Ausgabe 
15.7.1931
 
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ten bet ^Bereinigten Staaten berechtigt zu biefet Hoffnung.

Der geschäft-führende Präsrdent d«S RecchS- städtebund«-. Dr. Haeckel. Berlin, berichtet« sodann über

die kommunale« $iaan$e*.

Dre SrwerbSlosenlasten der deutschen Gemeinden sind für 1931 auf 875 Millionen für die Wohl- sahrtSerwerbs^o'en und auf 165 Millionen für die Krisenfürsorge -u veranschlagen, also zusam­men auf mehr alS eine Milliarde. Die Erleich­terungen der Notverordnung reichen nicht einmal au-, um die Mehraus­gaben der Gemeinden auf diesen Gebieten gegenüber 1 930 zu decken. Dazu kommt der katastrophale Rückgang der Gemeindeeinnah- men au- Einkommen-. Körperschaft--, Gewerbe-, Hau-ziT,--. Grunderwerb-- und Verbrauchs­steuern. der sich unter der wirtschaftlichen Aus­wirkung der Notverordnung noch verstärken wird. Den Gemeinden wirb daher auch bei einer rigo­rosen Streichung von RuSgaben trotz der neuen Notverordnung und trotz der Ausnutzung der Steuern der früheren Notverordnung noch ein Defizit von etwa 500 Millionen für 1931 ver­bleiben, neben dem Defizit de- Vorjahres von 450 Millionen. Auch au- der Sanierung der Arbeitslosenversicherung sei eine weitere Gefahr für die Verlagerung von Au-gab«n auf die Gemeinden entstan­den. Die letzte Notverordnung lös« also das Pro­blem der Gemeindefinanznot nicht. Mangel-aus­reichender Hilfsmittel de- Reiche- kann daher nur ein« Verminderung der Reparation-lasten den Gemeinden Rettung brinaen. Eine grundlegende Tributrevision bleibt daher die vordringlichste

Aufgtche. ,

An bi« Referat« schloß sich ein« lebhafte Dis­kussion an, die ihren Niederschlag in einer ein­stimmig angenommenen

Entschließung

fand. Darin wird erklärt, dah die deutschen Städte sich ihrer Schicksaisverbundenheit mit dem Reiche bewußt sind und erneut die Notwendigkeit betonen, ihre Finanzpolitik in Uebereinstimmung mit der de- Reiche- zu süh-en. Die Notverord­nung vom 5. 6 1931 beseitige noch nicht die große Notlage der Gemeinden, da die zu erwarten­den Mehreinnahmen durch die «intreten- den SteuerauSfäll« und die MehrauS- ?aben für di« WohlfahrtSerwerbS-

osen- und Krisenfürsorge für 1931 sogar übertroffen werden. Daher mühten, falls in Zukunft finanzielle Erleichterungen für daS Reich eintreten, di« dadurch freiwerdenden Mittel in erster Linie die Sanierung der gesamten öf­fentlichen Finanzen, also auch der Gemeinde» finanzen, sicherstellen. Mit besonderem Nachdruck wird noch daraus aufmerksam gemacht, dah eine Deckung von Fehlbeträgen bei den Gemeinden durch Kredite nicht mehr angängig ist.

Oberbeffen.

Gemeinderat in Grünberg.

4- Grünberg, 14. Juli. 3n der jüngsten DemeinderatSsitzung stand als Haupt- beratungSgegenstand die Frage der Errich­tung eine- Schwimmbades zur Grörte- rung. Schon in einer früheren Sitzung war ein Kredit für Vorarbeiten, insbesondere für die Lösung der Wassersrage, bewilligt worden. Ein Gutachten deS KulturbauamteS schlug die Er­richtung des BadeS im Brunnental vor, da hier die Wasserfrage durch freien Zulauf aus den dortigen Quellen ohne Kosten zu lösen sei, wäh­rend di« Anlage imHildmann", 800 Meter östlich der Stadt, Ausgaben für den Bau einer Zuleitung nebst täglichen Betriebskosten erfordere. Da die Mehrheit der Schwimmbadkommission die Anlage imHildmann" als die bessere an» sah. wurde ein weitere- Gutachten von Stadt-

