Nr. 164 Zweiter Blatt
Donnerstag, 16. Juli 1931
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Die fiapilalflruflur der deulschen Wirtschaft.
Don Dl d. A. von Tyszta, pwfessor an der Universität Hamburg.
©cra.be in bet gegenwärtigen 3etf des schweren Kampfes unserer Wirtschaft um ihre Existenz wrb eine Darstellung bet Gröhe des Be - ttie66t>crmöflcn6 unb sein er 'Bertel* lung auf b ie einzelnen Wirtschaft--- gruppen unb Größen llassen von 3nterclfc sein. D.r erhalten dadurch toertoolle Einblicke m b-.c Kapira.struktur unserer Wirtschaft: wie z. B. durch Auf Federung des KapitalvolumenS nach her Hanflorbnung ber Bedürfnisse ober durch Aufregung nach ber burchschnittlrchen Kapital- stärke. Ermöglicht wurde und eine solche Erkenntnis burch bie Verarbeitung des bei der Durchführung bes 3ndustr.ebelastungs- unb Aus- hr:nflunqdflcfct)cä vom 33. August 1924 angesam- me.fen Mater alS. Infolgebessen sinb hier unter ..Wirtschaft" nur bie nicht.anbwirtschaftlichen ‘Betriebe (aLso Onbuftrie, Gewerbe unb Han bei. Bericht, Daftwirtfchaft usw.) mit ber weiteren Einschränkung, bah Betriebe mit einem Betriebe- vermögen biS 20 000 Mark ausgeschlossen sinb, verstanben. Ferner muh bemerkt werben, bah ..Betriebsvermögen" hier im steuertechnischen Sinne gemein! ifl; bas zu Derfteuernbe Betriebsvermögen weicht aber nicht selten von ber tatsächlichen Wertgröhe ab. Trotz bieser Einschränkung erhalten wir burch biefe Untersuchung aber ein im ganzen wahrheitsgetreues Zahlenbub unserer Wirtschaft
Danach fte.lie sich im Jahre 1929 — bem letzten Jahr ber Erhebung — baS Betriebsvermögen ber 207 000 untersuchten Betriebe in 3nbuftrie, Handel unb Verkehr. Gastwirtschaft usw. auf 48 Milliarden Mark. 3n bem nachfolgenben Krisenjahr von 1930 bürfte ein nennenswerter Betrag kaum bazugetreten fein, so bah biefe Zah.'enangabc auch für bie Gegenwart gelten kann. Von bieten 48 Milliarden entfallen etwa zwei Drittel, nämlich 32 Milliarden, auf bie 94 000 Beiriebe ber ,.P r o b u k t i v n" (3n* buftrie. einschl. Bergbau. Baugewerbe unb Wasser-. Gas- unb Elektrizitätsversorgung): 6,8 Bluliarben aus die 69 500 Betriebe des W a r e n- Handels unb 9,2 BZilliarben auf bie 43 350 Betriebe ber „übrigen Wirtschaftszweige" (in bet Hauptsache Bankwesen, Verkehr unb Gastwirlschaftsgewerbe). Die hinsichtlich bes Kapitalbebarses ubertagenbe Bebeu- tung ber Produktion kommt hierin zum Aus- brud. Aus einen Betrieb kommt ein durch- schnittliches Betriebsvermögen: in ber Probuktivn von 340 000 Mark, im Warenhanbel: 98 000 Mark, in ben „übrigen Wirtschaftszweigen" 212 000 Mark.
Zwischen ben einzelnen Wirtschaftszweigen innerhalb ber bret großen Wirtschaftsgruppen ergeben sich recht beachtenswerte Unterschiebe. Als kapitalkräftig st er Wirtschasts» zweig innerhalb ber ..Probuktivn" steht mit 4 Milliarden Betriebsvermögen bas Vah- rungS - unb Genuhmittelgewerbe an erster Stelle. Es folat in nur geringem Ab- ftanb bie Tertilinbustrie (3.7 Milliarben), an brütet Stelle kommt bie lebenswichtige B e r - forgungswirtschast (Wasser. Gas, Elektrizität) mit 3,5 Milliarben. an vierter Stelle stehen mit je 2,9 Milliarben Maschinen-, Apparaten-, Fahrzeugbau unb chemische 3 n b u st r i e. Ein Betriebsvermögen mit über 2 Milliarden weisen noch bic Wirtschaftszweige Bergbau (2.2 Milliarben» unb Bergbau in Kombination mit anberen Werken, meist Hütten (2.3 Milliarben), auf. Zwischen eine bis zwei Milliarben stellt sich bas .Kapital- Volumen in ber Papierinbustrie einschl. Vervielfältigung (1,6 Milliarben», sowie in ber 3 n b u st r i e ber Steine unb Erben unb in ber Elektroindustrie (je 1.5 Milliarben). An eine Milliarde reicht bas Betriebsvermögen in ber Bekleidungsindustrie heran.
