Ausgabe 
11.6.1931
 
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Marburger Festspiele.

Kleist:Prinz Friedrich von Homburg."

Die diesjährigen Marburger Festspiele wurden gestern nachmittag mit der Premiers des Schau­spielsPrinz Friedrich von Homburg" von Heinrich von Kleist im Schloßpark-Theater eröffnet. Aus­führungen des ShakespeareschenSommernachts­traumes" und des KleistschenZerbrochenen Kruges" sollen folgen und den Spielplan des Sommers vervollständigen.

Eines der wesentlichsten Probleme jeder stehenden Freilichtbühne ist die Frage der Spielplangestaltung; da die Zahl der ausdrücklich für die Aufführung in Naturtheatern geschaffenen oder doch zwanglos dafür geeigneten Werke von einigem literarischen Wert sehr begrenzt ist, kommt man notgedrungen dazu, auch andere Stücke dafür heranzuziehen, die an sich mit dem Naturtheater nichts zu tun haben. Zu ihnen gehört derPrinz von Homburg". Der Stil des Dramas ist mit dem Stil der Marbur­ger Bühne kaum in Einklang zu bringen. Was für die Aufführung spricht, sind rein äußerlich ein sehr geräumiges Spielfeld und die Möglichkeit einer ganz pausenlosen Inszenierung mit fließen- den Verwandlungen.

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Wenn man von dieser grundsätzlichen Einschrän­kung absieht (die ebenso für den .Zerbrochenen Krug" wie für denKaufmann von Venedig" in der vorigen Spielzeit zu gelten hat), darf gesagt wer­den, daß unter der szenischen Leitung von Dr. Fritz Budde eine geschlossene und repräsentative Auf­führung zustandekam, welche die außerordentlichen theatralischen Spannungen im großen Atemzug dieser fünf bezaubernden Akte bestechend zur Geltung brachte.

Darüber hinaus und abgesehen von der erstaun­lichen Bühnenwirkung:Prinz Friedrich von Hom- bürg" ist das dichterisch vollendetste und reifste Werk Kleists, das letzte in der Dramenreihe (1810) von dem er ebenso wie von seinen andern Stücken nicht eine einzige Aufführung hat erleben dürfen: weil Herr Iffland in Berlin nicht dafür zu haben war, und weil eine preußische Prinzessin auf der Erbse,

der das Schauspiel von Kleist gewidmet wurde, da- | gegen protestierte mit der Begründung, ihr Ahnherr erscheine hier in einer unedlen Gestalt.

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So hat jede heutige Aufführung desHomburg" wiedergutzumachen, was die ahnungslosen Zeit­genossen gesündigt haben an dem Werk und seinem. Schöpfer, welcher sich ein Jahr später in letzter Ver­zweiflung mit eigner Hand den Tod gab. (Armin sagte noch 1825 von Kleist und seinem Schauspiel: Hätte er auch nur eine so verdrehte Aufführung des Stückes [roie die des von Holbein bearbeiteten Kätchens"! in Berlin erlangen können, ich glaube, er lebte noch ")

Wiedergutzumachen also und die Zuschauer begreifen zu lassen, daß dieses Offiziersstück, dieses klirrende Preußenschauspiel mit seinen flatternden Fahnen, seinen Trommelwirbeln und seinen kriege- rischen Fanfaren im Wesensgrunde ein zeitloses Mcnschendrarna ist, das feinen Helden in die große und ewige Spannung zwischen Freiheit und Not­wendigkeit und vor eine strenge und hohe ethische Forderung stellt.

Daß der Prinz von Hessen-Hornburg den katego­rischen Imperativ nicht zwar des Philosophen Kant, sondern des im Kurfürsten großartig verkörperten Staatsbegriffes endlich anerkennt und zwar frenvil- lig anerkennt: darin liegt der letzte, beglückende Sinn dieser wundervollen Dichtung ... über das Preußi­sche und das rein Historische seiner Fabel hinaus.

Vielleicht hätten in diesem Sinne die entscheiden­den Szenen des vierten und fünften Aktes schärfer herausgearbeitet werden können. Im übrigen war diese Ausführung, an der so gut wie nichts ge­strichen ist, von repräsentativem Ansehen, aus leich­tem, fast lustspielmäßigen Auftakt schnell und ge­schickt gesteigert zum Höhepunkt und feierlichen Ausklang. Der weite Raum war tüchtig ausgenützt, die Gruppen richtig verteilt und gegliedert. Der äußere Rahmen (Bühnenbild: Franz Mertz) wirkte ungleich: die ornamentale Goldfüllung der gotischen Flügelbogen sehr unruhig; am besten die in großer Silhouette gegen den freien Himmel gestellte Schlacht­feldszene des zweiten Aktes.

