kommunalen Sparkassen. Aber die Summen, um die es sich hier handelt, sind, gemessen an dem preußischen Etat selbst, so gering, daß darüber ein Bruch kaum zu erfolgen brauchte, selbst wenn der Minister den Standpunkt vertritt, daß er grundsätzlich die Bewilligung neuer Ausgaben ohne gleichzeitige Bereitstellung von Einnahmen ablehnen muß. So genau ist in Preußen bisher nicht gerechnet worden, und die Bemühungen, die bis zum letzten Augenblick Herrn Höpker-Aschosf noch zum Bleiben veranlassen wollten, deuten ja auch Darauf hin, daß hier eine Verständigung möglich gewesen wäre, wenn nicht eben schon vorher sich soviel Zündstoff angesammelt hätte, der jetzt zur Entladung drängt.
Wir glauben zu wissen, daß es sich dabei in erster Linie um die Derwaltungsr eform handelt, die der Finanzminister für unbedingt notwendig hält, die er aber beim Zentrum nichtdurch- setzen kann, das dann viele wertvolle Poften in seinen Hochburgen zu verlieren fürchtet. Und auch die Extratour, die der Minister in Sachen der Reichsreform getanzt hat, ist ihm vom Zentrum einigermaßen übelgenommen worden. Er hat also den festen Boden unter den Füßen verloren und zieht sich zurück, um sich für eine bessere Zeit vorzuberciten. Daß daraus in Preußen unmittelbar irgendwelche Folgen entstehen würden, ist nicht anzunehmen. 3m nächsten Jahr müssen ja d i e W a h - l e n sein, das Ende der Koalition ist also abzusehen. Immerhin, der Ministerpräsident Braun ist krank, fällt also für absehbare Zeit aus, und der Finanz- Minister, der neben Braun die stärkste Persönlichkeit des Kabinetts war, wird hinausgebissen; die Koalition wird brüchig, weil die Wahlen ihre Schatten vorauswersen und infolgedessen die Versicherung auf gegenseitige Unterbringung von Parteifreunden innerhalb der Beamtenhierarchie nicht mehr reibungslos funktionieren will.
Parlamentswahlen, gleichgültig wo sie stattfinden, geben den Witzblättern stets zahllose Anregungen zu spöttischen und bissigen Bemerkungen aller Art. Auch in England kommt der Wahlhumor trotz der Pfundkrise und anderer Sorge zu seinem Recht. Wobei allerdings festgestellt werden muß, daß man Parteien, die sich aus den Besitzern von Sanarien, vögeln, aus Hundehaltern ober Befürwortern der beleuchteten Hausnummern zusammensetzen, jenseits des Kanals noch nicht kennt. Bisher war es ausschließlich Deutschland, das auf dem Gebiete der Parteibildung keinerlei Rationalisierung oder Produktionsbeschränkung kannte. Dafür gibt es in Eng. land wieder andere Dinge, die zur Zielscheibe des Spottes gemacht werden.
Und wie hat man gelacht und amüsiert sich noch heute über das Pech der Liberalen Partei, die angekränkelt vom zentraleuropäischen Dielparteiensystem, gleich in dreifacher Ausgabe aufmarschiert ist, aoer vor dem verschlossenen G e l d s ch r a n k der Organisation steht. Die Schlüssel befinden sich in der Hosentasche Lloyd Georges, der das Parteivermögen zu verwalten hatte, sich aber mit feinen Freunden rechts und links überwarf und nun behauptet, feine Gruppe wäre die einzige und echte alleinselig machende Liberale Partei, die im Besitz der offenbar recht gut gefüllten Parteikasse bleiben müsse. Die anderen stehen mit langen Gesichtern da und müssen schleunigst sehen, wo sie die für jeden Wahlkampf unentbehrlichen sil- bernen Kugeln hernehmen. Denn bis die Gerichte gesprochen haben, sind die Wahlen längst vorüber. Einstweilen hütet Lloyd George die wenn auch etwas entwerteten Pfunde wie der Drache Fafnir den Nibelungenschatz.
