Nr. VJO Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefjen)
Montag, 17. August (951
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Zuveflässigkeiisflug überzeichnet.
Für den Deutschen Zuverläfsigkeitsflug 1931 vom 18. bis 20. September sind bis wenige Tage vor dein Meldeschlich bereits 85 Meldungen ein- gelaufen, so daß olle bisherigen Teilnehmerzahlen weit übertroffen wurden. Der Deutsche Lustfahrt-
der große Kreis unserer Sportflieger in Prüfung nicht erfaßt werden konnte.
Deutschland-I^undflug 1931.
Sieger Dinorf; JJofj siel wegen IHolorbefeft
Südamerika im Zeichen der Krisis Gegen den Wirtschastsimperialismus der USA. — Eine lateinamerikanische Selbsthilseaktion.
Don E. von llngern'Eternberg.
fluges. Poß mußte wegen Mafchinendefektes aufgeben. 3n München traf als erster Dinort ein, aus den in kurzen Zeitabständen die übrigen noch im Wettbewerb liegenden Flieger folgten. Nach jeweils 30 Minuten Zwangsaufenthalt verließen die Rundflugieilnehmcr den Flugplatz Oberwie- fenfeld in Richtung Wien.
In Wien traf als erster Teilnehmer wieder Dinort ein. Dreiviertelstunden nach Dinort kam Hirth an, dem kurz darauf Iunghcrnns, Liefe! Dach, Reichest und Kneip folgten.
Als erster der Teilnehmer am Deutschlandfluge traf Pilot Dinort mit feinem Flugzeuae C 5 um 13.49 Uhr im Zielhafen Derlin-Tcmpelyof ein. Damit ist Oberleutnant Dirrvrt der Sieger im Deutschlandfluge. Als zweiter landete Hirth 15.06 Uhr mit feiner Maschine C 3 und als dritter Kneip 15.30 Uhr mit feiner Maschine D 2.
Spielabbrüche in der Gruppe Main.
Die Frankfurter Gegend wurde am Sonntagnachmittag von schweren Gewitterregen heimgesucht. Don den fünf angefetzten Dezirksliga- spielen konnten nur zwei zur Durchführung gebracht werden. Die Gintracht spielte gegen Germania 94 nach einer Spielunterbrechung ziemlich lustlos und siegte überraschenderweise nur 1:0 (1:0). Mit dem gleichen Resultat siegten die Offenbacher Kickers in Hanau über den FC. 93. Uebrigens endeten auch zwei der abgebrochenen Tressen 1:0. Beim Spiel in Bieber zwischen Germania und Fuhballsportverein führten die Frankfurter 1:0. als das Tressen zehn Minuten nach Beginn abgebrochen wurde, und auch Union Riederrad lag beim Spielabbruch in Heusen-
Dereits am ersten Sage des Deutschlandfluges gab eS zwei Ausfälle. Auf dem Fluge von Münster nach Duisburg, das mittags von sieben Teilnehmern erreicht war, wurde Thomsen infolge Ber- gaserdefektes Aur Ausgabe gezwungen. Der Pilot Hagen, der al8 letzter von Lübeck startete, mußte auf dem Wege noch Münster bei Osnabrück aus noch unbekannten Gründen notlanden, befindet sich aber trotzdem noch im Wettbewerb.
3n Stuttgart machte die schlechte Wetterlage eine Neutralisation des Rennens notwendig. Am Sonntagmorgen starteten bann die deutschen Flieger um 6 Uhr zur zweiten Etappe des S trecken-
schen Markte eine Linderung der Krise herbeizu- führen, wurde bei den führenden Staatsmännern der Gedanke lebendig, eine möglichst ausgedehnte füda merikanifche Zollunion ins Leben au rufen Der Präsident von Chile hat sich mit diesem Dorschlag an Argentinien gewandt, und seitdem hat der Plan, ein wirtschaftlich.'- „Imperium Ibericum“ aus der Südhälfte des Kontinentes zu schaffen, immer mehr Anhänger gesunden. Sollte dieser Plan verwirklicht werden, fo können feine wirtschaftliche und politische Bedeutung nicht genug betont werden. Inleits des Ozeans würde ein Weltreich entstehen, das Europa vielfach 5N Größe überträfe und das ungeahnte Entwick- -lungsmöglichkeiten in sich schließen würde. Cs handelt sich vorläufig Atoar nur um die Initiative bekannter Politiker und um theoretische Erwägungen. aber alles drängt zu ihrer Verwirklichung.
