Ausgabe 
16.7.1931
 
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men zertrümmert. Der Bauunterneh­mer, seine Frau und Zwei erwachsene Töchter wurden totgequetscht. Eine weitere Tochter wurde schwer verletz«: an ihrem Auf­kommen wird gezweifelt. Landleule, die aus dem Felde arbeiteten, sahen das Unheil kommen und versuchten durch Winken und Zeichengeben das Zugpersonal zu verständigen, doch war es bereits zu spät, um noch rechtzeitig den Zug zum Stehen zu bringen.

Lieber den Hergang des Llnglücks sind noch fol- gende Einzelheiten zu melden: Der Kraftwagen, eine 8 PZ-Opel-Limousine, mit fünf Personen be­setzt, hatte bereits den ungeschützten Dahn- überlang zum Teil passiert, als er von der Lokomotive des Güterzuges, der kurz nach 18 LIhr in Wetzlar eintrifft, ersaht und vor sich hergeschoben wurde. Die Insassen versuch­ten schreiend, sich dem Maschinenpersonal verständ­lich zu machen. Es gelang ihnen aber ebenso­wenig, wie einem auf dem Felde arbeitenden jun» gen Mann, der den Vorgang von Anbeginn an be­merkt hatte. Er lies mit W arnungszeichen an den Bahndamm heran, wurde auch bemerkt, doch vermutete das Lokomotivpersonal nicht die schreckliche Ursache seiner Rufe. Auf einer Strecke von rund 100 Meter wurde der Wogen bis dicht an die Eisenbahnbrücke über den Solmsbach her­angeschoben, und erst dann vollendete sich das grauenvolle Schicksal seiner Insassen. Das Auto wurde infolge der Raumverengung zwischen Gleis und Brückengeländer vollkommen zertrümmert und die Insassen zu Tode gequetscht. Teile des Autos wurden noch über die Brücke geschoben, wo der Zug erst zum Stehen kam. Er wurde dann zu­rückgenommen, und erst jetzt konnte man die Lei­chen aus ihrer Loge befreien. Das Unglück ist kaum erklärbar. Der verunglückte Bauunterneh­mer Demmer, als ruhiger Fahrer bekannt, kannte die Strecke genau.

Die Bevölkerung befindet sich in einer unge­heuren Erregung und übt an der Fahrlässigkeit der Reichsbahn scharfe Kritik. Aus diesem Teil der Strecke befinden sich auf einer Entfer­nung von drei Kilometer drei unge­schützte Bahnübergänge die wegen ihrer Lage in oder unmittelbar an Ortschaften bei dem zunehmenden Verkehr zur einer ständigenGe­fahren quelle geworden sind. Erst in der vorigen Woche wurde an einem der Uebergänge ein Berliner Auto von einem Personenzug er­saht und die Insassen, ein Berliner Ehepaar, schwer verletzt. Vor 6 Jahren wurde an derglei­chen Stolle ein Postomnibus überfahren und der Chauffeur zu Tode gequetscht. Seit Jahrzehnten bemüht sich das Bürgermeisteramt Braunfels, die Reichsbahn zur Errichtung von Schranken, oder zur Aufstellung von Wärtern zu veranlassen, aber ohne jeden Erfolg.

Guttempler-Iubiläum in Gießen.

Am vergangenen Sonntag konnte wie man uns berichtet die hiesige G u t te m pler l oge H a s s i a" auf ihr 3 0 j ä h r i g e s D e st e h e n zurückblicken. Der Tag wurde nur im engen Kreise g feiert, wie sich ja auch die Arbeit in aller tille vollzieht. Dis zum Jahre 1912 arbeitete die Loge in Marburg und siedelte dann nach Giehen über, wo die Leitung in den bewährten Händen des leider auch im Weltkriege gefallenen Lehrers Heinrich S ch w ö be l lag. Die Kriegszeit und die Rachkriegszeit lähmte die Arbeit der Gut­templer sehr und erst nach den Inflationsjahren konnte die Arbeit in verstärktem Mähe wieder ausgenommen werden. Wer Gelegenheit hat, einen Blick in die soziale Arbeit der Guttempler zu tun, der wird erstaunt sein, zu hören, dah Tag für Tag Guttempler unterwegs sind, um Alkohol­kranken äu helfen und sie dem Orden zuzuführen.

