Ausgabe 
12.9.1931
 
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181. Jahrgang

Samstag, 12. September (931

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vnis vnd Verlag: vrühl'fche U«iverfitStr-vuch' und Steinönuferel 8. Lange'in Stetzen. Schrifileitung und Seschästrltelle: Schulttratze r.

Hilfe durch Siedlung!

Briands Rebe in Genf

Gine Hymne auf den Völkerbund

Briand alsBaumeister der deutsch-französischen

licheS Ergebnis in dieser Kernfrage Europas und

zöfifche Außenminister nicht gesagt bi Wort siel über den Grandischen Dorschi

ruktionsaoparats den g< mischten Agrar-Industriestc

gesunden Boden des ge-

Wie stehi Frankreich zur Abrüstung?

er

der ganzen Welt nicht erzielt werden. Höchst aufschlußreich ist daS, waS der fran- ~ ' 1 r)at. Kein

----------------------- ------log eine- RüstungSfeierjahreS, und mit keiner Gilbe ging Driand auf das Plädoyer Lord TecilS für eine

mischten Agrar-Industriestaats unter den Füßen zu verlieren beginnen, das empfinden wir heute in einem Augenblick besonders schmerzlich, wo eine schwere Absatzkrisis für die Exportindustrie mit

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Chefredakteur

Dr. Frredr. Wich. Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr tz ldyriot; für den übrigen Ted Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

schnelle Finanzhilfe zugunsten Deutschlands ein. Welch ein Gegensatz zwischen dön Ausführungen Lord TecilS und DriandS! Hier die Erkenntnis der Gefahren, die aus der Krise besonders Mittel­europas erwachsen, und der Wille au energischer Bekämpfung in enger Zusammenarbeit, dort daS kurzsichtige Vertrauen auf die Stärke dcS eigenen Landes und der Entschluß, die gegenwärtige Vor­machtstellung nicht aus den Händen zu geben.

Den Appell Lord TecilS, daß Deutschland und Frankreich im Interesse deS Weltfriedens auf eine Verständigung hinarbeiten sollten, hat Vriand aufgegriffen. Er hat sich dabei stolz als einen Baumeister dieser Annäherung be-

Denf, 11. Sept. ($11.) In der Völkerbunds- Versammlung nahm am Freitag der französische Außenminister Driand das Wort zu seiner angekündigten Rede. Er führte aus, daß er als Vertreter Frankreichs wie alljährlich auch dieses Mal ein Glaubensbekenntnis zum Völkerbund ob­legen wolle. Man spreche viel von dem Hiebet» gang des Völkerbundes, von den Enttäuschungen, die die Völker durch da- Versagen dieser inter­nationalen Organisation erlitten hätten. Die mo­ralische Stellung des Völkerbundes sei aber zu gesichert und gefestigt. Aber gerade weil diese direkte Möglichkeit deS offenen Angriffes fehle, versuchten alle die zahlreichen Kreise, deren Pläne durch den Völkerbund gestört worden wären, auf indirektem Wege Schwierig­keiten und Unzulänglichkeiten zu schaffen. Wenn man die Lage aufmerksam studiere, könne man sagen, daß sich gerade für die Tätigkeit deS Völkerbundes neue Hoffnungen und Tin» Wirkung-Möglichkeiten ergäben. Man dürfe nicht vergessen, daß die jetzigen Schwierig­keiten eine der Folgeerscheinungen

obwohl er uns im Einzelnen manch ernste Gefahr in sich zu bergen scheint. Dietrich geht offenbar von dem ihm als Verwalter der erschöpften Reichskasse besonders naheliegenden Gedanken aus, daß es dar­auf ankommen müsse, einmal die unter der Wohl­fahrtserwerbslosenfürsorge zusammenbrechenden Ge­meinden zu entlasten, gleichzeitig aber auch eine möglichst {yofoe Anzahl von Erwerbslosen der demo- ralisierenden und seelisch niederdrückenden Untätig­keit zu entreißen. Neben dieser aus der Not des Augenblicks geborenen Sorge scheint aber auch, was wir besonders begrüßen, der Gedanke mitzusprechen, daß die Fehlleitung der Bevölkerung vom Lande in die Stadt durch eine rückläufige Bewegung, wie sie hier und da der gesunde Instinkt des Volkes schon angebahnt hat, aber z. B. durch eine törichte, die Großstädte bevorzugende Baupolitik hintange- halten wurde, kompensiert werden müße.

