Ausgabe 
16.4.1931
 
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Oie Zeugenvernehmung im Kürten-Prozeß

Neuer Konflikt zwischen Danzig und Polen.

Rücktriitsge uch des Polnischen diplomatischen Vertreters in Danzig.

Danzig, 15. April. (WTB.) QEv i'tcr Stras­burger, der Leiter der diplomatischen D:r- . tretung der Republik Polen in Danzig, hat heute sein Rücktrittsgefuch eingereicht mit r. der Begründung, daß nach den Dorgangen der letzten Zeit die Sicherheit der polni- f schen Bevölkerung in Danzig nicht mehr gewährleistet sei. Strasburger soll in seinem offenbar demonstrativen Rücktritts­gesuch unter anderem erklärt haben, er sehe keinerlei Möglichkeiten mehr, die polnische Be­völkerung auf dem Gebiet der Freien Stadt Dan­zig vor der Willkür nationalsoziali­stischen Mutwilsens zu schützen. Der Rück­tritt Strasburgers stehe, wie einige Regierungs­

blätter wissen wollen, vor allen Dingen damit in Zusammenhang, dah die Berusungsver- Handlung gegen den Mörder des polnischen Eisenbahnbeamten C z e r b i ck i trotz gegenteiliger Versprechungen des Senatspräsidenten Dr. Ziehm von der Staatsanwattschaft unmöglich ge­macht worden sei. Ferner würden auch Heber- fälle äus Polen, trotzdem man von polnischer Seite die Sternen der Täter den Danziger Be­hörden bekannt gegeben hätte nicht geahndet.

Der Fall Strasburger gibt der halbamtlichen AgenturPreß" die willkommene Gelegenheit zu der Feststellung, daß Danzig Sitz der An­archie sei, die durch die Umtriebe der nationa­listischen Kampfverbände und unter Einwilligung des Senats hervorgerufen werde. Danzig sei die Hochburg des Rationalsozialisinus

Düsseldorf, 15. April. (WTB.) In der heittigen Verhandlung gegen den Mörder Kür­ten wurde die O e f f en tl i ch ke i t wieder­hergestellt. Der Vorsitzende richtete an den Angeklagten die Frage, ob er Reue über seine Taten empfinde. Kürten erklärte:Ich kann versichern, baß ich das tiefste Bedauern mirt: den armen unglücklichen Opfern, besonders den Kindern, habe und daß ich meine Taten aufs tiefste verabscheue. Ich möchte bemer­ken, dah ich heute vollkommen ernüchtert bin von dem Zustande, in dem ich mich damals be­fand. .

Als erster Zeuge wurde Kriminalkommissar Opladen vernommen, der die ersten Feststel­lungen in der Mordsache traf. Der Kriminalkom­missar sagt aus, er habe auf dem Boden ein blutiges Taschentuch gefunden, das P. K. ge­zeichnet war. Dieser Llmstand lieh den Verdacht auftauchen, dah der Vater der Christine Klein der Täter sei. Sodann wurde Kriminalrat Mom­berg darüber vernommen, wie Kürtens Spur durch, einen Brief seines letzten Opfers, Maria Butlick, an eine Frau Brückner gefunden wurde. In dem Briese schilderte die Butlick den LleberfaN Kürtens, und aus dieser Schilderung erkannte die Polizei, dah der Täter der lang gesuchte Mörder sein muhte. Unter dem Beistände der Butlick wurde der Rame und die Wohnung des Täters sestgestellt und dieser verhaftet. Momberg erklärte weiter, Kürten sei eine Stunde nach der Festnahme an die Tatorte geführt worden, habe dort die Art der Ausführung seiner Taten ge­schildert und auch angegeben, wie er zu den Tat­orten gelangt sei und sich wieder entfernt habe. Auf eine Frage des Verteidigers erklärte der

Hochschulnachnchten.

Professor Dr. Fritz Schulz in Bonn hat den an ihn ergangenen Auf auf den Lehrstuhl des römischen und bürgerlichen Rechts an der Uni* versität Berlin als Nachfolger des Geheimen Iustizrats Th. Kipp angenommen.

