Nr. 87 Erster Blatt
181. Jahrgang
Mittwoch, 15. April 1951
trimmt tügliL.mrtzu Sonntag* anb Feiertag» Beilagen
Ott DDuftnertt
Gtetzenu Jamilienblättcj HeimcU im Silb Die Scholle monats-Bejugspreli:
2.20 Reichsmark and 30 Vetd)»pfenntg für Träger» lohn, auch bei Nicht»» scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt, zernfprechanfchlüffe enter Sa irimelmimmer 2251. «nfchnst für Drahtnachrichten Anzeiger »letze».
poÜlchecttonlo: gra-Murt am Main 11688
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Vrvck tm6 Verlag: vrühl'sche UniverfitStr-vuch. mid Stetnönidercl H. Lange in Sletzen. Schrittlettung und Seschastrstelle: Schnlltta^e 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummu Dis zum Nachmittag vorher.
Preis für | mm höhe für Anzeiaen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Reklameanzeigen von 70 mir Breite 35 Reichspfennig, Playvorfchrist 20*, mehr.
Chefredakteur.
Dr. Friede Will). Gange, verantwonlich für Politik Dr Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Waj Filter, lämtlich in Gießen.
Sturz der Monarchie in Spanien.
König Alfons Xni. verlaßt das Land. — Ein republikanisches Kabinett Zamora-Prieto-Maura übernimmt die Regierungsgewalt. — Maria ruft die Republik in Katalonien aus.
König Alfons verzichtet auf den Thron.
Zamora übernimmt die Rcgierungsgcwalt.
Madrid, 15. April. (IDIB.) König Alfons XUL hat am Dienstag um 21 Ahr In Begleitung des Infanten Alfonso und des früheren Marine- minift»» Herzog von Miranda die Stadl verlassen. Vie übrigen Mitglieder der könig. lichen jamilie werden Madrid morgen verlassen. Der König hat faktisch auf die Regierungs- gemalt verzichtet. Der König hat seine Machtbefugnisse an die Regierung Aznar übertragen. Der Außenminister, Graf Romanones. begab sich sofort zu Alcala Zamora, um i h m die R e g ie r u n g s g e w a l t für die proolso- rifche republikanische Regierung zu übergeben. Die provisorische republikanische Regierung Ira! sofort bei Miguel Maura zusammen. Atcala Zamora hat den Lhcs der Zioilgarde General San Zurgo beauftragt, dafür zu sorgen, daß die öffentliche Ruhe und Ordnung nicht gestört werde. König Alfons traf in Begleitung seines Vetters, des Jnfanlen Alfonso, und des Herzogs von Miranda, Mittwoch früh um 4 Ahr in Cartagena ein und begab sich sofort an Bord des Kreuzer» „Principe Alfonso".
Oie Ausrufung der Republik.
Ruhe in der Hauptstadt.
Madrid, 14. April. (WTD.) 3m Rathaus von Madrid ist die Republik ausgerufen worden. Die provisorisch? Regierung wird eine Proklamation v r.fent ichcn, die außer einem Manifest an die Ration auch die provisorische Verfassung m großen Linien enthalten soll, die Geltung Haden wird, biS die verfassunggebenden Cortes über die endgültige Verfassung beschlossen haben. Die erste Handlung der neuen Regierung wird die Verkündung der Amnestie sein. Es ist telephonische und telegraphische Anweisung gegeben worden, sämtliche politisch en Gefangenen f o - fort in Freiheit -u sehen. Die Lieber- tragung der Befugnisse der bisherigen Regierung auf die neue provüorische Regierung ist durchgeführt worden. Li? definitive und offizielle Verkündung der Republik soll erst nach endgültigem Liebergang der Regierungsbefugnisse erfolgen. Die Truppen verbleiben weisungsgemäß in ihren Kasernen, um jede Berührung mit den politischen Ereignissen zu vermeiden. Ganz Madrid ist mit republikanischen Fahnen und Abzeichen beflaggt. Die Umzüge und Kundgebungen für die Republik dauern an. 3n einer Rede, die der neue Madrider Bür- germeister, der Sozialist S a b o r i t, vom Daikon des Rathauses an die Menge richtete, erklärte er, die Devise der spanischen Republik werde sein: Ordnung, Freiheit, Große und Gerechtigkeit. Manifestanten stürzten heute das Standbild Isabellas II., das auf dem Platz gleichen Romens errichtet war, vom Sockel und führten es mit einem Strick um den Hals auf einem Lastauto durch die Stadt.
