Ausgabe 
15.10.1931
 
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kommunalen Sparkassen. Aber die Summen, um die es sich hier handelt, sind, gemessen an dem preu­ßischen Etat selbst, so gering, daß darüber ein Bruch kaum zu erfolgen brauchte, selbst wenn der Minister den Standpunkt vertritt, daß er grundsätzlich die Bewilligung neuer Ausgaben ohne gleichzeitige Be­reitstellung von Einnahmen ablehnen muß. So ge­nau ist in Preußen bisher nicht gerechnet worden, und die Bemühungen, die bis zum letzten Augenblick Herrn Höpker-Aschosf noch zum Bleiben veranlassen wollten, deuten ja auch Darauf hin, daß hier eine Verständigung möglich gewesen wäre, wenn nicht eben schon vorher sich soviel Zündstoff ange­sammelt hätte, der jetzt zur Entladung drängt.

Wir glauben zu wissen, daß es sich dabei in erster Linie um die Derwaltungsr eform handelt, die der Finanzminister für unbedingt notwendig hält, die er aber beim Zentrum nichtdurch- setzen kann, das dann viele wertvolle Poften in seinen Hochburgen zu verlieren fürchtet. Und auch die Extratour, die der Minister in Sachen der Reichsreform getanzt hat, ist ihm vom Zen­trum einigermaßen übelgenommen worden. Er hat also den festen Boden unter den Füßen verloren und zieht sich zurück, um sich für eine bessere Zeit vorzuberciten. Daß daraus in Preußen unmittelbar irgendwelche Folgen entstehen würden, ist nicht an­zunehmen. 3m nächsten Jahr müssen ja d i e W a h - l e n sein, das Ende der Koalition ist also abzusehen. Immerhin, der Ministerpräsident Braun ist krank, fällt also für absehbare Zeit aus, und der Finanz- Minister, der neben Braun die stärkste Persönlichkeit des Kabinetts war, wird hinausgebissen; die Koali­tion wird brüchig, weil die Wahlen ihre Schatten vorauswersen und infolgedessen die Versicherung auf gegenseitige Unterbringung von Parteifreunden in­nerhalb der Beamtenhierarchie nicht mehr reibungs­los funktionieren will.

Parlamentswahlen, gleichgültig wo sie stattfinden, geben den Witzblättern stets zahllose Anregungen zu spöttischen und bissigen Bemerkungen aller Art. Auch in England kommt der Wahlhumor trotz der Pfundkrise und anderer Sorge zu seinem Recht. Wobei allerdings festgestellt werden muß, daß man Parteien, die sich aus den Besitzern von Sanarien, vögeln, aus Hundehaltern ober Befürwortern der beleuchteten Hausnummern zusammensetzen, jenseits des Kanals noch nicht kennt. Bisher war es aus­schließlich Deutschland, das auf dem Gebiete der Parteibildung keinerlei Rationalisierung oder Pro­duktionsbeschränkung kannte. Dafür gibt es in Eng. land wieder andere Dinge, die zur Zielscheibe des Spottes gemacht werden.

Und wie hat man gelacht und amüsiert sich noch heute über das Pech der Liberalen Par­tei, die angekränkelt vom zentraleuropäischen Diel­parteiensystem, gleich in dreifacher Ausgabe aufmarschiert ist, aoer vor dem verschlosse­nen G e l d s ch r a n k der Organisation steht. Die Schlüssel befinden sich in der Hosentasche Lloyd Georges, der das Parteivermögen zu verwalten hatte, sich aber mit feinen Freunden rechts und links überwarf und nun behauptet, feine Gruppe wäre die einzige und echte alleinselig machende Liberale Partei, die im Besitz der offenbar recht gut gefüllten Parteikasse bleiben müsse. Die anderen stehen mit langen Gesichtern da und müssen schleunigst sehen, wo sie die für jeden Wahlkampf unentbehrlichen sil- bernen Kugeln hernehmen. Denn bis die Gerichte gesprochen haben, sind die Wahlen längst vorüber. Einstweilen hütet Lloyd George die wenn auch etwas entwerteten Pfunde wie der Drache Fafnir den Nibelungenschatz.