Das Arbeitsgebiet erstreckt sich nicht nur auf die Stadt Giehen, sondern auch auf dem Lande "wird die segensreiche Arbeit geleistet. Gerade

Bei dem Kraftwerk Pfrombach-Langenpreising in Oberbayern ereignete sich ein schwerer Dammbruch, durch den sich die Wassermassen des Hauptkanals in 60 Meter Breite auf die Felder der umliegenden Bauernhöfe ergossen. Die Bewohner der Häuser konnten sich nur mit Mühe retten.

-M v<< M:

in der Alkoholkrankenfürsorge hat die hiesige Loge schöne Erfolge erzielt, und man weih aus dem Wohlfahrtsamt unserer Stadt und des Krei­ses diese Art der Arbeit sehr zu schätzen.

Veranstaltung von Vorträgen, sowohl über die Alkoholfrage, als auch über andere Wissens­gebiete, Rüchternheitsuntcrricht an den Schulen, Verbreitung guter Literatur, allgemeine soziale Fürsorge, Pf^ge des Gesanges und der Musik sind GeÄete, auf denen sich der Orden betätigt.

Autostraße zum Marburger Schloßberg

WER. Marburg. 15. Juli. Der Magistrat der Stadt Marburg befähle sich in seiner letzten Sitzung mit dem Projekt einer Autostraße auf den Schlohberg. Bekanntlich gibt es heute keine richtige Anfahrstrahe für Kraftwagen auf den Schlohberg. Das Fehlen einer Auto- strahe machte sich bisher immer stark bemerkbar, denn jeder Fremde, auch Automobilist, hat den Wunsch, das Schloß und den Rundblick auf die Stadt zu genießen. Rach dem vorliegenden Pro­gramm ist die Anlage einer 7 Meter breiten Autostraße vomMarbachtale ausgehend geplant, die vorwiegend durch die ehemalige Behringsche Besitzung führt und da­durch erleichtert wird, dah bereits ein neuer Fahrweg vorhanden ist. Die neue Straße würde zugleich auch wertvolles Baugelände für die Stadt erschließen. Verhandlungen wegen An­kauf des erforderlichen Geländes sind bereits ausgenommen. Man hofft, den endgültigen Plan im Herbst ausstellen und die Arbeiten auf dem Wege der Rotstandsarbeit durchführen zu können.

Kommunistische Ruhestörungen in Darmstadt.

WSR. Darmstadt, 15. Juli. Hier kam es im Laufe des Mittwoch mehrfach zu kommu- nistischen Ansammlungen und Versuchen zur Bildung von Llmzügen der Erwerbs­losen, die aus den Vororten Zuzug erhalten hatten. Bei Zerstreuung dieser Ansammlungen wurden bis jetzt 2 0 Sistierungen vorgenom­men. Ein Teil der Sistierten wurde nach Fest­stellung der Personalien wieder entlassen. Gegen Abend kam es in der Altstadt zu Zugbildungen. Als diese durch die Polizei zerstreut werden sollten, wurden die Beamten von den Demon­stranten beschimpft und mit Steinen beworfen. Ein Beamter wurde von einem De­monstranten mit einer Stahlrute geschlagen. Er gab in höchster Rot einen Schreckschuß ab. Der Demonstrant wurde festgenommen. Gin anderer Demonstrant konnte unter Hinterlassung seiner Stahlrute flüchten. In das Krankenhaus wurde ein erwerbsloser Demonstrant eingeliefert, der durch einen Schlag mit dem Gummiknüppel eine blutende Kopfverletzung davongetragen hat.

Gestern abend fand in einem hiesigen Garten­restaurant unter freiem Himmel eine verbo­tene Versammlung der Roten Hilfe statt. Als sie aufgelöst wurde, leistete eine Frau Wurche aus Darmstadt der Polizei dadurch Widerstand, daß sie mit einem Bierglas nach einem Beamten warf und einen anderen Beam­ten schlug. Sie wurde heute mit dem Leiter der Versammlung und der Rednerin des Abends dem Schnellrichter vorgesührt. Der Leiter der Ver­anstaltung, Fritz Schmidt aus Darmstadt, er­hielt vier Monate Gefängnis, die Red­nerin, die frühere Abgeordnete Frau Roth, Sprendlingen, drei Monate Gefängnis, und Frau Wurche drei Wochen Gefäng- n i s.

