Ausgabe 
15.4.1931
 
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Spanien unter seiner Regierung einer f r i e V - 1 lich« n Aera, wie sie in der ereignisreichen Geschichte des Landes, besonders in der des 19. Jahrhunderts, lange nicht erlebt worden war. Er war bei Stiergefechten zu sehen, er ging unter aas Volk, er zeigte Interesse für alles woher also die Unbeliebtheit? Der Fehler Al- foirs XIII. war, die Politik, die er neben seinen zahlreichen Passionen sozusagen als Dilettant betrieb, zu sehr auf seinen stark ausgeprägten Hcrrscherwillen abgesteÜll zu haben. Das Aben­teuer der Diktatur, die nach dem Versagen des parlamentarischen Systems, das in dem da­mals politisch indifferenten und stark analpha- bettschsn Spanien versagen muhte, von breiten Schichten gewünscht wurde, hat ihn schließlich un­möglich gemacht. Man hat den König beschuldigt, die Verfassung gebrochen zu haben, und das hat man ihm nicht verziehen. Die Ver­letzung der konstitutionellen Pflicht gibt dem. was jetzt m Spanien geschieht, seinen historischen Sinn.

Republik oder Monarchie das ist eine Frage, die zu entscheiden allein Spaniens Sache ist. Das laute Echo, das die Ereignisse in der ganzen Welt ausgelöst haben, werden zweifellos dem historischen Vorgang eines Wechsels der Staats­form nicht gerecht. Republik und Monarchie sehen «in jedem Land anders aus, und die Parteinahme des Auslandes, besonders Frank­reichs. gegen den König hat ihre besonderen Gründe. Das Ende der spanischen Monarchie mag unabwendbar sein, ein notwendiger Vorgang im Ablauf der Geschichte. Vielleicht mag sie für Spanien sogar ebenso antiquiert sein wie die Titel, die AlfonS XIII. trug. Deutschland kann dazu nicht Stellung nehmen es kann aber auch nicht vergessen, daß Alfons XIII. ihm in schwerer Stunde einmal einen großen Dienst geleistet hat! Welche Gründe immer für ihn maßgebend waren die- ist sicher: Spanien hat, als Deutschland um seine Existenz kämpfte, seine Reutralität bewahrt, obwohl die Versuchungen, persönliche wie mate­rielle. für es sehr stari waren, mit der Entente gemeinsame Sache zu machen. Ein großer Teil des Volkes, vor allem die Intellektuellen. Stu­denten, Professoren, Presse, Industrie, waren für die Lllliierten. Es gab große Kreise von Inter­essenten. die nur darauf warteten, nach berühm­ten Mustern das im Land befindliche deutsche und österreichische Privateigentum, besonders die Schiffe in den Häfen zu beschlagnahmen. In dem Verleumdungsfeldzug gegen Deutschland hat ein Spanier. Dlascv Ibanez, in vorderster Fwnt gekämpft. Im Hochsommer 1918 war der Druck der Entente auf Spanien so stark geworden, daß der Ministerpräsident Dato die Hoffnung, die Reutralität erhalten zu können, fast auf ge­geben hatte, und der Beschluß, die diplomatischen Beziehungen mit den Mittelmächten abzubrechen, ihr Eigentum zu beschlagnahmen und die .Spio­nagenester" auszuheben, so gut wie gefaßt war. Daß es zu diesem Schritt nicht kam, daß die Deutschen in Spanien vor Internierung und deutsche Vermögen vor schwerer Schädigung be­wahrt blieb, ist das ausschließliche Ver- dienst Alfons XIII.

Forderungen der Landvolkpariei.

Rücksprache in der Reichskanzlei.

