Ausgabe 
10.11.1931
 
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llr. 263 Zweites viuu

Zinskonversion?

Von Dr. Goreniuü, Berlin.

Das Zinsproblem ist gegenwärtig eins der Hauptprobleme der deutschen Volkswirtschaft. Bevor nachstehend zu diesem Problem Stellung genommen wird, sei hier zunächst auf Grund amt­lichen Materials eine Schätzung der Zinslast der deutschen öffentlichen und privaten Wirtschaft versucht i Die Kreditverschuldung der öffentlichen und privaten Wirtschaft beträgt rund 90 Milliarden Mark. Davon entfallen knapp 60 Milliarden Mark, also etwa zwei Drittel, auf langfristige Kredite, der Rest, etwas über 30 Milliarden Mark, auf kurzfristige Kredite. Seht man für die langfristigen Kredite, in denen auch die Aufwertungsfchulden, die tuir mit 5 Prozent zu verzinsen sind, und einige billige Auslandanleihen enthalten sind, einen Zins von nur 7 Prozent an, so ergibt sich für die lang­fristigen Kredite eine jährliche Zinslast von 4,2 Milliarden Mark. Für die kurz­fristigen Kredite ist ein Zinssatz von mindestens 10 Prozent anzusehen, so daß wir für kurzfristige Kredite eine Zinslast von 3 Milliarden Mark, für kurz- und langfristige Kredite zu­sammen eine solche von über 7 Milliarden Mark erhalten. Dah diese Zinslast, die, um eine Gröstenvorstellung zu vermitteln, mehr als 10 Prozent des deutschen Volksein­kommens ausmacht, untragbar ist, braucht kei­ner weiteren Erwähnung, lieber den Weg, der zur Minderung der Zinslast einzuschlagen ist, herrscht jedoch noch völlige Unklarheit und vor allem durchaus keine Einmütigkeit. In letzter Zeit sind verschiedene Meldungen über eine von der Regierung angeblich beabsichtigte Zwangs- Zinskonversion in die Öffentlichkeit ge­drungen. Es ist nun sehr fraglich, ob durch eine solche Maßnahme wirklich eine Lösung des Zins­problems gesunden werden kann, oder ob nicht die Rachteile, die in einer solchen Zwangsmaß­nahme liegen, etwa die Vorteile aufwiegen. Zu- ' nächst sei hier einmal festgestellt, daß die hohen Zinssätze in Deutschland ja nicht die Ur­sache der gegenwärtigen Wirtschaftskrise sind, sondern lediglich ein Symptom, und zwar nicht nur ein Symptom des starken Kapital­mangels, sondern vor allem ein Symptom des erschütterten Vertrauens in die S i ch e x°h e i t der ausgeliehenen Beträge.

Eine zwangsmäßige Zinslonversion, etwa um ein Viertel, würde bedeuten, daß, beispielsweise ein bisher mit 6 Prozent verzinslicher Gold­pfandbrief künftig nur noch mit 6 Prozent zu verzinsen wäre. Zweifellos würde man für alle bestehenden Schulden gesetzlich eine Zinsverminde­rung erzwingen können. Was man aber nicht beeinflussen kann, das ist der Zins, zu dem sich neues Kapital anbietet. Denn der Zins ist ein Faktor von Angebot und Rach­frage, und neues Kapital würde sich in Deutsch­land nur zu einem durch das freie Spiel von Angebot und Rachfrage bedingten Sah anbieten.

Eine generelle Zinskonvertierung der beste­henden Schulden bringt außerdem große tech­nische Schwierigkeiten mit sich. Vor allem denkt man bei dem Zinskonvertierungsprojekt an die Hypotheken und sonstigen langfristigen Darlehen. Rur ein kleiner Teil der Hypo­theken ist direkt aus der Hand des Kapital­besitzers in die Hand des Schuldners gewandert. Der überwiegende Teil vielmehr ist durch die Zwischenschaltung von Kreditinsti­tuten aus unzähligen Kanälen der Volkswirt­schaft an die Kreditinstitute angezogen worden, und von diesen sind dann in Sammelposten Kredite ausgeliehen worden. Die Hypotheken der Sparkassen sind aus Mitteln gegeben worden, die eine Unzahl von Sparern in kleinsten Be­trägen den Kassen zugeführt haben. Die Hypo­theken der Bodenkreditinstitute konnten nur auf Grund eines Absatzes von Goldpfandbriefen an unzählige Erwerber, teilweise in Stückelungen von

Gesellige Unterhaltung.