Welche Aussichten eröffnen sich da übrigens den Parteiführern aller Herren Länder, wenn sie sich den Walliser zum Vorbild nehmen. Wollen die Abgeordneten und Parteiinstanzen nicht so wie sie, dann schließen sie eben die Geldschrankschlüsset einige Male herum, begeben sich auf ihre Wochen- endsitze und warten ab, bis man Bittdelegationen entsendet und klein beigibt. Oder aber der Partei- gcldschrank rückt in den Mittelpunkt wilder Feuergefechte nach Chikagoer Muster, wird erobert und
wen« Menschen anseinandeegehn
Vornan von 3. Schneider-Foerfil
Urheberrechtsschutz Verlag O. Mei st er, Werdau.
12. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Es wurde Rächt, und Guido und Rosmarie waren noch immer nicht zurück. Mit weit geöffneten Augen durchbohrte der Hirte die Dämmerung. War Horvath so gewissenlos, daß ihm selbst ein Weib nicht heilig war, das noch den Stempel der Kindheit im Gesicht trug? Zweimal hatte Aga schon einen Knecht geschickt mit der Frage, ob er nicht wisse, wo RoSmarie zu suchen sei. Er hatte Aga immer wieder vertrösten lassen.
Dann endlich erklang der Hufschlaa aus der Ferne, und es erschienen zwei dunkle Punkte, die merklich größer wurden. Hun eine jubelnde Stimme: „Ianos, es war herrlich!" Rosmaries Augen strahlten ihn an. Ihre Wangen glühten vom scharfen Ritt, und die Flechten, die sie sonst immer hochgesteckt trug, ruhten in schwerer Fülle auf ihrer Brust.
Der Alte sah In Horvaths Gesicht, bemerkte den gütig liebevollen Blick, mit dem der Künstler das Mädchen umfaßte und war beruhigt. Bein! Sr hatte ihr nichts zuleid getan. Mit einem Ausatmen tätschelte er die Flanken des Hengstes, der RoSmarie getragen hatte. „Bist ein gutes Tier, Bela! Bist ein braver Kerl, mein Junge! Ich habe etwas für dich, Kindchen. Steig für ein paar Minuten ab, bann kannst du eS sehen."
„Dars ich mitkommen?" fragte Horvath bittend.
„Wenn du willst, Guido."
Ein Aufschrei RosmarieS. „Guido, sieh doch! Ist daS nicht entzückend?" Strahlend vor Glückseligkeit stand sie über das schlafende Kind geneigt und streichelte über das Köpfchen.
„Ianos, wie kommst du zu diesem Kinde?" fragte Horvath.
..Ich Habs geschenkt bekommen", sagte er gleichmütig.
Horvath stand in schweigendem Schauen. „Geschenkt? — Willst du dich nicht deutlicher auS- drücken, IanoS?"
..Ich kann nicht anders sagen", beharrte der Alte. „Dor zwei Jahren, als die Steppe blühte, hat'S vor meiner Tür gelegen. Mehr weiß ich nicht."
„ilnb seine Mutter?"
Sin Kopsschütteln. „Die hab ich nicht zu Gesicht gekriegt."
wieder zurückerobert. Welch herrlicher Stoff aber i auch für den Operettenfabrikanten oder Schwank- dichter. Vielleicht spitzt Bernhard Shaw schon seinen | Bleistift, um Lloyd George und die Liberale Partei zum Gegenstand einer Komödie zu machen.
Oderheffen.
Bürgermeifferiagung in Schotten.