Berlin, 14. April. (TU.) Am Dienstagvormittag sprachen in der Reichskanzlei als Vertreter der Landoolkpartei Abgeordneter Dr. Gereke, Hepp and Baur vor. In Abwesenheit des auf Urlaub befindlichen Reichskanzlers wurden die Erschienenen von Staatssekretär Dr. P ü n d e r empfangen, mit dem sie eine Aussprache über die gesamtpolitische Lage, in erster Linie über die Auswirkung derletztenRotoerordnunginderoreu- ßischen Polizeipraxis sowie über Fragen der Osthilf« und agrarpolitischen Maßnahmen hatten. Rach eingehender Begründung ihrer Wünsche erklärte ihnen der Staatssekretär, daß er diese als­bald zur Kenntnis des Reichskanzlers und der Reichsreaierung bringen werde. Zur Frage des Zollschutzes für agrarische Erzeug­nisse führte er aus, das Zollermächtigungsgesetz sei eine der Regierungsvorlagen gewesen, auf deren parlamentarische Erledigung die Reichsregierung in Dem eben beendeten Tagungsabschnitt größten Wert gelegt habe. Die Reichsregierung beabsichtige durch­aus, von der Ihr erteilten Ermächtigung G e - brauch zu machen. Der Reichskanzler habe vorgesehen, mit den agrarpolitischen Fragen gleich die erste Sitzung der Reichsregierung zu befassen, die sofort nach der Osterpause und bestimmt noch im Laufe des April stattfinden werde.

DiekommunistWeWerkspionage

Eine amtliche Darstellung.

WSR. Frankfurt a. M., 14. April. Zu den Veröffentlichungen über die Werkspionage in der I.-G.-Farbenindustrie und anderen deutschen Be­trieben wird amtlich mitgeteilt: Schon feit län­gerer Zeit ist den zuständigen Behörden bekannt geworden, daß Angehörige der Kommu­nistischen Partei Deutschlands mit Angestellten und Arbeitern größerer Betriebe in verschiedenen deutschen Städten un­ter dem Vorwand der Beschaffung günstiger Ar­beitsgelegenheit in Verbindung traten. Die wahre Absicht war aber die. durch sie in den Besitz wertvoller Betriebsgeheimnisse zu kommen. Die durch die Polizei Ludwigshafen so­fort gepflogenen Erhebungen führten zunächst zur Verhaftung eines früheren Werkschrei­bers der I.-G.-Farbenindustrie Ludwigshafen, Hans Schmid. Die bei ihm vorgenommene Hausdurchsuchung und seine Einvernahme ergaben stark belastendes Material gegen verschie­dene kommunistische Führer, mit denen Schmid in engem Verkehr stand, um ihnen gegen reichliche Zuwendungen wertvolle Betriebsgeheimnisse der I.-G.-Far­benindustrie prei^ugeben. Im Zusammen­hang damit konnten Erich Steffen (Berlin) und Karl Dienstbach (Höchst) anläßlich einer verabredeten Zusammenkunft mit Schmid in Lud­wigshafen am 22. März d I. fest genommen werden. Beide führten einen umfangreichen Brief­wechsel und anderes schriftliche Material mit sich, wodurch sie im Zusammenhang mit den bei den Hausdurchsuchungen vorgefundenen Urkunden ebenfalls schwer belastet wurden. Insbe­sondere ging daraus hervor, daß ihnen Schmid schon eine Reihe wichtiger Betriebsgeheimnisse in der Form schriftlicher Berichte zugänglich gemacht hatte.

Die bisherigen Ermittlungen ergaben einen erheblichen Aichalt dafür, daß es sich hier um eine über ganz Deutschland verbrei­tete Organisation handelt, die dem Zweck dient. Wirtschaftsspionage zu treiben. Als deren Haupt erscheint Erich Steffen, einer der maßgebenden Führer der RGO. (Re- voluttonäre Gewerkschaftsopposilivn). Für Süd­westdeutschland bediente er sich dabei der Ver­mittlung des Karl D i e n st b a ch, der von seiner früheren Tättgkeit im Werk Höchst der I.-G.- Farbenindustrie persönliche Beziehun­gen zu Chemiearbeitern und Ange­stellten hatte. Stessen verfügte sicherlich auch über gute Verbindungen mit russi­