Die Vorbereitung der Wagner-Festsoiel« in Bayreuth auf der Veranda der Villa Wahnfried. Fitzend von links nach rechts: Generalmusikdirektor Furtwängler, Frau Winnifrcd Wagner und loscanini. Stehend von links nach rechts: Oberregisseur Dr. Sorina, Generalintendant Dr. Tietjen und Chordirigent Professor Kittel.

baubirettor Braubach, Gießen, eingeholt, der 1894 95 bei den Plänen zu unserer Wasserleitung schon mitgearbeitet hatte. Dieser Gutachter kam zu dem Schluß, daß die im Jahre 1910 in der ehemaligen Stadtmühle aufgestellte Pumpanlag«, die das Wasser der damals gefaßten Quelle 3 der städtischen Wasserleitung zuführt, durch Der- gröherung der Kolben in der Lage sei, eine be- oeutenbe Mehrförderung zu leisten, ohne daß weitere Betriebskosten entständen. Wasser sei genügenb vorhanden, da der tägliche llebcrlauf der Quelle 3 noch 85 Kubikmeter betrage, woraus die für die Erneuerung des Schwimmbecken­wassers benötigte tägliche Weng« von etwa 40 Kubikmeter unbedenklich entnommen werden könne. Die Herstellung einer Rohrleitung im Anschluß an da- jetzige Wasserleitungsnetz in denHild­mann" in Länge von etwa 800 Meter erfordere ungefähr 4400 Mk. Kosten, wozu noch 450 Mk. für die Vergrößerung der Pumpe kämen. Stadt­baudirektor Braubach war in der Sitzung zugegen und erläutert« eingehend sein Gutachten. Ebenso berichtete der Bürgermeister nochmals über die Finanzierung. Da die Anlage des Schwimmbades Notstandsarbeit sein soll, gewährt der Staat für die aufzunehmenden 23 000 Mk. eine Zinsverbilligung, so daß seitens der Stadt nur 3 Prozent Zinsen zu leisten sind. Zu dem vorgenannten Betrage stehen noch einige kleinere Zuschüsse in Aussicht. Der Gelände - erwerb macht keine Schwierigkeit, da zwei Be­sitzer sich bereit erklärt haben, Gelände im Tausch herzugeben. Nach längerer Aussprache wurde gegen 2 Stimmen bei einet Stimmenthaltung be­schlossen, das Schwimmbad imHild­mann" zu errichten. Die Kosten dafür sollen den vorgesehenen Betrag von 26 000 Mk. nicht wesentlich überschreiten, die Wasserversor­gung des Bades soll in der von Direktor Brau­bach vorgeschlagenen Weise durchgeführt werden. 3n geheimer Wstimmung wurde mit Stimmen­mehrheit Architekt ger, Queckborn, zum Bau­leiter bestimmt.

Die W a s s e r m e s s e r, die in den letzten Tagen des Juni eingebaut wurden, kosten einschl. Einbau 13 890 Mt. Der Bürgermeister schlug vor. demnächst 10 000 Mk. in folgender Weise zu decken: Entnahme von 5000 Mk. aus dem Re­servefonds des Wasserwerks, Entleihung von 5000 Mark vom Grunderwerbsfonds, der restliche Be­

trag ist später aufzubringen. Der Gemeinderat ist damit einverstanden.

Dem Gesuch der Dutzbach-Licher Eisen­bahn um Erlaß von Gemeindesteuern und Obligationszinsen wurde in folgen­der Weise entsprochen ,*2hi8 Billigkeitsgründen werden rückständige Gemeindesteuern in Höhe von 136,41 Mk. erlassen, die jährlichen Obliga­tionszinsen in Höhe von 300 Mk. werden vor­läufig zinslos gestundet.

Landkreis Gießen.

