Ausgabe 
15.6.1931
 
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Die 100-Jahr-Feier Ostpreußens.

Eindrucksvolle Feier in Marienburg. Hindenburg spricht.

Marienburg, 14.Juni. (TU.) In Maries bürg fand heute die 700 -Jahrfeier des Deutschen Ordenslandes statt. Die alte Ordensstadt war über und über mit Flaggen und Girlanden geschmückt. Eine Ehrenkompanie der Reichswehr, Danziger Korporationen, die Kreis- kriegerverbände aus Marienburg und den Nachbar­städten, der Stahlhelm, die Wehrverbände, Schützen, das Reichsbanner, Vereine und Schulen hatten am Vormittag mit ihren Bannern Aufstellung genom­men, um Hindenburg zu erwarten.

Um 11 Uhr begannen die Glocken zu läuten und pünktlich rollte das Auto mit dem Reichsprä­sidenten, flankiert von sämtlichen Reitervereinen, durch das Marientor ein. Auf der Fahrt von Neu­deck nach Marienburg war Hindenburg unterwegs allenthalben stürmisch begrüßt worden. Vor dem Rathaus hatten die 390 Schauspieler des Festspieles Bartholomäus Blume" in ihren Trachten Aufstel­lung genommen, und der Schauspieler Karl W ü stenhagen vom Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, der Träger der Titelrolle, begrüßte Hin­denburg mit einigen Versen. Sodann überreichte die Tochter des ersten Bürgermeister P a w e l c i k dem Reichspräsidenten die goldene Festspielmedaille. Am Abstimmungsdenkmal legte Hindenburg einen Kranz nieder. Der erste Bürgermeister P a w e l c i k be­grüßte den Reichspräsidenten als den Vater des Vaterlandes. Der Reichspräsident dankte für die Begrüßung und sprach dann längere Zeit mit dem Danziger Senatspräsidenten Dr. Z i e h m , der aus Danzig nach Marienburg gekommen war. Wei- ter ging dann die Fahrt zum Schloß. Im inneren Schloßhof hatte eine zweite Ehrenkompanie Auf­stellung genommen, und unter den Klängen des Präsentiermarsches schritt der Reichspräsident die Front ab.

Inzwischen versammelten sich im Großen Remter die Vertreter der ostpreußischen Behörden, der Wirt­schaft und der Wissenschaft zu einem

Festakt.

Der Präsident des Provinziallandtages der Pro­vinz Ostpreußen, Wirkt. Gey. Rat v. Berg, hielt die Begrüßungsansprache. Er dankte zunächst dem Reichspräsidenten von Hindenburg, der 1914 durch die Schlacht von Tannenberg dem Dordringen der russischen Horden Einhalt geboten habe, daß er der Feier durch seine Anwesenheit die Weihe gebe. Diese Feier solle eine Stunde der inneren, Einkehr sein. Die Marienburg, das Wahrzeichen deutscher Kraft, deutscher Zähigkeit, deutscher Treue, sage uns, daß

die oslpreußische Frage eine gesamtdeutsche Schicksalsfrage sei.

Der Redner gedachte der deutschen Landsleute im abgetretenen Pommerellen, im Memelgebiet und im Soldauer Land mit dem Bewußtsein, daß wohl Grenxpfähle aufgerichtet werden konnten, nicht aber deutsche Herzen voneinander ge­trennt werden können. Die Abstimmungen vor 11 Jahren, so schloß der Redner, haben gezeigt, wie unser Volk hier in seiner Gesamtheit, in allen Ständen denkt und fühlt. Draußen das Denkmal spricht es aus, was wir alle im heißen Herzen tragen: dies Land bleibt deutsch I Dies Wort soll auch heute wieder laut herausge- rufen werden, und wir wollen hinzufügen, wir harren der kommenden Zeit. Diese Worte sollen herüberschallen zu unserem jetzt von uns räumlich getrennten Vaterland und sollen dort Widerhall finden.

. Oberstudiendirektor Professor Dr. Schuma­cher (Marienwerder) zeichnete in seiner Festrede l die 700jährige Geschichte des Preußenlandes, die nicht so sehr ein Kapitel der deutschen Kriegsge- r schichte, als deut sche r Kulturpolitik, deu tschen Fleißes und deutscher Volksbewegung sei. Der Erfolg der Volks­abstimmungen in Westpreuhen und dem südlichen

Ostpreußen habe bewiesen, daß das alte Ordens­land mit Deutschland aufs innigste verbunden sei. Die heutige Feier möge Europa erneut ins Ge­dächtnis rufen, daß das deutsche Ordensland ein Bollwerk gegen die Feinde und Verächter der abendländischen Kultur sei.