Ernannt wurde der nichtbeamtete außerordent­liche Professor Dr. Alfred Seiffert von der Unioerfität Berlin zum ordentlichen Professor für Ohren-, Rasen- und Halskrankyeiten an der Universität Kiel als Rachfolger von Professor QL Zimmermann.

WHP. Darmstadt, 15. April. Präsident Delp eröffnet die Sitzung um 10,15 Uhr zur Fortsetzung der Generaldebatte zum Etat 1931.

Abg. Neibsr (©em.)

spricht der Regierung die Anerkennung für den ausgeglichenen Etat aus. Diese Anerkennung wird nicht geschmälert durch die Methoden, tote man das Defizit beseitigte, die wir vielfach nur schwer mitmachen konnten. Die Zeit für Steuer­erhöhungen muh jetzt vorbei sein. Die Zeit ist reif für eine Ueberprüfung des Finanzausgleichs zwischen Reich, Ländern und Gemeinden. Die bisherigen teilweisen V e r - schiebungen in Hessen zu ungunsten der Kom­munen dürfen nicht fortgesetzt werden. Die Beamtenschaft hat für den sechsprozentigen Gehaltsabzug Verständnis aufgebracht, weitere Einbrüche in die Rechtssphäre ter Beamtenschaft machen wir nicht mit. Für Beamte, die den heu­tigen Staat und seine Verfassung ablehnen oder gewaltsam ändern wollen, ist kein Platz in der

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Fortsetzung der Eiatsdebatte im Hessischen Landtag.

und die Inschrift besagt, dah Senat und Volk der Stadt Alkmaar (nach langen Jahren der Abhängigkeit) das Recht zum Wiegen wieder hergestellt hätten das Recht nämlich, Käse zu wiegen. Die jungen Amerikanerinnen kommen und zerstören alle Feierlichkeit mit ihren Ka­meras, sie knipsen die Käschausen, die Waagschalen und das Haus mit den Kanonenkugeln des Herzogs Alba, sie knipsen die Zugbrücken, die Grachten und die langen hölzernen Rinnen, auf denen, ähnlich einer Kegelbahn, die Käsekugeln Stück für Stück ins Innere der Lastkähne rollen, sie knipsen sämtliche Spätgotik, die Dauern, die Mauern und die Paraffinfässer, in denen die ursprünglich gelben Käsekugeln für die Ausfuhr nach Deutschland rot gefärbt werden. Und sie knipsen die Markthelfer.

Die sind von Kopf bis Fuß in schneeweißes Leinen gehüllt. Schatten spenden ihre mächtigen Kalabreser, breitkrempige Strohhüte in grün, rot, blau und gelb. In solchen Farben sind auch die Darren lackiert, auf denen sie Käse tragen, und die Waagschalen, in denen sie ihn wiegen. Man würde sie aber schwer beleidigen, glaubte man, daß diese Farbenskala auf Zufall beruhe. Der Klub der Käseträger unterliegt vielmehr strengen Gesetzen, er ist in farbentragende Körperschaften eingeteilt und die Farben dienen der Organisa­tion: Gruppe rot trägt nur auf roten Barren und wiegt nur in roten Schalen Gruppe grün nur in grünen usw. Auf jede Farbe entfallen sechs Mann. Der Klub darf niemals mehr als 24 Mitglieder zählen, und wenn ein Mitglied stirbt, tritt automatisch der männliche Erbe an seine Stelle. So entstand ein Geschlecht von Käseträgern, das nicht weniger traditionellen Stolz besitzt als eine alte Adelsfamilie. Es ist der Adel von Alkmaar.

