Ausgabe 
15.8.1931
 
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durch ständig zunehmende Selbstdisziplin der Jun­gens bemerkbar. Zu den Mahlzeiten werden die einzelnen Manipel abwechselnd an den Offiziers- tisch gesetzt. .

Sewstverständlich wird die physische und mo­ralische Ertüchtigung des jungen Nachwuchses auch hier in denDienst der Idee gestellt, die Mussolini dem neuen Italien gegeben hat.Die faschistische Revolution muh um jeden Preis gegen alles und gegen alle verteidigt werden!" Diesen Wahlspruch können die angehenden Hundert­schaftenführer täglich lesen, wenn sie sich zu den Mahlzeiten oder zum Unterricht in die zu die­sem Zweck errichteten hölzernen Hallen begeben. Durch Vorlesungen, Aussprachen und Führungen werden die Errungenschaften des Faschismus den jungen Schwarzhemden eindringlich erläutert und wenn sie wieder in ihre engere Heimat zurück- kehren, so wirken sie dort als lebendige Propa- gandisterr. In weitem Mähe wird auch der Film zu diesem Zweck herangezogen. Abends finden im Lager Freilicht-Vorführungen statt. Die Idee der faschistischen Iugenderziehung. d.e Mussolini bisher auch der scharfen Kritik des Pap­stes gegenüber nicht geändert hat, findet hier ihre Verwirklichung. Richt umsonst wird im übrigen darauf gesehen, daß das religiöse Gebiet wenigstens äußerlich nicht zu kurz kommt. In die­sen Tagen haben die 3000 angehenden Hundert- schaftenfühver an einer Messe in der Peterskirche teilgenommen, also gewissermaßen unter den Augen des Pap st es, der noch vor wenigen Wochen die faschistische Erziehung als unchristfich bezeichnete.

Zu der eingangs geschilderten allgemein-mora­lischen und zu der faschistisch-politischen Seite tritt nun als drittes noch die militärische hinzu. Reben der Erziehung zum Wehrgedanken besteht sie in der Llnterweisung im Gebrauch des Kara­biners, Patrvuillendienst, Gefechts- und Marsch­übungen usw. Es liegt weniger ernster Milita­rismus darin als manche Gegner dieses Systems behaupten wollen und trägt doch auch zur alb­gemeinen Disziplinierung bei. Wer die vormili­tärische Ausbildung mit Erfolg durchmacht, wird dann später drei Monate früher vom aktiven Mi­litärdienst befreit. Warum soll man «inen Gegen­satz zwischen den in letzter Zeit gerade wieder­holten Erklärungen Mussolinis über Italiens 216- rüstungsbereitschaft und der militärischen Erzie­hung seiner Iugend sehen?Wisse, daß der Fa­schist und vor allem der Angehörige der Miliz nicht an den ewigen Frieden glauben darf." Auch dies ist ein Spruch, der weit sichtbar an einem Pfosten des Lagers angeschlagen ist. Man fairrt damit übereinstimmen, bloß sollte es allen gesunden Völkern gestattet sein, Konse­quenzen aus dieser Wahrheit für ihre Iugend zu ziehen.

Im Laufe eines längeren Besuches im Lager habe ich nur frische, fröhliche Gesichter gesehen unZ) mich an den bereitwilligen und freimütigen Aus­künften erfreut, die auf jede Frage ohne Ver­legenheit erteilt tourten. Ein Zeichen dafür, daß die Iungerrs richtig angepackt wurden, ist auch ter Stolz derer, die schon zum zweiten Male an diesem Führerkursus teilnehmen dürfen und bereits lei­tende Funktionen ausüben. Die junge Exzellenz Renato Ricci erfreut sich ungeteilter Beliebtheit unter seinen Iungscharen, die bereit sind, für ihn durchs Feuer zu gehen. Ricci wiederum schreibt jedem einzelnen vor:Eines muß dir besonders wert sein: das Leben des Duce".

Epielplan der Frankfurter Theater.

Opernhaus. Sonntag, 16. August, 20 bis Nach 22.30 Uhr: Der lustige Krieg. Dienstag, 18. August, 20 bis gegen 23 Uhr: Die verkaufte ' Braut. Mittwoch, 19. August, 20 bis nach 22.30 ^llhr: Madame Butterfly- Donnerstag, 20. Aug., Der fliegende Holländer. Freitag, 21. August, 20 bis gegen 23 Uhr: Undine. Samstag, 22. Aug., 19 bis gegen 23.30 Uhr: Loheng rin.

