Ausgabe 
11.6.1931
 
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Dis zum Titulaturgeneral (wie bei seinem Kol­legen, dem Rechtsanwalt und General Dawes) hat es nicht gereicht. Für sein Land war er in Rica- ragria tätig mit Erfolg, dann wurde er Ge­neralgouverneur der Philippinen und ging schließ- lich als Fachmann für Latein-Amerika in das Außenministerium, wo er seit ein paar Jahren wirkt mit weniger Erfolg. Auf der Flotten­konferenz des vorigen Jahres verteidigte er als zäher durift Amerikas Ansprüche. Ob er jetzt etwas nachläht?

Aus der provinzialhauptsta-t.

Gießen, den 11.3imt 1931.

Rosen und Lilien.

Der Rose, dieser Liebkingsblume aller Völker der Erde, wie nicht minder auch der Lilie, dem herrlichen Sinnbilde der reinen Unschuld, hat der Mensch seit den ältesten Zeiten seine Liebe und Sorgfalt zugewandt. Das heiße, heitere Persien ist jedenfalls die Urheimat der Rose und der Lilie, die von da aus nach Babylonien verpflanzt wurden und zu den Dlumenschahen der berühmten Gärten Babylons zählten. Auch in der Bibel werden des öfteren Rosen und Lilien bildlich er­wähnt. Schon in der ältesten geschichtlichen Zeit waren Rosen und Lilien zu den Griechen, dem ältesten Kulturvolk Europas, gelangt, und Homer gebraucht sie bildlich in der Zliade und Odysse. Von da an finden wir Rosen und Lilien unter dem Fest- und Blumenschmuck liebenden Volke der Griechen eingebürgert, überall verbreitet und in Leben und Sitten verflochten; bei keiner Fest­lichkeit, bei keinem Opfer und bei keinen religiösen Gebräuchen durften Rosen und Lilien fehlen. Die Rose war der Aphrodite als Sinnbild der Schön­heit, der Aurora als Sinnbild der Jugend ge­weiht; sie war auch die Blume des Dionysos, das Symbol der Liebe und des Todes, auch ein Zeichen der Verschwiegenheit. Von der Lilie wurde viel gefabelt; sie sei aus der Milch der Hera ent­standen, als diese schlafend den Herkules säugte; mit der Aphrodite war die Lilie der reinen, un- befleckten Farbe wegen in Streit, und um_ die keusche Blume zu beschämen, setzte ihr die Göttin das gelbe Pistill ein.

Durch die griechischen Kolonien kam die orien­talische Gartenrose frühe schon und gleichzeitig mit der Lilie nach Italien, und von da gingen beide in alle Welt hinaus. Bei den Römern fanden sie dieselbe Verehrung und Hochschähung wie bei den Griechen, ihre Dichter feierten sie in Wort und Lied. Bei den öffentlichen Belustigun­gen wurden die Straßen mit Rosen, Lilien und Blumenblättern bestreut und die Bildnisse der Götter mit Kränzen und Girlanden von Rosen gcz'ert. Daß die Rose auch eine Blume der Gräber war, daß man den Toten Rosen mit Blumen spendete, war bei den Römern eine alte, durch zahlreiche Grabinschriften bestätigte Sitte. Die nach der römischen Sage aus dem Blute des sterbenden Raturgottes entstandene Rose, ebenso schön als flüchtig, zeigt neben der höchsten Lebens­fülle das Bild rascher Vergänglichkeit, älnd auf die Grabhügel pflanzte man auch, wie heute noch bei uns, die Lilie.

