Der Redner beschäftigte sich bann mit der Frage, was zu tun ist, wenn das Volk wächst und über seinen Lebensraum binauskomme. Auch hier trenne ihn eine grundsätzliche Ueberzeugung vom Marxismus. Niemals hatten Veränderungen des Raumes friedlicher Natur ftattgefunben. Immer seien Völker verdrängt worden durch ftä t • kere Völker. Die Not habe die Völker immer auf die Suche nach neuem Lebensraum getrieben. Das Gesetz der K r a f t habe bishc die Welt verteilt. England und Frankreich hätten ein Inter- esse daran, zu sagen, die Welt solle so bleiben roie sie heute sei. Er verstehe nicht, daß es Deuttche gebe, die glauben, daß der jetzige Zustand der Welt anbauern solle
Alle Völker hätten Lebensraum gewonnen nur aus ihrer eigenen Kraft. Die grundsätzliche Auffassung der Nationalsozialisten sei, bah im Völkerleben die Nation zu Grunde gehe, die sich nicht ihr Leben selbst sichere und selbst dafür einlrete.
Selber hätten aber Millionen beutsche Men- schen bas natürliche Denken verlernt unb kein Der- ständnis mehr für ben eigenen Lebensraum. Der eigene Boden müsse die Plattform sein, auf der ein Volk stehe, nicht der Welthandel! Hitler wandte sich dann entschieden gegen das Geschrei, die G r e n- zen zu öffnen, während d i e deutsche Landwirtschaft zugrunde gehe, es dann immer noch mehr Entwurzelte gebe unb schließlich da» eigene Volk von feiner Lebensbasis entwurzelt sei. Don einem gewissen Punkt der weltwirtschaftlichen Entwicklung ab heiße der Schlüssel nicht mehr Preis, sondern politische Macht! Angesichts der ungeheuren Veränderung in Deutschland seit 1918 sei eine grundsätzliche Umstellung im Denken zu fordern. Der Redner wies bann auf die Schattenseiten der Ueberrationalifierung unserer Industrie hin, die mit Erzeugungsmöglichkeiten für den vier- bis fünffachen Bedarf ausgestattet sei, roährenb sie dafür aber keinen Absatz habe. Dem Volke, das auf Export angewiesen sei, werde durch dieses Mißverhältnis zwischen Produktionsfähigkeit und Absatz der Lebensraum noch mehr beengt, die Weltschwierigkeiten würden noch größer, dazu komme als politischer Faktor der russische B o l - ichewismus hinzu, der von Millionen unseres Volkes noch gar nicht begriffen werde. Der russische Fünfjahresplan bedeute bei seinem Gelingen für Hunderttausende von deutschen Volksgenossen nur Arbeitslosigkeit! ebenso sei es, wenn England Indien verliere. Das sei nicht belanglos für uns, deren Leben auf Export aufgebaut fei
Denn der bisherige Weg der Weltwirtschaft von uns weiter gegangen werde, gehe unser Volk in rasender Schnelligkeit einem Zusammenbruch entgegen, der noch gewaltiger sein werde als der bisherige. Dieser weg führe zum absoluten Ruin, nicht nur zu einer Finanzkata- strophe, sondern zu einer Lebenskatastrophe. Bei dieser Sachlage gebe es für uns nur zwei Möglichkeiten, um der Katastrophe zu entgehen: entweder tolr schüfen uns einen neuen Binnenmarkt durch Anpassung des Lebensraumes an unsere Volkszahl, ober wir stellten hinter unsere Produktion in Zukunft wieder die Gesamtheit unserer politischen wacht.
Der Redner betonte hierauf das Recht des deut- fchen Volkes auf Leben unb erklärte, wenn ein Volk nicht bereit sei, für sein Recht als Kläger auf- zutreten und auch zu streiten, habe es kein Recht. (Stürmischer Beifall.) Wenn man ihm sage, er bete die Gewalt an, so erkläre er, er bete bas Recht seines Volkes zum Leben an, indem er es ableite von der Würdigkeit zum Leden. Würdig zum Leben sei das Volk, das gesund und kraftvoll sei und sein Leben selbst verfechte. (Erneuter stürmischer Beifall.) Wir wollen uns nicht u n • terujerfen unb uns nicht feige vom Schicksal erwürgen lassen. Die Zukunft unseres Volkes hänge
Wenn Menschen anseinandevsehn
Vornan von I. (Zchneider-Zoerstl
llrheberrcchtsschutz Verlag O. Mei st er, Werdau.