Von Hertha Grunau.

Schwere wirtschaftliche Zeiten wie die gegen­wärtige bleiben nicht ohne Einfluß auf die Art unserer Geselligkeit. Kostspielige Feste, Abendessen mit Reihenfolgen leckerer Gänge verbieten sich heute meist von selbst. Der Teeabend im kleinen Kreis kommt wieder mehr zu seinem Recht. Er ist im Grunde beliebter als Abendgesellschaften gro­ßen Stils. Die behagliche Teetischrunde ist zwang­loser, sie begünstigt, was eigentlicher Zweck ge­selliger Zusammenkünfte sein sollte: einander nahe zu kommen im Gedankenaustausch.

Im Mittelpunkt einer solchen Pflege der Ge­selligkeit steht das G e s p r ä ch. Je zwangloser es geführt wird, desto Wohler fühlen sich unsere Gäste, je angeregter die Unterhaltung verläuft, desto mehr wird man sich bereichert fühlen, wenn man von uns geht. Wie kommt es nun, daß solche Tee­abende sich in manchen gastlichen Häusern fast ausnahmslos anregend gestalten, während man bei anderen sich tödlich langweilt oder trotz nie ab- reißendem Gespräch doch zuletzt eine innere Leere verspürt, die uns den Abend mit dem geheimen Urteil abschließen läßt, daß man es zu Hause bei einem guten Buch oder bei einer schönen Radio- darbietung entschieden besser gehabt hätte?

Soviel steht fest, daß ein harmonisches Gelingen zwangloser Gesellschaftsabende in erster Linie von der Hausfrau selbst abhängt. Sie schafft die behagliche Atmospäre, ihr Verdienst ist der zierlich gedeckte Teetisch im warm erleuchteten Raum. Aber auch die Art, t e sie ihre Gäste empfängt, und um sich vereint, ist ausschlaggebend für den Verlaus ihres Teeabends. Mit ruhiger freund­licher Sicherheit begrüßt sie jeden einzelnen ihrer Gäste, ein jeder hat das Gefühl, als hätte sie gerade auf ihn gewartet, um ihre Runde voll­zählig zu haben und als erwarte sie in ihm einen Bürgen dafür zu finden, daß der Abend in Harmonie und zur Befriedigung aller um sie Vereinter gelinge. Aufmerksam waltet sie am Teetisch, um den man sich zwanglos gruppiert hat, unaufdringlich versorgt sie ihre Gäste mit Tee und Gebäck, ebenso unauffällig achtet sie auf den Verlauf der Unterhaltung, gibt hier ein Stichwort zieht dort einen unbeteiligt Scheinen­den mit heran, gibt dem Gespräch Richtung auch in die Tiefe, wenn es zu lange an der Oberfläche zu bleiben droht und seicht wird. Solche vorbild­lichen Gastgeberinnen gibt es auch heute noch, und es ist gar nicht nötig, den Blick zurück-

^egener Anzeiger (tveneral-Anzelger für Gderhessen-

vienstag, 10. November 1931

100 Mark, gegeben werden. Eine Zinskonversion bei den Hypothekenschulden mühte also eine entsprechende Zinsherabsehung bei ben eigentlichen Kapitalgebern, nän- lieb den Spareuuegern oöer den Besitzern der Hypothekenpfandbriefe, zur Folge haben. Damit aber zerschlüge man den letzten noch vorhandenen Anreiz zum sparen, d. h. zur Kapitalbildung, denn, wenn nunmehr den Kapitaleinlegern auch noch ein Teil des Zinsengenusses genommen wird, dann wird die Entwicklung weiter in Richtung abnehmender Spareinlagen und Hortung der verfügbaren Be­träge laufen. Außerdem entfällt etwa ein Sechstel der langfristigen Schulden in Deutschland auf Beträge, die uns vom Ausland zur Ver­fügung gestellt worden sind. Das Ausland wird nun keineswegs in eine Zinskonvertierung ein­willigen, und es scheint auch wenig wahrschein­lich, daß sich auf dem Wege gütlicher Verein­barung für die meist noch viele Jahre laufenden Auslandanleihen eine Senkung des Zinsfußes ermöglichen lassen wird. Auf alle Fälle würde sich Deutschland durch eine solche Maßnahme auf Jahrzehnte jeden Zutritt zum internationalen Kapitalmarkt versperren.