Schauspielhaus. Von Sonntag, 16., bis Montag, 24. August, täglich von 20 bis gegen 23 Uhr: Mit Dir allein auf einer einsamen Insel. Gastspiel der Berliner Rotterbühnen.

Oberheffen.

Gemeinderai in Grünberg.

-s-Grünberg, 13- Aug. Der Bürgermeister teilte in der jüngsten Gemein de ratssit- z u n g mit, daß das Kreisamt die Genehmigung zu dem Gemeinderatsbeschluh, ter den Fischerei- Pächtern des Drunnentales eine Entschädigung wegen Räumung ter Teiche zusprach, nicht erteilt habe. Weiterhin gab er eine Einladung von Dekan Schmidt zur Feier des 50jährigen Bestehens des Kirchenchores tefannt. Der vom Architekten Säger tQueckborn) für die Errichtung des Schwimmbades aufgestellte Doransch'ag von 26 000 Mark wird genehmigt. Gr ist unter der Voraus­setzung aufgestellt, daß das zum Bau ter Einfrie­digung und der Kabinen benötigte Holz kostenlos seitens der Stadt gestellt wird. Für das Bad ist eine 860 Meter lange Zuleitung des Wassers von der Reupforte aus vorgesehen, die als Som­merleitung gelegt werden soll. Die Leitung soll aber als Dauerleitung gelegt werten, sofern die beiden Anlieger dieser Strecke, Sägewerk Haas & Co. und Untere Ziegelhütte sich anschließen und je die Hälfte der entstehenden Mehrkosten überneh- men. Bezüglich der Arbeitsvergebung sollen die Rohre von einem Lieferanten geliefert werden, die Arbeiten der Wasserzusührung und des Erd- aushubs für das Schwimmbecken sollen im engeren Wettbewerb unter Grünberger Unternehmern ver­geben werten, die Detvnarbeiten dagegen sollen zum öffentlichen Wettbewerb ausgeschrieben wer­den. Die Verwendung von Erwerbslosen wird zur Bedingung gemacht, wobei in Vereinbarung mit dem Kreisamt folgende Stundenlöhne vorge­sehen sind: 55 Pfennig für Verheiratete, 50 Pf. für Ledige und 45 Pf. für Arbeiter unter 20 Iahre. Um die Arbeit zu strecken, soll nur an fünf Tagen der Woche gearbeitet werten. Die Ausschreibung ter Arbeiten der Wasserzuführung und des Erd- aushubs soll sofort erfolgen und ihre endgültige Vergebung in einer Gemeinteratssihung am Samstag geschehen, so daß schon Anfang nächster Woche mit de n Arbeiten be­gonnen werden kann.

Der vom Bürgermeister vorgeschlagenen Zu­sammensetzung der Wahlkvmmission für die Deigeordnetenwahl (30. August) wurde zu­gestimmt. Der von ter Forstbehörde vor­gelegte Wirtschaftsplan des Waldes für Wirtschaftsjahr 1932 tourte genehmigt.

Das Kreisamt ersuchte, den Beschluß vom 13.Iuli, ter nur eine Stundung der Obli- gativnszinsen ter Buhb ach Licher- Eisenbahn-AG. für 1930 bis 1932 vorsah, aufzuheben und den Erlaß derselben zu te- toilligen, da andernfalls mit einer Stillegung des Bahnbetriebs zu rechnen sei (drei Gemeinten stehen mit ihrer Zustimmung noch aus). Gegen drei Stimmen wird der Erlaß der Obliga­tionszinsen genehmigt unter ter Vor­aussetzung, daß die Gesellschaft in dieser Zeit keine Dividente verteilt.

Landkreis Gießen.

* W i e s e ck, 13. Aug. Am Sonntag fand die feierliche Grundsteinlegung des ersten DBS.-Hau- ses in Wieseck statt. Die Mitglieder und Gönner der DBS. fanden sich in geschlossenem Zuge unter den Klängen der Kapelle M a n k an der Bau­stelle ein, wo Bauingenieur Rob. Schürmann (Gießen) die Abschrift ter am Tage zuvor einge­mauerten Urkunde verlas. Sodann sprachen die Eheleute G u t h i e r mit den üblichen drei Ham­merschlägen ihre Segenswünsche für ihr künf­tiges Heim. Rach einer feinsinnigen Ansprache des katholischen Geistlichen, Kaplan G r e m m (Gie­ßen), ter den Grundstein segnete, sprachen ter Kreisobmann Lehrer Siegfried (Großen- Linten) im Ramen ter Deutschen Dau- und Sied­lungsgesellschaft und der Obmann ter Orts­gruppe Gießen, Uhilein.

|£ Wieseck, 15. Aug. Am morgigen Sonn­tag feiert unsere Mitbürgerin Frau Mari« Svmmerlad Wwe. geborene Pausch in voller geistiger und körperlicher Frische ihren 82. Geburtstag.

