Ausgabe 
11.2.1931
 
Einzelbild herunterladen

Nun ober, wo der geistige Kampf beginnen soll, wo der Außenminister als Vertreter einer mindestens ebenso nationalen, aber weniger phrasenhaften Ver- ständigungs- und Befreiungspolitik sich zur Aus­einandersetzung stellt, da ergreift die sogenannte na­tionale Opposition die Flucht. Der Redner erklärt zur Paneuropafrage: Man kann ein neues Europa Zwar auf der Landkarte machen, aber man darf auch nicht vergessen, den G e i st wirklich in allen Völkern großzuziehen, der allein diesem Mechanis­mus Europa das Bild eines wirklich zukunstsfähigen Organismus geben kann. In diesem neuen Europa muß der Grundsatz der ehrlichen Gleich­berechtigung aller Völker durchgeführt sein. In der Abrüstungsfrage erkläre ich mit allem Nachdruck, daß für meine politischen Freunde nicht nur aus realpolitischen, sondern auch aus ethischen und grund­sätzlichen Erwägungen die Abrüstung das Primäre ist Wir haben d e n A n s p r u ch a u f e i n e g l eich­wertige Sicherheit, und es ist unser aller Wunsch, daß sie erreicht werden möge durch A b - rüstung der anderen.

Wenn aber die andern nicht abrüsten, wenn tatsächlich endgültig die anderen ihre Verpflich­tungen aus dem Versailler Vertrag und dem Völkerbundspakt nicht erfüllen sollten, ja, wie wollen sie dann dem Land, das diesem Mili­tarismus der andern gegenüber nun an eine Aufrüstung denken würde, Militarismus vor­werfen?

Der von rechts gestellte Eintrag auf Ausscheiden Deutschlands aus dem Völkerbünde ist gerade jetzt nach dem Erfolg in Gens am allerwenigsten zeit­gemäß. Es darf aber nicht verschwiegen werden, daß die Skepsis gegenüber dem Völkerbund heute im deutschen Volte schon einen gefähr- lichenGrad erreicht hat. 3n derKriegs- schuldfrage arbeitet die Zeit für uns. Wir werden uns der Wahrheit auch dann beugen, wenn für die eine oder andere deutsche Stelle, für die eine oder andere deutsche Persönlichkeit ein Teil von Schuld festgestellt werden sollte. 3n der Reparationsfrage wünschen wir mit dem Reichskanzler eine Gesamtlösung. Den sicherlich subjektiv ehrlich gemeinten Plan des Grafen d'O r m e s s o n begrüßen wir als den Versuch, eine Brücke zwischen beiden Völkern zu schlagen, aber wir können in ihm nicht eine Teillösung erblicken. Solche Friedenstäubchen wirken erfreulich, auch wenn sie beim ersten Flug von der Arche Roah noch nicht das feste Land erreichen. Wir brauchen statt-der inneren Zerklüftung Sammlung, damit wir eine ehr­liche und selbstbewußte Verständigungspolitik trei­ben können. (Beifall im Zentrum.)

Abg. Oauch (DAp.)

Der Auszug der Rechtsopposition in der heu­tigen Sitzung war die notwendige Folge der Überspitzung einer Agitationspolitik auf jener Seite, die aus dem Reichstag eine Wahlversamm­lung machen wollte. Ich hoffe, daß jetzt im Reichs­tag die Sachlichkeit wieder einkehrt.

Die Revision der jetzigen Reparations- Verpflichtungen ist dringend notwendig. Dvraus- gefjen muß öie innere Sanierung, aber an­dererseits darf man mit dem Revisionsantrag nicht warten tooHen, bis Deutschland überhaupt keine Schulden mehr hat. Wir haben den Poung- Plan aufs Genaueste erfüllt, aber w ir ver­missen bei den andern die Erfüllung der Pflichten, die sie mit dem Voung-Plan übernommen haben. Daraus sollte die Reichs­regierung, jetzt schon nachdrücklichst Hinweisen. Die andern haben ihre Zollmauern nicht abgebaut, sie haben nicht die Aufnahme deut­scher Ausfuhrgüter erleichtert, die notwendig ist, um uns die Erfüllung zu ermöglichen. Eine erfolgreiche Außenpolitik können wir nicht führen, wenn die innereVerhetzung nicht aufhört. Wie sollen wir mit dem Ausland erfolgreich ver­handeln, wenn der Rationalsozialist Frank II den Bürgerkrieg in Deutschland ankündigt. Wer Vein Vaterland liebt, muß im Reichstag als Po­litiker sprechen. Dr. Frank hat aber nur als Agitator gesprochen. Wir alle lieben unser Vaterland mindestens so heiß, wie die soge­nanntenationale Opposition". (Beifall.)

