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Nr. 238 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberheffen)

Montag, 12. Moder (951

Im Lager der Arbeits-Freiwilligen.

Oie ersten Versuche mit dem freiwilligen Arbeitsdienst. Mit Hacken, Spaten und Gulaschkanonen.

Don unserem H. K.-Sonderberichterstatter.

(Dachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Front der Arbeitslosigkeit!", ist eine Pa­role, die bisher sehr viel Ratschläge und Programme, aber wenig darüber gezeitigt hat. Um so bedeutsamer ist es, daß nun­mehr, wenn auch zunächst im kleinsten Um­fange, der erste praktische Versuch zur Lösung dieser deutschen Lebensfrage auf dem Wege des freiwilligen Arbeitsdienstes bei Bautzen in Sachsen unternommen wurde.

Wir erhalten hierzu von unserem H. K.- Sonderberichterstatter folgenden Bericht:

Bautzen, im September.

Eine Kolonne junger Leute zieht singend die Landstraße entlang. An einem Wiesengatter macht sie Halt. Rechts schwenkt sie ein über die Wiese, durch ein Terrain, das teilweise unter Wasser steht, an einem Bach entlang. Es ist der Al­brechtsbach, ein anscheinend harmloses Ge­wässer, das aber im Frühjahr anschwillt und das Gelände überflutet. Der Bach durchflieht die Bautzener Gegend, und seit 10 Jahren besteht ein Projekt, ihn zu regulieren. Bisher war kein Geld dafür da. Jetzt wird das Projekt mit Ar­beitsfreiwilligen durchgeführt. Cs ist der erste große Versuch der Beschäftigung von Arbeitsfrciwilligen.

Arbeitsfreiwillige sind junge Männer, die seit Jahr und Tag arbeitslos sind und die Untätig­keit zu Hause nicht mehr ertragen wollen. Sie wollen arbeiten, arbeiten um jeden Preis, und es ist ihnen auch gleichgültig, was sie arbeiten und wo! Nachdem seit Jahren laut und immer lauter von einer Arbeitsdienstpflicht gesprochen wurde, ist schließlich die Arbeitsfreiwilligkeit er­funden worden. Die Reichsregierung hat in der Notverordnung vom 3. August eine Million Mk. für den freiwilligen Arbeitsdienst bereitgestellt. Aber das Reich selbst will diesen Dienst zunächst nicht durchführen, die Probe aufs Exempel überläßt es privaten Organisationen. Hier bei Bautzen ist es der Jungdeutsche Orden. Er ist in Sachsen verhältnismäßig stark. Aber deshalb ist der freiwillige Arbeitsdienst keines­wegs eine Angelegenheit dieser Organisation. Spätestens im Frühjahr nächsten Jahres werden andere Organisationen folgen, und später viel­leicht das Reich selbst in den Oedländereien Nord­ostdeutschlands. Um so mehr muß von Anfang an beobachtet werden, wie sich dieser freiwillige Arbeitsdienst vollzieht. Die 120 Freiwilligen von Bautzen find seit dem 25. August bei der Arbeit. Ihr Werk dauert bis zum November. Und dann? Ob es neue freiwillige Arbeit gibt?

Jetzt wohnen sie in dem Dorfe P r e i t i h , zehn Kilometer von Bautzen entfernt. Aus einer Scheune hat man Schlassäle gemacht und, da der Platz nicht ausreichte, noch e,ine Baracke gebaut. Um 7 Uhr morgens ziehen die Hundertzwanzig gemeinsam hinaus zum Albrechtsbach. Sie gra­ben ihm das Wasser ab, schütten seine Neben­arme zu, verbreitern das Flußbett, bauen eine Brücke. Eine schwere Arbeit! Erde aufhacken, auf Karren schippen, abfahren. Der Dach wird von diesen 120 jungen Leuten um etwa fünf Meter verbreitert, mit Böschungen versehen, gezähmt. Eine halbe Stunde Frühstücks-, dreiviertel Stun­den Mittagspause. Um 16.30 Uhr ist die Arbeit zu Ende. Die Kolonne tritt zusammen, marschiert zurück ins Dorf Preitih, zur Gulaschkanone. Ge­meinschaftsarbeit, Gemeinschaftskleidung, Gemein­schaftswohnen, Gemeinschaftsessen!