Schon biefe Gegenüberstellung läht eine Abstufung bes KapitalvolumenS nach ber Dringlichkeit ber zu befriebigenben Bebürfnisfe er
kennen. Voch klarer tritt biefe aber hervor, wenn man bic gesamte Wirtschaft (Probuktivn. Warenhande. unb übr.ge Wirtschaftszweige» zu- sammenfaht. Dann ergibt sich biefe Vechenfolge ber Kapitalinvestition nach ber Rangordnung ber Bebürfnisfe. in Betrieben, bie für bie Befriedigung unseres bringlichen Bebürfniffed ber Ernährung tätig sinb. ist ein Betriebsvermögen von 6.9 Milliarben investiert, in Betrieben, bie un» mit Betreibung versehen, em solches von 6.1 Milliarben. in Betrieben, bic ber Beschaffung unterer Unterkunft (Wohnung» bienen: 3.4 Milliarben. Zu biefen btei grcchen, ben dringlichsten Bcbarf bedenben Gruppen müssen ttrr aber noch bas Betriebsvermögen in ber Urproduktion fBergbau. Hüttenwesen ein- schliehlich Handel mit biesen Produkten) mit 6.2 Milliarden und das in den lebenswichtigen Versorgungsbetrieben (Wasser, GaS, Elektrizität» investierte Vermögen mit 3,5 Milliarden rechnen. Dann stellt sich daS Betriebsvermögen in den Wirtschaftszweigen, die der Befriedung des reinphysiolvgifchenBe- d a r f s in weiterem Sinne dienen, auf fast 26 Milliarden, also auf mehr a l s die Hälfte des gesamten Betriebsvermögens. Würde man noch die landwirtschaftliche Produktion hinzunehmen, würde sich das Gewicht der „Vah- rungswirtfchaft". da das landwirtschaftliche Betriebsvermögen im Sinne dieser Untersuchung auf mindestens 9 bis 10 Milliarden zu veranschlagen ist, noch beträchtlich erhöhen.
Von den übrigen Wirtschaftszweigen steht das Betriebsvermögen im „Geld-. Bank- unb Börsenwesen" mit 3.3 Milliarden an erster Stelle. Diese Wirtschastsgruppe nimmt in der Rangordnung der Bedürfnisse eine Sonderstellung ein; denn wenn sie auch nicht physiologisch notwendige Bedürfnisse dedt. so ist doch das ordnungsmäßige Funktionieren gerade dieses Wirtschaftszweiges eine unerlähliche Voraussetzung unseres Kullurdaseins. 3n den Betrieben, die der Deckung des mehr materiellen Kultur- b e d a r f s , einschließlich des Luxusbedarfs dienen — chemische und elektrische 3ndustrie. Maschinen-. Fahrzeug-, Metallindustrie, Schmuck- sachenindustrie. Holz-, Leder- und Kautschukgewerbe einschließlich dem Handel mit diesen Erzeugnissen — sind 12,5 Milliarden investiert, also ungefähr halbsoviel als in den Wirtschaftsgruppen. die den physiologisch dringlichsten Bedarf beden. aber fast noch einmal so viel wie in den Wirtschaftszweigen, die dem Vahrungs- bebürfnilfe dienen. Ein Zeichen, in welcher Weise die Kultur gegenwärtig extensiv ausgebreitet ist. d. h. weiteste Schichten des Volkes erfaßt. Bimmt man das Verkehrswesen mit 2.3 Milliarden noch dazu, so erhält man ein Kapitalvolumen von fast 15 Milliarden, das zur Befriedigung unserer materiellen Kulturbedürf- nisse Verwendung findet. Sehr erheblich geringer ist das Kapital, das in den Betrieben investiert ist, die geistigen K ul t u r b e ö ü r f - nissen dienen — Ver.agsgewerbe und Buchhandel, Papier-, Vervielfältigungsgewerbe, Theater, Musil, Schaustellungen. Musikinstrumentenindustrie —: nämlich nur 2,4 Milliarden. 'Rechnet man hinzu noch das Gesundheitswesen, so erhöht sich das Kapital auf 3.0 Milliarden. Schließlich sei noch das Versicherungswesen mit einem Kapital von 360 Millionen genannt. Vicht enthalten sind in dieser Aufgliederung ber Ein- und Ausfuhrhandel (183 Millionen), der Gemischtwarenhandel (Warenhäuser) mit 500 Millionen, der Handel mit Altmetall und Trödelhandel (50 000 Mark).