Diesen Zwecken sott nach dem Dietrichschen Plan dreierlei dienen. Einmal sollen nament- ttch die Großstädte in ihren Außenbezirken aus ihrem Grundbesitz einer möglichst großen Zahl von Erwerbslosen Land in der Rähe ihrer Wohn- stätten zur Anlage von Schrebergärten zur Verfügung stellen, deren Bewirtschaftung wenig­stens nach einer gewissen Anlaufzeit durch Erhöhung der Pacht oder Kürzung der Un­terstützung für die Städte eine finanzielle Ent­lastung sein konnte. Weiter greift schon der zweite Vorschlag, der ebenfalls am Rande der Groß­städte Erwerbslosen durch Ueberlassen von Grund und Boden, Belieferung von Holz aus den Staats- oder Gemeindeforsten und finanziellen Zuschüssen aus Mitteln der Hauszinssteuer oder der Krisensteuer Gelegenheit zur Errichtung einer sog. Klein st siedlung, also Holzhaus in be­scheidenstem Ausmaß und Anbaufläche von zwei bis vier Morgen Land geben will. Bei einem Kostenaufwand von insgesamt 200 Millionen Wk. rechnet der Plan mit der Möglichkeit, 100 000 Erwerbslose auf diese Weise ansiedeln zu können. Es würden also insgesamt 300 bis 400 000 Men­schen dem zermürbenden Druck der Arbeitslosig­keit und dem seelemnordenden Leben der Groß­stadt entzogen. Man hat dagegen zu bedenken ge­geben, daß diese Art der Siedlung vorläufig nicht nur keine finanzielle Entlastung bedeute, son­dern noch obendrein zusätzliche Aufwendung er­fordern werde. Uns erscheint dieser Einwand in­dessen wenig stichhaltig gegenüber der in dem Vorschlag liegenden Abkehr von den auSgefahre- nen Gleisen einer längst problematisch gewordenen Fürsorge zu einer weitsichtigen Umschichtung der Bevölkerung, die den Arbeitsmarkt dauernd ent­lasten und durch Verringerung des besitzlosen In­dustrieproletariats die soziale Krisis erleichtern kann.

Die größte Bedeutung kommt aber unseres Er­achtens dem dritten Vorschlag zu, der aus Ar­beitslosen. die von Hause aus vom Lande stam-

zeichnct und hervorgehoben, daß die französischen Staatsmänner nach Berlin gehen würden, um dort nicht mit Worten, sondern mit grund­legenden Taten eine dauerhafte Zusammen­arbeit au schaffen. Wir begrüßen es, daß die Franzosen die Besprechungen in einer Atmo­sphäre des gegenseitigen Vertrauen- und bet Verständigung führen wollen. Brianb kann e- uns nach ben Erfahrungen ber Vergangenheit aber nicht verbenken. bah wir bieser Ankündi­gung mit Zurückhaltung gegenüberstehen. Seit der Abwürgung deS Planes der deutsch-öster­reichischen Zollunion hat Frankreich nichts getan, waS eine Annäherung hätte fördern können. Deutschland wünscht, um eine Binsenwahrheit noch einmal zu wiederholen, aufrichtig die Ver­ständigung mit Frankreich, aber die Rede DriandS iäbt leider wenig Hoffnung, daß auf fran­zösischer Seite die Geistesänderung eingetreten ist. die allein ein Zusammenkommen der beiden Völker ermöglichen kann.

Verständigung". Die Gicherhettshypothek für die Abrüstungskonferenz. Kein Wort über den Grandi-Vorschlag eines Rüstungsfeierjahrs.

de- Kriege- seien. Man habe nach dem Kriege in allen Ländern ein außerordentlich starkes Arbeit-- und Produktion-- b e d ü r s n i s gehabt. Man habe gearbeitet und erzeugt ohne Disziplin, ohne die Anstrengungen untereinander in Einklang au bringen. Dei diesen Schwierigkeiten frage man sich, waS habe der Völkerbund getan, weshalb habe er die Völker in Unruhe und Leid hinabsinken lassen.

