Ausgabe 
12.10.1931
 
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Aus der Provinzialhauptfiodt

Dießen, den 12. Oktober 1931.

Zulassung jur Knsenunterstühung.

Das Arbeitsamt Gießen teilt uns mit:

Der Herr Präsident des Landesarbeitsamts Hessen hat nunmehr mit Wirkung vom 5. Oktober 1931 alle Gemeinden im Bereiche des Arbeitsamts Gießen zur Krisen­unterstützung zugelassen. Don der Kri­senunterstützung sind jedoch ausgeschlossen in allen Gemeinden die Angehörigen der DerufSgruppe Landwirtschaft, mit Ausnahme nichtlandwirt­schaftlicher Gärtner und Gartenarbeiter. Aus­geschlossen bleiben ferner die Derufsgruppen der Forstwirtschaft, häuslichen Dienste, Gesundheits­und Körperpflege, einschließlich der Brunnen- arbeiter und Drunnenarbeiterinnen, sowie das Reinigungsaewerbe. Ferner bleiben ausgeschlos­sen Arbeitslose unter 21 Jahren und in den Ge­meinden bis zu 10 000 Einwohnern die An­gehörigen der Derufsgruppen Theater, Musik und Schaustellung aller Art, des Gast- und Echankwirtschaftsgewerbcs und freie Berufe. Aus­geschlossen bleiben auch die weiblichen Angehöri­gen aller Derufsgruppen, soweit sie in der Fa­milie tooö*en uiK) nicht überwiegend Ernährer einer Familie sind; diese Einschränkung gilt je­doch nicht für die weiblichen Angehörigen des Spinnstoff- und des Tabakgewerbes.

Zur Kriseuunterstühung sind in den nunmehr neu einbezogenen Gemeinden auch diejenigen Per­sonen zugelassen, die seit dem 3. Rovernber 1930 ausgesteuert und soweit die gesetzlichen Doraus­sehungen erfüllt sind.

Krisenuntcrstühung wird nur gewährt, soweit der Arbeitslose bedürftig ist; hierbei ist auch das Einkommen der Angehörigen mit in Betracht zu ziehen.

Anträge, die diesen Bestimmungen nicht ent­sprechen, sind vollkommen zwecklos.

Daten für Montag, 12. Oktober

Sonnenaufgang 6.43 Uhr Sonnenuntergang 17.40 Uhr. Mondaufgang 8.01 Uhr. Monduntergang 17.41 Uhr.

322 o. Ehr.: der griechische Redner Demosthenes auf Kalauria gestorben; 1492: Kolumbus entdeckt Amerika; 1896: der Komponist Anton Bruckner In Wien gestorben: 1924:L. Z. 126" tritt seine erste Fahrt nach Amerika an.

Vornotizen.

Tageskalender für Montag: Hotel Schütz. 20.15 Uhr. öffentlicher Dortrag über Gesundheitsfördernde Körperbeeinfiussung und Leistungssteigerung durch eine naturgemäße Er­nährung". Schühenverein Gießen: Meister­schafts- und Geflügelschiehen. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Der wahre Jakob".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Morgen, Dienstag, 13. Oktober, Elisabeth von England", Schauspiel von Ferd. Bruckner. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.30 Uhr (Siehe heutige Anzeige.)

*

** Don der Landesuniversität. Er­nannt wurden der ordentliche Professor an der Technischen Hochschule Dr. Hans Mohrmann zum ordentlichen Professor für Mathematik an der Landesuniversität; der Privatdozent an der Universität München Regierungsforstrat Dr. Ger­hard Reinhold zum planmäßigen außerordent­lichen Professor für Forstpolitik, Forstgeschichte und Forstverwaltung an der Landesuniversität, beide vom 1. Oktober 1931 an.