Weiterberatung Mittwoch.

Oer Auszug der Rechten.

Berlin, 10. Febr. (DDZ.) Die national- sozialistische Reichst agsfraktion hat nicht nur den Sitzungssaal, sondern auch bas Neichstagsgebäube heute nachmittag verlassen. Wie bns Nachrichtenbüro bes VDZ. erfährt, wirb bie Fraktion auch in Zukunft bas Reichstagsaebäude nicht betreten. Dem Reichstag wirb ein Antrag übermittelt werben, wonach bie verfallcnben Diäten ber nationalsozialistischen Abgeordneten den Arbeitslosen zur Verfügung ge­stellt werden sollen. Die Parteileitung steht mit ollen 'Abgeordneten in telegraphischer Verbindung, um sic für dringende Fälle sofort nach Berlin zu beordern. Die nationalsozialistischen Vorsitzenden von R c i ch s t a g s a u s s ch ü s s e n werden ihre Aern - ter behalten. Der Zweck dieses Vorgehens ist, die Arbeit dieser Ausschüsse l a h m z u l e g e n , da nur die Vorsitzenden dos Recht zur Einberufung des Ausschriffes haben. Nationalsozialistische Vor­sitzende hoben der Ueberwochungsousschuß, der Aus­wärtige Ausschuß, der Rechtsausschuß und der Woh- nungsousschuß.

Die deutsch nationale Neichstagsfrok- t i o n hat für Donnerstag noch der Philharmonie eine öffentliche Protestkundgebung ein- berufen. Als Redner find vorgesehen bie Abgeord­neten von Freytagh-Loringhoven, der Vizepräsident des Reichstags Graef-Thüringen, der Fraktionsvor­sitzende Dr. Oberfohren und die Abgeordneten La- verrenz, Frau Lehmann und v. Oldenburg-Ianu- schou. Auch die bcutschnationale Reichstagsfraktion wird sich nicht auf das Fernbleiben von der außen­politischen Aussprache beschränken. Sie wird von Fall zu Fall weitere Maßnahmen be­schließen, um die Arbeit der Mehrheit unmög­lich zu machen. So wird mit der Möglichkeit gerechnet, daß die Fraktion aus einer Reihe von Ausschüssen ihre Mitglieder zu- rückzieht. Es würde sich hier besonders um die Ausschüsse handeln, in denen Kulturfragen behandelt werden. Auch der Strafrecht sausschuß würde zu diesen Ausschüssen zu zählen sein.

Die Auseinandersetzung zwischen den radikalen und den gemäßigten Elementen der Landvol k- partei wird von einer Sitzung der Partei­leitung erwartet, die am Mittwochfrüh im Reichs­tag beginnen wird. Der Parteiführer Dr. G e r e k e, der ziemlich ernstlich erkrankt ist, hat zwar an den letzten Reichstagssitzungen nicht teilnehmen können, da er sich Schonung auferlegen mußte. Er ist jedoch entschlossen, morgen in der Partei­leitung dem radikalen Flügel unter Führrmg des 2lbg. Dr. v. Wendthausen entschieden entgegenzu- tretcn. Der andere Führer der Lcrndvolffraktion, Abg. D ö b r i ch, hat bisher weder in dem einen, noch in dem anderen Sinne Stellung genommen. Sein Bestreben ist vor allem darauf gerichtet,

Partei und Fraktion zusammenzuhalten. In Landvolkkreisen erwartet man, daß er damit auch in der morgigen Sitzung Erfolg haben wird. Mit dem Abg. Dr. v. Wendthausen haben in der heutigen Reichstagssitzung nur noch die Abg. von Stzbel, Sieber und Haag, von der 21 Mitglieder starken Landvolkfraktion sich dem demonstrativen Auszug der Rationalsozialisten und Deutschnationalen aus dem Sitzungssaale an- geschlossen.

Gtöhr legt fein Ami als Vizepräsident nieder.