Römische Kunde bei Wehlar.

WSR. Wetzlar, 15. Juli. Durch den Heimat­forscher C. M e tz sind in der letzten Zeit Funde gemacht worden, die die römische Herkunft von Befestigungsanlagen in der Umge­bung von Wetzlar zweifelsfrei darlegen. So fand er im vorigen Jahre ein römisches Kastell mit Tor, das sich als ein Strahenposten aus­wies, als man jetzt neben dem Kastell auf eine gebaute römische Straße stieß, deren weitere planmäßige Verfolgung sich über 30 Kilo­meter von Greifen st ein bis nach Giehen erstreckte. Ueber dem auf dem gewachsenen Boden liegenden Erdwall besindet sich ein etwa 25 Zenti­meter dicker Steinkörper. Die Breite der Straße schwankt zwischen drei und sieben Meter. Eine wertvolle Ergänzung fand die Straße durch die Entdeckung einesrömischenBrun- n e n s von etwa 50 Zentimeter unter der Erd­oberfläche. Er weist sich als ein Becken von 4x4 Meter aus. Die Wände werden von einer drei­fachen Balkenlage gebildet. Die nähere Unter­suchung der Funde dürste durch das Archäologische Institut in Frankfurt übernommen werden. (Ueber diese Funde werden wir demnächst in derHei­mat im Bild" berichten. D. Red.)

Oberhessen.

Prämienmarkt in Alsfeld.

Zweitägiges Reit- und Fahrturnier.

H Alsfeld, 14. Juli. Am Sonntag un6 Montag fand der diesjährige Prämiie­rungsmarkt der Stadt Alsfeld bei außerordentlich starker Beteiligung, in Verbindung mit einem zweitägigenReit-und Fahr- turnier des Reitervereins des Krei­ses Alsfeld unter Mitwirkung der 1. Batt, des 5. Art.-Regts. Fulda, statt.

Die Beschickung des Marktes war trotz der ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse nicht ge­ringer als im vergangenen Jähre. An Pferden standen zur Prämiierung 117 Stück, an Rindvieh waren 183 Stück Fleckvieh und Vogelsberger Rot- vieh aufgetrieben, an Ziegen waren 127 Stück auf dem Markt: an Schweinen 790 Stück. Die vom Landwirtschaftskammer-Ausschuh für die Provinz Oberhessen in Verbindung mit dem Prä- miemnarkt gleichzeitig veranstaltete Dullen- Au k tion brachte einen Auftrieb von 62 Dullen, worunter hervorragendes Zuchtmaterial war. An Prämien gelangten insgesamt rund 3000 Mark zur Verteilung. Der Vorsitzende des Landwirt­schaftskammer-Ausschusses, Oekonomierat D r e i - denbach (Dorheim), betonte in seiner ^Ansprache die große Bedeutung des Alsfelder Prämienmark­tes für die oberhessische Viehzucht und wies au« die von der Stadt Alsfeld geschaffenen vorbildlichen Marktverhältnisse hin.

Das Reit- und Fahrturnier übte große Anziehungskraft aus und war ein voller Erfolg für die ländliche Reitersportbewegung, die unter der Leitung des Rittmeisters a. D. Graf Bredow (Altenburg) steht. Rach einer am Samstagnachmittag im Geländeritt erfolgten Viel­seitigkeitsprüfung der einzelnen Reiterabteilungen des Kreises Alsfeld, an der auch eine Abteilung der Batterie des Reichswehr-Art.-Regts. Fulda teilnahm, fand am Sonntag das Reitturnier statt, an dem sich die sieben Abteilungen des Vereins, sowie zwei auswärtige Abteilungen beteiligten. Besonders lebhaftes Interesse des Publikums fan­den die Vorführungen der Batterie des 5. Art.- Regts. unter dem Kommando von Hauptmann H e n r i c i. Die mehrere tausend Zuscharrer spen­deten den Darbietungen der Reichswehr stürmi­schen Beifall.

Am Sonntagabend fand im großen Saal des Deutschen Hauses" ein Reiterabend mit Preisverteilung und Siegerehrung unter Leitung von Rittmeister a. D. Graf Bredow statt, der sich eines sehr starken Besuches erfreute. RamenS der Stadt Alsfeld dankte Bürgermeister Dr. D ö l - sinZ den Gästen für ihre Mitwirkung.