< Schotten, 14. Olt. Der Kreisverband Schotten des Hessischen Landgemeindetages hielt unter der Leitung seines Vorsitzenden, Bürgermeister M e n g e I, Schotten, seine Tagung ab. Dom Kreisamt Schot- tten waren Kreisdirektor Dr. I a n n, Regie- rungsrat Schwan und Derwaltungsinspektor Müller erschienen. Man gedachte zunächst des vor kurzem verschiedenen Bürgermeisters Kaiser, Steinberg, in ehrender Form. Der Dor- sitzende sprach dann über die am 1. Oktober in Kraft getretene Hessische Gemeindeordnung und erläuterte die neuen Bestimmungen gegenüber der seitherigen Landgemeindeordnung. Hierauf folgte eine Aussprache über die von der Reichs- und Staatsregierung erlassenen neuen Rotverordnungen und ihre Rückwirkungen auf die Derhältnisse in den Gemeinden. Besprochen wurde weiter bas Recht der Gemeinden, Zuschläge auf die nicht oder verspätet gezahlten Steuern und Abgaben zu erheben. Dabei wurde allseitig geklagt über die sich mehrenden Ausstände der Gemeinden und die Schwierigkeit der Beitreibung. Da das Mobiliarpfändungs- und Dollstreckungsversahren zu keinem Ziel führe, bleibe nur übrig, Zwangsversteigerung der Immobilien zu betreiben. Aus die ständig steigenden sozialen Lasten der Gemeinden und die Sorge für die ausgesteuerten Erwerbslosen wurde verwiesen. Die Vogelsberggemein den seien nicht in der Lage, für die Rotstandsarbeiten die sonst üblichen und verlangten Tariflöhne zu zahlen. Lieber diese Frage soll demnächst in einer Versammlung nochmals verhandelt und das Arbeitsamt Gießen dazu eingeladen werden. Lieber die Durchführung der Winternothilfe wurde näher gesprochen. Kreisdirektor Dr. 3 a n n legte dieses Liebeswerk den Bürgermeistern sehr ans Herz, besonders auf die Sammlung von Kartoffeln, Bekleidungsstücken, Obstverteilung u. dgl. solle ein Augenmerk gerichtet werden. Dem Sam« mcluntoefen von auswärtigen Verbänden, Korporationen usw., die für ihre auswärtigen Zwecke im Kreise gesammelt und oft viel Geld herausgezogen hätten, solle gesteuert werden. Lebhafte Beschwerden wurden von den Gemeinden über die hohen Linkosten erhoben, die die Dermessungsämter den Gemeinden verursachen; es soU an maßgebender Stelle darauf hingewirkt werden, daß nur die allernotwendigsten Vermessungen stattfinden. Mehrere Klagen wurden auch über den Betrieb der Kadaververwertungsan st alt vvrgebracht. Es dauere oft tagelang, ois die Abholung der verendeten Tiere erfolge. Die Gemeinden sollen ihre Beschwerden in jedem Einzelfalle dem Kreisamt mitteilen, damit Wandel geschaffen und gegen den Inhaber vorgegangen werden könne. Eine Erhöhung der Hebgebühren für die Einziehung der land- und forstwirtschaftlichen (Beiträge zur Unfallversicherung soll erstrebt werden. Die vom Staat erhobenen Beiträge für bie Wald- bewirtschaftung werden den heutigen Verhältnissen und Holzpreisen entsprechend als zu hoch erachtet. Schließlich wurde noch über die Regulierung der Ernteschäden, die kommenden Landtagswahlen, Wiesenrundgänge und sonstige lommunale Angelegenheiten gesprochen.
Stadtvorstand in Alsfeld.
H Alsfeld, 13. Okt. In der jüngsten Sitzung des Stadtvorstands wies der Vorsitzende darauf hin, daß die neue G e m e i n d e 0 r dnu n g am 1. Oktober 1931 in Kraft getreten sei. Vor
Der Kleine hatte ausgefchlafen und reckte die I seinen Gliederchen, schloß aber die Augen sofort wieder, als blende ihn das Tageslicht. „Wie süß", flüsterte Rosmarie. „Guido mach doch die Lider einmal zu — dann sieht er dir verblüffend ähnlich."
Ein dunkles Rot kroch über Horvaths Antlitz bis an die Schläfen. Ohne ein Wort zu sagen, trat er aus der Hütte. Rosmarie folgte ihm und ließ sich in den Sattel heben. Sie hätte das Kind fo gerne mit nach Hause genommen.
Kaum hatte der Künstler das Mädchen bei Aga abgeliefert, jagte er zurück zu Ianos, der an feiner Pfeife saugend vor der Hütte saß.
„Hat's dich noch einmal hergetrieben?" forschte er, ohne den Geiger dabei anzusehen.
„Wer ist das Kind?"
„Wahrscheinlich eines, das zuviel ist." Es war die gleiche Antwort, die auch Dosanyi erhalten hatte.
„Ich weiß, wer seine Mutter ist."
„Ja? Weißt du das?"