* Bücher st iftungswerk der Deut­schen Duchgemeinschaft. Der Minister für Kultus und Dildungswesen teilt mit: Der Reichs- Verband für deutsche Jugendherbergen hat mir mitgeteilt, daß er sich entschlossen habe, in enger Arbeitsgemeinschaft mit der Deutschen Duchge­meinschaft in Berlin einDücherstiftungswerk für die deutsche Jugend im 3n- und Ausland zugunsten von Jugendherbergen, Jugendheimen und Jugendbüchereien" in die Wege zu leiten. Ich begrüße diesen Entschluß, weil durch ihn in der Zeit größter Wirtschaftsnot der deutschen Jugend kostenlos zur Derfügung gestellt werden sollen, und ersuche die Ortsausschüsse für Dolks- bildung und Jugendpflege, gegebenenfalls an der Durchführung des geplanten Unternehmens mitzuarbeiten.

* * Aenderung des Ausnahmetarifs für O b st s e n d u n g e n. Das Warenverzeichnis und die Anwendungsbedingungen des von der Deutschen Rcichsbahngesellschaft zur Förderung des Absatzes der diesjährigen Obsternte einge­führten Ausnahmetarifs 16/0 für frische Aepsel und Birnen in Wagenladungen werden mit Gül­tigkeit vom 12. Oktober geändert. Der Tarif gilt von diesem Zeitpunkt ab für frische Aepfel und Birnen xur Verarbeitung in industriellen und gewerblichen Derwertungsbetriebcn und zur Her­stellung von Obstwein, Obstmost und Obstsaft, jedoch nur für Sendungen in loser Schüttung ohne jede Derpackung bei Aufgabe als Frachtgut oder Eilgut. Als Derpackung wird auch die Beigabe von Stroh und die Verwendung von Brettern zwecks Aufteilung des Laderaumes angesehen. Durch diese Aenderung ist die bisher als Dor- aussetzung für die Gewährung der Frachtermäßi­gung vorgeschriebene unmittelbare Abrichtung der Sendungen an industrielle Verwertungsbetriebe nicht mehr erforderlich. Es genügt, wenn im Frachtbrief der DerwendungSzweck des Obstes angegeben ist.

" Betrüger an der Arbeit. Don der Polizei wird mitgeteilt: Am Freitag versuchte der stellungslose Handlungsgehilfe Jul. Haus­ner aus Essen minderwertige, auf den ersten Blick aber gut aussehende Anzug- und Mantel­stoffe aus folgende Art an den Mann zu brin­gen: Er sprach in Wohnungen vor und hielt unter dem Dorgeben, an seinem Lieferwagen sei eine Reparatur erforderlich, um ein Darlehen von 60 Mark an. Er fei von Essen nach Frank­furt unterwegs und habe nicht so viel Geld um die Reparatur bezahlen zu können. Zur Sicherheit für das Darlehen würde er Stoff für einen blauen Qhuug und einen Mantel, den er vorzeigte, überlassen. Er erwähnte dann noch, daß der Anzugstofs einen Werl von 40 Mark und der Mantelstofs einen solchen von 50 Mark habe. Hausner erklärte dann weiter, daß er die Stoffe auf der Rückreise wieder einlösen würde, da er in Frankfurt a. M. Geld zu vereinnahmen hätte. Wenn Hausner aber das Darlehen hat, denkt er nie mehr daran, die Stoffe cin^uUMen da er genügend verdient hat; denn die von ihm auf diese Weise abgesetzten Anzugstoffe kosten ihm nur 10 bis 17 Mark und die Mantelstoffe 12 Mark. Hausner hat sich nun wegen Betrugs­versuchs und, da er keine Gewerbepapiere be­

sitzt, wegen Steuerhinterziehung usw. zu verant­worten. In seiner Begleitung befand sich noch ein Kraftwagenführer aus Oberhausen im Rhein­land mit seinem Kraftwagen und zwei weitere junge Leute aus Essen. Die Stoffe beziehen sie größtenteils von einer Essener Firma.

** Fahrrad-Diebstähle. Der Polizeibericht meldet: Dor kurzem wurden vor der hiesigen Orts­krankenkasse zwei Fahrräder, Marke Miele (Fabrik- nummer 125772) und Marke Mifa (Fabriknummer unbekannt), entwendet. Ein in der Ederstraße vor einigen Tagen entwendetes Herrenfahrrad konnte ermittelt und dem Eigentümer wieder zugestellt werden. Als Täter kommt ein junger Mann aus Krofdorf in Frage.

