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Kreuzweg der Liebe.

wo er einst gewohnt, und wo auch daS Drencksche Haus gelegen war. Run war er in der Straße da, die Ecke! Hier hatte sie ihn so manchmal erwartet und sich mit leuchtenden Augen in sei­nen Arm gehängt und dort drüben war das Haus.

Anwillkürlich verlangsamte Wigand seine Schritte und schaute im Herankommen hinüber: noch ganz wie damals, derselbe hellgraue Anstrich, die Fassade, die Erkerl Dort im zweiten Stock

Vornan von Paul Grabeiti

Arheberrechtsschutz: Rom andien stDigo", Berlin W 30.

24. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Dazu kam noch ein zweites Fehlschlagen: die Wahl des Ortes war unglücklich gewesen. Eine waghalsige Spekulation hatte die Siedlung wie mit einem Zauberschlag inmitten dürrer Kiefern- hcide entstehen lassen, und durch eine kostspielige Propaganda eine Zeitlang den Aamen des Ortes in aller Leute Mund gebracht. Aber dann kam der große Rückschlag. Das schnelle Emporwach­sen, mit dem Wigand gerechnet hatte, blieb aus, kurzum: jede Möglichkeit für ihn schwand dahin, hier seine Existenz fristen zu können.

Die Lage war ernst für Wigand. Die Summe, die er sich erspart hatte, war durch die Rieder- lassungs- und Anterhaltungskosten eines fast um­sonst abgewarteten Jahres sehr stark angegriffen. Hier konnte er nicht bleiben also wieder wei­terziehen, noch einmal von vorn anfangen?

OleinI Er mochte nicht mehr. Er hatte die Lust dazu verloren, von neuem jenes unstete Wander­leben als Saisonarzt zu führen. Er war nun auch in Iahrren, wo er nicht mehr den Anfänger spie­len mochte. Was aber dann?

Ein Zufall hatte Wigand zur Kenntnis ge­bracht, daß die afghanische Regierung ein Medi­zinalwesen nach deutschem Muster einrichten wolle. Schnell entschlosfen hatte er sich gemeldet, und die Sache war geglückt, wie er eben erfahren Hütte. Rur eine kurze Frist noch, und er kehrte der alten Heimat für immer den Rücken. Wer wußte, ob er sie überhaupt noch einmal wieder- sah. Also vielleicht ein Abschied für immer!

3n Wigands ernstes Sinnen stahl sich plötzlich ein weiches Regen. Er schritt gerade über den Leipziger Platz, und von den alten, ehrwürdigen Linden wehte ihn der süße, erinnerungsweckende Duft der Blüten an. Wie manchmal war er hier im hoffnungsgrünen Lenz vorbeigegangen, der selbst die Riesenstadt mit einem Hauch von Poesie überzieht, in früheren, besseren Tagen in Ta­gen, wo auch sein Herz noch in Hoffnungsgrün stand.

Arsula! Da trat ihr Bild wieder vor seine Seele, nicht das der bleichen, gequälten Frau, nein, ihr Iugendbild mit feiner strahlenden Frische, mit dem Duft der ersten Blüte. Ein Weh quoll ihm da wieder aus vernarbter Her- zenswunde. Daß dieses Lenzeshoffen so hatte trügen können!

Aber vorbei! In seiner hart gewordenen Man­nesseele war kein Daum mehr für sentimentales Schwelgen in Erinnerungen. Rur eines verlangte ihn: einen Blick wollte er werfen auf jene Stätte, die einst sein Glück gesehen hatte dann war auch das vorüber, und er gehörte ganz der Zu­kunft.

Wigand gab diesem Verlangen nach. So bog er denn nachher von der Potsdamer Straße rechts ab und wandte sich jenem Viertel des Westens zu,

war der Salon wie oft hatte sie da nicht un­geduldig noch ihm ausgespäht und bei seiner An- näherung lachend ihm zugewinkt.

Wie ihm das alles noch vor Augen stand als ob es gestern gewesen wäre. Mit den Blicken die Stätte ihm so teurer, unvergeßlicher Stunden, war Wigand an dem Hause vorübergeschritten. Run zögerte sein Fuß. Sollte er weitergehen war es nun nicht genug des Abschieds? Aber einem dunklen Zwange gehorchend, überschritt er die Straße und kehrte dann um. Roch einmal, ganz dicht wollte er vorübergehen dann sollte es genug sein.

