sich in Westdeutschland etwa 92 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Pferde in Betriebsgrößen bis 20 Hektar befinden, für die eine Motorisierung sich säst gar nicht lohne, seien Pferde und Pferdezucht unentbehrlich und unersetzbar geworden. In Zukunft werde mit starker Nachfrage nach jungen Gebrauchspferden bei steigenden Preisen zu rechnen sein, da die letzten vier Fohlenjahrgänge den jährlich ausscheidenden Pferdebestand bei weitem nicht deckten. Auch für Industrie- und Stadtfuhrwerksbedarf habe die Pferdebespannung beim Transport im Nahverkehr vor dem Lastauto den Vorrang behalten. Pferd und Motor würden stets nebeneinander und sich ergänzend ihre Bedeutung behalten.
Tagung der akademisch gebildeten Landwirte.
Darmstadt, 15.Sept. (WEN.) Im Rahmen der Deutschen Landwirtschafts • Gesellschaft hielt heute der Reichsbund akademisch gebil- deter Landwirte, Landesgruppe Hessen, in der Vereinigten Gesellschaft eine Tagung ab, zu der u. a. der hessische Minister für Arbeit und Wirtschaft, K o r e l l, der Präsident der Hessischen Landwirtschaftskammer, Hensel, sowie die Führer der hessischen und benachbarten Landwirtschaftsämter und Organisationen erschienen waren. Der Vorsitzende des Landesverbandes, Landwirtschaftsrat Dr. Kraft (Gau-Algesheim), begrüßte die Teilnehmer. Oekonomierat Dr. v. A l t r o ck , der erste Vorsitzende des Reichsbundes, wies auf die Ziele des Bundes hin und ging dann auf die besonderen Nöte und Wünsche des Standes der akademisch gebildeten Landwirte ein. Der hessische Minister für Arbeit und Wirtschaft, Korell, übermittelte die Grüße der hessischen Regierung und skizzierte die Ziele, die die Negierung bei der, Umstellung der Landwirtschaft, besonders im hohen Vogelsberg, verfolge. Man versuche dort den klimatischen und wirtschaftlich gegebenen Verhältnissen die Umstellung anzupossen, allerdings n i ch t durch Zwang, sondern auf dem Wege der Bei- s p i e l s w i r t s ch a f t. Die bisherigen Erfolge seien zufriedenstellend. Anschließend beschäftigte man sich noch mit verschiedenen Anträgen.
Kreis Bübingen.
WSN. Mittel - Gründau, 16. Sept. Auf dem Hofgut Schutt brach heute gegen 15.30 ilfrr Feuer aus, das, wie man annimmt, durch Kurzschluß entstanden ist. Das Feuer fand in den Heuvorräten reiche Nahrung und z e r st ö r t e einen großen Teil der Stallungen und der Heuböden, sowie die darin befindlichen großen Heuvorräte. Der große Viehbestand konnte glücklicherweise gerettet werden. Die Ortswehr, sowie die Wehren der Umgebung waren schnell zur Stelle, muhten sich aber darauf beschränken, ein weiteres Umsichgreifen des Feuers zu verhindern, was auch gelungen ist. Der Schaden ist ziemlich bedeutend.
Kreis Alsfeld.
—er. Homberg, 16. Sept. Am Sonntag fand das König- und Nitterschiehen im Kleinkaliberschühenverein Homberg statt. Es wurden 15 Schuß in den drei verschiedenen Anschlagsarten abgegeben. Rudolf Seipp konnte mit 144 Ringen Schützenkönig werden. Mit 137 Ringen errang Friedrich Goß- selber die Würde eines ersten Ritters, Hermann Leininger wurde zweiter Ritter. Von den Iungschühen brachten es Hans Seibert und Wilhelm 3aeck auf 126, bzw. 122 Ringe. Die Beteiligung am Schießen verschiedener Ehrenscheiben war sehr rege. Bei einer Zusammenkunft am Abend feierte der Vorsitzende des Vereins,
fi
M
3n der nächsten Nummer der „Illustrierten des Gießener Anzeigers" tritt die zur Zeit am häufigsten gedruckte deutsche Romanschriftstellerin
Amiv trott vatthuvs
Oberheffen.