(Schluß.)
AuS Szengerhi» Augen flackerten ihm Brände des Irrsinns entgegen.
»ES wird nichts mehr zu helfen geben!" sagte Bohle erschüttert, kniete nieder und faßte nach dessen Handgelenk. „Wir wollen ihn nach der Advenibal bringen. SS ist noch etwas Leben im Puls."
SzenperylS Blick flößte ihm Schrecken ein. „SS trifft dich doch keine Verantwortung", tröstete er. „(Salberon ist selbst schuld an seinem Tod. Er wußte, daß derlei Promenaden gefährlich sind."
Szengerhi hob den leichten Körper an sich und hielt ihn gegen die Brust gedrückt. „Kannst du mir keine Hoffnung geben?"
„Soviel wie keine."
„Dann fahr zurück! Ich bleibe hier — mit ihm zu sterben."
„Bela! So nahe steht er dir?"
Ein Blick voll unaussprechlicher Qual: „Du hast damals recht gesehen! Es ist kein Männl ES ist eine Frau! Meine Frau!"
Der Doktor vermochte einen Aus des Entsetzens nicht zu unterdrücken. ES war ihm für den Moment unmöglich, Hand oder Fuß zu rühren.
Erst nach Minuten hoben die beiden Männer die reglose Last empor. Den starren Körper an sich gepreßt, fuhr Szengerhi den Weg nach der Bai zurück.
Herrlich schön, voll geheimnisvoller Schauer und nie gesehener Pracht strahlte das Nordlicht seine Fächer auS.
Flimmernd trieb die Delibab, die Fata Mor- aana der Steppe, ihr Spiel über der weiten Cbcne: Tanja, Brunnen, Mauerreste, Hirten und Herden gaukelten in der trügerischen Luft, hoben und senkten sich, verschwammen. um wieder aufzutauchen und dann urplötzlich zu Derflattcm, ohne eine Spur zurückzulafsen.
Das feingekiederte Reihergra« wiegte sich leicht im Winde. Mohn unb Brennende Liebe standen verblutend am Wegsaum und umschmeichelten den Fuß der jungen Frau, die mehr vom Arm des Gatten getragen, als von ihm gestützt durch den Sommerabend ging.
So furchtbar langsam vollzog sich RoSmarie» Genesung, so hoffnungslos verzweifelt waren zuweilen noch die Tage, daß die Sorge um das geliebte Weib Szengeryi» Körper abgezehrt hatte.
„Bist du müde, Aosmarie? — 3a? - Darf
ab von der W i« b e r e rr i n a u n g einer ge- sunben, natürlichen Widerstandskraft. Don ber blutsmäßigen Gemeinschaft ausgehend pre- bige er einen gefunben Nationalismus, ber sich frei mache von allen Darurteilen; baue er eine Brücke, über bie Millionen zu ihm herübermarfchieren könnten; zertrümmere er Vorurteile und hole ben deutschen Menschen hervor. Sein Nationalismus fei brüderliche Gemeinschaft mit dem Dolke, unb bah er sich freirnache von Vorurteilen, fei Sozialismus im ebel« ft en Sinne des Wortes. Turmhoch über allem stehe ihm aber das Schicksal seines Volkes. Um wieder als politische Realität angesehen zu werden, müsse Deutschland wieder als ein macht- besitzender und m a d) t b e b e u t e n b e r Faktor vor bie Welt Eintreten. Die Kraft dazu liege in uns allen, nur was aus uns selbst komme, sei stark. Der Rebner richtete bann eine entschiedene Absage an bie Weltbürgerlichkeit, bie Weltmeinung, bas Weltgewissen usw., bie alle uns um bie eigene Kraft betrogen hätten. Er erklärte:
Zu lieben brauche man an» nicht, anzuerkennen brauche man uns auch nicht, wenn man uns nur ab eine tatsächliche, geschichtliche Realität respektiere, das sei vollständig ausreichend.