Man will noch im Dezember d. 3. eine süd - ameri konische W'rtschaftSkonserenz einberufen, um die Möglichkeiten und Einzelheiten einer Zollunion zu besprechen. Ss ist begreiflich, daß der größte Gläubiger Südamerikas, d. h. die Vereinigten Staaten von Nordamerika, denen fast die gesamte Petroleum Industrie, die Minen usw. gehören, und denen alle Südstaaten tief verschuldet sind, bestrebt sind, die Führung in Südamerika zu behalten und die Bekämpfung der Krise in ihre Hand zu nehmen. Deshalb bietet denn auch Washington Südamerika eine Hilfsaktion. Moratorium für gewisse Zahlungen und Kredite an. auch wollen die Nord- amerikaner unter Hervorhebung der panamerika- nische^ Interessen die Leitung der südamerikani-
Derband hat jedoch leider die Teilnahme auf 50 Fahrzeuge beschranken müssen, so daß nahezu die Hälfte aller Gemeldeten zurückgewiesen werden muß. Der Andrang ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, daß der Flug in diesem Jahre mehr nach der sportlichen Seite hin ausgebaut worden ist. Es ist nur bedauerlich, daß infolge der nur geringen Mittel von 40 000 Mark für Streckenentschädigungen. die Teilnehm erzähl Deranstalter beschränkt werden mußte, so
Südamerika ist ketngeschloffenesGan- zes. Es zerfällt in Staaten, die sich durch voll- tische und geographisch- Bedingungen durch ihre kulturelle Entwicklung, durch ihre wirtschaftliche Struktur, zum Teil auch durch traditionelle, gefühlsmäßige Gegensätze von einander unterschei- den. Gemeinsam ist ihnen die spanische (in Dra- silien die portugiesische) Sprache, die katholische Religion und die Erinnerung an die Herrschaft der Dizekönige aus Madrid und Lissabon. Gemeinsam ist ihnen auch die Gegnerschaft gegen drn nordamerikanisch en rücksichtslos expansiven Geschäftsimperialismus. Je mehr das Selbstbewuhtsein der Südamerikaner erstarkte, desto größer wurde der Gegensatz zum .Usurpator" aus dem Norden, desto energischer wurden die Proteste gegen die Monroe-Doktrin, so wie sie in Washington aufgelegt wurde Das Staatsdepartement der Bereinigten Staaten be- grünbete in der Erklärung b-s Präsidenten Monroe im Jahre 1823 eine Art von Protekto - rat über daS gesamte Lateinamerika Nun Hal aber die Erfahrung die Vüdamerikaner gelehrt, daß alle ihre gefühlsmäßigen Proteste in Leeren verpuffen, weil es ihnen an Straft und Nachdruck fehlte, weil jeder der südamerikanifchen Staaten an einem Sonderstrang zog, und eine Gemeinsamkeit der politischen und wirtschaftlichen Interessen nicht hergestellt wurde. Erst in den letzten Jahren konnte z B. der schwere Konflikt zwischen Chile und Peru in der Tacna-Aricafrage bei gelegt werden, und zwischen Paraguay und Bolivien wurden erneut wegen des Chacostreites die diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Um einen blutigen Zusammenstoß zu vermeiden, konnten die südamerikanischen Staaten keinen anderen Ausweg finden, alS daS Schiedsgericht Washingtons anzurufen. Bei den einsichtigen Politikern Lateinamerika- bestand deshalb schon lange der Plan, eine südamerikanische Staatenkonferenz einzuberufen. um ein Programm der Zusammengehörigkeit und Gemeinsamkeit aus- Auarbeiten. Schon vor fast drei Jahren, als der Präsident von Paraguay. Dr. Guggiari, den trüberen Präsidenten von Argentinien. Irigoyen, in Buenos AireS besuchte, wurde die Frage eines südamerikanischen Zusammenschlusses erwogen.
