des bloßen Verdachts einer strafbaren Hand» lung in das Zeugnis, denn der Verdacht selbst ist keine derartige Tatsache. Selbst wenn es zu einem Ermittlungsverfahren gegen den Arbeitnehmer gekommen ist, so bleibt der Verdacht, solange er nicht zur Gewißheit geworden ist, eine wenn auch auf tatsächliche Vorgänge begründete unsichere Vermutung. Solange der Verdacht eben nicht erwiesen worden ist, bleibt die Möglichkeit offen, daß der Verdächtigte unter Umständen doch nicht die Tat begangen hat.
Nach der Rechtsprechung der Arbeitsgerichte ist bei der Frage, ob derartige Verdachtsmomente in das Zeugnis ausgenommen werden dürfen, auch zu erwägen, daß die Mitteilung des Verdachts im Zeugnis von jedem Dritten dahin verstanden werden muß, daß der Arbeitgeber dahin seine Meinung zum Ausdruck bringt, daß er den Arbeitnehmer der ihm zur
Lost gelegten strafbaren Handlung fähig hält. Der Arbeitaeber gibt damit ein Urteil ab, das er bei einer so unsicheren Grundlage, wie sie der bloße Verdacht bietet, nicht abgeben darf, wenn er mit Rücksicht auf Treu und Glauben seinen Verpflich- tungen aus dem Arbeitsverhältnis gerecht werden will. Es ist heutzutage jedem Arbeitgeber bekannt, wie ein derartiger Vermerk im Zeugnis im wirt- schriftlichen Leben verstanden wird. Er muß sich darüber klar sein, daß er einem Arbeitnehmer bei dem heutigen Ueberangebot an Arbeitskräften die Erlangung einer neuen Stellung erheblich erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Den Arbeitnehmer damit in seinem Fortkommen so schweren Gefahren auszusetzen, wenn nur ein Verdacht gegen ihn vor- liegt, ist der Arbeitgeber nicht berechtigt, dieses Ver- halten verstößt gegen Treu und Glauben. K. L.
Verwirrung der Geister.
Oer Weg aus der Geldkrisis.
Don Professor Gustav Cassel, Stockholm.
Zn diesen Tagen ist leicht festzustellen, wie das internationale Goldwährungssystem von zweierlei Erscheinungen krankhafter Art, nämlich der Defla- t i o n s m a n i e und dem Liquidations- fehler, allmählich zersetzt wird.
Die erste Krankheitsform zeigte ihre Symptome, als das amerikanische Zentralbanksystem in den Iah- ren 1928 und 1929 den Kampf mit der Neuyorker Fondssvekulation oufnahm. Man nahm sich vor, um jeden Preis diese Spekulation zu unterdrücken und suchte das Ziel durch Restriktion der Kre. ditgebung zu erreichen. Damit tot man die ersten Schritte auf dem Deflationsweg. der zu dem Abgrund führte, vor dem wir jetzt stehen. Man übersah vollständig, daß die Deflation die gesamte Volkswirtschaft in Mitleidenschaft zieht und auch in sich gesunde Unternehmungen zum Ruin treibt. Man versteht nicht, daß der sog. Reinigungsprozeß kein Ende hat, do eine ins Un- endliche fortgesetzte Deflation die ganze Weltwirt- schäft vollständig zerstören muß. Man betrachtet eine Herabpressung der Preise als an und für r;d) gesund, und man will geltend machen, daß die Welt an einer mangelnden Anpassung leidet, da einige Preise noch nicht Zeit gehabt hätten, sich den niedrigsten anzupassen. Man will diesem Mangel dadurch abhelfen, daß man die höheren Preise auf das gleiche Niveau mit den niedrigeren herabdrückt, man ist sich aber nicht darüber klar, daß durch diesen Druck auch die niedrigeren Preise weiter g e • senkt werden müssen, so daß man niemals die gewünschte Anpassung erreicht.