Weiter lehnte der Redner bie Demokratie, Mehr- heitsbilbung usw. entschieden ab unb bekannte sich zu bem Grunbsatz ber persönlichen Verantwortlichkeit. Geaen den Internationalismus unb gegen bie Demokratie sei ber Kampf zu führen. Unser Volk glaube an alles, nur nicht an bie Notwendig- feit ber eigenen Rettung, an bas Ver
trauen auf bie eigene Kraft. Diese Denkweise müsse dem Volke ausgebrannt werden. An Stelle des zerrißenen deutschen Volkes, des vom Klasienkampsgedanken durchsetzten Körpers sei der einheitlicheWillezurbeutjchenDolks. gemeinjchaft zu setzen. Wenn ganz Deutsch- land so denke wie Die „Frankfurter Zeitung-, bann fei das Ende unseres Volkes gekommen, wenn ganz Deutschland aber so denke, wie die NSDAP., bann werde Deutschland vor dem Ausland ganz anders bestehen. Die NSDAP, kämpfe nicht um Wahlen, sie wolle nur bie Macht im Staate mit legalen Mitteln erkämpfen. Heute seien 20 Millionen Men- schen bei ber NSDAP., bald würden es 30 Mil- honen sein, und daraus werde einmal bas neue Deutschland, bie neue Gemeinschaft ber beutschen M e n sch e n werden. Das Ringen gehe um ein deutsches Volk, das frei unb mürbig sei unb bestehen könne vor dem großen, ewigen Gericht, das sich fein Schicksal wieder selbst gestalten könne. Die NSDAP, kämpfe für ein
Deutsches Reich, das nicht geknechtet und versklavt sei,
für ein Reich, das wieder frei sein werde, für ein Deutschland, das als Schirm und Schutz auch des ärmsten feiner Bürger daftehe! (Langanhaltender stürmischer Beifall unb Jubel.)
Gauleiter Lenz
sprach noch ein kurzes begeistertes Schlußwort, bann fanb bie Kundgebung mit dem Gesang des Horst- Wessel-Liedes unb neuen Ovationen für Hitler ihren Abschluß.
Kundgebung der Zentrumspariei.
Im Katholischen Bereinshaus fand gestern abend eine Wählerversammlung der Zentrumspartei statt.
Reichstagöabg. Dr. Dackel
sprach als erster Redner über die R e i ch s p o l i t i k. Hinsichtlich der Außenpolitik bemerkte er, die Frie- bcjisoertrage seien Gewaltverträge. Diese in Frie- bensoerträge umzuwanbeln, sei die Aufgabe der Regierung. Der Vertrag von Versailles sei der Grund zur europäischen Unruhe. Nicht nur Deutschland leide unter Versailles. Die Reparationsfrage, als wich- tigften Teil des Vertrages, gelte es jetzt zu lösen. Reichskanzler Dr. Brüning habe vom ersten Tage seiner Kanzlerschaft ab an der Lösung des Re- parationsproblems gearbeitet und sich für die Sanierung der Reichsfinanzen eingesetzt. Seine Arbeit sei insofern schon ein großer Erfolg gewesen, als dem Ausland der Beweis erbracht wurde, daß die Reparationen in der geforderten Höhe eine Unmöglichkeit darstellen. Hitler suche Ri u s s o l i n i zum Bundesgenossen, dieser denke aber nicht daran, Deutschlands Verbündeter zu werden. Italien sei viel zu viel von England abhängig England denke noch viel weniger daran, Deutschland zu unter- stützen, von Amerika sei auch nichts zu erwarten. Man müsse sich darüber klar fein, daß unter diesen Umständen die deutsche Außenpolitik nickt mit billigen Mitteln der Dorkriegspolitik zu bestreiten sei. Es gehöre heute genaue Erkenntnis der Weltsituation dazu. Brüning habe sich bisher als der ge« sch ckteste erwiesen. Verständigung sei leicht, wenn beide Partner nachgcben konnten. Deutschland habe aber nichts mehr nachzugeben, und Frankreich sei zu keinerlei Entgegenkommen bereit, obwohl die Frage der eigentlichen Wiedergutmachung der Kriegsschäden längst erledigt sei. Die bevorstehenden schweren Aufgaben der deutschen Außenpolitik verlangten von den deutschen Vertretern höchsten Kraft- aufwand, der nicht durch parteipolitische Zwiespal- tigkelten beeinträchtigt werden dürfe. Die Vertreter Deutschlands piüßten bei den kommenden Repara- tlonsoerhandlungcn die ganze Nation hinter sich