Aber gerade da- Fehlen des DcmeinschaftS- geisteS habe den Völkerbund daran gehindert, bis- yer nützlichere Arbeit au tun. Es seien natür­lich auch durchaus wohlbegrünbete Argumente ge­gen Vernachlässigungen des Völkerbundes vorge­bracht worden. Aber daneben seien eben biege- heimen Gegner am Werke, bie die alte Hoffnung hätten, diese internationale Vereinigung zerstören zu können. Aber bie Völker wollten heute ben Dölkerbunb und er sei zu sest gebaut, als daß er erschüttert werden könne. 3m vorigen Iahre, in einem Zustand der allgemeinen Un­ruhen, hätten sich bie Staatsmänner zusammen­gefunden und in einem großen Manifest von

Driand ist mit seiner in der Dölkerbund-- versammlung gehaltenen Rede zum erstenmal auS der Reserve herauSgetreten, die er sich bis­her während ber Genfer Tagung auferlegt hat unb bie ben Einbruck erwecken mußte, daß er von Pari« weitgehend kaltgestellt worden ist. Rhetorische Wirkung hat er auch dies­mal wieder zu erzielen vermocht, wie auS dem starken Deifall am Schluß feiner Ausführungen hervorgeht Manche von den Delegierten, die ihm spontan huldigten, mögen sich dabei im ersten Augenblick nicht darüber klar gewesen sein, daß Driand dem Gedanken der internationalen Ver­ständigung mit seiner Rede einen schweren Schlag verseht hat. DaS platonische Glaubens- bekenntniSzumDölkerbund kommt nicht überraschend. (Eigenartig aber berührt es, wenn der französische Außenminister von den Kreisen spricht, die dem Völkerbund Schwierigkeiten und Unzuträglichkeiten schafften. Hat er vergessen, daß gerade Frankreich es war, das sich immer wieder der Idee des internationalen Zu­sammenwirken- hindernd in den Weg gestellt hat? Er hätte wahrlich allen Grund gehabt, an die eigene Brust zu schlagen und nicht mit heuch­lerischer Geste nach anderen Störenfrieden zu suchen.

Schwere Enttäuschung muß die Stellungnahme Driand« zur Abrüstungsfrage Hervor­rufen. Aufs neue ertönte aus feinem Munde die alte Weife, daß der Herabsetzung der Rüstungen eine Erhöhung der Sicherheitsga­rantien vorauSgehen müsse. Der allgemeine Schiedsvertrag und der Kellogg-Pakt werden von ihm ausdrücklich als lückenhaft bezeichnet. Das Genfer Protokoll wird wieder ausgegra­ben und al- Voraussetzung für eine ak­tive Beteiligung Frankreich- an dec Abrüstung hingestellt. Frankreich hat also in dieser Hinsicht seine Stellungnahme nicht im geringsten verän­dert. Unter diesen Umständen bedeutet es herz­lich wenig, wenn auch Briand dafür eintritt, daß die Abrüstungskonferenz an dem vorgesehenen Termin eröffnet werden müsse. Zustimmen kann man ihm nur darin, daß eine Richterfüllung der feierlich übernommenen Abrüstungsverpflichtung einen Zusammenbruch des Völkerbundes bedeu­ten würde. Dei der Delastung, die Driand der Abrüstungskonferenz aufbürbet, kann ein toirf-

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Tributzahlungen durch forcierte Ausfuhr von In- dustrieprodukten zu verdienen, haben diese Entwick­lung natürlich noch begünstigt. Und obwohl der Boden bereits bedenklich wankte, auf dem wir bauten, wurden nun noch unter Verkennung nativ- nalpolitischer Notwendigkeiten amerikanische Me­thoden und amerikanisches Tempo auf Ausbau und Rationalisierung unseres industriellen Produktions­apparates übertragen. So kommt es nicht von un­gefähr, daß neben England und den Vereinigten Staaten gerade Deutschland im Gegensatz zu Frank­reich am schwersten unter dem Verfall der Welt- Wirtschaftskonjunktur zu leiden hat, verstärkt noch durch die Folgen des Versailler Diktats (Zerreißung Oberschlesiens, Abtrennung Ostpreußens, Verlust großer Agrargebiete des Ostens, des Saarlandes und Elsaß-Lothringens) und durch die wirtschafttich unsinnigen Reparationsleistungen.