Reichspräsident von Hindenburg

dankte in seiner Ansprache zunächst für den freund­lichen Empfang und fuhr dann fort:Es ist mir eine besondere Freude, gerade in diesen Tagen in meiner alten Heimat weilen und heute hier in der alten Ordenshauptstadt anwesend sein zu können, um mit Ihnen rückbickend der Tage zu ge­denken, an denen vor 700 Jahren der deutsche Orden seine kolonisatorische Tätigkeit tn Preußen begonnen hat. Wir haben in den trefflichen Schilde-

Neuyork, 14.3uni. (2DIB.) Sir Hubert Mil­kins, der Kapitän des UnterseebootesNautilus", meldet in einem Funkspruch, daß das Schiff in­mitten des Ozeans Maschinenschaden erlitten habe.

Das Marinedepartement hat von dem Kontre- admiral, der das Kommando über die amerikani­schen SchlachtschiffeArkansas" undWyoming" führt, die Meldung erhalten, daß die beiden Kriegs­schiffe auf 46 Grad 40 Minuten nördlicher Breite und 30 Grad 40 Minuten westlicher Länger das U-BootNautilus" mit schwerem Ma­schinenschaden und erschöpften Batte­rien aufgefunden habe. Sobald der Seegang, so heißt es in der Meldung weiter, nachläßt, wird die

Paris, 14. Juni. (MTV.) Aus St. Nazaire wird gemeldet, daß der DampferSt. phil- b e r t", der heute vormittag mit einer 5 0 0 b i s 600 Personen zählenden Ausflugsgesellschaft Nantes verlassen hat, fünf Seemeilen von St. Nazaire entfernt in einen Sturm geraten und untergegangen ist.

Der Dampfer, ein 1923 gebautes, 189 Tonnen großes Schiff von 32 Meter Länge, war mit 450 Ausflüglern, die fast sämtlich Mitglieder einer Ge­nossenschaft waren, mittags ausgelaufen. (Er erreichte das Ziel des Ausfluges, den Hafen von Noir- moulier auf der vorgelagerten Insel Chataigner, gegen 16 Ahr Als das Schiff die Rückfahrt an­trat, war Sturm eingetrelen und das Meer stark bewegt. An der St.Gildasspihe lief der Dampfer auf ein Felsenriff. Da die Rück­fahrt des Schiffes schon bei Sturm angetreten wurde, hofft man lediglich, daß zahlreiche Passagiere man rechnet mit etwa 100, die bereits seekrank waren in Noirmoutier zurückgeblieben sind, so daß dadurch die Zahl der Opfer etwas verringert sein könnte. Tatsache ist, daß bis jetzt nur acht Heber- lebende gerettet wurden und drei Leichen ge­borgen worden sind. Die Hoffnung besteht jedoch immer noch, daß vielleicht ein Teil der Ausflügler sich schwimmend an Land retten konnte.

rungen des Festredners die nationale und poli­tische Arbeit des Deutschen Ordens, die für Preu­ßen und Deutschland so wichtig geworden ist, vor unserer Erinnerung wieder lebendig werden lassen, und sahen die sieben Jahrhunderte der Vergan­genheit Ostpreußens und des deutschen Ostens wie­der an uns vor überziehen.

Immer wieder sind während des Aus und Nieder dieser 700 Jahre hier im Osten auch die Zeiten schwerster Not überwunden worden, wenn fester Wille und einiger Zusammenschluß vorhanden waren. Auch jetzt ist Deutschland und insbeson­dere das vom übrigen Vaterland durch die unheilvolle Grenzziehung des Versailler Ver­trages abgetrennte Ostpreußen wieder in einer Zelt harter Bedrängnis, und gerade in Ost­preußen sind Kummer und Sorge in vielen Fa­milien ungebetener Gast. Aber wir dürfen den­noch nicht verzagen.

Wie unsere Vorfahren in zäher Ausdauer und unverbrüchlichem Gottvertrauen auch die schwer­sten Jahre überwanden, so müssen auch wir der

Wyoming" das Unterseeboot ins Schlepptau neh­men und den nächsten Hafen, wahrscheinlich Queen­stown, anlaufen.

Erster Schleppversuch gescheitert.