Das bißchen Erde.

ZRoman von Richard Gkowronnek.

Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.

6 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Graf Malte fühlte es heiß in die Augen steigen, er ging auf den Alten zu, und es gab ein paar Minuten, in denen alle von Geburt und Rang gezogenen Grenzen verschwanden. Mit einem aus tiefstem Herzen kommenden Auf­schluchzen schlang dcr Süngting seine Arme um den Hals des Greises und schmiegte den Kopf an die treue Brust. Miken aber trat hinzu, klopfte ihm fürsorglich den Rücken, damit er sich an den Tränen nicht verschluckte, und sprach allerhand beruhigende Worte. Das war viel­leicht ein recht lächerliches Bild, ter junge Offi­zier in Dragoner-Uniform, ter in den Armen des alten Dieners seinen Kummer ausweinte, in­dessen ein verschrumpeltes Weib lein ihm begü­tigend den Rücken klopfte. Dten dreien aber war es recht feierlich und heilig zu mute, und sie schämten sich nicht, denn als Menschen standen sie da, bet denen es auf Aeuhcrlichkeiten nicht ankam. Wie bei dem Dauc-mjungen, der zum Be­gräbnis seiner Großmutter eine rote Weste an­gezogen und daS Mißfallen des Küsters erregt hatte.Wennt Hart man ftoart is", hatte er erwidert,und uns' lewen Herrgott hätt scharpe Dagen. De Klebasch deiht em nich schenieren, denn hei fielt ja dörch und dörch" ...

Malte trocknete sich die Augen.

Ra. ist gut, ihr Leutchen, und jetzt wollen wir schlafen gehen. Ich verspreche euch, ich werde vernünftig sein."

Die beiden Alten ater trauten ihm nicht, brachten ihn ins Schlafzimmer hinüber wie vor jenen langen Iähren, als er noch eine vater- und mutterlose Waise gewesen war. Und er ließ es sich ruhig gefallen. Ganz heimelig wurde es ihm dabei zumute, als die beiden an seinem Bette saßen und wie früher immer auf fein Einschlafen warteten. Alte Erinnerungen standen auf, er fing an zu plaudern, als hätte es die beiten Tage mit all ihrer Rot und Pein nie gegeben, und allmählich gewannen Iugend und Ermüdung ihr Recht. Die Augen fielen ihnr zu, und mit einem Lächeln schlief er ein, denn er war ja in sorg­samer Hut ...

Der alte Lentz stand auf, nickte der treuen Dienstgefährtin zu, sie sollte Wache halten, bis cr zurückkäme. Er wollte nur mal nach Moltzahn hinüberreiten, zum Herrn Iustizrat Stahmer, um für den kommenden Tag eine zu­

verlässige Unterstützung zu haben. Der Herr Iustizrat war ein alter Freund des verstorbenen Vaters, und man konnte wohl annehmen, daß er für alles, was zu sagen war, eindringlichere Gründe finden würde, als ein einfältiger Diener. Und da geschah es zum ersten Male feit schier vierzig Iahren, daß Wiken keine Eifersucht ver­spürte gegen ihren männlichen Widerpart in der Gunst der Herrschaft, sondern so etwas wie Für­sorge. Sie hob den Kopf mit der weihen Rachl­in Ütze, unter der ein paar dünne, graue Zöpflein über den Rücken hinabhingen, unten mit einem schwarzen Fitze!bände prall eingeflochten, so daß sie wie steife Rattenschwänze in die Luft tagten.

Mooden Sei sick ook nich to veel to? Gistern all das Gerooder, un hüd wedder? Sei sünn doch feen Iüngling mehr, un laten Sei doch lewer den Fuhbel r.eben?!" ...