Aber viel zu lange schon haben wir uns damit zu trösten versucht, daß es ja anderen Ländern auch schlecht gehe und daß es nur durchzuhalten gelte, bis der Weg durch das Wellental wieder hinauf- führe zum Stamm einer neuen Konjunkturwelle. Jetzt endlich scheint sich die Erstarrung zu lösen und die Erkenntnis dämmert, daß uns mit Provisorien nicht weitergeholfen wird, daß es unmöglich damit getan fein kann, durch schematische Abdrosselung der Ausgaben und schärfstes Anziehen der »Steuer- schraube zwar den Finanzbedarf des Staates mit Ach und Krach sicherzuftellen, aber durch diesen fort- gesetzten Aderlaß den Verfall der Wirtschaft und das Anwachsen der Arbeitslosigkeit ooranzutreiben. Statt ideenlos und jeder Initiative bar der Ent­wicklung zur Katastrophe untätig zuzuschauen und mit gefallenen Händen Idolen nachzutrauern, die einer für immer entschwundenen Epoche angehören, müssen wir uns endlich aufraffen, den Kreis zu zer- Hauern der uns in feinen Bann gezogen hat, und den Mut fasten zum Absprung von einem Karussell, das uns mit der Unerbittlichkeit ökonomischer Grund­gesetze herumwirbelt. Man glaube nich^ daß eine politische Verständigung mit Frankreich und als deren Folge neue Auslandkredite in welcher Form auch immer uns der Pflicht enthöben, die Fehler wieder gutzumachen, die wir beim Aufbau unserer nationalen Wirtschaft begangen haben. Wir müssen unter sehr viel schwierigeren Umständen nachholen, was in guten Zeiten versäumt wurde, unserer In­dustrie die breite Basis geben, die sie befähigt, auch schweren Erschütterungen auf den Weltmärkten, ge­stützt auf einen starken inneren Markt, mit Gelassen- heil zu begegnen, wollen wir nicht unsere Zukunft als Staat und Volk um eines Linsengerichts willen aufgeben. In diesem Sinne begrüßen wir das Wort des Reichsarbeitsministers Stegerwald von dem Umbau unserer Bevölkerungsstruk- t u r und als ersten Schritt aus gefährlichem Rebel provisorischer Augenblickslösungen zu grundsätzlicher Umkehr vom falschen Wege auch den Sied- lu n g s p l a n des Reichsfinanzministers Dietrich,

ein vom nationalpolitischen Gesichtspunkt aus schwer- wiegendes Versäumnis, das uns noch einmal teuer Zu stehen kommen wird, so kam hinzu die Ent­leerung des agrarischen Ostens durch den forcierten Ausbau der Industrie in den westdeutschen Rand­gebieten. Der Wanderung vom Osten nach dem Westen ging parallel die Wanderung vom flachen Lande in die Stadt. Hunderttausende deutscher Menschen, die unter anderen Umständen in den Oft- Provinzen einen kräftigen Stamm für eine breite bäuerliche Besiedlung hätten abgeben können, mür­ben westlich der Elbe im Laufe weniger Jahre zum wurzellosen Jndustrieproletariat, das sich besonders in Mitteldeutschland und in Rheinland-Westfalen in den ungesund rasch emporschießenden Industrie­städten zusammenballte. Der verlorene Krieg und ber Zwang, die uns im Versailler Dittat auferlegten