Am Montag wurden die Vorführungen des Reit- und Fahrturniers vor einer wie­derum großen Zuschauermenge wiederholt. Das günstige Wetter kam der Veranstaltung and deren glatter Abwicklung sehr zu statten.

Landkreis Gietzcn.

Leihgestern, 15. Juli,. Am vorigen Sonn­tag fand hier ein Wohltätigkeitskon- z e r t zugunsten der Bedürftigen unserer Ge­meinde statt. Es beteiligten sich daran der Ar­beitergesangvereinHarmonie", von dem die An­regung ausging, der GesangvereinLiederkranz", Eintracht^' und der Kirchengesangverein. Rach einem kurzen, aber feindurchdachlen Gruhwort des Vorsitzenden desArbeitergesangvereins", Herrn Schäfer, über Zweck und Ziel der Ver­anstaltung, und nach einem flotten Marsch hie­siger Musikschüler folgten die Vereine mit je zwei­mal zwei Liedern. War das erste, ein Massenchor der drei Männergesangvereine, Schäfers Sonn- tagslied, für den Zuhörer überwältigend, so zeigten sämtlühe Darbietungen, die durchweg auf großer Höhe standen, mit welcher Hingabe und Begeisterung hier dem Liede gedient wird, und wie Dirigent und Sänger, beide miteinander verwachsen, bestrebt sind, jedes, auch das ein-

Eva am Strand

Vornan von Hermann Weick.

9. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Helbing kam sich ertappt vor. Gr glaubte, in dem Gesicht der Dame ein spöttisches Lächeln zu sehen, als habe sie es während der ganzen Zeit bemerkt, daß sie von ihm unablässig beobachtet worden war.

Verlegenheit bemächtigte sich Helbings. Er wollte vom Fenster zurücktreten: da blickte die Dame, die wieder geradeaus gesehen hatte, noch­mals zu ihm herüber. Ihrer beider Augen griffen ineinander, es war nur für die Dauer weniger Sekunden, aber Helbing durchjagte es wie ein feuriger Strom.

Am Abend lernte er Eva Willer kennen,.

Das Hotel veranstaltete für seine Gäste einen Ball. Als Helbing an Hanna Moests Seite den Saal betrat, waren die meisten Tische schon besetzt.

Suchend überblickte Helbing den Raum. In seinen Augen zuckte etwas auf.

Dort drüben ist noch Platz!" sagte er zu Hanna Moest und ging mit ihr durch den Saal. Er strebte auf den Tisch zu, an dem Eva Willer und Paul Bertram saßen; zwei Plätze waren noch frei.

Sie gestatten?" sagte er und machte eine kurze Verbeugung^

Bertram und Eva Willer begrüßten Hanna Moest: diese stellte den beiden Stefan Helbing vor.

Man sah sich anfangs zurückhaltend gegenüber; nach und nach kam dann eine Unterhaltung zu­stande, die vorwiegend von den beiden Herren bestritten wurde.

Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit war Eva Willer auffallend schweigsam, seitdem Helbing am Tische sah. Sie machte einen befangenen Eindruck und vermied es, Helbings Blicken zu begegnen.

Bertram sah sie einige Male verwundert an; er konnte es sich nicht erklären, warum Evas sprühende Laune, die sie vorhin noch gezeigt hatte, mit einem Male verflogen war.

Man tanzte. Die Stimmung im Saale stieg an. Allenthalben sah man frohe, gut gelaunte Ge­sichter.

Auch an dem Tisch der Vier griff diese Fröh­lichkeit Platz. Die Gespräche waren nun weni­ger förmlich als bisher; man kam sich sichtlich näher, die Unterhaltungen gingen zu persönlichen Dingen über, auch Eva Willer legte mehr und mehr ihre Befangenheit ab.

Darf ich Sie um diesen Tanz bitten, gnädiges Fräulein?" sagte Helbing zu Eva Willer, als die Musik wieder zu spielen begann.

Eva sah ihn betroffen an. Da er bisher aus­schließlich mit Hanna Moest getanzt hatte, über­raschte feine Bitte sie.

Sie neigte zu stimmend den Kopf und erhob sich.