schen Steilen in Berlin, was schon dar­aus hervorgeht, daß seine Frau als Pri­vat s e k re t ä r i n bei der russischen Handelsdelegation angestelltist. In­wieweit Steffen die durch seine Mittelsmänner erlangten Berichte und Betriebsgeheimnisse ver­wertet hat, konnte bisher noch nicht mit genü­gender Sicherheit aufgeklärt werden. Die an der Wirtschaftsspionage betet iglen Personen, insbe­sondere Stessen und Dienstbach, verfügten über reichliche Geldmittel. Am 10. April wurde noch der Sekretär der Kommunistischen Partei der Pfalz, Eugen Herbst, festgenommen. Weitere Verhaftungen sind bisher noch nicht erfolgt.

Oer Kampf um Preußen.

Ministerpräsident Brann spricht gegen das Volksbegehren.

Berlin. 14. April. (ERB.) Der preußische Ministerpräsident Dr. Braun sprach in einer Ver­sammlung der Sozialdemokratischen Partei im Sportpalast über den Kampf der Oppositionspar­teien um die Auflösung des Preußischen Land­tags. Der Ministerpräsident wies u. a. darauf hin. daß die ehemaligen Machthaber, als der Zusammenbruch gekommen fei, hilf- und ratlos davongelaufen waren, und es der Sozialdemo- fratie überlassen hätten, das Erbe der alten Po­litik anzutreten und Preußen vor dem Abgleiten in den Abrund zu bewahren. Zu der bann offen­barten Einsichtslosigkeit und Urteilglofigf.it fjabe sich noch eine gewisse Unehrlichkeit gesellt, die darin bestehe, daß die furchtbaren Folgen des Krieges sowie die sich steigernde Wirtschaftsnot dem republikanischen System in die Schuhe ge­schoben wurden. Tatsächlich habe es nie eine rote Me hr hei t im preußischen Landesparla­ment gegeben. Aber es habe auch in der preu­ßischen Regierung niemals eine sozialdemokra- ttsche Mehrheit gegeben. Darauf müf)e hingewie­sen werden, weil fortgesetzt von der ,sozialistt- fchen Regierung in Preußen" gesprochen werde. Wir haben jahrelang nur zwei Minister unter

acht in Preußen gehabt und haben jetzt drei sozialdemokratische Minister unter acht.

Ten antirepublikanischen Parteien erscheine ein­fach alles, was ihnen unangenehm ist, als mar­xistisch. wenn man die große Wirtschaftsnot dem Marxismus zur Last legen wolle, so fei doch zu fragen, ob es Schuld des Marxismus fei, wenn in vier Kriegsjahren Milliardenwerte des Volkes vernichtet worden feien, wenn wir an inneren Kriegslasten jährlich 2 Milliarden und zwei weitere Milliarden an Reparationen auf­bringen müßten, wenn in der Inflation Mil­liardenwerte verlorengegangen seien. Auf die polittsche Unerfahrenheit weitester Volkskreise spekulierten die. die glaubten, daß die Verderb­lichkeit ihrer Politik vor dem Kriege bereits vergessen sei und daß ihre Zeit nun gekommen wäre, ba« heutige Regime zu beseitigen und an feine Stelle wieder bas alte zu sehen. Das Volksbegehren werde sicherlich mit einer Riederlage enden, aber die eigentliche Entschei­dung im politischen Kampf werde bet der Wahl zum Preußischen Landtag fallen. Der Ausgang dieses Kampfes wird entscheidend fein für die politische Entwicklung nicht nur in Preu­ßen. sondern auch im Reiche.

9er zweit? Tag des 9üffelhorfer Mrdprvzeffes.

Linier Ausschluß der Oeffentlichkeit.