D L i ch. 14. 3uli Unter starker Anteilnahme der Einwohnerschaft wurde am vergangenen Sonntag in unserer Stadt das 3ugendfest gefeiert. Am frühen Morgen ertönte der Weckruf der Feuerwehrkapelle, vormittag- fand Feft- gottesdienst, sodann eine klein« Feier der K le in ki nder schu le in der Turnhalle statt. Am Nachmittag trafen sich die Schulkinder zum Festzug vor dem Rathaus«. Unter dem Dorantritt des Radfahrervereins und der Feuerwehrkapelle, fetner begleitet von den Ortsvereinen, bewegte sich der bunte Zug der Kinder durch die Stadt zum Festplah auf dem Hardtberg. Nach einem Chor der Schulkinder und einem gemeinsamen Lied hielt Stiftsdechant Kahn die Festrede, in der er die Person und das Wirken des Freiherrn vom Stein würdigte und mit einem Hoch auf da- deutsche Vaterland fchloß, in das alle Teilnehmer freudig einstimmten. DaS Deutschlandslied wurde sodann gemeinsam gelungen. 3m Anschluß daran entwickelte sich auf dem Festplah ein lebhaftes Treiben. Die Kinder beschäftigten sich mit Wett­spielen, Reigen und allerlei Kurzweil. Den Sie­gern aus den Wettspielen wurden schöne Preise zuteil. Gesangliche Darbietungen der drei hiesigen Gesangvereine, turnerische Vorführungen des Turnvereins und Musikvorträge der Feuerwehr­kapelle unterhielten die Erwachseiten auf das beste. Gegen Abend bewegte sich der Festzug wieder nach der Stadt zurück, und vor dem Rat­haus hielt Bürgermeister Geil eine kurze An­sprache, mit der das Fest seinen Abschluß fanb.

# Aus der rdlichen Wetterau, 14. 3uli. Der Ertrag der Frühkartoffel­ernte in unserer Gegend wird durchweg als gut bezeichnet. Vom Nvrmalmvrgen werden etwa 7080 Zenter geerntet. Während der Preis pro Zentner anfangs auf 5 Mark stand, ist er

bi- zum Schluß der vergangenen Doch« auf 4 Mark zurückgegangen. Der Schnitt der Wintergerste hat in unserer Gegend begon­nen. Di« gut entwickelten Aehren versprechen einen sehr guten .Körnerertrag. 3n den nächsteit Tagen wird mit dem Mähen derSommer- ge r st e begonnen werden.

Kreis Kriedberg.

'Butzbach, 15. 3ufi. 3n her Nacht zu gestern wurde in einem hiesigen Einfamilienhaus, dessen Bewohner zur Zeit verreist sind, ein- gebrochen. Die Täter erbrachen gewaltsam die Räume und daS Mobiliar, so 'daß erheb­licher Sachschaden angerichtet wurde. WaS die Eindringlinge an Beute fortgeschleppt Haden, steht noch nicht fest, da die Hausbewohner noch nicht von der Reise zurückgekehrt sind. 5He Unter - suchung durch das Landeskrimmalpolizeiamt Gie­ßen ist im Dange.

Kreis Büdingen

h. Bad Salzhausen, 14. 3uli Wit Beginn der Frankfurter Schulferien ist hier die Hoch­saison eingetreten und die Zahl der Stu rf rem- ben bedeutend gestiegen Die Pensionen haben mit Rücksicht auf die wirtschaftlichen Verhältnisse die Preise ermäßigt. Der herrliche Kurpark bietet auch bei heißer Witterung angenehmen Aufent­halt im Freien. Don seinen vielen ausländischen Ziersträuchern in ihvein Blütenschmuck fällt den Parkbesuchern besonder- ein Trompetenbaum auf mit seinem vollen Dlütenslor der in Rispen stehenden gelbweihen Lippenblüten. Obergärtner Decker hat diesen Sttauch au- Samen gezogen und 30 3ahre lang sorgfältig gepflegt. Nun tragt er die ersten Blüten, die jeden Blumenfreund ent­zücken.

S. Berstadt, 13. 3uli. Gin schwerer Un­fall ereignete sich am Sonntagmittag hier an­läßlich eines Turnfeste-. Eine der Festdamen, di« siebzehnjährige Helene Schöjsler, hatte sich von einer bei Nachbar-leuten zu Besuch weilenden Friseuse das Haar ondulieren lassen. Diese hatte die Schere über einem Spirituskocher erhitzt Als der Spiritus ausgebrannt war. ließ sie weiteren auf den heißen Apparat zugießen. Es entstand eine Stichflamme, die eine Gardine ergriff. Die brennende Gardine fiel auf da- junge Mädchen, so daß HaarundKleider Feuer fingen. Auf ihr Schreien eilten Turner hinzu und konnten mit Decken die Flammen ersticken. Das bedauernswerte Mädchen liegt mit schweren Brandwunden darnieder.

Kreis Schotten.