Berlin, 10. Febr. (VDZ.) Die Absage, die die Nationalsozialisten in der heutigen Sitzung dem Neickstag erteilt haben, wirb auch auf bie Zusam­mensetzung bes Reichstagsvorstanbes und der Aus­

schüsse ihre Wirkung ausüben. Abg. Stöhrhat be­reits sein Amt als Vizepräsident nie­dergelegt, so daß in nächster Zeit eine Neuwahl erfolgen muß. Die Nationalsozialisten wollen weiter alle Aemter im Reichstagsvorstand nicberlegen und auch ihre Sitze in den Ausschüssen aufgeben. Ledig­lich diejenigen nationalsozialistischen Llbgeordneten, bie Vorsitzende von Ausschüssen sind, wollen diese Aemter im Einverständnis mit ber Fraktion weiter behalten. Die durch den Rück­tritt bes Abg. Stöhr freigewordene Stelle des Rcichstagsvizepräsibenten wirb voraussichtlich burd) den volksparteilichen Abg. v. Karborff besetzt werben, der' aud) schon im alten Reichstag Vize­präsident gewesen ist.

Echo der presse.

Bedenkliche Rückwirkungen des Auszugs.

Berlin, 11. Febr. (TU.) Zum Auszug der Rechtsopposition aus dem Reichstag nehmen eine Reihe Berliner Zeitungen Stellung. DieBer­liner Börsenze itung" (Kons.) weist dar­auf hin, daß sie die Erregung der Rechtsoppo­sition verstehe und würdige, cs müsse aber gefragt werden, ob der Auszug opportun und im 3n« teresse der Wählerschaft und Ration liege, zumal am Dienstag der Reichsaußen- minister von der Tribüne des Reichstages eine wichtige außenpolitische Rede gehalten habe. Es sei die hohe Mission jeder nationalen Opposition, im Parlament dem Willen ihrer Wähler Ausdruck zu geben und zu verhindern, daß i m Ausland der Eindru ck entstehe, das deut­sche Parlament sei mit bem zufrieden, was man i h m a n b i c t e. Solange der Reichstag nun einmal noch da sei, müsse in ihm die Kraft der Opposition angesetzt werden, um die Wahrheit zu sagen. Der jetzt geschaffene Zustand trage nur zur Konsolidierung des jetzigen parlamentarischen Shstemes bei, nicht aber zu einer baldigen Ab­lösung durch ein besseres. DieDAZ." (Volksp.) schreibt, der Vorgang dürfe nicht leicht

genommen werden, aber es müsse zugegeben werden, daß die Erklärungen der Oppositions­parteien außerordentlich wechtgegan­gen seien. Von einem Verfassungsbruch durch die Geschäftsordnungsreform könne keine Rede sein.Wir erkennen", so sagt das Blatt weiter, inmitten aller tragischen Irrtümer das Wollen an, das die Vertreter einer jungen und täglich vorwärtsgepeitschten Kampfbewegung erfüllt. Aber den Weg ber Demonstration, der praktisch die Kräfte des Gegners verstärkt, und nicht schwächt, kann deswegen v o n n i e m a n d e n für richtig gehalten werden." Die Rational­sozialisten verkünden die Legalität. Sie haben gestern in ihrer Auseinandersetzung mit den Mächten des bestehenden Systemes einen kleinen Schritt abseits von dieser Legalität getan.

Die©erma'nia (Zentr.) sagt: Die Be­gründungen, die die Wortführer der Opposition ihrem Auszug gegeben hätten, könnten nicht darüber Hinwegtäuschen, daß die Opposition ge­rade in dem Augenblick das Feld geräumt habe, in dem die von ihnen stürmisch verlangte außen­politische Debatte stattfand und zur Abrechnung

mit Dr. Curtius Gelegenheit war. Di<z Deutsche Tageszeitung" (Landv.) stellt fest, daß der Ausmarsch des größten Teiles der Opposition keine Stärkung des Kabinetts Brüning bedeute. Besonders werde dadurch die (Stel­lung der Sozialdemokratie insofern gestärkt, als sie einen nicht unerheblichen Teil der verlorengegangenen Bewegungsfreiheit wie- bererlange. Es wäre für Brüning nach der gan­zen Entwicklungsgeschichte seiner Kanzlerschaft schlechthin der Anfang vom Ende, wenn er sich in der nächsten Zeit irgendwie von einem Parla­ment beherrschen und dirigieren lassen wollte, in dem, solange Rationalsozialisten und Deutsch­nationale fehlten, der sozialistische und damit im besonderen agrarfeindliche Einschlag noch stär­ker zur Geltung kommen könne, als bisher.