Da lachte er nur.Unkraut, verdarwt nich, toennt ook up 'n Meßhupen') smeeten ward", als er aber die Treppe hinunterstieg, wurde ihm ganz eigentümlich zumute. Die alte Miken mußte wohl dicht vcr ihrem seligen Ende stehen, daß sie sich auch um andre Leute zu kümmern anfing, als nut um ihren geliebten jungen Grafen Malte?! Und cr fchültelte noch mit dem Kopfe, als ct längst fchon im Sattel faß, auf einem widerspenstigen Ackergaule nach Moltzahn trabte, um den Herrn Iustizrat Stahmer zu alar­mieren ... Und endlich kam ihm die Erleuch­tung. Sie war nur deshalb so besorgt, weil sie befürchtete, er hielt die Anstrengung nicht aus, könnte unterwegs zusammenklappen, und ihr junget Herr mühte ohne Wirtsamen Zuspruch bleiben. Da war er zufrieden, daß er für ihr seltsames Verhalten die zukömrnliche Erklärung gefunden hatte, vergönnte.dem im tiefen Lehme einhcrkeuchenten Gaule ein Ende Schritt und fing an zu überlegen, wie er dem Herrn'Iustizrat die Störung der Rachtruhe Wohl plausibel ma­chen würde. 'In e'iner so heimlichen Familien­angelegenheit hätte er doch eher nach Hohen- römnitz reiten müssen, zum Herrn Etblandmar- schall, der feinem jungen Herrn als Daters- brudet doch eigentlich am nächsten stand. Aber cr wuhte nicht, ob ter Herr Iustizrat sich in den alten Geschichten auskannte, die da mit* sprachen. Vor jenen langen Iahren hatte die schöne Melitta von Hollen den jüngeren Grafen Römnitz dem älteren vorgezogen. Rur zwei wußten noch um all die aufregenden Kämpfe in ter Familie, ter Herr Erblanbmarschall auf Hohenrömnitz und der vertraute Diener deS Vellahner Herrn. Die übrigen waren längst weg- gestorben im Laufe ter Zeit, grüner Rasen wuchs

*} Misthaufen. ,

Geplanter lleberfatt auf einen Gtraßenbahnzug?

Frankfurt a.M., 14. 2lug. (TU.) Am Donnerstag gegen 23 Uhr blieben die auf ter Strecke FrankfurtBad Homburg verkehrenden Sttahenbahnzüge auf freiem Feld liegen, da ter Strom ter 1000-Volt-Lettung Plötzlich ver­sagte. Zwischen Obereschbach und Untereschbach war die Stromzuführung ter Oberleitung zerstört und die an einem Mast angebrachte Gerätestange etwa 20 Meter wett ins Feld geworfen Worten. Die Fahrgäste konnten erst mit großer Verspätung ihr Ziel erreichen. Rach Ansicht ter zuständigen Stellen muh die Ausschaltung des Stromes von sachtendiger Hand vorgenommen Worten sein, da sich ein Laie kaum an die gefährliche Hoch­spannungsleitung heranwagen dürste. Es dürfte sich entweder um einen Bubenstreich handeln oder um eine beabsichtigte Beraubung ter Fahrgäste, die unterblieb, weil die Wagen des Zuges stark besetzt waren. Die Untersuchung ist im Gange.

f- Aus dem Lumdatal, 14.Aug. Trotz des nicht allzu günstigen Wetters der letzten Tage ist im allgemeinen der Schnitt des Getreides in den meisten Dörfern unserer Gegend beendet worden. Zwischendurch wurden bereits Korn und Gerste heimgefahren. Ueberall sind die Dreschmaschi­nen in Betrieb, die sowohl auf den Dorfangern, wie auch hier und da schon in den Scheunen entweder die Ernte der Kleinbetriebe ausdreschen oder den notwendigen Dordrusch größerer Landwirtschaften besorgen. Was den Körnerertrag anlangt, so kann er als gut bezeichnet werden. Mancke Gemar­kungen hatten schon frühzeitig Lagerfrucht zu ver- zeichnen, so daß hier die Körnerernte weniger gut ausfiel. Die Hackfrüchte und das Gemüse haben sich kräftig entwickelt. Das feuchte Wetter der letzten Wochen ließ vor allem die abgeernteten Klee­schläge gut nachwachsen, so daß unsere Landwirte über Futtermangel nicht zu klagen haben. Besonders zeigen die Dickwur z einen selten prachtvollen Stand, wie man ihn in den meisten Jahren erst zur Zeit ihrer Ernte beobachten konnte. Die Obsternte scheint in diesem Jahre wieder eine D o l l e r n t e zu geben. Hier und da ist bereits das erste Frühobst gepflückt worden. Aepfel und Birnen sind stark behangen, so daß sie überall die Stützen erhalten muhten. Von allen Steinobstsorten bringen voraussichtlich die Zwetschen eine wenig befriedi- gende Ernte. _