Den Prinzen gab Gustav von Wangenheim, ganz weich, manchmal fast ein wenig krankhaft, durch alle Akte auf einer sehr unpathetischen und mensch­lichen Linie, mit großem und leidenschaftlichem.Aus­bruch in der berühmten Todesfurchtszene, im Ton aber stellenweise doch zu nüchtern und nebenhin. Im ganzen eine interessante und respektable Leistung.

Den Kurfürsten spielte Theodor Becker: in guter Haltung und Maske; aber man hätte diese Gestalt doch wohl noch mehr auf das Geistige als auf die imperatorische Geste hin betonen können: das er­fordert ihr Gewicht im inneren Gefüge des Dramas. Auch der Kottwitz (Josef Peterhans) hatte nicht ganz das Format, das ihm zukommt.

Deneckendorffs DÜrfling wirkte stellen­weise recht matt. Zwei schöne Leistungen: die blonde Natalie der RenSe Stobrawa und Bürkners Hohenzollern. Fritta Brod repräsentierte würdig die Kurfürstin. Dom Gießener Ensemble: Link mann als Wachtmeister.

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Der Wettergott war, wider Erwarten, sehr gnä- big; es fiel kein Tropfen. Ein zahlreiches Publikum dankte mit lebhaftem Beifall. y

Hochfchulnachnchten.

In der theologischen Fakultät der Universität Marburg ist der nichtbeamtete außerordentliche Professor der systematischen Theologie D. Georg Wünsch zum ordentlichen Professor ernannt wor­den. Auf Grund eines epochemachenden Werkes über evangelische Wirtschaftsethik wurde Professor Wünsch von der Berliner theologischen Fakultät zum Ehren­doktor ernannt.

Amtlich wird die Ernennung des nichtbeamteten ao. Professors Dr. Erich Bederke in Breslau zum ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der dortigen Universität bestätigt; ihm wurde der Lehrstuhl der Geologie und Paläontologie an Stelle von Professor W. Soergel übertragen. Professor Bederke ist zugleich Dozent an der Bres­lauer Technischen Hochschule.

Der durch die Emeritierung des Geheimrats Prof. Dr. Lenard an der Universität Heidel - berg erledigte Lehrstuhl der Physik ist dem or­dentlichen Professor Dr. Harrs Geiger in Tü­bingen angeboten worden.

Geschichten von Ludwig Thoma.

Der Schultes-Bertl machte einen jungen, hun­gernden Schauspieler mit Ludwig Thoma be­kannt. Thoma nimmt sich des Jünglings an und verschafft ihm ein Engagement. Einige Zeit spä­ter, nachdem für den jungen Schauspieler gute Tage angebrochen sind, erkundigt sich Freund Bertl, ob der Jüngling auch Dankbarkeit beweise. »Dös glab i, antwortet der Thoma, »er war gestern bei mir und hat mi angepumpt!"

Beim Tarock in der Bauernstube in Ludwig Thomas Haus in Tegernsee. Ein kerniges Klee­blatt ist zusammen: Thoma, Bertl Schultes, Michel Lengg und Emil Ganghoser, der Bruder des ver­storbenen Schriftstellers Ludwig. Vertieft spielen sie. Aber Michel Lengg und Bertl Schultes müssen ins Theater, über den See hinüber. Sie können nicht länger mitmachen. Doch Emil Gang- hvser ist im besten Zuge. Cs muß weitergespielt werden. Rasch holt er seinen Kahn heran, drängt die arideren hinein, nimmt in eine Hand die Kar­ten, bedient mit der anderen den Handmotor und führt obendrein noch das Steuer. Wild klatschen die Trümpfe auf die Holzbank. Da merkt der Schultes-Bertl, daß das Boot leckt und alle be­reits bis zu den Knöcheln im Wasser sind. Und ruft erschrocken aus: »Emil, wir dersaufen ja!" Dös is mir Wurscht", brüllt Emil Gang­hofer zurück, ,i hab an Herz-Solo."