Harte Fäuste umspannen die Griffe des Käse­barrens. Auf den Schultern aber lastet gewaltig die Derantwortung. Es gibt unter 24 Mit­gliedern einen Präsidenten und vier Groß­meister, deren Würde durch ein silbernes Ordens­zeichen weithin erkennbar ist, es gibt Markt­meister, Waagmeister und Präsidenten-Waag- meister, deren Abzeichen eine kleine goldene Waage darstellt, und schließlich gibt es den Profoß mit seinem Gehilfen. Der muß die nie­deren Dienste verrichten den Käsekugeln nach­laufen, die auf dem leicht abschüssigen Marktplatz eine private Spritztour unternehmen und berg­abwärts rollen. So ist er ständig auf den Deinen.

Die Alkmaarer Markthelfer leben zusammen in besonderen Häusern, wo sie mit ihren Familien

Oie Käseträger von Alkmaar.

Ein holländischer Exzentric-Klub.

Don Georg Biesenthal.

S?zentric-Klubs sind kern Patent der Briten. Die stellen zwar, was Seltsamkeit und^Splee- nigfeit betrifft, einen gewissen Höhepunkt dar, und sie sind unermüdlich und unübertrefflich im Erfinden neuer ausgefallener Klub-Parolen. Merkwürdige Klubs aber gibt es auch anderswo, und bei näherem Zusehen entdeckt man sie sogar in jenem Land, das für Scherz, Satire, Ironie sonst wenig Sinn besitzt: in Holland. In Amster­dam tagt einKlub zu den 16 Facetten", der die Elite ter Diamantenschleifer umfaßt; der alte Fischhafen QJmuiben kennt einen Klub derIs­landfischer", die Island freilich noch niemals gesehen haben; und die Blumenzüchter von Haar­lem gehen jeden Freitag in dieSchwarze Tulpe". Hier gewährt eine schwierige Züchtung das Recht zur Mitgliedschaft diese Blumenzüchtung muß etwas unbedingt Reues dar stellen, eine eigene Erfindung, und da der Klub mit solcher Opfer­gabe, die er auf eigene Kosten aus der Zwiebel weiter fortzüchtet und sich vermehren läßt, einen hohen Gewinn erzielt, bleiben die Mitglieder lebenslänglich von jeder Beitragszahlung befreit.

Alle diese Gruppen sind keine Derbände oder Genossenschaften mit irgendwelchen wirtschaftlichen Zielen. Es sind Klubs im echten Sinne te8 Wor­tes, und sie dienen der Aufgabe, Männer unge­wöhnlicher Berufe freundschaftlich zu binden, den trüben Alltag nach bestimmten Satzungen bestmöglich zu vergolden.

Ein schont Dorbild zu solcher Gestaltung bieten Helfer und Lastträger auf dem Markte zu Alkmaar. Allmaar ist nicht berühmt in der Welt, und doch ist es ein einziger Handelsplatz für Hollands beliebtesten Exportartikel: für Eda­mer Käse. 300 000 Kilogramm Käse werden an einem einzigen Markttag hier umgesetzt, den Klub der Alkmaarer Markthelfer aber wird man nur dann verstehen, wenn man Alkmaars Geist ver­steht.

Denn dieser Klub erklärt sich aus seinem Mi­lieu, das eine Mischung von politischer Tradition, alter Kaufmannswürde und Fremdenverkehr ist In einem Bürgerhaus am Markt stecken noch die Kanonenkugeln des Herzogs Alba, der einst­mals diese Stadt mit Fehde überzog, und der uralte Turm, der die Waagschalen beherbergt, trägt eine Tafel aus den Zeiten der Vorväter,

