Kapitalismus und Krisis.
Eine Erklärung deutscher Wirtschaftsführer
Berlin, 16.Juli. (TU.) Der Reichsoer- band der Deutschen Industrie und die Bereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände veröffentlichen folgende Erklärung: „Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat den jetzigen Augenblick höchster Not von Volk und Wirtschaft zum Anlaß genommen, in einem Aufruf „An das deutsche Volk" gehässige Angriff e gegen die deutschen Unternehmer und die jetzige Wirtschaftsordnung zu richten. Der Angriff geht fehl. Wir arbeiten in Deutschland in einer durch politische Eingriffe verfälschten und in ihrem inneren Ausgleich gehemmten kapitalistischen Wirtschaftsform, die zudem die zerstörenden Folgen der Reparationspolitik zu ertragen hat. Seit langem haben der Reichsoerband der Deutschen Industrie und die Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände vergebens warnend die Folgen dieser Störungen für den Ertrag der deut- scken Wirtschaft und damit die Beschäftigung und den Verdien st der deutschen Arbeiter vorausgesagt. Den öffentlichen Streit hierüber lehnen wir jetzt ab. Wir überlassen es dem deutschen Volke, das Urteil über diejenigen zu fällen, die in der Zeit größter gemeinsamer Gefahr parteipolitische und agitatorische Bedürfnisse über die vaterländische Pflicht einmüti- gen Zusammenstehens unseres ganzen Volkes zur Ueberwindung der augenblicklichen Erschütterung stellen und die durch das Aufreißen innerer Gegensätze die Vertrauenskrise verschärfen, deren Beseitigung für alle Verantwortungsbewußten das Gebot der Stunde sein muß."
Hugenberg zur Krisis.
Berlin, 16. Juli. (Sil.) Der ,.T a g" veröffentlicht einen ..Die Krise" überschriebenen Artikel des deutschnationalen Parteiführers Dr. Hugenberg. Es heißt darin u. a.: In einem Augenblick, in dem die Herzen überall im Lande zittern, muh ich einige Worte des Glaubens und der Zuversicht sprechen. Es ist nicht Matthäi am Letzten, nicht der Weltuntergang und Jüngstes Gericht, sondern ein Schimmer von Auferstehung des Volkes. Jetzt ist nur das gekommen, was wir immer und immer wieder als unvermeidlich hingestellt haben, die Krise. Das ist die Schuld der Sozialdemokratie und ihrer Mitläufer, das ist die Schuld 'der zaudernden Regierung. Aber die Krise an sich war, nach allem was voraus- gegangen ist, nicht zu vermeiden. Wir haben gewarnt vor dem Poungplan. Wir haben verlangt, dah auf die Doungplankrise vorbereite t würde: jedesmal hat man uns verlacht oder als Landesverräter bezeichnet. In diesem Augenblick sollten wir den Kopf nicht verlieren unö den Mut. Warum denn? Es hat sich die Entwicklung so vollzogen, wie sie als ein mache-
befinden wir uns doch in einer Periode der Geld- T Verknappung, die den Devisenbesitzer über kurz oder lang zwingt, seine ausländischen Roten wieder abzustohen, was dann aber nur unter erheblichenVerlusten vor sich gehen wird.
Stimmungsumschwung auf der pariser Börse.
Paris, 16. Juli. (WTD.) In seinem heutigen Börsenbericht schreibt der Temps u. a.: Während der ganzen Dauer der heutigen Börse ist die Tendenz nicht einen Augenblick ernsthaft geschwächt gewesen, und während gestern die letzten Kurse die niedrigsten des ganzen Tages waren, waren die heutigen Schluh- kurse ungefähr die höchsten. Aus welchem Grunde diese brüske Verbesserung der Börse? Gewiß, die finanzielle Krise in Deutschland dauert an, und man sieht noch nicht im geringsten entscheidende Lösungen, um sie zu überwinden. Aber auf dem Markt hat man dos Gefühl, daß eine Entspannung erfolgt ist, und schon sieht die Börse die Möglichkeit einer wirkungsvollen Besserung. Ein ziemlich günstiger Eindruck ist durch die gestrigen Besprechungen erzielt worden, die Henderson in Paris hatte, weiter durch die Tatsache, daß diese Besprechungen heute mit Staatssekretär Stimson fortgesetzt worden sind. Das Gerücht vom Besuch des Reichskanzlers und des Reichsaußenministers und die einschneidenden Maßnahmen, die das Reichskabinett und die Reichsbank getroffen haben, haben ebenfalls einen günstigen Einfluß ausgeübt.