Im Laufe der letzten zwei Jahre nun wuchs sich die Weltwirtschaftskrise auch in den lateinamerikanischen Staaten zur Katastrophe aus. Unruhen und eine Woge von Revolutionen, die sich jetzt wieder in Peru und in Chile wiederholt, vor allem aber eine beängstigende Gr - schü tterung der Finanzen und des Marktes, waren die Folge. Die Landespro- dukte finden keinen Absatz. In Brasilien-. B. mußten Hunderttausende von Säcken mit Kaffee verbrannt werden, um die Preise einigermaßen zu halten. Der Preissturz auf dem Kupfer- und Salpetermarkt hat die chilenischen Finanzen derart in Unordnung gebracht, baß nordamerikanische und englische Finanzexperten nach Santiago abgereift find, um Mittel und Wege zu finden, wie die im August fälligen Zinsraten auf die ausländischen Anleihen bezahlt werden sollen. Auch in Brasilien mußte zwischen dem Finanzsachverständigen der Bank von England, Sir Otto Niemeyer, und der Regierung in Rio de Janeiro daS Abkommen getroffen werden, den Bericht Sir Ottos übet die Finanzlage nicht zu veröffentlichen, um einen weiteren Zusammenbruch der brasilianischen Werte zu vermeiden. Der gesamte Kaffeevorrat ist für die ausländischen Anleihen verpfändet. Bolivien und Peru haben beschlossen, ihre Zahlungen einzu stellen.
Um nun zunächst auf dem inneren fübamerifani-
schen WirtichaftSkvnserenA übernehmen. Es besteht die Absicht unter Beteiligung der Federal Re- serve-Banken und einiger anderer grober Finanzgruppen eine Art von BIZ. für Süd- amcrila zu gründen, die Anleihen und RediS- kontkredile nach den lateinameritani'cfrm Staaten leitet. Dieser Plan stößt auf Widerspruch in London. Man meint in britischen Fmanzkreifen, daß die Baseler D I Z.. deren Aktionsradius nicht auf Europa allein beschränkt ist, mit dieser Ausgabe betraut werden sollte, beim man ist sich herüber klar, daß eine be’onbere, in Nordamerika gegründete DIZ für Südamerika neben finanziellen auch po 1 iti fche Ziele verfolgen und die von den südamerikanischen Dölkem abgelehnte Monroe-Doktrin noch mehr alS bisher festigen würde. Aber ehe diele Frage noch entschieden worden ist, haben bereits Neuyorker Danken Chile bedeutende Dollarkredite eingeräumt.
Eine Sanierung der katastrophalen Wirtschaftsverhältnisse drängt in Südamerika nicht weniger als in Europa. Ein Verzug bringt Gefahren mit sich. So haben die zur Verzweiflung getriebenen Minenarbeiter in Peru kürzlich die nord- amerikanischen Ingenieure gewaltsam vertrieben, haben einige Nordamerikaner ermordet und haben sich nur allzu willig den Kommunisten angeschlossen. Neben den politischen und wirtschaftlichen Konflikten flammen auch soziale auf. Sollte eS in letzter Stunde gelingen. Südamerika eine durchgreifende Hilfe zu gewähren und die fortschreitende Krise einzudämmen. so würde dadurch auch Europa geholfen werden. Die Kaufkraft der südamerikanischen Länder, die jetzt außeror- dentlich geschwächt ist, würde sich steigern und die europäischen Industrieprodukte würden wieder einen lohnenden Absatz finden. Ebenso wenig wie Europa helfen aber auch Südamerika lange Verhandlungen am grünen Tisch Dort muß ebenso wie hier schnell und durchgreifend gehandelt werden, soll daS SanierungSwerk von Erfolg fein und soll die Hilfe nicht zu spät kommen.
Grete Schließmann (Osnabrück) und Karl August Klockmann (SjannoDer) gingen bei dem 9 Stenographentag in Breslau beim Wettschreiben als Sieger hervor. Beide schrieben 440 Silben in der Minute. Das bedeutet für Frauen einen Weltrekord.
stamm 1:0 in Dorteil. Der Kampf Rot-Weiß Frankfurt gegen Griesheim mußte bereits nach fünf Minuten abgepfiffen werden, da eine Art Wolkenbruch den Platz unter Wasser setzte. Ein Treffer war bis dahin nicht gefallen.
DerbandSfpiele in der Gruppe Hessen.