Rach dem Verfalle des römischen Reiches ver­sank die Welt in einen Zustand der Barbarei; der Gartenbau und die Blumenzucht wurden vernachlässigt, aber doch blieben in dieser Zeit, wo so viele Kulturen zugrunde gingen, Rose und Lilie, durch Duft und Dlumenfarbenpracht auch dem rohen Menschen imponierend, in den Gärten gewöhnlich. Als aber die häufigen Kriege auf- yörten und man sich wieder längere Zeit hindurch der Segnungen des Friedens erfreuen konnte, da frandte man sich neben anderen Beschäftigungen auch wieder der so manche liebliche Genüsse bie- ; tenden Kultur der Blumen zu. Karl der Große, der eifrige Förderer der Landwirtschaft und des ~ Gartenbaues, wandte auch der Rose und der Lilie seine Aufmerksamkeit zu und bestimmt, daß sie in seinen Gärten gezogen werden sollten. Bei den

Lor der700=3d)rfcicr des deutschen Ordenslandes

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Mittelpunkte des alten Ordenslandes. Oben links: Die Ordensburg Allenstein. Oben rechts: Der von den Ordensrittern erbaute Dom in Königsberg. Unten links: Das Marientor in Marienburg, durch das der Reichspräsident zu der Feier am 14. Juni elnziehen wird. Unten rechts: Gesamtansicht des Hochmeistersitzes Marienburg.

Die Feier auf der Marienburg am 14. Juni, an der auch der Reichspräsident von Hindenburg teilnimmt, bildet den Auftakt zu der 700-Jahrfeier des deutschen Ordenslandes. Mit dem Jahre 1231 begann die große Kolonisationszeit der Lande östlich

der Weichsel durch den Deutschen Orden, der sich durch seinen iahryundertelangen Kampf gegen die Litauer, die Polen und die heidnischen Preußen ein unsterbliches Verdienst um Deutschtum und Christen­tum erworben hat.

Arabern, die große Garten- und Blumenfreunde waren, wurde die Rose zur allgemeinen Lieb­lingsblume erhoben, und neben ihrer Kultur fand auch ihre Begleiterin, die Lilie, aufmerksame und treue Pflege. Auch in Italien erwachte wieder der alte Sinn und die alte Liebe für die beiden beliebten Blumen. Die Dichter des deutschen Mittelalters verwenden in ihren Versen Rosen und Lilien reichlich. Rosen und Lilien dienten dem Christentum zu beliebten Symbolen. Die heilige Jungfrau in ihrer Anmut und Milde erschien als Rose, die himmlische Reinheit wurde in der Lilie angeschaut; gotische Kirchen schmückten sich mit steinernen mystischen Rosen, auf Bildern der Ver­kündigung trug der Engel den Lilienstengel. In Italien steht heute noch die Rose in der Reihe der Blumen voran, wenn es gilt, Feste und Religionsfeierlichkeiten durch den Schmuck der Blumen zu verherrlichen. Auch in die Wappen­sprache jener bildlich denkenden Zeit gingen beide Blumen ein. Bekannt sind die drei Alien im königlichen Wappen von Frankreich, sowie die

feindlichen Zeichen der roten und weihen Rose in den Königsgeschlechtern von England.

In Ungarn standen Rosen und Lilien in hoher Achtung, und heute ist es nichts seltenes, daß man dort die schönsten Varietäten an den fernsten und unbesuchtesten Orten findet. In Holland, wo Tulpe und Hya^nthe die ganze Liebe und Be­geisterung der Blumenzüchter des 17. und 18. Jahrhunderts in Anspruch nahmen, wurde die Rose lange Zeit nicht in dem Mähe beachtet, wie sie es verdient; doch ist von dort die Moosrose, eine der lieblichsten Varietäten nach England ge­bracht worden, von wo sie sich weiter nach Frankreich und Deutschland verbreitete. In Eng­land, dem Lande der Prachtgärten und der hüb­schen, heimlichen Hausgärtchen, zählt die Rose, wie auch die Lilie zu den Lieblingsblumen, und die Zahl der Rosenliebhaber, die zum Teil aus­gedehnte Sammlungen besitzen, ist außerordentlich groß.