Oberheffen

450 Jahre Grünberger Gallusmarki.

4- Grünberg, 11. Oft. (Dorbericht.) Unsere Stadt prangt seit heute in festlichem Kleide. Es gilt, das 450jährigeBestehendesGrün- berget Gallusmarktes zu feiern. Heute mittag sand Platzkonzert auf dem Markte statt, der Rachmittag brachte lebhaften Betrieb auf dem Festplatz. Am Abend wurde die Ju­belfeier in der bis auf den letzten Platz be­setzten Turnhalle begangen. Bürgermeister Dr. Mildner hielt die Begrüßungsansprache. Fest­redner war Archivrat Dr. C l e m m vom Staats­archiv zu Darmstadt. Den Höhepunkt der Jubel­feier bildete die Aufführung des FestspielsGal- lusmarkt", verfaßt von Oberoeterinätrat Dr. K. Stein in Friedberg, einem geborenen Grünber­ger. Bürgermeister Dr. M i l d n e r dankte an­schließend dem Derfasser des überaus beifällig aufgenommenen Festspieles. Für das Kreisamt Gießen sprach dann Regierungsrat Dr. Braun. Er gab dem Wunsche Ausdruck, daß der be­rühmte Gallusmarkt auch in Zukunft weiter be­stehen möge. Der Musikverein verschönte mit gu­ten Darbietungen die schöne Feier.

Landkreis Gießen.

D Großen-Linden, 11.Oktober. Auf An­regung des Ortsgeistlichen, Pfarrer Schneider, wurde in unserer Gemeinde eine O b st f a m m « lung durchgeführt, deren Ergebnis der Epileptiker- Anstalt Nieder-Ramstadt zugeleitet wurde. Außer­dem wurden die Anstalten in Bethel-Bielefeld mit einer Sendung Kartoffel bedacht.

O Holzheim, 11. Oft. Dieser Tage feierte einer der ältesten hiesigen Einwohner, Landwirt Jakob Laux 11., seinen 7 9. Geburtstag. Trotz seines hohen Alters kann er noch im land­wirtschaftlichen Betrieb seines Schwiegersohnes tätig sein. In der jüngsten Sitzung des Gemeinderats wurde der Antrag der Jagd­pächter auf Ermäßigung der Iagdpacht abgelehnt.

! Aus dem südlichen Kreise Gießen, 12. Oft. Die Kartoffelernte ist beendet. Der Ertrag war gut. Besonders hat sich die neue SorteErdgold" bewährt. Während die alt be- fannte Sorte .Industrie" ziemlich unter Trocken­fäule zu leiden hatte, war bei .Erdgold" faum etwas davon zu merten. Die günstige Witterung hat auch das Einfahren der Dickwurz und Kohl­raben sehr begünstigt Der Winterroggen ist nahezu überall gesät.

'Harbach 12. Oft. Unser ältester Mitbürger, Peter Hartmann, feiert heute, Montag, 12. Oktober, in voller Gesundheit seinen 91. Ge­burtstag. Er hatte das Amt eines Polizei­dieners 40 Jahre inne, ebenso lange war er Kir­chendiener, und er war auch etwa 40 Jahre Aus­träger desGießener Anzeigers".

Glockengießer Rincker-Sinn t-

WSR. Sinn (Dillkreis). 11. Ott. Im Alter von 67 Jahren ist nach längerem Kranksein der Eeniorchef der weit über die Grenzen Deutsch­lands hinaus bekannten Glockengiehereifirrna F. W. Rincker G. m. b. H., Glockengießermeister August Rincker, gestorben. Mit ihm ist ein Mann von altem Schrot und Korn dahinge- gangen, der es verstand, das Werk seiner Väter, das bereits im Jahre 1468 gegründet wurde, trotz schwieriger Zeit zu erhalten und weiter aus­zubauen. Der Glockenguß der Firma Rincker hat Weltruf.

Verdoppelung der T^iersteuer in Darr stadi.