Auch die Londoner City ist zuversichtlich.
Wo die pariser Konferenz staWnden wird.
Das französische Außenministerium am Quan d'Orsay in Paris.
Oben links: Reichskanzler Dr. Brüning, unten rechts: Der französische Ministerpräsident Laval.
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Oie Golddeckung der Reichsbank.
Professor Cassel über den „Aberglauben der Golddeckung"".
Befriedigung über die deutschen Finanz- matznahmen.
London,' 16. Juli. (WTD.) Die Stimmung der Londoner City ist heute wie umgewandelt. Die Berliner Rachrichten über die energischen Maßnahmen der Reichsregierung und der Reichsbank sowie über den ruhigen Verlauf des ersten Tages, an dem die Danken ihre Kassenräume wieder geöffnet hatten, haben die über allen Märkten schwebenden Wolken merklich zerstreut, und allgemein sieht man der Entwicklung der Ereignisse in den nächsten Tagen mit großer Zuversicht entgegen. Man glaubt nunmehr, daß Deutschland gezeigt hat, dah e s alles Menschenmögliche zu tun bereit ist, um fein Haus in Ordnung zu bringen und den Weg für eine großzügige internationale Aktion zu ebnen. Hinsichtlich des Ergebnisses der Besprechungen der führenden Staatsmänner hört man infolgedessen optimistische Prognosen. Die Fortsetzung derErholung derReichs- m a r k kann als Beweis dafür gelten, dah man hier die akute Krise für überwunden hält. Ein weiterer günstiger Faktor war, dah das Pfund Sterling den meisten anderen Devisen gegenüber wieder erheblich an Boden gewann.
Immerhin haben die gestrigen Kreditabzüge für Rechnung ausländischer Banken der Dank von England heute weitere 5 Millionen Pfund an Goldabgängen gekostet. Die Goldverluste der letzten Tage werden jedoch in hiesigen Finanz- und Wirtschaftskreisen mit großer Ruhe beobachtet. Die Tatsache, daß London wieder einmal die Rolle des Weltbankiers in kritischer Zeit spielt, ohne auch nur zu einer Erhöhung des Diskontsatzes schreiten zu müssen, wird all- gemein mit Genugtuung herv orgeho - e n. An der Effektenbörse herrschte von Anbeginn festere Stimmung, wofür zunächst die i festeren Reuhorker Schlußkurse verantwortlich waren. Deutsche Anleihen erfuhren eine 7 kräftige Erholung. Gerüchtweise verlautet, dah die Londoner Akzepthäuser heute beschlossen haben, deuffchen Firmen gewährte Akzeptkredite zu prolongieren.
pariser Echo.
Zwei Stimmen der Vernunft.
Paris, 16. Juli. (WTD. Funkspruch.) Die Tatsache, dah sich auf Einladung der französischen Regierung Reichskanzler Dr. Drüning und Reichsauhenminister Curtius nach Paris begeben werden, wird von der H a v a s-Agentur als Zeichen dafür gedeutet, dah die internationale Solidarität sich immer stärker durchsetze. In der Auslassung heiht es weiter, es sei nützlich, die Wichtigkeit der Tatsache zu unterstreichen, dah zum ersten Male seit langen Jahren die Vereinigten Staaten offiziell an Verhandlungen teilnehmen, die in erster Linie Europa interessieren. „Petit Journal", das Blatt Loucheurs, schreibt: Der Beschluß der Reichsregierung bedeutet einen Umschwung der deu t s ch en P o l i t i k, der geeignet ist, eine Lage günstig zu beeinflussen, die äußerst gefährlich war. Dr. Brüning und Dr. Curtius haben die Rettungsaussichten ergriffen. Das Der- trauensproblem muß von den Rationen Europas in einem europäischen Geist in Angriff genommen werden. Es seht außerdem die Mitwirkung Amerikas und eine weitgehende internationale Zusammenarbeit voraus. „La Republique", das Organ Daladiers, schreibt: Morgen wird im Mysee die erste Sitzung des Verwaltungsrates Europas abgehalten. Wir können uns nur darüber freuen, dah Dr. Brüning und Dr. Curttus hierher kommen und wir bedauern lediglich, dah ein derartiger Beschluß unter dem Zwange der Ereignisse getroffen worden ist. Aber es ist weder Ort noch Zeit, Vorwürfe zu machen. Jetzt muh man handeln, und zwar schnell. Das Blatt spricht im übrigen den Gedanken aus, daß Frank» reich die finanzielle Lage Deutschlands nicht ausbeuten dürfe, um den finanziellen Imperialismus spielen zu lassen. Es dürfe auch nicht den Fehler begehen, politische Garantien zu fordern. Denn was würden Llnterschriften gel- wn, fragt das Blatt, die man unter der Drohung des Zusammenbruchs erhalten hatte?