Die Freudenkundgebungen in den Straßen der Hauptstadt, an denen zahlreiche Frauen teilnehmen, verlaufen ohne Störung der Ordnung. Der Polizeidienst wird an mehreren Stellen von Angehörigen der Organisationen des Volkshauses und der Studentenverbünde versehen, die rote Armbinden tragen. Auch einige Polizeibeamte tragen rote Armbinden. Der Platz vor dem königlichen Schloß ist mit Seilen abgesperrt. Die Solda- t e n, die auf Befehl der letzten Regierung in den Kasernen bleiben mußten, haben diese nunmehr verlassen und gesellen sich zu den Manifestanten. Sie haben die königliche Mofarbe von ihren Mützen ab- gerissen. An der Tür des Innenministeriums wurde ein Plakat angeschlagen, worauf ein Totenkopf mit königlicher Krone zu sehen ist. In improvisierten Liedern wird die Abreise des Königs gefeiert. Die r e p ublikanische Fahne wurde auf dem Königsschloß gehißt. Nach den letzten Mel- düngen sind derKönigunddieKönigin ge» meinsam abgereist, die Infanten hatten schon am Morgen Madrid verlassen. Um 1 Uhr hielt Alcala Zamora mit Lautsprechern eine A n - spräche an die vor dem Innenministerium versammelte Menge und kündigte für heute wichtige Verordnungen an.
Oer Sturz der Peseta.
Rückwirkungen an der Ncuyorker Börse.
London, 14. April. (CRB.) 3n London mußten heute für ein Pfund Sterling 48.35 Peseten gegen gestern 47.30 Peseten bezahlt werden. An der R e u y o r k e r Börse ist der Kurs für eine Peseta von gestern zu heute um etwa 0,4 Cents gefallen. 3n Reuhork schließen die Finanzkreise aus dem Pesetarückgang, der der Abdankung des Königs folgte, daß der jüngste spanische Stabilifierungskredit nicht zur Stabilisierung benutzt wurde. Die Morgangesellschaft, die an dem Kredit be
teiligt ist, lehnte eine Erklärung zu dieser Angelegenheit ab, doch wird allgemein bemerkt, daß dieser neueste politische Zwischenfall in Europa schwerlich geeignet sei, dieStim - mung für Käufe von A u s la n d p a p i e- ren bei dem infolge der lehtjährigen Ereignisse immer noch sehr vorsichtigen Publikum zu bessern. Solange der Obligationenmarkt keine Bellerung aufweise, müßte auch die Gewährung neuer Auslandanleihen verschoben werden.
Oie erste republikanische Regierung.
Tas Kabinett Zamora.
Madrid. 14. April (TU.) wie verlaulel, wird das erste republikanische Ministerium folgendermaßen aussehen:
Ministerpräsidenl: Alcala Zamora.
Aeußcres: Rechtsanwalt L e r r o u x (Radikalrepublikaner).
Justiz: Prof. D e los Rios (Sozialdemokrat).
Inneres: Rechtsanwalt Maura (demokratischer Republikaner).
Arbeit: Caballero (Sozialdemokrat).
Finanz: Prielro (Sozialdemokrat).
Oesfenlliche Arbeiten: Rechtsanwalt A l b o r n e z (Sozialdemokrat).
Anterricht: Lehrer Domingo (republikanischer Sozialdemokrat).
Verkehr: Rechtsanwalt Bartlos.
Krieg: Rechtsanwalt A; ano (Republikaner).
Der Präsident der provisorischen Regierung Alcala Z a m o r a Hal folgende durch Radio oerbreilele Rede an das spanische Volk gehalten: Ich begrüße die Ration. Ich fordere Luch alle auf, trotz der Begeisterung eine würdige Haltung zu bewahren. Spanien muß seine Größe beweisen. Bleibt weiter vorsichtig. Die provisorische Regierung wird in dem von Luch gewünschten Sinne arbeiten. Ihr habt das Recht, Verantwortung zu fordern.