Ein ganz anderes Bild ergibt aber die Betrachtung des durchschnittlich auf einen Betrieb entfallenden Vermögens. Dann zeigt sich die Urproduktion als der weitaus kapitalkräftigste Wirtschaftszweig: im Bergbau entfallen auf einen Betrieb 4,4 Millionen. in den kombinierten Betrieben sogar
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3m Nationaldenkmal bei Tannenberg wurde von der Rcichsoereiniaung ehemaliger Kriegsgefangener ein Denkmal eingeweiht, das den in der Kriegsgefangenschaft gestorbenen deutschen Kriegsteilnehmern gewidmet ist.
37,7 Millionen. An zweiter Stelle steht die chemische 3ndustrie mit einem durchschnittlichen Betriebsvermögen von einer Million; es folgen die Versorgungsbetriebe (Wasser. Gas. Elektrizität» mit 710 000 Mark, die Eisen» und Kautschukmdustrie mit je 680 000 Mark, die elektrische 3ndustrie mit 590 000 Mark, die Maschinen- und Fahrzeugindustrie mit 560 000 Mark, die Textilindustrie mit 510 000 Mark. Zwischen 250 000 Mark und 500 000 Mark liegt das durchschnittliche Betriebsvermögen in der Papier-, Leder- und Spielwarenindustrie, zwischen 100 000 und 250 000 Mark in der 3nbuftrie der Steine und Erden, der Metallwarenindustrie. Holz- und Bekleidungsgewerbe unb Nahrungsmittelindustrie (157 000 Mark»; am geringsten ist es im Baugewerbe mit 90 000 Mark.
3m Warenhandel entfällt auf einen Betrieb durchschnittlich weit weniger Betriebsvermögen. Hier steht der Handel mit Bergwerksprodukten (236 000), bet Gemischtwarenhanbel (Warenhäuser) mit 180 000 Mark unb ber allgemeine ©in- unb Ausfuhrhandel mit 200 000 Mark an ber Spitze. 3n fast allen anderen Handelszweigen hält sich das durchschnittliche Betriebsvermögen unter 100 000 Mark.
Sehr erheblich kapitalkräftiger sind dagegen die Betriebe in ben sogenannten „übrigen Wirtschaftszweigen". 3m Seeverkehr hat ein Betrieb im Durchschnitt 1,7 Millionen, im Landverkehr 814 000 Mark, im Luftverkehr 890 000 Mark auszuweisen. 3m Geld- und Bankwesen entfallen auf einen Betrieb 740 000 Mark, im Versicherungswesen 700 000 Mark, im 3mmobilienhandel 470 000 Mark. Dagegen im Gastwirtsgewerbe hat ein Betrieb nur 60 000 Mark, im Theaterwesen 140 000 Mark und im Verlags- und Buchhandel 120 000 Mark.