Die zweite Krankheitsform, die sich auf dem Gebiete des Geldwesens zeigt, ist das Liquiditätsfieber. Der Patient, der von dieser Krankheit ergriffen wird, ist sehr zu beklagen. Er sucht zuerst fein ganzes Vermögen in kurzfristige Forderungen umzuwandeln. Dann verläßt er sich auch nicht mehr auf diese, sondern will, um recht liquid zu sein, sein Geld in seiner Bank flüssig haben. In den späteren Stadien der Krankheit traut er bann nicht länger seiner Bank, sondern verlangtsein GeldinFormvonNoten, die er in seinem Kassenschrank aufbewahrt. Das letzte Stadium besteht darin, daß er nicht einmal den Noten traut, sondern diese in Gold umzu- wandeln wünscht. Wenn die Zentralbank feine Goldmünzen auszahlt, muß er sich Goldbarren ver- schaffen. Gerade in Frankrejch hat man es dieser Tage erlebt, daß unternehmende Leute eine Anzahl Patienten dieses Stadiums jeweils zu einem Konsortium zusammengeschlossen haben, das seinerseits einen Goldbarren erwarb. Dieser Barren wurde alsdann gestückelt, und die einzelnen Stücke wurden von den glücklichen Teilhabern des Konsortiums nach Hause getragen, wo sie natürlich dem traditionellen Strumpf anvertraut wurden.
Dieses wunderliche Fieber ergreift nicht nur einzelne Personen, sondern auch ganze Länder. Frank- reichunddieDereinigtenStaaten haben seit geraumer Zeit systematisch ihre kurzfristi- genAuslandkredite ge k ü n d i g t und außer-
dem ihren Bestand an ausländischen Wertpapieren zu Schleuderpreisen veräußert. Dadurch haben sie natürlich die Schuldnerländer einem außerordentlich harten Druck ausgesetzt. Später sind auch andere Länder mit unzweifelhaft guter Wirtschaft einem ähnlichen Druck ausgesetzt worden, so daß sie nicht mehr in der Lage waren, ihre Berpflichtungen in Gold einzulösen. Das Liquiditätsfieber ist jetzt in einem solchen Maße gestiegen, daß. während der Welthandel lahmliegt, und die Seefrachten zusom- menschrumpfen, die schnellsten Ozeandampfer und ganze Flotten von Flugzeugen darin wetteifern, Gold so rasch als möglich in die golddurstigen Länder zu schaffen. Letzten Endes sind ja die Liquidations- bestrebungen gleichbedeutend mit einer Nachfrage nach Gold. Bedenkt man aber, daß der gesamte Goldvorrat der Welt nur einen ganz gerin« gen Teil des Weltvermögens ausmacht, so versteht man unmittelbar, wie unsinnig der Ge- danke ist, das gesamte Weltvermögen liquid zu machen.
Diejenigen, die sich durch eine Liquidierung ihrer Guthaben zu sichern glaubten, müssen in diesen Tagen die harte Erfahrung machen, daß sie mit dieser Methode nur ihre eigene Wirtschaft untergraben haben. In den Bereinigten Staaten brechen Hunderte von Banken zusammen, und auch in Frankreich beginnt das Vertrauen in die Banken zu schwinden. Gleich- zeitig geht die Warenausfuhr auf die Hälfte herab, und die Arbeitslosigkeit droht sich in unübersehbarer Weise auszudehnen.
Die Krankheitsentwicklung, die hier geschildert worden ist, hat s e h r e r n st e F o l g e n. In erster Linie für die Währungen der einzelnen Länder. Man stellt sich gern vor, daß der Zusammenbruch der Goldwährung eine zufällige Erscheinung sei, und daß es bald möglich seit wird, mit Hilfe einiger Kredite ober Golbsenbungen die Goldwährung wiederherzustellen. In Wirklichkeit ist dies Unterfangen aussichts - los. Es ist unmöglich, ein internationales Goldwährungssystem wieder aufzubauen, solange man riskiert, daß einige Gläubigerländer ihre Stellung dazu benutzen. Massen Goldes an sich zu ziehen, ohne diesem Gold irgendeine praktische Verwendung zu geben. Es müssen Garantien gegeben werden gegen eine Wiederholung der ein- seitigen Goldanhäufung, und vor allem muß Sicherheit dafür geschaffen werden, daß ein zufälliger Goldüberfluß in einem Land zu einer entsprechenden Ausdehnung der Zahlungsmittelversorgung und damit zu einer Steigerung des Preisniveaus verwendet wird. Das sinnlose Interesse der Gesetzgebung an der Aufrechterhaltung von Minimalreserven an Gold muß gestoppt werden und sollte am liebsten durch Bestimmungen hinsichtlich der Höhe der Maximal reserven ersetzt werden. Ein internationales Üebereinommen dahingehend, daß in keinem Lande die Golddeckung 50 vH. überschreiten darf, würde vielleicht den Weg für eine neue internationale Goldwährung ebnen. Leider scheinen wir aber einen langen Weg zu gehen zu
haben, ehe die zu diesem Zweck erforderliche radikale Umgestaltung der herrschenden Vorstellungen durchgeführt werden kann. Was unmittelbar helfen würde, wäre natürlich eine vollständige Umkehrung in der Valutapolitik ber Vereinigten Staaten, ein klares Abstanbnehmen von der Deflation und die Einleitung einer Inflation, die sich bewußt eine Erhöhung des Warenpreisniveaus auf ein neues bestimmtes Stabilisierungsniveau als Ziel setzt.