Wenn auch unser Vaterland keine Sammlungen von solchem Mahstabe wie England und Frank­

reich besitzt, so gehört doch auch bei uns die Rose zu den Blumeir die sich einer besonderen Liebe, Kultur und Pflege zu erfreuen haben, wie auch in jedem Garten ihre Gefährtin, die Sitte, in mehreren Abarten zu finden ist. Doch auch an größeren Anlagen fehlt es nicht, wie der feldmähige Anbau der Rosenzucht weitere Ver­breitung findet und die Gartenanlagen für Rosen­kultur alljährlich neue Arten und Varietäten in den Handel bringen, während Gotha und Erfurt und andere neben der Rosenzucht auch dem alten Knollengewächs, der Lilie, die weiteste Verbrei­tung sichern.

So sind Rose und Lilie seit den ältesten Zeiten fast bei allen Völkern und unter allen Himmelsstrichen, die ihnen nur einigermaßen zu­sagen. anerkannte und bevorzugte Lieblinge des finnigen, gemütreichen und mit Schönheitssinn begabten Menschen. * Gr.

Gietzener Wochenmarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 140150, Matte 30-35 Pf. das Pfd., Eier 89 Pf. das Stück, Käse 10 Stück 60140 Pfennig. Wirsing, neue. 2025, Weißkraut, neue, 2025, Spinat 15-20, Römischkohl 10-15, Boh- nerx ausländische, 4045, Spargel 3060, Erbsen 2530, Mischgemüse 1015, Tomgtzm 6080, Zwiebeln 1520, Rhabarber 1015, Kartoffeln, alte, 56, Kartoffeln, neue, 2025, Aepfel, ausl., 50-60, Dörrobst 3035, Kirschen 3050, Stachel- beeren, unreife, 2025, Erdbeeren 5060, Apri­kosen 7080, Honig 4050, Rüsse 6070, Junge Hähne 90100, Suppenhühner 90100 Pf. das Pfund. Tauben 5070, Blumenkohl 4070, Salat 1015, Salatgurken 4060, Ober-Kohlrabi 10 bis 15, Lauch 510, Rettich 1015, Sellerie 10 bis 50 Pf. das Stück, Gelbe Rüben 1520, Ra­dieschen 1015 Pf. das Bund; Kartoffeln 45 Mark per Zentner.

Daten für Donnerstag, 11. Juni.

Sonnenaufgang 4.10 Uhr, Sonnenuntergang 20.39 Uhr. Mondaufgang 1.44 Uhr, Monduntergang 15.35 Uhr.

1859: der österreichische Staatsmann Fürst von Metternich gestorben; 1864: der Komponist Rich. Strauß in München geboren.

Autoomnibus zum Hoherodskopf. Am Sonntag, 21. Juni, fährt um 7 Ubr auf Der» anlasfung des Skiklubs Gießen ein Autoomnibus nach Breungeshain. Diesen Omnibus kann jedermann benützen. Es ist damit die Möglichkeit gegeben, einen Ausflug nach dem Hoherodskopf zu unternehmen und zugleich einen schönen Erholungstag zu ver- leben. Näheres im heutigen Anzeigenteil.

** Straßensperre. Vom Polizeiamt wird mitgeteilt: Wegen Vornahme von Kanalbauarbeiten wird der Eichgärtenweg von der Wolfstraße bis zum nächsten nördlichen Querweg von Dienstag, 9. Juni 1931, ab bis auf weiteres für Fahrzeuge aller Art polizeilich gesperrt.

Oberheffen.

Wirbelsturm über Oberheffen.

Schwere Schäden in Dorf und Feld.

Am Dienstag, gegen 18 Llhr, zog über Ober- Hessen ein schweres Gewitter hin, das für einige Zeit den Himmel verdunkelte und unter heftigen Blitzen und Donnerschlägen vorüberzog. Zugleich fiel sehr viel Regen. Den größten Schaden richtete jedoch eine Windho se an, die sich sehr schnell fortbewegte und auf ihrer Spur allenthalben schweren Schaden anrichtete.

In Grünberg verlief die Windhose von der Gießener Straße aus östlich die Theo-Koch- Straße entlang, überquerte die Londorfer Straße und die Bahnhofstraße, um dann durch den Schloßgarten, am RondeU vorbei, nach der Als­felder Straße weiter zu ziehen. Auf ihrem Wege hinterlieh sie ein Bild stärkster Verwü­stung. Eine Menge Bäume, besonders Obst­

IrandungdesLebens

Roman von Käte Lindner.