Darmstadt, 11. Oft. (WSR.) Auf Grund der Notverordnung des hessischen Ministeriums zur Sicherung der Haushalte der Gemeinden hat der Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt mit Wir­kung vom 1. November 1931 ab die Gemeinde- biersteuer verdoppelt. Sie beträgt nun- mehr je Hektoliter bei Einfachbier 5 Mark, bei Schankbier 7,50 Mark, bei Dollbier 10 Mark und bei Starkbier 15 Mark.

Oie Winterhilfe der Grube ^Alexandria".

WSR. Höhn (Westerwald), 11. Oh. Der vor einigen Tagen veröffentlichte Vorschlag der GrubeA l e f a n b r i a" an die früher bei ihr beschäftigt gewesenen Arbeiter, sich den not» wendigen Bedarf an Winterkohlen durch das Verfahren von Schichten zu er­arbeiten, hat Erfolg gehabt. Etwa 500 Arbeiter werden von dem Angebot der Grube Gebrauch machen. Ein Teil hat bereits mit den ersten Schichten begonnen.

Eine neue Klinik in Gießen.

Einweihung der Orthopädischen Universitätsklinik.

Im Saale des Gießener Studentenhauses fand am Samstagvormittag in Gegenwart einer großen Festgemeinde die Einweihung der Ortho­pädischen Universitätsklinik statt. Schöpfer dieser neuen klinischen Einrichtung an der Hessischen Landesuniversität ist der Hessische Fürsorgeverein für Krüppel, Sih in Darmstadt.

Rach einer musikalischen Einleitung der Feier­stunde sprach zunächst der Erbauer der Klinik,

»tahtbnnrflt Graverl-Gichen

über die Entstehung dieses Baues, der nach 400- tägiger Arbeit am 1. September 1930 wurde der erste Spatenstich getan nun vollendet ist. Der Redner erwähnte u. a., daß die Stadt Gießen den Bauplatz von 6000 Quadratmeter Gröhe dem Hessischen Fürsorgeverein für Krüppel in Erb­pacht überlassen hat. Die Klinik ist eingerichtet für 60 Krankenbetten für Erwachsene und Kinder in 10 Räumen, sowie für 10 Betten der Privat­station in 7 Räumen. Ferner sind folgende Ein­richtungen vorhanden: ein Gymnastiksaal von 100 Quadratmeter, ein Saal für blutige Operationen, ein Saal für unblutige Operationen, ein ©terili- sationsraum, zwei Untersuchungsräume für beide Geschlechter,eineRöntgenstation, 4 Werlstatträume, ein Vorbereitungszimmer, ein Laboratorium, drei Chefarztraume und drei Verwaltungsräume, dazu alle erforderlichen Rebenräume, Küchenräume, Heizungsanlage und Keller. Für die Erweiterung der Bettenzahl ist ausreichend vorgesorgt. Weiter find geschaffen Wohnzimmer für drei Aerzte, sechs Schwestern, zwölf Lernschwestern und vier Helfe­rinnen, mit Tagesräumen, Bädern usw., außer­dem Räume für vier Lehrlinge und den Heizer und Gärtner. Der Redner gab sodann eine Be­schreibung des Baues, wobei er hervorhob, daß dieser sich in den Dehandlunasbau, den Bettenbau und die Turnhalle als Verbindung zwischen den beiden vorgenannten Bauten gliedert. (Da wir bereits in unserer Rr. 201 vom 29. August über den Bau berichtet haben, erübrigt sich heute eine nochmalige Schilderung. D. Red.) Die ®e- samtbaukosten einschl. Bauleitung betragen 350 000 Mark; der Kubikmeter umbaute Raum einschließ­lich Bauleitung kostet 30,50 Mf., der Preis für das Gesamtbett berechnet sich auf 3500 Mf., der Preis für das Kranfenbett beziffert sich auf 5000 Mark. Diese Zahlen gestatten die Behauptung, daß der Reubau die zur Zeit billigste Orthopädische Klinif Deutschlands ist. Der Redner sprach hier­auf dem Vorsitzenden des Hessischen Fürsorge­vereins für Krüppel. Oberbürgermeister Muel­ler, Darmstadt, dem Direktor der Klinik, Prof. Dr. P i h e n, Gießen, dein Geschäftsführer des Fürsorgevereins, Oberinspektor Lang, Darm­stadt, sowie dem örtlichen Bauleiter, W i e t h, Dank aus für die verständnisvolle Unterstützung bei diesem Bau und übergab mit herzlichen Wün­schen für eine segensreiche Arbeit in Der neuen Klinik die Schlüssel an den Vorsitzenden des Ver­eins.