Da 120 Mann eine zu große Gruppe wären, sind sie in kleine Gemeinschaften zu je elf Mann unterteilt. Jede dieser ll°Mann°Gemeinschaften wählt sich ihren Führer. Es geht ganz und gar kameradschaftlich zu" Auch Gemeinschaftslohn be- lommen sie. Und da sind wir eigentlich beim

Grundproblem des freiwilligen Arbeitsdienstes: Wird hier Arbeit ohne Bezahlung ver­richtet? Ja und nein. Ja denn jeder Ar­beitsfreiwillige bekommt pro Tag nur 50 Pfen­nige. Nein - denn jeder erhält Essen, Trinken, Wohnung und Kleidung umsonst. Der Königsber­ger Fleck, den es heute aus der Gulaschkanone gibt, der Schluck aus der Feldflasche, das Bett in der Baracke und der blaue Arbeitsanzug sind die eigentliche Löhnung. Die 50 Pfennige sind Taschengeld. Es ist natürlich wenig. Aber bitte: es sind Freiwillige! Sie haben, als sie zu diesem Dienst antraten, gewußt, was sie taten. Und es liegen bei der Leitung des Arbeitsdienstes 5000 Gesuche junger Leute vor, die gern Arbeits­freiwillige fein möchten, wenn nur genügend Ar­beit da wäre zu diesen Bedingungen.

Während wir über die Wiesen öum Albrechts­bach gehen, erläutert der Leiter des Arbeitsdien­stes. Dipl.-Jng. Wulfs, diese Bedingungen und ihre Ursachen. Woher kommt das Geld zur Re­gulierung des Baches, zur Löhnung der Frei­willigen? Nur etwa 10 Prozent des notwendi­gen Betrages stammen von der A r b e i t s l o - sen-Dersicherung, alles andere ist müh­sam aus den verschiedensten Etatsposten des Landes Sachsen zusammengeholt. Ein Teil stammt aus Staatsmitteln für die Jugendlichen­hilfe Jugend ohne Arbeit braucht ja Hilfe am dringendsten!, einen anderen Teil hat das sächsische Finanzministerium aus Wasserbaumit­teln freigemacht. Noch fehlende 15 000 Mark wurden von der Stadt Bautzen und einer Ge­nossenschaft der interessierten Bauern und Guts­besitzer gegeben. Wobei zu bemerken ist, daß diese 15 000 Mark in Wirklichkeit ebenfalls von der Re­gierung, allerdings in Form eines Darlehens, stammen. Der Staat Sachsen wiederum bekommt einen Teil desf en, was er bewilligte, vom Reich zurück. Nicht von der Million des Arbeitsmini­steriums, die noch nicht greifbar ist, sondern aus Mitteln der - Osthilfe. Osthilfe, wieso Ost- hilse in Sachsen? Ja, der Albrechtsbach liegt öst­lich der Elbe!

Also immer wieder Gelder des Reiches oder des Staates. Die Mittel der Arbeitslosen-Der- sicherung, an die bei der Finanzierung des Ar­beitsdienstes in erster Linie gedacht war, da man meinte, es sei besser, Arbeit zu finanzieren als Arbeitslose diese Mittel reichen nicht aus. Und da Reich und Staat selbst in größten Röten sind, wird es wohl zunächst schwierig sein, den freiwilligen Arbeitsdienst in größerem Umfange zu unterhalten. Wenn auch jeder Mann pro Tag nur alles in allem 3 Mark kostet!

Und die jungen Leute sind froh und vergnügt: Es ging ja nicht mehr fo weiter, sagen sie, dies Zuhausehocken ohne Beschäftigung! Lieber arbei­ten! Schippen, hacken, karren - karren, hacken, schippen... Manchen fällt es sehr schwer. Denn nicht alle Arbeitssreiwilligen sind körperliche Ar­beit gewohnt. Reben vielen Arbeitern aus der stilliegenden Metallindustrie Sachsens sind auch kaufmännische Angestellte dabei, Buchhalter, denen diese Tätigkeit Muskelschmerzen macht. Aber sie halten durch! Der freiwillige Arbeitsdienst ist gleichzeitig eine gesunde Umschulung: Die Schar der geistigen Arbeiter hatte zwar an­fänglichMuskelkater", aber sie hat sich bald in die veränderte Arbeit gefunden. Der Ausfall an Kranken ist ganz gering! Einen dieser Kranken, der mit verbundenem Arm in der Sonne ruhte, habe ich gefragt, ob es nicht auch mal ganz schön sei, hier friedlich zu sitzen und ein paar Tage nichts zu tun.Nein," sagte er,arbei­ten i st besser!" Sie sind so lange arbeits­los gewesen, dah sie wieder den Segen der Arbeit begreifen!