Washington, 15. Juni. (WTB. Funkspruch.) Der gestrige Versuch der amerikanischen Kreuzer Wyoming" undArkansas", das Untersee­bootNautilus" in den Hafen zu schlep. p e n, ist an dem hohen Seegang und an der M a n ö v r i e r u n f ä h i g k e i t des Untersee» bootes gescheitert. Heute früh bei Tageslicht soll versucht werden, das Unterseeboot durch einen Schleppdampfer bis Queenstown zu bringen. An Bord desNautilus" befindet sich alles wohl.

Das Unglück erreignele sich um 18.30 Uhr drei Meilen von dr St. Gildasspihe entfernt, und wurde erst in der Nachl bekannt, da man das Nichtein­treffen des Dampfers noch nicht beachtet hotte. In­folge des Sturmes, der besonders auf der Rückfahrt herrschte, haben die Passagiere sich alle auf die dem Winde abgekehrte Seile des Schiffes begeben, und als eine höhere Welle gegen den Dampfer schlug, konnte sie das Schiff mit einem Schlage ;um kentern bringen. Dieser plötzliche Charakter des Unglücks halte zur Folge, daß die Passagiere sich nicht mehr der Retlungsgürlel bedienen konnten, mit Aus­nahme eines Oefterreichers, der sich noch einen Schwimmgürtel umschnallen konnte und gerettet wurde.

Etwa 350 Tote.

Paris, 15. Juni. (TU. Eigene Drahtmeldung.) Nach den letzten Nachrichten aus St. Nazaire hat das Schiffsunglück nicht, wie zuerst angenommen wurde, mehr als 500, sondern etwa 3 5 0 Todesopfer gefordert. Erst später stellte sich heraus, daß etwa 150 Ausflügler den Dampfer wegen des heraufsleigen- dcn Unwetters bei pornic verlassen hatten und mit der Eisenbahn nach St. Nazaire zurückgefahren waren. Acht Personen konnten aus dem Wasser gezogen werden.

O-BooiNautilus" in Seenot.

Amerikanische Kriegsschiffe zur Stelle.

Furchtbare Schiffskatastrophe.

Ein französischer Dampfer mit mehreren hundert Ausflüglern untergegangen.

Krise der Gegenwart Herr werden. Freilich: In­nere Einheit und geschlossene Wi­derstandskraft des ganzen deutschen Volles sind Voraussetzung für die Ueberwindung dieser, die deutsche Wirtschaft so schwer bedrückenden Rot rmd zur Erringung einer besseren Zukunft. An diese Einigung soll uns auch diese festliche Stunde mahnenI Wir wollen das gemeinsam geloben, in­dem wir rufen: Deutschland, unser geliebtes Va­terland, hurra I"

Im Anschluß sprach Reichspräsident v. Hin­denburg mit verschiedenen vstpreußischrn De- hördenvertretern und Vertretern von Verbänden. Unter den Ehrengästen sah man den Reichsmini­ster Treviranus, den Oberpräsidenten, den Landeshauptmann, den Regierungspräsioenten der Provinz^ den Wehrkreiskommandeur, die Bür­germeister und Landräte aus ganz Ostpreußen, zahlreiche Abgeordnete.

Ter Reichspräsident fuhr dann nach Frey­stadt, um hier an der 600-Jahrfeier der Stadt teilzunehmen.

In den Gastkammern der Marienburg fand dann ein Frühstück statt. Hier begrüßte Landes­hauptmann Dr. B l u n k die Gäste und brachte ein Hoch auf Ostpreußen aus. Sodann ergriff

Reichsminister Treviranus

das Wdrt und betonte u. a.: Es tff die tiefe Tragik des Schicksals unserer Tage, daß mit dem Abschluß des Weltkrieges ein Keil in dieses Land getrieben und die Landbrücke zum Reich zerrissen wurde. Um so fester ist das unvergängliche Gefühl des einzelnen geworden.

Ls ist undenkbar, daß jemals eine deutsche Reichsregierung, eine preußische Staatsregie­rung dieses Land preisgeben kann oder wird. Ostpreußen ist kein verlorener Posten, sondern ein Eckstein des Reichsbaues, dessen Unver­sehrtheit die Grundlage unseres nationalen Da­seins ist.

Es sprachen sodann Oberpräsident Siehr und Kammerherr v. Oldenburg -Januschau, der als letzter Redner der verlorenen Provinz West­preußen gedachte und ein Hoch auf die Jugend Deutschlands ausbrachte, der es vergönnt sein werde, den Tag der Wiedervereinigung zu erleben.