Die Madrider Arbeiter haben ihre Arbeitsstätten verlassen und marschieren in langen Demonstration»- zügen durch die Straßen der Stadt, in denen man neben der republikanischen häufig die rote Fahne sieht. Gerüchte über die bevorstehende Aufteilung des Großgrundbesitzes werden eifrig kommentiert. Aus Börfenkreisen hört man, daß Kapitalverfchiebungen ins Ausland in großem Stile im Gange sind. Fremdes Geld ist kaum zu haben. Die Autolaxen fahren mit roten Fahnen. Den städtischen Polizisten werden die Kronen von den Helmen gerissen. Auf dem Gebäude des Innenministeriums weht die rol- g e l b - v i o l e t t e Fahne der Republik, ebenso auf dem Rathaus, wo die Republikaner die Leitung der Geschäfte übernommen haben.
Der neue Innenminister Miguel Maura hat den Sozialisten S a b or i t zum Bürgermeister von Madrid ernannt. Bei dieser Zeremonie wurden zwei Minuten Stillschweigen zu Lhren des anläßlich der Anruhen von Jaca Hingerichteten Hauptmannes Galan bewahrt, besten Bild an Stelle des Gemäldes des Königs im Sitzungssaal angebracht wurde. — In den ersten Abendstunden sind die Straßen außerordentlich stark belebt. Automobile durchrasen die Hauptadern der Stadt. Sie haben rote Fahnen und republikanische Flaggen gehißt.
Eine Republik Kaialonien. Cbcrft Macia fordert in Barcelona einen iberischen Ltaatenbund.
Barcelona, 14. April. (WTD.) Auf dem Bürgermeisteramt und auf dem Gebäude des Prvvi: z allandtaoes ist die republikanische Flagge gehißt worden. Bride Behörden sind in die Hand der Anhänger des Obersten Maria übergegangen. Die Polizei leistete keinen Widerstand und wagte gegen die republikanischen Demonstranten, an deren Spitze sich Maria gestellt halte, in keinem Augenblick einzuschreiten. Oberst Macia betrat das Gebäude des Provinziallandtages und forderte, daß es ihm übergeben werde. Dies geschah nach einem gewissen Widerstand. Oberst Maria veröffentlichte hierauf folgende Erklärung:
3m Romen des katalanischen Volkes rufe ich den katalanischen Staat unter republikanischem Regime aus, besten Einführung ich gleichfalls für die übrigen iberischen Völker zwecks Befreiung von der Monarchie der Bourbonen wünsche, mit denen wir eine Konföderation der iberischen Völker bilden werden, wir wünschen, daß diese Stimme zu allen freien Staaten im Ramen der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Frieden» unter den Völkern bringt Gez.: Frances Macia. Präsident der katalo- nifchen Republit
Der Aufruf bedeutet die Proklamierung der Republik Katalonien als Staat
innerhalb der iberischen Staatenföderation. 3m Einvernehmen mit dem Präsidenten der spanischen Bundesrepublik übernehme Oberst Macia, so erklärt er weiter, provisorisch die Befugnisse deS Regierungspräsidenten von Katalonien, bis das spanische und das katalonische Volk ihren Willen geäußert haben. Jeder, der die öffentliche Ordnung zu stören versuche, werde als Verräter am Vaterland angesehen Die Katalanen müssen sich der Freiheit, die sie erhalten haben, würdig zeigen
Samora gegen einen katatonischen Separatismus.
Madrid, 14. April. (WTB.) Alcala Zamora erklärte: „3ch habe telephonisch mit Oberst Macia und dem Dichter Ventura Casol gesprochen, die sich in Barcelona aufhalten Man tonnte bic 3ubelrufe der Bevölkerung auf den Straßen und die Rufe „Es lebe Katalonien I", „Es lebe die Republik!", „Es lebe Spanien!" durchs Telephon vernehmen. Oberst Macia hat bestätigt, daß die Republik in Barcelona proklamiert worden ist. Allerdings ist zu dementieren, daß es sich um eine separatistische katalonische Republik handelt. Oberst Macia hat weiter gesagt, daß die auf dem Marsche befindliche Bewegung den Wünschen Kataloniens Genugtuung geben muß dadurch, daß sie ein größeres und geeinteres Spanien schafft." Zamora erklärte weiter, baß er Oberst Macia gegenüber betont habe, daß jnan Zeit gewinnen müsse, um jede Störung der Ordnung und jedes Blutvergießen zu vermeiden. Alles müste abgeschlossen sein, bevor die Arbeiter sich etwa veranlaßt sähen, die Fabriken zu verlassen
Außenpolitische Folgen.
Der Umsturz, ein Erfolg der franzöfifchcn Politik.
