Ausgabe 
15.9.1931
 
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Wiedervereinigung der organisatorisch völlig getrennten Heimwehrgruppen unternommen worden ist, besteht doch sicherlich keinerlei Verbindung zwi­schen den aufständischen Heimwehren und etwa der Tiroler oder der Vorarlberger Heimwehr. Kein Geg­ner der Heimwehr konnte dieser solchen Schaden du­ftigen, wie es die selbständige Heimwehrgruope der Steiermark mit ihrem Putsch getan hat. Und es mässen merkwürdige Freunde des Heimwehrgedan­kens gewesen sein, die den Führern des Putsches den Rat zum Aufstand gaben ...

Es wäre sehr interessant zu erfahren wie und unter welchen Voraussetzungen Pfriemer sich zu dem

Fürst S t a r h e m b e r g, der frühere Innenminister. Putsch entschloß. Hat man ihm gesagt, daß das Bun­desheer mitmachen würde? Hat man ihm bestimmte außenpolitische Zusicherungen gemacht? Glaubte Pfriemer vielleicht gar, nur ein Glied der großen südosteuropäischen Neuordnung zu sein, die nach dem Scheitern des deutsch-österreichischen Zollunionsplans immer mehr in den Vordergrund tritt? Hoffentlich werden diese Fragen beantwortet. Oder brannte in der Steiermark nur die blinde Opposition gegen die von Frankreich diktierten Bedingungen auf? Ein Vorgang, der nur zu verständlich wäre angesichts der Ketten, die das französische Kapital auch noch nach dem österreichischen Verzicht auf die Zollunion mit Deutschland dem Lande anlegen will.

Bei den Teilnehmern am Putschversuch, bet dem einfachen Heimwehrmann, der Haus und Hof verlieh, um Pfriemers Ruf zu folgen, hat die Wut über die fortschreitende Entrechtung Oesterreichs sicher eine Rolle gespielt. Anders wäre es kaum denkbar, dah trotz der offensichtlich mangelhaften Organi­sation so umfangreiche Desehungsmahnahmen glatt funktionierten. Ader der Führer der Be­wegung selbst, der doch in öffentlichen Aufrufen die Ueberncchme der Staatsgewalt verkündete, hat sich sicher nicht allein durch diesen verständlichen Oppositionsdrang zu einer in ihrem Ziele ganz unklaren Tat hinreihen lassen. Für eine Er­hebung gegen die Genfer Diktate Frankreichs hätte er ja auch ganz andere Kräfte als nur diese Heimwehrgruppe zu mobilisieren vermocht vorausgesetzt, dah der Plan eines politischen Widerstandes Hand und Fuß gehabt hätte. So bleibt nur die Vermutung, die sich auf eine Stelle bes ersten Aufrufs der Putschisten stützt, dah die ganze Bewegung bis zu einem gewissen Grade Änen legitimistischen, einen schwarz-gel­ben Einschlag hatte.

Die Folgen des Putsches werden am härtesten den Heimwehrgedanken treffen, den die Heimwehrputschisten selbst am gröblichsten verletzt haben. Schon erheben die Sozialdemokraten die Forderung nach einer Entwaffnung und Auf­lösung der Heimatwehren und schon versucht man geflissentlich, den Unterschied zwischen den Put­schisten uni) der wirklichen Heimwehr zu ver­wischen. Man wird es schon verstehen, die Heim­wehr als solche ins Unrecht zu setzen. Auch gibt es Leute, die offen aussprechen, dah bei geschickter Verwertung der zu erwartenden Untersuchungs­ergebnisse nunmehr der Zeitpunkt gekommen sei, eine erste österreichische Bundesregierung aus der Koalition mit den Sozialdemokraten aufzu­bauen.

