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Politik aus zwei Ebenen.

Außenpolltische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. 6. Pros, der Geschichte an der Universität Äerlin.

Die Entscheidung, ob England zu Neuwahlen kommen wird, ist gefallen. Rein wahlpolitisch be­trachtet, ist England vielleicht das einzige Land, in dem die Auseinandersetzung über eine solche Krise in einem Wahlkampf Sinn und Resultat haben konnte. Aber schon das ist zweifelhaft: nach dem englischen Wahlrecht kann gar leicht eine Mehrheit im Lande nur eine Minderheit im Parlament er- reichen. Daran ist schon in ruhigeren Zeiten lebhaft kritisiert worden. Wie würde in der heutigen Span­nung ein solcher Ausgang wirken? Und worum wird eigentlich gekämpft? Stabilisierung oder Inflation, Rückkehr zur Goldparität oder Devalvation? Dar­über kann ja kein Wahlkampf entscheiden. Klare Pa­rolen sind auch bisher nach keiner Richtung aus­gegeben worden. Bleibt also der Kampf um Steuern und Zölle.

Damit würde der Wahlkampf die Klärung im Parteiwesen weiterführen, Spaltung der Liberalen Neubildung vielleicht aus linkem Flü- gel der Liberalen.und Labourpartei (unter Füh­rung von Lloyd George, während für Henderson der Dorsitz in der Abrüstungskonferenz bliebe?) inzwischennationales Kabinett" mit Macdonald an der Spitze und dem Rekonstruktionsprogramm: Kampf um den Zoll doch kaum im alten Sinne des Reichszolles und der Präferenz für die Kolo­nien, die an den Kämpfen des Mutterlandes nur wenig Interesse nehmen und deren Währungsinter­essen keineswegs mit denen des Mutterlandes paral­lel laufen, sondern zunächst der Fiskalzoll zur Sanierung des Budgets (die, solange die Währung nicht geordnet ist, in der Luft hängt) und dieser Fiskalzoll'gewiß auch mit Schutzzoll­charakter für die englisch^mutterländische Industrie (die bei Devalvation des Pfundes oder gar Inflation zugleich eine Ausfuhrprämie erhielte). Schon das wäre eine auch für Europa außerordentliche Entscheidung. Aber was lind das alles für unsichere Programme, Wege, Aussichten!

Dazu die Arbeitslosendemonstratio- n e n. Sie werfen einen schweren Schatten auf die Parteierörterungen alten Stils, in denen Lloyd George seinen alten und immer jungen Ehrgeiz (pie- len läßt, in denen er mit dem Abfall von Männern wie Reading und andern eine lange hinausgezögerte Entscheidung eigentlich nur erlebt. Parteierörterun­gen, die uns schon etwas überholt, altmodisch, ja unwirklich Vorkommen. England ist in größter Er- schütterung. Aber noch mehr: wir fühlen, Damit hat die zweite Periode der großen Krise begonnen, die im Sommer 1929 ausgelöst wurde, die zweite Pe- riode, in der Deutschlands Iulikrise der erste und Englands Pfunderschütterung der zweite Akt find.

Wie Deutschland durch den Mund Brünings und Luthers, hat soeben auch Italien feinen Stand­punkt zur Währungskrise genommen: keine I n - s l a t i o n , die Lira steht fest, ist mit 53,5 Prozent goldgedeckt. DerGroße Rat des Fascismo", der vom 2. Oktober an tagte, unter Vorsitz des Duce, be­stätigte das auf das Bestimmteste, und im ganzen Lande sand das lebhaften Widerhall. Wir merken aus dieser Ratstagung noch an, daß die Organi­sation zählt 803 082fasci di combattimento" (Frontkämpfer), 119 328 Frauen und 30 759 Jugend­faschisten, dazu 500 221 in faschistischen Berufsorga­nisationen. (Die Zahlen liegen zum Teil erheblich unter den vergleichbaren russischen Ziffern.) Der Rat billigte ferner ausdrücklich die Politik der A b - rüstung und Reparationen, die von Grandi geführt wird. Nimmt man dazu die gleich­zeitige Veröffentlichung des offiziellen Parteiblattes, das künftig Mitgliedschaft im Fascismo und in derAczione Cattolica" gleioj- zeitig erlaubt ist, damit der Konflikt zwischen Faschismus und Vatikan erledigt fei, so atmete da» alles ein berechtigtes politisches Selbstbewußtsein. Und wir begrüßen sowohl die faschistische wie die

aleichzeitige päpstliche Kundgebung zur Abrüstung. Aber: die Ratlosigkeit der Arbeitslosigkeit gegenüber sprach auch aus der Kundgebung des Papstes wie dem Beschluß desGroßen Rats" zur Wirtschaftsnot. Die Erschütterungen von England her berühren natürlich auch Italien, das sich ebenso wie Deutschland fragen muß: was soll aus den Währungen werden, wenn England zur Devalvation oder gar Inflation kommt und wenn die Entwick­lung immer mehr zur allgemeinen Krisis des Gol­des treibt?