„Ianos!" Horvaths Augen brannten in die des Alten. Seine Hände hielten die pergamentenen des Alten umklammert. Die Stimme versagte vor Heisersein! „Ianos! Sag, ob es mein Kind ist!"
„Wie soll ich das wissen?"
„Sag, ob es der Raja gehört?"
„Ich weiß es nicht."
„Ianos!" schrie Horvath auf. „Sie hat mein Kind verschenkt."
Lieber die Wangen deS Alten zitterte eine Träne.
Guido lehnte das Gesicht gegen die nwrsche Bretterwand der Hütte und stöhnte in übergroßer Rot. „So über alle Maßen haßt sie mich!"
„Rein, fo groß ist ihre Liebe, Guido."
„Daß sie mein Fleisch und Blut vor fremder Leute Türen legt“
„Ich bin kein Fremder, Guido? Sie kam zu mir in einer Stunde hoffnungslosester Verzweiflung. Ich wußte keinen Rat. um dich vor 2o- sanyis Händen und sie vor der Verachtung der Leute zu schützen, als daß ich ihr anbot, ich wollte das Kind in meine Obhut nehmen, bis sie es wieder zurückverlangt."
„Ianos!" Horvaths Finger drückten die Hand des Hirten. „Ich nehme pen Knaben mit mir. Lind werde mich vor aller Welt als sein Vater bekennen."
„Lind wenn man dich nach der Mutter fragt?“
Der Künstler hielt die Fäuste gegen die Schläfen und stöhnte wie ein Tier.
„Trag'-. Guido, trag'-!" mahnte der Alte.
„Es wird noch Schwereres kommen."
Schwereres gibt eS nicht mehr."
Der Alte lächelte mitleidig, er wußte es besser.
Eintritt in die Tagesordnung fand die Verpflichtung des neuen Gemeinderatsmitgliedes Adolf Kassa, der an die Stelle des durch Wegzug ausgeschiedenen Kaufmanns Otto Ludwig, getreten ist, durch den Vorsitzenden statt.
Für die Kraftpostlinie Alsfeld — Meiches — Li l r i ch st e i n hat sich der Zuschuß der Stadt vom Rj. 1931 ab infolge eines anderen Verteilungsmaßstabes auf vierteljährlich 183 Mark erhöht. Es wurde beschlossen, in Anbetracht der sehr ungünstigen finanziellen Verhältnisse nur einen Zuschuß in Höhe von 80 Mk. vierteljährlich zu bewilligen.
Don Seiten der Iagdpächter der Gemarkung Alsfeld lag ein Antrag auf Herabsetzung der Iagdpacht durch das Pachteinigungsamt vor. Hierzu wurde beschlossen, das Derfah- ren durchzuführen und der Bürgermeisterei die erforderliche Ermächtigung zur Durchführung erteilt.
Zu den bevorstehenden Winterhilfsmaß- nahmen wurde beschlossen, daß eine Kartos- f e l f ü r f 0 r g e in der Weise eingerichtet werden soll, daß an bedürftige Personen von Seiten der Stadt zur Beschaffung von Kartoffeln Gutscheine ausgegeben werden sollen gegen ratenweise Abtragung der Schuld. Don einer Einkellerung der Kartoffeln wurde abgesehen.
Unter Mitteilungen wurde De s chwerde geführt wegen der Stellungnahme dös evangelischen Kirchenvorstandes bei Kranzniederlegung in der Ehrenhalle der Gefallenen in der Friedhofskapelle, weil es verboten worden sei, Kränze mit parteipolitischen Abzeichen niederzulegen. Dec Vorsitzende e. stattete dazu einen ausführlichen Bericht über die mit dem Kirchenvorstand in der Angelegenheit seither geführten Derhandlungen.
Bundestag
des Lautertal-Sängerbundes.