Zeitschriften)

Aus dem Juniheft desKun stwart s" (Verlag G. D. W. Callwey, München) heben wir die folgenden Beiträge hervor: den Leitartikel Stein und wir", zum 100. Todestage des Reichs­freiherrn am 29. Juni, von Hermann Tillmann; die ErzählungBahreiner hat ein Gesicht" aus dem schönen RovellenbandeReinhold, oder: die Verwandelten" von Paul Alverdes, einer Reuer­scheinung, auf die wir noch zurückkommen wer­den; einen Aufsatz von Wilhelm Michel über Reue Bewußtseinsbildung in der Malerei", mit Bildern einiger Surrealisten (Chirico, Suverbie. Lur^at, Picasso);Ottobeuren", von Joses Hof« miller;Geschichten aus meiner Kindheit", von Hans Carossa; Abbildungen aus dem plastischen Werk von Tilmann Riemenschneider, dessen To- i destag im Juli zum 400. Male wiederkehrt. ,

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Nr. (34 Zweites Blatt

Randnoten.

Die Franzosen müssen sich wegen ihrer Treibereien auf den ausländischen Börsenplätzen mancherlei bittere Wahrhei­ten sagen lassen. Ramentlich in Deutschland ist man aus sie wegen des neuerlichen plötzlichen Abzuges kurzfristiger Gelder nicht gut zu sprechen, weil dadurch die Reichsbank sehr starken Be­lastungen ausgesetzt ist und die erheblichen De- visenansorderungen ein Angreifen der Reichs» bankbestände. namentlich des Reichsbankgoldes, erforderlich machen. In Paris scheint man nun eingesehen zu haben, daß es nötig ist, das Aus­land etwas zu beruhigen. Das darf man wohl aus einem Leitartikel desMatin" schließen, der sich mit der französischen Anleihepolitik beschäf­tigt und die Behauptung aufstellt, daß Frank­reich nicht hur sein« Freunde, sondern auch seine ehemaligen Feind« immer unterstützt habe und daß die französische Hilfsbereitschaft am aller­besten aus der Zahl und Höhe der Anleihen hervorgehe, die Frankreich seit 1923 dem Aus­land gewährt habe. Es folgt dann eine längere Ausstellung, in der sich auch Deutschland, Oester­reich. Ungarn und Bulgarien, also die Ver­bündeten des Weltkrieges, befinden. Die Stati­stik gewinnt aber ein ganz anderes Gesicht, wenn man sich die einzelnen Anleihen und nament­lich ihre Höhe etwas genauer betrachtet. An der Dawes- und Vvung - Anleihe muh­ten sich die Franzosen, ob sie wollten oder nicht, beteiligen. Die Anleihen, die den Oesterreichern, Bulgaren und Ungarn gegeben worden sind, machen genau fünfhundert Millionen Franken aus. also soviel, wie die Franzosen allein den polnischen Verbündeten auf Grund dieser Sta­tistik ausgehändigt haben. Der Grad der Hilfs­bereitschaft den Verbündeten Frankreichs und den ehemaligen Feinden gegenüber ist stark unter­schiedlich, die Belgier erscheinen mit vierhundert Millionen Franken, die Rumänen einmal mbt fünfhundert und einmal mit 575 und die Süd- hatoen mit 675 Millionen Franken. Gegenüber diesen Beträgen sind z. B. Anleihen im Werte von vierzig Millionen, wie sie einmal an Bul­garien gegeben wurden, vollkommen bedeutungs- ll>s. Die Franzosen müßten reichlich naiv sein, wenn sie sich der Annahme hingeben, daß an Hand dieser Aufstellung nunmehr jeder ehrlich an die Hilfsbereitschaft Frankreichs glaubt. Die Milliarden, die im Saufe der letzten Jahre nach dem Osten und dem Südosten Europas abgeflossen sind, sind nicht gegeben worden, um den Rumänen, den Südftawen oder den Polen aus schwierigen Situationen herauszuhelfen; viel­mehr wurden diese Schwierigkeiten benutzt, um die Verbündeten in go lden« Fesseln zu schlagen und sie fester an Frankreich zu fetten. Es fragt sich nur, ob nicht eines Tages diese goldene Fessel doch zerspringt. Auf dem Balkan ist man keineswegs mit den Franzosen zufrieden, die zwar immer schöne Worte machen, aber stets bann versagen, wenn es gilt, Versprechungen wirtschaftlicher Ratur so einzulösen, daß auch di« kleinen Staaten einen Ruhen davon haben. So­lange aber die Franzosen zehn Milliarden Franken in Gold in ihren Dep o ts haben, besitzen sie eine Manövriermasse, mit der' sie sehr leicht selbst Staaten wie Großbritannien in furchtbare Verlegenheiten bringen können.