Oer Reichstag wird nicht einberufen.
Berlin, 17. Juli. (CRD.) In der heuttgen Sitzung des Aeltestenrates des Reichstags, um 11 Uhr vormittags beginnt, werden auch die Sozialdemokraten gegen die Ein- berufung des Reichstages stimmen, so da eine Mehrheit gegen die Einberufung sicher
Stockholm, 16. Juli. (Sil.) In einem Leitartikel der „Svenska Dagbladet", überschrieben „Gold und Aberglaube", wendet Professor Cassel seine bekannte Theorie von der Goldverknappung auf die deuffche Finanzkrise an. Diese sei, führt Cassel aus, das beste Beispiel für die Folge der plumpen Versuche, durch die Gesetzgebung eine so empfindliche Sache, wie die Regulierung des Goldwertes, anzugreifen.' „Dadurch, daß man für die deutsche Reichsbank eine Mindestreserve in Gold und gewissen ausländischen Wechseln in Höhe von 40 v. H. des Rotenumlaufes feststellte, hat man eine entsprechende Menge Gold immobilisiert. Als im Juni besonders große Ansprüche auf ausländische Valuten entstanden, konnte die Reichsbank anfangs diese Ansprüche mit Hilfe von ausländischen Valuten und Goldabgaben befriedigen. Als aber die Ansprüche gegen Ende des Monats unter dem Druck von Frankreichs unvernünftiger Verzögerung der Anerkennung des Hooverplanes weiterhin stiegen, sank die Golddeckung der Reichsbank auf 40 v. H. Die ganze Welt zitterte vor dieser Ziffer.
Ein vernünftiger Mensch könnte diese Angst ziemlich unnötig finden, da die deutsche Reichsbank an diesem Tage einen Goldv orrcr t (einschließlich auslänÄscher Wechsel) von nicht weniger als 17 21 Millionen Mark besah. Aber diese Reserve durfte nicht an
gewandt werden. Die Südseewilden hätten kaum eine abergläubischere Hochachtung vor dem, was man nicht berühren darf, zeigen dürfen, als die hochzivilisierte westländische Welt vor einer gesetzlich festgelegten Goldreserve. Wenn eine Zentralbank sich dieser Grenze nähert, wird man von Llnruhe ergriffen. Die ausländischen Kredite werden zurückgezogen, und die Ansprüche an ausländischen Zahlungsmitteln steigen enorm. Die gesetzlich fest gelegte Grenze ist also die direkte LIrsache zu einer Panik, die das Gold aus dem Lande treibt. Im vorliegenden Falle hatte die Gesetzgebung zwar die Möglichkeit gelassen, die 40 v. H.-Grenze zu u n » terschreiten. Ein solcher Schritt wäre jedoch als etwas so Llngewohnliches und Llnruhe Erweckendes angesehen worden, dah die Reichsbank so lange wie möglich davon Ab st and nahm. Den letzten Meldungen zufolge hat die Reichsregierung beschlossen, die Deckungsgrenze von 40 auf 30 v. Sy herabzusehen. Diese Maßnahme ist sehr geeignet. Aber es wäre beffer gewesen, wenn man noch gründlicher zu Werke gegangen wäre." Cassel betont zum wchluh, dah es zur Wiederherstellung der Weltwirtschaft zu allererst nötig sei, in allen Ländern Ddie Gesetzesbestimmung über die Mindeftgold- deckung abzuschaffen. Me Golddeckung sei nur Aberglaube.
ist. Lieber die Aenderung der Rotver- o r d n u n g vom 6. Juni sollen in den nächsten Tagen Verhandlungen geführt werden, von denen man in parlamentarischen Kreisen annimmt, daß sie zu einer Verständigung zwischen der Regierung und den Parteien führen werden.
Schacht hat das Kabinett beraten.
Gegen eine Staatskontrolle der Privatwirtschaft.