Oer evangelische Kirchenverirag mit Preußen endgültig angenommen.

Berlin, 13. Juni. (TU.) Der Preußische Landtag hat heute den Staatsvertrag mit den evangelischen Landeskirchen mit 202 gegen 54 Stimmen bei 105 Enthaltungen der Sozialdemokraten in dritter Lesung end­gültig angenommen. Ministerpräsident Dr. Braun hat im Gegensatz zu seiner Fraktion f ü r den Kirchenvertrag gestimmt. Innenminister S e v e r i n g hat sich an der Abstimmung nicht beteiligt.

Der Preußische Landtag lehnte das kommu­nistische Mißtrauensvotum gegen die Staatsregierung mit 220 Stimmen der Regie­rungsparteien gegen 167 (Stimmen der gesamten Opposition a b.

Der weitere kommunistische Antrag, wonach die preußische Regierung auf soforttge Aufhebung der Notverordnung hinwirken soll, wurde mit 206 gegen 151 Stimmen abgelehnt.

Das Haus vertagte sich sodann bis zum 7. Juli.

Schwerer Schiffs-Zusammenstoß.

Rotterdam, 14. Juni. (WTB.) Meldungen aus B l i s s i n g e n zufolge ist gestern beim Leucht­schiffWoord Linder" infolge dichtenRebels der britische 3067-Tonnen-DampferUrania" mit dem norwegischen 9000-Tonnen-DampferBeau­fort" zusammenge stoßen. DieUrania" sank innerhalb kurzer Zeit. Ihre Bemannung konnte von derBeaufort", die stark beschädigt wurde, aber die Weiterreise nach Rotterdam an­trat, an Bord genommen werden.

Mllionenwerte im Bücherregal.

Die NaPoleon-Bibliolhek in Berlin.

Von Ludwig Naurath.

In der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin wurde soeben die Ausstellung einer Bibliothek Napoleons eröffnet.

Die zahlreichen Biographien Napoleons, mit denen der Büchermarkt in den letzten Jahren überschtyemmt wurde, zeigen, daß der Korse ein nervöser Mensch war, den persönliche Erlebnisse sehr beeinflußten und der sogar weinen konnte. Aehnliches erkennt man auch an der Bibliothek Napoleons, die jetzt in der Berliner Staats­bibliothek ausgestellt wird. Bände mit gefühl­vollen Gedichten, sentimentale Literatur des Rokoko, nachdenkliche Philosophen, all das findet sich dort neben den ungeheuren Prachtbänden, die in Saffian und in Pergament, in Seide und Maroquin gebunden sind, und auf denen goldene Lettern prunken. Die Bibliothek, die ein Mensch sich zusvmmenstellt, zeigt deutlich, was er liebt, und wofür er sich interessiert. Selbstverständlich mußte ein Mann wie Napoleon die Enzyklopädien seiner Zeit, die Weltgeschichten und ine Gesamt­ausgaben der französischen Klassiker besitzen. Charakteristisch ist jedoch, was darüber hinaus zu der Bücherei gehört, die Napoleon zusammen­stellte, als er die Wiener PriiMssin Marie Louise heiratete. Um diese Bibliothek gibt es ein Geheimnis: es wird nicht gesagt, wem sie gehört. Wahrscheinlich wird sie bald verkauft wer­den, wohl nach Frankreich, wo man sich die letzte Bibliothek Napoleons nicht entgehen lassen wird. Der Kaiser hatte viele Büchereien; aber sie sind verlorengegangen, nach seinem Sturz verstreut worden und zum Teil verbrannt. So beansprucht diese kostbare Bibliothek besonderer Auftnerksarn- keit.

Unter Napoleons Büchern sieht man auch eine Voltaire-Ausgabe in 98 mächtigen Bänden. Auch in der Hausbibliothek der Hohenzollern sindet sich eine berühmte Zusammenstellung der Werke Voltaires, mit Widmungen des Philo­sophen, einer Handschrift der ersten fünfzehn Ge­sänge derPucelle" und einer Prachtausgabe derHenriade", die der preußische König von einem Londoner Buchkünstler unter großen Kosten ganz in Kupfer stechen ließ. Die Bücherei Fried­richs des Großen ist nicht weniger aufschlußreich als die Bibliothek Napoleons. .Sie enthält die Werke griechischer und römischer, italienischer, englischer, spanischer, portugiesischer und vor allem französischer Literatur, aber kein deutsches Buch. Friedrich II. hielt nichts von den deutschen Schrift­

stellern. Will man wissen, was der König auf seinen Feldzügen las, so braucht man nur die abgegriffenen, schlecht erhaltenen Bände heraus­zugreifen. Zu Hause wurden die Bücher geschont. Zur Hausbibliothek gehören außerdem die großen Sammlungen Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelms IV., die Bücher der Königin Luise und viele Kostbarkeiten, die die späteren Herrscher hinzugefügt haben. Natürlich wurde um diese Bibliothek bei der Auseinandersetzung zwischen Staat und Krone sehr gestritten.