Zum Schluß noch ein Wort über die Unter- nehmungssormen. Scheidet man zwischen persönlichen Unternehmungen und Gesellschaftsunternehmungen, so stellen der Zahl der Betriebe nach die ersteren mit über 80 Prozent das Ha up Kontingent. Dem investierten Betriebsvermögen nach sind sie aber nur mit 35 Prozent beteiligt. Denn von den 48 Milliarden entfallen nur 17 Milliarden auf die persönlichen Unternehmungen, dagegen 22.8 Milliarden auf bie Aktiengesellschaften. 5.1 Mil
liarden auf die Gesellschaften mit beschränkter Haftpflicht. 370 Millionen auf Genossenschaften, und 2,9 Milliarden sind in öfsentlich-rcchslichen Betrieben investiert. 3n den Gesellschaften über- toiegen auch die Großbetriebe. Von den Aktiengesellschaften sind 71 Prozent ber Betriebe solche, die ein Kapital von über fünf Millionen besitzen, 25 Prozent dieser Aktien betriebe verfügen über ein Kapital von 500 000 Mark bis fünf Millionen. Dagegen in den persönlichen Unternehmungen haben nur 6 Prozent ein Vermögen von über fünf Millionen. 29 Prozent ein solches von 500 000 Mark bis fünf Millionen, aber 65 Prozent ein solches unter 500 000 Mark. Die Tendenz zur Vergesellschaftung der Großbetriebe und Konzentration ber Kapitalien kommt in diesen Zahlen deutlich zum Ausdrad. Zwischen den drei großen Wirtschaftsgruppen ergeben sich aber hier beträchtliche Unterschiede. 3cne Kapitalkonzentrativn und Vergesellschaftung tritt eigentlich nur scharf in der „Produktion" unb den „übrigen Wirtschaftszweigen" hervor. 3n diesen verfügen bie Gesellschaften über 58--63 Prozent bes Vermögens, die persönlichen Unterneymungen aber nur über 29 Prozent. 3m Warenhandel bagegen liegen 75 Prozent des Betriebsvermögens in ben Händen der persönlichen Unternehmungen.
Furchtbares Autounglück bei Burgsolms.
Vier Personen getötet.
Wetzlar, 15. 3ulL (wsn.) Lin furchtbares Autounglück hat sich heute gegen 18 Uhr in dem benachbarten Burgsolms ereignet An btm Ortsausgang nach Oberndorf wird die Straße durch die Bahnlinie Wetzlar — Grävenwiesbach geschnitten: der Uebergang ist nicht geschäht. Das Auto des Bauunternehmers Demmer aus Philippftein bei Braunfels, das mit fünf Personen beseht war, wurde von einem in Richtung Wetzlar fahrenden Güterzug erfaßt, 150 Meter bis auf eine über den Solrnsbach führende Eisenbahnbrücke mitgeschleift und o o l l k o m -
Oie Insel Zypern.
Don Leo Matthias.
3ch hotte von Zypern schimmernde Dorstellun- gen. Auf Zypern ift Aphrodite geboren — Ana- dyomene, die „aus dem Schaum geborene". Aus Zypern kam das Kupfer und der weiße Pfirsich. Aus Zypern kam der Blumenkohl und jener Esel, der auf allen Zuchtviehausstellungen prämiiert wird. Was das für eine Welt ist, dachte ich, die [o verschiedene Dinge wie die schönste Frau und den schönsten Esel ber Menschheit geschenkt hat.
3d) sah auch gleich am ersten Tag auf ber 3nsel Esel, Blumenkohl unb allen anberen Reichtum, wie Fettschwanzschafe, Johannisbrot unb Schwefelkies. Aber von ber Welt ber Aphrodite waren nur die weißen Schaummaffen geblieben, bic aus ben Fructifikationsprobukten niederer Organismen bestehen, und bie ber Winb im Frühjahr vom Meer zum Straub weht.
Bei meiner Ankunft sah man jedoch nicht einmal diesen Schaum. Bor mir lag nur die Küsten- stadt Lamaca. bie Küstenstabt Limassol — beibe: ohne Häfen, ohne Umgebung; ein Rest, noch ein Rest.
Dor allem ber Eindruck von ßarnaca war jämmerlich. Das 3ntcreffantefte in dieser Stadl war noch ber deutsche Konsul. Dieser Mann, ein reicher Grieche, besitzt bie schönste Sammlung zyprischer Altertümer unb bie einzige vollstänbige Zy- pernbibliothek. Man finbet nicht bei jedem deutschen Konsul Bücher, unb bie Tatsache ist daher erwähnenswert. Wenn Herr Pieribes — bi es ift fein Rome — durch die Straßen fährt, wird er von ben Polizisten gegrüßt, unb bie Bauern erheben sich
Es herrschen auf bieser 3nsel — bic seit 1878 England gehört — noch patriarchalische Zustände.