Welche Aussichten eröffnen sich da übrigens den Parteiführern aller Herren Länder, wenn sie sich den Walliser zum Vorbild nehmen. Wollen die Ab­geordneten und Parteiinstanzen nicht so wie sie, dann schließen sie eben die Geldschrankschlüsset einige Male herum, begeben sich auf ihre Wochen- endsitze und warten ab, bis man Bittdelegationen entsendet und klein beigibt. Oder aber der Partei- gcldschrank rückt in den Mittelpunkt wilder Feuer­gefechte nach Chikagoer Muster, wird erobert und

wen« Menschen anseinandeegehn

Vornan von 3. Schneider-Foerfil

Urheberrechtsschutz Verlag O. Mei st er, Werdau.

12. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Es wurde Rächt, und Guido und Rosmarie waren noch immer nicht zurück. Mit weit geöff­neten Augen durchbohrte der Hirte die Däm­merung. War Horvath so gewissenlos, daß ihm selbst ein Weib nicht heilig war, das noch den Stempel der Kindheit im Gesicht trug? Zweimal hatte Aga schon einen Knecht geschickt mit der Frage, ob er nicht wisse, wo RoSmarie zu suchen sei. Er hatte Aga immer wieder vertrösten lassen.

Dann endlich erklang der Hufschlaa aus der Ferne, und es erschienen zwei dunkle Punkte, die merklich größer wurden. Hun eine jubelnde Stimme:Ianos, es war herrlich!" Rosmaries Augen strahlten ihn an. Ihre Wangen glühten vom scharfen Ritt, und die Flechten, die sie sonst immer hochgesteckt trug, ruhten in schwerer Fülle auf ihrer Brust.

Der Alte sah In Horvaths Gesicht, bemerkte den gütig liebevollen Blick, mit dem der Künst­ler das Mädchen umfaßte und war beruhigt. Bein! Sr hatte ihr nichts zuleid getan. Mit einem Ausatmen tätschelte er die Flanken des Hengstes, der RoSmarie getragen hatte.Bist ein gutes Tier, Bela! Bist ein braver Kerl, mein Junge! Ich habe etwas für dich, Kindchen. Steig für ein paar Minuten ab, bann kannst du eS sehen."

Dars ich mitkommen?" fragte Horvath bit­tend.

Wenn du willst, Guido."

Ein Aufschrei RosmarieS.Guido, sieh doch! Ist daS nicht entzückend?" Strahlend vor Glück­seligkeit stand sie über das schlafende Kind ge­neigt und streichelte über das Köpfchen.

Ianos, wie kommst du zu diesem Kinde?" fragte Horvath.

..Ich Habs geschenkt bekommen", sagte er gleich­mütig.

Horvath stand in schweigendem Schauen.Ge­schenkt? Willst du dich nicht deutlicher auS- drücken, IanoS?"

..Ich kann nicht anders sagen", beharrte der Alte.Dor zwei Jahren, als die Steppe blühte, hat'S vor meiner Tür gelegen. Mehr weiß ich nicht."

ilnb seine Mutter?"

Sin Kopsschütteln.Die hab ich nicht zu Ge­sicht gekriegt."

wieder zurückerobert. Welch herrlicher Stoff aber i auch für den Operettenfabrikanten oder Schwank- dichter. Vielleicht spitzt Bernhard Shaw schon seinen | Bleistift, um Lloyd George und die Liberale Partei zum Gegenstand einer Komödie zu machen.

Oderheffen.

Bürgermeifferiagung in Schotten.