Düsseldorf. 14. April. (WTB.) Rach Be­ginn des heutigen zweiten Verhandlungstages im Prozeß gegen den Raubmörder Kürten wie­derholt der Erste Staatsanwalt seinen gestern abgelehnten Antrag auf Aus sch luß der Oeffentlichkeit. Der Verteidiger des An­geklagten schließt sich diesem Anträge an, und die Oeffentlichkeit wird ausgeschlos­sen. Der Verhandlung dürfen 22 Pressevertreter sowie einige Professoren und sonstige beruflich oder wissenschalllich interesfierte Persönlichkeiten beiwohnen. Rach Ausschluß der Oeffentlichkeit setzt Kürten seine Aussagen fort. Seiner Meinung nach, so erklärt er, beruhe sein jetziger Zustand auf Vererbung und den traurigen Verhältnissen in seinem Eltemhause. Dei dem vielen Herum­ziehen mit seiner Familie hätte er schon als Kind viel erlebt und damals bereits angefangen, Hunde zu toten. Als Achtjähriger habe er einen anderen Knaben von einem Floß in den Rhein gestoßen, so daß der Knabe ertrank. Einen

zweiten Knaben, der ins Wasser gefallen war. habe er weiter hineinge stoßen, so daß er auch ertrank. Das Quälen und Verwunden von Tieren hätte ihm Erregungen gegeben.

Kürten erklärte, er sei zu seinen ©traftaten durch den Gedanken veranlaßt worden, er übe durch seine Mißhandlung Vergeltung für früher erlittene Ungerechtigkeiten. In den Zuchthaus­zellen habe er in den bunten Ecken gesessen unb sich die Mißhandlungen von Menschen vor- gestelltt Auf b:e Frage des Vorsitzenden, ob er jedesmal mit der Absicht, Menschen zu töten, von Hause fortgegangen sei, erklärte er, daß er diese Absicht von vornherein nie gehabt habe, sondern nur habe Mut sehen wollen. Wie es dann gekommen sei, daß er die Opfer schließlich doch getötet habe, könne er nicht ertkuen. Die Brie f e an die Zeitungen habe er geschrieben, um sich an der Erregung der Bevölkerung zu erfreuen.

Beginn der Liaisdebaile im Hessischen Landtag.

Darm st ab t, 14. April. Präsident Delp teilt mit, baß Abg. Dr. Wolf aus der Volksrechtpartei ausgeschieden ist und fraktionslos bleibt. Es folgt die Beratung des Staatsvoranschlags 1931 und der dazu eingegangenen Anträge.

Abg. Kaul (Goz.)

erinnert an den ungeheueren Ernst der heutigen Lage. Die von der Räumung unseres Landes er­wartete Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse ist nicht eingetreten. Sparmaßnahmen sind auch in Hessen notwendig. Die Sparpsychose des Landbundes würde die Eigenstaatlichkeit Hessens auf­heben. In der Frage des Einheitsstaates halten wir die Wege des Länderausschusses für aus­sichtslos, das Chaos zu beseitigen. Angesichts der trostlosen Finanzlage der Gemeinden durch die Wohlfahrtsfürsorge ist die Neuregelung des Finanzausgleichs und die Beteiligung des Reiches an den Lasten notwendig. Bei der geplanten Wahlreform werden wir eine Benachteiligung des flachen Landes nicht zulassen. Dem Dolksbil- bungsminifterium müssen wir den Vorwurf machen, daß es durch d i e Bevorzugung der tech­nischen Bildung dem Berechtigungs- Unwesen Vorschub geleistet hat. Der Ab­bau an den höheren Schulen muß insbesondere eine Vergrößerung des geistigen Proletariats verhindern. Eine Herabsetzung der kommunalen Pflichtleistungen der Wohlfahrtsfürsorge darf die Regierung nicht zulassen.

Abg. Hofmann (Zenir.)