4k Lauterbach, 14.Okt. Der Lautertal- Sängerbund hielt am Sonntag hier- feine diesjährige Bundestagung ab. Fast sämtliche 19 Dereine des Bundes waren vertreten. Der Männergesangverein „Liederkranz" Lauterbach begrüßte die Versammlungsteilnehmer mit dem Deutschen Sängergruft. Der Bundesvorsitzende Köhler, Landenhausen, wies darauf hin, daft der Bund jetzt auf sein zehnjähriges Bestehen zurückblicken könne. Von einer Feier des zehnjährigen Jubiläums sah man in Anbetracht der schlechten Zeitverhältnisse jedoch ob. Der Geschäftsbericht gab den Mitgliedern einen Einblick in die Arbeit des Bundes. Es wurde allgemein bedauert, daft zwei Vereine aus Ersparnisgründen aus dem Bunde ausgetreten sind. Aus dem Kassenbericht ging hervor, daft die Bundeskasse zur Zeit einen Barbestand von 206,44 Mk- aufzuweisen hat. Dem Rechner konnte, da die Kasse in Ordnung befunden wurde, Entlastung erteilt werden. Die Wahlen ergaben die einmütige Wiederwahl der satzungsgemäß aus- scheidenöen Vorstandsmitglieder. Lediglich für den freigewordenen Posten des zweiten Schriftführers wurde Herr B e r l a u, Wallenrod, gewählt. Lieber die Abhaltung des Sängerbundesfestes für 1932 entspann sich eine ausgedehnte Aussprache. Es wurde beschlossen, das Dundesfest 1932 ausfallen zu lassen; das Bundesfest 1933 soll dem Gesangverein Landenhausen übertragen werden. Rachdem noch der Gesangverein „Liederkranz" Lauterbach unter der Leitung und Begleitung des Kapellmeisters Seidel einen Strauftschen Walzer gesungen hatte, fand die Tagung ihr Ende. Der nächstjährige Bundestag findet in Landenhausen statt.
Landkreis Gießen.
) ( Lich , 14. Okt. Am Sontagabend veranstaltete Konzertorganist von der Au, Mainz, in unserer Stiftskirche eine Orgel.feierftunbe. Sie wurde eröffnet mit der Fantasie und Fuge in 0-Moll von Johann Sebastian Bach. Es folgten Händels Orgelkonzert in F-5>ur, Liszts Prä-
I Raja Dosanyi kam über die Felder, den breitrandigen Strohhut über den Arm hängend, so daft die Rachmittagssonne voll auf ihr Gesicht brennen konnte. Unter dem Rotdornbaum der Grenzmarkung stand der Künstler und wartete auf sie. Er hatte sie kommen sehen.
Seine Hände lagen in der Tasche des Rockes geballt, und das Zittern des Hemdes verriet die Erregung, die ihn durchwühlte. Sie wollte ohne Gruft und Blick an ihm vorüber, aber sein hohn- volles Auflachen rift ihr den Kopf zurück. Dann machte sie ein paar Schritte auf ihn zu.
„Hast du ein Recht, mich zu verhöhnen?"
„Ich denke."
„Du?"
„Ein Weib, das sein Kind verschenkt."
Das mattgebräunte Gesicht wurde blaft.
„Mein Kind hast du vor Ianos Tür gelegt!“ schrie er sie an. Er vermochte sich nicht mehr zu beherrschen. Der Mensch, der vor Raja Bosanyi stand, war furchterregend.
Ihre Hand zitterte nach dem blutleeren Gesicht empor. „Du hast kein Recht, mich fo zu schmähen."
„Das habe ich."
„Vielleicht — wenn es dein Kind wäre! Aber es ist nicht das deine."
„Du lügst!"
Sie schüttelte den Kops. „Ich bin lange fort gewesen, fast ein Jahr. In Wien ist es geschehen! Ja, in Wien. Ich kenne nicht einmal seinen ‘Hamen.“
„Raja!"
„2aft!“ gebot sie, als er nach ihren Händen griff. „Run kannst du gehen und meine Schande in die Steppe schreien. Ich fürchte mich nicht mehr."
„Raja!" Er wagte es nicht, ihr noch einen Schritt näher zu tretsn. „Ich will nichts, als daft du mir sagst, ob es mein Kind ist."
„Olein! Es ist das des anderen. Ich habe ihn so über alle Maften geliebt! Lieber alle Maften! Aber nun weift ich nicht einmal mehr feinen Hamen."
„So vollständig willst du ihn vergessen!"
„3a, so vollständig."