Im Zentrum der Reichshauptstadt wurde dieser Tage ein Geschäft eröffnet, das in seiner Art deshalb einzig dasteht, weil es ausschließlich dem Verkauf von Gasmasken gewidmet ist. Man kann hier Schuhmasken für Männer, Frauen und Kinder erwerben; es gibt sogar Exemplare, die für verschiedene Haartrachten passend ge­arbeitet sind, so daß sie auch dann gut sitzen, wenn z. B. eine Frau über eine beträchtlich« Haarfülle verfügt, die sie in einem Knoten trägt. Dann gibt es auch verschiedene Arten von Mas­ken, die gegen besondere Gase schützen, solche, die nur Reizgase. wie Tränen- und Riesgase abhalten, und solche, die den Träger vor den ganz schweren Vergiftungsgasen bewahren. Die Grün­dung dieses eigenartigen Geschäftszweiges mutet im angeblichen Zeitalter der Abrüstung recht eigenartig an. Fragt man sich aber, ob

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Don Konferenz zu Konferenz

diesem Jahr di« große ..Anti-Gas-Propaganda" eingeleitet, um jeden Sowjetbürger auf die Ge­fahren des Gaskrieges aufmerksam zu machen und vorzubereiten. Wir aber sind arm an Milte tär und Waffen und auch an Geld, wir müssen zusehen, wie die andern sich aus alle Eventuali­täten vorbereiten, während unser« Zivilbevölke­rung aller Schutzmittel entblötzt bleibt. Wir brauchen gat nicht an einen Krieg zu denken, haben doch die Phosgengaskatastrophe in Ham­burg und die Giftgasnebel im Maastaal gezeigt, wie notwendig der Gasschutz überhaupt ist. In Deutschland haben wir bisher ein« einzige Das- schuhschule, Oranienburg, die uns zeigt, wie wir uns gegen diesen gefährlichen Feind zu verhalten haben. Sie hat aber eine auffallend« Aehnlich- keit mit dem Veilchen, das im Verborgenen blüht. Vielleicht wird das Berliner Gasmaskengeschäft die Keimzelle eines umfassenden Gasschutzes. DiS aber der letzte Winkel unseres Reiches erfaßt ist, werden sicherlich neue Gase erfunden fein, gegen die nicht einmal mehr die jetzt gebräuch­lichen Gasmasken einen wirkungsvollen Schutz bieten.

Angelsächsische Staatsmänner besuchen Deutschland. Macdonald, Henderson Gtimson und Mellon.

Don Werner Falcke

sich damit in Gegensatz zur Parteimehrheit stellte. Er wurde verfolgt und wär« einmal fast ge­lyncht worden, aber er hielt an seinen Grundsätzen fest und kämpfte auch während des Krieges er­bittert gegen das Völkermorden. Damals errang er sich den Beinamen desStaatsmannes mit der g euer fee le. Im Jahre 1922 wurde er wieder Parteivorsitzender, und nun hatte er sich so weit gewandelt, daß er als Führer der zweit­stärksten Fraktion zu Hofe ging und dem König seine Aufwartung machte. 1924 wurde er zum erstenmal Premierminister. Die Wahlen im Som­mer 1929 brachten ihn dann wieder an di« Spitze des englischen Weltreiches. Schweigsam, fast hart in seinem Wesen, ist Macdonald in seiner Politik immer biegsamer geworden und gehört heute zu den Staatsmännern, die Der- nunftgrünben zugänglich fein dürften, ohne ihren Kopf im Kampf für die Vernunft wagen zu wollen.

Dom Metalldreher zum Außenminister.

Arthur Henderson hat früher nicht gut mit Macdonald gestanden. Er war sein Vorgänger als Vorsitzender der Arbeiterpartei und war selbst dort versöhnlich, wo Macdonald fanatisch blieb. Er hat sich nicht geändert, aber der Mann, der ihn überflügelte und nun sein Kabinettchef ist, hat feine Politik angenommen.