Keine neue Beigeordnetenwahl in Grünberg.
+ Grünberg, 16.Sept. Die zweite Bei- geordnetenwahl findet hier nicht statt, da nur e i n Wahlvorschlag eingereicht wurde, der auf den Namen des Metzgermeisters Ka r l B ö ß lautet. Nach den gesetzlichen Bestimmungen ist dieser also ohne weiteres zumBeigeordneten gewählt. Die zweite Wahl mußte anberaumt werden, da die erste Wahl am 30. August keine Entscheidung gebracht hatte. Damals erhielten: Metzgermeister Karl B ö ß 464 Stimmen, Fabrikant C. Repp 315 Stimmen und Reichsbahnassistent E. S ck e l l h a a s 280 Stimmen. Ehe die Stichwahl zwischen Böß und Repp ausgetragen wurde, erklärte letzterer, eine auf ihn entfallende Wahl nicht anzunehmen. Nach den aesetz- lichen Bestimmungen mußte deshalb die ganze Wahl neu anberaumt werden, ihre Durchführung ist aber nun nicht mehr nötig.
Landkreis Gießen.
’ Grohen-Linden, 17. Sept. Der zweitälteste Mann Großen-Lindens, Landwirt P h i - lippPeppler IV., wird heute 8 7 Jahre alt.
O Holzheim, 16. Sept. Aus Anregung des Kirchenvorstandes fand in diesen Tagen durch Schüler der Oberklasse zugunsten des Krüp- ?. pelheimes in Nieder-Ramstadt eine Haus- sammlung statt. Es konnte an die gemein- T nützige Anstalt der Betrag von 58,90 Mark ab» geführt werden. 3n der nahen kirchlichen Filiale Dors-Güll wurden 34 Mark für den gleichen Zweck gesammelt.'
mit dem Grstabdruck ihres neuen Originalromans in die Oeffentlichkeit:
Lüge um Liebe
Schauplätze des neuen Romans:
Oben „Das große Derk-', unten „Oie Einweihungsfahrt mit der Bergbahn*
Forstmeister Wagner, die neuen Würdenträger und überreichte ihnen die wertvollen Wander- ketten. Die beiden besten Iungschühen bedachte er mit je einer Erinnerungsmedaille. — Am Montagnachmittag wurde das ^jährige Kind des Schreinermeisters P f e i l von einem Kraftwagen angefahren,« und es erlitt dabei schwere innere Verletzungen. Der Zustand des Kindes ist ernst. Die. Schuldfrage ist noch nicht geklärt.
Niddaer Herbstmartt.
m Nidda, 14.Sept. Der diesjährige „Niddaer Herbstmarkt" war mit einer Prämiierung von Rindvieh der Simmentaler und Vogelsberger Rassen verbunden. Es lagen 150 Meldungen vor. Nachstehend das
Ergebnis der Prämiierung:
Fleckvieh.
Bullen (15 bis 24 Monate alt): 2.Preise: A. Vogt, Reichelsheim: H. Stork II., Berstadt. 3. Preise: P .Grauer, Haubenmühle: 3. Kehm VI., Wenings: G. Stoll, Echzell. Anerkennungen: 3. Herchenröder, Wenings: H. Gellt I I., Ober- Widdersheim: 3. L. Dechert, Geiß-Nkdda: G. Weber, Wenings.
Rinder (erkennbar tragend): Ehrenpreise: R. Rieh, Heuchelheim; P. Grauer, Haubenmühle.
1. Preis: Ph. Bärsch, Heuchelheim. 2. Preise: A. Lehmer, Borsdorf. 3. Preis : O. Schauermann, Eichelsachsen. Anerkennungen: F. Ahmus. Wal- lernhausen: A. Diehl, Geiß-Nidda; O. Scharmann, Steinheim.