um dem Dämon, den man als Veranlassung an­nahm, Gelegenheit zu geben, aus dem Innern deS Schädels zu entweichen. Wenn der Patient nach Vornahme dieser Operation am Leben blieb und geheilt wurde, dann verehrte man ihn als einen Helden. Starb er aber daran, dann wurden Teile seines Schädels dazu verwendet, um sie als Amulette gegen die Krankheit zu tragen. Die vor­geschichtlichen Werkzeuge, die zur Trepanation verwendet wurden, waren verschiedenartig; sie bestanden aus Feuersteinmcllieln, Obsid'.anbohrcrn und aus zugespitzten Haifischzähnen. Dr. Parry hat solche vorgeschichtlichen Instrumente nachge­bildet und für seine Operationen an modernen Schädeln benutzt. Er hat vier verschiedene Me­thoden festgestellt. Die erste bestand darin, daß mit Hilfe eines spitzen Steins ein Loch in den Schädel gebohrt wurde; zur Ausführung dieser Operation brauchte er etwa 30 Minuten. Das zweite Verfahren bestand darin, einen Kreis von kleinen Löchern mit Hilfe von Feuerstein- bohrem zu schaffen, und die Knochenteils zwischen den Löchern wurden dann mit Feuer­steinsägen zerteilt. Bei der dritten Methode wurde zunächst mit einem spitzen Instrument eine Rille an dem Schädel angebracht und diese dann mit Sägen vertieft und erweitert. Diese Be­handlung findet sich hauptsächlich an den Schädeln der Steinzeit, die in Frankreich gefunden wur­den. Die vierte Methode ist soweit bekannt, nur bei den vorgeschichtlichen Völkern Südamerikas und den Inkas zur Anwendung gekommen, sie bestand in der Entfernung eines viereckigen Kno­chenstückes, das aus der Schädelseite herausgcsägt wurde, und mußte unbedingt tödlich verlaufen. Am längsten dauerte die Operation bei der Ver­wendung eines spitzen Haifischzahnes, nämlich l3/4 Stunden. Solche Operationen werden noch heute bei den Naturvölkern der Inseln des (Stillen Ozeans vorgenommen.

die große Familie der Käseträger Hilden. Sie haben ihre eigenen Verordnungen und Gesetze, in die keine Polizei etwas dreinzureden hat, sie tagen in ihrem wundervoll alten Klubhaus, sie trinken ein eigens für sie gebrautes Bier - sie bilden die Spitze der Gesellschaft. Die strenge Wahrung dec Tradition wird aber dann erst recht erklärlich, wenn man weiß, dah sie gleich­zeitig ein gutes Geschäft bedeutet. Vom Umsatz des Käses, der doch von ihnen getragen und ge­wogen wird, muß ein bestimmter Prozentsatz an die Klubmitglieder zur Verteilung kommen. Martttag ist nur einmal in der Woche jener Prozentsatz aber ist so hoch, daß der Verdienst des einen Tages genügt, um die übrigen Tage auf der Bärenhaut liegen zu können. Wenn am Freitagmittag um 2 Uhr der letzte Käse, von kräftiger Männerhand geschleudert, an seinen Platz gekugelt ist, das Geschrei der Händler verklingt und die Waagschalen endlich stille stehen, bann schwenkt ber Klub der Käseträger seine Hüte. Die Arbeit ist beendet, die Mttglleder zählen ihr Geld, bann treten sie geschlossen ab. Ein Cvokscher Autobus entführt bie Amerikanerinnen wer. sollte sie auch sonst entführen, bas Verkehrsbureau schließt seine Pforten, und die echt holländischen Frühstücksstuben müssen mit ihren Einnahmen haushalten bis zum nächsten Freitag. Alkmaar versinkt in den Dornröschen­schlaf.

Du aber greifst zum Käsebrötchen. Die roten Kugeln, deren Scheiben du verzehrst, zeugen vom Wirken jenes Klubs. Da wäre keine, bie er nicht getragen ... und keine wäre, die er nicht ge­wogen hätte.

und die Folge davon seien dauernde Heraus­forderungen und Gewalttaten gegen Polen, bie das ganze Gebiet der Freien Stadt Danzig in einen Zu st and höchster Gefahr versetzten.

Vom Danziger Senat wird mitgeteilt: Die Be­hauptung, baß die polnischen Staatsangehörigen in Danzig ohne ausreichenden Rechtsschutz seien, entbehrt jeder Begründung. Jeder pol­nische Staatsangehörige in Danzig genießt genau denselben Rechtsschutz wie die Danziger Staats­angehörigen und wie jeder Fremde. Der Hohe Kommissar des Völkerbundes in Danzig, Graf Gravina, der über alle hier in Detrwcht kom­menden Vorgänge vom Senat eingehend unter­richtet worden ist, hat sich heute abend nach Warschau begeben.