Eine Zinskonvertierung würde ferner die so­liden Geldgeber strafen, weniger se­riösen Geldgebern dagegen gleichsam eine Prämie aussetzen. Wenn ein Kapitalbesitzer an erster Stelle eine Hypothek gegeben hat, sich dafür aber mit einem niedrigeren Zins begnügt hat, so soll er jetzt eine Zinsminderung erfahren, weil die Zinslasten der nachstehenden Hypo­theken den Schuldner erdrücken und leichtsin­nige Gläubiger, die an dritter und vierter Stelle Hypotheken gegeben haben (sogenannte Schornsteinhypotheken> jetzt Gefahr laufen, bei einer Zwangsversteigerung, zu der das Grund­stück infolge der hohen Zinslast getrieben wird, auszufallen. Der solide Gläubiger macht also gleichsam ein Geschenk an den weniger se­riösen! Man sieht, daß der Weg einer Zins- konversion über große Hindernisse führt. Wir können es eben nicht wagen, den deutschen Ko ''ilmarft auf Jahrzehnte zu isolieren, den deutschm Sparer auf Jahrzehnte zu verscheuchen.

Besser als der Weg einer schematischen Zins- fonoertierung scheint der Weg der Vornahme individueller Zinsabwertungen zu sein; vor allem dann, wenn bestehende Dar­lehensverträge von den Gläubigern jetzt gekün­digt werden mit dem Zweck, einen höheren als den bestehenden Zins zu erzielen. Aehnlich wie die Institution der Aufwertungsstellen dazu ge­schaffen ist, zu untersuchen, ob der Gläubiger der zurückgeführten Aufwertungsschuld bedarf oder ob nicht das Interesse des Schuldners ein wei­teres Belassen der Aufwertungshypotheken er­fordert, könnten diese Aufwertungsstellen auch noch die Aufgabe übernehmen, im Einzelfall zu prüfen, ob ein Zinsnachlaß oder anderweitige Hypotheken in Anbetracht der schwierigen Lage des Schuldners und der Lage des Gläubigers möglich und angebracht ist.

Mörfelden wählt einen kommunistischen Bürgermeister.

WSN. Mörfelden, 9. Nov. In der gestrigen Bürgermeister-Stichwahl erhielt der k o m- munistische Kandidat S). Zwilling 1578 Stimmen gegen 1100 in der Hauptwahl. Der bürger­liche Kandidat K. Geiß brachte es aus 1236 Stim­men, gegen 570 bei der Hauptwahl. Die Sozialdemo­kraten, deren Kandidat bereits in der Hauptwahl aus- geschieden war, hatte die Abstimmung freigegeben. Der frühere Bürgermeister war Sozialdemokrat ge­wesen.

Daten für Mittwoch, 11. Novembe,

1599: Octavio Piccolomini, Heerführer Wallen­steins, in Florenz geboren; 1821: der Dichter Fedor Dostojewski, in Moskau geboren

Ädien ehrt die ©efallenen des Weltkiieaes.

Zu Ehren der Gefallenen des Weltkrieges fand in Bayern am 8. November ein Gedenktag statt, der in der Feier am Heldendenkmal vor dem Münchner Armeemuseum seinen Höhepunkt fand.

Hitler spricht in Gießen.