wissen. Brüning werde es sich stets angelegen sein lassen, nationale Belange zu wahren, und das Zentrum brauche sich in dieser Hinsicht keine Vorwürfe machen zu lassen. Für die künftige deutsche Außenpolitik könne keine neue Kraft in Betracht kommen, kein Unerfahrener, kein Demagoge, sondern nur der geschickteste, klügste unb erfahrene Staatsmann könne erfolgreich wirken. Es müsse dabei der gerade Weg gegangen werden. Brüning fei es bisher gewesen, der den Mut zu einer unpopulären Politik gehabt habe. Man werde dank seiner Arbeit über den Winter 1931 hinwegkommen, wie man auch über den Winter 1930 hinweggekommen fei. Brünings Politik habe unendlich viele Menschen vor der Arbeitslosigkeit bewahrt. Die deutsche Wirtschaft liege nicht im Chaos, sie beschäftige trotz ZOprozentiger Schrumpfung heute noch mehr Menschen, als vor dem Kriege. Wenn eine Verständigung mit Frankreich zustande komme, sei die Möglichkeit gegeben, sofort wieder ganz aufzubauen. Die wesentliche Auf- gäbe fei es jetzt, den augenblicklichen wirtschaftlichen Stand aufrechtzuerhalten. Der Kanzler arbeite an diesen Problemen. Die Politik des Reichskanzlers fei nicht darauf eingestellt, dem Marxismus das Wort zu reden, sondern der Wirtschaft zu dienen in dem Bemühen, gehalisame Auseinandersetzungen in der Wirtschaft zu vermeiden. In außenpolitischer Hinsicht sei das Kabinett Brüning ein Vorkämpfer für die nationale Befreiung, innenpolitisch ein Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit. (Starker Beifall.)
Amtsgerichtsdirektor Keller-Gießen, M. b.
als zweiter Redner, befaßte sich mit der Haltung des Zentrums im hessischen Landtag und in der Regierung, sprach von der seinerzeitigen Abgabe des Innenministeriums unter dem Drucke der Volkspartei und von der Uebernahme des Finanzministeriums. Gr sprach von den mannigfachen Schwierigkeiten, denen sich besonders em hessischer Finanzminister gewachsen' zeigen mußte, denn auf dcm-Hessenlande liege eine große Schuldenlast. Das Reich habe Hessen gegenüber große
ich dich tragen?" Der Forscher würgte an den Worten. Gr sah nichts als das schmale, tod- bleiche Gesicht neben sich und hörte auf den Tonfall der heiseren Stimme, die alle Rot seines Lebens immer wieder in ihm wachschrie.
„Run muß er bald zu sehen feint — Freust du dich, mein Liebes? — Der Janos hat ihm das schnellste Pferd geschickt." Unb wieder würgte Szengeryi an den Worten. „Vater und ich haben schon besprochen, baß du mit ihm nach dem Süden fährst, nach Capri oder Lugano, wo es noch lange, lange Sommer ist! Ja, Rosmarie?"
Sie wandte ihm ihr zuckendes Antlitz zu. „Soll ich ein drittel Mal um dich sterben, Dela?"
Gr vermochte sich nicht mehr zu beherrschen. Träne um Träne lief ihm über die hohlen Wangen.
Sie sagte nichts mehr, nahm nur seine Hand und ging mit ihm den Rain entlang, bis sie todmüde in das raschelnde Gras glitt. Sr setzte sich zu ihr. Schweigend preßten sich seine Lippen auf ihre abgemagerten Finger.
„Lord Galbeton schreibt, daß Killarneh auf dich wartet unb jebe Stunde au beinem Empfang bereit ist. Willst bu nach Killarneh, Rosmarie?"
