Ausgabe 
11.11.1931
 
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Rechtsschutz des Lehrers durch den Deutschen Lehrerverein". Ferner wurde in längerer Debatte die Zweckmäßigkeit des Beitritts zu anderen Kran- kenkossen als der Hessischen Beamten-Krankenkasse erörtert.

Kreis Friedberg.

WSN. Butzbach, 10. Roo. Heute vormittag ist zwischen den Bahnhöfen Butzbach und O st h e i m zwischen dem Hauptglcis liegend ein Reisender aus Niederweisel mit abgefahrenen Beinen t o t ausgefunden worden. Es wurde festaestellt, daß der Monn um 6 Uhr in Ostheim einen Personcnzug bestiegen hat, um nach Gießen zu fahren. Wie er auf das Gleis gekommen und überfahren worden ist, steht noch nicht fest.

kreis Schotten.

± Groß-Eichen, 9. Roo. Wie in früheren Jahren, wurden auch jetzt wieder in unserer Ge­meinde durch die Konfirmanden Lebensmittel

für das Diakonissen haus Elisabethen- stift in Darmstadt gesammelt. Trotzdem noch Sammlungen für die Gießener Studentenhilfe und die Winterhilfe ausstehen, konnten 18 Sack Kar­toffeln und Gemüse, sowie ein Schließkorb mit Obst aufgebracht werden. Der Turnverein hat seine Dolksbildungsabende wieder eröff­net, die alle 14 Tage in der Schule stattfinden und sich eines guten Besuches erfreuen.

Ärcie Alsfeld.

ss Grebenau, 9 Nov Am Freitag konnte Frau Katharine Diehl, geb. Starke, hier- selbst, in körperlicher und geistiger Frische im Kreise ihrer Kinder und Enkel ihren 8 0. Ge­burtstag feiern.

ss Eulersdorf, 9. Nov. Unf:r seitheriger Bürgermeister Jakob Geist hat sein QI m t freiwillig niedergelegt, so daß nunmehr in nächster Zeit die Neuwahl eines Bür­germeisters notwendig wird.

Wirtschaft.

4,6 Millionen Arbeitslose Ende Oktober.

Berlin, t0. Nov. (WT2.) Die vorläufigen Meldungen der Arbeitsämter ergeben nach dem Bericht der Reichsanstalt für den 31. Oktober eine Arbeitslosenzahl von rund 4622000. Seit dem Stande vom 15. Oktober, der sich nach den endgültigen Meldungen auf rund 4 484 000 Arbeitslose belief, ist somit eine Zunahme um rund 138 000 eingetreten, die im wesentlichen den Niederschlag der jahreszeitlichen Bewegung am Arbeitsmarkt darstellt. Die Gesamtzunahme seit dem tiefsten Stand Ende Juni beläuft sich auf rund 668 000, während im Vorjahre vom Tiefpunkt bis Ende Oktober ein Anwachsen der Arbeitslosig­keit um rund 617 000 zu verzeichnen war.

3n der Arbeitslosenversicherung hat sich die Zahl der Hauptunterstühungsempfänger um rund 43 000 auf rund 1 185 000 erhöht, in der Krisenfürsorge um rund 58000 auf rund 1350 000. Mehrfach wird von den Arbeitsämtern daraus hingewiesen, daß verhältnismäßig viele Arbeitnehmer sich arbeitslos melden, die während des Sommers wenige Monate gearbeitet haben und daher keine neue Anwartschaft auf Arbeits­losenunterstützung erwerben konnten.

Für Ende September liegt jetzt auch die Zahl der von den Arbeitsämtern anerkannten W o h l - fahrtserwerbslosen mit rund 1 208000 vor. Zu jenem Zeitpunkt verteilten sich die unter­stützten Arbeitslosen zu 67,3 v. H. auf die Arbeits­losenversicherung und die Krisenfürsorge und zu 32,7 v. S). auf die öffentliche Fürsorge.

Zurückhaltung in Frankfurt.