Sehr langsam, ein banges Wehmutsgefühl im Herzen, schritt Wigand an dem Hause entlang; seine Finger streiften einen. Augenblick unwillkür­lich die Wand: So leb denn wohl, du stummer Zeuge der Vergangenheit^

Run war er vor der Haustür angelangt, und fein Blick flog durch die Glasscheiben, in den dämmernden Treppenflur. Wie oft war er da er­wartungsfroh hinausgesprunaen! Wie oft war Arsulas Fuß diese Stufen hi naufgestiegen I Wo mochte sie jetzt weilen ob Drencks überhaupt noch in dem Hause wohnten?

Sein fragender Blick drang in die Portierloge, vor deren gdfcffneter Tür die Pförtnersfvau stand ein fremdes Gesicht, mit dem Putzen des Klingelgriffs beschäftigt. Die mußte es wissen, eine Frage foitnte ihm Gewißheit geben. And ehe er noch wußte, was er tat, war er schon stehen geblieben und hatte die Worte an die Frau ge­richtet:

Sagen Sie, wohnt Herr Major Drenck hier noch im Hause?"

Mit verwundertem Blick sah ihn die Frau an, mit ihrer Arbeit innehaltend:

Der ist ja schon bald ein Jahr tot!

Tot?"

Jawohl! Aber die Damen wohnen noch oben die alte Tante und bann die junge Witwe. Die alte Dame ist ausgegangen, aber die junge Frau ist zu Haus."

Sie schien anzunehmen, daß der Herr oben einen Besuch abstatten wollte.

Einen Augenblick stand Wigand bewegungslos. Der alte Major nun auch tot! Cs ging ihm doch nahe; er hatte sehr an ihm gehangen. Run hatte Arsula auch dieser Verlust noch betroffen!

So bitte schon!" Die Portierfrau öffnete ihm dienstbeflissen die Haustür.

War es nicht wie ein Wink? Sollte er nicht hinaufgehen und Abschied nehmen auch von ihr? Ein einzigesmal ihr noch gegenübertreten, sie um Verzeihung bitten für alles Leid, das er mit und ohne seine Schuld über sie gebracht hatte, ein ein­zigesmal ihre Hand noch ergreifen zum Zeichen,

daß sie ihm alles vergab daß sie ohne Groll voneinander schieden?

Aebermächtig wurde plötzlich das Verlangen in Wigand, und im nächsten Augenblick war er in den Hausflur eingetreten nun stieg er die Trep­pen empor.

Ein seltsames Gefühl beschlich ihn doch, als er mit pochendem Herzen vor ihrer Türe stand. Wie würde sie ihn empfangen würde sie ihn über­haupt annehmen?

Gleichviel, er versuchte es eben! And schon zog seine Rechte am Griff der Klingel.

Hell schallte es durch das schweigende Haus. Einige Augenblicke blieb drinnen alles still, bann ging eine Tür, Schritte tarnen, rasselnd wurde die Sicherheitskette entfernt, und nun zeigte sich das Mädchen, nicht mehr wie einst das alte Fak­totum des Hauses sie mochte längst ausge­dient haben, sondern ein junges Ding, das etwas verwundert auf den unbekannten Be­sucher sah.

Bitte melden Sie mich der gnädigen Frau. Wigand reichte seine Karte hin und das Mäd­chen ließ ihn eintreten.

Tief Atem holend, stand Wigand in der Diele und sog geschlossenen Auges die Luft dieses Rau­mes ein den charakteristischen Hauch dieser Wohnung und mit diesem wohlbekannten Duft, der ihm so unzertrennlich war von Arsulas Per­son, zogen tausend alte Erinnerungen durch seine Seele.

Das zurückkehrende Mädchen entriß ihn seinen Träumen:

Die gnädige Frau lassen bitten."

Schnell hatte Wigand abgelegt, und nun trat er in den Salon. Arsula erwartete ihn bereits. Im schwarzen Trauerkleid erschien ihre schlanke, noch immer mädchenhafte Gestalt noch feiner als sonst und die zarte Farbe des Gesichts fast bleich. Wohl hatte Wigands unerwartete Meldung sie aufs höchste überrascht, aber es hatte sich kein Erschrecken wie einst in dieses Empfinden gemischt. Das, was sie einst so leidenschaftlich erregt in Leid und Erbitterung, es war längst still gewor­den. Jeder Groll war entschwunden mit dem Hoffen und Wünschen, dem Bangen und Fürch­ten sie konnte nun auch Wigand ruhig gegen­über treten. Aber immerhin was konnte er von ihr wollen? Sie hätte nicht geglaubt, daß sich ihre Wege im Leben noch einmal begegnen würden.