Sie schüttelte ben Kopf unb ließ kein Auge mehr von bem Punkt, ber weit braußen in ber Steppe als bunflcr Fleck auftauchte. Szengeryi sah ihren Blick aufleuchten unb wurde von einer Freude ohnegleichen erfaßt, daß es noch etwa- gab, wofür die geliebte Frau Interesse zeigte.
„Run kommt er bald!" stieß er heraus.
„Zürnst bu ihm?" Gr hörte Angst In ihrer Stimme mitklingen.
Behutsam lehnte er ihr Gesicht gegen seine Brust. „Du mußt bich nicht sorgen! Ich werbe sehr gut zu ihm fein."
Sie bebeckte mit beiben Hänben die Augen unb weinte.
Füni Minuten später waren bie Ilmrisse eines Reiters erkenntlich, ber in gestrecktem Galopp näherkam. Szengeryi stützte bie geliebte Frau, bie auf bie zitternben Füße strebte. Pferbehufe ließen bie schwarze Erbe nach allen Seiten stieben.
„Guibo!"
Horvath schwang sich vorn Rücken beS damp- fenben Perbes unb hielt baS blasse Frauengesicht mit ben Hänben umfaßt. „Rosmarie! DaS konnte ich nicht ahnen, als ich von bir ging. DaS nicht!" Er legte, um biefe tobmüben Augen nicht mehr sehen zu müssen, bie Stirn gegen ihre Schulter.
Sie strich langsam seinen Arm herab. „Wir haben unS so sehr auf dein Kommen gefreut, Guido!"
Horvath richtete sich auf. Da- „Wir" unb „Uns" mahnte ihn an Szengeryi. Mit einem Zögern schob sich ihm jetzt dessen Rechte entgegen.
„Ich danke dir für alleS, was bu an meiner Frau getan hast."
Zwei Augenpaare bohrten sich ineinander. Horvath wandte sich ab unb hob, ohne ein Wort
zu sprechen, Rosmarie in den Sattel. „Sitzt du bequem und sicher? Ja, Kind? — Dela, du mußt auf die andere Seite gehen. Wenn du gleitest, RoSmarie, wirst bu einem von unS beiben in bie Arme fallen."
Ein zartes Rot färbte ihre Wangen. Sie streckte bie Hand aus, um ihm über bas Haar zu streichen, aber sie zog, ehe sie eS berührt hatte, bie Finger tolebcr zurück. Sie sah, wie ber Gatte litt.
„Raja geht seit zwei Jahren in Trauer." Szengerhi toanbte ben Kopf nicht, als er bas sprach.
„Um mich?" fragte Horvath.
„3a, um dich, Guido!"
„Vor aller Welt?"
„Vor aller Welt! Bosanhi hat den Enkel zu seinem Erben eingesetzt. Gr ist unter deinem Ramcn im Taufbuch eingetragen."
Horvath lehnte sich gegen RoSmarieS Hüften. „Wie traurig, daß man erst tot sein muß, um —“
Er verstummte jäh, denn Rosmarie hatte ihm bie Hand auf den Mund gelegt. Ihre Augen flehten ihn an: „Rühr nicht an die Vergangenheit."
Abbittend sah er in ihr Gesicht und liebkoste die Finger, die an feiner Schulter herabhingen. „3n Killarneh verbluten die Buchen, Rosmarie, und die Ulmen stehen in Bränden. Bevor der letzte Ginster verblüht, sollst du (ommen, läßt Calderon dich bitten. Du sollst auch deinen Mann mitbringen und ich meinen Jungen und Raja, wenn sie mir folgen will."
RichtS als da- schwere Atemholen Szengerhi» und der Husschlaa de- Pferde- unterbrach die Stille, die nun folgte.
Wo die Markungen sich kreuzten und die Raine sich schnitten, stand ein Knabe in blauem Matrosenkittel. DaS dunkle Haar fiel ihm in schweren Locken auf die Schulter, während die sonnverbrannten Finger die letzten Blüten, die die Steppe gab, umkrampft hielten.
Horvath überlief ein Zittern. „Auf wen wartest du?"
„Auf dich, Vater!"
Der Künstler hob den Knaben hastig empor und küßte den Mund, der ganz dem seinen ähnlich war. „Wo hast du die Mutter?"
Die Kinderaugen strahlten. „Sie steht mit Großmutter Horvath und Großvater Dosanyi drüben im Garten und weint."