DerBörsen-Courier" (dem.) hält es für besonders bemerkenswert, baß sich bie nationale Opposition gerabe in bem Augenblick aus bem Staube gemacht hätte, inbem sie zu ben lebenswich­tigsten Fragen bes beutschen Volkes zu ben Pro­blemen ber Außenpolitik Stellung zu nehmen ver­pflichtet gewesen sei. DasBerliner Tage­blatt" (bem.) schreibt, nachbern ber Mißbrauch ber Gcschäftsorbnung erschwert sei, mache ben Opposi­tionsparlamentariern ihre Tätigkeit keine Freube mehr. Die Kommunisten hätten biesmal viel geschickter operiert, ba sic es ablehnten, bem Beispiel ber Rechtsopposition zu folgen. Die Vos fische Zeitung" (Ullstein)"^agt, es liege bie Schlußfolgerung nahe, baß bie Nationalsozia­listen, bie selbst bas Gefühl hätten, in ber Opposition völlig unfruchtbar zu sein, nach einem Anlaß gesucht hätten, um burd) eine kräftige Geste auf ihre An­hänger zu wirken. Aehnlich äußert sich ber Vorwärts" (soz.), er schreibt, bie Nationalsozia­listen seien geflüchtet, weil ihnen ber Mut unb bie Fähigkeit fehle, um in den geregelten Formen par­lamentarischen Kampfes ihren Gegnern entgegenzu­treten.

Unter -em Verdacht des Hochverrats verhaftet.

München, 10. Febr. (WTB.) Der Polizeibericht meldet: Bei einer Erhebung in einer Landfriedens-- bruchsfachc fiel ber Polizeidirektion ein Schriftstück in die Hände, wonach die S. A. der NSDAP, dia Aufstellung von Vertrauensleuten bei Reichs-, Land-undGemeindebehörden durchgeführt hat, deren Aufgabe es war, G e f) e i m e r I a f f e unb Verfügungen biefer Behörden, insbefonbere ber örtlichen Polizei unb Landespolizei, derober st en S. A. möglich ft im Original zuzuführen. Die Vertrauensleute hatten ihre Mitteilungen unter Weglassung ihres Namens ledig­lich mit einer ihnen von der Leitung zugeteillen Nummer anbieAdrefsebesHauptmanns a. D. 3t i ft e r in München cinzusenden. Eine der diesem vorgenommene Durchsuchung führte zur Be­schlagnahme von zahlreichem 'Mate­rial unb zu weiteren Nachsuchungen bei ber Leitung der S. A. Hauptmann Stifter würbe f e ft g e n o m = men unb wegen Verdachts bes Hochverrats bem Gericht übergeben.

Die richtige Antwort.

DieGermania" an falsche Abrüftrings- freunde in England.

Berlin, 10. Febr. (TU.) In der großen Ab- rüjtungsfunbgebung, bie bie Internationale Frauenliga am Montag in Lonbon veranstal­tete, und in ber Außenminister H enbcrso n eine große Abrüstungsrebe hielt, hatte u. a. der Leiter ber englischen Völkcrbunbsliga, Prof. Murray, u. a. den Nationalsozialisten vorgeworfen, sie be­trieben eine wahnsinnige Politik bes Vertragsbruchs unb ber Verweigerung ber Reparationszahlungen. Graf Bernstorff habe auf ihren Druck hin, ben Entwurf bes Abrüstungsabkommens abgelehnt. Seine Forberungen gingen barouf hinaus, baß b i e anderen Länder ebenso gebemütigt werden müssen, w i e Deutschland.

OieG c r m « n i a" antwortet Herrn 'Murray heute wie folgt: Wir sind bereits gewöhnt, daß der englische Außenminister sich über die Abrüstungs­frage nur nod) in sehr unverbindlichen Allgemeinheiten ergeht. Wir sind aber mit Recht überrascht, daß auch der Leiter der eng-

Gießener GtaSttheater.

Ben Janson:Volpone".

.....Rach Golde drängt, Am Golde hängt

Doch alles. Ach wir Armen!" Faust" I.

Ben 3 o n f o n, 1573 bis 1637, Sohn eines schottischen Geistlichen, Zeitgenosse bes großen Shakespeare, hat ein merkwürdiges, bewegtes und abenteuerliches Leben geführt, war Schauspieler, eine zeitlang Soldat, bann Dramatiker unb auch Lyriker, würbe Konvertit, kam wegen eines Zwei­kampfes, wobei er seinen Gegner getötet hatte, ins Gefängnis, würbe auf Fürsprache freigelassen, stand in der Gunst der Königin Elisabeth, war dann Hofdichter Jakobs I. unb starb als ein armer, aber angesehener Mann.