-+- R ainrvd, 14. 3uti. 3n diesem Sommer ist im Wiesental zwischen Schotten und Rainrod ein Fischreiherpaar zu sehen, das jedenfalls in dem Wald zwischen Nidda und LaunSbach sei­nen Stand hat. Während der Wintermonate sind diese selten gewordenen Vögel wohl öfter- in un­serem Tal« anzutreffen. Aber sie verschwanden wieder im Frühiahr, um anderSwo zu nisten. Hof­fen wir, daß es keinen 3äger gelüftet, diesen Vogel, der als Naturdenkmal geduldet werden sollte, abzuschießen.

Preußen.

Oeffentliche Versammlungen verboten.

Koblenz, 14. 3uIL (WTD.) Wegen verschie­dener Vorgänge der letzten Tag« und Wochen, die geigten, daß Versammlungen unter freiem Himmel unter den bestehenden Verhältnissen eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit bedeuten, sind auf Grund des Artikels 123 Absatz 2 der RekchS- versassung alle Aufzüge und Versamm­lungen unter freiem Himmel für den Regierun'gsbezi rkKoblenzbiS auf wei­teres verboten worden. Don dem Verbot wer­den solche Umzüge nicht betroffen, die keinerlei demonstrativen Eharatter tragen.

Eva am Strand

Vornan von Hermann Seid.

8. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

.Du sprichst wie ein Buch! Wer sagt beim, daß ich den Kopf hängen lasse?"

.Man brauijt dich nur anzusehen, 3örg! Dein ganze- Verhalten in den letzten Tagen spricht auch nicht dcllür, dah du in besonders guter Stim­mung bifti 3ch fürchte fast, die Geschichte ist bei dir tiefer gegangen ..

Leupvld sprang auf. 3n drohender Haltung stellte er sich vor Bertram hin.

.Ein für allemal: die Sache ist für mich er­ledigt! Wenn du in meiner Gegenwart noch ein­mal von dieser Dame zu sprechen ansängst, reise ich ab! Es wäre überhaupt vernünftiger gewesen, wenn ich daheim in Mittenwald ge­blieben wäre, statt deinen Ratschlägen zu folgen und in diese- verdammte Seebad zu reifen!"

Die grenzenlose Verbitterung, die seit Tagen in Leopold fraß, hatte ihn zum Schlüsse doch noch übermannt Schmerz, den er um keinen Preis offenbar werden lassen wollte, war in seinen letz­ten Worten aufgerauscht Nun wandte er sich ab und trat zum Fenster.

-Du gehst also nicht mit? fragte Bertram kleinlaut.

,3ch komme vielleicht später nach..

.Du triffst uns im Strandcafö."

3n der Hotelhalle, wo angenehme Kühle herrschte, wartete Bertram bann auf Eva Willer.

Die Unterredung mit Leupold ging ihm nicht au- dem Sinn. Den armen Kerl schien es ja tüchtig gepackt zu haben! Die Art, wie 3örg die Sache als Bagatelle abtun wollte, war sehr verdächtig und bewies gerade das Gegenteil. Ein so schwerblütiger, grüblerischer Mensch wie Leu­pold wurde mit einer Enttäuschung, wie er sie nun bei Hanna Moest erlebt hatte, nicht so rasch fertig.

3m Grunde genommen konnte man froh sein, wenn man mit etwas leichterer Veranlagung durch diese- Dasein gondelte und Gefühle und ähnlichen Zauber nicht allzu schwer nahm. Er, Derttam, Hätte ja auch reichlich Ursache zu Ver­stimmungen gehabt, denn Eva Wlllers Verhal­ten chm gegenüber war wirklich nicht fo. wie er es wünschte. 3hr launisches Wesen, ihre unbe­kümmerte rücksichtslose Art. trotz seinem Protest sich immer wieder mit anderen Herren abzugeben, hatten ihn, glücklicherweise, schon erheblich ab- gekühlt.

Ob e- zwischen ihnen auch zum Bruch kommen würde? Fast sah es so aus. Hab wenn auch! Eva war zwar eine begehrenswerte junge Dame,

aber an solchen war schließlich in Norderney auch sonst kein Mangel. Wegen Eva Willer würde er sich jedenfalls nicht, umbringen!

.Hallo!" rief es in feiner Nähe.