Berlin .17. Juli. (TU.) Gin Redaktionsmit- glied der „DAZ" hatte Gelegenheit, den früheren Reichsbankpräsidenten D.'. Schacht über seine Rolle in den letzten Tagen zu befragen. Schacht erklärte dabei, er sei am letzten Sonntag vom Kanzler gebeten worden, als Sachverständiger an einer K a bin e t t s b e r at un g teil- zunehmen, in der die Rotverordnung über die Garantie für die Danatbank verhandelt wurde. An weiteren Kabinettsberatungen habe er nicht teilgenommen. Das Amt eines Währungs- vder Devisenkommissars sei ihm niemals angeboten worden. Rach seiner Auffassung fei der gegebene Währungs- und Devifenkommifsar der R e i ch s bankpräfident. Da ihm ein solches Amt nicht angeboten worden fei, habe er auch keine Veranlaffung gehabt, irgendwelcheBedingun- gen zu nennen. Aus die Frage, ob er es für möglich halte, daß beabsichtigt sei, einen Staats- fon troHeur für Zweige der Privatwirtschaft zu ernennen, sagte Schacht, ihm sei über solche Absichten nichts bekannt. Sollte dieses Vorhaben bestehen, so würde er es für den Anfang vom Ende der privaten Initiative in der deutschen Wirtschaft halten. Er habe in der fortschreitenden Sozialisierung und Staatsbureau- fratifierung unter der bisherigen Politik stets den Hauptgrund dafür erblickt, daß die deutsche Wirtschaft nicht mehr imstande sei, die Elastizität aufzubringen, die für die Aufrechterhaltung geordneter Finanz- und Wirt- schaftsvevhältniffe die unerläßliche Voraussetzung bilde. Hierin liege auch eine Erklärung für die Schwier'gkei eu der Dana bank. Sine olch? A sicht würde für den Kredit der deutschen Wirtschaft im maßgebenden Ausland keine Erleichterung bedeuten. Wenn wir eines Kontrolleurs bedürften, so müsse es einer f ür die ö f f en t liche Hand und ihrer Unternehmungen fein. Diese Krise könne bei verständiger Führung in absehbarer Zeit überwunden werden. Auf die Frage, ob er die beratende Tätigkeit für das Reichskabinett fort- setzen würde, erwiderte Schacht, er habe das feste Vertrauen, daß dem Reichskanzler Brüning die vorstehenden Gedankengänge durchaus gegenwärtig sind. Dor dem Verantwortungsgefühl und der ernsten Sachlichkeit des Kanzlers hege er größte Achtung. Das sei alles, was er zu der Frage sagen könne.
matischeS Gesetz seit Jahren vor unseren Augen lag. Cs ist gekommen, was durch die Schuld der Sozialdemokratie kommen muhte. Jetzt ist die Voraussetzung zur Wendung da. Run fommf die große und schwere Arbeit des Wiederaufbaues. Das Werk dieser Wendung vermögen nur die nationalen Kräfte zu vollbringen, nur Köpfe, die gegen den Marxismus Bausteine neuen wirtschaftlichen Wiederaufbaues aufrichten können. So sage ich heute mit derselben Art, mit der die Rechte seinerzeit den Voungplan beurteilt hat, die Wendung zum Besseren ist bei der heutigen Geistesbeschaffenheit des deutschen Volkes einfach eine psychologische Tatsache.
Oie Volkskonservaiiven stehen zu Brüning.
Berlin, 16. Juli. (Sil.) Die Reichsführung des Christlichsozialen Dolksdienstes hat angeregt, durch Besprechung zwischen den Parteien die politischen Kräfte des deutschen Volkes zu gemeinsamem außenpolitischen Einsatz zusammenzusassen. Der Führerring der Volkskonservativen Vereinigung bat in seiner Sitzung zu Potsdam am 14. Juli ü. I. folgendes beschlossen:
„Die Freiheit nach außen und eine kraftvolle Führung im Innern kann nur' aus wehr- bereit e.m Opferwillen er-täiB&ft werden. Dieser Aufgabe ist das verbrauchte System parteipolitischer Koalitionen nicht gewachsen. Echter Staatswille erwächst nur aus dem verantwortungsvollen Enffchluh des schöpferischen Staatsmannes. Deshalben erachten es die Konservativen als ihre Pflicht, Hindenburg und Brüning für den Kampf um die Freiheit eine opferbereite Gefolgschaft z u schaffen. Die Reichsleitung des Christlichsozialen Volksdienstes ist in diesem Sinne benachrichtigt worden."
Scharfe Maßnahmen gegen den Oevisenschleichhandel.