Die Gießener Dolkshalle war gestern abend der Schauplatz der wohl größten öffentlichen Versamm­lung dieses Wahlkampfes. Etwa 8000 Personen mögen es wohl gewesen sein, die dort dicht ge­drängt sitzend und in drangvoller Enge stehend mehrere Stunden lang aushielten, um den Führer der Rationalsozialisten Adolf Hitler sprechen zu hören. Von herzlichem und stürmischem Beifall empfangen, kam Hitler mit seiner Begleitung gegen 20.30 Uhr in der Volkshalle an. Der hessische Gau­leiter Lenz (Darmstadt) entbot ihm herzlichen Willkommengruß, erwähnte kurz die Entwickelung der nationalsozialistischen Bewegung seit Ende 1918 und rief dann die Erinnerung an die toten Kame­raden wach, deren in geziemender Ehrsu.cht gedacht wurde. Rach dem Gelöbnis an Hitler, weiterhin treu zu ihm zu stehpn, begann

Adolf Hitler,

von erneutem stürmischem Beifall begrüßt, seine etwa zweieinhalbstündige Rede. Er erklärte den aus Gießen und in sehr großer Zahl auch von aus­wärts (aus allen Teilen Oberhessens und aus den benachbarten preußischen Gebieten) erschienenen Besuchern einleitend, daß das deutsche Volk jetzt an einem großen historischen Wende­punkt seiner Geschichte stehe, der von einschnei­dendster Bedeutung für das ganze Volk sein werde. DieRSDAP. weiche den Tagesfragen nicht aus, die sie mit übernehmen müsse, wenn sie in die Regierung eintrete. Aber alle diese Tagesfragen seien nur zu verstehen und au lösen, wenn das deutsche Volk ein gesundes uno natür­liches Feld für seine Arbeit Wiedergewinne. Es müsse aber jedermann klar fein, daß nicht das Einzelschicksal das Gesamtschicksal ausmache, sondern

das Schicksal der Gesamtheit über den Linzel- schicksalen stehe.

Die verschiedenen Parteien hätten immer nur vom Jnterefsenstandpunkt der jeweiligen Wählerschich­

ten aus gehandelt. Man könne aber keinen be­stimmten Derussstand retten, sondern allenfalls nur dessen Interessen vertreten. Man könne nur entweder Deutschland retten, oder Deutschland gehe zugrunde! (Stürmi­scher Beifall.) Jeder unterliege dem Lebensgesetz der Ration, das alle Teile in natürlicher gesetz­mäßiger Folgerichtigkeit beherrsche. Der Redner lenkte dann die Blicke auf die wirtschaftlichen Ver­fallserscheinungen hin und betonte, so lange eine Ration sich politisch und moralisch in Ordnung befinde, werde sie die Erneuerung des Volkskörpers sicherstellen können; erst wenn ein Volk politisch zerbreche, als Machtfak- tor ausscheide, beginne die Wirtschaft ähn­liche Wege zu gehen. Der tiefste Grund der wirt­schaftlichen Katastrophe liege in einem Verhängnis, das uns Deutsche ununterbrochen verfolge: das Leben dränge unbegrenzt nach Vermehrung^ der aber der Lebensraum in seiner Begrenzung Widerstand entgegensetze. An die Schaffung des erforderlichen Lebensraumes durch die Ex­po r t w i r t s ch a ft fei nicht zu glauben, es fei vielmehr noch mit einer Verschärfung der Lebens­raumkrise zu rechnen. Das Leben sei bedingt erstens durch den Lebensraum, durch die Mutter Erde, und zweitens durch den Menschen in seiner Zahl und Qualität. Der Redner wandte sich gegen die marxistische mechanische Auffassung des Lebens, die besage, die Konstruktion in allem fei entscheidend für das Leben. Er als Rational- sozialist sage dagegen, entscheidend sei erstens der Raum, zweitens der Mensch, nicht nur ais Zahlen­problem, sondern auch als Qualität und Faktor der Güte, der Mensch könne sich von der Erde nicht loslösen.

Man gebe dem Volke den Lebensraum und es werde sich sein Leben wieder gestalten.

Der Boden sei die erste Doraussetzung zum mensch­lichen Leben, die zweite liege in dem Menschen selbst und in seinem grundsätzlichen blutmäßigen Wert.

zuwenden zu verflossenen Zeiten, um etwa aus den französischen Salons, der Blüte der fran­zösischen Geselligkeit um das 18. Jahrhundert herum, Beispiele für gewandte und geistreiche Gesellschaftskünstlerinnen heranzuholen, etwa die Madame R e c a m i e r oder Madame de S t a e l, oder aus der Reihe der deutschen Salonkönigin­nen der klassischen und romantischen Zeiten unter Ramen wie Bettina v. Arnim, Rahel Varn- hagen, Henriette Herz, deren mit Anmut, Geist und äußerer Schlichtheit geführte Gastlich­keit uns heute wohl vorbildlich fein könnte.