V-

Blick auf den polnischen Ostseehafen Gdingen bei Danzig, wo eine Leuchtgasexplosion in einem neu­errichteten Häuserblock 17 Todesopfer forderte.

Wehrpflicht gegen die Not.

Ein Aufruf an Alle.

Von Schulrat Heinrich Hassinger-Oarmstadt.

Ein harter Winter steht bevor: er wird die wirt­schaftliche, geistige und seelische Not in unserem Volke steigern: er wird besonders hart diejenigen unserer Brüder und Schwestern anfallen, die ar- beits- und erwerbslos find. Schon haben Reich, Staat und Gemeinden zu wirtschaftlicher Hilfe auf­gerufen, schon haben die Wohlfahrtsverbände aller Richtungen den Kampf gegen die leibliche Not aus­genommen.

Nun wollen auch wir, die wir um die geistige und seelische Not wissen, in die Reihe ein- springen

und viele auch in dieser Beziehung dar­bende Volksgenossen nicht hilflos draußen stehen lassen.

Darum heran alle, die in Bund u n d V e r e i n, in Gruppe und Gemeinschaft geistige und seelische Güter bewahren und pflegen. Ein Dienst­zwang sei für sie alle ausgeschrieben, eine allge­meine Wehrpflicht gegen die Not!

Als ich im vorigen Jahre den Ruf zu einemMit­einander" der Hilfe gegen die seelischen Gefahren der Arbeitslosigkeit ergehen ließ, hat weithin ein edler Wettbewerb der Kameradschaftlichkeit eingesetzt. Gemessen an der Größe der heutigen Aufgaben, darf das aber nur als Vorbereitung gelten, als er­ster Versuch. Heute gilt es den Angriff auf breitester Front! Wir wollen die Pioniere sein, die wetteifern miteinander. Wir wollen unter voller Hingabe be­reit sein, selbstlos und uneigennützig die Brücken zu schlagen, die das schlimmste an Not und Gefahren überbrücken sollen!

Ivehrpflichtig ist die Jugend oller Bünde und vereine?

Zu planvoller Bruderhilfe an ihren arbeitslosen Jugendgenossen muß sie bereit sein. Es ist keine Zeit zu verlieren, die Vorbereitungen müssen schon heute getroffen werden. Die Hilfe aber darf sich nicht nur erstrecken auf die Nahestehenden des eigenen Bundes, sie muß heranreichen auch an die Fernen, an die Scheuen, die Gedrückten und Einsamen. An Wärme und Licht der Nester, Heime und Jugend­herbergen sollen sie ihren Teil haben, sollen empfin­den das Geheimnis der tragenden Kraft in unserem Ringe der Hilfe.

Wehrpflichtig sind die Vereine der Turner und Sänger, der Sportler und Wanderer, die großen und kleinen Verbände! Sie werden das Werk fortsetzen und ausbauen, das im Vorjahre be­gonnen wurde. Ihr Wirken wird über den Ver -

ein hinauswachsen, wird Arbeit und Dienst am Volke sein. Der Gedanke an den eigenen arbeits­losen Bundesbruder, an die Not in Millionen deut­schen Familien wird allen Veranstaltungen, der Ar­beit und den festlich bewegten Stunden das Zeichen der Würde und der Hilfsbereitschaft aufdrücken.

Wehrpflichtig sind alle Träger der Volksbildungsorbeit!

Die Weltanschauungs- und die Berufsgruppen werden ihre geselligen und fortbildenden Zusammen­künfte, ihre Freizeiten, Treffen und Kurse unter steter Bezugnahme auf die Erwerbslosen- Hilfe einstellen. Eine besondere Aufgabe erwächst den Volkshochschulen und Volksbüche­reien.

Für alle Arbeiten aber, soweit sie nicht in die Hand von Erwerbslosen selbst gelegt werden, bedarf es der Hilfskräfte! Darum Freiwillige vor!

