Ausgabe 
16.4.1931
 
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Nr 88 Erste; Blatt

181 Jahrgang

Donnerstag, 16. April |93|

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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nirr Sammelnummer 2251 Anlchnft iür Drohtnach- richten Anzeiger Eieste», pokichecktonw.

Ara-sfurt am Main 11686

Der erste Tag der Republik in Spanien.

Keine Abdankung des Königs

x ftlfone XIII -lbichiedsmanifcst

par^s, 15. April. (IDIB.) Der französische Bol- lchafter In Madrid C o r b I n Hai heute mitgeteill, daß der König nicht formell abgedankl, sondern die Negierungsgewalt lediglich der provi­sorischen Regierung übergeben habe, und zwar b i s zur Entscheidung der oersassuug-

Hönig 211 f o n s XIII.

gebenden Nationalversammlung. Lr habe sich dabei ausdrücklich das Recht Vorbehalten, wieder noch Spanien z u r ü ck z u k e h r e n , falls die Nationalversammlung sich nicht für die Republik entfcheiden sollte.

An der franzLsisch-sponischen Grenze ist das M a n i s e st eingetroffen. das König Alfons, als er Madrid verlassen hat, hinterließ Dieses Manifest lautet:

Vie Wahlen, die am Sonntag ftattfanöen, zeigen mir klar, dah ich heute die Liebe mei­nes Volkes verloren habe. Mein Gewissen sagt mir, doh diese Abneigung keine endgül­tige sein wird, weil ich stets bemüht war, Spanien zu dienen, war doch mein einziges Ziel dos öffent­liche Interesse selbst unter den kritischsten Umständen. Ein König kann sich täuschen, und zweifel­los habe ich selbst bisweilen geirrt. Aber ich weih wohl, doh unser Vaterland sich stets gegenüber Fehlern, denen keine Böswilligkeit zugrunde liegt, grohmütig gezeigt hat. Ich bin der König aller Spanier und ich bin selbst Spanier Ich hätte ver­schiedene Mittel anwenden können, um die könig­lichen Vorrechte ausrechtzuerhalten und meine Geg­ner wirksam zu bekämpfen. Aber ich will alles beiseitelassen, was meine Landsleute in einen mörderischen Bruderkrieg stürzen könnte. I ch verzichte aus keines meiner Rechte, weil sie über meine Ansprüche hinaus ein von der Geschichte angehäuftes Gut sind und weil ich eines Tages frei Rechenschaft über die Verwaltung dieses Schatzes zu legen haben werde. I ch warte den wahren Ausdruck der öffentlichen Meinung des Volkes ab, und bis die Na­tion sich geäuhert hat, sehe ich freiwillig die Ausübung der königlichen Gewalt aus und entferne m i ch aus Spanien, hiermit erkenne ich an, doh Spanien allein Herr feines Geschickes ist. Auch heute glaube ich, die mir durch die Liebe zu meinem Vaterland dik­tierte Pflicht zu erfüllen. Ich flehe Gott an, doh die übrigen Spanier sich ihrer pflicht ebenso lief bemüht fein mögen wie ich

König Alfons in Marseille eingetroffen.

Die lebten'Muflcnblidc asts zpaniichcmBoden

Madrid, 15. April. (WTB.) Bei der Ab­fahrt des Königs aus dem Madrider Palast bökvahrte der Äonig die ihm immer eigene Ruhe. Als die Palastgarde zum letzten Mole präsentierte und ,Es lebe der König!" rief, sprach er wenige Worte: _3d) habe zu beweisen. Daß ich demokratischer bin als jene Leute, die sich dafür halten. Als ich den Ausgang der Wahlen erfuhr, war es mir klar, dah ich nur das Land verlassen oder eine Gewaltaktion provo­zieren konnte. Dos letztere konnte ich nicht tun, weil ich Spanien zu sehr liebe. Es lebe Spanien 1"

Lieber die letzten Augenblicke des Königs auf spanischem Boden wird aus Cartagena be­richtet. Der König begab sich ins Arsenal, wo der Befehlshaber General M a g o z / der Mi- litäraouvemeur, die Stabsoffiziere des Heeres und der Marine sowie die übrigen dort in Garni­son stehenden Offiziere ihn in grober Uniform erwarteten. Der König war ruhig. Er arüftte die Anwesenden. Als er jedoch sprechen wollte, konnte er vor Rührung nur einige Worte hervorbringen. ®r sagte Ich bleibe in der Ueberliefenmg. Der König begab sich darauf in einer Barkasse auf den Kreuzer _Prineive Alfons o"

der Donnerstag um 6 Uhr auf der Reede von Marseille angekommen ist. König Al- sons ist von Bord des Kreuzers an Land gegan­gen und in einem Hotel in Marseille abgestiegen. Er wird um 12 Uhr nach Paris Weiter­reisen.