Berlin. 15. April. (LU.) Don den Berliner ‘Blättern wird darauf hingewiesen, daß dem spanischen König von deutscher Seite aus nicht vergesten werden dürfe, daß er im Weltkrieg strikte Neutralität gehalten habe. Die „Germania" glaubt nicht, daß Spanien mit dieser Wendung der Dinge am E-irde seiner politischen Kämpfe angekommen sei, fonbern daß im Lande trotz der Abdankung des Königs die Kämpfe um die Gestaltung weitergehen würden. DaS Ende des monarchistifchen Regimes bedeute eine Entwicklung, die auch eine starke kulturelle Seite habe. Die „D AZ." schreibt, nach dem Sturz Primo de RiveraS habe eS Spanien an einem entschlossenen eindeutigen politischen Willen gefehlt. Erst durch diese unsichere Politik sei daS monarchische Prinzip in eine Maße unpopulär geworden, tote es unter Primo de Rivera unmöglich gewesen wäre. Die „"Berliner Dörsenzeitung" weist darauf hin, daß die Bedeutung der Ereigniste klar werde, wenn man den Umsturz nicht nur als einen Erfolg dcr republikanischen Bewegung in Spanien, sondern als daS verstehe, was er in erster Linie sei, als einen Erfolg Frankreichs und als eine Folgeerscheinung des französisch-spanischen Gegensatzes. Die „Deutsche Tageszeitung" hebt hervor, daß sich durch den Umsturz außenpolitische Perspektiven eröffneten, die für Deutschland nicht gerade günstig seien, da die republikanische Bewegung in Spanien mit französischem Gelde unterstützt worden fei
9er letzte Vourbone auf Spaniens Thron.
,König werden ist nicht schwer: König sein dagegen sehr" — diese Abwandlung eines populären Zitates könnte als Motto über dem Leben Alfons XIII. stehen. Er »ist König fein 2eben lang gewesen. Kurz nach dem Tode seines Vaters, Alfons XII., geboren, hat Alfons Leon Ferdinand Maria 3okob 3sidor PaSqual Anton schon in der Wiege die stolzen, wenn auch nicht mehr ganz zutreffenden Titel eines Königs von Spanien, Kastilien, ßeon, Aragon, beider Sizilien, von 3erufalem, Ravarra, Granada, Toledo, Valencia, Galicien, Mallorca, Sevilla, Cerdena, Cordoba, Corcega, Murcia, 3aen, Algarbien, Algeciras, Gibraltar, der Kanarischen 3nseln, Oft- und Westindien, 3ndien und dem ozeanischen Festland, Erzherzogs von Oesterreich, Herzogs von Burgund. Brabant und Mailand, Grafen von Habsburg, Flandern, Tirol und Barcelona, Herrn von Vizcaha und Molina usw. getragen. Seit seinem 17. Geburtstag hat er die Regierung auch de facto geführt. Er ist also der älteste Monarch Europas. 3n diesen 45 3ahren ist ihm 3übel entgegengebraust, aufrichtige Verehrung zuteil geworden. Aber auch zahllose Anschläge auf Leib und Leben haben ihn die Kehrseite der Medaille sehen lassen, und mehr noch hat ihm, wenn er sich in der Oefsentlichkeit zeigte, eisiges Schweigen offenbart, daß es mit feiner Popularität, die er früher keineswegs nur bei unbedingten Monarchisten genoß, immer mehr bergab ging.
Alfons XIII. zählt zweifellos nicht zu den Monarchen, die, weltentrückt und fern ihrem Volk, in der Atmosphäre der Schmeichelei nicht einmal ahnen, was die Untertanen von ihnen denken. Die Haltung, die der König in den letzten 3ahren, besonders seit dem Abgang Primo de Riveras in der Leitung der Staalsgeschäfte eingenommen hat, scheint fast den Anschein zu erwecken, als ob der Träger der Krone blind und taub gewesen sei für das, was sich im Volk an Erbitterung, Unzufriedenheit unb Widerstand aufgespeichert hatte und mm zur Entladung drängte. 3n Wirklichkeit hat der König sehr wohl gewußt, wie die Dinge um ihn standen, wie wenig Verlaß auf die Stützen des Thrones war, und wenn man ihm vorgeworfen hat, daß er seine Ratgeber und Minister gegeneinander ausgespielt und je nach Bedarf fallen gelassen habe, so ist dies nicht ganz berechtigt, weil er von sich selbst überzeugt war, auf Grund seiner Erfahrung und der Eigenschaften, die ihm ursprünglich seine große Popularität gesichert hatten, alle Schwierigkeiten schließlich doch meistern zu tonnen. Es war, wie man gesehen hat, eine Selbsttäuschung, wenn auch eine sehr begreifliche, eine Täuschung, der besonders der Skeptiker gern unterliegt Unb Alfons XIII. ist ein solcher Skeptiker, er hat nie daraus ein Hehl gemacht Die stolze Würde, die ihn umkleidete, das Zeremoniell seines Hofes, die ehrwürdige Tradition des Königshauses, die stolze Geschichte seines Laiches, alle die Zeugen unb Denkmäler bet Vergangenheit, die er, ob mit ober gegen ben Willen der Ration, nun doch einmal repräsentierte. haben ihn nicht blinb gemacht für die Zeit, in die er gestellt war, vielleicht hat es nie einen moderneren Monarchen ge
geben als Alfons XIII. Wohl liebte er die Repräsentation, schon weil die Spanier daraus Wert legen, wohl war er König vom Scheitel bis zur Sohle, aber doch auf der anderen ©eite wieder zu sehr Sportsmann, Gesellschaftsmensch, Kavalier und umgänglich im Verkehr mit allen Schichten, um den Kontakt mit der Wirklichkeit zu verlieren.