Horvath sah zu Rosmarie auf, gewahrte wieder diesen rührend Hebcnben Blick und zwang Herz und Mund zur Stille.
Sxengeryi hob seine Frau auS dem Sattel, um sie da» letzte Stück Wege» In den Armen zu tragen.
Horvath hielt bie kleine Hand seines Sohne» umfaßt unb gebuchte der Stunde, ba biefe» Leben bem feinen und Raja- Blut entsprungen war.
Gr sah nach Szengeryi hinüber. DaS verblassende Licht beS Abends ließ sein Gesicht alt und
Verpflichtungen, denen nachzukommen ihm nicht möglich war. Eine schwere Belastung für den Staatshaushalt sei der schlechte Eingang der Steuern, durch ben ber Staatshaushalt immer wieder gefährdet werde: die ReichSsteuerüberweisungen seien nicht in der erwarteten Höhe zugeslossen, die Holzeinnahmen, aus denen früher ein großer Teil der Ausgaben baft ritten werden konnte, seien von oft 4,5 Millionen Mark auf 930 000 Mk. gesunken, so daß man fast sagen könne, der Wald rentiere sich nicht mehr. Der Etat sei schwer belastet gewesen durch umfangreiche Reubautätigkeit, aber trotz alledem sei eS gelungen, den Etat xu balancieren. Diese Tat des FmanzministerS Kienberger sei hoch anzuerkennen. Der Rebner beschäftigte sich weiter mit den Ministergehältern unb mit ber Absinbung de- Droßherzogs. Aus ©rünben ber SigcntumSbejahung unb au3 Drün- ben der Sittlichkeit habe das Zentrum die Ansprüche des Drohherzog- bejaht. Leider habe eS die Finanzlage nicht gestattet, den Ministern und den Tcamlen Kürzungen zu ersparen. Da- Uniformverbot gegen Die Rationalsozialisten, da» der Minister L e u s ch n e r erlassen habe, sei ein Unrecht. In dieser Zeit wirke jede Uniform aufreizend. Man sei in Hessen sehr gegen die Einführung einer erhöhten ©ebäubcgrunDftcucr gewesen, die Regierung habe diese Erhöhung aber nur unter dem Druck der Reich-regierung durchAesührt, bie verlangte, alle Steuerquellen au-zunutzen. Da» Lanbestheater habe viel Gelb gekostet, aber man sei vertraglich verpflichtet, ba- Theater, da- vorher ber Großherzog au« feiner Privatschatulle subventioniert habe, zu halten. Richt zuletzt habe man sich bazu nicht nur aus kulturellen, sondern auch aus sozialen Grünben entschließen müssen. Im Etat würben voraussichtlich durch die neue dritte Rotvervrdnung weitere Einschränkungen durchgeführt werden. Die Arbeit der Regierung sei unter den obwaltenden Umständen schwer, die Situation für da- Zentrum sehr schwierig, wenn praktische Arbeit geleistet werden solle. Da» Zentrum habe sich gegen Link- und Recht» zu wehren, man werde aber stets bemüht sein, wahrhaft christliche Politik zu treiben, die auch bem Arbeiter bas Recht werden lasse, baS er sich erkämpft habe. Es müsse endlich klar fein, daß wir alle auseinander angewiesen seien. Brüning- Politik sei es zu verdanken, daß mancher harter Gegensatz überwunden toori e sei. Da^ Zentrum hab« auch Kulturmissionen zu erfüllen, denen man sich verantwortlich fühlen mühte. Deshalb gelte e», sich zu Brüning xu bekennen. Brüning kämpfe und bete und so dürfe e» nicht schwer fallen, bei ihm zu stehen. (Beifall.)
Geistlicher Rat, Dekan" Bayer, schloß mit einem kurzen Schlußwort die Versammlung
Oberheffen.