Die Königin verläßt das Land.

Ankunft in Frankreich

Madrid, 15. April. (WTB.) Der D-Zug nach Hendaye ( ranzösische Grenze), der fahr- planmähig um 10.15 Uhr Irüh aus Madrid ab­geht, luhr heute früh erst um 10.45 Uhr ab. Es waren z w e > Salonwagenangehängt. Die Lokomotive wurde von dem Herzog von Saragossa, der gewöhnlich den Zug des Königs überwacht, geführt. Zahlreiche Persön­lichkeiten des spanischen Hofes batten in dem O-Zug Platz genommen. Die Königin hat in Begleitung ihrer Kinder und ihres Gefolges heute mittag a u f dem Bahnhof Escorial den Zug nach Hendaye bestiegen. Auf dem Dahnhol hatten sich eingefunDen der zurückge- tretene Ministerpräsident Admiral Aznar Gras Romanones, Garcia P r i e t o. General San­jurjo und zahlreiche Vertreter der spanischen Aristokratie. Rach bewegter Verabschiedung im Wartesaal nahm die königliche Familie mit Ge­folge in ztre Sonderwagen Platz Bi^ zur Grenze geben ihr mehrere Persönlichkeiten, darunter General Sanjurjo, das Geleit. Als der Zug die Station verlieh, wurden von einigen Anwesenden Hochrufe auf den König ausgebracht, die von der Ortsbevölkerung mit Hochruien auf die Repu­blik beantwortet wurden.

Der Zug lief um 13.22 Uhr in Bordeaux ein Ein Korrespondent des .Matin" konnte einige Worte mit der Königin wech­sel n. Sie erklärte, der letzte Tag Im königlichen Palais sei schrecklich gewesen. Die Menge habe, von der jungen Freiheit berauscht, die ganze Rächt über laute Kundgebungen veran­staltet Es fei nicht möglich, dah das spanische

Bolk das Kömgspaar verjage. Das spanische Dock sei sich nicht darüber klar, dah es ein Spiel- ball in den Hän-den der Kommuni­sten fei. Dicsc hätten gllc Schuld Der König habe nicht abgedankt, er habe nicht einmal feine Befugnisse übertragen, er ei einfach a b g c r e i fL - Einem Vertreter des .Journal-" erklärte die Königin, eine kommunistische Woge habe alle- hinweggefegt, die Leute seien wie losgelaffen gewesen Wenn das Königspaar in Madrid ge­blieben wäre, wisse lie nicht, was geschehen toän Selbst ihr Leben wäre in Gefahr gekommen. Der König habe nicht an die Armee appelliert und auch nicht an die 10 000 Zivilgardisten sich wenden wollen, die ihm stets die Treu gehalten hätten

Geht Die Kön grfamiste nach Eng a ii>?

London, 15. Apr.l (WTB.) Im Ken­sington Palace, dem Wohnsitz der Mutter der Königin von Spanien, der Prinzess.n Bea­trice von Battenoerg. ist über eine beabsich tigte Uebersiedlung der spanischen Kö­nigsfamilie nichts bekannt. D.r S.ar bringt ein Interview mit einer Persönlichkeit der Londoner City, die mit den Mitgliedern des spanischen Königshauses in enger Fühlungnahme steht und die zu berichten weih. König Alfons habe ichon vor längerer Zeit der jetzt eingetretenen Entwick­lung durch entsprechende Finanz­transaktionen vorgebeugt. Als er vor einigen Wochen nach England gekommen sei, habe et den Crnst seiner Lage gut gekannt. Lt ya^e schon vor einigen Jahren gemuht, dah fein Thron in Gefahr fei. Jetzt habe er zwar seinen Thron Derlo.cn, aber nicht sein Ver­mögen. In Citylreisen wird allgemein an­genommen, dah Alfons und mit ihm die Mit­glieder seines Hofes ihre Gelder aus Spanien herausgezogen und in England angelegt haben. W.e es dazu in gutunterrichteten Lon­doner Kreisen heiht. beträgt das Vermögen de» ehemaligen Königs von Spanien nicht weniger als 70 Millionen Mark

Die SegierunwunWe des neuen Regimes.