Unter den Sammlungen, die souveränen Herr­schern gehören oder gehörten, steht die B i b l i o- thek des Vatikans an erster Stelle. Der Papst hat sie selbst verwaltet, als er noch Mon­signore Achille R a t ti hieß. Er war Präfekt der Ambrosiana in Mailand, als Pius X. ihn im November 1911 zum Vizepräfekten der Vatika­nischen Bibliothek ernannte, und am 1. September 1914 wurde er zum Präfekten erhoben; dieses Amt bekleidete er vier Jahre. Zur Bibliothek des Papstes gehören etwa eine halbe Million Bände, viele Handschriften von Weltruhm, Sammlungen von Fürsten aller Zeiten und aller Länder. Manche Werke gelangten auf sehr seltsame Weise in den Vatikan. Ein Beispiel hierfür bietet das Schicksal der Heidelberger Universi­tätsbibliothek, die Ende des 16. Jahrhun­derts in ganz Europa berühmt war. Sie besah 3522 lateinische, griechische, hebräische und alt­deutsche Handschriften. Als die Stadt Heidelberg am 16. Sevternber 1622 in die Hände Tillys fiel, beschlagnahmte dieser die Bibliothek und lieferte sie dem bayerischen Kurfürsten Maxi­milian I. aus, der an Papst Gregor XV. verschul­det war und mit den kostbaren Büchern seine finanziellen Verpflichtungen erledigte. Auf 50 Wagen wurden die Bücher von Heidelberg nach Rom gebracht.

Kein Herrscher, kein Staat und natürlich erst recht kein privater Sammler wäre heute noch im­stande, eine entsprechende Bibliothek zusammen­zubringen. Immerhin sind die größten privaten Büchersammlungen nicht zu verachten. Sie be­finden sich, was sich aus finanziellen Gründen eigentlich von selbst versteht, in Amerika. Die größte Privatsammlung dürste die Bibliothek Morgan fein. Als im Frühjahr 1927 der amerikanische Cisenbahnmagnat Huntington starb, hinterließ er die zweitgrößte Privatsamm­lung und bestimmte in seinem Testament, daß sie dem Staat zufallen solle. Es war unmöglich, ihren Wert anzugeben. Zu ihr gehörte die Bücherei Dwigt C h u r ch, die Hunttngton im Jahre 1911 für 1,3 Millionen Dollar gekauft hatte, und in der sich eine Erstausgabe von Shakespeares Sonetten befindet. Huntington er­

warb die Bibliothek des Herzogs von Devonshire und die sog. Bridgewater-Bibliothek, die ur­sprünglich der Königin Elisabeth gehört hatte. Allein im Jahre 1917 kaufte er für 6 Millionen Dollar Bücher und Handschriften, darunter eine Gutenberg-Bibel. Von allen vor dem Jahre 1500 gedruckten Büchern, die in den Besitz amerikani­scher Sammler gelangten, mag mindestens die Hälfte zur Huntington-Bibliothek gehören.

Als im Herbst 1926 nach langwierigen, viele Monate dauernden Verhandlungen die auf Per­gament gedruckte Gutenberg-Bibel des Benediktinerstifts St. Paul in Kämten an Dr. Otto V o l l b e h r in Neuhork verkauft wurde, wurde die Welt auf diesen Sammler aufmerksam, dem wohl die drittgrößte Privatbibliothek gehört. Er ist ein geborener Deutscher, dem es gelungen ist, über 3000 bis zum Jahresende 1500 gedruckte Bücher bei sich zu bereinigen, wundervolle Stücke in allen Sprachen. Die Gutenberg-Bibel, für die er 1,2 Millionen Mark bezahlte, ist wohl das kostbarste Buch, das es gibt. Es ist in 41 auf Papier und 10 auf Pergament gedruckten Exem­plaren erhalten. 2m Jahre 1873 zahlte man für ein Pergamentexemplar 68 000Mk.; der Preis ist also in 50 Jahren auf etwa das Zwanzigfache gestiegen.

