Wiedervereinigung der organisatorisch völlig getrennten Heimwehrgruppen unternommen worden ist, besteht doch sicherlich keinerlei Verbindung zwischen den aufständischen Heimwehren und etwa der Tiroler oder der Vorarlberger Heimwehr. Kein Gegner der Heimwehr konnte dieser solchen Schaden duftigen, wie es die selbständige Heimwehrgruope der Steiermark mit ihrem Putsch getan hat. Und es mässen merkwürdige Freunde des Heimwehrgedankens gewesen sein, die den Führern des Putsches den Rat zum Aufstand gaben ...
Es wäre sehr interessant zu erfahren wie und unter welchen Voraussetzungen Pfriemer sich zu dem
Fürst S t a r h e m b e r g, der frühere Innenminister. Putsch entschloß. Hat man ihm gesagt, daß das Bundesheer mitmachen würde? Hat man ihm bestimmte außenpolitische Zusicherungen gemacht? Glaubte Pfriemer vielleicht gar, nur ein Glied der großen südosteuropäischen Neuordnung zu sein, die nach dem Scheitern des deutsch-österreichischen Zollunionsplans immer mehr in den Vordergrund tritt? Hoffentlich werden diese Fragen beantwortet. Oder brannte in der Steiermark nur die blinde Opposition gegen die von Frankreich diktierten Bedingungen auf? Ein Vorgang, der nur zu verständlich wäre angesichts der Ketten, die das französische Kapital auch noch nach dem österreichischen Verzicht auf die Zollunion mit Deutschland dem Lande anlegen will.
Bei den Teilnehmern am Putschversuch, bet dem einfachen Heimwehrmann, der Haus und Hof verlieh, um Pfriemers Ruf zu folgen, hat die Wut über die fortschreitende Entrechtung Oesterreichs sicher eine Rolle gespielt. Anders wäre es kaum denkbar, dah trotz der offensichtlich mangelhaften Organisation so umfangreiche Desehungsmahnahmen glatt funktionierten. Ader der Führer der Bewegung selbst, der doch in öffentlichen Aufrufen die Ueberncchme der Staatsgewalt verkündete, hat sich sicher nicht allein durch diesen verständlichen Oppositionsdrang zu einer in ihrem Ziele ganz unklaren Tat hinreihen lassen. Für eine Erhebung gegen die Genfer Diktate Frankreichs hätte er ja auch ganz andere Kräfte als nur diese Heimwehrgruppe zu mobilisieren vermocht — vorausgesetzt, dah der Plan eines politischen Widerstandes Hand und Fuß gehabt hätte. So bleibt nur die Vermutung, die sich auf eine Stelle bes ersten Aufrufs der Putschisten stützt, dah die ganze Bewegung bis zu einem gewissen Grade Änen legitimistischen, einen schwarz-gelben Einschlag hatte.
Die Folgen des Putsches werden am härtesten den Heimwehrgedanken treffen, den die Heimwehrputschisten selbst am gröblichsten verletzt haben. Schon erheben die Sozialdemokraten die Forderung nach einer Entwaffnung und Auflösung der Heimatwehren und schon versucht man geflissentlich, den Unterschied zwischen den Putschisten uni) der wirklichen Heimwehr zu verwischen. Man wird es schon verstehen, die Heimwehr als solche ins Unrecht zu setzen. Auch gibt es Leute, die offen aussprechen, dah bei geschickter Verwertung der zu erwartenden Untersuchungsergebnisse nunmehr der Zeitpunkt gekommen sei, eine erste österreichische Bundesregierung aus der Koalition mit den Sozialdemokraten aufzubauen.