Die zweite verhängnisvolle Folge der krankhaften Entwicklung auf dem Gebiete des Geldwesens ist, daß internationale Kapitalbewegungen so gut wie unmöglich gemacht werden. Diejenigen, die Geld brauchen, müssen sich von nun an sagen, daß es viel zu gefährlich ist, Schulden in einer Valuta zu machen, deren Wert nach ein paar Jahren willkürlich um 50 o. H. gesteigert werden fann. Die Gefahr des kurzfristigen Schuldenmachens ist durch die letzten Erfahrungen als Folge des Liquiditätsfiebers stark unterstrichen worden. Wenn in dieser Hinsicht Garantien nicht gegeben werden rönnen für eine gerechtere und normalere Behandlung der Schuldner, stehen wir offenbar vor einer zunehmenden wirtschaftlichen Isolierung der verschiedenen Länder. Diese Isolierung tann nicht auf dem fiapitalmartt be- fdjräntt werden, sondern muß automatisch von einer entsprechenden handelspolitischen Isolierung gefolgt werden. Der einzige Lichtpunkt, den man in dieser Lage sehen kann, ist die Möglichkeit eines Z u ■ sammenschlusses zwischen Ländern mit freien Papiervaluten zur Errichtung einer gewissen Stabilität und Gemeinschaft in ihrem Geldsystem. Damit würde sich die Möglichkeit einer internen Krebitgebung unb wohl auch zu einem
relativen Freihandel zwilchen diesen Landern ergeben. Wie unbehaglich eine solche Entwicklung für diejenigen Länder werden würbe, bie burch ein. jeitige Goldanhäufung und durch einen ebenso ein- seitigen Protektionismus ihre isolierten nationalen Interessen haben fördern wollen, kann man sich leicht oorstellen.
In diesen Tagen wird viel von einer gleich, mäßigeren 'Verteilung der monetären Golboorräte ber Welt gesprochen, wobei man baran denkt, daß die Vereinigten Staaten unb Frankreich einen Teil ihres überflüssigen Goldes opfern sollen, um, vielleicht durch Vermittlung der Internationalen Bank in Basel, den goldarmen Ländern zu helfen. Dieses Bestreben kommt zu spät. Auf diesem Wege kann man jetzt nichts gewinnen; im Gegenteil liegt eine große Gefahr darin, daß ver- stärkte Goldausfuhr eine Beschränkung der Zahlung», mitteloersorgung in den Vereinigten Staaten unb damit eine weitere Herabpressung des dortigen Preisniveaus zur Folge haben könnte. Jede Fortsetzung auf dem Weg der Deflation muß aber den vollständigen Zusammenbruch deschleu. nigen. Die große Stützungsaktion für die notleiden, den Banken, die jetzt durch Hoover in den Vereinigten Staaten ins Leben gerufen wird, verspricht nur bann hilfreich zu werben, wenn bie nötigen Mittel direkt von ben Zentralbanken geschaffen werden. Es muß klar werden, daß aus ber jetzigen Lage kein anderer Ausweg möglich ist, als daß bie Goldlander sich ent- schließen, ihre Goldvorräte zu einer Steigerung des Warenpreisniveaus auszunutzen. Es ist gefährlich, dieser Notwendigkeit aus- zuweichen durch Maßnahmen von sekundärer Bedeutung, die bas Elend nur verlängern unb erschweren können.