Auch in der Gruppe Hessen beeinträchtigte daS schlechte Wetter die Spiele start. DaS Tressen Kastel gegen Wormatia mußte ganz auSsallen und die Partie Urberach — Lorsch wurde zweimal unterbrochen, ehe sie mit einem knappen 3:2-Gr- folg der Platzherren zu Ende geführt werden konnte. Alemannia WormS gewann im spannenden Spiel gegen Mainz 05 3:2, Wiesbaden bot gegen Langen trotz des 2:1-Sieges eine recht mäßige Leistung und auch im 22-Spiel zwischen Darmstadt 98 und Diktoria Walldors waren die Leistungen auf beiden Seiten nicht gerade überzeugend.
Drittes Internationales Gaisberg «Rennen 1931.
Unter starker PublikmnSteilnahme brachte der Salzburger Automobilllub am Sonntag zum drittenmal das Internationale Gaisberg-Rennen zur Durchführung. daS gleichzeitig auch für die Europameisterschaften der Krafträder und -wagen ausgeschrieben war.
Die Strecke ist eine der schwierigsten der diesjährigen Renn-Saison. Bei 11,9 Kilometer Länge war ein Höhenunterschied von 800 Meter zu überwinden. Die Bahn war in bestem Zustanch, so daß die Fahrer höchste Geschwindigkeiten auS ihren Maschinen herausholen konnten.
NSU. stellte bei den Motorrädern die Sieger. Aus dem Zweikamps der Solomaschinen zwischen den savorisierten Stallgefährten BulluS und R u n t f ch ging Bullus als Sieger hervor, indem er in der 1000-ccm-Klasse mit 92.6 Stunden- Kilvmeter seinen letztjährigen Rekord bedeutend verbesserte, und außerdem in der Klasse 750 ccm den 1. Preis erhielt. Runtsch, der in der 1000-ccm-Klasse 2. hinter Bullus wurde, konnte sich dafür in der Halbliterllalle durch feinen Sieg schadlos halten. Don den NSU.-5abrem wurden sämtliche Rekorde der Klassen 500, 750 und 1000 ccm gebrochen.
Siebener Stadttheater.
Gastspiel berliner Viißncnkünstler: „Meine Cousine aus Warschau".
Da- Stück ist nicht mehr ganz neu und etwa folgendermaßen zustande gekommen: vor sieben oder acht Jahren erschien in der Berliner Garderobe der später auf so traurige Weise auS dein Leben geschiedenen Maria O r S k a ein eleganter jüngerer Herr nebst Blumenstrauß, stellte sich als Pariser Lustspieldichter und Theaierbesitzer Louis D e r n e u i l vor und erkundigte sich, ob Frau Orska als Schauspielerin an seinem Renaissance- Th dätre auftreten wolle. Sie wollte.
Und waS würde sie spielen? Oh. alles mögliche, auch ernste Rollen. Aber Derneuil hat eine Idee zu einem neuen Stück, eine heitere Idee. (Was so in Lustspielen erheiternd ist.) @b' man sichs versieht, sind zwei Alte fertig. Die Orska hat auch eine Idee, nicht ganz so heiter, ein wenig melancholisch und ein bißchen unglaubwürdig: daS gibt den Ausklang. Also schreiben sie zusammen den dritten Akt und nennen daS Ganze .Meine Cousine ausWarscha u".
Die Cousine ist natürlich die Orska; sie wird die Hauptrolle freieren. Aber noch ehe es auf- K“'rrt werden konnte, gab eS in Paris allerlei ierigkeiten politischer Art. Frau Orska fuhr ganz betrübt nach Haufe Die Hauptrolle spielte icmanö anders Aber das Stück war da. und auf einmal erschien es auf Deutsch in Berlin im Komödienhaus. und die Orska spielte doch die Cousine. und es wurde ein großer Erfolg, lEiner ihrer letzten großen Erfolge, wenn wir uns recht erinnern.)
Sine ziemlich frivole, aber gut gebaute und bis zuletzt in den Scharnieren federnde G-fch^chie zu Bieren und übers Kreuz. die viel zu geschickt aufgezogen ist. als daß man sie mit einiger Aussicht auf Effekt nacherzählen könnte. Jedenfalls ist zuletzt der legitime Gatte der Dumme, und nachdem die durchreisende Cousine aus Warschau ihre kitz- liche Doppelrolle mit Talent zu Ende geführt hat. liegt zwar nicht die Ehe. — das wäre zuviel verlangt — aber doch das beliebte und berühmte Dreieck wieder im tiefsten Frieden ... wie zuvor.