Deutschland ist verhältnismäßig arm an solchen Privatsammlungen. 3n der Inflation erwachte die Sammelleidenschaft auf allen Gebieten. Man sammelte alte und neue Bilder, Kupferstiche, Porzellane und auch schöne Bücher, um das Geld vor der Entwertung zu schützen und bleibende Werte zu schaffen. So entstanden auch neue Bibliotheken, die jedoch zum Teil wieder auf­gelöst wurden. Die Besitzer hatten keine innere Beziehung zu ihren neuen Schätzen. Andere Büchersammler konnten ihre Bibliothek nicht wei­ter ergänzen, als die Goldmark bei den Jn- flationsgewinnern knapp wurde. Man muh leider zugeben, daß Deutschland, das Land mit der größten Bücherproduktion und der lesehungrig- sten Bevölkerung, das Land, in dem jährlich 25 000 Neuerscheinungen herauskommen, in der Bibliophilie ziemlich unbedeutend ist. Dem­entsprechend sind die .Preise für wertvolle Erst­drucke hier sehr niedrig. Für ein paar hundert Mark kann man die erste autorisierte Gesamt­ausgabe von Goethes Werken bekommen, und LessingsNathan" oder SchillersDock Carlos" kosten in der Erstausgabe weniger als die Gra­phik irgendeines modernen Malers. Dafür haben wir in Deutschland sehr wertvolle öffentliche Bibliotheken. In der Preußischen Staatsbiblio­thek und in den zahlreichen Universitätsbüchereien. vor allem in München, finden sich viele kostbare Stücke. Die finanzielle Not hat verhindert, daß

diese öffentlichen Sammlungen im letzten Jahr­zehnt ausreichend ergänzt werden konnten, ebenso wie es unmöglich war, alle wichttgen und für die Wissenschaft unentbehrlichen Neuerscheinungen des Auslandes zu kaufen.

So steht die Preußische Staatsbibliothek heute unter den größten Bibliotheken der Welt nur noch an neunter Stelle. Die Pariser National- biblivthek verfügt über 4,5 Millionen Bände, in der öffentlichen Staatsbibliothek in Leningrad sind 4 Millionen Bände, ebenso viel Bücher besitzt die Akademie der Wissenschaften in Leningrad, je 3,5 Millionen Bände stehen in der Kongreß­bibliothek in Washington und in der Leniir- biblivthek in Moskau, etwas weniger hat das Britische Museum in London, knapp 3 Millionen sind in der Neuyorker Bibliothek, 2,5 Millionen in der Universitätsbibliothek von Cambridge im Staate Massachusetts, und 2,2 Millionen in Berlin. Insgesamt sind in den tausend größten öffentlichen Bibliotheken der Welt rund 190 Mil­lionen Bücher vereinigt, das gesamte Wissen der Menschheit, die Beschreibung aller irdischen Schön­heiten und der Lehrstoff für alle kommendes Generationen.

Zeitschriften.

D 238, eine Fahrplanplauderei", nennt Mi­chael Untersperg seinen Aufsatz in der Julinummer von WestermannsMonatsheften. Diese interessante Plauderei über Entstehen, Technik und Sirm eines modernen Fahrplans am Beispiel des Zuges D 238, der im Kurs BerlinBodensee Schweiz mit Anschluß nach Italien fährt, wird jeder mit großem Gewinn lesen. Die Freunde der Ostsee wird der mit vielen Abbildungen ge­schmückte Artikel von Wilhelm MichelsBesuch in Kolberg" interessieren. Der Wiener Kunsthisto­riker Arthur Roeßler gedenkt in einem reichillu­strierten Aufsatz des 400. Todestages von Tilmann Riemenschneider, dem größten deutschen Bild­schnitzer der Gotik und des Mittelalters. Die No­velleJonathan muß für den Regen büßen" von Anton Schnack werden die vielen Freunde des Dichters begrüßen. Eine wei­tere Novelle von Inge Stramm tragt den Titel Erweckung der Herzen" und spielt in der Welt der Zirkusmenschen. Dr. Erich Werdermann vom Botanischen Museum in Berlin plaudert über Bromeliengewächse", die farbigen Bilder hierzu sind von Theodor Daugs. Werner Suhr schreibt in seinem AufsatzCharaktere gesucht" über den Unterschied zwischen Typus und Charakter, über den Ausdruck des Charakters im Gesicht und Wesen von OKännem, Frauen und Kindern.