Ri n d e r (15 Monate bis 2 3ahre alt): Ehrenpreis: R. Widdersheim, Borsdorf. 1. Preis: R. Rieh, Heuchelheim. 2. Preise: A. Beutel, Wallernhausen; W. Bausch, Reichelsheim; H. Emrich, Ober-Widdersheim. 3. Preise: H. Lang Steinheim; O. Bach, Wallernhausen; O. Belzer, Borsdorf. Anerkennungen: W. Bausch, Reichelsheim; W. Lenz, Wallernhausen; H- Erk, Nidda; O. Belzer, Borsdorf; L. Widdersheim I., Dorsdorf; H. Ulrich, Ober-Widdersheim.
Kühe (mit 1 bis 2 Kälbern): Ehrenpreis: R. Wagner, Eichelsachsen. 2. Preise: R. Widdersheim, Borsdorf; R. Rieh, Heuchelheim. 3. Preise: P. Grauer, Haubenmühle; O. Schauermann I., Cichelsachsen; W. Bausch, Reichelsheim. Anerkennungen: F. Hofmann III., Steinheim; W. Lenz, Wallernhausen; R. Widdersheim, Borsdorf.
Kühe (mit 3 und mehr Kälbern): Ehrenpreis: H. Schäfer!., Ober-Widdersheim. 1. Preis: W. Bausch, Reichelsheim. 2. Preise: P. Grauer. Haubenmühle; Th. Luft, Wallernhausen. 3. Preise: H. Emrich, Ober-Widdersheim; R. Rieh, Heuchelheim; K. Strauch 11., Dorsdorf. Anerkennungen: R. Widdersheim, Dorsdorf; F. Hofmann HI.. Steinheim; P. Grauer. Haubenmühle; H. Steuernagel, Wallernhausen; W. Dausch, Reichelsheim; K. Stein, Wallernhausen; W. Wagner, Nidda; H. Lang, Steinheim; F. Hofmann III., Steinheim.
Familien: Ehrenpreise: F. Hofmann III., Steinheim; W. Dausch, Reichelsheim; R. Rieh, Heuchelheim; P. Grauer, Haubenmühle. Anerkennungen: H. Lang, Steinheim; D. Widdersheim, Dorsdorf.
Rotbieh.
Dullen (15 bis 30 Monate alt): 2. Preis: H. Kullmann, Bad Salzhausen.
Rinder (erkennbar tragend): 1. Preis: 3. H. Hartmann, Rudingshain. 2. Preise: W. Becker, Wingershausen; Th. Dambmann, Rudingshain. 3. Preis: Th. Dambmann, Rudingshain. Anerkennungen: H. 3rle, Bad Salzhausen; O. Becker, Wingershausen.
Rinder (15 Monate bis 2Vr 3ahre alt): 1. Preis: K. Keblowsky, Nieder - Bessingen. 2. Preise: R. Becker, Wingershausen; K. Hartmann 111., Rudingshain. 3. Preise: W. Winge- feld, Wingershausen; K. Fischer II., Rudingshain; F. Rötzel, Wingershausen; K. Keblowsky, Nieder- Dessingen. Anerkennungen: E. Köhler, Wingers-
Das bißchen Erde.
Vornan von Richard Skowronnel.
Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
34 Fortsetzung Nachdruck verboten
Ein paar Leute kamen die Treppe herunter, er nahm sich zusammen und trat auf die Strahe hinaus. Als er in den Sattel stieg, kam über den Marktplatz eine elegante Gig gefahren, eine junge Dame sah auf dem Kutschierbock und lenkte die schlank trabenden Hannoveraner mit sicherer Hand in die zum Bahnhöfe führende Strahe. Ein hoch mit Gepäck beladener Leiterwagen rumpelte hin- terdrekn. Malte wandte den Kopf zur Seite, mit einem einzigen kurzen Blick hatte er erkannt, wer da von bannen fuhr. Und nach den vielen Koffern und Kisten zu schließen, dachte sie Wohl nicht mehr an eine Wiederkehr... es war aus und vorbei für alle Zeiten... natürlich, denn er hatte sie ja bis aufs Blut gekränkt gestern abend.