Frankfurt a. M., 10. Nov. 3m heutigen Telephonvcrkehr von Bureau zu Bureau zeigte sich im allgemeinen eine gewisse Zurückhal­tung. Am Aktienmarkt entwickelte sich nur sehr geringes Geschäft. Die Stimmung neigte jedoch zur Schwäche, da der Stillstand der deutsch-fran­zösischen Verhandlungen etwas verstimmte. Die feste Haltung der gestrigen Neuyorker Börse blieb vollkommen eindruckslos. 3m großen und ganzen blieben ölt Kurse gegen gestern ziemlich gehalten, und nur einige Spezialpapiere, wie IG.-Farben, Elektrowerte und Reichsbank neigten um etwa 1 bis 2 v. H. nach unten. Dank- und Montan­aktien wiesen nur geringfügige 'Veränderungen auf. Von lokalen Werten senkten sich Scheide­anstalt erneut um 2 v. H., ohne daß jedoch be­sondere Motive dafür Vorgelegen hätten.

Der Rentenmarkt zeigte nach den Kurs- dcrouten in den letzten Tagen heute eine gewisse

Beruhigung, wobei die starke Gegenwehr großer Wirtschaftszeitungen und einiger führen­der Persönlichkeiten des Handels, die sich gegen eine Zwangskonvertierung wenden, etwas an­regte. Bei etwas regerem Geschäft blieben so ziemlich alle Rentenpapiere gegenüber den gest­rigen Tiefkursen fast unverändert. Dollarbonds waren heute vernachlässigt und bis 1 v. H. abge­schwächt.

Devisenmarkt Berlin Frankfurt a. 2TI.

Banknoten.

lO.TIoPtmbtr

H.Kopember

Amtliche Kotierung ffleit» ! 25 rief

Amtliche Kotierung ®elD | 25 rief

ßelfinnfoil .

8.34

8.36

8,29

8,31

Wien. . .

58.94

59.06

58,94

59.06

Prag . . .

12.47

12.49

12,47

12.49

Budapest . .

73.28

73.42

73.28

73.42

Sofia . . .

3.062

3.068

3.057

3,063

Holland . .

169.88

170,22

169,83

170,17

Clio . . .

89.41

89.59

89.41

89,59

ftopentjagee.

90.66

90,84

90.41

90.59

Etodbolm

90.91

91,09

91.16

91.34

London. . .

15.94

15,98

15.94

15.98

Burno» Äire«

1.098

1,102

1.138

1.142

Keunorl

4.209

4,217

4.209

4.217

Brülfr, . . .

58.69

58,81

58.66

58.78

Italien . . .

21.78

21,82

21.78

21,82

Barl« . . .

16.56

16,60

16.55

16,59

Gdiroet) . .

82.24

82,40

82,24

82,40

Spanien . .

36.76

36.84

36.76

36,84

Danzig . .

82.27

82.43

82.27

82,43

Japan . .

2.058

2,062

2,058

2,062

Rio vt 3an..

0.259

0,261

0,259

0,261

Jugoslawien.

7.473

7,487

7,473

7.487

uihaboD

14.49

4,51

14,49

14.51

25erl(n, IQ.Kopember

fflelb

jlmentüntfdje Woteu tBelfliidir Koten .........

Xänifd'c Koten ttnflliidie Koten.........

^raniolildie Koten . ...... ßollänoifche Koten........

fttalfeniidw Koten Korroegifdie Koten Xeutfdj-Ceftcrreld), i 100 Schilling Kumänifdte Koten.......

Schwedische Koten Schwei,er Koten Spant,die Koten Ungatiidte Koten

4,20

58.58

90.47

15,90

16.55

169,51

21,76

89,22

58,68

2.51

90,72

82,04

36,63

Bries

4,22 58,77 90,83 15.96 16,61

170,19 21.84 89,58 58,92

2,53 91,08 82,36 36.77

Bcichsbankdiskont 8 v. h., Lombardzlnsfuh 10 v. h.

Ziemlich behauptet in Berlin.