(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.)

9. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Heim muh ich jetzt, was sag' ich nun der Mamina, wenn sie mich fragt, wo ich so lange gewesen bin?"

Aber Frau Colomba hatte die Osteria voller Gäste und hörte nicht die huschenden Schritte auf der Treppe. Rur Andrea stand droben auf dem Korridor und zeigte lachend all' ihre weihen Zähne, als Julietta mit allen Zeichen der Vor­sicht den Korridor entlang schlich.

Sie hat vorhin nach dir gefragt, Julietta, ob du zur Messe gewesen seist. -ilnb ob ich dir ein gutes Rachtmahl gerichtet hätte, sie habe heute so viel zu tun. Zu allem habe ich ja gesagt, einen Risotto habe ich dir gerichtet. QEber nun wird er nicht mehr schmecken, so lange bist du ausge- blieben. Aber die Frau hat nichts gemerkt."

Da drückte Julietta kichernd einen Kuh auf die blühende Wange der Andrea und flüsterte:

Ich schenke dir meine Kette aus Venetia, die dir so gut gefällt, aber du darfst sie die Mutter nicht sehen lassen. Sie gab mir die Kette zu meinem letzten Ramenstag, mein Vater brachte sie ihr mit von einer Fahrt, die er machte, und sie hält sehr darauf. Also nicht sehen lassen, hörst du, Andrea."

Ein leiser Ruf des Entzückens kam von des Mädchens Lippen, und sie haschte nach Juliettas Hand.

Wie sollt' ich sie sehen lassen, was du mir gabst, Etta. Alles hab' ich verschlossen in meinem Koffer: die Radel, das seidene Tuch und das Buch mit den Geschichten. Ich dank dir tausend­mal und niemals werde ich dich verraten."

Hinter Julietta klappte die Tür. Aufatmend warf sie das Tuch weg und die Pantöffelchen von den Füßen und schlüpfte in ihren Rachtanzug. Dann öffnete sie weit das Fenster ihres Schlaf­zimmers.

Ein winziges Gärtchen lag darunter, der starke Duft des Citrinastrauches zog herauf zu ihr, dessen Blätter wie die Blüte der Limonen riechen, die Rosen dufteten und das graue Santolino- kraut, das in starken Büscheln im Gärtchen wucherte. Eine niedrige Mauer schloß den win­zigen Garten nach der Straße zu ab. Eine alte Aloe stand mit ausgebreiteten Aeften wie ein Wächter auf der Mauer, und neben der Aloe saß Russo Domenico, hell beschienen vom Mond und wartete auf das Erscheinen seiner Liebsten am Fenster.

Gute Rächt, süße Etta", klang es flüsternd durch den Garten.Alle Engel sollen dich be­hüten für mich, für mich."

Sie warf ihm erschrocken eine Kußhand zu.

Russo... die Mutter. So hell ist es heute. Wenn sie dich sieht..."

Die Aloe stand wieder allein auf der Mauer, und Julietta wandte sich seufzend ins Zimmer hinein. Sie griff in den Weihwasserkessel, der neben dem Bildnis der Madonna über ihrem Bett hing und dachte an den Russo und wie wohl ihre Wege zusammenführen sollten. Dann fing sie plötzlich an zu schluchzen und warf sich auf das Bett. Hob die Hände auf zu dem weißen, lächeln­den Gipsfigürchen und betete ein Ave um das andere in ihrer Rot. Bis der Schlaf sie in seine Arme nahm und es still wurde in der Kammer.

Drunten aber saß Frau Colomba hinter der Theke und spann sinstere Pläne. Denn sie hatte gerade in dem Augenblick, als Russo auf der anderen Seite von der Mauer sprang, einem Gast das Geleit bis hinter den roten Vorhang gegeben und so die eilige Gestalt bemerkt, die gerade um die Ecke bog. Wohl war der Russo gleich wieder umgekehrt, aber sie hatte ihn doch erkannt.