erklärt, es kann der Fall einireten, baß wir in» fvlge rückgängiger Einnahmen weitere Spar­maßnahmen drrchführen müssen. Hessen unb besonders bas besetzte Gebiet ist 1929/30 mit einem Betrag von 19 Millionen Reichsaufträ­gen gegenüber Preußen benachteiligt wor­ben. Reben ber wirtschaftlichen Rot nagt eine anbcre Seuche am Mark des Volkes: ber Kul- turbolschewismus. Wir lenken bie Auf­merksamkeit bes Innenministers auf bie volks- verhehende Agitatton bes Tannenbergbun- bes in Hessen unb fordern energisches Einschrei­ten. Das Treiben ber Gottlofenverbänbe darf in Hessen nicht gedulbet werden. Wir be­dauern die schweren Mißgriffe von national* sozialistischer Seite gegen Kirche und Doll. Eine Degradierung Hessens zu einer Reichsprovinz machen w'-r nicht mit. Ich betone, daß bie Frage bes Päbagogischen Institutes weder eine katholische, noch eine Zentrumsangelegenheit ist. Es handelt sich bei der Zusammenlegung der beiden Institute nach Mainz einmal um eine Sparmaßnahme und bann darum, einer Stadt entgegenzukommen, bie seit Iahrhunderten stief­mütterlich behandelt worden ist. unb die gerade durch bie Besetzung außerorbenllich leiben mußte. Wir weifen es energisch zurück, baß man hier religiöse oder parteipolitische Motive unterschiebt. DaS Institut für Dölkerpädagogik in Mainz

lehnt jede Zufammenarbett mit den Kreisen um Förster ab. Wir wollen nicht, daß die Front ber beiden Kirchen gegen bie britte Front durch Fa­natiker durchbrochen wirb. (Beifall.)

Abg. Or. LenchigenS (Landbund) betonte, das einzig Erfreuliche der Etatsberatung fei die Beseitigung des Defizits die zum Teil durch Reichsmaßnahmen (zirka 7 Millionen Reichsmark) erfolgte, zum Teil durch Sparmaß­nahmen der hessischen Regierung, die unsere Kritik in weitem Umfange Hervorrufen. Statt die Real» steuern zu ermäßigen, wurden diese außer­ordentlich erhöht. Im Etat find zu hohe Steuereingänge eingesetzt und stille Reserven nicht mehr vorhanden. Regierung und Regierungspar- teien haben die Zeichen der Zeit nicht verstanden und kein weitsichtiges Sparprogramm vorgelegt. Ansätze sind im Keime stecken geblieben, und dieBeamten" haben sich durchgefetzt. Der Landbund habe stets sein Sparprogramm vertreten, das in erster Linie einen Abbau der Zentral- instanzen forderte, denn 340 bis 350 Ministerial- beamte sind für Hessen zuviel. Jnhaberbewilligungen sind eine Selbsttäuschung. Wir fordern Entstaat­lichung des Theaters, Aenderung des Finanzaus­gleichs, Abstriche an den Fortbildungs- und Hoch­schulen, Reform der Beamtenanstellung unb -besol- dung. Daß neue Kürzungen der Beamtenbesoldung wahrscheinlich sind, hat soeben erst der württember- gische Staatspräsident unb Zentrumsmann Bolz aus. gesprochen. Durch Wiederherstellung ber Rentabilität ber Landwirtschaft unb Stärkung bes Binnenmarktes können wir bie Arbeitslosigkeit fast ganz beseitigen.

Abg. ör. Keller (OBp.):

Einheitsfront besteht theoretisch in ber Beurtei­lung ber Lage, aber in ber Durchführung der Spar­notwendigkeiten bremsten die Regierungsparteien ab. Wir erheben den Vorwurf, daß das Umlernen bei der Regierung unb ben Regierungsparteien erst kam, als bas Kinb in ben Brunnen gefallen war, unb daß zweitens das Umlernen nicht gründ- l i ch genug s i ch auswirkte. Wenn wir im Reich mit Parteien, die im kleinen Hessen unsere Gegner sind, zusammen die Reichsflnanzen und Reichsverhältnisse in Drbnung bringen, so deshalb, weil dort eine Wirtschaft-- und Kulturpolitik ge­trieben wird, die auf die große Rot des Volkes ent­schieden Rücksicht nimmt, was aber in Preußen und Hessen von der Weimarer Koalition während zehn Jahren nicht geschah. Wenn zur Zeit das Pendel ber Dolksgunst nach ber Seite der Leidenschaft aus- schlägt unb sehr wenig nach der Seite des gesunden Menschenverstandes, so hoffen wir, daß diese Krank­heit rasch ablaufen wirb unb wir erwarten von ber Regierung, daß sie nicht durch Taten ober Unter­lassungen, wie sie in Preußen zur Zeit sich ereignen, für bie Extremen arbeitet. Dazu gehört auch das Einsetzen ober Nichteinsetzen von P a - kizei j e nach der Farbe der Demon­stranten, dazu gehört die oft gerügte Bevor­