Niemand darf sich seiner Pflicht entziehen. Kraft und Liebe jedes einzelnen müssen vervielfacht wer­den! Die Front ist breit, die Kampfgruppen sind verschiedenartig genug, um jedem die Möglichkeit des Einsatzes zu geben. Diese Dienst- und Wehr­pflicht gilt

für Stadt und Land in gleichem Maße und in gleicher Dringlichkeit.

Halte jeder sich bereit, wenn der Ruf seiner Gruppe an ihn ergeht!

Die gemeinsame Not soll uns gemeinsam im Kampfe finden. E i n Volk, e i n Wille und jeder ein Kämpfer! Wenn wir durch den Winter hin­durch sind, wird gefragt werden, was getan wurde. Scham dann über jeden, der sich in diesem entschei­denden Kampfe gedrückt hat!

Keine allgemeine Fristverlängerung für Steueramnestie.

In einer offiziösen Mitteilung wird darauf hin­gewiesen, daß die Gerüchte, wonach die Fristen für die oteueramneftie und Vermögens­erklärung allgemein bis zum 15. November ver- längert würden, jeder Grundlage entbehren. Es ist nicht beabsichtigt, die Frist über den 15. Oktober 1931 hinaus zu verlän­gern. Hingegen hat die Reichsbahngesellschaft an- geordnet, daß die Zeichnung auf die Amnestie- anleihe die erste Rate nicht am Zeichnungstage, sondern erst am 5. Januar 1932 entrichtet zu werden braucht.

Falierfang in den Tropen.

Von Friedrich Schnack.

Ich wollte Nachtschmetterlinge fangen. Auf der QJeranba des madagassischen Kolonialhauses hatte ich ein großes ßeinentuch, wie es von den Eingeborenen als landesüblicher Umhang getragen wird, an die Bambuswand geheftet, und davor eine hundert- lerzige Glühlampe gehängt, die von dem Kraftwerk einer nahen Graphitgrube gespeist wurde. Die Nacht- ßalter, Freunde des Lichts, sollten durch die Lampe wnb den Widerschein auf der Leinwand angelockt werden. Jetzt, am Nachmittag, schliefen sie wohl in den verworrenen Bambusdickichten oder im Urwald an den Rosenhdlz- und Palisanderbäumen. Als die Dladjt um achtzehn Uhr hereinbrach, schaltete ich die Lampe ein, das Tuch strahlte wie eine Film- Oinwand in die Finsternis. Das Dschungel blinkte aus der Schwärze. Die breiten Blätter der baum­hohen Lungusapflanzen, die mit dem Bambus an Uleppigfeit wetteiferten, blinkten wie Lanzenschneiden und Buschmesser. Der Himmel war sternenhell. Neu­mond. Aus den Hütten des nahen kleinen Dörfes schallten zur Abendtrommel die Rufe der über die Lichtfülle verwunderten Eingeborenen

Es dauerte nicht lange. Leichte Geschwader von Faltern stoben an, winzige und mittlere Flieger, die Aorhut gleichsam. Diese kleinen, aufgeregten Nacht geistchen hatten tagsüber an einem Bambusreis, einem Maniokstengel ober auf bem Leberblatt eines Brotfruchtbaums geschlafen Das Leuchtfeuer unb bie Stunbe ihres Flugs hat.« sie geweckt. In einem weißen, flirrenben Tanz umftoben sie bie Lampe. Änbere flockten auf die Leinwand, entbreiteten die Flügel, als wollten sie das Blendwerk des Glanzes umarmen, und preßten ihren dünnen Leid flach an, wie in liebender Hingabe an die UeberfüUe unb All inpcht bes ihnen geschenkten Lichtes. In starrem Ent ;»cken ruhten sie auf ber milchweißen Fläche Welche unbekannten Wonnen empfanben sie? Auch unter tun aschgrauen unb grünlichen Spannern, ben braunen, rinbenfarbigen unb staubigen Eulen unb ben kleinen weißen, ben bärenähnlichen Freunben, geb es überaus kleine Falterchen, die sehr schon waren. Federweiße Dinger, übergürtet von ziegel­roten Wellen und betupft mit schwarzen Punkten, reizend wie ein feines Tapetenmuster. Andere be­standen aus Rot, Drange unb Schwarz. Auf welchen frembartigen Pflanzen mochten ihre Raupen einst gemeibet haben? Auch wirbelten Farbsplitterchen an,

aus Golb geprägt unb mit Perlmutter übergossen. Vielleicht stammten sitz von ben Ufern der Bergflüsse. Einige hatten silberne Flügel, und in dem geschliffe­nen Schein der Schuppen spiegelte ein geheimnis­voller Türkis. Möglicherweise träumten die ein­geborenen Goldschmiede und Ebelsteinschleifer solche Träume.