Wirtschaft.
Oie Sparkasseneinlagen im August.
Der Sudgang des Einlagenbestandes der deutschen Sparrassen hat sich im August fortgesetzt. Die Einlagen verminderten sich in diesem Monat um 332,6 Millionen Mark auf 11 751,5 Mill. Mk.; von dem Südgang entfielen 300,8 Mill. Mk. auf Spareinlagen unb 31,8 Mill. Mk. auf Depositen-, Giro- und Kontokorrenteinlagen. Seit Beginn der Kreditkrise im Juni haben die Einlagen der Sparkassen somit um 874,4 Mill. Mk. abgenommen, davon die Spareinlagen um 720 Mill. Mk. und | die Depositen-, Giro- und Kontokorrenteinlagen um 154,4 Mill. Mk. Unter Einbeziehung der Ein- •
lagen bei den Kommunalbanken und sächsischen Girokassen betrug der Einlagenverlust der deutschen Eparkassenorganisationen (ohne Girozentralen) im August 351,4 Mill Mk.. seit Ende Mai 944,5 Mill. Mk. oder 7,2 v. H. des Ende Mai 1931 vorhandenen EinlagenbestandeS.
* Stillegung einer Grube im Sie» gerland. Die zum Hoesch-Konzern gehörende Grube „Eifenzecher Zug" hn Kreise Siegen hat wegen völliger Stockung des AbfahgefchästeS al- vorsorgliche Maßnahme Stillegungsantrag für Anfang November gestellt. Don der Stillegung werden etwa 700 Bergleute betroffen.
Die Arbeitsmarktlage in Oberheffen.
Nach dem September-Bericht des Arbeitsamts Gießen ist über bie Beschäftigung in ben einzelnen Berufsgruppen in Oberhessen folgenbes zu berichten:
Bergbau.
Die Arbeitsmarktlage im oberhessischen Bergbau hat in ber Berichtszeit keinewesentlicheBer- schlechterung erfahren. Eine Grube hat still- Selegt unb einige Bergarbeiter zur Entlassung ge- rächt. Für bie kommende Berichtszeit finb weitere Entlassungen angetünbigt. 334 Bergarbeiter waren arbeitslos.
Land- unb Forstwirtschaft.
Die Arbeitsuchendenzahl in der Land- und Forstwirtschaft hat keine wesentliche Aenderung erfahren. Unverändert hoch ist das Angebot verheirateter Kräfte und hier speziell von Melkern und Gespannführern. Durch die in der Berichtzeit herrschende günstige Witterung war eine rasche Einbringung der Grummeternte möglich. Allenthalben ist die Kartoffel, ernte im vollen Gang, zu deren Bewältigung in einzelnen Nebenstellbezirken rege Nachfrage nach Aushilfskräften herrschte. Jedoch ist im ganzen betrachtet die Nachfrage nach Arbeitskräften in diesem Herbst hinter der der gleichen Zeit des Vorjahres zurückgeblieben. Zur Einstellung Arbeitsloser für den kommenden Holzeinschlag haben unsere Nebenstellen mit den zuständigen Behörden
bereits Fühlung genommen. Bei ben Dreschmaschinenarbeitern konnten Arbeitsuchende aus verschiedenen Berufsgruppen untergebracht werden. Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Dienstmädchen war in der Berichtszeit verhältnismäßig gering. Der Bedarf konnte ohne Schwierigkeiten gedeckt werden. Am Ende ber Berichtszeit waren 249 Personen verfügbar.
Industrie ber Steine unb (Erben.
Die Lage in ber Industrie ber Steine und Erden hat im Berichtsmonat keine Aenderung erfahren. Durch das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichs- bahn konnten verschiedene Betriebe auf Grund von Auftragseingängen weiterarbeiten, ein 'Betrieb sogar, der seit einem Jahr ftillgelegen hat, nahm die Arbeit wieder auf und rief Steinarbeiter zurück. Die Ziegeleien in unserem Bezirk klagen über Auftragsmangel. Ein Betrieb, der in früheren Jahren bis zum strengen Winter gearbeitet hat, entließ wegen Auftragsmangels seine Ziegeleiarbeiter. Am Schlüsse der Berichtszeit zählten wir 1059 Arbeit- suchende.