Schon Tieck, der sich für die elisabethanische Dramatik interessierte, kannte Ben Ionson und hak (1793) eine Übersetzung derlieblosen" Ko­mödieVolpone, or the fox aus dem Jahre 1605 angefertigt; Goethe war von der Lektüre dieses Stückes so wenig erfreut, daß er danach auf jede weitere Bekanntschaft mit dem altcnglischen Dich­ter verzichtete.

Stefan Zweig hingegen, scelenkundiger Er­zähler unb glänzender Essayist, empfand als moderner Bearbeiter die merkwürdige Aktuali­tät, ben unveralteten Kern im Schauspiel des genialrschen Elisabethaners. ber wie die Marlowe, Webster, Ford, Beaumont, Fletcher unb Massin- ger im Schatten des mächtigeren Shakespeare steht, ... er löste das stets Gegenwärtige, nicht ans Kostüm und den Stil der Zeit Gebundene, das D.eibende und unmittelbar Wirkende in den drei Litten heraus, kleidete es in die uns gemäße szenische Form unb dichtete es neu in einer un­gemein plastischen, deutlichen, durchbluteten und bilderreichen Sprache, die den leidenschaftlichen und oft sehr bitteren Ton des Originals allent­halben bewahrt.

Volpone": das ist das Schauspiel von der Goldgier unb der ewigen, elenden, höllischen Macht des Reichtums. Sein Held ist ein reicher Levantiner, dem all fein Geld nicht genügt,

der sich für einen Kranken, einen Sterbenden, ja schließlich für einen Toten ausgeben läßt, um die teftamentölüfterncn Erbschleicher unb Schmarotzer zu prellen unb auszubeuten. Eine wahrhaft in­fernalische Fabel, die an eine gespenstige Szene in MolieresMalade imaginaire" erinnert.

Das Personenverzeichnis ber Komödie, mit seinen symbolisierenden Tiernamen, stellt dem Zuschauer die mitspielenden Figuren gewisser­maßen als Musterexemplare einer grotesken unb abschreckenden menschlichen Menagerie vor; man fühlt sich an Wedekinds berühmten Prolog er­innert:

Hereinspaziert, bie Vorstellung beginnt! Ruf zwei Personen kommt umsonst ein Kind... Das wahre Tier, das wilde, schöne Tier, Das meine Damen! seh'n Sie nur bei mir ..."

Da gibt es Volpone, ben Fachs, ba gibt es Mosca, die Schmeißfliege, ba gibt es ben Geier, ben Raben, bie Hündin ... man merkt sogleich, mit wem man es zu tun hat, und es ist klar, bah gerabe mit einer so schonungslos zoologischen Benennung bie erbittert satirische Haltung unb auch ber menschliche Kern des Schauspiels un= mihverstänblich gekennzeichnet sinb.

Lim biefer erbarmungslos enthüllten unb un­geschminkten Menschlichkeit seiner Gestalten willen verdient bas Schauspiel bCn Rainen einer Komö­die; beswegen ist es auch, obwohl im elisabetha­nischen Englanb entstanden und im Gewände unb im Stil der italienischen Renaissance zu Venedig spielend, nicht an seine Zeit gebunden, sondern aktuell, weil bie Fabel, bie Charaktere und das erregende Moment, jenerfluchwürdige Hunger nach Gold", noch heute nicht zu ben übertounbenen und überlebten Dingen ber Welt gehören.

Das uralte Götzenbild des goldenen Kalbes ist symbolisch in den Mittelpunkt der sechs Szenen gerückt; Austritt unb Abgang, Sprache, Gebärde und Haltung aller Gestalten scheinen sich, von einer unerbittlichen Gesetzmäßigkeit bewegt, zu einem nie unterbrochenen, schauerlich eintönigen Rhythmus unb Gleichmaß zufammenzusügen, zum Tanz um bas rote Gold, bie zynische Laune des rasferischcn Volpone steigert ihn zu einem ge­spenstigen Totentanz der Erbschlücher unb Schma­

rotzer, zu einem entfesselten Bacchanal nackter unb nicbcrcr Leidenschaften.