Währenddes sollte sich Oesterreich eigentlich schon für einen bedeutsamen Wahlkampf rüsten' Die Wahl des Bundespräsidenten, die zum erstenmal nicht mehr durch die Rational­versammlung, sondern durch das Volk selbst vorgenommen werden soll und aus der ein Prä­sident hervorgeht, der erheblich erweiterte Be­fugnisse besitzt. Befugnisse, die rein rechtlich auch der gegenwärtige Präsident schon hatte, die er aber so gut wie gar nicht ausübte, weil sie ihm nur durch das Parlament und noch nicht vom Volke selbst gegeben waren. Es gibt nicht viele Kandidaten für den besonders jetzt so verantwor­tungsvollen Posten, und die Mehrzahl der Par­teien verzichtet auf jede Rominierung. Rur die Christlichsozialen, von denen Dr. Seipel ver­geblich ausgestellt zu werden hoffte, haben den gegenwärtigen Präsidenten in Aus­sicht genommen und die Sozialdemokraten wer­den Dr. Renner präsentieren. Der Ausgang der Wahl ist nicht nur wegen der mangelnden Anteilnahme anderer Parteien, sondern vor allem auch in der Folge des Putschversuchs vom Sonn­tag noch recht ungewih.

Die Verhaftungen.

Fürst Starhemberg der Teilnahme verdächtigt.

Linz, 14. Sept. (WTB.) Wie bereits ge­meldet, wurde heute früh der ehemalige Innen­minister und Landesführer der Heimwehr in Ober­österreich Fürst Starhemberg zusammen mit Graf Coreth auf seinem Schloh Hoch- scharten bei Weihenkirchen verhaftet. Star­hemberg hatte bereits am Samstag dem Bezirks­hauptmann von Efferdingen mitgeteilt, daß es wahrscheinlich in der Rächt auf Sonntag au einer Heimwehr-Initiative kommen werde, der e r selbst aber nicht zu stimme. Die Behör­den schließen daraus, daß Starhemberg von dem bevorstehenden Putsch Kenntnis besaß, jedoch den Erfolg abwarten wollte, bevor er eine Entscheidung traf. In Graz wurde In­genieur R a u t e r, der Stabschef Dr. Pfriemers.

in seiner Wohnung verhaftet. In ganz Oester­reich herrscht volle Ruhe. Im Laufe des Ta­ges wurden zahlreiche Verhaftungen vonLlnterführernder Putschbewegung vor­genommen. Ebenso wurde eine stattliche Menge von Waffen beschlagnahmt. Dr. P f r i e m e r ist heute nacht gegen die Staats­grenze geflüchtet. Ob er diese überschritten hat, konnte noch nicht festgestellt werden. Wie dieReue Freie Presse" erfährt, ist die Regie­rung fest entschlossen, aus den gestrigen Ereig­nissen die Konsequenzen zu ziehen und d i e Heimwehren aufzulösen und zu ent­waffnen.

Große Aufmerksamkeit in Paris.

Wird der Zwischenfall zum Nachdenken anregen?

Paris, 14. Sept. ($11.) Die Pariser Morgen­blätter messen der Entwicklung der Unruhen in Oesterreich große Bedeutung bei und füllen ganze Spalten mit den letzten Rach­richten aus Wien, ohne schon ausführlich dazu Stellung zu nehmen. Lediglich derPetit Parisi en" läßt sich von seinem Wiener Son­derberichterstatter melden, dah die Zwischenfälle, so bedauerlich sie auch seien, den Be­weis dafür lieferten, daß die Mehrheit des öster­reichischen Volkes den Bürgerkrieg verurteile. Sie deuteten jedoch andererseits auch auf die be­

unruhigende Lage hin, in der sich Oester­reich befinde und die der Winter nur noch verschlimmern werde. Das linksgerichtete O u v r e" ironisiert den Putsch und meint, die Heimwehrleute hätten, wie die Faschisten in Ita­lien und die Rationalsozialisten in Deutschland, eine krankhafte Reigung zum Tragen der Uni­form. In Oesterreich habe man versucht, Krüeg zu spielen, und dabei den regulären Truppen Gelegenheit gegeben, einige Hebungen in den Bergen auszuführen. Ohne den Faschis­mus zu unterschätzen, der in Oesterreich bestehe, könne man den Ausgang der Bewegung als ziemlich beruhigend ansehen.