Bertram sprang auf, Eva stand vor ihm.

Bei ihrem Anblick verwarf er alle vorherigen! Erwägungen, und der Gedanke, diese schöne, ele­gante Geliebte zu verlieren, erschien ihm unaus­denkbar. 3n wortloser Bewunderung betrachtete er sie.

.Warum starrst du mich so an?" fragte Eva Witter.

.Du bist so schön, Eva ..

Sie lachte.

..Das hast du mir schon so oft gesagt, dah es bald langweilig wird! Fällt dir nichts Neues mehr ein?

O doch! Wir sind aber zu selten allein, und vor den anderen kann ich dir doch keine Zärtlich­keiten sagen!"

Eva zog die Augenbrauen hoch.

.Soll das schon wieder ein Vorwurf fein? fragte sie mit leiser Ungeduld.

.Keineswegs!"

.3ch hätte mich auch dafür bedankt! Mein Be­darf an Vorwürfen ist auf lange Zeit gedeckt!"

.Wie kannst du fo sprechen. Eva! Du legst je­des meiner Worte anders aus, als es gemeint ist!"

3mmer war feit Tagen diese gereizt« Stimmung zwischen ihnen. Auch während sie sich nun auf dem Wege zum Strandcafe befanden, fehlte es nicht an mehr ober minder ernstem Geplänkel Es schien, als hab« Eva Willer es darauf angelegt, Bertram die Freude am Zusammensein mit ihr zu nehmen, damit er sich freiwillig von ihr zurück» ziche.

Als sie dann auf der Terrasse des Eafös saßen, war Eva sogleich wieder in glänzender Laune Die Näh« hübscher, gut angezogener Menschen schuf ihr Freude: wv Leben und 'Betrieb herrsch­ten. war sie in ihrem Element.

Eie war nun auch zu Bertram wieder von be­zaubernder Freundlichkeit.

Plötzlich sagte sie:

.Dort kommt Frau Moest mit ihrem neuen Kavalier!"

Hanna Moest und Stefan Helbing betraten die Terrasse: sie grüßten, als fic an Dertrams Tisch vorüberkamen, und nahmen ganz in der Nähe Platz.

.Dein Freund Leupold scheint bei Frau Moest endgültig abgemeldet zu fein", meinte Eva Willer.

»So etwas kann Vorkommen", erwiderte Ber­tram vielsagend: Eva Witter achtete aber nicht auf feine Worte, sondern sah zu den anderen hin­über. Das Lächeln, das sie meist zur Schau trug, wich aus ihrem Gesicht und machte einem ge­spannten Ausdruck Platz.

.Wer ist eigentlich dieser Herr Helbing?" fragte sie nach einer Weile obenhin.

Do viel ich hörte, ist er 3ngenieur. Er sott mehrere 3ahre in Südamerika gewesen sein."

»Er sieht gut aus...

. Findest du?" sagte Bertram, der e- nicht gerne hörte, toeim andere Männer in seiner Gegenwart gelobt wurden, darauf pikiert.

Eva Willer ging zu einem anderen Gesprächs­thema über. Aber immer wieder irrten ihre Blicke zu dem tief gebräunten Männer gesicht hin­über, das sie mit feltfamcr Kraft anzog.

X.

Stefan Helbing las den Anstellungsvertrag der Brüsseler Companie des chcmins de fer et den- treprises durch, den er an diesem Morgen zuge­sandt erhalten hatte. Unter außergewöhnlichen günstigen Bedingungen wurde er von der Gesell­schaft al- leitender Ingenieur für den projektier­ten Dahnbau in Uranba, dem noch wenig er» schlofsenen afrikanischen Gebiet am Tanganjika­see, für die Dauer von drei 3ahren verpflichtet.

Schon vor längerer Zeit hatte die belgische Ge­sellschaft, auf Grund der hervorragenden Lei­stungen Helbings bet den brasilianischen Dahn- bauten, ihm das Angebot gemacht, nach Ablauf seiner südamcrikanifchen Verpflichtungen in ihre Dienste zu treten.

Die Verhandlungen mit den führenden Persön­lichkeiten der Gesellschaft, deretwegen Helbing kürzlich in Brüssel gewesen war, hatten zu einer Einigung geführt: nun brauchte er nur den Ver­trag, der ihm vorlag. zu unterschreiten, und für die nächsten drei Fahre hatte er wieder ein gro­ßes, interessantes Wirkungsfeld.