Doch blieben diese kleinen Schmetterlinge nicht allein. Viele kamen zu ihnen. Ein ganzer Reigen tanzte bereits. Da krachte eine Bombe gegen bie Leinwand. Ha, was war das? Ein Nachtfalterriese? Kein Schmetterling. Ein Käferkerl von mächtigem Körperbau kroch über ein paar stille Lichtanbeter. Es war ein Nashornkäfer. Drohend ragte fein Nas­horn. Man konnte ihn kaum zwischen ben Fingern halten, so ungebärbig arbeitete er mit seinen starken Schenkeln. Aus bem Barnbusbschungel war dieser Bursche herausgekrochen

Indes ich noch mit bem Athleten beschäftigt war, segelte geisterhaften Flugs ein großer schwarzer Falter heran. Fast so groß war er, wie ein Wiener Nachtpfauenauge. Er trug auch auf jedem Flügel ein dunkles Nachtauge. Üeberrascht blickte ich ihm entgegen. So ruhig und behutsam flog er an, als wäre er nur neugierig auf dieses helle Feld an der Wand, unb keineswegs wirr wie bie anberen großen Falter, bie jetzt von ber Walbseite besteuerten unb in erschrockenen Flügen bie Lampe umschnellten. Samten, wie ein Bote ber Dunkelheit, schwebte er auf mich zu. Er war es auch. Es war der ßulpatt, ber Seelenschmetterling, in dem sich nach dem Glauben der madagassischen (Eingeborenen ein Ver­storbener wieder verkörperte. Sie fliehen feinem An­blick. Mir kam er gerade zurecht. Zwei schwere Falter, jeder mit ausgespannten Schwingen groß wie eine Hand, raschelten ungestüm über das Tuch, zu irrsinnigen Anstrengungen von dem Strahlenschein verführt. Die Urwaldbäume hatten sie herangesandt. Gleich Blumensarbeii flammten ihre orangegetönten Hinterflügel auf, und eine schwarze Spirallinie wurde darauf sichtbar. Neue Gäste, Schlag auf Schlag. Die Finsternis schien wunderbare geflügelte Phan­tasien auszusprühen. Und mitten hinein paukten klobige Käfer, rasselnde Trommelschläger auf den ge­spannten Stoff. Wieder andere knallten mit ben Köpfen gegen bie Bambusflechtwand, baß ihnen Hören unb Sehen verging. Betäubt hingen sie ober lagen sie am Boden auf bem Rücken, bie Beine hilflos in ber Luft

Einen packte ich, ba gab er, weiß Gott, Laut. Er schrie", als wäre auch er eine verwunschene Ein-

geborenenfeele, bie nachts um beluchtete Kolonial­häuser schwirrt. Ein gigantischer Bock schnurrte baher. Er war lang wie ber Zeigefinger, hatte holz- farbene Flügelbecken unb lange Geißelfühler. Mit biefen riesigen Fühlerpeitschen war er durch die von Grillen unb Zikaden schrillende Finsternis gestoben, ein zornerfülltes Flugboot. Mochte er noch so lange Antennen haben, sie waren nichts im Vergleich zu denen einer bernsteinfarbenen Grille, die verdutzt auf dem Tuch herumspionierte, einen Fühler nach hinten, einen nach vorn gestellt. Fünfmal länger als die Trägerin selber waren diese verrückten Fühlerfäden. Sie war es wohl, die Geigenkünstlerin, die allabend­lich im Gras die ohrenbetäubenden Schrillkonzerte ver­anstaltete. Natürlich, auch die gräßliche Amazone, die Gottesanbeterin, bie im Busch ihre Opfer mit ben sägeartigen Sangarmen ermordet, vermeinte, zum Eastmahl des seltenen Lichts geladen zu sein. Gläsern schwirrend, einer großen Libelle nicht unähnlich, mit rosaglimmenden Unterflügeln kam bas grüne Insekt herbeigcstürzt unb stellte seine rechtwinklig ein­gesetzten Laufbeine auf das Tuch Den beweglichen breiccfigcn Kopf mit den räuberischen Augen drehte sie bald nach ber einen, halb nach ber andern Seite, wo die kleinen Falter mit den Goldflecken saßen. Ein graubrauner, unscheinbarer Schwärmer stieß heran, ein kleiner aus der Nacht mir zugeschossener Jnsekien- pfeil. Er sah nach nichts aus,'war aber auf dem Sammlermarkt ein ganz seltenes Tier, von dessen Art bis jetzt nur vier Stück nach Europa gebracht worden waren und in großen Sammlungen aufbewahrt werden. Sicherlich wird der berühmte Schwärmer­kenner und Sammler, ber ßonboncr Baron Roth- fdjilb, meinen glückhaften Nachtfang erwerben wollen!