Die politischen Konsequenzen

Die Times fordert von Frankreich Ver­ständnis der Lage

London, 14. Sept. (TU.) lieber den Putsch in Oesterreich berichtet die englische Presse sehr aus­führlich. DieTimes" sagt, daß er die allgemeine Spannung in Europa noch verschärfe. Seine Be­deutung sei nicht sehr groß, aber er sei charal­te r i st i s ch s ü r die Gefahren, die infolge der gegenwärtigen ungleichen Verteilung der inanziellen, politischen und wirtschaftlichen Kräfte ür die Beziehungen der europäischen Völker ent- tanben seien. Diese Gefahren könnten nur durch die freie Zusammenarbeit aller europäischen Mächte,

insbesondere Frankreich und Deutschland, die sich ernsthaft um einen Ausgleich bemühen müß­ten, beseitigt werden. Ein Erfolg der Abrüstungs­konferenz sei nur möglich, wenn sich bis dahin die französisch-deutschen Beziehungen gebessert hätten. Man habe Grund zu der Annahme, daß die franzö­sischen Minister konkrete Vorschläge in Ber­lin unterbreiten würden, die sich auf eine finanzielle und wirtschaftliche Zusammenarbeit bezögen. Poli­tisch, finanziell und militärisch sei Frankreichs Vorherrschaft absolut, vielleicht viel abso­luter als die Deutschlands zur Zeit des Sturzes von Delcafsä. DieTimes" wendet sich dann an Frank­reich, dessen Staatsmänner die Geschichte zu gut kannten, um nicht d i e Gefahren einer d e r - artigen Führer st ellung zu sehen, die dep Natur der Dinge nach doch nur vorübergehend sein könne. Der erste Schritt Frankreichs müßte darin bestehen, die nicht erzwungene Mitarbeit seiner nächsten Nachbarn zu suchen.Daily leie« grap h" führt den Putsch der Heimwehr auf die politischen und wirtschaftlichen Ent- täuschungen der letzten Zeit, wie z. B. den Zusammenbruch der Zollunion zurück. Diese berechtigte jedoch nicht, sich zu unverantwort­lichen Gewaltakten hinreißen zu lassen. Die Morningpost" bedauert, daß in dem Augen­blick, wo Oesterreich des Kredits bedarf geputscht werde.Daily H e r a l d" bezeichnet den Auf- stand als ein theatralisches Unternehmen.

Das Eisenbahnattentat bei Bia Torbagy.

Ans der Suche nach den Attentätern. Zusammenarbeit mit der Berliner Polizei. Aehnlichkeit mit Jüterbog. Die Höllenmaschine deutschen Llrsprungs.

Die Trümmerftätte bei Bia Torbagy.

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drei Leute den Anschlag verübt haben, wovon der eine der ungarische vertrauen»« mann einer ausländischen kommuni« stischen Bande ist. Die Täler sollen in einem Auto erschienen und abgefahren sein. Die Hand­schrift auf dem Zettel, der in der Nähe der lln- glücksstätte gefunden worden ist, weist auf die Hand eines intelligenten Mannes hin, der offenbar

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Frauenhandschrift nachahmen wollte. Der Unter­suchungsrichter gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Täter es deshalb auf einen internationalen Zug abgesehen hätten, damit Reisende verschie­dener Rationen getötet wurden und die internationale Presse sich mit dem Fall beschäftige.

Die Budapester Polizei steht mit der Ber­liner Kriminalpolizei in ständiger Verbin­dung, um auf Grund gegenseitiger Mitteilungen zu klären, ob nicht ein Zusammenhang zwischen dem Eisenbahnanschlag bei Jüterbog und dem bei Via Torbagy, einem überwiegend schwäbischen

Wir erleben in der letzten Zeit eine Häufung von Gisenbahnattentaten, die keinen Zweifel daran erlaubt, daß es sich hier um das plan­mäßige Vorgehen terroristischer Banden handelt. Dem Anschlag von Iüterbog und den verschie­denen Gewaltakten in I u g o s l a w i e n ist jetzt das Attentat von Dia Torbagy gefolgt, das leider nur zu erfolgreich war und neben erheb­lichem Sachschaden zahlreiche Menschenleben ge­kostet hat. Obwohl es noch nicht gelungen ist, der Täter habhaft zu werden, steht doch bereits fest, dah es sich um das ruchlose Werk von Kom­mun i st e n handelt. Diese Tatsache ergibt sich einwandfrei aus dem Zettel, der an der Tat- stelle gefunden wurde und der in schwülstigen kommunistischen Redewendungen weitere Ge­walttätigkeiten in Aussicht stellt. Richt nur dieseKundgebung" bringt eine fatale Pa­rallele zu dem Vorgang bei Iüterbog, wo be­kanntlich von den Tätern ebenfalls eine revo­lutionäre Mitteilung zurückgelassen wurde. Auch die Anlage und Durchführung des Attentates in Ungarn geigt eine weitgehende Aehn­lichkeit mit dem Anschlag auf deutschem Boden. Ebenso ist der Sprengkörper, der verwendet wurde, von gleicher Art.