Es flimmerte Horvath vor den Augen. Er wuftte, daft alles Lüge war, was sie sagte. Er touftte auch, weshalb sie log. Sie fürchtete für fein Leben, wenn Dosanyi inne würde, daft er der Vater des Kindes war. Rur deshalb. So über alle Maßen liebte sie ihn. Er wollte aufs neue nach ihren Händen fassen und lieft sie wieder sinken, als er gewahrte, wie groß ihr Widerwille gegen ihn war. „Wenn du erlaubst, nehme ich das Kind zu mir. Es wird gut behütet sein."
„Ich will mich nicht von ihm trennen. Es ist das einzige, was mir blieb."
„Ich bring es dir alljährlich nach der Steppe. Den ganzen Sommer darfst du eS haben."
lubium und Fuge über den (Hamen „Dach", Rheinbergers Orgel-Sonate in O-Moll und zuletzt Regers „Fromme Ditte" und Orgel-Toccata in O-Moll Der Vortrag des Organisten stand auf künstlerischer Höhe. Schriftlesungen von StVtS- pfarrer Draudt gehalten und Lieder des Veranstalters von Dach, Schubert und Hiller verbanden die Orgelvorträge. Der Abend hinterlieft einen tiefen Eindruck.
Kreis Friedberg.
WSR. Friedberg, 14. Okt. Anfang nächster Woche beginnt die diesjährige Kampagne der hiesigen Zuckerfabrik Wetterau AG. Infolge der Kontingentierungsbeschlüsse der Zuckerproduzenten kommen bei der hiesigen Fabrik in diesem Jahr etwa 650 000 Zentner Rüben zur Anfuhr, d. h. nur etwas mehr als die Hälfte der im Vorjahr verarbeiteten Menge. Die Dauer der Kampagne, Oie früher etwa 12 Wochen betrug, wird dadurch auf die Hälfte verringert.
Kreis Büdingen.
4k Ridda, 14. Okt. In diesem Jahre wurde das Innere des hiesigen Rathauses einer Renovierung unterzogen und dabei auch gleichzeitig einige notwendige Veränderungen vorgenommen. Statt der unpraktischen Heizung der Räume mit Holz- und Kohlenöfen wurde eine Zentralheizung eingerichtet. Der seitherige Sitzungssaal im ersten Stock erwies sich bei öffentlichen (Beratungen, denen eine größere Zahl von Zuhörem beiwohnte, manchmal als zu klein. Deshalb wurde der Saal durch Hinzunahme des Geschäftszimmers des (Bürgermeister^ vergrößert und die anschließende große Schreibstube des Dür- germeiftereiperfonal8 in zwei Räumen für den Geschäftsbetrieb der Stadtkasse eingerichtet. Die (Bureauräume des Dürgermeistereisekretariats und das Amtszimmer des (Bürgermeisters und Standesbeamten wurden in den zweiten Stock des RathauSes verlegt. Die Reuerungen finden allgemein Anklang.
X Ridda, 14. Okt. Der Versand von A e p f e 1 n ist am hiesigen Bahnhof feit 14 Tagen sehr rege. Täglich wurden etwa 2 bis 3 Eisenbahnwagen Aepfel (Schüttelobst) eingeladen. Die Verkäufer erhielten für den Zentner frei Anfuhr 1 Mark. Run fetzt auch der Verland von belle- rem Obst ein. Der Preis beträgt je Zentner Boskop 6 Mk., Wintergoldparmänen 5 Mk., Goldreinetten von Blenheim 5 Mk., für die übrigen Tafeläpfelsorten 4 Mk. Wirtschaftsobst wird der Zentner mit 2 bis 3 Mk. bezahlt. Die sog. Einheit s k i st e wird allgemein bevorzugt. Die Rachfrage nach solchen Kisten ist Sehr groß.
KreiS Schotten.
sch BobenhauSenll, 14. Okt. Der nach langer Krankheit verstorbene Polizeidiener Heinrich Lich au, der 30 Jahre lang Sein Amt in treuer Pflichterfüllung innehatte, wurde biefer Tage unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen. Bürgermeister Möser gedachte in einer kurzen Ansprache der vorbildlichen Beamtentreue des Verstorbenen und Seine- heiteren, rücksichtsvollen WeSens. Der Krieger- verein erwies dem Heimgegangenen die letzte Ehre. Als Rachfolger tritt Polizeidiener Wilhelm Geift den Dienst an.