z Rödgen, 14. Aug. Während der Sommer­ferien sind unsere beiten Schulsäle neu her gerichtet Worten. Der Saal der Unter­klasse wurde von Hahn & Schmidt in ruhigen Tönen gehalten, die Wandbekleidung ist gelb­braun, die Wand mattgrün; im Saal ter Ober- klasse haben die Brüter Balser frischere Farben verwendet; zu einem hellen Lindgrün ter Wand harmoniert gut ein helles Blau der Wandbeklei­dung. Die eine Wand wurde mit einem fünfzig Zentimeter breiten Tafelstreifen für gemeinsame Schülerarbetten versehen.

+ Wirb erg, 14. Aug. Das 10. Wirberger Missionsfest wird am morgigen Sonntag ab- gehalten. Festprediger ist Missionar Walther (Beuern), auch wird Dekan Schmidt (Grünberg) sprechen;'der Posaunenchor Bersrod und der Ge- sangverein Göbelnrod haben ihre Mitwirkung zu- gesagt.

ch Garbenteich, 14. Aug. Gegen andere Orte ist auch in diesem Jahr die Bautätigkeit in unserem Dorfe noch recht rege. Inmitten des Dorfes gegen­über dem Rathaus entsteht ein stattliches Wohn- haus, ein weiteres kleineres Wohnhaus an der Straße nach Gießen zu geht seiner Vollendung ent­gegen. Ferner sind noch zwei Scheunen unter Dach gebracht worden. Die Nähe der Stadt Gießen mit ihren Derdienstmöglichkeiten in normalen Zeiten und eine gute Landwirtschaft haben unser Dorf in den letzten zwanzig Jahren manchen Aufschwung gebracht. Während andere Landorte an Einwohner­zahl zurückgegangen sind, hat sich die Einwohnerzahl unseres Dorfes von 850 Seelen im Jahre 1910 fast um ein Drittel auf rund 1100 erhöht.

Kreis Frievberg.

Butzbach, 14.Aug. Das Ertragsergeb­nis der Kraftpostlinien ButzbachHochel­heim Großen-Linden und ButzbachZiegenberg hat in dem abgelaufenen Viertelsahr April-Mai-Juni mit einem wesentlichen Fehlbetrag abgeschlossen, so daß die von den beteiligten Gemeinden (Hochweisel, Münster, Langenhain, Niederkleen Dornholzhausen, Pohlgöns, Kirchgöns und Butzbach) gewährleisteten Garantiebeträge invollerHöheinAnspruch genommen werden mußten. Es steht zu erwarten, daß sich durch eine inzwischen vorgenom­mene Aenderung in den Fahrplänen eine wesentliche Verringerung des Fehlbetrages für das laufende Vierteljahr ergeben wird.

Kreis Alsfeld.

Rainrod (Kr. Alsfeld), .14. Aug. Am morgigen Sonntag, 16. August, wird Herr Guts­besitzer Karl Steuernagel von hier mit Herrn Dr. Laven von ter Frankfurter Rund­funkgesellschaft im Radio ein Zwiegespräch über n e uze itlich e Fragen der Land­wirtschaft führen. Herr Steuernagel ist

als erfahrener Weidewirt in ganz Hessen dafür bekannt, daß er es verstanden hat, in seinem Weidebetrieb nach neuesten Erkenntnissen mit Gv- folg zu wirtschaften. Für jeden Bewirtschafter von Basalwerwitterungsboden, wie er sich im deut­schen Mittelgebirge vorfintet, werden aber alle Fragen, die sich mit einer Umstellung ober Ein­richtung mit Weidebekrieb beziehen, stets von größtem Interesse sein. Es sei daher auf diese Darbietung des Rundsunkes besonders hcnge­wiesen.

Preußen.

Sparmaßnahmen im Landkreis Marburg.