Berlin, 16. Juli. (TU.) Der Polizeipräsident teilt mit: Auf Grund der Notverordnung des Herrn Reichspräsidenten vorn 15. Juli 1931 über den Verkehr mit ausländischen Zahlungsmitteln und der Notverordnung über die Veröffentlichung von Kursen ist beim Polizeipräsidium ein Sonderdezer- n a t gebildet worden, dessen Leitung Kriminalrat Vorwerk übernommen hat. Dieses Sonderdezernat ist mit der Aufgabe betraut, Verstöße gegen die genannten Verordnungen mit allen verfügbaren Mitteln zu unterbinden. In Verfolgung von Straftaten, die. sich gegen die genannten Verordnungen richten, wird der Polizeipräsident die Beschuldigten umgehend dem Schnellrichter vorführen lassen. Ausländer, die sich eines Verstoßes gegen die in Frage kommenden Verordnungen schuldig machen, werden unnachsichtig in Zwangshaft genommen, ausgewiesen und zwangsweise über die Grenze abgeschoben.
Vor weiteren Maßnahmen im Zahlungsverkehr.
Berlin, 16. Juli. (CRB.) Der Re para-' tivnsausschuß des Reichskabinetts tagte auch heute nachmittag und heute abend, ohne daß allerdings neue Beschlüsse gefaßt worden sind. Man hat sich vör allem mit dem Problem der Bekämpfung der Kapitalflucht be- schäftigt. In politischen Kreisen hatte man erwartet, dah hierzu heute abend eine Rotver- Ordnung herauskommen würde. Sie ist aber heute nicht mehr zu erwarten. In den nächsten Tagen wird das Kabinett eine weitere Verordnung beraten, durch die die Bank - undZah- lungsverhältnisse für die nächste Woche geregelt werden.
Schwere Ausschreitungen in Gelsenkirchen.
Es werden Barrikaden gebaut und Lebensmittelgeschäfte geplündert.
Gelsenkirchen, 17. Juli. (WTB. 1 Llhr nachts.) Rachdem es am Mittwochabend bereits im Viertel der Olga-, Bismarck-, Grabenftrahe zu größeren Ausschreitungen gekommen war, wobei beiderseits einige hundert Schüsse gewechselt wurden, kam es a m Donnerstagabend gegen 11 ilfjr zu aber- ma'igen Ausschreitungen in dem gleichen Stadtteil. Don vielen Demonstranten wurden plötzlich sämtliche Laternen ausgelöscht und viele zertrümmert, so dah der Stadtteil vollkommen im Dunkel lag. Die Straßenbahn muhte in diesen Strahen den Verkehr einstellen. Das S t r a h e n p f l.a st e r wurde aufgerissen und das Material zu Barrikaden verwandt. Die Polizei, die von etwa zwanzig Stellen- alarmiert worden war, fanden den Strahen die Lebensmittel-, Fleischwaren- und Gemüseläden ausgeplündert vor. Die Fensterscheiben waren eingeschlagen. Der sofort eingesetzte Großalarm machte die gesamte Schupo mobil. Die Ausschreitungen dauerten um 2 LIhr früh noch an. Llm diese Stunde setzte ein neuerliches starkes Feuergefecht ein, und zwar in der Hohenzollernstrahe, gegenüber der Olga-, Bismarck-, und Grabenstraße. Das ganze Viertel war um diese Zeit um st e l l t. Der ganze Stadtteil liegt in völligem Dunksl. Die Polizei wird erst bei Tagesbeginn die Säuberung des abgeriegelten Viertels vornehmen. Der Verkehr wird umgeleitet. Insgesamt wurden 30 Geschäfte ausgeplündert. Es handelt sich um die größten Lebensmittel-, Fleisch-, Gemüse- und Rauchwarengeschäfte dieses Viertels.
Llnruhen auch in Koblenz.
Koblenz, 16. Juli. (WSR.) Mittwoch- und Donnerstagabend versuchten Kommunisten in der Castorstraße eine Demonstration. Sie rissen das Strahenpslaster auf, zertrümmerten die Straßenlaternen und empfinge n das anrückende Polizeikommando mit Steinwürfen und zahlreichen Schüssen, die aber niemand von den Beamten verletzten. Die Polizei erwiderte das Feuer. Ob von den Demonstranten jemand getroffen wurde, steht zur Zeit noch nicht fest. Eine Bereitschaft der Polizei hat die ganze Castorstraße abgeriegelt und wird während der Rächt eine strenge Durchsuchung der in Frage kommenden Häuser vornehmen.
Kleine politische Nachrichten.
Der kommunistische Reichstagsabgeordnete A. K r z i k a l l a aus Laurahütte, der bet Ausschreitungen fest genommen wurde, ist vom Schnellrichter wegen Vergehens gegen dis Rotverordnung des Reichspräsidenten vom 2H. März 1931 fünf Monaten Gefäng*