Zeuge, daß der Täter affe Morde, auch die an den kleinen Mädchen, zugegeben habe. Der Zeuge Kriminalkommissar R e i b e I schilderte das erste Geständnis Kürtens; es habe mit den Brandstif­tungen begonnen und sei dann auf bie einzelnen Mordtaten über gegangen, wobei der Angeklagte auch den Vorkriegsmord an Christine Klein ge­schildert habe. Der Zeuge, Kriminalkommissar Wehrmeister berichtete darauf über den Tat- befund im Falle Klein. Danach sei objektiv und einwandfrei festgestellt worden, dah Kürten der langgesuchte Massenmörder sei.

Als weiterer Zeuge bestätigte der Sohn des Zeugen Schwarz bie Angaben seines Vaters. Fräulein Weber, bie den ermordeten Scheer zuerst entbedt hat, berichtete über bie Auffindung ber Leiche. Als Sachverständiger gab bann Dr. Regen st einer eine Schilderung ber Ver­letzungen ber Frau Kühn. 2m Falle O h I i g e r wurde ber 24jährige Bruber Albert vernommen. Der Kriminalbeamte Irr gart berichtete ein­gehend über bie Auffindung ber Leiche ber klei­nen Ohliger. Zum Schluß würbe Stau Schuh­macher vernommen, bie an gab, mit Kürten ge­sprochen zu Haden. Auf ihre Bemerkung, daß bie ganze Sache doch zu grauenhaft wäre, hätte Kürten wörtlich gesagt:Es wird noch grauenhafter. Sie werden noch stau­nen, bie ganze Welt wirb staunen." Beim Fortgehen hätte er geäußert:Sie werden noch an mich denken." Kürten beftritt mit Bestimmtheit, mit dieser Frau gesprochen zu ha­ben. Frau Schuhmacher blieb bei ihrer Aeußerung.

Darauf wurde die Verhandlung geschlossen. Fortsetzung Donnerstag vormittag.

Veits- und Kulttrr-FaschiSmuS der Regierung Brüning mitmache. Bei den Heinen Beamten baut bie hessische Regierung ab, tastet jedoch bie hohe Bureaukratie nicht an. Hier sitzen auch bie Doppelverdiener mit Rebeneinkommen, bie höher sind als das gesamte Gehatt vieler unteren Beamten. An allen Sozial- und Kulturposten sind ungeheure Abstriche erfolgt. Wir lehnen diesen Etat ber Reaktion ab und rufen bas Volk auf zur kommunistischen Revolution.

Abg. Böhm (©oft.):

Die heutige Koalition ist in voller Auflösung begriffen. Die gestrigen Aeußerungen des Abg. Hoffmann (Z.) haben in evangelischen Kreisen Erregung hervorgerufen. Gerade im Augenblick dürfen wir uns den Luxus kon­fessioneller Kämpfe nicht gestatten, um bie Grundlagen des deutschen Volkes: christliche Kirche, christliche Schule und christliche Ehe nicht zu unterhöhlen. Wir bedauern jede Aeußerung, die den konfessionellen Frieden stören könnte. Der uns vorgelegte Voranschlag ist ein Etat der Illusion. Wir blicken mit Genugtuung auf die Leistungen der Hochschule -unb der Universität. Einsparungen bei ihnen müssen daher sorgfältig geprüft werden^Der Staat soll die Erlaubnis zur Rebenbeschäftigung wider­rufen, um Staatsdienstanwärter oder Assessown zu beschäftigen. Seit Jahren lehnt die Koalition unsere Ersparungs- und Resormanträge ab, um sie später als eigene Anträge hervvr- zuholen und anzunehmen. Wir fordern Zwei­kammersystem, Heraufsetzung des WahlalterS, Entschuldung ber Landwirtschaft und Zurückwei­sung der Kriegsschuldlüge.