□C Marburg, 14.Aug. Der Kreisausschuß hat in seiner jüngsten Sitzung beschlossen, den Per« sonenzugoerkehr der Kreisbahn erheblich einzuschrän­ken und das Bahnpersonal zu verringern. Diese Maßnahmen sind notwendig, weil die Basaltver­frachtung im Ebsdorfer Grunds die Haupteinnahme- quelle der Bahn, auf ein Minimum zurückgegangen ist. Weiter sollen bei der Kreiskommunalverwaltung die Stelle des nach auswärts versetzten Regierungs­assessors Roßberg vorläufig nicht wieder ausgeschrie­ben, drei Angestelltenstellen eingespatt und sonstige Maßnahmen ergriffen werden, die sich in einer jährlichen Ersparnis von 40 000 Mark an Verwal­tungskosten auswirken. Nachdem der Staat die Beihilfen zur Lahnregulierung bei Roth und Argen- ftein bewilligt hat, sollen dort die Arbeiten wieder ausgenommen werden.

Ein Schrankenwärter verurteilt.

Wenkbach, 14. Aug. Am 5. Juni wurde ein mit Kühen bespanntes Fuhrwerk, auf welchem der Schrankenwärter a. D. Scherer nebst Gattin aus Wenkbach sowie zwei Kinder saßen, auf dem Eisen­bahnübergang zwischen Wenkbach und Roth vom Eilzug FrankfurtKassel erfaßt und zertrümmert, wobei die beiden Eheleute den Tod fanden, die bei­den Kinder jedoch auf die Böschung geschleudert und wunderbarerweise nicht verletzt wurden. An dem Unglück trug der Schrankenwärter Schuld, der die Schranke nicht rechtzeitig geschlossen hatte. Gestern hatte sich dieser vor dem Marburger Erweiterten Schöffengericht, das feine Sitzung in Wenkbach ab« hielt, wegen fahrlässiger Tötung und Transport­gefährdung zu verantworten. Der Angeklagte gab zu. Die Schranken nicht rechtzeitig geschlossen zu haben und führte zu feiner Entschuldigung an, dah er die Ankündigung des erst neu eingelegten Zuges über­hörte. Das Urteil für den sonst als stets zuver­lässig geschilderten Schrankenwärter, K. Weber aus Roty, lautete auf 4 Monate Gefängnis.

Kreis Biedenkopf.

T Waldgirmes, 14. Aug. Unsere Land­jäger st e 11 e, die feit Frühjahr verwaist war, wird am 15. August wieder mit dem berittenen Landjäger Groll aus Dillenburg besetzt. Don gleichem Tage an kommt auch eine Schwester vom Paulinenstift Wiesbaden an Stelle unserer seit dem . Vorsommer beurlaubten Krankenschwester.

übet stillgetoortenen Herzen, nur ter Haß in der Brust des Verschmähten lebte innner noch. Stand mit jedem Iahre neu auf, mit jedem Iahre, das gekommen war, ohne ihm aus eigener Ehe den heißcrsehnten Leiteserben zu bringen. Da war es also toohl geratener, die Hilfe an einem andern Orte zu suchen. Der Herr Erb- landmarfchall hätte bei dem Reffen vielleicht Oel in das brennende Feuer gegossen, statt es mit besonnener Hand zu dämpfen, hätte in ter schwierigen Ehrenangelegenhei t vielleicht noch schroffer geurteilt als der Herr Dezirkskomman- deur in Moltzahn und die Herren von den Friedeterger Dragonern ...