-f- Ober-Schmitten, 14. Okt. Innerhalb einer Woche wurden auf der hiesigen Station annähernd dreißig Waggon Kelterobfk verladen. Die Aepfel rollten zum größten Teil nach Baden, zum Heineren nach Frankfurt und Württemberg. Etwa 8000 Zentner Schüttelobst wurden aus den Gemarkungen Ulfa, Unter- und Ober-Schmitten angeliefert. Der Ankauf von Pflückobst, Wirtfchafts- und Tafeläpfeln seht bei anziehenden Prellen langsam ein. Der Versand auf der Bahn ist fo stark, daß die Züge oft mit großer Verspätung verkehren. Begehrt sind vor allen Dingen Schöner von Boskop, die verschiedensten Reinetten, Goldparmäne und Rheinischer Bohnapfel.
„Es muß auch im Winter bei mir sein. Gs Soll nicht frieren.“
„Das würde es auch bei mir nicht."
„(Hiemanb kann es fo mit feinem eigenen Leibe wärmen wie ich." Sie Schloß die Lider zur Hälfte, um das Flimmern ihrer Augen zu verbergen. „Geh jetzt! Der Vater kommt über die Felder."
„Ich werde auf ihn warten."
„Rein!" warnte fie hastig. „Vergift, waS einmal geweSen ist, wie auch ich bergefSen will." Und als er noch immer stand und wartete, ftieft fie hastend heraus: „ Frag deine Großmutter, was zwifchen dir und mir steht. Und du wirft begreifen."
„Ich will nicht mit ihr darüber reden. Sag du mir’« Selber.“
Bofanhis Gestalt kam immer näher. Horvath wich nicht. Das Mädchen war ratlos in Seiner Angst und Verwirrung. Er mußte Antwort haben, damit er ging. „Deine Mutter war einmal meines Vaters (Braut. Der deine hat fie ihm genommen und mußte es mit dem Leben büßen. Er fiei durch meines Vaters Hand. Run weißt du alles. Geh jetzt!"
„Dein Vater war alfo der Mörder deS meinen7"
Sic nickte, faß die Wangen deS geliebten Mannes in fahler Bläffe leuchten und strömte von Mitleid über. „Guido!"
Er hörte es nicht. Vorwärts wankend, ging et den Weg entlang und verfchwand zwifchen den Halmen, die ihm Gesicht und Schultern streiften. Die Aehren knisterten, als er sich mitten in ihrer wogenden Fülle niederließ. Richt- als die Schwankenden Stengel neben und den blauen Himmel über Sich. Suchte er Ordnung in den Aufruhr Seiner Gedanken zu bringen.
„Das ist es alfo! Das!" Er hielt den Kopf zwifchen den Händen, die ttoh der Sommerglut Sich eifig anfüßlten. „Es geht nicht", dachte er verzw<üSelt. „Es geht nicht!" Er zog die Knie auf und legte die hämmernde Stirne darein. „Wie hatte Raja gefagt: Seine Mutter war einmal Bofanyis Braut gewefen. DofanhiS Braut!" Er Sagte eS ein duhendmal vor Sich hin und wurde rußiger.
Das kam vor. Hunderte Male kam da- vor, daß Menfchen Sich erSt liebten und dann auäein» anbergingen. „Dein Vater ßat fie ißm genommen“, ßatte Raja gemeldet. Er dachte wieder nach. Es machte ißm Solche Müße. Sein KopS war wie wund geSchlagen. Sein Vater hatte Bvfanyi die (Braut genommen, gestohlen, an Sich geriffen und zu feinem Weibe gemacht. Lind er? War der Sohn biefer Frau, die Bofanyis Braut gewesen war. Der Sohn dieser Frau.
Er fing wieder von vorne an. Es ging einfach nicht, das alles zu Ende zu denken. Er kam fiw vor wie ein Irrer Dann kam das Verebben, das Abflauen der seelischen Erschütterung. Er zwang Sich mit aller Gewalt zum Weiterordnen des Ganzen. (Fortsetzung folgt)