Anfangs tanzten sie schweigend. Dann sagte Stefan Helbing:

Sie müssen Rachsicht mit mir haben, gnädiges Fräulein, meine Tanzkunst liegt sehr im argen!

Sie tanzen recht gut, Herr Helbing!"

Er lachte.

Recht gut... das heiht also: es gibt erheblich bessere Tänzer, als ich es bin!"

Eva Willer sah zu ihm auf; in ihren Augen funkelte Uebermut.

Wenn Sie mir meine Offenheit nicht verargen: allerdings, es gibt bessere Tänzer!"

Ich sagte es Ihnen ja gleich, gnädiges Fräu­lein! Leider hatte ich in den letzten Jahren keine Gelegenheit, mich in der Tanzkunst auf dem Lau­fenden zu halten. Ich werde es aber jetzt nach­holen !"

Das ist ein rühmenswerter Entschluß!" er­widerte Eva Willer todernst, während es um ihren Mund von verhaltenem Lachen zuckte.

Als sie dann wieder bei Bertram und Hanna Moest am Tische saßen, war ihnen zumute, als sprängen geheimnisvolle Funken von einem zum andern. Blitzschnell trafen sich manchmal ihre Augen und wichen sich wieder aus.

Roch zweimal tanzten sie an diesem Abend mit­einander.

Helbing befand sich in gehobener Stimmung. Er bemerkte nicht die finster gewordenen Mienen Bertrams, der sich plötzlich des auffallenden Interesses erinnerte, das Eva schon am Vortage im Strandcaf6 für Helbing gezeigt hatte; in wachsendem Mißtrauen betrachtete nun der Schau­spieler das Verhalten der beiden.

Auch daß Hanna Moest still geworden war, entging Helbing anfangs. Erst als er einen Blick schmerzlichen Staunens auffing, mit dem sie ihn ansah, nahm er sich zusammen; fortan widmete er sich nur Hanna.

Gegen Mitternacht trennte man sich.

Ich möchte noch etwas an den Strand hinab­gehen", sagte Hanna Moest, als sie den Dallsaal verließen.Die Rächt ist milde, die frische Luft wird uns nach der Hitze, die drinnen geherrscht hat, gut tun.

Helbin war es recht.

Sie schritten am Meer hin, das grau, geheim­nisschwer sich draußen ausdehnte.

Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Es war eine sternenlose Rächt. Die wenigen Lichter, die in den Hotels am Strand noch brannten, verlöschten eines um das andere.

Du bist so stille Hanna!" sagte Helbing nach einer Weile des Schweigens.

Hanna Moest zog ihr Cape enger um sich; sie gab keine Antwort.

Wird dir kühl, Hanna? Dann gehen wir lieber inS Hotel zurückI

Wir wollen noch etwas bleiben, antwortete Hanna mit gepreßter Stimme.

Bist du von dem Abend nicht befriedigt? Du machst einen verstimmten Eindruck."

Sie senkte den Kopf.

Ich bin nicht verstimmt, ich weiß überhaupt nicht, was mit mir loL ist..erwiderte sie stockend, ,,... ich bin nur etwas traurig...

Traurig? Warum traurig, Haniia?"

Sie zuckte hilflos mit den Schultern.

Ich weiß es nicht. Schon während des gan­zen Tages kämpfe ich dagegen an, auch gestern war dieses bange Gefühl schon da und ließ mich nicht froh werden...

Das geht vorüber, Hanna! Morgen früh, toenn du ausgeschlafen hast, siehst du alles mit ande­ren, helleren Augen an!"

Hoffentlich ..antwortete sie leise, beinahe resigniert.

Plötzlich klammerte sich ihre Hand um Hel- Lings Arm. Fieberhafte Erregung zitterte durch ihre Stimme:

Ich habe manchmal solche Angst, daß du mich nicht mehr liebst wie früher, Stefan! ... Lache mich nicht aus, Stefan, ich weiß, dah es töricht ist, was ich rede! Vielleicht bin ich nervös, die Wiedersehensfreude hat mich fast krank gemacht... Wie könnte ich sonst auf den Gedanken kommen, daß du nicht mehr \o herzlich zu mir bist wie früher... dah etwas Trennendes zwischen uns steht..."

Helbing erschrak.