Berlin, 11. Nov. (WTB. Funkspruch.) Trotz überwiegend ungünstiger Momente (schwächeres Neu. york, Preiseinbuße am Chikagoer Gctreidemarkt, Stoppen der deutsch-französischen Finanzbesprechun­gen, unklares Dementi über die Zinskonversions­pläne der Regierung, erhöhte Arbeitslosenzisfern usw.) konnte sich die Tendenz des heutigen Freiver­kehrs ziemlich behaupten. Es fanden aber nur in wenigen Werten, wie IG.-Farben, Siemens,

AEG., Schultheis und den führenden Bankaktien, einige Umsätze statt. Obwohl eine offizielle Bekannt- gäbe der erwarteten Notverordnung über den Hon­tz e l in Dollarbonds noch nicht erfolgt ist, hatten die Banken der Vereinigung schon gestern freiwillig auf die Umsatztätigkeil in diesen Werten verzichtet. Vielleicht hing damit auch zum Teil der Rückgang der deutschen Werte im Ausland zu­sammen, da nunmehr das Interesse für diese Werte von deutscher Seite wenigstens abflauen dürfte. Daß der Berliner Telephonverkehr hierdurch zwangsläufig eine Einengung erfahren mutz, ist selbstverständlich, da der Dollarbondshandcl gerade in den legten Wochen ziemlich umfangreiche Formen angenommen hatte. Jedenfalls herrschte in den heutigen Dormil. tagsslunden große Geschästsstille. Auch am Markte der fe st verzinslichen Werte war die Hal- tung sehr abwartend, zuverlässige Pfandbrief- kurse waren überhaupt noch nicht zu hören. Das bereits erwähnte Dementi hatte in feiner zweideu­tigen Fassung nur zur Folge, daß die Derkäuser ihre Orders zuruckzoaen. Nur die Reichsbahnvorzugs- aktien, Harben-Bonds und Reichsschuldbuchforde- rungen, letztere besonders in späteren Fälligkeiten, wurden auf gestriger Basis etwas umgesetzt. Wäh­rend der Verkehr in Dollarbonds demnächst offiziell geregelt werden dürfte, ist nach der neuesten Version eine Notverordnung über den telephonischen Frei- oerkehr im allgemeinen nicht beabsichtigt.

Fusion Gold- und Silberfcheide- a n st a l t - V e r e i n für chemische 3ndu- st r i e. Die Verwaltungen der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt vorm. Rößler in Frank­furt a. M. und des Vereins für chemische Indu­strie AG., Frankfurt a. M . sind dahin überein- gekommen, d.e beiden Gesellschaften zu fusionieren. Das Vermögen des Vereins soll als Ganzes unter Ausschluß der Liquidation aus die Scheide­anstalt übertragen werden dergestalt, daß für eine Stammaktie im Betrage von nom. 200 Mk. des Vereins mit Dividendenschein für das Geschäfts­jahr 1931 und folgende eine Stammaktie im Be­trage von nom. 100 Mk. der Scheideanstalt mit Dividendenschein für das Geschäftsjahr 1931/32 und folgende gewährt wird.

frankfurter Getreidebörse.

Frankfurt a. M U. Nov. Es wurden notiert: Weizen 237,50 Mark, Roggen 225 bis 227,50, Som­mergerste für Brauzwecke 190, Hafer (inländischer) 162,50 bis 170, Weizenmehl (süddeutsches, Spezial 0, mit Austauschware) 37 bis 38, Sondermahlung 35 bis 26, Weizenmehl (niederrheinisches, mit Austausch, wäre) 37 bis 37,75, Sondermahlung 35 bis 35,75, Roggenmehl 31.25 bis 32,50 Weizenkleie 9,25, Rog­genkleie 9,75 Mark. Tendenz: ruhig.

<sd?tt>einemarft in Gießen.

Auf dem heutigen Schweinemarkt in Gießen stan­den 175 Ferkel, 5 Läufer, 2 Einleger zum Verkauf. Es kosteten bis 6 Wochen alte Ferkel 9 bis 11 RM.. 6 bis 8 Wochen alte Ferkel 12 bis 15 RM, 8 bis 13 Wochen alte Ferkel 16 bis 18 RM., Läufer 20 RM., Einleger 38 RM. Tendenz: lebhaft, geringer Ucberftand.

Forderungen der Kriegsopfer.