zugung derjenigen Beamten, die ihr Lämpchen rechtzeitig mit dem richtigen Parteiol gefüllt haben und es richtig vor der Oeffentlich­keit leuchten liehen. Es war keine glückliche Stunde, in der der Herr Staatspräsident jene Entschließung traf, die das Pädagogische In st »tut in Darmstadt kalt abwürgte. Wir erkennen die leb­haften Bemühungen des Herrn Finanzminifters um die Finanzen an unb erkennen ben Auaenblicks- erfolg des ausbalancierten Etats an, zunächst wenig­stens auf dem Papier, was auch im Rechnungs­ergebnis wiederkehren mag. Wir haben schon im Dezember unsere scharfe Kritik zum Aus­druck gebracht gegen die Maßnahmen, w i e das Defizit beseitigt wurde, weil sie im Widerspruch zu der Politik der Reichsregierung stehen und ben Staat sbürger neu belasten.

Das Haus vertagte sich auf Mittwoch.

Dr. Gahm zum Oberbürger­meister von Berlin gewählt.

Der neue Berliner Magistrat.

"Berlin, 14. April. (WTB.) In der Berliner Stadtverordnetenversammlung wurden bei der heutigen Wahl zum Oberbürgermetfter insgesamt 222 Stimmzettel abgegeben, davon 13^nbeschrie- ben, so daß 209 gültige übrig blieben. Die abso­lute Mehrheit betrug demnach 105. Dr. Sahm erhielt 110 Stimmen, der Kommunist Pieck 52, der Deutschnationale Steiniger 46 und der Deutschnationale Springfeld 1 Stimme. Im weiteren Verlauf wurden der bisherige Stadt» syndilus Dr. Lange (SPD.) zum ersten, Dr. Elsaß (Staatspartei) zum zweiten Bürger­meister, Asch, Frankfurt a.M., (SPD.) zum Stadtkämmerer mit 106, bzw. 112 und 101 Stim­men gewählt. Die Deutschnationalen und die Rationalsozialisten nahmen an diesen Wahlen nicht mehr teil. 51 Stimmen in jeder Wahl fielen auf die kommunistischen Kandidaten.

In einer Unterredung erklärte Dr. S a h m: Ich bin mir völlig klar darüber, daß in den nächsten Zeit große Schwierigkeiten zu überwinden sein werden, und meine Hauptauf­gabe wird es zunächst fein, die gegenwärtige schwierige finanzielle Lage der Stadt zu überwinden und die Verwaltung in sach­gemäßer Weise zu organisieren. Ich hoffe, daß die neue Form der Verwaltung und die mir zur Seite gestellten Mitarbeiter es mir ermög­lichen werden, mein kommunalpolitisches Pro­gramm in recht kurzer Zeit durchzuführen. DaS wird selbstverständlich sechr viel Arbeit machen, und daher werde ich in der nächsten Zeit die Repräsentation auf das denkbar ge­ringste Maß beschränken müssen, denn ich glaube, daß die beste Repräsentation für Berlin gegenwärtig bie Schaffung einer geordneten Verw altung ist, die ich klar, einfach und rein zu führen beabsichtige. Ich hoffe, daß meine Wahl, die für mich einen neuen Lebensabschnitt einleitet, auch für Berlin der Anfang einer neuen Aera sein wird."

Großfeuer in Berlin.

Das frühere Blücherpalais am Pariser Platz völlig ausgebrannt.

