Das bißchen Erde.
Vornan von Richard Skowronnel.
Copyright by I. Engelhorns Rochf., Stuttgart.
31. Fortsetzung Nachdruck verboten
So ungefähr lautete der wahrheitsgemäße Bericht, den der neue Bibliothekar zur Widerlegung übertriebener Gerüchte dein „Moltzahner Anzeiger" übersandte. Er schloß damit, daß der Brand leider einen Schaden angerichtet hätte, der durch keine noch so hohe Versicherungssumme gedeckt werden könnte. Einige aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert stammende Urkunden sowie die alte Familienchronik des Hauses Römnitz, die der Erblandmarschall zu Studienzwecken dem Archiv entnommen hätte, wären dem gierigen Element zum Opfer gefallen.' Ein unersetzlicher und namentlich vom Standpunkte des vergleichenden Sprachforschers schwer zu bedauernder Berlust, denn die Chronik nämlich wäre zum großen Teil in mittelalterlichem Platt geschrieben, dem niedersächsischen Idiom, das damals die Umgangssprache selbst der vornehmsten Kreise bildete ... Unö es folgte eine kurze, aber von gründlichem Studium zeugende Abhandlung, daß diese Sprache im Laufe der Jahrhunderte verhältnismäßig geringfügige Wandlungen durchgemacht hätte. Die einschneidendste eigentlich nur dadurch, daß sie von stolzer Höhe zum Ausdrucksmittel der niedersten Bolksschichten herabgesunken wäre ...
4.
Herr Christian Sötebeer, der Wirt des „Stre- litzer Hofes" in Molhahn, stand vor der Glasveranda seines stattlichen Hauses am Marktplatze und lieh sich behaglich die liebe Frühlingssonne auf die weiße Weste scheinen, die ihm ein rundliches Bäuchlein prall umspannte. Die Geschäfte gingen gut, und so recht zufrieden stand er da mit seinem feisten Vollmondsgesichte, in dessen Mitte eine stumpfe Aase leuchtete gleich einem umgestülptcn kleinen Kupferkessel. Seine Stammgäste behaupteten, wenn er im Dunkeln ginge, brauchte er keine Laterne, anderseits aber war ihnen diese rötlich strahlende Aase ein vertrauenerweckendes Zeichen, daß Herr Sötebeer in seinem geräumigen Weinkeller nicht bloß theoretisch Bescheid wußte! Wenn er in seiner freundlich-behäbigen Art versicherte: „Dieses Weinchen ist gut, das kann» der Bater mit dem Sohne trinken", durfte man sich darauf verlassen. Schlechte Weine führte er überhaupt nicht, das überließ er der Konkurrenz, ebenso die minderwertigen Gäste. 3m Strelitzer Hofe verkehrte ausschließlich
ein vornehmes Publikum, die Spitzen der Behörden, der hohe und höchste Adel der Umgebung. And Herr Sötebeer verstand seine Gäste vortrefflich zu behandeln, so daß sie sich bei ihm wohlfühlten. Zwei Eigenschaften zeichneten ihn besonders aus vor allen andern Wirten. Daß er's nämlich verstand, zur rechten Zeit hinzusehen und zur rechten Zeit fortzusehen, je nachdem. Wenn an dem großen runden Tische eine Flasche leer war, erspähte er es sofort, gab dem Kellner einen Wink, und es stand eine volle da, der Schaden war behoben. Wenn aber die Herren zu später Stunde zusammenrückten, der Würfelbecher über einem zweigeteilten Papierbogen raffelte oder die Karten sich auf dem Tische breiteten, sah Herr Sötebeer nicht hin. Es interessierte ihn nicht, was da getrieben wurde, denn er hatte leider gar keinen „Kartenverstand", wußte einen König nicht von einer Dame zu unterscheiden. 3n andern Hotels trat der Wirt in solchen Fällen an den Tisch, sagte: „Meine Herren, ich muß Sie darauf aufmerksam machen, Hasardspiele sind polizeilich verboten" und ließ sich erst durch das Versprechen einer großen Zeche zur Duldung bewegen. Herr Sötebeer war durch seine mangelnde Kenntnis vor solchen Mißgriffen geschützt. And die große Zeche kam ganz von selbst, wenn erst die Köpfe heißer wurden. Dann floß der teure französische Champagner in Strömen, wie Wasser schütteten die jungen Herren ihn hinab, und kein Mensch schmeckte es mehr heraus, daß Herr Sötebeer aus patriotischen Gründen längst schon einen deutschen Schaumwein unter welscher Flagge segeln lieh. Er hatte ein Herz sür die heimische 3n- dustrie. Seine Gäste befanden sich wohl dabei, konnten ungestört sich an ihrem Spiel vergnügen, denn sie waren ganz unter sich. Zweifelhafte Elemente duldete Herr Sötebeer in seinem Hause nicht, nicht einmal in der Bierstube, in der ausschließlich wohlsituierte Bürger verkehrten, verständige und gesetzte Leute, die sich bewußt waren, daß den jungen Herren von Adel von alters her das Vorrecht zustand, ihr Geld zum Fenster hinauszuwerfen im Kartenspiel, in Sekt oder auf irgendeine andere Art und Weise. Da hatte sich kein Mensch darum zu kümmern, am allerwenigsten die Polizei. And sie neideten dem Wirte des Strelitzer Hofes nicht den fetten Verdienst. Wenn ein Herr von Adel in ihren Laden kam, schlugen sie ja auch einige grobe Prozente auf den Preis der Ware. Wie eine Re- spektsverlehung wäre es ihnen vorgekommen, sie ebenso billig zu verkaufen wie bei einem rein bürgerlichen Handel ...