Oberbürgermeister Mueller-Tarmstadt

gab zunächst feiner Freude übet diesen Erfolg der Vereinsarbeit Ausdruck und begrüßte sodann die festliche Versammlung. Sein besonderer Gruß galt zunächst dem Staatspräsidenten Dr. Ade­lung, der durch die großzügige Förderung dieses Werkes wieder gezeigt habe, wie sehr ihm die Wohlfahrt des Volke- und die Pflege der Wissen­schaft am Herzen liegen; weiter begrüßte der' Redner eine Reihe von Dehördenvertretern, wo­bei es bei vielen Gießener Gästen Erstaunen und Befremden erregte, daß die Vertretung der Stadt G'.eßen, trotz des großen Opfers unserer Bürger­schaft für dieses Werk, erst an letzter Stelle und hinter anderen Stellen und Behörden, die mit diesem Bau gar nicht- zu tun hatten, erwähnt

wurde. Sodann sprach der Redner herzlichen Dank aus für die vielen Spenden für die Klinif, toobei er eine besonders wertvolle Stiftung von Or. h. c. Leih von den Leitzwerken in Wetzlar hervorhob. Weiter sagte der Redner u. a.; Jahrelang haben wir für dieses Werf ge­sammelt und im buchstäblichen Sinne des Wortes dafür gekämpft. Krieg und Revolution und In­flation, demnächst eine ständig sich steigernde Verschlechterung der allgemeinen Wirtschaftslage haben uns harte Rückschläge verseht. Aber wir haben uns durchgeseht, und wir haben die große Genugtuung, die erforderlichen Mittel und Ein- richtungen in der ganzen Welt, durch eigene Tätigkeit gesammelt zu haben, ohne große Geld­stiftungen ausgekommen zu sein, und ohne irgend­welche Schulden dazustehen, wenn die uns noch zugesagten verhältnismäßig geringfügigen Mit­tel eingegangen sein werden. Wir haben die große Genugtuung, durch sorgfältigste Kalkula­tionen und Ersparungen denkbar Bestes mit einem denkbar geringen Aufwand erstellt zu haben, so daß wir auf dem Gebiete der Finan­zierung eines großen Krankenhausbaues in der Tat eine Art von Rekord erzielt haben." So­dann sprach der Redner dem Geschäftsführer des Vereins, Oberinspektor Lang, Darmstadt, dem Erbauer, Stadtbaurat G r a v e r t, Gießen, Bauleiter W i e t h, den Handwerkern und Ar­beitern, sowie dem Leiter der Klinik, Professor Dr. P i h e n, herzlichsten Dank für die unermüd­liche und rühmenswerte Mitarbeit aus. Er über­reichte den Schlüssel Professor Dr. Pihen und stellte es damit der Landesuniversität als Stätte der Forschung und der Lehre zur Verfügung. Der Redner übergab das Haus nut dem Wunsche: Möge es sich würdig den bestehenden und alt­bewährten Instituten unserer Universität an­reihen und unserer Alma Mater Ludoviciana zur Zierde gereichen, Und möge es sich zum Segen für die leidende Menschheit erweisen!

Universitäts-Profcstor Dr Piyen

beglückwünschte den Hessischen Fürsorgeverein für Krüppel zu dem Besitz dieses Klinikbaues, dankte dem Vorstand des Vereins und dem Erbauer der Klinik für das schöne Werk, ferner auch allen Spendern. Weiter dankte er Geheimrat Prof. Dr. Poppert und dessen Personal für die bis­herige Aufnahme der orthopädischen Kliniks- tätigkeit in den Räumen der Chirurgischen Kli­nif, sodann sprach der Redner in großen Zügen über den Zweck der neuen Klinif und über die Bedeutung der Orthopädie in der Behandlung, Wissenschaft und Forschung. Mit herzlichen Wün­schen für die neue flinifche Schöpfung in Gießen lieh der Redner feine Worte ausklingen.