Metallindustrie.
Die Beschäftigungsmöglichkeiten für Metallarbeiter haben sich weiteroerschlechter t. Zum größten Teil arbeitet die oberhessische Metallindustrie verkürzt. Einer Firma war es möglich, Aufträge für Weichenbau einzubringen unb konnte dadurch einigen
Die Wahrheit von Atlantis.
Von Or. Erwin Meyer,paysan.
Mit ber Atlantis-Frage befaßt sich ein Aufsatz von Annie France - Harrar in Ar. 232 des „Gießener Anzeigers" in welchem bie Verfasserin zum Schlüsse nur noch vom mittellänbischen Land- rüden spricht unb bann erklärt, bas „Märchen von Atlantis" habe die Köpfe Europas immer wieber verwirrt.
Es scheint nicht, baß bie Verfasserin von ben neueren bahnbrechenden Forschungen Hermann Wirths in Marburg etwas gehört hat: aber auch bie älteren grunblegcnben Arbeiten von Scott - Elliot aus dem Jahre 1903 müssen ihr unbekannt fein, in welchen bieser nicht nur Ansichten zusammenstellt sondern Tatsachen verschiedenster Art, die nur durch das ehemalige Vorhandensein von Festland im Atlantischen Ozean erklärbar sind. Diese Tatsachen beziehen sich aus Ergebnisse der Tiefsee-Forschung der Tier- und Pslanzenkunde, ferner auf Beziehungen von Kultus unb Bauwefen, sowie von Sprachen und Sassen beiderseits des genannten Ozeans: sie sind nach dem Kriege noch vermehrt worden durch bie AInterfudjungen ber beiben Naturforscher Germain unb Berger.
Menn man die Lehre von der Verschiebung der Kontinente erwähnt., die übrigens von dem bekannten und erst kürzlich im Grönland-Eise umgekommenen Alfred Wegener stammt, bann muh man auch wissen, was jeberzeit kartenmäßig bargestellt werben kann, baß die Küstenlinien von Europa und Afrika einerseits, sowie von Nord- unb Südamerika andererseits in Wirklichkeit nicht überall lückenlos aneinander passen, sondern in ber Gegenb der Azoren und weiter südlich noch tatsächlich eine Lüde zeigen, welche etwa die Ausdehnung Grönlands besitzt.
Die Größe dieser Lücke kann demnach sehr wohl ben Angaben Platons entsprechen, welcher die Atlantis mit der Fläche des damals bekannten Teiles von Asien unb Lybien vergleicht: er nennt sie eine Insel unb nicht etwa einen Kontinent unb beschreibt sie mehrfach in eingehender Weise. Außer ihm berichten auch anbere Schriftsteller deS Altertums von einer solchen Insel, wie z. B. Selian, Timagenes. Theopompos. Proklus, Strabo unb auch verschiedene Jndianervölker.
Als weitere Hauptsache ist festzustellen, baß im Atlantischen Deden sich bie sogenannte Mittel- atlantische Bobenschwelle in S-’ornngcr Gestalt von Grönland» bis fast zum Süd-Poiarland bmy.ebt Io daß der Meeresboden also nicht etwa sich gleich
förmig ausdehnt. Diese Bobenschwelle, welche im Gesamtverlauf mit ben Küstenlinien ber beiber- feitigen Erbteile übereinstimmt und demnach etwa die ursprüngliche Nißlinie barstellt, verbreitet sich nun bemerkenswerter Weise gcrabc in ber Gegenb ber Azoren unb Kanaren ungefähr um das Doppelte: ferner ist noch zu betonen baß ber Meeres- boben östlich bieser Schwelle vulkanischer Naturist..
In ber Kreidezeit bestand in Höhe der Kapverdischen Inseln eine Landbrücke: bis in bie Quartärzeit, als ber Mensch schon lange aufgetreten war. haben hier Seebeben ftattgefunben. Der bekannte Untergang bes größten Teiles bet Insel Krakatau „in der einen Nacht" vom 26. zum 27. August 1883 beweist, daß Platons Schilderung auch in diesem Punkte zutreffend fein kann.