< Schotten, 14. Olt. Der Kreisver­band Schotten des Hessischen Land­gemeindetages hielt unter der Leitung sei­nes Vorsitzenden, Bürgermeister M e n g e I, Schotten, seine Tagung ab. Dom Kreisamt Schot- tten waren Kreisdirektor Dr. I a n n, Regie- rungsrat Schwan und Derwaltungsinspektor Müller erschienen. Man gedachte zunächst des vor kurzem verschiedenen Bürgermeisters Kai­ser, Steinberg, in ehrender Form. Der Dor- sitzende sprach dann über die am 1. Oktober in Kraft getretene Hessische Gemeindeord­nung und erläuterte die neuen Bestimmungen gegenüber der seitherigen Landgemeindeordnung. Hierauf folgte eine Aussprache über die von der Reichs- und Staatsregierung erlassenen neuen Rotverordnungen und ihre Rückwirkungen auf die Derhältnisse in den Gemeinden. Besprochen wurde weiter bas Recht der Gemeinden, Zu­schläge auf die nicht oder verspätet gezahlten Steuern und Abgaben zu erheben. Dabei wurde allseitig geklagt über die sich mehrenden Aus­stände der Gemeinden und die Schwierigkeit der Beitreibung. Da das Mobiliarpfändungs- und Dollstreckungsversahren zu keinem Ziel führe, bleibe nur übrig, Zwangsversteigerung der Im­mobilien zu betreiben. Aus die ständig stei­genden sozialen Lasten der Gemeinden und die Sorge für die ausgesteuerten Erwerbslosen wurde verwiesen. Die Vogelsberggemein den seien nicht in der Lage, für die Rotstandsarbeiten die sonst üblichen und verlangten Tariflöhne zu zahlen. Lieber diese Frage soll demnächst in einer Versammlung nochmals verhandelt und das Ar­beitsamt Gießen dazu eingeladen werden. Lieber die Durchführung der Winternothilfe wurde näher gesprochen. Kreisdirektor Dr. 3 a n n legte dieses Liebeswerk den Bürgermeistern sehr ans Herz, besonders auf die Sammlung von Kartof­feln, Bekleidungsstücken, Obstverteilung u. dgl. solle ein Augenmerk gerichtet werden. Dem Sam« mcluntoefen von auswärtigen Ver­bänden, Korporationen usw., die für ihre aus­wärtigen Zwecke im Kreise gesammelt und oft viel Geld herausgezogen hätten, solle gesteuert wer­den. Lebhafte Beschwerden wurden von den Ge­meinden über die hohen Linkosten erhoben, die die Dermessungsämter den Gemeinden verur­sachen; es soU an maßgebender Stelle darauf hin­gewirkt werden, daß nur die allernotwendigsten Vermessungen stattfinden. Mehrere Klagen wur­den auch über den Betrieb der Kadaverver­wertungsan st alt vvrgebracht. Es dauere oft tagelang, ois die Abholung der verendeten Tiere erfolge. Die Gemeinden sollen ihre Beschwerden in jedem Einzelfalle dem Kreisamt mitteilen, da­mit Wandel geschaffen und gegen den Inhaber vorgegangen werden könne. Eine Erhöhung der Hebgebühren für die Einziehung der land- und forstwirtschaftlichen (Beiträge zur Un­fallversicherung soll erstrebt werden. Die vom Staat erhobenen Beiträge für bie Wald- bewirtschaftung werden den heutigen Ver­hältnissen und Holzpreisen entsprechend als zu hoch erachtet. Schließlich wurde noch über die Re­gulierung der Ernteschäden, die kommen­den Landtagswahlen, Wiesenrundgänge und sonstige lommunale Angelegenheiten ge­sprochen.

Stadtvorstand in Alsfeld.

H Alsfeld, 13. Okt. In der jüngsten Sit­zung des Stadtvorstands wies der Vorsitzende dar­auf hin, daß die neue G e m e i n d e 0 r dnu n g am 1. Oktober 1931 in Kraft getreten sei. Vor

Der Kleine hatte ausgefchlafen und reckte die I seinen Gliederchen, schloß aber die Augen sofort wieder, als blende ihn das Tageslicht.Wie süß", flüsterte Rosmarie.Guido mach doch die Lider einmal zu dann sieht er dir verblüffend ähnlich."

Ein dunkles Rot kroch über Horvaths Antlitz bis an die Schläfen. Ohne ein Wort zu sagen, trat er aus der Hütte. Rosmarie folgte ihm und ließ sich in den Sattel heben. Sie hätte das Kind fo gerne mit nach Hause genommen.

Kaum hatte der Künstler das Mädchen bei Aga abgeliefert, jagte er zurück zu Ianos, der an feiner Pfeife saugend vor der Hütte saß.

Hat's dich noch einmal hergetrieben?" forschte er, ohne den Geiger dabei anzusehen.

Wer ist das Kind?"

Wahrscheinlich eines, das zuviel ist." Es war die gleiche Antwort, die auch Dosanyi erhalten hatte.