Aeber den gepflasterten Marktplatz kam mit klappernden Hufen ein einzelner Reiter getrabt. Herr Sötebeer kniff die Aeuglein ein, die unter
den fettgepolsterten Wangen ohnedies schon fast verschwanden, und erkannte ihn wohl. Gestern, auf dem zwanglosen Abend der „Karneradschaft- lichen Vereinigung von Reserveoffizieren aus Moltzahn und Umgebung", war viel von ihm die Rede gewesen. And es hatte nur eine Stimme gegeben, er mühte natürlich geschnitten werden „bis auf die Knochen". Lange Zeit war er verschollen gewesen, und man hatte schon angefangen, mit einer gewissen bedauernden Achtung von ihm zu sprechen. Daß er wohl eingesehen hätte, für Leute seines Schlages wäre in der Heimat kein Platz, und daraus die einzig mögliche und anständige Schlußfolgerung gezogen. Seine plötzliche Heimkehr aber zeigte deutlich, daß er doch jenes letzten, den wahren Edelmann auszeichnenden Ehrgefühls entbehrte, und demgemäß hätte man ihn natürlich bei zufälligen Begegnungen zu behandeln. Diese Ausführungen des Tüschower Herrn von Lewenih hatten allgemeine Zustimmung gefunden, und Herr Sötebeer hatte aufmerksam zngehört. 3n seinem Strelitzer Hof sollten die Herren der Kameradschaftlichen Vereinigung nicht in die Verlegenheit kommen, solchen peinlichen Begegnungen ausgesetzt zu sein! Er wußte schon, was er dem Renommee seines Hauses schuldig war, und solche Affären erledigte er ganz still und schmerzlos ...
Der junge Graf Römnitz verhielt seinen schweiß- bedeckten Gaul vor der Glasveranda.
„Aa", sagte er gemütlich auf platt, „Vadder Sötebeer, wat malen Sei für ’n kamisch Gesicht? As 'n Kater, de dünnem hört? Wunnern Sei sick, bat eck wedder to Hus bin?"
Der Wirt des Strelitzer Hofes verneigte sich, soweit es sein dickes Bäuchlein zuließ.
„Aein, Herr Graf. 3ch habe schon gestern abend gehört, daß Herr Graf aus Afrika wieder glücklich zurück sind. Ganz gehorsamst willkommen!... Es war viel die Rede von Ihnen gestern abend. Wir hatten nämlich den allwöchentlichen zwanglosen Abend der Kameradschaftlichen Vereinigung, und Herr von Karnitz auf Götschendorf war zufällig an Der Bahn gewesen, wie Sie ankamen."
„So, so", sagte Malte und ordnete irgend etwas am Zaumzeug, „war wieder mal die ganze Klerisei beisammen? Aa, dann rufen Sie irgendeinen dienstbaren Geist! Der Kerl soll aber ’nen Strohwisch nehmen und mir den Gaul ordentlich abreiben, ehe er ihn in die Box führt. Es ist warm, und ich bin ein bißchen scharf zugeritten" ... Er hob schon das Bein, um sich aus dem Sattel zu schwingen, Herr Sötebeer aber sah mit strahlender Freundlichkeit in die Höhe, zerfloß fast vor Antertänigkeit und Ergebung.