Der Zweck dieser Gewalttaten liegt auf der Hand. In keinem der Fälle handelt es sich um eine Ausplünderung der Reisenden, also um die Befriedigung primitiver Raubinstinkte, viel­mehr dürften die Verbrecher sich bereits vor dem Eintritt der Katastrophe in Sicherheit gebracht haben. Ihr Ziel war offensichtlich, eine tief­gehende Beunruhigung hervorzurufen, und man kann nicht leugnen, daß sie diese Ab­sicht auch erreicht haben. Es ist charakteristisch, daß die Täter sich als Wirkungsfeld diejeni­gen Länder ausgesucht haben, auf denen die Wirtschaftskrise besonders schwer lastet. Die schon vorhandene Erregung soll auf diese Weise noch gesteigert und dem revolutionären Gedanken der Boden bereitet werden. In diesem Zusammenhang müssen wir uns auch die zahl­reichen heimtückischen Heberfälle auf Po - lizeibeamte in der jüngsten Vergangenheit erinnern, denen die gleiche Tendenz zugrunde liegt. Die Einschüchterungsversuche nach Mos­kauer Art haben somit ein Ausmaß angenom­men, das zu einer ausgesprochenen Gefahr ge­worden ist. Wir vermögen nicht zu glauben, daß die Komintern an diesen Vorgängen unbeteiligt sind. Wiederholt sind aus Moskau Rachrichten herübergedrungen, die besagten, dah die Bol­schewisten eine regere Propaganda der T a t in Mitteleuropa in Szene zu setzen beab­sichtigten. Das zeitliche Zusammentreffen dieser Meldungen mit den Attentaten kommunistischen Ursprungs muh bedenklich stimmen.

Angesichts der verhängnisvollen Wirkung der Terrormethoden, die jetzt zur Anwendung gelangen, muß der Kampf gegen den Kommunismus mit aller Kraft ausgenommen werden. Es geht nicht an, daß ein Zustand völliger Unsicherheit entsteht und vor allem das Reisen zu einem lebensgefährlichen Unter» nehmerz wird. Attentats tragen bekanntlich leider

den Reiz zu Nachahmungen in sich. Gelingt es also nicht, den verbrecherischen Burschen das Handwerk zu legen, so müssen wir damit rechnen, daß chao­tische Zustände einreißen. Da es sich offen­kundig um internationale Verschwörer handelt, müsien sie auch in internationaler Zusammenarbeit bekämpft werden. Daß auch vor drakonischen Maß­nahmen nicht zurückgeschreckt werden darf, ^ersteht sich wohl von selbst. Das Gemeinwohl verlangt, daß die neue kommunistische Taktik, deren Auswirkungen wir so grauenvoll zu fühlen bekommen, bereits in ihren Anfängen lahmgelegt wird.

Die Untersuchung.

Budapest, 14. Sept. (TU.) Die Suche nach den Attentätern von Bia Torbagy gestattet sich sehr schwierig. Es sind keine Fingerabdrücke gefunden worden. Die Polizei ist der Meinung, daß

Dorf, eine Verknüpfung besteht. Soviel ist gewiß, dah die Höllenmaschine deutschen Ur­sprungs ist. Ls sollen sich bei gegenseitigem tele­phonischen Austausch der Beobachtungen viele An­haltspunkte für die Annahme ergeben haben, daß die Anschläge auf die gleiche Art begangen worden seien, vielleicht nach Verabredung. Al» Täter kommen im Umgang mit Sprengstoffen ver­traute Personen in Frage. Die beiden Batterien, die den Kurzschluß in den mit etwa zwei Kilogramm Eorasit gefüllten Koffer auslösten, sind Erzeugnisse der Orion-Glühlarnpengesellschaft. Es wurde feftgc- steltt, dah die Batterien zwischen dem 3 0.Au­gust und dem 5. September in den han­del gekommen sind. Ls wird nun besonders nach dem Verkäufer der beiden Batterien geforscht. Man ist der Ueberzeugung, daß die Attentäter da»

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