Die ewige Binsenweisheit vom Gelbe, das die Welt regiert? wirb hier mit einer ähenben Schärfe gleichsam in lebenden Bildern dar- gestellt. Die Gerichtsverhandlung wird zum lächerlichen Mummenschanz und Gaukelspiel, in dem Heuchelei, Bestechung, Ungerechtigkeit und salsches Zeugnis blutige Triumphe feiern, ilnb es ist nur ein schwacher Trost unb weit entfernt von einem harmlosen happy end, wenn schließlich die beutegierigenErben" leer «usgehen unb selbst der levankinische Fuchs, ber ben Bogen über­spannt und sich im eigenen Retz gefangen hat, in seinem gelehrigen Helfershelfer Mosca einen grausam unerbittlichen Meister findet.

Cs ist kein erfreuliches ober erbauliches Stück, bieferVolpone", gewiß nicht; es ist eine lieb­kose und schonungslose Komöbie, eine fanatisch offenherzige und messerscharfe Satire auf bie menschliche Unzulänglichkeit im Gefüge ber Welt. Aber eben diese seelische Demaskierung der Fi­guren unb bie anklägerische Wucht im Ausbau ber Fabel beweisen eine so unmittelbar unb ein­dringlich sich äußernde Kraft ber Gestaltung, daß man sich ber szenischen Wirkung kaum entziehen kann unb bie Wieberbelebung des alten Schau­spiels begrüßen muh.

*

Die Ausführung, von Peter Fassott in­szeniert, war insbesondere in den ersten vier Bildern von einer offenbar am mitreißenden Text sich entzündenden Stoßkraft, einer dar­stellerischen Frische und Gefchlosfenheit, die einen sehr sympathischen Eindruck machte. Die Raum­lösung Löfflers erinnerte in einer glücklichen und originellen Form an bie alte Guckkasten­bühne, was zugleich Wand'ungsmöglichkeiten und Einheitlichkeit gewährleistete. Rach der Pause, in der Gerichtssztme unb später noch, war die innere Spannung ber Ausführung etwas ge­lodert, doch fand sie im Schluhbilb noch einmal die anfängliche Konzentriertheit wieder. Eine gute Unterstützung bot die Bühnenmusik, die C u j 6 dirigierte.

Den Volpone spielte Bäuerle; er gab eine Charakterstudie mit audgeaib.'it tcm Profil unb einer scharfen Dialektik; das psychologische Por­

trät seines Levantiners war aus zwei gegenüber­liegenden Szenen interessant entwickelt: aus dee Spannung zwischen bem auf Geld gegründeten Machtrausch des seelenbeherrschenden Intriganten und der kniefälligen, schlotternden Angst vor drohendem Gericht und peinlichem Verhör.

. *

Reben ihm und vor allen andern ist diesmal Bruck zu nennen, ber sich in großer Form befand unb in der Rolle des Schmarotzers Mosca das Beste lieferte, was wir seither von ihm gesehen haben; das war mit Temperament, mit innerer Beweglichkeit und vielfacher Abstufung in Ton unb Geste gespielt: eine sehr anerken­nenswerte Leistung.

*

Von ben übrigen: Zingel mit ber wohl- abgerundeten Chargenpartie des Rotors Vol- tore. Hub, als Corvino, erschien in guter Maske, wirkte aber in Ton unb Spiel über­trieben unb stellenweise überhastet. Auch Ci nfmann übertrieb; es scheint neuerdings seine Vorliebe, möglichst fvumm und verkrüppelt auf die Bühne zu kommen; das gibt unfreie Be­wegungen und hemmt die Darstellung. Hauer, der löwenhafte Capitano: gut gebrüllt, aber eine gelegentliche stimmliche Dämpfung wäre dennoch zu empfehlen. Fassott (Rich­ter) sprach recht konventionell und textlich un­sicher. V o l ck und die Damen W i e l a n d e r unb Leutholf chargierten mit Humor und verständnisvoller Einfühlung.

*

Dos Publikum war bis zuletzt, sichtlich inter­essiert, bei der Sache; die Aufführung fand einmütigen, lebhaften Beifall. hth.

Hochschulnachnchten.

Professor Dr. Hans Heinrich Schaeber in Leipzig hat ben Ruf auf den Lehrstuhl ber iranischen Philologie an ber Universität Bert in als Rachfolger des verstorbenen Professors Joies Marquart angenommen unb bereits seine ©men* nung zum OrbinariuS in ber Berliner Philo­sophischen Fakultät erhalten. Professor Dy, Gustav Doetsch an ber Stuttgarter Technischen Hochschule hat ben Ruf auf bas Ordinariat ber Mathematik an ber Universität Freiburg i. als Rachfolger von Geh. Hosrat Heffter ange­nommen.