Vielseitige Geistesbildung und die Fähigkeit, von Wissen- und Erkenntnisfülle auch Gebrauch machen zu können, bedeuten viel im gesellschaft­lichen Kreis. Für die Gastgeberin genügen sie nicht allein. Unerläßlich sind feiner Takt und eine erfahrene Menschenkenntnis. Die Hausfrau muß ihre Gäste zu nehmen wissen, muß auch den Schwerfälligen noch zur Beteiligung bewegen können. Schnell muh sie erkennen, in welchem Augenblick einem ihrer Gäste bei einer Gesprächs­wendung das Wort auf der Zunge brennt und muß geschickt ihm Gelegenheit zur Aeußerung verschaffen. Rur so kann es sich ergeben, was Hugo v. Hofmannsthal einmal als Forde­rung für ein Gespräch aufstellt:Wenn Konver­sation einen Sinn haben soll, so muh sich ein Gast über die eigenen Einfälle freuen wie ein Kind, so oft er mit mir spricht"

Feinfühliger Takt hilft der Hausfrau auch, das Gespräch um Klippen herumzuführen, die be­sonders bei bunt zusammengewürfeltem Kreis drohend auftauchen können- Aber dabei müssen ihr die Gäste helfen und bei aller freien Mei­nungsäußerung auf der Hut fein, irgendwie an­zustoßen. Es ist selbstverständlich, daß man seine Ansichten nicht zurückhält und sich frei zu der Meinung bekennt, die man sich über eine Frage geformt hat. Aber wichtige Voraussetzung ist, daß es ohne persönliche Angriffsfärbung geschieht. Sachliche Aeuherungen auch über die brennendsten Fragen der Gegenwart dürften unter Wohlerzo­genen keinen Stein des Anstoßes abgeben. Ein Thema erscheint aber an sich gefährlich und fast immer harmoniestörend: die Politik. Es gehört aber eigentlich auch nicht in die immerhin doch unbeschwerte Teetischstimmung. Aber auch ohne diesen ärgernisschaffenden Gesprächsstoff ist wie gesagt kein noch so heiterer Kreis davor sicher, daß sich nicht plötzlich durch eine heikle Gesprächs­wendung, durch ein voreiliges Wort von einer Seite her, eine Gefahr auftürmt für das bis dahin so schöne Einvernehmen unter den Gästen. Jeder fühlt dann die unheilvolle, peinliche Span­

nung des Augenblicks, aus der nur schnelle ge­schickte Ablenkung helfen kann seitens der Haus­frau ober der Gäste. Ein kluges hilfreiches Eingreifen vermag in solchen Fällen den Frieden noch rechtzeitig zu retten, wofür dann alle nur dankbar sind.

Wenn doch alle Gäste sich ein wenig einsichts­voll und hilfsbereit verhielten! Mit wie vielen hat es die Hausfrau doch so schwer! Da ist der Mißmutige, dem man es ansieht, dah er höchst widerwillig und ungern kommt und den Abend von vornherein als verloren bucht. Da ist der Schüchterne, der, wenn überhaupt, sich nur stam­melnd vernehmbar läßt, und wer kennt nicht jenen Feind einer allgemeinen alle Beteiligten ver­bindenden Unterhaltung den Vielredenden? Er redet, als hätte er nur auf diesen Abend ge­wartet, um die Schleusen seiner Beredsamkeit zu öffnen. Rücksichtslos und unaufhaltsam entwickelt er seine Meinungen über Geschehnisse und Fragen, die uns zur Zeit gemeinsam zu bewegen ver­mögen. Er hält wahre Monologe. Wer unter den Anwesenden ein Wort der Erwiderung ein­werfen möchte, findet keine Lücke. Resigniert gibt man es schließlich auf. Die langatmige Ge­dankenentwicklung, die man passiv über sich er­gehen lassen muß, ermüdet, die Gedanken schwei­fen unversehends ab, die Verbindung unter den Anwesenden ist aufgehoben. Der allzu viel und ununterbrochen Redende ist ein Hemmnis im Lauf der Unterhaltung, die unter allseitiger Be­teiligung geführt werden muß, auch im bunt und vielseitig zusammengestellten Kreis.