Berlin, 15.April. (WTB. Funkspruch.) Heute gegen 3.30 Uhr brach im früheren Blücherpalais am Pariser Platz 2, bas von ber amerikani­schen Botschaft angetauft worben ist, im 1. Stock ein Feuer aus, bas sehr rasch um sich griff. Als die Feuerwehr eintraf härte man vielfach D e - tonationen, deren Ursachen noch nicht fest- gestellt werben konnte. Die Feuerwehr wurde auf die Gesamtalarmstufe gesetzt, unb das Feuer, das inzwischen auf den 2. Stock übergegriffen hatte, wurde mit 15 Rohren unb 7 mechanischen Leitern angegriffen. Das Gebäube zieht sich nach ber Friebrich-Ebert-Straße 21 burch unb war nicht bewohnt. Lediglich in ben Hinterräumen des Hauses hatte der Portier seine Wohnung. Gegen 4.30 Uhr war die Gefahr für die anliegenden Ge­bäude völlig beseitigt. Das Feuer schlug am Pariser Platz vom 2. Stock nach dem Dachstuhl burch, ber völlig abbrannte unb zog sich bis zum Dach­stuhl nach ber Friebrich-Ebert-Straße hin, wo b re i Stockwerke ausgebrannt finb. Starker Wind begünstigte bas Feuer unb trieb es nach dem Flügel in der Friebrich-Ebert-Straße 21, ber rest - los ein Raub ber Flammen würbe. Die Feuerwehr kreiste das Feuer ein, um zu verhindern, daß es nach dem Pariser Platz 1 Übergriff. Der Tattersall auf dem Nebengrundstuck in der Friebrich-Ebert-Straße schien zuerst burch ben gro­ßen Funkenschlag stark gefährbet, unb man hielt eine starke Schutzmannschaft bereit, um die fünfzig Pferbe bei Gefahr herauszuholen.

Gegen 5.30 Uhr war bas Feuer so weit eingekreist, daß keine Gefahr mehr für die umliegenden Ge­bäude bestand. Die Wohnung bes dürften Henckel-Donnersmarck im 1. Stockwerk ist völlig ausgebrannt, unb es scheinen wertvolle Gobelins und Bildersammlungen Der- I o r e n gegangen zu sein. Das Gebäude am Pariser Platz, das Fürst Blücher 1813 als Geschenk des Staates erhielt, ist völlig vernichtet. Die Ex­plosionen, die bald nach Eintreffen der Feuerwehr zu hören waren, scheinen aus ber Wohnung bes Fürsten Donnersmarck gekommen zu fein, unb man vermutet, daß sich unter den Sammlungen verfchie- bene alte Patronen befanben. Das Gebäube an ber Friebrich-Ebert-Straße, das 1870 angebaut wurde, hat nur in ben oberen Räumen durch bas Feuer gelitten, der Dachstuhl ist jedoch völlig aus­gebrannt unb ber Sachschaben sehr groß. Personen sind nicht zu Schaben gekommen.

Wettervoraussage.

Der Einfluß ber Ostseestörung geht durch weitere Verlagerung unb Auffüllung für unseren Bezirk all­mählich zurück, von Westen her steigt ber Luftdruck an. Trotz bes hohen Drucks bürste sich noch keine ausgesprochene Schönwetterlage entwickeln, denn nunmehr gelangen wir in den Bereich der ozeani- schen Luft. In ihrer Begleitung folgt Bewölkung, unb mit bem Auftreten einzelner Niederschläge ist zu rechnen.

Aussichten für Donnerstag: Wechselnd wolkig mit Aufheiterung, kühler, vereinzelt geringe Niederschläge.

Aussichten für Freitag: Bewölkt mit Aufheiterung unb tagsüber etwas anfteigenben Tem. peraturen, noch vereinzelte Nieberschläge.

Lufttemperaturen am 14. April: mittags 6,6 Grad Celsius, abenbs 6,5 Grab: am 15. April: morgens 6 Grab Celsius. Maximum 9,3 Giab, Minimum 4,7 Grab. (Erbtemperaturen in 10 cm Tiefe am 14. April: abenbs 7,8 Grab: am 15. April: morgens 5,8 Grab Celsius. Sonnenfcheindauer 5K 6tune den. Niederschläge 2,6 mm.