Es hat sich, scheint es. nun doch endlich herum- gesprochen, daß die deutsche Krisis keine temporäre Erscheinung ist, der man mit ausgesprochenen Be- helssmaßnahrnen beizukommen vermochte. Es be- ginnt vielmehr die Erkenntnis zu dämmern, daß die erschreckend anwachsende Arbeitslosigkeit als sicht- barste und schmerzlichste Erscheinung der Krisis nur zu einem Teil die Folge der Umwälzungen auf Den Weltmärkten, der politifchen Unsicherheit in Europa und der Kreditkündigungen des Auslandes ist, daß für einen anderen, nicht zu unterschätzenden Teil bie Ursachen weit tiefer liegen Man braucht nicht gleich mit dem heute viel zitierten Ferbinanb Fried anzunehmen, baß mit dem Abschluß der Epoche der großen, die Wirtschaft befruchtenden und oorwärtstreibenden technischen Erfindungen nun das End« des Kapitalismus und der Ucbergang von der freien Wirtschaft zur staatlichen Planwirtschaft, von ber Kontinente umspannenden Weltwirtschaft zur national begrenzten Raumwirtschaft gekommen ist, um zu erkennen, baß wir uns mit unserer in- buftrieUen Expansion zu weit vorwagten, ohne bie Basis für eine auf stärksten Absatz angewiesene Industrie ausreichend verbreitert zu haben. Daß wir bei dem in ben letzten Jahrzehnten man muß chon Jagen im letzten halben Jahrhundert in türmischcm Tempo und in riesenhaften Dirnen- ionen aufgeführten Bau unseres industriellen Pro-

markenpolitik, der analog unserer Verwaltung des Reichslandcs Elsaß-Lothringen zwischen Zuckerbrot und Peitsche, zwischen sentimentalem Bekuren der Polen und rücksichtslosen Enteignungen hin- und chwankte, kam aus Mangel an einer stetig ver- ':*,u----1* ~ n -- nie hinaus.

einer nicht minder schweren Erschütterung der Ren- tabilität der heimischen Landwirtschaft zusammen- trifft, wobei Ursache und Wirkung vielfach inein- anberlaufen um im Ganzen eine Katastrophe der nationalen Wirtschaft überhaupt und eine ernste Be­drohung der Wurzeln von Staat und Volk zu zeitigen. |

Ein nicht nur oberflächlicher Blick auf das glück­lichere Frankreich, das wie eine paradiesische Insel aus der Flut der zusammenbrechenden Welt- wirtschaft herausragt, zeigt, daß es nicht nur der gewonnene Krieg, nicht nur ber Strom der beut- scheu Tributzahlungen, nicht nur bas riesige Kolo­nialreich, dem eine im besten Falle stagnierende Bevötterungsziffer im Mutterlanve gegenübersteht, sind, die Frankreichs Sonderstellung in ber die Sanze Welt erschütternden Wirtschaftskrisis sichern, icwiß ist Frankreich das Dorado, dasGoldland" im wahren Sinne des Wortes, aber es verdankt diese Sonderstellung nicht zuletzt auch seiner außer­ordentlich gesunden Wirtschaftsstruktur, die eine glückliche Mischung von Industrie und Landwirt- schäft und, von Klima und Boden begünstigt^ ein nicht minder glückliches Verhältnis zwischen Groß- und Kleinbetrieb innerhalb der Landwirtschaft auf­zeigt. Aus ihr folgert eine überaus gesunde gesell­schaftliche Schichtung, die aus ben Franzosen bas llrbilb bes Bauern- und Kleinrentnervolks gemacht hat, das sich durch seinen breitgelagerten, kräftigen Mittelstand in Industrie, Landwirtschaft, Handel und Gewerbe krisenhaften Wandlungen der Wirt- schaftskonjunktur gleich widerstandsfähig gezeigt hat, wie es durch eine tief im Dolkscharakter wurzelnde konservative Weltanschauung, die alle parteipoliti­schen Spielarten von Monarchisten und Klerikalen bis zu Radikalen und Sozialisten im Grunde unter­mauert, befähigt war, im Aufbau seiner nationalen Wirtschaft nüchtern unb vorsichtig einen Schritt nach bem anbem zu tun, ohne bei diesem nach außen oft zaghaft und kleinlich erscheinenden stufenweisen Huf­bau ben Sinn für ein roeitgeftetftes Ziel franzö­sischer Wirtschaftshegemonie je zu verlieren.