Ich weiß, wer seine Mutter ist."

Ja? Weißt du das?"

Ianos!" Horvaths Augen brannten in die des Alten. Seine Hände hielten die pergamen­tenen des Alten umklammert. Die Stimme ver­sagte vor Heisersein!Ianos! Sag, ob es mein Kind ist!"

Wie soll ich das wissen?"

Sag, ob es der Raja gehört?"

Ich weiß es nicht."

Ianos!" schrie Horvath auf.Sie hat mein Kind verschenkt."

Lieber die Wangen deS Alten zitterte eine Träne.

Guido lehnte das Gesicht gegen die nwrsche Bretterwand der Hütte und stöhnte in übergroßer Rot.So über alle Maßen haßt sie mich!"

Rein, fo groß ist ihre Liebe, Guido."

Daß sie mein Fleisch und Blut vor fremder Leute Türen legt

Ich bin kein Fremder, Guido? Sie kam zu mir in einer Stunde hoffnungslosester Verzweif­lung. Ich wußte keinen Rat. um dich vor 2o- sanyis Händen und sie vor der Verachtung der Leute zu schützen, als daß ich ihr anbot, ich wollte das Kind in meine Obhut nehmen, bis sie es wieder zurückverlangt."

Ianos!" Horvaths Finger drückten die Hand des Hirten.Ich nehme pen Knaben mit mir. Lind werde mich vor aller Welt als sein Vater bekennen."

Lind wenn man dich nach der Mutter fragt?

Der Künstler hielt die Fäuste gegen die Schlä­fen und stöhnte wie ein Tier.

Trag'-. Guido, trag'-!" mahnte der Alte.

Es wird noch Schwereres kommen."

Schwereres gibt eS nicht mehr."

Der Alte lächelte mitleidig, er wußte es besser.

Eintritt in die Tagesordnung fand die Verpflich­tung des neuen Gemeinderatsmitgliedes Adolf Kassa, der an die Stelle des durch Wegzug ausgeschiedenen Kaufmanns Otto Ludwig, ge­treten ist, durch den Vorsitzenden statt.

Für die Kraftpostlinie Alsfeld Meiches Li l r i ch st e i n hat sich der Zu­schuß der Stadt vom Rj. 1931 ab infolge eines anderen Verteilungsmaßstabes auf vierteljährlich 183 Mark erhöht. Es wurde beschlossen, in An­betracht der sehr ungünstigen finanziellen Ver­hältnisse nur einen Zuschuß in Höhe von 80 Mk. vierteljährlich zu bewilligen.

Don Seiten der Iagdpächter der Gemarkung Alsfeld lag ein Antrag auf Herabset­zung der Iagdpacht durch das Pachteinigungs­amt vor. Hierzu wurde beschlossen, das Derfah- ren durchzuführen und der Bürgermeisterei die er­forderliche Ermächtigung zur Durchführung erteilt.

Zu den bevorstehenden Winterhilfsmaß- nahmen wurde beschlossen, daß eine Kartos- f e l f ü r f 0 r g e in der Weise eingerichtet werden soll, daß an bedürftige Personen von Seiten der Stadt zur Beschaffung von Kartoffeln Gutscheine ausgegeben werden sollen gegen ratenweise Abtra­gung der Schuld. Don einer Einkellerung der Kar­toffeln wurde abgesehen.

Unter Mitteilungen wurde De s chwerde ge­führt wegen der Stellungnahme dös evange­lischen Kirchenvorstandes bei Kranz­niederlegung in der Ehrenhalle der Gefallenen in der Friedhofskapelle, weil es verboten worden sei, Kränze mit parteipolitischen Abzeichen niederzulegen. Dec Vorsitzende e. stattete dazu einen ausführlichen Bericht über die mit dem Kirchenvorstand in der Angelegenheit seither ge­führten Derhandlungen.

Bundestag

des Lautertal-Sängerbundes.