Die provisonsche Regierung bis zum Zusammentritt der verfassungsgebenden Nationalversammlung.

Madrid, 15. April. (WTB.) DieGazeta De Madrid" veröffentlicht das provisorische Statut der republikanischen Regie­rung. Es lautet: Die provisorische Regierung, die ihre Besugnisfe durch den Willen der Ration erhielt, erachtet es für eine gebieterische poli­tische Pflicht, zu betonen, dah die durch die Regierung vertretene Koalition nicht nur auf

211 c a l a Zamora

einer Liebereinstimmung Der Ansichten über Die Befreiung unseres Vaterlandes von der alten Struktur des monarchistischen Regimes beruyt, sondern ebensosehr auf der Rotwendigkeit, a 1 s Grundlage für die Staatsorgani- fation d i e Grundsätze der Gerechtig­keit aufzustellen, die das Land ersehnt. Die pro­visorische Regierung hat nicht Die Bürgerrechte aufzuzählen. Deren grundsätzliche Festlegung und Regelung der verfasfungsgebendenDer- lammlung Vorbehalten bleibt. Da jedoch die Lage keine willkürliche Handhabung der Regie­rungsgeschäfte zur Folge haben darf, erklärt die Regierung feierlich, dah sie sich bei ihrer Tätigkeit von Rechtsgrundsätzen leiten lassen wird, die eine Begrenzung der Regierungstätigkeit bedeuten.

Demzufolge erklärt die Regierung: Artikel 1: Angesichts des demokratischen Ursprungs ihrer Regierungsgewalt werden die Regierung als Ganzes und die einzelnen Regierungsmitglieder einen Rechenschaftsbericht über ihre Tä­tigkeit denverfafsunggebendenCortes

erstatten, sobald Der Augenblick gekommen ist, die Macht an diese abzugeben.

Artikel 2: Um Den berechtigten und nicht be­friedigten Wünschen des Volkes nachzukommen, beschloß die Regierung die näheren Um­stände bei der Auflösung des Parla­ments im Jahre 1 92 3 einer Prüfung zu unterziehen, damit die willkürlichen Handlungen, wie sie dem jetzt zu Ende gegangenen Regime eigen waren, offiziell festgestellt werden.

Artikel 3: Die provisorische Regierung erklärt öfsentlich, die Gewissensfreiheit, die Glaubensfreiheit und die kulturelle Freiheit respektieren zu wollen. Sie verzichtet auf die dem Staate gegebene Möglichkeit, von Den Bürgern eine Erklärung über ihre religiöseUeber- zeugung zu fordern.

Artikel 4: Die provisorische Regierung wird die persönliche Freiheit nickt nur respektie­ren, sondern sie durch die Gewährung von Ga­rantien zu erweitern und zu unterstützen sich bemühen.

Artikel 5: Tie provisorische Regierung erkennt das Privateigentum als durch die Ge­setze garantiert an. Infolgedessen wird nie­mand enteignet werden können, soweit dies nicht im öffentlichen Interesse gebo- t e n erscheint, doch wird in diesem Falle vorher der zu Enteignende entschädigt werden. Uebcrdies stellt die provisorische Regierung, von der Erwägung ausgehend, dah bisher die ge­waltige Masse der spanischen Bevölkerung und die Landwirtschaft des Landes vernachlässigt wor­den sind, den Grundsatz auf, dah die Land­wirtschaft wegen der sozialen Bedeutung des Bodens eine besondere Bea chtung ver­dient.

Artikel 6 Tie provisorische Regierung erklärt, dah sie sich eines wahren Vergehens schuldig machen würde, wenn sie die in Der Entwicklung begriffene Republik den Manövern ihrer Gegner, die die Festigung des Regimes hinter­treiben könnten, aus.'iefern wollte. Infolgedessen behalte sie sich das Recht vor, zeitweise die in Artikels anerkannte persönliche Freiheit einem richterlichen Vorgehen der Regierung zu unterwerfen.

Zn Madrid.

Vievolmionseifer der Bevölkerung.