Wütend dachte sie: Das Ding ist kaum sechzehn, und der Russo streicht mir da herum -wie ein verliebter Kater. Welch ein Glück, daß meine Etta so ganz Kind noch ist und noch nichts kennt von der Liebe. Aber dem Russo, dem will ich es anstreichen. Meint wohl gar, ich hätte das Mäd­chen für ihn erzogen, für solch einen, der nächtens mit der Gitarre strolcht und der ein wilder Bursch ist mit einem Dickschädel, so hart wie fein 'Berg, auf dem er fein Haus gebaut hat droben am Fuße der Rocchetta."

Heiße Mutterangst lieh sie plötzlich den Ent­schluß fassen, das Mädchen fortzubringen. Viel­leicht zur Base Gelsomina nach Arco? Gleich morgen wollte sie mit ihr Rücksprache nehmen, wenn sie mit dem feinen Tedesco fahren würde.

*

Die Hochsaison hatte begonnen. Täglich brachte der Dampfer neue Scharen von Fremden von Desencano herauf, ganze Berge von Koffern wurden an den Landungsbrücken abgeladen, ele­gantes Publikum flanierte auf den Promenaden, die Händler machten gute Geschäfte.

Soeben hatte der Mit tags dampf er neuen Zu­wachs für das Savoyhotel gebracht. Eine Un­menge Koffer schleppte der Hausdiener in die Halle. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte vertraulich zu dem Liftboy:

Das ist noch nicht alles, drei liegen immer noch draußen. Einen ganzen Hausstand müssen die doch eingepackt haben und in der Welt herum- schleppen. Ich, wenn ich ein feiner Mann wäre, ich würde mir überall kaufen, was ich zum feinen Mann brauchte. Das wüßte ich, so viele Koffer schleppte ich nicht mit mir herum. Aber freilich.

unsereiner versteht daS eben nicht und ist doch auch gut so, wenn sie so beladen daherkommen. Ist unser Verdienst. Gelt, Carlo?"

Eifrig niefte der Boy.Sind doch auch sehr feine Herrschaften. Ein Graf und eine Gräfin, und ein französisches Kammermädchen haben sie auch mitgebracht. Die kauderwelscht droben auf dem Korridor, wo denn die Koffer der Gnädigen blieben, sie müsse doch auspacken. Beeile dich also, Giulio."

Erschrocken nahm der Hausdiener die Koffer wieder auf und trug sie zum Lift.

Droben empfing ihn zeternd eine schwarzhaarige Person, die ihm mit Gesten und zornigen Augen begreiflich machte, daß sie schon lange auf ihn gewartet habe. Aber ihr Zorn war rasch be­sänftigt, als er ihr mit italienischer Geschmeidig­keit und schmachtendem Augenaufschlag sagte, d sie eine schöne ©ignorina sei und daß Bösesein sie nicht gut kleide. Er radebrechte in einem drol­ligen Französisch-Italienisch, was sie nicht ver­stand, sagten seine Augen, und so half sie ihm diensteifrig, die Koffer auf die Zimmer zu be­fördern.

Drei große Zimmer im ersten Stock hatten die Herrschaften genommen. Da gab es also wieder einmal generöse Trinkgelder, und hohe Rech­nungen wurden präsentiert. Diese französische Katze war übrigens nicht so übel, wie es zuerst den Anschein gehabt hatte, als sie so zornig ge- gewesen war.

Er griff ihr unter das Kinn und fragte, woher die Herrschaften kämen.

Von London", sagte sie mit einem verliebten Augenaufschlag.Immer seien sie auf Reisen, reiche Leute, die sich das leisten könnten. Aber gut, setzte sie dann hinzu, indem sie einen großen Koffer aufschloh und die Gewänder ihrer Herrin auszupacken begann.Roble Herrschaften, wer­den wohl eine ganze Weile hier bleiben an diesem See. Ist serr schön hier, Monsieur, meine Herrin hat gesagt: Himmlisch"

Von unten schrillte die Glocke. Giulio kniff mxf) einmal in das Kinn des Kammerkätzchens.