Je verschiedenartiger unsere Teegäste sind, desto reizvoller kann sich die Unterhaltung gestalten, bleibt doch schon das aus, was unter beruflich Gleichstehenden so schwer vermeidlich ist: die ge­fürchtete Fachsimpelei. Aber auch im buntesten Gästekreis kann es vorkommen, dah der einzelne von seiner persönlichen beruflich gefärbten Ein­stellung zu den Erscheinungen des Lebens nicht abkommt, daß der Intellektuelle nicht über kul­turelle Fragen hinausgeht, der Industrielle über Weltwirtschaft, die berufstätige Frau über ihre beruflichen Erfahrungen und Sorgen. Gesellig­keit fordert Opfer mancher Art, nicht zuletzt die Aufgabe eines Stückes seines Selbst. Es heißt bereit fein, sich vom eigenen Ich dem fremden Du zuzuwenden.

In anderer Hinsicht noch fordert die gesellige Beteiligung eine gewisse Selbstlosigkeit. Es ist doch so, daß wir nicht Zusammenkommen, um ein paar Stunden totzuschlagen. Wir wollen ver­wandten Seelen nahe kommen, in fremde, anders geartete hineinschauen, wollen irgendwie be­

reichert wieder heimkehren. Das aber ist nicht möglich, wenn wir uns selbst in bezug auf unsere Meinungsäußerung sparsam verhalten. Es gibt auch da einen gewissen Geiz. Ist er etwa Grund­satz in einer Gesprächsrunde, so bleibt die Unter­haltung an der Oberfläche. Es ist möglich, daß man sich auf diese Weise über die verschiedenen im Blickpunkt des Interesses stehenden Dinge unterhält, jeder sagt wohl etwas über Bücher, Theater, Film und dergleichen, aber es ist etwas durchaus unverbindliches. Was hilft es, daß äußerlich alles so gut abgeht, dah das Gespräch sogar einer gewissen leichten Anmut nicht ent­behrt, daß nie eine Lücke entsteht und der ge­fürchtete tote Punkt immer wieder glücklich über­wunden wird, man hat doch nurKonversation gemacht". Ein aufrichtig und ernsthaft geführtes geselliges Gespräch aber macht Kräfte frei, ge­währt Einblicke, lockt aus den Beteiligten heraus, was sie an Erkenntnis und Einsicht sich erarbeitet haben, wohlgemerkt, immer unter der wohl­wollenden Einstellung, geben und nehmen zu wollen unter Vermeidung aller feindlich an­greifenden Gesichtspunkte. Wer hat es nicht schon erlebt, der nicht abseits steht vom geselligen Leben, wie sehr ein solcher Gedankenaustausch beglücken kann!

Geselligkeit stellt an die Persönlichkeit des einzelnen nicht zu unterschätzende Anforderungen. Sie ist ein Ansporn zur Weiterarbeit an sich selbst und zur Selbsterziehung. Die Röte wirt­schaftlich schwerer Zeiten pflegen erfahrungsgemäß das gefällige Leben zu veredeln und zu vertiefen. Verbannen wir die Geselligkeit deshalb nicht aus den kommenden Wintertagen und folgen wir Goethes Forderung in seinem GedichtDer Schatzgräber":

Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste! Sei dein künftig Zauberwort."

Hochschulnachrichten.

Zum Ordinarius und Vorstand der I. Frauen­klinik an der Wiener Universität ist als Rach- folger des verstorbenen Hofrats Heinrich Peham der a. o. Professor ebenda Dr. Josef H a lba n, Primararzt und Vorstand der gynäkologischen Ab­teilung am Krankenhause Wieden, zum Ordi­narius und Vorstand der II. Frauenklinik an der Wiener Universität als Rachfolger des ver­storbenen Prof. Fritz Kermauner Professor Dr. Wilhelm Weibel von der deutschen Universität in Prag berufen worden.