Da schoß es ihm jäh durch den Sinn, hier bietet dir das Glück vielleicht zum letzten Male die Hand... seh deinem alten Wotan die Sporen ein und reit nach... wenn du recht herzlich um Verzeihung bittest... „Ah pfui Teufel", sagte er laut zu sich selbst, so daß der 3unge, der ihm den Bügel hielt, verwundert aufblickte. Er warf ihm ein Trinkgeld zu und ritt langsam die Strahe hinab, die zwischen niedrigen Häusern ins flache Land hinausführte, nach Vellahn... Und mitten im hellen Sonnenschein trieben sich finstere Gedanken hinter seiner Stirn...
War er denn schon so erbärmlich klein geworden, dah er hinter einer Weiberschürze Zuflucht suchen muhte? Noch dazu mit einer eklen Lüge im Herzen? Ueberall, wo et ging und stand, dachte er an eine andre, mitten in den Verhandlungen, die er mit dem Rechtsanwälte geführt hatte, war ihm das Bild der zierlichen kleinen Frau plötzlich vor den Augen erschienen... Hatte ihm das Blut rascher durch die Adern getrieben und die Gedanken verwirrt, so dah er den Faden der Rede verlor... Das mußte natürlich auch ein Ende haben, dieses törichte Gefühl, aber mit dem Bilde im Herzen konnte er der Gertrud Köhnemann doch keine Liebe vorheucheln? Selbst wenn es ums Leben ging, einen letzten Stolz muhte man doch behalten...
Der Weg führte bergan, der alte Wotan fiel in Schritt, warf unwillig grobe Schaumflocken von der Gebihstange. So schweren Dienst hatte er schon lange nicht mehr getan, fast fünf Stunden ging er unter dem Sattel, und dazwischen hatte es nur eine kurze Futterpause gegeben. Die Freude, die er beim ersten Wiedersehen mit seinem Reiter empfunden hatte, war beträchtlich
gedämpft, und mit banger Sorge sah er in die Zukunft. Wenn diese Anstrengungen sich von nun an womöglich Tag für Tag wiederholten, fühlte er sich ihnen nicht mehr gewachsen. Da muhte man also beizeiten klug vorbauen — es waren a noch genug 3üngere im Stall, die weniger geleistet hatten als er... Auf der Höhe am Wegweiser, wo die strahe sich gabelte, rechts nach Hohenrömnih, links nach Vellahn, blieb er stehen. Der im Sattel schnalzte mit der Zunge, drückte die Schenkel an, er aber schüttelte nur unwillig den Kopf, dah die Schaumplacken flogen, lieh die Ohren hängen. Und da begriff's der da oben endlich... Er klopfte ihm den feuchten Hals und gab das Antreiben auf: „Hast recht, Alter, verschnauf dich ein Weilchen. Und oft werd' ich dich wohl nicht mehr strapazieren..."
Die Sonne neigte sich $um Untergänge, golden fiel ihr Schimmer über die grünen Wintersaaten, den noch kahlen Sturzacker und den bräunlichen Buchenwald, in dem zwischen schwellenden Knospen die trockenen Blätter hingen vom vorigen 3ahr. Von fernher, hoch über dem schwarzen Saume, der den Blick begrenzte, kam ein Blitzen wnb Funkeln wie von einem kostbaren Geschmeide .. Die goldene Spitze der Fahnenstange auf dem Hohenrömnitzer Durgfried war es, die im Abendsonnenschein ihre Strahlen warf... Alles ringsum, so weit die blitzenden Strahlen reichten, war sein, wenn... ja wenn...