Lraalspräfidcnt Dr -lvelung

führte in feiner Ansprache u. a. aus: Die Ein­weihung der Orthopädischen Universitätsklinik läßt zunächst die Frage ahit werden, weshalb man in der gegenwärtigen Rotzeit, in der Zeit schärfster Abbau- und Einschränkungsmahnahmen selbst an fulturellen Gütern, neue Aufgaben übernahmt. Die Antwort auf diese Frage lautet: Was hier erstellt wurde, ist aus der Rot und für die Rot geschaffen. Der Wunsch der Landes» ilniberfität nach Errichtung eines orthopädischen Lehrstuhls und Erstellung einer eigenen Klinif für dieses wichtige Spezialgebiet der Heilkunde ist zwar ein alter; er war schon vor mehr als 30 Jahren der Regierung vorgetragen worden. Dor zwei Jahren trat nun der Hessische Für- forgenerein für Krüppel auf den Plan und er­klärte sich bereit, mit den von ihm bereits gefum­melten und noch auszubringenden privaten Mit­teln ein Krüppelheim zu errichten und zu betret-

Professor Miklas wurde zum österreichischen Bundespräsidenten wiedergewählt.

ben, und zwar in Gießen, im Anschluß an die Universität. Regierung und Landtag haben die erforderliche Professur dann bewilligt und sie am 1. April 1930 mit Herrn Professor Dr. P i tz e n beseht, den das Vertrauen der Medi­zinischen Fakultät hierfür in Vorschlag brachte. Dies der nüchterne Vorgang vom Standpunkt der Hochschule au-.

Wie viel bewegter und eindrucksvoller ist der Werdegang des neuen Heimes für Heilung, Lehre und Forschung, faßt man das Ringen des Für- sorae-Vereins selbst ins Auge, der in zäher, mühevoller und aufopfernder Arbeit seinen wahr­haft großen Vorsatz gefördert und zu gutem Ende geführt hat, allen Widrigkeiten zum Trotz. Staatliche Hilfe war nicht, oder doch von Geländestelluna (in Gemeinschaft mit der Stadt Gießen) und Schaffung der Professur abgesehen nur in bescheidenem Maße zu erhalten. Die Werbetätigkeit fiel zum Teil in die Zeit schlech­tester wirtschaftlicher Konjunktur, und doch konnte sie zum Erfolg geführt werden. Auch hier gilt: Es ist der Geist, der sich den Körper baut."

So stehen wir bewegt vor dieser Reugründung in der Zeit allergrößter Rot. Offenbart sich doch in ihr jener Gemeinsinn und jene zielstrebende Opferwilligfeit, die für alle Menschen vorbildlich sein sollte. Rur aus solchem Geiste heraus ist ein innerer und äußerer Aufstieg möglich. Eine neue Heilanstalt ist der leidenden Menschheit er­schlossen worden. Zugleich eine Forschung-stätte der Wissenschaft.

Als Staatspräsident liegt es mir ob, allen öen Leitern und Förderern dieses Wertes herzlichen Dank im Ramen der Regierung und des hessi­schen Volkes zum Ausdruck zu bringen. Ich bin mir bewußt, daß alle jene, die an dem Werk gearbeitet haben, es nicht der öffentlichen An­erkennung und des Dankes wegen taten, sondern aus dem inneren Zwang heraus, ihren Mit­menschen Heilung und Hilfe zu bringen. Sie haben ihren Lohn in dem stolzen Bewußtsein, eine Einrichtung geschaffen zu haben, die Kranken und Siechen Gesundheit und Lebenskraft neu geben und somit reichen Segen tragen wird för unser Volkstum. Sie haben ein Beispiel gegeben, was in schwerer Zeit zäher Wille und Ent­schlossenheit vollbringen können. Möge von dem neu erstandenen Werke ständiger Segen auSgehen/