M a D r i b, 15. Apr L (WTB.) An der Fassade des Schlosses wurden von der Feuerwehr grohe Plakate mit der Inschrift angebracht. V o l kl Achte dieses Gebäude, das Dir gehört!" Junge Leute der Dürgerwehr patrouillieren in Der Umgebung des Schlosses, nachdem die Gendarmerie unter dem Bei­lall des Volkes von den Straften zurückge­zogen worden ist. An mehreren Stellen der Stadt war die Gendarmerie, die ja bisher all­gemein als die zuverlässigste Schutztruppe der

Monarchie galt, von der Menge mit feindlichen dutufen empfangen worden. Daraus risien die Führer Der Gendarmerie Die Krone von der Üniiorm ab Ihre Untergebenen folgten ihrem Beispiel Die Menge nahm diese Geste beifällig aus Die Kapellen der Madrider Truppenteile veranstalteten heute nachmittag mit Zustimmung her Regierung zur Feier des Rationalfestes Konzerte aui Den Straften. Eine Abteilung von Feuerwehrleuten hat heute vormittag die über *>em Haupttor Des Königlichen Palais ange­brachte Königskrone mit einer Fahne verhängt. Eine zah.reiche Menge brach bei liefern Anblick in Iubelgefchrci aus. Sämtliche Eingänge zum Königlichen Palais sind gcschlofien. Die bisherige Äönig^ftreftc ist umgetauft worden in Strafte D es 1 4. April und Die AveniDa Eduardo Date heiftt jetzt Avenida Alcal« Zamora.

Der Gesandte von Uruguay hat dem Auften- minifter Lerour die Glückwünsche Der Regierung vckn Uruguay überbracht und erklärt, Uruguay chätze sich glücklich, als erstes Land Dem neuen Regime feine Freundschaft bekunden zu können. Der Oberkommandierende des in Carta­gena liegenden spanischen Geschwaders teilte tele­graphisch mit, daft auf sämtlichen spani­schen Kriegsschiffen die Republik ausgerufen fei.

Die katalanische Republik.

Blutige Zusammenstöße in Barcelona

Barcelona, 15 April. (WTB.) Oberfl M a c i a. der provisorische Präsident der katalanisä>en Republik, hat einem Vertreter der spanischen Nach­richtenagentur, in Barcelona erllärt:W i r ffa b e n d i e katalanische Republik ausgeru­fen. was jedoch keineswegs einen Zwiespalt mit

Oberst Macia.

den spanischen Republikanern bedeutet Die Die spa­nische Republik proklamierten. Zwischen ihnen und uns herrscht engstes Einvernehmen, Doch Durf­ten wir Die öffentliche Meinung Kataloniens, die jetzt faft restlos für Die autonom! st ifche katalanische Idee gewonnen ist, nicht außer Acht lassen Der republikanische Stadttat hat Den Mitarbeiter Des Obersten Maria Aiguade, zum Oberbürgermeister ernannt Aus allen öffentlichen Gebäuden weht neben der spanischen republikanischen Flagge die katalanische Flagge.

Abends demonstrierten mehrere tausend Personen vor dem Gefängnis und verlangten die Freilassung der Gefangenen Die Menge wußte nicht, daß Oberst Macia inzwischen Die Frei­lassung verfügt hatte Da die Tore des Gefäng­nisses geschlossen blieben, versuchte die Menge das Gefängnis zu stürmen und in Brand au setzen. Der Gefängnisdirektor war, um blutige Zwischen- fälle zu vermeiden, gezwungen, sämtliche Ge­fangenen. auch die wegen unpolitischer Delikte verurteilten Strafgefangenen, freizulasfen. Das gleiche ereignete sich im Frauengefängnis von Barcelona, wo die Volksmenge die Kartothek des Gefängnisies vernichtete Gegen 23 Uhr ver­suchten Demonstranten, unter denen sich offenbar lichtscheue Elemente befanden, ein Pollzeikommissa- riat zu stürmen. Die Garde war gezwungen, eine Salve abzugeben. Ein Demonstrant wurde getötet, mehrere andere verletzt In der Ancha-Straße kam es ebenfalls z> blutigen Zusammenstößen, bei denen eine Person getötet und mehrere andere verletzt wurden.

Die Kabinettskrise in Rumänien.

Ter König verlangt die Bildung eines Konzentrationskabmeits

Bukarest, 15.April. Der König hielt an die Parteiführer eine Ansprache, in der er ausführte, feit feiner Thronbesteigung habe er das Ziel ver­folgt, die lebendigen Kräfte Der Nation zusammen- zufasien. Fetzt sei Der Zeitpunkt dazu gekommen und er habe deshalb litulefcu mit der Bildung Des Kabinetts Der nationalen Einigung betreut brauche doch heute das Land in feiner sehr schwierigen Lage, die wahrscheinlich sich noch schwieriger geftaltcn