Der Aufmarsch zur Butzbacher Stadtratswahl.
pb. Butzbach, 9. Rov. Für die Wahl zum S t a b t r a t am 15. Rovember sind folgende Wahlvorschläge zugclassen: Wahlvorschl g 1 mit dem Kennwort Sozialdemokrat.sche Partei Deutschlands, Spitzenkandidat: Bruno Wittig, Parteisekretär; Wahlvorschlag 2 mit dem Kennwort Kommunistische Partei, Spitzenkandidat Josef Oppenheimer, Kaufmann; Wahlvor- schlagö, Zentrumspartei, Spitzenkandidat Franz Zink, Berufsschullehrer; Wahlvorschlag 4. Mtt- telstandSliste, Handwerk unb Gewerbe. Hau»- unb Kleinbesitz, Spitzenkandidat Philipp O h l e m u tz. Architekt; Wahlvorschlag 5, Ueberparteiliche Gemeinschaftsliste. Spitzenkanbibat: Dr.Otto Weide, Studienrat; Wahlvorschlag 6, Rcutralc Liste, Spitzenkandidat: Otto E i n b r o d t, Lokomotivführer i. R.; Wahlvorschlag 7, Rationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Hitlerbewegung). Spitzenkandidat: Dr. Ferd. Werner. Stubicn- rat; Wahlvorschlag 8, Bürgerlifte. Spitzenkandl-
gefurcht erscheinen. • Rosmarie lehnte sich geschlossenen AugeS an seine Brust.
„Gib uns Frieben! Frieben!" schrie es in Horvaths Seele auf. Er fühlte bie Hanb de» Knaben in ber feinen zucken unb bünkie sich auf einmal alt, so alt! Ein Drei«! Hatte er nicht schon hunbert Jahre ober mehr gelebt unb alle» Leib bet Erde getragen?
Er sah kaum mehr auf ben Weg, folgte nur den kleinen warmen Händen, die ihn führten und verhielt erst den Fuß, als bie Tanja Bo- sanhiS au» bem Grün tauchte.
lieber ba» Kinb hinwegsehend. gewahrte er Bosanhi an ber Treppe bes HauseS lehnen. Eine schlanke Gestalt kam ihm wankenben Schritte» entgegen. Er ging rasch auf sie zu. beugte sich ettoa» nieber unb küßte bie Lippen, die ben seinen entgegenzuckten.
„War wollen vergessen. Raja — um de» Kinde» willen. Kannst bu?7*
Eine Stirne drückte sich an seine Schulter. Er nahm den Arm der Weinenden an den seinen, nahm an die andere Hand da» Kind unb schritt auf Bosanyi zu, ber noch Immer an ber Treppe stanb.
Zwei Augenpaare forschten ineinander. Raja- Arm -itterte an dem de» geliebten Manne«.
In da» gefahrvolle Schweigen klang b!e Stimme der ©wfjmutter Horvaths, bie ben Enkel mit einem Ausftrahlen ber halberblindeten Augen grüßte. „Gunnar, haben Sie vergessen, daß wir vereinbarten, Ihre unb meine» SohneS Schuld al» gelöscht zu betrachten, unb daß Sie Guibo lieben wollen, um ber Frau willen, bie Ihnen einst alle» war unb beten Herzen er entsprossen ist?"
Bosanyi- Rechte hob sich in langsamer Bewegung unb umschloß bann bie Finger be- Künstler«. bie merklich bebten.
Wa« Horvath nun sprach, fanb ben Weg xu Bosanyi- innerster Seele. „Sie haben bem Kinde einst ben Vater genommen. Ich bitte Sie, jetzt mir ben Vater zu ersetzen."
Die Steppe lohte In flammender Abendsonne und tauchte die Gesichter in dunkle Brände. Als die Glut erlosch, schwebte nur noch ein schmaler Streifen schüchternen Rosa- über der melancholischen Stille.
Alle- Leben schlummerte hinüber In bie Rächt, bie nun Ruhe in bie Herzen brachte, in bie Herzen, die nach jahrelangem Leid und Irren auf» neue die Wege zimtnander luchten, in Liebe unb redlichem Willen und dem Schicksal dankend, ba» ein Wiebersehen für sie bereit gehabt hatte, ehe bie Erbe für immer einen der ihren deckte.
„Wenn Menschen au-einandergehen, Finnen Sie nicht- al» hoffen, bah fie alle» so toleberfinben, wie sie e» verlassen haben."
Ein größere» Geschenk kennt ba» Leben nicht, al- benen ein Wiedersehen zu gewähren, btt sich lieben.


