populäre politische Momente, die den Weltkrieg in erster Linie verursacht haben; alles, was von der Verantwortlichkeit des „Kapitalismus" gelegentlich gesagt wird, ist hohles Gerede.
Zu dieser Abhängigkeit von der Stimmung des eigenen Landes und der seit Jahren ge-
Anglück geschlagene Zerlumpte nämlich, der sich anfangs erbittert gegen feine „Rolle" gesträubt, gegen fein Schicksal revoltiert und geeifert hat, überwindet sich im freiwilligen Anerkenntnis eines ewigen Weltregimentes zur Güte und Demut. „Nur daß er d i e n e n durfte, freute ihn" —: wie es in anderem Zusammenhang, im Gedicht, einmal ausgesprochen wird. An dieser Gestalt wird also am klarsten der Sinn des Schauspiels und zugleich seine Stellung im Werke Hofmannsthals zu begreifen fein.
Es wurde schon angedeutet, daß das „Große Welttheater" nicht den gleichen dramatischen Impuls entfaltet wie das frühere Spiel vom Sterben des reichen Mannes, der „Jedermann". Es ist spröder, mit Idee und Gedankensracht beladen, minder bewegt, eher pantomimisch und rhetorisch .mehr Bild als Spiel. Zumal nach den rein theatralisch viel lebhafteren, äußerlich erregenden Vorläufern im Spielplan hatte der Regisseur hier einen schweren Stand.
Fass 0 11 stellte seine Inszenierung (vor Löfflers schönem, gotisch strengen Bühnen rahmen) aus stilisierende Linienführung in feierlichem Largo, auf die Herausarbeitung von Bild, Gebärde und Melodie. Das schien uns gut und sicherlich im Sinne der Dichtung, doch waren der mangelnden Dramatik wenig Hilfen gegeben; auch fehlte einzelnen Partien der sprachlichen Wiedergabe die Resonanz, sich durchzusetzen — gerade hier, wo jedes, auch das leiseste Wort, verständlich werden muß.
Dem Wesen des alten Epielstils entsprach es, daß die Darsteller als Kollektiv aufgeführt waren. Aus dem so betonten Ensemble hoben sich heraus: Heyser als Bettler, der um eine schwierige Rolle sehr bemüht war, jedoch die beiden Hälften seiner Rolle nicht völlig verschmelzen und also die entscheidende Entwicklung seiner Gestalt mehr ahnen lassen als überzeugend machen konnte, ferner Ianscheck und Schelcher(Engel) ; K 0 ch (Welt); Berger (Schönheit): D r u ck (Vorwitz); Hub (Reicher) und Volck (Dauer); Hauer (König) und Doering (Weisheit) waren nicht immer zu verstehen. —
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Das Haus war gut beseht, doch herrschte fast während des ganzen Spiels störende Unruhe.
Die Vorstellung wurde durch eine kurze Ansprache des Spielleiters F a s s 0 11 eröffnet der noch einmal an die kritische Lage deS Theaters
Samstag, 17. Model 1951
hätschelten großserbischen Propaganda trat noch ein anderes, das Sasonow vorwärts trieb: die Gewißheit, daß Frankreich mindestens an Rußlands Seite stehen werde. Das war nicht nur die Konsequenz der französischen Politik seit anderthalb Menschenaltern, er hatte auch, wie wir aus den englischen Dotschafter- berichten wissen, das positive Versprechen Poin- cares. Soeben (22. Juli) hatten beide die Verabredung getroffen, daß man gemeinsam Oesterreich hindern wolle, Serbien wirksam zur Rechenschaft zu ziehen, und ausdrücklich dabei einander Erfüllung aller Bündnispflichten, d. h. also auch militärische Unterstützung zugesagt. Poincare hatte in diesem Augenblick die Möglichkeit, den russischen Kriegswillen durch den Hinweis auf die Gerechtigkeit der österreichisch-ungarischen Forderungen zu dämpfen: er hat das Gegenteil getan; nicht nur durch dieses Abkommen mit Sasonow, sondern zugleich auch durch drohende Worte, die er an den österreichischen Botschafter richtete.