Soziale Probleme gibt es nicht. Die Menschen sind primitiv unb ihre Geräte sinb es auch. Es wirb mit einem Holzborn gepflügt, mit einer Sichel geschnitten unb bas Dreschen sogar noch durch einen Schlitten bewerkstelligt. Um den Schlitten zu beschweren, setzt man auf bas Holzbrett ein Kinb, unb um ihn zu bewegen, spannt man zwei Ochsen baoor.
Es ist trostlos, burch bie weitere Umgebung von Larnaca ober Limasiol zu fahren. Die Erde liegt ba: weiß, schlaff unb etwas hügelig wie eine Wüste. Ein Grasbüschel ift eine Sensation. Es
gehört zu dieser Landschaft, baß Kamelkarawanen bie Chausseen hinunterschleichen, unb baß auf ben Telegraphenstangen tropische bfaufeibige Vögel sitzen, die unter dem gleichgetönten Himmel im Flug unsichtbar werden. Die Bilder sind vollkommen afrikanisch. Unter bem vorgestellten Strohbach ber kleinen Autostationen, bie man alle 20 bis 30 Kilometer antrifft, liegen bie Leute ausgestreckt auf Stühlen unb haben den Tropenhut über bas Gesicht geschoben.
Erst wenn man von bem Küstenstreifen nach bem 3nneren abbiegt, änbert sich bas Bild. Es beginnt langsam ansteigend, bas Troobosgebirge, bie höchste Erhebung bes Orients. Man sieht Bäume, auf einmal sogar einen tiefen Walb.
3d) fuhr mit einem jungen Zyprioten, der hier, in diesem Wald unb in biesem Gebirge, noch nicht gewesen war, unb ber angesichts der Baummassen mich fragte, ob bie Schwei,; schöner sei. Er könne sich bas nicht denken. Unb der Chauffeur brachte mir ganz entzückt einen Zweig unb meinte, ich müsse ihn gut verwahren. Er sei von einem sehr seltenen Baum.
3d) betrachtete den Zweig. Es war eine Tanne.
Die Begeisterung der beiden Zyprioten erreichte ihren Höhepunkt, als wir noch etwas höher hinauf- suhren bis über die 2000-Meter-Grenze. 3n einigen tiefen Mulden lag noch etwas Schnee. Der Chauffeur bat mich erregt um meine Thermosflasche. Er wollte seinen Kindern durchaus etwas Schnee mitbringen.
Die Welt dieses Troobosgebirges ist in der Tat schön. Man sieht einen Harz ohne Wege, Milch- buden und Hotels; ben Harz mit 2000-Meter-Ber- qen, Karrakaksa-Bögeln, großen Eidechsen und Fröschen, Mufflons und Adlern und etwas Schnee unter bem tropischen Himmel. Vielleicht hat der Harz einmal lange vor der Gründung Berlins so ausgesehen.
Die Stille ist in diesem Gebirge dicht und hörbar. Die Dörfer sind selten. Es gibt nur einen einzigen kleinen Kurort nahe bei einigen Bungalows und Wellblechbaracken, die während des heißen Sommers vom Gouverneur und englischen Beamten bewohnt werden. 3m übrigen gibt es nur hier und da ein Kloster.
Das reichste dieser Kloster ist das von Kykkou. 3ch habe dort zweimal übernachtet. Das Kloster ist auf Zypern noch eine Herberge. Es ist — wie in allen Klostern — für die Aufnahme nichts zu be
zahlen. Man überläßt es dem Gast, wieviel er dem Opferstock geben will.
Man kann an diesem Fleck der Welt besser als an irgendeinem anderen die Sitten und Gebräuche studieren, die im 4., 5. und 6. Jahrhundert üblich waren. Die zyprische Kirche ist unabhängig, und cs hat sich in ihr vieles, was in ber römischen unb in ber griechisch-orthodoxen Kirche verloren gegangen ist, erhalten. Zu ben Kuriositäten gehört, baß ber Erzbischof von Zypern, ber ben Rang eines Patriarchen hat, bas ausschließliche Recht besitzt, mit roter Tinte zu schreiben — ein Recht, bas einstmals nur ber Kaiser von Byzanz befaß. Ein Kuvert, mit roter Tinte beschrieben, ist baher noch heute die beste Empfehlung, die man auf Zypern bekommen kann. Aber das Kuvert stammt nicht immer vom Erzbischof. Die Engländer wollten hinter diesem geistlichen Ober- Haupt nicht zurückstehen, unb ber englische (Sou- oerneur schreibt seine Empfehlungsbriefe daher auch mit roter Tinte.