ES wäre ihm ja ein Leichtes gewesen, auch m Deutschland ein Feld der Betätigung für seine Fähigkeiten zu finden: aber er konnte sich jetzt noch nicht entschließen, für dauernd in der Hei­mat zu bleiben. Zu stark war das leidenschaft­liche Verlangen in ihm, neue Länder, neue Men­schen kennenzulernen, unter oft schwierigen, le­bensgefährlichen Verhältnissen seine Kräfte zu proben und zu stählen.

Er brauchte die Weite der Welt: daheim war es ihm fürs erste noch zu eng. Nach den Fah­ren des freien, ungebundenen Schaffens in Bra­silien würde er sich in den streng abgegrenzten, oft kleinlichen Verhältnissen in der Heimat nicht zurechtfinden.

Ende Dezember ging fein Schiff. Ob er wohl die Reise nach Afrika allein machen, ober... ob Hanna ihn begleiten würde?

Aus einer unflaren Hemmung heraus hatte er bisher mit Hanna darüber nicht gesprochen: ge­legentlich würde er die Rede darauf bringen. So eilig war diese Frage, da er nun fünf Mo­nate in Deutschland blieb, ja nicht.

Nachdenklich schritt Stefan Helbing im Zim­mer hin und her. Wie schon oft in den letztest

Tagen grübelte et über sein Verhältnis zu Hanna nach. ES war anders, als er es sich vorgestettt hatte. Anders von seiner Seite.

Warum fühlte er in HannaS Nähe nicht mehr jenes heiße, ungestüme Empfinden, das vor Fah­ren. als er Hanna kennen und lieben lernte, ihn entflammt und in der ganzen Zeit der Trennung ihn erfüllt hatte? Warum drängte sich ihm nun manchmal, wenn er Bei Hanna weilte, der Ge­danke auf, einer fremden Frau gegenüber gu- sihen?

Was hatte diese- Fremdsein in ihm bewirkt? Hatte Hanna sich inzwischen verändert? Oder war er selbst ein anderer geworden?

Etwas wie Bedauern darüber, im Schönsten, was er sich von der Heimat versprochen hatte, betrogen worden zu sein, stieg in Stefan Helbing auf. Vielleicht ist es nur die erste Zeit des Wie­dersehens, die uns einander fremd macht, tröstete er sich: wenn wir länger beisammen sind, wird auch in mir das Gefühl für Hanna wieder fo werden, wie es gewesen ist.

Er machte eine knappe Handbewegung, al- schiebe er diese Fragen und Zweifel weit von sich. Wozu grübeln, gerade heute, wo die Sonne ins Zimmer lachte, als wolle sie alle Menschen froh machen!

Helbing öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus. Auf dem Sttandweg promenierten zahl­reiche Kurgäste: ein Segelboot fuhr vom Land ab, kam aber bei der herrschenden Windstill« kaum von der Stelle.

Helbing entfann sich seiner letzten Uebersahrt, als auf Aequatvrhvhe ein Sturm den Dampfer wie ein Spielzeug au- und niedergeworfen hatte: etwas von jenem Wind könntet ihr brauchen! dachte er und lächelte übet die verzweifelten Be­mühungen der Segler, ihr Doot einigermaßen in Gang zu bringen.

Plötzlich stutzte Helbing.

Den Balkon zu seiner Linken hatte soeben eine junge Dame betreten. Sie lehnte sich an die Brüstung und sah zur Sttahe hinab.

Helbing hatte sie schon einige Male im Hotel gesehen: auch im Strandcafö war er ihr gestern begegnet. Eie war eine Erscheinung, die auffiel.

3n jäh erwachtem Fnleresse betrachtete Helbing die jung« Dame. Er hätte nicht sagen können, WaS ihn bei ihrem Anblick mehr erfreute: da- schöne, feingezeichnete Geficht mit den tiefschwar­zen, glatt anliegenden Haaren, oder die schlanke, ebenmäßige Gestalt, deren edle Linien sich durch daS dünne Kleid abhoben.

Wie unter einem seltsamen Banne blickte Hel­bing zu der Dame hinüber. Nun wandte sie sich unvermittelt ihm zu.

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