Abg. Sterner (Nai.-Soz):

Wir unterhalten uns über den Etat in einem Parlament, das zu Unrecht besteht, um ber Weimarer Koalition bie Macht zu erhalten. Durch Zeitungsartikel bes Abg- Kaul (Soz- ist erwiesen, daß über die Besetzung der Prvfesforen- stühle ein Hin- und Herverhandeln zwischen ben Regierungsparteien erfolgt ift Bürgermeister von Mainz unb Staatspräsident haben wieberholt mit tiefem Bedauern festgestellt, baß d a s R e i ch seinen Versprechungen für bas durch die Besetzung schwer geschädigte Rheinhessen nicht Nachkomme. Sie Tatsache, baß von Zentrumsseite Anträge eingegangen sind, ener­gisch bei der Reichsregierung auf besser« Beteiligung Hessens an den Reichs­au f träge n vorstellig zu werden, beweist, daß etwas faul an der Gesandtschaft in Berlin ist. Die heutige Gliederung Deutsch­lands entspricht nicht den Wünschen eines Volks­deutschen Menschen. Meine Anfrage nach ben gezahlten Ministerpensionen ist noch immer nicht beantwortet. Auf bas Wölfersheimer Problem müssen wir beim Etat beS Finanz­ministers eingehen, beim das jetzige Schweigen zu ben Stillegungsplänen der Preußen-Elektra ist bezeichnend. Sie Einführung der Schnell- r i ch t e r habe ich schon vor 20 Jahren gefor­dert. Es wäre besser gewesen, wenn ber Kultus­minister an dem jetzigen Zustand der Päda­gogischen Institute nichts geändert hätte.

Abg. Wolf (fraktionslos)

fordert Einsparungen unb Reform bei allen Verwaltungszweigen unb kritisiert bie Infla- tionsgesehgebung.

Damit ist die erste Rednergavnttur beendet unb das HauS vertagt sich auf Donnerstag zur Fortsetzung der Generalaussprache.

Oie Eintragungen zum Volksbegehren

Berlin, 15.April. (CNB. Gig.Meldg.) Wie bas Bundesamt des Stahlhelms mitteilt, ist eine genaue Angabe der Gesamtziffer ber Eintragungen zum Volksbegehren bei ' der ungeheuren Anzahl von etwa 70 000 Gemeinde­behörden vor Abschluß der Eintragungszeit nicht möglich doch könne bereits so viel gesagt werden, daß die Gesamtzahl in Preußen von ü b e r d r e i Mil­li o n e n beim vorigen Volksbegehren bereits in der er ft en Woche ber Eintragungsfrist dieses Volksbegehrens üb erf chr itten worden fei.

Loslöfungsbeflrebungen in Island.

Auflösung des isländischen Allings.

K o p e n h a g e n, 15. April. (TU.) Das isländische A l t i n g in Reykjawik ist am Dienstag auf Grund einer telegraphischen Botschaft bes dänischen Königs vom Ministerpräsidenten für aufgelöst er­klärt worden. Die isländische Setbständig- teitspartei hatte einen Mißtrauensan­trag gegen bie Regierung eingebracht, der am Dienstagnachmittag verhandelt werden sollte. Da die sozialdemokratische Partei die Aufgabe der ^Neutralität gegenüber der Regierung erklärt hat, mußte mit dem Sturz der Regie­rung gerechnet werden.

Die Meldung von bef Auflösung des isländischen Parlaments hat hier völlig überrascht und wie eine Bombe gewirkt. Der Ausfall ber in zwei Monaten stattfindenden Neuwahl dürfte, wieNationaltibende" schreibt, für bas Perhältnis Islands zu Dänemark entscheidende Bedeutung er­halten. Natürlich würde das Bündnisgesetz eine Hauptfrage des W ah lkampfes werden, zumal die isländische Selbständigkeitspartei eine völlige Iren nung Islands von Dänemark unter Aufheb una der Per­sonalunion vor Ablauf der gesetzlichen vor­geschriebenen Frist zu einem Hauptprogrammpunkt mache. Diese Forderung hätten nunmehr auch die Sozialdemokraten zu ber ihrigen gemacht, die sogar noch einen Schritt weiter gehe, da sie die sofortige Aufhebung des Bündnisgesetzes und die Einführung ber Republik verlangten. Das Blatt schließt:Bekommen diese beiden Oppositions­parteien bei bpr Wahl die Mehrheit, so dürfte die Frage einer endgültigen und vollständigen Tren­nung Islands von Dänemark akut werden."