Währenddes sollte sich Oesterreich eigentlich schon für einen bedeutsamen Wahlkampf rüsten' Die Wahl des Bundespräsidenten, die zum erstenmal nicht mehr durch die Rationalversammlung, sondern durch das Volk selbst vorgenommen werden soll und aus der ein Präsident hervorgeht, der erheblich erweiterte Befugnisse besitzt. Befugnisse, die rein rechtlich auch der gegenwärtige Präsident schon hatte, die er aber so gut wie gar nicht ausübte, weil sie ihm nur durch das Parlament und noch nicht vom Volke selbst gegeben waren. Es gibt nicht viele Kandidaten für den besonders jetzt so verantwortungsvollen Posten, und die Mehrzahl der Parteien verzichtet auf jede Rominierung. Rur die Christlichsozialen, von denen Dr. Seipel — vergeblich — ausgestellt zu werden hoffte, haben den gegenwärtigen Präsidenten in Aussicht genommen und die Sozialdemokraten werden Dr. Renner präsentieren. Der Ausgang der Wahl ist nicht nur wegen der mangelnden Anteilnahme anderer Parteien, sondern vor allem auch in der Folge des Putschversuchs vom Sonntag noch recht ungewih.
Die Verhaftungen.
Fürst Starhemberg der Teilnahme verdächtigt.
Linz, 14. Sept. (WTB.) Wie bereits gemeldet, wurde heute früh der ehemalige Innenminister und Landesführer der Heimwehr in Oberösterreich Fürst Starhemberg zusammen mit Graf Coreth auf seinem Schloh Hoch- scharten bei Weihenkirchen verhaftet. Starhemberg hatte bereits am Samstag dem Bezirkshauptmann von Efferdingen mitgeteilt, daß es wahrscheinlich in der Rächt auf Sonntag au einer Heimwehr-Initiative kommen werde, der e r selbst aber nicht zu stimme. Die Behörden schließen daraus, daß Starhemberg von dem bevorstehenden Putsch Kenntnis besaß, jedoch den Erfolg abwarten wollte, bevor er eine Entscheidung traf. In Graz wurde Ingenieur R a u t e r, der Stabschef Dr. Pfriemers.
in seiner Wohnung verhaftet. In ganz Oesterreich herrscht volle Ruhe. Im Laufe des Tages wurden zahlreiche Verhaftungen vonLlnterführernder Putschbewegung vorgenommen. Ebenso wurde eine stattliche Menge von Waffen beschlagnahmt. Dr. P f r i e m e r ist heute nacht gegen die Staatsgrenze geflüchtet. Ob er diese überschritten hat, konnte noch nicht festgestellt werden. Wie die „Reue Freie Presse" erfährt, ist die Regierung fest entschlossen, aus den gestrigen Ereignissen die Konsequenzen zu ziehen und d i e Heimwehren aufzulösen und zu entwaffnen.
Große Aufmerksamkeit in Paris.
Wird der Zwischenfall zum Nachdenken anregen?
Paris, 14. Sept. ($11.) Die Pariser Morgenblätter messen der Entwicklung der Unruhen in Oesterreich große Bedeutung bei und füllen ganze Spalten mit den letzten Rachrichten aus Wien, ohne schon ausführlich dazu Stellung zu nehmen. Lediglich der „Petit Parisi en" läßt sich von seinem Wiener Sonderberichterstatter melden, dah die Zwischenfälle, so bedauerlich sie auch seien, den Beweis dafür lieferten, daß die Mehrheit des österreichischen Volkes den Bürgerkrieg verurteile. Sie deuteten jedoch andererseits auch auf die be
unruhigende Lage hin, in der sich Oesterreich befinde und die der Winter nur noch verschlimmern werde. Das linksgerichtete „O u v r e" ironisiert den Putsch und meint, die Heimwehrleute hätten, wie die Faschisten in Italien und die Rationalsozialisten in Deutschland, eine krankhafte Reigung zum Tragen der Uniform. In Oesterreich habe man versucht, Krüeg zu spielen, und dabei den regulären Truppen Gelegenheit gegeben, einige Hebungen in den Bergen auszuführen. Ohne den Faschismus zu unterschätzen, der in Oesterreich bestehe, könne man den Ausgang der Bewegung als ziemlich beruhigend ansehen.