Im Jahre 1863 wurde Henderson in Glasgow geboren. Seine Jugend war die eines Arbeiter­kindes, seine Lehrzeit verbrachte er als Metall­arbeiter in einer großen Fabrik von Rewcastle. In der Gewerkschaftsbewegung stieg er empor, als Kommunalpolitiker herbiente er sich die Spo­ren. Im Jahre 1908 übertrug man ihm den Par- teitwrsitz. Zwei Jahre führte er die Arbeiter­partei, bis Macdonald ihn von diesem Amt ver­drängte. Bei Kriegsausbruch übernahm er wie­derum den Parteivorsih und versprach össentlich, die wundervolle Einigkeit der Ration" durch die organisierte Arbeiterpartei nicht zu stören. Zur Belohnung zog er im Jahre 1915 in die Koali­tionsregierung Asquith ein.Durchhalten" war seine Parole, und das Munitionsgeseh, ja sogar das Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht, das in England auf großen Widerstand stieß, wur­den von ihm gefordert und durchgeseht. Ein Jahr darauf folgte das Bündnis mit Lloyd George. Im Frühjahr 1917 besuchte er Rußland, erlebte die erste Revolution und sah, daß die Proviso­rische Regierung entschlossen war, die internatio­nale sozialistische Konferenz in Stockholm zu be­schicken Er hielt es für besser, daß die Englän­der daran teilnahmen, als daß man di« Deut­schen und die Russen unter sich lieh. Di« Qlrbei-

feine Existenz no twendig ist, dann kann nur ein glattes I a die Antwort sein Schauen wir uns doch einmal um! Alle Staaten, die uns umgeben, sind bis an die Zähne bewaffnet, trotz­dem jedes zweite Wort, das aus dem ehemals feindlichen Ausland kommt, Abrüstung heißt. Daß man draußen keine unmodernen Kampfmittel herstellt, dürfte jedem klar sein, der noch vom Schluß des Weltkrieges her weiß, daß Flug­zeuge und Giftgase die besten und wirk­samsten Wasfen sind. So hat man jetzt Kombina­tionen zwischen Flugzeug und Gas geschaffen, wodurch dem Angreifer die Möglichkeit gegeben ist, in wenigen Stunden ganze Länderstriche zu vergasen und alles Lebende unschädlich zu machen. Aber nicht nur dem Angriff schenken die fremden Mächte ihr Augenmerk, vielmehr geben sie heute schon ungeheure Summen für den Gasschutz ihrer Bevölkerung aus, damit im Falle eines Krieges jeder Bürger sofort weih, wie er sich zu verhalten hat. So zahlt Frankreich jähr­lich nicht weniger als neunzig Millionen, Amerika und England je sünsundsiebzig Millionen für die Gasschutzkurs «. Ruh land hat erst in

Die Staatsmänner, die in diesem Sommer der Rot auf Reisen gehen, eilen von Konferenz zu Konferenz, und jede Besprechung hat dasselbe Thema: W o i st der Ausweg aus der Krise? Am bedrohlichsten ist die Lage in Deutschland. Es ist daher fein Zufall, daß außer dem amerikanischen Außenminister Stirn- s o n nun auch Macdonald und Hender - son in Berlin erwartet werden Der amerifa- nische Schatzkanzler Mellon ist ebenfalls auf dem Wege nach Europa, doch steht es noch nicht fest, ob er nur London und Paris, oder auch Berlin aufsuchen wird.

Von dem, was diese vier Männer in den nächsten Wochen vereinbaren werden, hängt viel ab. Ihr Rome wird in der nächsten Zeit oft genannt werden. Was hat man von ihnen zu er­warten? Ein Rückblick auf ihren Werdegang und eine Schilderung ihrer Persönlichkeiten ge­stattet es, gewisse Schlüsse auf ihre Derhandlungs- freudigkeit zu ziehen

Der Staatsmann mit der Feuerseele.

Den Schotten sagt man nach, dah si« geizig seien Macdonald und Henderson stam­men aus Schottland. Aber sie haben lange genug in London gelebt, um die kleinen Verhältnisse ihrer Herkunft zu überwinden.