Auf Wiedersehen, Mademoiselle. Meine Hei- hat hier ist sehr schön, viele schöne Spaziergänge können Mademoiselle hier machen mit Giulio, so heiße ich nämlich. Ich habe drei Abende in der Woche freie Zeit und werde Mademoiselle gern ausführen."

Ein strahlender Blick lohnte ihn. Giulio eilte zur Tür hinaus nach dem Lift. Er lächelte diplo­matisch vor sich Hirn Wollte man etwas über die Herrschaften erfahren, muhte man es mit den Kammermädchen halten, das war eine alte Weis­heit und war schon manchmal geübt worden. Zwar hatte die Demoiselle ein bleiches, gelb- häutiges Gesicht, genau wie seine Braut drunten in Triest, und er liebte eigentlich neuerdings die pellen» blondhaarigen Aoä>länderinnen mit den

pfirsichfarbenen Wangen und den rundlichen For­men mehr als seine Landsmänninnen.

Ach, war Giulios Herz nicht ein Bienenhaus, seit er seine stille Heimat Portosino verlassen und in der lauten Welt draußen Wurzel ge­schlagen hatte? Wohl hatte er schon vielerlei ge­lernt. Konnte auf deutsch und englisch den Gästen Rede und Antwort fteljen, konnte sich doch sogar mit dieser französischen Kammerkahe in ihrer Muttersprache ganz zufriedenstellend verständigen.

Immer lauter schallte das Klingelzeichen, das ihm galt. Ja, ja, was war denn schon wieder los? llni> nun war auch noch der Fahrstuhl unten, und er mußte warten.

Endlich... da kam er nach oben mit den neuen Gästen. Eigentlich sahen sie so vornehm, wie sie doch ihrem Stand nach waren, nicht aus. Besonders die Contessa nicht. Sie war zu stark geschminkt, und der Puder sah ihr dick auf den fleischigen Wangen. Wachsame Augen standen in dem Gesicht und ein voller, sinnlicher Mund. Aber jung war die Contessa, viel jünger als der Graf.

Giulio verneigte sich tief, als das Paar an ihm vorüber nach den Zimmern ging. Dann sprang er in den Fahrstuhl.

Weißt du, Carlo, einen Conte und eine Con­tessa hatte ich mir eigentlich anders gedacht", sagte er zu dem Boy.Es fehlt ihnen das, was die Vornehmheit ausmacht, ich kann das nicht so genau ausdrücken, aber du weiht doch, wie ich es meine, Carlo. Aber es sind eben Ausländer, man sieht es ihnen sofort an, und sie scheinen sehr reich zu sein. Drei Zimmer im ersten Stock haben sie gemietet, unsere besten, ülnd lange hierbleiben wollen sie auch, sind soeben von London ge­kommen."

Am Rachmittag waren nicht viele Gäste zum Fünfuhrtee anwesend. Die Tanzmusik hatte noch nicht begonnen.

Petrowitsch stand draußen im Palmengarten und sah verloren auf den See hinüber, auf dem die Sonne brannte und ihm ein Glitzern entlockte, daß die Augen schmerzten. Der Marquis war vor ein paar Aagen abgereift, der Russe vermißte seine lebhaste Unterhaltung, die keine trüben Gedanken aus kommen ließ, er vermißte die un­eigennützige Freundschaft, die der andere ihm aus glücklicheren Tagen bewahrt, nun fühlte er sich einsam, und die alte Schwermut hatte wieder tiefe Schatten auf sein Gesicht gebreitet.

Da kam eine Dame die Terrassentreppe drüben herunter und trat in den Garten. Sie war mit ausfallender Eleganz gekleidet. Ein neues Gesicht, dachte Petrowitsch, und sah, wie die Dame einen Augenblick zögerte, ehe sie weiterging. Jetzt mußte sie an ihm vorüber. >

(Fortsetzung folgt.) .