Frankfurt a. TL, 9. Nov. (WSN f Die Ver­treter von rund 10000 Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen in den Landesverbänden Oberhejfen, Nassau und Starkenburg- Rheinhessen, des Zentraloerbandes deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegerhinterbliebenen hielten am Sbnn- tag in Frankfurt a. M. eine Führerkonfe­renz ab, um zur Lage der Kriegsopfer Stellung zu nehmen. Nachdem Landesoerbandsoorfitzender G u t b e r l e t (Wiesbaden) auf die zunehmende Not der Kriegsopfer hingewiefen hatte, hielt das Hauptvorstandsmitglied des Zentralverbandes M. Wuttke (Berlin) ein Referat über den Stand der Derforgung der Kriegsopfer. Trotz des in der Regierungserklärung der Reichsregierung abgegebenen Versprechens, das Los der Kriegsopfer All bessern, habe inzwischen ein fortwährender Abbau der Unter st ützung eingesetzt. Die erste Notverordnung vom Juni 1930 habe schwere Eingriffe in das bestehende Derjorgungsrecht vor- genommen; dennoch sei der Abbau durch 26 neue Sparerlasse weitergegangen und habe durch die Notverordnung vom 6. Juni 1931 die Krönung er­fahren. Gegen die bereits durchgesührten Abbau­maßnahmen, sowie gegen irgendwelche weiteren Pläne mühten die Kriegsopfer schärfsten Protest erheben. Die Forderungen der Kriegsbeschädigten kommen in einer einstimmig angenommenen Ent­schließung zum Ausdruck, in der es u. a. heißt: Die Tagung fordert mit allem Nachdruck die so­fortige und endgültige Einstellung des weiteren Versorg ungsabbaus. Sie erwartet weiter auf das bestimmteste alsbälbige durchgreifende Erleichterungen in den zahlreich Der- ordneten Sparmaßnahmen. Weiter spricht die Füh­rertagung dem Hauptvorstand Dank und Anerken­nung aus und beauftragt ihn, auch weiterhin alle Maßnahmen zur Derbesserung der Lage der Kriegs- beschädigten und Kriegerhinterbliebenen durchzu- führen.

Erholung des Pfundes.

Oie Reichsmark etwas fester.

Das englische Pfund konnte sich an den gestrigen Devisenmärkten nach seinem Rückgang am vorgestrigen Tage vormittags wieder er­holen, da die Ausführungen Macdonalds über die Stabilisierung des Pfundes allgemein mit Befriedigung ausgenommen wurden. Gegen den Dollar eröffnete es mit 3,8150, ging dann aber leicht wieder zurück und stellte sich auf 3,7975. 3n Amsterdam zog das Pfund auf 9,44 an, in Zürich auf 19,50 .und in Paris auf 96,50. Der Dollar war eher angeboten und an den verschiedenen Plätzen eine Kleinigkeit leichter. Die Reichsmark war im allgemeinen gut be­hauptet und notierte in London 16, in Amster­dam 58,70 und in Zürich 121. Nach mehrtägiger Unterbrechung war in Paris gestern wieder ein Kurs für die Reichsmark, der sich, auf 602 stellte gegen 601 in der vergangenen Woche, zu hören.

Dieser Kurs entspricht genau der Berliner Pari­tät. Die Norddevisen waren wieder etwas schwächer.

Am Nachmittag war daS Geschäft lebhaf­ter, besonders in englischen Pfunden. Gegen den Dollar hat sich Pfund wieder auf 3,6275 befestigen können, gegen den Gulden auf 9,48, gegen Zürich auf 19,5950, gegen Paris auf 973/s und gegen die Reichsmark auf 16,15. Der Dollar hat sich international knapp gehalten, die Nord-Devisen behaupteten sich, die Reichs­mark war etwas fester und zog in Amster­dam auf 58,85 und in Zürich auf 121,15 an, in Neuhork stellte sie sich auf 23,72. Am Spätnach­mittag konnte das Pfund seinen höchsten Tages­stand nicht voll behaupten und schwächte sich auf 3,81 Vs gegen den Dollar und 97,06 Paris ab.

Messen Kind bin ich?

Vornan von Fr. Lehne.

(Urh.b.rschuh durch C. Qid.rmann, Rcmanzentrale Stuttgart.)

(Nachdruck verboten.)

1.