Hatte Hanna die Gedanken, die ihn schon mehr­mals bewegt hatten, ihm von der Stirne abgele­sen? Ahnte sie etwas von der Ernüchterung, der Erkaltung, die in seinen Gefühlen ihr gegenüber eingetreten war?

Das sind Hirngespinste, Hanna", sagte er hastig, beschwichtigend.Warum sollte ich dich nicht mehr so lieb haben wie früher?"

In ihrer Stimme war ein flehender Ton:

Du muht es mir immer wieder sagen, wie sehr du mich liebst, Stefan!

Er küßte sie innig. Selbstvergessen lag sie an seiner Brust. Ihre Trauer verflog.

Unvermittelt lachte sie auf.

Du darfst mir nicht böse sein, wenn ich es dir sage, Stefan: ich war heute abend rasend eifer­süchtig!"

Eifersüchtig? Auf wen?"

Auf Fräulein Willer!"

Helbings Herz beginn rascher zu schlagen.

Es klang unfreundlich, abweisend, als er her­vor stieß:

Das ist Unsinn, Hanna!

Sie preßte sich an ihn.

Run hast du dich doch geärgert, Stefan!"

Du solltest derartiges nicht sagen, Hanna!"

Verzeih, StefanI" sagte sie bittend.

Dann brach es aus ihr, wie ein Strom, der, lange zurückgestaut, endlich freie Bahn gefun­den hat:

Ich kenne mich manchmal selbst nicht mehr, Stefan! Ich bin ja ein anderer Mensch gewor­den, seitdem du wieder bei mir bist! Egoistisch bin ich geworden, mein Glück will ich für mich allein behalten, niemand sonst soll daran teil haben..

Sie kam immer mehr in fieberhafte Erregung. Ihr Körper bebte in Helbings Armen; unge­heure Leidenschaft entströmte ihrem ganzen Wesen.

Viele, viele Jahre war ich einsam", stammelte sie.So lange habe ich dich entbehren müssen, Stefan! Run schmerzt mich jedes Wort, daß du mit einem anderen Menschen redest, keinem an­deren gönne ich einen Blick von dir! Mir allein sollst du gehören, mir ganz allein...

Ueberströmendes Mitgefühl erfaßte Helbing. Gr prehte Hannas zuckende Hände.

Ich gehöre dir allein, Hanna! Wie kannst du daran zweifeln!"

Hannas glutvolle Aufwallung hatte auch ihn mit fortgerissen. War die starke, inbrünstige Liebe dieser Frau nicht ein Geschenk, das er nicht leicht­fertig preisgeben durfte?

Würde im steten Beisammensein mit Hanna seine Liebe zu ihr nicht wieder zu ihrer alten! Stärke und Innigkeit- emporwachsen?

Stefan Helbing wußte, dah er sich belog. Aber der wehmutsvolle Zauber dieser nächtlichen Stunde lieh alle zweifelnden Gedanken in ihm verstummen.

XI.

Frau Elsbeth Jason war mit sich zufrieden. Ihr energisches Vorgehen hatte, wie von ihr er­wartet, Erfolg gehabt: Lotte schien von ihrem Eigensinn gründlich geheilt zu sein; seit jener Aussprache, in der es hart auf hart gegangen war, zeigte sie sich Dr. Kröger gegenüber erheb­lich zugänglicher als vorher.

Es wäre noch schöner gewesen, wenn dieser Hei- ratsplan, den sie, Elsbeth Jason, mit vieler Mühe «ausgeklügelt hatte, zu Wasser geworden wäre! Ihr Mann hätte ja sehr rasch nachgegeben; ein Glück, dah s i e bte ihm fehlende Zähigkeit besah! Männer waren überhaupt nicht halb so stark und energisch, wie sie sich immer einbildeten...

Fritz Jason öekarn das in diesen Tagen oft von seiner Frau zu hören. Er hatte dann immer ein unmerkliches Lächeln im Gesicht, stimmte aber mit auffälliger Bereitwilligkeit Elsbeths Ansicht zu.

Rur einen Rat möchte ich dir geben, Elsbeth: Treibe Lotte nicht! Lasse ihr Zeit! Bei ihrer Ju­gend läßt sich der Entschluh, einen immerhin et­was älteren Herrn zu heiraten, nicht von heute, auf morgen erringen! Das muh sich nach und nach geben; wir müssen da etwas Geduld üben!1*

(Fortsetzung felgt.)