Daß diese untergcgangenc Inselwelt verschwunden sei, ohne daß von ihrer Kultur etwas bekannt geworben unb erhalten geblieben wäre, ist ebenfalls widerfpruchsvvll. insofern, als in verfchie- benen ©egenben Kulturreste gefunben finb welche als Hinterlassenschaft ber atlantischen Dölker in ihren vor bem Untergänge bes Mutterlandes benebelten Kolonien angesehen werden müssen. Solche Zweigkulturen finb z.B. von Frobenius nachgewiesen in West-Afrika am Nigerbogen, von Schulten in Südspanien am Guadalquivir unb von Borchers in Norb-Afrika an der Kleinen Syrte. Aber auch die am Westrande des Atlantischen Ozeans früher bestandenen Kulturkreise der Azteken, ber Mayas unb ber Peruaner gehören in vielfacher Hinsicht hierher.
Wenn endlich in ben Überlieferungen von einer Inselwelt westlich der Säulen des Herakles oder der Straße von Gibraltar gesprochen wird, so ist es sicher abwegig, die Atlantis im Mittelmeer au suchen, etwa in Form einer Landbrücke, toeld)e nur von „ganz, ganz srühen Urmenschen" vielleicht gesehen worden sein könnte.
Huberta, das Flußpferd.
In dem Kaffernmuseum von King Williams- To wn in Südafrika drängt sich eine trauernde Menge: ihr Besuch gilt ben sterblichen, dem Der- gehen entrissenen Ueberreften eines Flußpferdes, das durch mehr als zwei Jahre im Brennpunkt deS Interesses des ganzen Landes ftanb, ehe eS heimging in die Gefilde ber Seligen. „Huberta. das Hippo," war einst ber Liebling ber weihen, bie angebetete Wiederverkörperung eine« großen Häuptlings der farbigen Bevölkerung. An dem Tage, da dieses berühmte Tier dahinging. wehten Trauerflaggen über ber Stabt Durban, unb ihre Mörder, vier Landleute, bühten ihre frevelhafte
Tat mit einer Strafe von 500 Mk. ober drei Monaten Zwangsarbeit. Wie hat Huberta es vermocht, alle Herzen in Südafrika sich zu unterwerfen? Um das Aufsehen, das ihr Erscheinen erregte, zu verstehen, muh man wissen, bah das Großwild heute in Südafrika, abgesehen von ben Schutzgebieten, fast ganz außgeftorben ist. So war es eine wahre Sensation, als im November 1928 ein voll ausgewachsenes Fluhpferb gemütlich in bas Dorf New Guelberlanb, 80 Kilometer von Durban, seinen Einzug hielt Die Arbeiter aus ben Zuderfelbern eilten schreienb herbei. Da« Hippo sah sich gleichmütig bie Aufgeregten an, bis ihm ber Lärm zu groß würbe unb es sich inS Didicht zurüdzog. Zweifellos war dieser seltsame Besucher vom Cafe St. Lucia im Zululand gekommen, ber letzten bekannten Heimat ber Fluh- pferbe in Sübafrika. Zuerst wurde der seltene Gast von herbeigeeilten Journalisten auf ben Namen Billy getauft; aber wahrhaft volkstümlich wurde er unter dem Namen Hubert, das Hippo, ber nach feinem Tode, als man fein wahres Geschlecht erkannt hatte, in Huberta um« gewandelt wurde.