4k Lauterbach, 14.Okt. Der Lautertal- Sängerbund hielt am Sonntag hier- feine diesjährige Bundestagung ab. Fast sämt­liche 19 Dereine des Bundes waren vertreten. Der MännergesangvereinLiederkranz" Lauter­bach begrüßte die Versammlungsteilnehmer mit dem Deutschen Sängergruft. Der Bundesvorsitzende Köhler, Landenhausen, wies darauf hin, daft der Bund jetzt auf sein zehnjähriges Bestehen zurückblicken könne. Von einer Feier des zehn­jährigen Jubiläums sah man in Anbetracht der schlechten Zeitverhältnisse jedoch ob. Der Geschäftsbericht gab den Mitgliedern einen Ein­blick in die Arbeit des Bundes. Es wurde all­gemein bedauert, daft zwei Vereine aus Er­sparnisgründen aus dem Bunde ausgetreten sind. Aus dem Kassenbericht ging hervor, daft die Bundeskasse zur Zeit einen Barbestand von 206,44 Mk- aufzuweisen hat. Dem Rechner konnte, da die Kasse in Ordnung befunden wurde, Ent­lastung erteilt werden. Die Wahlen ergaben die einmütige Wiederwahl der satzungsgemäß aus- scheidenöen Vorstandsmitglieder. Lediglich für den freigewordenen Posten des zweiten Schriftführers wurde Herr B e r l a u, Wallenrod, gewählt. Lieber die Abhaltung des Sängerbundesfestes für 1932 entspann sich eine ausgedehnte Aus­sprache. Es wurde beschlossen, das Dundesfest 1932 ausfallen zu lassen; das Bundesfest 1933 soll dem Gesangverein Landenhausen übertragen werden. Rachdem noch der GesangvereinLie­derkranz" Lauterbach unter der Leitung und Be­gleitung des Kapellmeisters Seidel einen Strauftschen Walzer gesungen hatte, fand die Tagung ihr Ende. Der nächstjährige Bundestag findet in Landenhausen statt.

Landkreis Gießen.

) ( Lich , 14. Okt. Am Sontagabend veranstal­tete Konzertorganist von der Au, Mainz, in unserer Stiftskirche eine Orgel.feierftunbe. Sie wurde eröffnet mit der Fantasie und Fuge in 0-Moll von Johann Sebastian Bach. Es folg­ten Händels Orgelkonzert in F-5>ur, Liszts Prä-

I Raja Dosanyi kam über die Felder, den breit­randigen Strohhut über den Arm hängend, so daft die Rachmittagssonne voll auf ihr Gesicht brennen konnte. Unter dem Rotdornbaum der Grenzmarkung stand der Künstler und wartete auf sie. Er hatte sie kommen sehen.

Seine Hände lagen in der Tasche des Rockes geballt, und das Zittern des Hemdes verriet die Erregung, die ihn durchwühlte. Sie wollte ohne Gruft und Blick an ihm vorüber, aber sein hohn- volles Auflachen rift ihr den Kopf zurück. Dann machte sie ein paar Schritte auf ihn zu.

Hast du ein Recht, mich zu verhöhnen?"

Ich denke."

Du?"

Ein Weib, das sein Kind verschenkt."

Das mattgebräunte Gesicht wurde blaft.

Mein Kind hast du vor Ianos Tür gelegt! schrie er sie an. Er vermochte sich nicht mehr zu beherrschen. Der Mensch, der vor Raja Bosanyi stand, war furchterregend.

Ihre Hand zitterte nach dem blutleeren Gesicht empor.Du hast kein Recht, mich fo zu schmähen."

Das habe ich."

Vielleicht wenn es dein Kind wäre! Aber es ist nicht das deine."

Du lügst!"

Sie schüttelte den Kops.Ich bin lange fort gewesen, fast ein Jahr. In Wien ist es ge­schehen! Ja, in Wien. Ich kenne nicht einmal seinenHamen.

Raja!"

2aft! gebot sie, als er nach ihren Händen griff.Run kannst du gehen und meine Schande in die Steppe schreien. Ich fürchte mich nicht mehr."

Raja!" Er wagte es nicht, ihr noch einen Schritt näher zu tretsn.Ich will nichts, als daft du mir sagst, ob es mein Kind ist."

Olein! Es ist das des anderen. Ich habe ihn so über alle Maften geliebt! Lieber alle Maften! Aber nun weift ich nicht einmal mehr feinen Hamen."

So vollständig willst du ihn vergessen!"

3a, so vollständig."