Die stumme Frage sprach deutlich aus Arsulas Blick, den sie ruhig und fest auf den Eingetrete- nen richtete, der sich nun tief vor ihr verneigte.

Verzeihen Sie" es war etwas Fremdes, Fernes in ihrem Wesen, das ihm das vertraute Du" verbotSie werden sehr überrascht sein, mich hier zu sehen. Aber ein unwiderstehliches Bedürfnis trieb mich her, Ihnen ein letztes Wort, ein Lebewohl zu sagen, ehe ich Deutschland, viel­leicht auf immer, verlasse. Aber vor allem ich hörte soeben unten davon Sie haben einen neuen schweren Verlust zu beflagen wollen Sie mir erlauben, Ihnen zu sagen, daß ich im tiefsten Herzen nachempfinde, was Ihnen der Verlust Ihres Vaters bedeutet, eines Mannes, den ich stets ausrichttg verehrt habe!"

Ich banke Ihnen; ich weiß, bah Sie meinen Vater sehr geschäht haben. Aber bitte, wollen Sie sich nicht sehen?" Sie nahm selbst Platz. Sie sagten, Sie wollten Deutschlanb für immer verlassen? Darf ich fragen, wohin Sie gehen?"

Ihre innerlich fo unberührte Art, sich zu geben, dieser abgekühlte Gesellschaftston, als ob er ihr nie anders als oberflächlich im Salon begegnet wäre, ließen eine leise Bitterkeit in ihm auf- steigen. So hatte er sich das nicht gedacht. Run würde er ja gar nicht über die Lippen bringen, was ihm eben da unten das Herz so weich ge­macht hatte. Er schämte sich seiner sentimentalen Regung, ärgerte sich darüber. Am liebsten wäre er gleich wieder gegangen, aber die gesellschaft­liche Form erlaubte es ja nicht.

So lieh er sich denn nieder und gab ihr Auskunft.

ürfuta horchte auf.Rach Kabul, nach Afghani­stan, wollen S e? Wie kommen Sie darauf? Aeber- dies dort drunten sind immer noch Anruhen, man lieft ja täglich in der Zeitung."

Wigand lächelte leicht. Auch die werden vor­über gehen, sind es wahrscheinlich schon, bis ich komme. And wenn nicht was tut's?"

Sie antwortete nicht gleiche aber ein ernst forschender Blick traf ihn. Dann fragte sie:

Sie sind also europamüde? Ihre bisherige Wirksamkeit hat Sie nicht befriedigen können und Sie wollen dauernd ba unten bleiben?"

..Ja, es hält mich hier nichts mehr." Fest llangen ihr bie Worte entgegen, fast hart; sie sollte nicht glauben, bah sein Erscheinen auf anbered abziele.Ich gebenfe mein Leben bort zu beschließen. Anb bies ist bet Grunb" er wollte nun endlich zum Schluß kommenwarum ich mir erlaubte, Sie noch einmal aufzusuchen. 2ch möchte mit bet Vergangenheit abrechnen, keinen Rest in bas neue Leben mit hinübernehmen keine unbeglichene Schulb."

Wigands Blick suchte jetzt mit ernster bringen­der Bitte bie Augen Arsulas, bie sie bei seinen letzten Worten von ihm abgewanbt hatte.

Keine unbeglichene Schull) ich weiß nur zu gut, was ich einst in jugenblicher Leidenschaft- lichkeit an Ihnen gefehlt habe, was ich bem An- seligen angetan habe, ber nun erlöst ruht von seinen Leiben ich habe Ihr Leben zu einem verlorenen gemacht!" Seine erhobene Stimme begann leise zu zittern, all seinem Willen zum Trotz.Das alles weiß ich nur zu gut In acht Jahren hat mich dieses Bewußtsein nicht eine Minute losgelassen, es hat mich zu Boden ge­drückt, alle Freude, jedes Hoffen in mir getötetI Ich denke, ich habe damit gesühnt, was ich einst gefehlt habe ich habe zerstörtes Lebensglück mit dem eigenen bezahlt!" Leise und müde wurde seine Stimme.And das gibt mir den Mut, heute vor Sie hinzutreten" Wigand erhob sich und trat einen Schritt näher auf sie zuSie zu bitten: Verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angetan habe damit ich wenigstens mit bem Trost von hier fortgeben kann: bir folgt kein Groll, kein Haß beina Schulb ist bir vergeben!"

(Fortsetzung folgt.)

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