Macdonald ist der Sohn eines kleinen Dauern. Mit acht Jahren muhte er bei der Feld­arbeit helfen und konnte nur nebenbei die Dorf­schule besuchen. Er war begabt und sollt« Dolks- schullehrer werden. Die Bildungsmöglichkeiten in seinem Heimatdorf waren gering. Aber er nutzte sie aus, schrieb als junger Mann eine Rovelle, schickte sie an eine Zeitung und sah sie gedruckt. Das machte ihm Mut. Fast ohne einen Schilling in der Tasche fuhr er nach London, wo er nach langem Umherirren, hall» verhungert, eine Stellung als Schreiber fand. In seiner freien Zeit bildet« er sich Wetter, las auf den Bibliotheken, sah sich aber auch in der großen Stadt um, weil er fürchtete, über den Büchern das Geben zu vergessen. Im Alter von 22 Jahren wurde er durch einen Zufall der Sekretär eines radikaldemokratischen Abgeordneten, der ihn in die Politik einführte. Das ist lang« her. Mac­donald ist jetzt 65 Jahre alt und hat über hier Jahrzehnte im politischen Leben gestanden. Er gehörte zu den Mitgründern der Unabhängigen Arbeiterpartei, von der er sich inzwischen toteber getrennt hat, er ist vor 25 Jahren Abgeordneter geworden. Kurz vor dem Krieg übernahm er den Dorsitz in der Arbeiterpartei, mußte ihn dann aber im August 1914 niederlegen, weil er an seiner pazifistischen Gesinnung festhielt und

terpartei billigte feine Haltung, aber die Gewerk­schaft der Seeleute weigert« sich, die Arbeiter- delegattvn nach Stockholm zu bringen. Als Lloyd George Henderson fallen ließ, mußte dieser zu- rücktreten. Im Jahre 1918 entschied sich die Ar­beiterpartei gegen Hendersons Einspruch für das Ende der Koalitionspolitik, und nun wurde Hen­derson für einige Jahre in den Hintergrund ge­drängt. Dennoch machte Macdonald seinen alten Widersacher in seinem ersten Kabinett zum In­nenminister. Im Kamps gegen den Kommunismus fanden sich die beiden Parteiführer, und nun ist Henderson Außenminister.

Der Bankier der amerikanischen Finanzen.

Der drittreichste Mann der Vereinigten Staaten und somit wohl der Welt ist Andrew William Mellon, dessen Vermögen die Milliardengrenze erreicht haben soll. Gr stammt aus Pittsburg und war Präsident eines großen Finanztrustes, bis er als Mann von 66 Jahren am 1. März 1921 seine Stellung in der Privatwirtschaft aufgab und unter Harding Schahkanzler wurde. Seitdem hat kein amerikanischer Präsident auf diesen Fachmann verzichtet. Die Aemter, die er in seiner Hand ver­einigte, sind kaum aufzuzählen. Am wichtigsten war es wohl für die Welt, daß er den Vorsitz in der Kriegsschuldenkommission innehatte und dabei den amerikanischen Standpunkt formulierte: die inter­nationalen Verpflichtungen sind unantastbar, aber keine Ration kann über ihre Fähigkeit hinaus zu Zahlungen gezwungen werden, und jede Regelung, die die Entwicklung des Schuldners unterdrückt oder ungebührlich verzögert, oder die die Lebens­haltung senkt, schadet Europa und Amerika. Ob er jetzt aus diesem Grundsatz Folgerungen ziehen wird?

Mellon hat ein« große Geschicklichkeit im Ab­schluß von Verträgen bewiesen. GS ist ihm gelun­gen, die innere Verschuldung der Vereinigten Staaten von 1921 bis 1928 um acht Milliarden Dollars ober 33 Milliarden Mark zu senken. Daß er gleichzeitig die Besteuerung der Einkommen mindern tonnte, war natürlich nur der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staa­ten $u danken.

Amerikas diplomatischer Rechtsanwalt.

Kelloggs Rachfolger Henich Lewis Stim son ist ein trockener Jurist. Wie viele amerikanische Staatsmänner, begann er als Rechtsanwalt. Län­ger als ander« ist er bei diesem Beruf geblieben, und im Grunde genommen ist Stimson noch heute ein Advokat, kein Diplomat. 40 Jahre war er alt, als er in den Staatsdienst trat. Jetzt ist er 64. Unter Taft war er Kriegsminister ein Rechts­anwalt als Kriegsminister! und hat sich da­bei so viel militärische Kenntnisse angeeignet, daß er im Jahre 1917 als Oberstleutnant an die Front gehen und ein Artillerieregiment führen konnte.

Donnerstag, U. Juni (931

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Der Iraner des NWahrSpreise» ber Berliner Akademie der fiflnfle.

Der Essener Maler Max Pfeiffer-Waten- phuhl erhielt den Frühiahrspreis der Preußischen Akademie der Künste in Berlin.