Mit dem Entschlüsse Sasonows und Poineares war der Friede gewiß aufs höchste gefährdet, aber das letzte Wort war noch nicht gesprochen. Noch war die Möglichkeit vorhanden, daß die englische Regierung sich für die Erhaltung des Friedens einsehte. Wenn Grey, der Leiter der englischen Außenpolitik, der ihm wohlbekannten Zwangslage Oesterreichs, sein Leben gegen die serbischen Angriffe verteidigen zu müssen, Rechnung trug und sich im Interesse des Weltfriedens kategorisch für Befriedigung der gerechten Wiener Sicherheitsforderungen — vielleicht unter formaler Schonung der serbischen Souveränität — aussprach, so hätte Sasonow vor der Wahl gestanden, entweder auf dieses Kompromiß einzugehen oder den Kampf gegen die Mittelmächte mit Frankreich allein auszunehmen. Daß in solchem Kampfe alles auf dem Spiele stand, wußte er, mochten die russischen Generale in der letzten Zeit auch in der russischen und französischen Presse mit der lleberlegenheit Rußlands über die Mittelmächte geprahlt haben. Er muhte dann entscheiden, welche Gefahr größer war, dieser Krieg oder die Auseinandersetzung mit dem Panslawismus. Aber Sasonow ist gar nicht vor diese Alternative gestellt worden. Hier setzte „der Mechanismus der Entente" ein. In denselben Stunden, da Sasonow seine kriegerischen Telegramme nach Belgrad schickte, fiel i n London die Entscheidung. Am Morgen des 25. Juli beschloß Grey nach einer Besprechung mit seinen beiden Hauptgehilfen, Nicolson und Eyre Crowe, Rußland und Frankreich auf alle Fälle z u unterstützen, wenn es zum Kriege komme. „Was wir auch von der rechtlichen Seite der österreichischen Anklagen gegen Serbien halten mögen, Frankreich und Rußland sind der Ansicht, daß sie Vorwände sind, und daß die größere Frage von Dreibund gegen Dreiverband aufgeworfen ist", sagte Crowe. Diesem Gedanken entsprechend lieh Grey in Petersburg mitteilen, England werde sich zwar um den serbisch-österreichischen Streit nicht kümmern, aber es werde bestimmt Partei ergreifen, wenn sich daraus ein Konflikt zwischen den großen Mächten des Festlandes entwickele. Es war eine deutliche Erklärung, dah Ruhland auf England rechnen dürfe, denn als Grey diese Mitteilung machte, wußte er bereits, dah Sasonow und Poincare sich auf ein Vorgehen gegen Oesterreich geeinigt hatten, dah also, wenn England nicht intervenierte und kein für Oesterreich annehmbares Kompromiß vorschlug, ein Konflikt bevorstand, an dem Deutschland und Frankreich teilhaben mußten, lind zum Heberfluß sprach er sich an demselben Tage dem russischen Botschafter gegenüber noch deutlicher aus: er hoffe, Deutschland zu einer Vermittlung zu bestimmen, die für Rußland günstig ausschlagen solle, denn sie werde Rußland Zeit zu Rüstungen gewähren, während Deutschland als vermittelnde Macht keine Vorbereitungen treffen dürfe.
Mit diesen Aeußerungen des englischen Auswärtigen Amtes war jede Friedensmöglichkeit gemordet. Es hing jetzt von Ruhland ab, durch
erinnerte und um tatkräftige Unterstützung des kunstsinnigen Bürgertums bat. hth.
Tonfilm: „3m Geheimdienst.^
Ein hon Gustav Heidt) inszenierter, neuer Tonfilm der Ufa, der thematisch etwa in einer Linie mit Öen „Spionen" unö stellenweise auch mit öer „Affäre Dreysus" liegt Die Hanölung gibt einen Ausschnitt aus öem „Krieg im Dunkel": Das überaus gewagte unö schwierige Manöver eines Agenten öcr Deutschen Heeresleitung im Innern Ruhlanös. Der phantastisch verwegene Plan gelingt: öas Deutsche Hauptquartier gelangt rechtzeitig in Den Besitz Der geheimen Vor- bereitungspläne zur großen russischen Frühjahrsoffensive unD kann Diese Durch einen über» raschenD geführten Gegenangriff kurz vor Dem Losbruch vereiteln. Man folgt Den einzelnen Phasen Des ungemein geschickt aufgebauten, in Spiel unö Gegenspiel raffiniert gesteigerten Spionagefalles mit äuherster Spannung. Die Regie arbeitet (bei schöner, klarer Photographie) ganz konzentriert, führt Den Beschauer unmittelbar in Die sprunghafte Entwicklung Der Handlung hinein, die durch Einführung eines musikalischen Leitmotivs und einer angenehm dezent und verschleiert gegebenen Liebesgeschichte noch an sinnlichem Reiz gewinnt. Die Musik (S ch m i d t - B 0 e l ck e) ist hier ein wirklich mitspielendes Clement, organischer Bestandteil des Ganzen. Eine Reihe sehr tüchtiger Darsteller: Willy Fritsch (Higgins) und Oscar Horn 01 k a (General Lanskoi) als wichtigste Gegenspieler, dazwischen die von Theodor Loos ausgezeichnet entwickelte, zweideutig schillernde Figur des nach beiden Seiten arbeitenden Agenten Dubbin. Gut auch: Karl Ludwig Diehl, Ferdinand Hart, Winter st ein und K a y h 1 e r (der freilich allenthalben mehr Kayhler als Deth» mann-Hollweg ist). Eine gewisse Enttäuschung: Brigitte Helm, die hier merkwürdig starr unö unbewegt erscheint; man muß sich vorstellen, was die Garbo aus dieser Rolle herausgeholt hätte ... auch wenn man nicht verkennt, daß die Figur der Dera von vornherein (d. h. im Drehbuch schon) zu gewissen Bedenken Anlaß gibt Sn öer technischen WieÖergabe Dürften ein paar kleine Schwankungen ausgeglichen toerDen. Der Film als Ganzes: eine sehr interessante Neuerscheinung, Die man nicht versäumen sollte; seit gestern im neuen Programm Des Lichtspielhauses.
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