Am andern Morgen in aller Frühe kam ter Iustizrat Stahmer nach Vellahn heraus, und cr brachte einen vortrefflichen Bundesgenossen mit. Einen herrlichen Maientag mit leuchtendem Sonnenschein, der das Herz jeglicher Kreatur vor Lebensfreude höher schlagen lieh. Diesen Bundes­genossen aber nützte er weidlich aus, verlegte die Unterredung mit dem jungen Schlohherrn nicht auf die immer im Halbdunkel liegende Diele, sondern in den im ersten Frühlingsgrün Pran­genden Park. Da schritten sie auf den sauber ge­harkten Wegen dahin, bunte Blumen blühten in dem gepflegten Rasen, rings um die Insel blaute der See. und allenthalben in Buschwerk und Ge­zweig jubilierte ein frühlingstrunkenes Konzert. Die Amsel und Singdrossel flöteten, die Schar der Finken fiel ein mit schmetterndem Schlag, und im sprossenden Schilf die Haubentaucher knarrten den Daß. Da hatte der Herr Iustizrat es nicht sonderlich schwer, den Iüngling an seiner Seite zu überzeugen, daß es besser wäre, sich noch eine Weile im Sonnenlichte zu freuen, als im dunkeln dorthin zu fahren, von toannen es keine Wiederkehr gab ... Zudem aber war er nicht mit leeren Händen gekommen. Roch vor der Ausfahrt hatte er mit dem Dezirkskomman- deur ehre gewichtige Rücksprache gehalten, und unter dem Gesichtspunkte, daß ter Alten-Kra- kowcr es seinerzeit verabsäumt hätte, sich für eine gröbliche Beleidigung Genugtuung zu fcolen, bekam der leidige Ehrenhandel ein wesentlich anderes Aussehen. Wenn auch vor dem Gerichte der Kameraden nicht auf einen bedingungslosen Freispruch zu rechnen wäre, so würde wohl nie­mand unter ihnen es dem Vellahner jungen Herrn verargen, wenn er diesen Spruch nicht erst herausforderte, sondern vorher und freiwillig ein Kleid ablegte, das bei ihm doch nur eine Aeußerlichkeit wäre. Ein passender Vorwand für das Abschiedsgesuch liehe sich toohl finden, und man dürfte annehmen, daß es nicht allzu streng auf die Triftigkeit seiner Begründung geprüft werden würde.

Graf Malte toarf unmutig ein, daS wäre ein wenig rühmlicher Rückzug, lind er könnte sich doch nicht auf den Marttplah stellen in Moltzahn und jedem vorteikommenten Standesgenvssen fei­nen Entschuldigungsvers hersagen! Aber auch dafür wußte der Herr Iustizrat ein gutes Aus­kunftsmittel. Er brauchte nur eine Weile von der Heimat fortzugehen, bis sich das Gerede beruhigt hätte, indessen würden seine Freunde schon dafür sorgen, daß ihm dieses Fortgehen nicht als ein feiges Ausweichen gedeutet würde, lind ter Zu­fall wäre günstig. Ein entfernter Verwandter hätte ihm vor einiger Zeit geschrieben, eine deutsche Handelsgesellschaft bereitete eine Ex­pedition ins Innere von Afrika vor, um am Oberläufe des Kongo die großen unb reichen Kautschukwälder auszubeuten. Alles wäre schon beisammen, nur ein Paar ^errenjäger fehlten noch, die vielleicht aus Passion mitziehen woll­ten und für das zu erwartende Iagdvergnügen einen Teil der Exveditionskosten tragen. Da leuchtete es in Maltes blauen Augen auf, in seinen Adern regte sich das Abenteurerblut seiner Vorfahren, gleich danach ater lieh er den Kopf wieder sinken. Was sollte hier wohl auS seiner Herzallerliebsten werten, wenn er nur an sich selbst dachte und in die lockende Ferne zog? Doch auch diese Sorge wußte ter Herr Iustizrat ihm auszureden. Mit teilnahmsvollem Gesichte legte cr ihm die Hand auf die Schulter.

Mein lieber Herr Graf", sagte er, »diese« ritterliche Gefühl ehrt Sie ganz besonders, aber ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß Sie an dem Schicksal dcr Baroneß von Köhnemann nichts än­dern werden, ob Sie nun fortgefjen ober hier­bleiben. Ihr Vater hat sich durch eigene Schuld in eine schwere Gefahr verstrickt die amtliche Diskretion verbietet es mir, mich näher darüber zu äußern, aber ich glaube Ihnen die Ver­sicherung geben zu dürfen, dah die junge Dame selbst Sie bitten wird, ein Verhältnis zu lösen, das zu einer Vereinigung nie und nimmer mehr führen kann. Sie muh ihrem Vater daS eigene Glück opfern, ober sagen wir mal, dem Spiel­teufel, ter ihn so weit gebracht hat. Das ist sehr traurig, gewih, aber glauben Sie einem alten Manne, der in einem langen Leben vieles gesehen ünb einiges auch selbst durchgemacht hat: alles geht vorüber! Erst glaubt man, es wäre nicht zu tragen, um ein weniges später fügt man sich, und schli^lich verdrängen neue Schmerzen die alten, kaum dah eine Erinnerung von ihnen bleibt, lind es ist gut so. Was sollte aus un8 armen Menschenkindern wohl werden, wenn ein gütiges Geschick uns nicht die Fähigkeit des Ver­windens in die Wiege gelegt hätte?"

(Fortsetzung folgt)