So wurde er auch Skeptiker. Als solche lassen ihn viele Anekdoten erkennen, die. wäre er nicht ein wirklicher König gewesen, auf Zynismus schließen lassen könnten. Als in seiner Umgebung einmal von den Attentatsgefahren die Rede war, denen der König ausgesetzt sei, und man beriet, wie man ihnen Vorbeugen könne, sagte der König entschiedenen Tones: „Was wollen Sie? Das ist nun einmal das Risiko, das mit meinem Metier verbunden ist." Daß er sich damit nicht in Szene setzen wollte, hat er mehrfach bewiesen, als er wahrhaft königliche Proben eines ungewöhnlichen Mutes an den Tag legte. Ein andermal, als er nach feiner Gewohnheit die Gräber feiner Vorfahren bei den Augustinern Im Schloß Escorial besuchte, äußerte er mit Bezug auf die eine Grabniscye, die dort noch frei ist: .Hier ruhen alle meine Ahnen — mehr Könige scheinen in der spanischen Geschichte nicht vorgesehen".
Alfons XIII. war, wie schon erwähnt, ein ungewöhnlich mutiger Mann. Als er an feinem Hochzeitstag im prunkvollen Zug von der Kirche nach dem Schloß fuhr, wurde eine Bombe noch dem königlichen Wagen geschleudert. Zahlreiche Opfer blieben am Platz. Ein Attentat an einem solchen Tag — wer wäre da nicht außer Fassung geraten! Ringsum bemächtigte sich eine Panik der harrenden Volksmenge, nur Alfons verlor nicht einen Augenblick feine Kaltblütigkeit und sagte zu feiner jungen Frau: „Bewahren Sie die Ruhe, wir müssen aussteigen". Ein andermal steuerte er fein Auto selbst durch das Land und kam auch durch ein Dorf, das, wie bekannt war, fast ausschließlich anarchistische Bewohner hatte. Mitten auf der Straße erlitt fein Wagen eine Panne, und der König mußte mit feinem Chauffeur daran gehen, sie zu beheben. Natürlich wurde er sofort erkannt. Bald hatten sich einige hundert Menschen um ihn versammelt, die ihn nicht gerade mit den freundlichsten Blicken maßen. Der König aber beherrschte die Situation; er nahm eine Zigarette aus seinem Etui, trat auf einen besonders finster dreinblicken- den Anarchisten zu, bot ihm eine Zigarette an und bat um Feuer. Bei dem Attentat, das Sanchez Allegre im April 1913 auf offener Straße auf den König verübte entging dieser dem Tode nur da- durch, daß er seinem Pferde die Sporen in die Weichen drückte und den Attentäter in rasender Karriere über den Haufen ritt. Solcher Beweise feiner Furcht- losigkeit gibt es unzählige.
Wie formte ein solcher Monarch, der nicht nur peinlich tadfer und sportliebend ist, was ifyn g<Taße den Massen nahebringen mußte, sondern nebenbei ein geistreicher und r.ebendtoürMger Mensch, in eine verzweifelte Lage geraten? Hat er nicht auch positive Derksienste? 3mmerhrn hat er starken Verlockungen widerstanden und das Land dem Krieg ferngehalten. Abgesehen von dem Marokko seid zug erfreute sich