Malte bih die Zähne aufeinander und starrte in den funkelnden Glanz, bis er die schmerzenden Augen schliehen muhte. Und ein jäher Zorn fiel ihn an, das Schicksal mit einer Gewalttat zu feinen Gunsten zu wenden. Er brauchte nur nach Hohenrömnih zu reiten: lieber Onkel, verzeih, ich hab's mir inzwischen überlegt. 3ch nehme deine Bedingungen an, zuvor aber möchte ich die Urkunde sehen, die du mir ja heute mittag schon zeigen wolltest... Gewih, sagte der andre, und sie standen in dem Erdgeschoh des Burgfrieds allein... ein Diener noch vielleicht, der die Lampe hielt beim Oeffnen des eisernen Schrankes, aber darauf kam es nicht an, im Notfälle nahm er es mit zweien oder dreien auf. Und dann ein rascher Griff, er barg das kostbare Dokument in der Drusttafche, zwei Faustschläge rechts und links — ehe die beiden wieder zu sich kamen, sah er längst schon im Sattel, war auf und davon... Die Sachverständigen beugten sich über das Pergament, wiesen mit dem Finger auf die Stelle: hier, da sitzt die Fälschung!... Er aber stand dabei, schlug ein höhnisches Lachen auf: Onkel Christoph, die Hohenrömnih ist mein...
Dem braven Wotan war es beim Stehen in dem kühlen Frühlinasabend mit einem Male kalt geworden. Er schubberte mit der schweißbedeckten Haut und setzte sich ganz von selbst wieder in Trab, den gewohnten Weg entlang nach Vellahn. Und fein Herr fiel ihm nicht in den Zugel,
lachte nur kurz auf. Aus seinen gewalttätigen Entschlüssen wurde nichts. Sei es, dah die eigenen Gedanken ihm in den Arm fielen oder ein unvernünftiges Vieh, das in einen andern Weg lenkte. Wer wollte wissen, welcher Weg der richtige war?... Und während er in stuckerndem Trabe dahinritt, graute ihm vor dem langen Abend mit seiner Einsamkeit. Was blühte ihm in dem füllen alten Haus? Ein neues Verhör mit dem Diener Lentz, ob in den zwei 3ahren nicht doch ein Fremder das Schreibzimmer betreten hätte, ein neues Kramen und Suchen in alten Papieren und Schränken, und schließlich der brütende Stumpfsinn. Am Ende betrank man sich, nur um vor den quälenden Gedanken Ruhe zu finden und wie ein nasser Sack so schwer ins Bett zu fallen. Aus den Gedanken wurde ja doch ktzine Tat... Drüben aber in der niedrigen Stube des Forsthauses saß eine und wartete auf ihn... „Auf Wiedersehen", hatte sie gesagt, „hoffentlich recht bald...“ Eine zierliche Feine war es, von ganz anderm Schlage als all die plumpen Landfräuleins in der Runde... mit wuchtendem Schritte gingen die in ihren Schuhen, und schwerfällig waren ihre Bewegungen... Und man ver- fünöigte sich ja noch nicht, wenn man an die im Forsthause dachte. Törichtes Begehren konnte man fest im Dusen verschließen, und die einsame Frau dachte auch ja an nichts andres als einen ehrbaren Zeitvertreib...
Es dunkelte schon, als er wieder vor der Freitreppe hielt, und fast muhte er lachen, die lieben beiden Altchen standen fröstelnd in der Abend- kühle da, wie sonst, als wären die beiden letzten 3ahre spurlos borübergegangen. Er stieg aus dem Sattel, gab die Zügel dem wartenden Reitknechte: „Na, was Neues, Lenh?"
Der Alte nahm ihm Hut und Reitstock ab.