Ihr Roscnflor ist wirtlich bewundernswert, lieber Freund! Er übertrifft sogar die berühmten Rosen auf dem Schlosse--"

Finden Sie, Herr Pfarrer? ES freut mich, wenn Sie das sagen!"

Der Angeredete lächelte matt. Mit liebe­vollem Blick schaute er hinüber nach seinen Rosenstöcken, die in weißer, roter und gelber Pracht blühten und deren berauschender Wohl­geruch die Lust erfüllte. Unb Rosen, kleine leb­haft rosa Rosen rankten sich am Hause empor, so dicht und üppig, daß man kaum noch die Mauern sah. Wie ein Märchenhaus mutete das Lehrerhaus an! Unö kaum einer von den Vor­übergehenden, der nicht einige Minuten stehen­blieb und sich Auge und Herz volltrank an dieser Schönheit, die noch eine Weile ihn mit unbestimm­ter Freudigkeit erfüllte.

Der Pfarrer stand vor dem Gartenzaun, einer sorgfältig verschnittenen dichten Weißdornhecke in halber Manneshöhe, und unterhielt sich mit dem Lehrer, der in feinem Garten arbeitete.

Die 3unifonnc brannte heiß: flimmernd lag der Hitzedunst über dem weiten Lande, daS klare Blau des Himmels leicht verschleiernd.

..Regen wäre sehr erwünscht!" sagte der Pfar­rer. als auf der Dorfstraße ein leichter Wagen ratternd vorbeifuhr und eine dicke Staubwolke hinterließ, von der fein schwarzer Rock ein gut Teil abbekommen hatte. Er klopfte an sich her­umab. der Schmied hat einen neuen Wa­gen" meinte er, dem leichten Gefährt nach- fehend.

3a. Herr Pfarrer, er erzählte mir gestern von feinem Kauf! Er muß ihn nun zeigen!"

-Sind Ihre Kirschen schon reis, lieber Lenz?" Die schwarzen noch nicht. Herr Psarrer, aber von den Herzkirfchen habe ich heute Morgen die ersten gepflückt! Und meine Ananaserdbeeren sind lo reich tragend--ich habe schon mehrere

Pfund verkauft!"

Ihr Garten, lieber Lenz, ist mustergültig weit und breit", lächelte der Pfarrer,ich habe mit dem meinen nicht so viel Glück! Meine prak­tisch.' Frau schilt mich ot aus. daß ich in Garten­arbeit so ungeschickt bin"

Wenn Sie immer wie ich auf dem Lande ge­lebt hätten. Herr Pfarrer, fo wäre Ihnen diele Arbeit auch geläufiger! Alles will gelernt unö geübt fein! Unö ich muh lagen, ich hänge lo an meinem Garten, daß ich mich aus diesem Grunde

niemals um eine Versetzung in die Stadt be­müht habe!"

Der Pfarrer zog die Uhr.

Schon fünf Uhr vorbei! Ich habe mich ein wenig verspätet! Meine Frau wird warten."

Darf ich Herrn Pfarrer bitten, der Frau Pfarrer ein paar Rosen mitzunehmen?"

Bitte, berauben Sie sich nicht!"

Doch, Herr Pfarrer, erlauben Sie mir diese Freude! Christel, bring mir die Rosenschere", rief der Lehrer, worauf von der Laube her ein etwa neunjähriger Knabe sprang und das Gewünschte brachte. Er war ein hübsches Kind mit braunem, leicht geringeltem Haar unö öunllcn Augen. Der Ausöruck öes lieben Kinöergesichtes war aber recht ernst, beinahe gebrückt.

., öcr Herr Pfarrer hätten öoch aber längst eintrelen können" tagte Lehrer Lenz, inbem er bie Gartenpforte öffnete.

Run benn, für ein paar Minuten! Ich denke, ich kann es noch vor meiner gestrengen Hausfrau verantworten!"

Die Herren ftanben vor bem großen Rosen- beet, von bem jeher Rosenstock ein ausgewählt schönes Exemplar war.

Der Lehrer schnitt köstliche, vollerblühte, buft- schwere Blumen abbamit bie Frau Pfarrer nicht zürnt! Blumen geben hoch bie reinste Freude--! Sehen Sic hier die schönen Nelken,

und wenn im Herbst erst die Dahlien blühen--

ein Farbenmeer, ein Farbenwunder ist bann dieser Teil des Gartens er ist mein Luxus, mein Paradies!"