Die politischen Konsequenzen
Die Times fordert von Frankreich Verständnis der Lage
London, 14. Sept. (TU.) lieber den Putsch in Oesterreich berichtet die englische Presse sehr ausführlich. Die „Times" sagt, daß er die allgemeine Spannung in Europa noch verschärfe. Seine Bedeutung sei nicht sehr groß, aber er sei charalte r i st i s ch s ü r die Gefahren, die infolge der gegenwärtigen ungleichen Verteilung der inanziellen, politischen und wirtschaftlichen Kräfte ür die Beziehungen der europäischen Völker ent- tanben seien. Diese Gefahren könnten nur durch die freie Zusammenarbeit aller europäischen Mächte,
insbesondere Frankreich und Deutschland, die sich ernsthaft um einen Ausgleich bemühen müßten, beseitigt werden. Ein Erfolg der Abrüstungskonferenz sei nur möglich, wenn sich bis dahin die französisch-deutschen Beziehungen gebessert hätten. Man habe Grund zu der Annahme, daß die französischen Minister konkrete Vorschläge in Berlin unterbreiten würden, die sich auf eine finanzielle und wirtschaftliche Zusammenarbeit bezögen. Politisch, finanziell und militärisch sei Frankreichs Vorherrschaft absolut, vielleicht viel absoluter als die Deutschlands zur Zeit des Sturzes von Delcafsä. Die „Times" wendet sich dann an Frankreich, dessen Staatsmänner die Geschichte zu gut kannten, um nicht d i e Gefahren einer d e r - artigen Führer st ellung zu sehen, die dep Natur der Dinge nach doch nur vorübergehend sein könne. Der erste Schritt Frankreichs müßte darin bestehen, die nicht erzwungene Mitarbeit seiner nächsten Nachbarn zu suchen. — „Daily leie« grap h" führt den Putsch der Heimwehr auf die politischen und wirtschaftlichen Ent- täuschungen der letzten Zeit, wie z. B. den Zusammenbruch der Zollunion zurück. Diese berechtigte jedoch nicht, sich zu unverantwortlichen Gewaltakten hinreißen zu lassen. — Die „Morningpost" bedauert, daß in dem Augenblick, wo Oesterreich des Kredits bedarf geputscht werde. — „Daily H e r a l d" bezeichnet den Auf- stand als ein theatralisches Unternehmen.
Das Eisenbahnattentat bei Bia Torbagy.
Ans der Suche nach den Attentätern. — Zusammenarbeit mit der Berliner Polizei. — Aehnlichkeit mit Jüterbog. — Die Höllenmaschine deutschen Llrsprungs.
Die Trümmerftätte bei Bia Torbagy.
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drei Leute den Anschlag verübt haben, wovon der eine der ungarische vertrauen»« mann einer ausländischen kommuni« stischen Bande ist. Die Täler sollen in einem Auto erschienen und abgefahren sein. Die Handschrift auf dem Zettel, der in der Nähe der lln- glücksstätte gefunden worden ist, weist auf die Hand eines intelligenten Mannes hin, der offenbar
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Frauenhandschrift nachahmen wollte. Der Untersuchungsrichter gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Täter es deshalb auf einen internationalen Zug abgesehen hätten, damit Reisende verschiedener Rationen getötet wurden und die internationale Presse sich mit dem Fall beschäftige.
Die Budapester Polizei steht mit der Berliner Kriminalpolizei in ständiger Verbindung, um auf Grund gegenseitiger Mitteilungen zu klären, ob nicht ein Zusammenhang zwischen dem Eisenbahnanschlag bei Jüterbog und dem bei Via Torbagy, einem überwiegend schwäbischen
Wir erleben in der letzten Zeit eine Häufung von Gisenbahnattentaten, die keinen Zweifel daran erlaubt, daß es sich hier um das planmäßige Vorgehen terroristischer Banden handelt. Dem Anschlag von Iüterbog und den verschiedenen Gewaltakten in I u g o s l a w i e n ist jetzt das Attentat von Dia Torbagy gefolgt, das leider nur zu erfolgreich war und neben erheblichem Sachschaden zahlreiche Menschenleben gekostet hat. Obwohl es noch nicht gelungen ist, der Täter habhaft zu werden, steht doch bereits fest, dah es sich um das ruchlose Werk von Kommun i st e n handelt. Diese Tatsache ergibt sich einwandfrei aus dem Zettel, der an der Tat- stelle gefunden wurde und der in schwülstigen kommunistischen Redewendungen weitere Gewalttätigkeiten in Aussicht stellt. Richt nur diese „Kundgebung" bringt eine fatale Parallele zu dem Vorgang bei Iüterbog, wo bekanntlich von den Tätern ebenfalls eine revolutionäre Mitteilung zurückgelassen wurde. Auch die Anlage und Durchführung des Attentates in Ungarn geigt eine weitgehende Aehnlichkeit mit dem Anschlag auf deutschem Boden. Ebenso ist der Sprengkörper, der verwendet wurde, von gleicher Art.