„Chewoll, Herr Graf, ein Brief is gekommen von der gnädigen Frau Dankdirektor, wo sich nach dem Unfall gestern in der Försterei einquartiert hat. Die Zofe hat ihn eben gebracht. Und denn: der Verwalter is ja soweit ganz friedlich abgezogen. Erst wollte er Wohl noch einige Fisimatenten machen, aber der Herr Förster hat ihn auf den Schwung gebracht...“
Das letzte hatte er gar nicht gehört, es interessierte ihn auch nicht. Er hob den Kopf: „Wo ist der Brief? Und ist Frau Steinfeld vielleicht fchon wieder nach Alten-Krakvw gefahren?"
„Noch nicht", sagte Lentz, „aber vorhin war die Frau Förster da. Sie meint', lang würd sie sich die Rawasche nicht mehr ansehen. Es macht ihr zu viel Arbeit, in einem fort auf ihren Mann aufzupasfen. Kaum dah sie den Rücken dreht, sitzt er in der Stube bei der Frau Direktor drin, macht Augen wie ein verliebter Kater und erzählt ihr 3agdgeschichten." Und Miken, die auf einer Tablette den Brief gebracht hatte, fügte
eifrig hinzu: „Che, und den Geruch, hat sie gesagt, würd' sie wohl nicht in ’nem 3ahr 'rauskriegen aus den Tapeten und ihren Betten. Nach Rauchtabak müßt es in einer ordentlichen Försterwohnung riechen, meint sie, aber nich nach Par- fäng wie in ’nen Apothekerladen!"
Malte riß ärgerlich den Umschlag auf.
„Die gute Schwarzin soll sich gefälligst nicht haben i Frau Steinfeld bleibt da, so lange es der Arzt für nötig hält. Wenn's nicht anders geht, kann sie ja bis zu ihrer Genesung hier im Schloß wohnen, und ich zieh' für die paar Tage ins Derwalterhaus!...‘
„Ach du mein lieber Gott", wollte Miken sagen, Lenh aber hieß sie mit einer kurzen Hand- bctoegung schweigen. Wenn man bei solchen Dingen widersprach, machte man sie nur schlimmer ...
3n dem Briefe standen nur ein paar Zeilen in einer großzügigen steilen Schrift, fast wie von einer Männerhand. Er wartete nicht, bis die Lampe angesteckt wurde, trat ans Fenster. Der letzte Abendschimmer, der durch die Scheiben drang, reichte noch gerade zum Lesen...
„Der prächtige alte Förster hat mir viel von 3hnen erzählen müssen, mein lieber Herr Gras, ich habe Den ganzen Tag an Sie gedacht. Man findet so selten Menschen, deren nähere Dekannt- fchaft verlohnt. 3ch bange mich fast danach, Sie wiederzusehen. Und morgen früh muß up fort von hier... Liselotte S."
Malte schob den Brief in die Drusttasche, die Hand zitterte ihm dabei. Ein Fieber und eine Unrast brannten in seinen Adem, wie in jener Stunde, als ihm hier einer von dem fernen Wunderlands gesprochen hatte und lockenden Abenteuern ... , . . _ „ .
„Rasch, Lentz, leg mir neu anständigen Rock zurecht, und du. Miken: eins von den Küchen» mädeln soll sofort nach dem Forsthaus springen und eine schöne Empfehlung ausrichten. 3n spätestens einer halben Stunde würde ich mir die Ehre geben, der gnädigen Frau meine Aufwartung zu machen."
„Chewoll", sagte die Alte und stieg leise brummelnd die Treppe zur Küche hinab. Dazu brauchte fie nicht erst die Frau Försterin, das fühlte sozusagen ein Blinder mit dem Krückstock: der junge Herr branftte lichterloh! Aber was war da zu machen? Man mußte es brennen lassen! Einem jungen Menschen konnte man leider keinen alten Kopf aufsetzen...
Und nachher, als sie auf der Diele das unberührte Nachtessen wieder abräumte, spann sie denselben Faden weiter.
„Haben Sie gerochen, Lenh? An dem Brief war auch Parfäng!"
(Fortsetzung folgt)