Daß bei uns in Deutschland die Entwicklung andere Dahnen eingeschlagen hat, wird heute auch dem größten Optimisten erschütternd klar geworden fein. Gewiß waren die natürlichen Voraussetzungen, Boden und Klima, zumindest im deutschen Osten, wesentlich ungünstiger als in Frankreich, aber man hat auch zu einer Zeit, als wir noch ein reiches Volk waren und uns große Aufwendungen für eine o eminent bedeutsame Ausgabe wie die Besiedelung »es deutschen Ostens hätten leisten können, viel Ber­äumt, diese Ungunst der Verhältnisse durch eine planvolle und vorausschauende Boden- und Agrar­politik aufzuholen. Der Zickzackkurs unserer Oft-

men unb sich Erfahrung in landwirtschaftlichen Arbeiten bewahrt haben, durch Siedlung Klein­bauern machen will. Diese Art der Rückwan­derung von der Stadt auf das flache Land, die erst neben den sozialen Wünschen nationalpoli- tische Rotwendigkeiten erfüllen kann, ist ja in kleinerem Mahstabe seit langem in Mecklenburg, Pommern und den preußischen Ostprovinzen in Gang gesetzt. So sind in Preußen seit 1919 ins­gesamt fast 34 000 neue Siedlerstellen auf rund 370 000 Hektar angelegt worden und im laufen­den Iahre werden 10 000 neue Siedlungen dazu kommen, angesichts der geringen vorhandenen Mittel ein immerhin großzügiger Versuch, der Landflucht Einhalt zu tun. Leider hat man in letzter Zeit die Mittel für die Siedlung von Landarbeitern stark gedrosselt, so daß viele Sied- lungsbauten ftillgelegl werden muhten. Hier wieder anzukurbeln, ist eine zwingende Rotwen­digkeit, soll nicht alles wieder in die alte Lethar­gie zurückfallen. Voraussetzung für alle drei Arten der Siedlung nach dem Dietrichschen Plan ist rücksichtslose Deseitigung aller bureaukrati- schen Hemmungen, wie sie heute z. D. für die Schrebergärten vielfach in baupolizeilichen Ver­ordnungen sonderbarster Art bestehen, ferner Aus­schaltung aller Ressorteifersüchteleien zwischen Reich, Ländern unb Gemeinden und deS kost- fpicligen und zeitraubenden Instanzenwegs, schließlich schärfste Herabdrückung der Gestehungs­kosten. Rur wenn ausnahmsweise einmal ver­mieden wird, einen riesigen neuen Derwaltungs- npparat aufzuziehen, mit dem wir im allgemei­nen jede neue Organisation eines Hilfswerkes beginnen, und statt dessen ein Reichskommissar mit diktatorischen Vollmachten, wie ihn ja auch der Dietrichsche Plan Vorsicht, in enger Zusam­menarbeit mit landwirtschaftlichen Sachverstän­digen und Männern der Praxis, denen die lo­kalen Verhältnisse vertraut sind, das Sied­lungswerk in die Hand nimmt, kann etwa- Er­sprießliches geleistet werden. Und einen neuen Fehlschlag aus bureaukratischer Engherzigkeit, po­litischem Eigensinn oder organisatorischer Un­fähigkeit dürfen wir uns nach den vielen falschen Ansätzen der letzten Iahre nicht mehr leisten. Dafür ist die Zett zu emst und die uns noch ge­bliebenen Mittel zu knapp. Der Dietrichsche Sied- lungsplan mag manche Gefahren in sich bergen die Auswahl des geeigneten Siedlermateri äl­tst z. 2. recht schwierig und vielleicht zu über­triebenen Hoffnungen verleiten die Zahl der Siedler kann immer nur gering sein im Verhält­nis zu dem Mittionenheer der Erwerbslosen, et ist, ebenso wie die nun begonnene freiwillige Arbettsdienstpflicht, wenigstens enblid) ein An­fang, aus ber bebrüdenben unb zermürbenden Lethargie durch tätige Arbeit herauszukommen und ein neues Ufer zu gewinnen.

folgten zielbewußten Linie über Ansätze i

Uno auch diese waren noch meist falsch, ba sie bie Zu arumenbauung riesiger Latifundien in deutschem Besitz zwar, aber unter Belassung der breiten volks- fremben Unterschicht begünstigten, statt durch plan­mäßige Bauernsiedlungen einen starken Wall wirt­schaftlich lebensfähiger deutscher Bauerndörfer zur Sicherung alten deutschen Koloniallandes gegen die andrängende slawische Flut oorzutteiben. War dies

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