Don dem Tage ihres Erscheinens bis zu ihrem Tode vollzog sich ihr Leben unter ber Anteilnahme ber ganzen Nation. Pressephotographen strömten nach Guelberlanb, aber Huberta war nicht gewillt, ihnen ,.zu sitzen". Belästigt burch die allzu große Popularität, begann sie ein unstetes Wanderleben Zunächst wandte sie sich nach Durban, einer ber größten Etäbte Süd- afrikaS. Aber da kam sie aus dem Segen in bie Traufe. „Hubert unterwegs!" verkündeten mit Siefenbuchstaben die Zeitungen der Stabt, unb die Menge, bie hier ihren Einzug erwartete, wuchs stündlich. Natürlich wäre es ein Leichte- gewesen, durch eine organisierte Jagd ihren Wanderfahrten ein Ende zu bereiten; aber sie war bereits zu einer öffentlichen Persönlichkeit geworden, bie ben Nationalschuh genoh. Huberta hatte bie Liebe ber Bevölkerung gewonnen, zumal sie sich als völlig harmlos erwieS- Nur bisweilen toanbte sie sich gegen allzu neugierige Dewunberer — und das war ihr gutes Necht. Ihren größten Streich spielte sie. als sie in einer Nacht in einem Hotel vor ben Toren von Durban erschien und die Gäste in panischen Schrecken versetzte. Nun hatte aoer Huberta offenbar genug gesehen von der menschlichen Zivilisation; sie machte sich auf unb davon unb war erst zufrieden, als sie bie Mündung deS Umzimwubu-Flusses erreichte, wo sie eine Zeitlang still unb vergnügt lebte, bis ihre unselige Neugier wieber erwachte und sie dem Dorfe Port St. John einen
nächtlichen Besuch abstattete; dort versetzte sie einen ehrsamen Bürger in nicht geringen Schrecken, als feine elektrische Taschenlampe plötzlich bat Flußpferd mitten auf dem Dorfplah beleuchtete. Schließlich sandte ber Zoo von Bloemfontein eine Expedition auS, um daS Tier zu fangen; aber cs hatte genug Derkehr mit ben Menschen gehabt, um ihre Listen zu kennen unb ihnen zu entgehen. Dis eineS Tages ein Landmann bie Trauerkunde nach King Williams-To* n brachte, daß er ein totes Hippo, im Flusse habe schwimmen sehen. Man eilte an bie Stelle unb mit Hilfe von 18 Ochsen unb starken Ketten würbe bie Leiche aus bem Fluß gezogen. S« war Huberta: ihre Stirn war von Gewehrkugeln durch- bohrt. Sie hatte bie stattliche Länge von saft 3 Meter unb einen Taillenumfang von 2,5 Meter erreicht: ihr Gewicht betrug fast vier Tonnen. Es gab nicht eine Zeitung in Sübafrika, bie ber teuern Toten nicht einen ergriffenen Nachruf gewibmet hätte. Die allgemeine Dolksstimme for- bertc strengste Bestrafung der Mörder, bie fich unter ber Last ihrer Schuld selbst gestellt hatten. Die Museen stritten um bie Ehre. Huberta in ihren Mauern aufnehmen zu bürfen. Ihr An- benfen aber wird fortleben im Dolke ... S. P.
Vater Verdier.
„Vater Verdi er", ber eins ber berühmtesten Restaurants von Paris, bas 'Maifon Dortc" leitete, ist jetzt gestorben. In ber Pariser Presse werden einige Geschichten aufgefrischt, die er zu erzählen pflegte. Unter den vielen Herrschern unb Fürstlichkeiten, bie seine Gäste waren, befand sich auch häufig j der damalige Prinz von Wales, ber späteres Eduarb VIL Als man ihm eines Tages bie Rech-^ nung überreichte, war ber Prinz von bem Riefen- preis überrascht, ben man von ihm für einen Pfirsich verlangte. Er ließ fich den Eigentümer kommen. „Pfirsiche müssen dieses Jahr wohl sehr selten fein, Herr Verdier?“, fragte er. „Nein, Sire ", erwiderte ber Restaurateur. „Aber Prinzen." Derbier hielt immer auf Würbe. Das zeigte er einmal, als ber schwerreiche Max Lebauby mit einer fröhlichen Gesellschaft bei ihm tafelte und bei ber Bestellung des reichen Diners verlangte, daß sie von Verdier selbst bedient würben. Der Wunsch wurde erfüllt, aber am Ende ber Rechnung erschien ber Posten: „Bedienung burch M. Verdier 1000 Franken." Lebaudy zahlte, ohne mit der Wimper zu zucken, und ber Restaurateur überwies bie Summe ben Annen. Heute steht an der Stelle des „Maison Dörte“ ein Postgebäude.