Es flimmerte Horvath vor den Augen. Er wuftte, daft alles Lüge war, was sie sagte. Er touftte auch, weshalb sie log. Sie fürchtete für fein Leben, wenn Dosanyi inne würde, daft er der Vater des Kindes war. Rur deshalb. So über alle Maßen liebte sie ihn. Er wollte aufs neue nach ihren Händen fassen und lieft sie wieder sinken, als er gewahrte, wie groß ihr Widerwille gegen ihn war.Wenn du erlaubst, nehme ich das Kind zu mir. Es wird gut behütet sein."

Ich will mich nicht von ihm trennen. Es ist das einzige, was mir blieb."

Ich bring es dir alljährlich nach der Steppe. Den ganzen Sommer darfst du eS haben."

lubium und Fuge über den (HamenDach", Rheinbergers Orgel-Sonate in O-Moll und zu­letzt RegersFromme Ditte" und Orgel-Toccata in O-Moll Der Vortrag des Organisten stand auf künstlerischer Höhe. Schriftlesungen von StVtS- pfarrer Draudt gehalten und Lieder des Ver­anstalters von Dach, Schubert und Hiller verban­den die Orgelvorträge. Der Abend hinterlieft einen tiefen Eindruck.

Kreis Friedberg.

WSR. Friedberg, 14. Okt. Anfang näch­ster Woche beginnt die diesjährige Kampagne der hiesigen Zuckerfabrik Wetterau AG. In­folge der Kontingentierungsbeschlüsse der Zucker­produzenten kommen bei der hiesigen Fabrik in diesem Jahr etwa 650 000 Zentner Rüben zur Anfuhr, d. h. nur etwas mehr als die Hälfte der im Vorjahr verarbeiteten Menge. Die Dauer der Kampagne, Oie früher etwa 12 Wochen betrug, wird dadurch auf die Hälfte verringert.

Kreis Büdingen.

4k Ridda, 14. Okt. In diesem Jahre wurde das Innere des hiesigen Rathauses einer Re­novierung unterzogen und dabei auch gleich­zeitig einige notwendige Veränderungen vorge­nommen. Statt der unpraktischen Heizung der Räume mit Holz- und Kohlenöfen wurde eine Zentralheizung eingerichtet. Der seitherige Sitzungssaal im ersten Stock erwies sich bei öffent­lichen (Beratungen, denen eine größere Zahl von Zuhörem beiwohnte, manchmal als zu klein. Deshalb wurde der Saal durch Hinzunahme des Geschäftszimmers des (Bürgermeister^ vergrößert und die anschließende große Schreibstube des Dür- germeiftereiperfonal8 in zwei Räumen für den Geschäftsbetrieb der Stadtkasse eingerichtet. Die (Bureauräume des Dürgermeistereisekretariats und das Amtszimmer des (Bürgermeisters und Standesbeamten wurden in den zweiten Stock des RathauSes verlegt. Die Reuerungen finden all­gemein Anklang.

X Ridda, 14. Okt. Der Versand von A e p f e 1 n ist am hiesigen Bahnhof feit 14 Tagen sehr rege. Täglich wurden etwa 2 bis 3 Eisen­bahnwagen Aepfel (Schüttelobst) eingeladen. Die Verkäufer erhielten für den Zentner frei Anfuhr 1 Mark. Run fetzt auch der Verland von belle- rem Obst ein. Der Preis beträgt je Zentner Bos­kop 6 Mk., Wintergoldparmänen 5 Mk., Gold­reinetten von Blenheim 5 Mk., für die übrigen Tafeläpfelsorten 4 Mk. Wirtschaftsobst wird der Zentner mit 2 bis 3 Mk. bezahlt. Die sog. Ein­heit s k i st e wird allgemein bevorzugt. Die Rachfrage nach solchen Kisten ist Sehr groß.

KreiS Schotten.

sch BobenhauSenll, 14. Okt. Der nach langer Krankheit verstorbene Polizeidiener Hein­rich Lich au, der 30 Jahre lang Sein Amt in treuer Pflichterfüllung innehatte, wurde biefer Tage unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen. Bürgermeister Möser ge­dachte in einer kurzen Ansprache der vorbild­lichen Beamtentreue des Verstorbenen und Seine- heiteren, rücksichtsvollen WeSens. Der Krieger- verein erwies dem Heimgegangenen die letzte Ehre. Als Rachfolger tritt Polizeidiener Wilhelm Geift den Dienst an.