Der Zweck dieser Gewalttaten liegt auf der Hand. In keinem der Fälle handelt es sich um eine Ausplünderung der Reisenden, also um die Befriedigung primitiver Raubinstinkte, vielmehr dürften die Verbrecher sich bereits vor dem Eintritt der Katastrophe in Sicherheit gebracht haben. Ihr Ziel war offensichtlich, eine tiefgehende Beunruhigung hervorzurufen, und man kann nicht leugnen, daß sie diese Absicht auch erreicht haben. Es ist charakteristisch, daß die Täter sich als Wirkungsfeld diejenigen Länder ausgesucht haben, auf denen die Wirtschaftskrise besonders schwer lastet. Die schon vorhandene Erregung soll auf diese Weise noch gesteigert und dem revolutionären Gedanken der Boden bereitet werden. In diesem Zusammenhang müssen wir uns auch die zahlreichen heimtückischen Heberfälle auf Po - lizeibeamte in der jüngsten Vergangenheit erinnern, denen die gleiche Tendenz zugrunde liegt. Die Einschüchterungsversuche nach Moskauer Art haben somit ein Ausmaß angenommen, das zu einer ausgesprochenen Gefahr geworden ist. Wir vermögen nicht zu glauben, daß die Komintern an diesen Vorgängen unbeteiligt sind. Wiederholt sind aus Moskau Rachrichten herübergedrungen, die besagten, dah die Bolschewisten eine regere Propaganda der T a t in Mitteleuropa in Szene zu setzen beabsichtigten. Das zeitliche Zusammentreffen dieser Meldungen mit den Attentaten kommunistischen Ursprungs muh bedenklich stimmen.
Angesichts der verhängnisvollen Wirkung der Terrormethoden, die jetzt zur Anwendung gelangen, muß der Kampf gegen den Kommunismus mit aller Kraft ausgenommen werden. Es geht nicht an, daß ein Zustand völliger Unsicherheit entsteht und vor allem das Reisen zu einem lebensgefährlichen Unter» nehmerz wird. Attentats tragen bekanntlich leider
den Reiz zu Nachahmungen in sich. Gelingt es also nicht, den verbrecherischen Burschen das Handwerk zu legen, so müssen wir damit rechnen, daß chaotische Zustände einreißen. Da es sich offenkundig um internationale Verschwörer handelt, müsien sie auch in internationaler Zusammenarbeit bekämpft werden. Daß auch vor drakonischen Maßnahmen nicht zurückgeschreckt werden darf, ^ersteht sich wohl von selbst. Das Gemeinwohl verlangt, daß die neue kommunistische Taktik, deren Auswirkungen wir so grauenvoll zu fühlen bekommen, bereits in ihren Anfängen lahmgelegt wird.
Die Untersuchung.
Budapest, 14. Sept. (TU.) Die Suche nach den Attentätern von Bia Torbagy gestattet sich sehr schwierig. Es sind keine Fingerabdrücke gefunden worden. Die Polizei ist der Meinung, daß
Dorf, eine Verknüpfung besteht. Soviel ist gewiß, dah die Höllenmaschine deutschen Ursprungs ist. Ls sollen sich bei gegenseitigem telephonischen Austausch der Beobachtungen viele Anhaltspunkte für die Annahme ergeben haben, daß die Anschläge auf die gleiche Art begangen worden seien, vielleicht nach Verabredung. Al» Täter kommen im Umgang mit Sprengstoffen vertraute Personen in Frage. Die beiden Batterien, die den Kurzschluß in den mit etwa zwei Kilogramm Eorasit gefüllten Koffer auslösten, sind Erzeugnisse der Orion-Glühlarnpengesellschaft. Es wurde feftgc- steltt, dah die Batterien zwischen dem 3 0.August und dem 5. September in den handel gekommen sind. Ls wird nun besonders nach dem Verkäufer der beiden Batterien geforscht. Man ist der Ueberzeugung, daß die Attentäter da»
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