Das Kloster Kykkou ist — abgesehen von der Hafenstadt Famagusta, in der sich noch gottsche Ruinen aus der Zeit der Lusignans befinden—, der romantischstc Ort der 3nsel. Aber es sind rvmanttsche Enklaven. Zypern selbst ist nicht romantisch. Dicht nebelt Kykkou, in Amiantos, liegt die drittgrößte Äsbestmine der Welt.
Das Bild dieser Mine ist für mich das unvergeßlichste geblieben, was ich von der 3nsel mitnahm.
Man kommt auf gewundenen Straßen an und steht plötzlich in der vogellosen Einsamkeit des Gebirges vor einem Berg, der dampft. Weiße Schwaden, die nicht Rauch, sondern Staub sind, steigen nebelgleich in die Höhe, und nur durch die Luftlöcher sieht man, daß unter dielen Wolken breite, ansteigende Terrassen liegen, die plötzlich abbrechen und dann irgendwo an einer anderen Höhe weiterführen. Erst wenn man die Wolken hinter sich hat, erkennt man, den Berg hinauf, Menschen. Auf einer Fläche, die vier- bis fünfhundert Meter ansteigt, stehen achttausend Arbeiter und brechen mit Spitzhacken das weiche Kristall aus der Wand. Dreht man sich um, erblickt man ganz in der Ferne das Meer und, unter sich — zwischen den Terrassen und ungeheuren Halden verstreut unb ganz verschluckt von dem geöffneten Berg —: die Asbest- mühlen und die Häuser, in denen die achttausend Menschen wohnen.
3ch fuhr von hier aus nach der Vordküste. an der die reizvollste Stadt von ganz Zypern, Kerynia, liegt und von dort durch die große fruchtbare Ebene, die Mesfauria, nach Vikosia, der Hauptstadt.
3ch sah hier zum erftenmal auf dieser 3nsel die Engländer. Denn in Larnaca — einer Stadt von etwa 15000 Einwohnern — leben nur drei, in Limassol auch drei und in den anderen Städten noch weniger oder gar keine. Hier aber, in Vikosia, sah ich einundsechzig. Diese einundsechzig Menschen plus den paar übrigen regieren über die 350 000 Zyprioten. Sie stolzieren in ihrer Tropenuniform, die die Knie freiläßt, arm* schlenkernd durch die (Straßen und begrüßen sich und Fremde mit dem obligaten, heiteren Halloh. Sie sind als Gastgeber und als Fremde hier wie überall bewunderungswürdig und beliebt. Aber als Politiker sind sie auch hier unbeliebt, obgleich die meisten Vorwürfe, die man ihnen macht, unhaltbar find.
Sie haben der 3nsel schon 1881 eine Art von Parlament gegeben und die Verwaltung ist im allgemeinen rücksichtsvoll. Politische Versamm- lungen z. B. find niemals verboten worden, obgleich diese Versammlungen immer nur einberufen werden, um wieder einmal die Vereinigung Zyperns mit Griechenland zu fordern. Zypern ist zwar niemals - selbst in der Antike nicht — griechisch gewesen, aber die griechisch sprechende Bevölkerung hindert das nicht, von einer „Vückkehr zum Mutterland" zu sprechen. Die Engländer lassen es geschehen. Man hat sogar nichts dagegen, daß bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit dir griechische Flagge gehißt wird.
Man weiß auf beiden Seiten wie das gemeint ist. Denn als das Unwahrfcheinliche geschah, und England 1914 Zypern in der Tat Griechenland anbot, fuhr den Zyprioten der Schreck in die Glieder, und sie waren froh, daß Griechenland die 3nfel auSschlug.
Man lann daher auf Zypern an allen Feiertagen und bei allen politischen Demonstrationen das komische Schauspiel erleben, daß über die ganze 3nsel die blauweiß-gestreiften griechischen Fahnen wehen, und darunter die Herren des Landes still und versonnen spazierenfahren