„Ach, einen Augenblick, Herr Graf! 3ch mochte nämlich Hochdieselben bitten, sich geneigtest nicht
zu berangteren. 3n meiner Ausspannung ist leides alles beseht ... einige von den Herren sind der Bequemlichkeit halber gleich über Aacht geblieben, sitzen da drinnen beim Frühschoppen ... neuer Besuch ist dazugekommen ..."
„Aa, aber irgendein Bonze wird doch da sein, der mir den Gaul auf dem Hof herumführt, bis ich was gefuttert hab' und beim Rechtsanwalt gewesen bin?" ...
Herr Sötebeer wurde noch freundlicher. Eine Verneigung folgte der andern, so daß ihm das Blut beängstigend zu Kopfe stieg.
„Auch das nicht, Herr Graf! Leider nicht! Zu meinem allergrößten Bedauern nicht! Es ist ein ganz fatales Zusammentreffen ... ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber alle meine Leute sind beschäftigt, und so was kann doch wohl mal Vorkommen, nich?" ...
Malte grub die weißen Zähne in die Unter- lippe, er hatte verstanden. And er ärgerte sich, baß er nicht gleich so hellhörig gewesen war. Einen kurzen Augenblick überlegte er, ob er das winselnde Gemüse da unten nicht auf den Kopf schlagen sollte, daß es auf dem Pflaster einen großen Fettflecken gab. War er denn schon ein solches Äichts, daß ihm dieser feist gewordene ehemalige Kellner den AnterskÄnd- verweigern durfte? Hier in Moltzahn, wo der Aame Römnitz fast mehr galt als der des allerhöchsten Landesherrn ...? Der 3ngrimm schüttelte ihn, aber er bezwang sich mühsam.
„Es ist gut, Herr Sötebeer, Sie sind ein außerordentlich tüchtiger Geschäftsmann. Ich wünsche Ihnen, daß Sie sich nicht verspekuliert haben. Die Moden wechseln. Ein neuer Herr Erblandmarschall könnte vielleicht finden, daß drüben im Hotel zur Stadt Rostock auch ein ganz angenehmer Aufenthalt ist ... na Sie verstehen mich schon. Da laufen die andern dann nach" ...
Herr Sötebeer saldierte sich auf die oberste Stufe seiner Veranda. Diesen Herren war nicht- zu trauen, von ihren hochseligen Vorfahren her hatten sie eine gewisse Aeigung zur Gewaltsamkeit an sich. Der junge Randiener Graf von Dih- nack zum Beispiel warf immer gleich mit ’nem Sektglase, wenn der vor Müdigkeit eingeschlafens Kellner der erforderlichen Aufmerksamkeit ermangelte ... And oben verneigte er sich von neuem, murmelte allerhand entschuldigende Worte. Der gnädige Herr Graf sollen um Gottes willen doch nicht glauben ... und es wäre wirklich nut: ein bedauerlicher Zufall ...
Malte lachte kurz auf. Zu komisch sah bet kleine Kerl aus, wie er sich immerfort verneigte, baß bie bicken Armwürste fast ben Boden berührten.
(Fortsetzung folgt.)
Statt besonderer Anzeige.
Heute nacht verschied unerwartet mein geliebter Mann, unser lieber Vater
In tiefer Trauer:
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Die Beerdigung findet Dienstag, den 15. September 1931, nachmittags 3 Uhr, von der Kapelle des Alten Friedhofs aus statt Von Beileidsbesuchen bitten wir abzusehen.
Elisabeth Bücking, geb. Heß
Dr. Ludwig Bücking, Regierungsrat
Dr. Karl Bücking, Referendar
Gießen, Mainz, 13. September 1931. Anna Martha Bücking
Landgerichtsdirektor a. D.
Wilhelm Bücking
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Wie urteilt die Presse im Reich: 8-ühr-Abendblatt: - so wurde durch Regie und
Darstellung ein großer Erfolg • • •
Berliner Tageblatt: Tauber singt wieder und siegt. Ein Film mit allen Zutaten, ein bedeutender Fortschritt • • -
Das 12-ühr-Blatt: Glücklich in der Besetzung, sauber und geschmackvoll in der Regie, gut, sehr gut im Ton.
Berliner Nachtausgabe: Begeisterungshochflut. Neuer Tonfilmsieg. StabllisierungdesFilmoperetten- erfolges.
Der Hlontag: Zweifellos der beste Tonfilmtenor, der bis jetzt in der Weltfilmfabrikation gezeigt wurde. Unverlöschlicher Eindruck . • •
Im Beiprogramm:
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Mittwoch, den 10.September, nachm. 4 Uhr:
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