Beamtenschaft. (Widerspruch.) Das Spargut- a ch t e n hat ein Mann aufgestellt, der Dorkriegs- mäßstäbe an unsere heutige Zeit legt, am vielen Stellen Politik treiben will, kurz Reaktion macht. (Hört, hört!) Die Haltung meiner Freunde zum Pädagogischen Institut enthält keine Spitze gegen die Stadt Mainz und Rheinhessen. Tins leiten andere Motive. Dem befreiten Gebiet muß vom Reich geholfen werden durch Reichs- aufträge usw., und bie Regierung muß hier auf bas energischste bas Reich an seine Pflichten und Versprechen erinnern.

Oie Kommunisten:

Abg. Galm (Komin. Opp.): Die Bilanzierung bes hesiischen Etats unb des Reichsetats ist allein auf Kosten bes Proletariats -erfolgt. Reichs­kanzler Brüning ist der Totengräber ber teut- schen Sozialgesetzgebung, wobei ihn bie Sozial­demokratie noch unterstützt. Wir lehnen den Etat ab. ba er mit den Lebensinteressen bes Volkes Schindluber treibt.

Abg. von ber Schmitt (Komin.) polemi­siert gegen bie Sozialdemokratie, die den Ar-

werde, mehr denn je eine Regierung, die sich auf möglichst breite Volksschichten stützen könne. Es erfülle ihn mit Befriedigung, daß zwi­schen den Parteiführern Einigkeit über das Regie­rungsprogramm bestehe. Er bitte sie daher, das Ein­vernehmen zwischen ben Parteien bis morgen abend herzustellen, damit noch am gleichen Tage bie Bildung der Regierung voll­zogen werden könne. Sollte aber unglücklicherweise, so schloß ber König, diese von mir so heiß ersehnte nationale Einigung nicht zustande kommen, so wird die Verantwortung dafür nicht mich treffe«, da man gewiß mir nachsagen muß, daß ich alle Anstrengungen gemacht habe, die ein Herrscher unter solchen Umständen machen kann.

Die Parteiführer sollen das Schloß in gedrück­ter Stimmung verlassen haben. Der Vorstand ber liberalen Partei beschloß, unter gewissen Bedingungen dem Rufe Titulescus Folge zu leisten. Das Regierungsprogramm Titulescus enthält u. a. eine Reihe von Sparmaßnahmen, wie Ver­einfachung der Verwaltungsreform durch Aufhebung der regionalen Direktorate und die Abschaffung ber autonomen staatlichen Wirtschaftsbetriebe, mit Aus­nahme derjenigen, deren Einkünfte für die Amorti­sierung ber ausländischen Anleihen verpfändet sind.

Vorgeschichtliche Chirurgie.

lieber bie ältesten chirurgischen Operattonen ber Menschheitsgeschichte, über bie Oessnung ber Schäbelhöhle, bie sog. Trepanation, die sich schon bei ben Raturvölkern findet, hat ein eng­lischer Arzt in ISjühriger Tätigk:it eine Samm­lung zusammengebracht, bie sich jetzt in bem Wellcome-Museum für Geschichte ber Medizin in London befindet. Dieser Sammler, Dr. Wilson Parry, hat bie wichtigsten Beispiele vorge­schichtlicher Trepanationen untersucht und ähnliche Operationen an modernen Schädeln durchgeführt, um bie Technik der Vorzeit von Grund auf ken­nen zu lernen. Die Schädelöffnung ist bei den Raturvöllern mit dem Zauberglauben verknüpft. Sie wurde bei Menschen, die an Epilepsie oder schweren Schmerzen im Kopf litten, vorgenommen.