Gern hörte der Lehrer das Lob des anderen über seine Blumen, ebenso auch über sein Obst und fein Gemüse. Und her Pfarrer lobte aus ehrlicher Ueberzeugung denn selten gab es wohl einen so sorgfältig angelegten und ge­pflegten Garten!

Die köstlichen Früchte der Erdbeerbeete lachten und lockten aus dem schattigen Grün: purpurn färbten fich die kleinen Träubchen der Johannis­beersträucher. und wie kleine Pflaumen fo groß hingen gelb und rot die Stachelbeeren in ihrem schützenden, stachlichen Gesträuch. Reichen Ansatz zeigte das Spalierobst, die edlen Birnen. Pfir­siche, Aepsel.

Und das Gemüse! Erbsen. Bohnen. Kohl. Blumenkohl, alles war ausgesucht schönes Gemüse!

Im nächsten Jahre, lieber Freund, müssen Sie mir wirklich raten und helfen, daß mein Garten ähnlich dem Ihrigen wird! Mein Vor­gänger bat den Pfarrgarten ein wenig verwil­dern lassen--. er hatte für seine Bücher mehr

Interesse! 2lh. der kleine Christel! Wie vertieft er in sein Buch ist! WaS lieft du denn gar so eifrig, mein Kind?"

Die beiden Herren waren auf ihrem Gange durch den Garten wieder zum Vorgarten ge­kommen. Der Pfarrer blieb vor bem Knaben

stehen, her auf einem kleinen Felbstuhl vor her Laube saß und ein Buch auf seinen Knien hielt. Liebkosenb legte er seine Hand auf bie braunen Locken bes Kinbes, bas ihm bas Buch reichte.

Ah. Grimms Märchen!"

Unser Christel ist eine Leseratte, unb mit nichts kann man ihm mehr Freude machen als mit einem Buche! War er während der Woche fleißig und brav, darf er zur Belohnung am Sonntagnachmittag Märchen lesen!"

.. unb Ihre Frau, lieber Lenz?" Ganz leise unb zögernb fiel biefe Frage von den Lip­pen des Pfarrers, als er, sich verabschiedend, vor der Gartenpforte stand.

Wie immer, Herr Pfarrer!"

Wie in körperlichem Schmerz zogen fich die Augenbrauen des Lehrers zusammen, unb über sein Gesicht glitt ein tiefer Schatten.

Wieder auf dem Friebhof?"

Lehrer Lenz nickte bebrüdtkurz nach zwei Uhr ging sie schon fort, unb sie ist noch nicht wieher ha! Es zerreißt mir bas Herz hoch ich bin so machtlos, ich bars ja nichts sagen, sonst wirb sie in ihrem Schmerz ungerecht unb schilt mich teilnahmslos!" stieß er halb verzwei­felt hervor,sie macht mir Vorwürfe, baß ich nicht gleich ihr jcben Tag ftunbenlang vor bem kleinen Grabe fitze! Aus unterem Hause ist seit bem Tobe bes kleinen Mariele jebe Freude ge­zogen! Sehen Sie unseren Buben, den Christel an. Herr Pfarrer! Vr wagt ja kaum noch zu sprechen in Gegenwart seiner Mutter. Sie hatte ihn in ihrem ersten Schmerz sogar verantwortlich gemacht für den Unglücksfall, obioohl sie selbst es gewesen, bie ihn in den Hof geschickt, ihr etwas Holz zu holen. Und Christel kann bieten unge­rechten Vorwurf nicht oertoinben; feit bietet Zeit ist aus bem luftigen Buben ein verschlossenes, verschüchtertes Kind geworben. Ich leibe namen­los darunter doch ich muß mit meiner Frau so behutsam und umsichtig umgehen, damit sie mir nicht gemütskrank wird. Nahe daran ist sie: ihre Trauer ist schon krankhaft, dieses fortgesetzte Grü­beln und dieses Wühlen im Schmerz." Der Lehrer seufzte tief auf.