UniveriitätH'Profcjsor Dr. Brüqgcniann

brachte als Vertreter des verreisten Rektors und des ebenfalls verreisten Exrektors die herzlichen Glück­wünsche der Landesuniversität zum Ausdruck. Er rühmte die Schaffung dieser Klinik unter den gegen­wärtigen außerordentlich schwierigen Verhältnissen als eine große Tat. Die Universität fei dem 'Verein für Krüppelfürforge besonders dafür dankbar, daß er diese Anstalt in Gießen erbaut habe. Gießen sei nun unter den Universitäten in bezug auf die Ortho­pädie an die sechste Stelle getreten. Durch den Aus­bau des Krüppelheims als Orthopädische Klinif fei jetzt den Studierenden die Möglichkeit weiterer Ausbildung gegeben, eine solche Bildungsstätte fei für Hessen von allergrößter Bedeutung. Aber auch als Forschungsinstitut habe eine solche Anstalt große Aufgaben zu erfüllen, auch sie werde fleißig Mit­arbeiten an dem Fortschritt der Wissenschaft, der wieder den Kranken zugute komme. Die Universität habe sich deshalb dafür eingesetzt, daß dem neuen Institut der NameOrthopädische Universitätsklinik" gegeben werden. Er sei überzeugt, daß sich diese neue Universitätsklinik bald großes Ansehen unter den Patienten, unter den Studenten, unter ben Aerzten und in der Wissenschaft erwerben werde. Der Redner wies zum Schlüsse seiner Ansprache noch auf die beiderseitigen Verpflichtungen der Universi­tät und des Fürsorgeoereins für Krüppel hin, dankte allen Mithelfern am Werf im Namen der Universi­tät, insbesondere aber dem Vorsitzenden des Für­sorgeoereins für Krüppel, Oberbürgermeister Muel­ler- Darmstadt. Als äußeres Zeichen des Dankes habe der Gesamtsenat der Universität den Ikreins- Vorsitzenden, Oberbürgermeister Mueller- Darm­stadt, zum Ehrensenator der Ludoviciana ernannt. Der Redner überreichte hierauf dem Geehrten die entsprechende Urkunde und das Antoniterkreuz der Universität.

Nnivertitätö-Profefior Dr. Keulgen-Gictzen brachte die Glückwünsche der Medizinischen Fakul­tät als deren Dekan zum Ausdruck und rühmte den neugeschaffenen Klinikbau als ein großes Derdienst der privaten Initiative. Der Hessische Fürsorgeverein für Krüppel könne mit Stolz auf dieses Werk blicken, durch das auch ein jahrelanger Wunsch der Medizinischen Fakultät erfüllt worden fei. Zum Schluß dankte der Redner dem Vorstand des Fürsorgeverein-, Ober­bürgermeister Mueller, Darmstadt, und Ober- in^pe.toc Lang, Darmstadt wobei er als äußeres Zeichen des Dankes und der Ehrung Herrn Lang eine Dankesurkunde der Medizinischen Fakultät überreichte. Er wünschte, daß die neue Klinik zur Mehrung des Ansehens der Universi­tät beitragen werde.

Bürgermeister Dr. Hamm-ttießcn beglückwünschte den Hessischen Fürsorgeverein für Krüppel zunächst im Ramen des Hessischen Städtetages, sodann als Vertreter der Stadt Gießen, und brachte weiterhin den Dank dafür zum Ausdruck, daß die Klinik in Gießen er­richtet wurde, da auch die Stadt ein Interesse daran habe, diese Klinik in enger Verbunden­heit mit i>cr Universität zu sehen. Weiterhin sprach er der Bauleitung, der Evangelischen Kirche für ihr Entgegenkommen beim Geländetousch zum Zwecke der Bauplatzbeschaffung, sowie Ver­messungsrat Karle und allen übrigen Mit­arbeitern an dem Werk herzlichen Dank au-. Die Stadt Gießen habe ihr Opfer für diese-