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Unter der Regie von F L. Franken wurde mit Laune und Tempo, wenn auch nicht otn? etliche textliche Unebenheiten gespielt. (Der erste Dor
Hang kam zu spät.) Lottina Da art. die Cousine. sprudelte ihre exzentrische Partie mit Humor herunter. Eine Anzahl drolliger Pointen hatte Herr Franken in der bemitleidenswerten Rolle des Durel. Das illegitime Pärchen wurde von Grete Roese - Reinhardt und Kurt Unser mit viel Verständnis gegeben. — Das Publikum schien sich gut zu unterhalten.
hth.
Wilde Jagd auf die Eisenbahn -Attentäter. Besuch im Berliner Polizeipräsidium. Von Wolfgang Schindler.
„100000 Mark Belohnung!- — Don allen Litfaßsäulen, aus allen Lautsprechern, in allen Zeitungen wird es verkündet. .100 000 Mk. Belohnung, das lohnt sich schon, seinen Grips und fein Gedächtnis ein wenig anzustrengen!", hört man im Zigarrenladen, auf der Straßenbahn und wo man sonst ein paar Menschen beisammen trifft. „100 000 Mk. Belohnung", stöhnen die Beamten im Berliner Polizei-Präsidium und wischen sich — trotz der herbstlichen Kühle — den Schweiß von der Stirne. Gerade kommt der Briefträger und bringt wieder einen Berg von Zuschriften — alle halbe Stunden kehrt er wieder.
600 Spuren werden bereits verfolgt, und Tausende, die sich später als haltlose Bezichtigungen herausftellten. mußten zumindest erst einmal auf ihre Brauchbarkeit geprüft werden. Manchen konnte man es allerdings auf den ersten Blick anfehen. daß nichts dahinter steckte. Da febreibt z. B eine angenehme Zeitgenossin: „Mein Untermieter ist wahrscheinlich der Täter. In der Nacht vom Samstag zum Sonntag ist er erst gegen 4 Uhr nach Hause gekommen. Außerdem ist er mir noch 20 Mk. Miete schuldig ...“
Ein andrer hat die Täter im Traum gesehen und gibt eine phantasievolle Beschreibung ihrer Personalien. Ein dritter will es selbst gewesen sein — allerdings nur unter der Bedingung, daß man ihm zumindest 50 000 Mk. auszahlt, bevor er sich dem Gericht stellt.
Drei Räume sind es. die dem Svnderdezemat am Alexanderplah zur Verfügung stehen, dicht gefüllt mit Beamten. Schreibmaschinen klappern, Telephone raffeln, alle reden durcheinander. Aber es ist nur ein scheinbarer Wirrwarr, wenn man eine Weile zusieht, beginnt sich das Tohuwabohu zu ordnen; man erkennt, daß jeder einzelne eine
fest umrissene Aufgabe hat. daß dieser kleine Apparat sehr sinnvoll durchdacht und glänzend organisiert ist.
Draußen auf dem Korridor steht eine Schar von Menschen, immer wieder tritt einer vor das große tote Plakat, das die Belohnung anfünbigt, seine Blicke saugen sich an den magischen „100 000“ fest, von denen et einen möglichst großen Teil zu ergattern hofft. In kurzen Abständen wird dann einer nach dem andern hereingerufen, aber die Schar ergänzt sich stets durch neuen Zuzug.