»Wenn Ihre Frau nun wieder etwas zu um­sorgen und zu pflegen hätte, waS sie von hem tiefen Kummer ablenkt ?" Der Pfarrer zögerte ein wenig unb suchte nach ben richtigen Worten. »Sie beibe sinh noch junge Leute ich meine, wenn her Himmel ha btxb noch mal Ersatz für bas Mariele schenkte? Die Freude auf ein werdendes Wesen, die Hoffnung darauf, die sie so ganz erfüllen würde--"

In Oual zuckte da- charaktervolle Gesicht deS jungen LehrerS. »ES wäre auch mein Trost ge­wesen! Aber das eben, Herr Psarrer, kann nie wieder sein!" entgegnete er gepreßt. .Seit der sehr schweren Geburt unseres Töchterchen- ließ bie Gesundheit meiner Frau außerordentlich zu

wünschen übrig. Und eine durchaus notwendige Operation hat ihr dann die Fähigkeit genommen, jemals wieder Mutter zu werden."

»Das ist allerdings sehr bedauerlich, lieber Lenz! Aber so geht es nicht weiter ihr beide reibt euch auf! Ich habe es schon lange mit Kummer beobachtet doch ist eS so schwer, an eine solche Wunde zu rühren! Dennoch will ich mit Ihrer lieben Frau einmal sprechen, und noch heute! Ich werde sie auf dem Friebhof auf suchen: sie muß aus dieser zerstörenden Trauer gerissen werden!"

.Sie haben recht. Herr Pfarrer, so gebt es nicht weiter, nicht lange mehr! Dieses Schicksal liegt schwer auf uns! Wir sind ja nicht die einzigen Eltern, die ein Kind hergeben muhten! Aber auf solch tragische Weise, ist unsagbar schwer! Eben noch frisch und gesund, und in bet nächsten Viertelstunbe ba$ alles vorbei, und unser Liebling kalt und tot ich kann es heute noch nicht fassen! Wäre das Kind einer tückischen Krankheit, wie Diphtherie, die so viele Opfer fordert, erlegen, man wäre noch darauf vor­bereitet gewesen aber dieser Unglück-fall vom Treppengeländer herunterzufallen! Und wie oft ist bas Kind sonst fast jcben Tag bie Treppe herauf und wieher hinuntergelaufen eine Fünf­jährige kann hoch wirklich auch mal ohne Beauf­sichtigung einen Schritt tunI Aber meine Frau macht sich bie bittersten Selbstvorwürfe, baß sie nicht Obacht auf bas Kinb gegeben hat sie kommt nicht herüber hinweg unb wird mir baran noch Augrunbe gehen!"

Teilnahmsvoll brückte her Pfarrer bem anderen die Hand .ich werbe tun, waS mir möglich ist! Ihre kleine Frau muß langsam bem Leben zurück- gewonnen werben."

.Wenn Ihnen daS gelingen würbe. Herr Pfarrer, so wäre ich Ihnen unaussprechlich dank­bar! Denn ich habe meine Frau über alles lieb, unb sie seelisch so leiben zu sehen, ohne ihr helfen zu können, brückt mich ganz bamieber!"

.Der Himmel wirb helfen, lieber Freunb! Nur bie Hoffnung nicht verlieren!"

Gedankenvoll schritt bet Pfarrer bie sonnige Dorsstrahe entlang biS zur Kirche, einem ein­fachen Bau aus roten Backsteinen. Ihr gegenüber lag her Friebhof, von einer übermannShoßen bichten Dornenhecke umzäunt. Grell blendete bie Sonne auf ben weihen Grabsteinen und Kreuzen. Die Schmetterlinge gaukelten lustig in her heißen, flimmemben ßuft, und emfifl trugen die Bienen süße Beute heim aus ben vielen Blumen, bie in bunter Pracht auf bem Friebhof blühten. Sonn­täglich gekleidete Menschen gingen zwischen den Gräbern umher, lasen die Inschrift auf den Grab­steinen, sprachen von den Toten man hatte sie ja alle gekannt, die hier den ewigen Schlaf schliefen: die paar Dörfer, die zur Gemeinde Reinshagen gehörten, waren ja nicht groß.

(Fortsetzung folgt.)