-f- Ober-Schmitten, 14. Okt. Innerhalb einer Woche wurden auf der hiesigen Station an­nähernd dreißig Waggon Kelterobfk verladen. Die Aepfel rollten zum größten Teil nach Baden, zum Heineren nach Frankfurt und Württemberg. Etwa 8000 Zentner Schüttelobst wurden aus den Gemarkungen Ulfa, Unter- und Ober-Schmitten angeliefert. Der An­kauf von Pflückobst, Wirtfchafts- und Tafeläpfeln seht bei anziehenden Prellen langsam ein. Der Versand auf der Bahn ist fo stark, daß die Züge oft mit großer Verspätung verkehren. Begehrt sind vor allen Dingen Schöner von Boskop, die verschiedensten Reinetten, Goldparmäne und Rheinischer Bohnapfel.

Es muß auch im Winter bei mir sein. Gs Soll nicht frieren.

Das würde es auch bei mir nicht."

(Hiemanb kann es fo mit feinem eigenen Leibe wärmen wie ich." Sie Schloß die Lider zur Hälfte, um das Flimmern ihrer Augen zu verbergen. Geh jetzt! Der Vater kommt über die Felder."

Ich werde auf ihn warten."

Rein!" warnte fie hastig.Vergift, waS einmal geweSen ist, wie auch ich bergefSen will." Und als er noch immer stand und wartete, ftieft fie hastend heraus: Frag deine Großmutter, was zwifchen dir und mir steht. Und du wirft begreifen."

Ich will nicht mit ihr darüber reden. Sag du mir« Selber.

Bofanhis Gestalt kam immer näher. Horvath wich nicht. Das Mädchen war ratlos in Seiner Angst und Verwirrung. Er mußte Antwort haben, damit er ging.Deine Mutter war einmal meines Vaters (Braut. Der deine hat fie ihm genommen und mußte es mit dem Leben büßen. Er fiei durch meines Vaters Hand. Run weißt du alles. Geh jetzt!"

Dein Vater war alfo der Mörder deS meinen7"

Sic nickte, faß die Wangen deS geliebten Man­nes in fahler Bläffe leuchten und strömte von Mitleid über.Guido!"

Er hörte es nicht. Vorwärts wankend, ging et den Weg entlang und verfchwand zwifchen den Halmen, die ihm Gesicht und Schultern streiften. Die Aehren knisterten, als er sich mitten in ihrer wogenden Fülle niederließ. Richt- als die Schwankenden Stengel neben und den blauen Him­mel über Sich. Suchte er Ordnung in den Aufruhr Seiner Gedanken zu bringen.

Das ist es alfo! Das!" Er hielt den Kopf zwifchen den Händen, die ttoh der Sommerglut Sich eifig anfüßlten.Es geht nicht", dachte er verzw<üSelt.Es geht nicht!" Er zog die Knie auf und legte die hämmernde Stirne darein. Wie hatte Raja gefagt: Seine Mutter war ein­mal Bofanyis Braut gewefen. DofanhiS Braut!" Er Sagte eS ein duhendmal vor Sich hin und wurde rußiger.

Das kam vor. Hunderte Male kam da- vor, daß Menfchen Sich erSt liebten und dann auäein» anbergingen.Dein Vater ßat fie ißm genommen, ßatte Raja gemeldet. Er dachte wieder nach. Es machte ißm Solche Müße. Sein KopS war wie wund geSchlagen. Sein Vater hatte Bvfanyi die (Braut genommen, gestohlen, an Sich geriffen und zu feinem Weibe gemacht. Lind er? War der Sohn biefer Frau, die Bofanyis Braut gewesen war. Der Sohn dieser Frau.

Er fing wieder von vorne an. Es ging einfach nicht, das alles zu Ende zu denken. Er kam fiw vor wie ein Irrer Dann kam das Verebben, das Abflauen der seelischen Erschütterung. Er zwang Sich mit aller Gewalt zum Weiterordnen des Ganzen. (Fortsetzung folgt)