Drinnen im ersten Raum werden dann die einzelnen Zeugen vernommen, jede Aussage wird protokollarisch sestgehalten, wenn sie auch nut die geringste Andeutung einer Sput ergeben könnte Im Nebenzimmer thront einsam hinter einem Berg von Papieren der Mann, in dessen Hand alle Fäden zusammenlaufen: Kriminal- rat ®ennat. Jede neue Meldung wird ihm vorgelegt, über alle wichtigeren Aussagen wird ihm Bericht erstattet. Tag und Nacht, ununterbrochen gellt das Telephon, die ausländischen Polizeibehörden wünschen Auskunft, sie machen die ersten Angaben, die Presse will über den Stand der Jagd unterrichtet sein — der Leitet der Kommission verliert keinen Augenblick seine Geduld. Mit stets gleichbleibender Höflichkeit hört er zu. gibt er Antwort, aufmerksam lieft er jedes Schriftstück durch. Diefer Mann muß ein phänomenales Gedächtnis haben — bündelweise liegen die Aktenstücke herum, aber er muh sie nicht erst zu Hilfe nehmen, er kennt jedes auswendig. er allein kann aussieben. was weiterer Derfolgung wert erscheint und was vorläufig zurückgestellt werden soll. Oft genug kommt es vor. daß eine neue Sput au staucht, die erfolg- versprechend ausfieht. Dann entfinnt er sich, daß irgendeine parallellaufende Andeutung bereits unter den Akten liegt, an die sich selbst der Beamte, der das Protokoll aufnahm, kaum mehr erinnern kann
Was sich hier vollzieht, ist ein Wunder: ein Wunder, daß triefe Leute, die feit Tagen nicht aus den Kleidern gekommen find, die sich nicht mehr als drei bis vier Stunden Schlaf in fleinen Rationen gönnen können, ihre Nerven noch nicht verloren haben, daß sie mit immer gleichbleibender Aufmerksamkeit bei der Sache find. Ein Wunder aber auch, daß irgend jemand sich durch diese Tausende von Aussagen, durch diele 600 Spuren, durch diesen Wust überhaupt noch hindurchfindet.
Aber nur fo kann der moderne Kriminalist arbeiten: Steinchen auf Steinchen wird zusammen- getragen, bis sich langsam der Grundriß des
Deweisgebäudes herauszuschälen beginnt; langsam wachsen die Grundmauern, die Indizien häufen sich und schließlich kann — sozusagen — das Richtfest gefeiert werden: das Signalement des Täters ist vorhanden, der Steckbrief kann zur Funkstation gegeben werden.
Soweit find wir in diesem Falle leider noch nicht. Aber die riesige Belohnung — eine der höchsten, die jemals ausgesetzt worden ist — hat auch eine nie erlebte fruchtbare Mitarbeit des Publikums zur Folge gehabt Nicht nur Berlin, ganz Deutschland erwartet von diesen Männern, daß sie das Derbrechen, das an Kaltblütigkeit und Niedertracht gleich beispiellos ist. aufklären werden.
Da klingelt wieder das Telephon: Kloster Zinna, die Kommiffion am Tatort meldet daS Ergebnis des heutigen Vormittag-. Vielleicht ist gerade darunter der entscheidende Fingerzeig — vielleicht ...
Ein altes ScheidungSgeseh.
Der Londoner Zioilrichter John Roseveld hat kürzlich eine von einem Ehemann beantragte Scheidung mit einer ungewöhnlichen Begründung ausgesprochen. Er brachte nämlich ein Gesetz zur An- Wendung, das aus dem Jahre 1670 stammt und wie es mit den meisten englischen Gesetzen aus früheren Jahrhunderten der Full ist, noch nicht außer Straft gefetzt worden ist. Der in Frage kommende Pasfus dieses antiquierten Gesetzes lautet: „Alle Weiber — welches auch ihr Alter, ihr Rang, ihr Beruf sei —, die einen männlichen Untertan Seiner Majestät zur Eingehung der Ehe verführen durch den Gebrauch von Essenzen, Verkleidungen, Schönheitsmitteln, künstlichen Zähnen, falschen Haaren, engen Schnürkorsetts, Schuhen, die sie größer erscheinen lassen, als fie_ in Wirklichkeit sind, und ähnlichen Mitteln und Täuschungen, sollen die Strafbestimmungen des Gesetzes gegen die Hexerei erleiden, und ihre Ehe soll für null und nichtig erklärt werden." Diese Ent- scheidung eines neuzeitlichen Richters hat selbstverständlich bei den englischen Frauenorganisationen einen Sturm der Empörung hervorgerufen, aber sie bestehl, wie prominente Rechtskundige äußerten, juristisch durchaus zu Recht. Jedenfalls beweist dies Gesetz aus dem Jahre 1670, daß die Zeitgenossen Karls II. ebenso mit einer erstaunlich entwickelten weiblichen Verstellungs. und Täuschungskunst zu rechnen hatten. Denjenigen aber, die heute laute Klagen über die Degeneration der modernen Kulturmenschheit anzustiminen pflegen, dürften angesichts dieses über 250 Jahre alten Gesetzes einige Fell- wegjchwimmen.