Das brauste, schwirrte, funkelte unb stob Käfer aller Sorten, Schmetterlinge aller Arten, Mu­sikanten Räuber unb Buschklepper. Alle wollten ihren Anteil an ber elektrischen Sonne haben, bie als ein neues Nachtgestirn in ihrem exotischen Dunkel aufgegangen war Um Mitternacht sockte sie aber einen herrlichen Falter, einen ber allergrößten, den es gibt, ben Adias cometas. um dessen Besitz sich die Jnsektenhändler in Europa raufen. Er gilt heute noch als ein sehr seltener und teurer Nacht schmetterling, zumal er nur in Madagaskar vor kommt und noch nicht sehr zahlreich gefangen wurde Sein ßebensgang ist unbekannt Wie sine kleine, goldene, zweizipfelige Fahne schwenkte er aus dem Dunkel der Nacht und umruberte bas elektrische Ge ftirn. Wahrhaftig, er hatte zwei lange, mindestens zehn Zentimeter messende gelbbraune Schwänze, und

feine Tracht war von zartestem goldgelben Samt. Auf jedem Flügel dunkelten große, ernste Nachtaugen, insgesamt vier. Schwerfällig raschelnd, voll Trunken­heit und Verwirrung umstob er glimmend mit fupferig phosphoreszierenden Augen funkelnd, die grelle ßichtkugel, und fein mächtig vergrößerter Schatten irrte und wankte über die Helle ßeinroanb, gleich dem Abbild eines seltsamen Geistes. Sicherlich war er, ber Falterriese, ein Elf biefer frembartigen, von tausend Wisperlauten und Schwirrtönen trom­melnden Jnselnacht ...

Künstler, zahlt mit Bildern!

Die Rot ber Künstler ist in andern Ländern nicht viel weniger groß als bei uns, unb überall sucht man nach Maßnahmen, um das harte Schicksal dieser Kulturträger zu lindern. In Skan­dinavien hat man mit einigem Erfolg Organi­sationen ins Leben gerufen, die es den Künst­lern ermöglichen sollen, ihre Arbeiten zur Be­zahlung von lebensnotwendigeren Dingen zu be­nutzen. Besonders der Künstlerklub in Stock­holm macht Propaganda für solche Tausch­geschäfte unb sucht bem Publikum klarzumachen, daß es bei der Annahme solcher ..wertbestän­digen Zahlmittel" ein gutes Geschäft macht. Der Gedanke ist nicht neu, wenn er auch freilich früher nicht so im allgemeinen, sondern mehr von Fall zu Fall durchgeführt wurde. Wie oft hat sich in glücklicheren Zeiten, ba man ber Kunst noch mehr Liebe entgegenbrachte, ein Gastwirt von einem Maler, der bei ihm sehr in der Kreide saß. ein prächtiges Schild malen lassen, und es gibt so manches alte Lokal, dessen Wände mit beute hochgeschätzten Bildern geschmückt sind, die die Stammgäste vom Künstlertisch statt der Be­zahlung zurückließen. Auch sonst kam es wohl vor, daß der Arzt für eine längere Behandlung, öic der Künstler nicht mit Geld begleichen konnte, sich dafür von ihm porträtieren ließ und daß der Schneider oder Bäcker für die hoch auf­gelaufene Rechnung von einem armen Maler das Bildnis seiner Eheliebsten Herstellen ließ. Damals war eben das Verhältnis zwischen Künst­ler unb Publikum noch patriarchalischer, und beide fuhren gut dabei. Heute soll die viel unpersön­lichere Organisation Helsen. Aber wenn es da­durch in Schweden gelungen ist, das Interesse weiterer Kreise für das Schaffen der Künstler zu steigern, dann verdiente ein solcher Schritt wohl allgemeinere Nachahmung.