Blicken wir von da weiter nach dem Schluß der Völkerbundstagung, fo stößt man immer wieder auf die ganz eigentümliche Schwierigkeit der Lage, daß ich die Entwicklung ausgesprochenermaßen hier laßt einmal dieses Modewort auf zwei oer- chiedenen Ebenen vollzieht. Auf der einen geht es noch in dem alten Stile zu, der für Frank­reich typisch ist. Es ist zur ersten Macht in Europa aufaeftiegen, sucht diese unbedingt zu sichern, und bedient sich dazu der Mittel der Politik, des Mili- tärs, der Bündnisse. Von hier betrachtet, scheint die Entente Frankreich - England - Ita­lien vorhanden zu sein oder sich vorzubereiten, in die England und Italien notgedrungen hereingehen, sich Frankreichs Führung beugen. Von hier redet man in Frankreich über das Verhältnis zu Ruß- land, zu Deutschland, hält man die alten Vasallen fest, und sieht man sich gegenüber den Vereinigten Staaten. Ein Artikel wie ihn derTemps" über die Einladung Lavals durch Hoover schrieb, war bezeich­nend für diese Auffassung, die Frankreich und Arne- rika als die beiden Schiedsrichter der Welt sieht, lie beiden allein nochintakten" Großmächte auf der Welt. So meint man, weil man die Macht im phnfifchen Sinne, die mi­litärische und die politische Macht und dazu das Geld hat, daß danach sich so wie früher die Geschichte weiter entwickele, und stellt alles, wie etwa den Völkerbund, die Abrüstungsfrage u. Dgl. in den Dienst dieser Auffassung und Berechnung.

Dabei merkt man nun doch auch in Frankreich, daß, was sich jetzt in der Welt abspielt, allein mit diesen Berechnungen gar nicht gemeistert werden kann. Vieles geht, um den Ausdruck zu wieder­holen, eben auf einer anderen Ebene vor sich. Die große Krise des Kapitalismus kam von der Ueberproduktion, Dem Preissturz und Der Verwirrung, Die Der Weltkrieg in seinem Aus- gang unD in Der sog. DrDnung Der Kriegsschulden- frage mit sich gebracht hatte. Man hat rund ein Jahrzehnt geglaubt, unD auch erfolgreich in Der Richtung gearbeitet, nun zu einem Dauerhaften Neubau auf Dem BoDen Des Kapitalismus lam­men zu können. Dessen GrunDlage war Das G o l D als Wertmesser, als Währungsmetall, als GrunD­lage eines ungeheuer ausgebilDeten unD verDichteten internationalen Kreditsystems. Aber Die Absatz- unD Produktionskrise ist, wieder in Verbindung mit und infolge Der Weltschuldenlast, zur KreDit- und aur Währungskrise geroorDen, Die mit einer unheimlichen Sicherheit ein LanD nach Dem anDeren ergriffen hat. Eine unbeschreibliche Störung Des inter­nationalen KreDitsystems ist eingetreten: keine Währung ist mehr sicher, keinen Platz beinahe gibt es mehr, wo Der Kapitalist ruhig schlafen kann. Anschauungen unD Theorien, Die unerschütterlich schienen, sinD in Frage gestellt. Man fragt, ob Die GolDwährung sich nicht selber ad absurdum führe, aber man weih Durchaus nicht, was an ihre Stelle treten soll, wenn nicht eine ungeheuere Inflations- welle, Die Dann auch über große Teile Der Welt hingehen würDe.

Zunächst sucht jeder zu retten, was er kann: ein Staat nach Dem anDeren stellt Den Einlösungszwang für GolD ein, manche greifen schon zur Zahlungs- einfteUung überhaupt. Und man glaubt, daß m i t Der Forderung Der Autarkie nun eine neue Zeit einzuleiten sei. Damit ist aber für Das GolD- unD Währungssystem noch recht wenig ge­sagt. Bliebe es bei Der bisherigen GolDverteilung unD bei einer GolDpolitik, wie sie von Frankreich unD NorDamerika getrieben wird, so muß das zu Kämpfen um den Goldstandard in Der Welt überhaupt führen. UnD führt weiter zu Kämp­

fen Der Exportindostrien um die Absatzmärkte. Gleichzeitig verbinden sich damit Kämpfe um Den Lebens st andard, ober anders ausgedrückt, um Die Löhne unD Gehaltssätze, in Denen, was gar nicht weiter ausgeführt zu roerDen braucht. Gefahren stärkster sozialer Erschütterungen, ja Explosionen liegen, hie Dann unmittelbar Das kapitalistische System überhaupt beDrohen. Natürlich nicht gleich, zcitia auf Der ganzen Welt, fonDern an einzelnen Stellen, Die Darin Die beDrohtesten sind. Aber nie­mand weiß, wie Dann diese Welle weitergehen würde.

Frankreich nun wieder, von dem soviel für die Weiterentwicklung abhängt, glaubt heute noch vor diesen Gefahren sicher zu sein, wenn es sich möglichst wenig in sie, in die Verhandlungen über sie, in Die Bemühungen, sie zu beschwören, begäbe. Eine grundsätzlich retaröierenDe Politik, eine D e fcnfiopolitif. Die nur auf Die e i g e n e Sicher­heit beDacht ist, wenn nötig, Durch völligen Ab­schluß nach außen, und, wie man glaubt, ein In- sich-ruhen in Der eigenen Macht, im eigenen Reich- tum! Aber, wie man in Genf Frankreich mit Recht entgeaenhielt, dasselbe Frankreich will oer- kaufen, will exportieren und fürchtet um feine Ausfuhr infolge Der Erschütterungen der Gold­währung: es will aber nicht importieren lassen. Dasselbe Frankreich will selbstverständlich die Zin- fen von Den Kapitalien, Die cs Draußen hat, er­halten, und darin Die Deutsche Reparationsschuld nicht in lehter Linie. So sehr seine Banken Die kurz- friftigen Auslandguthaben zurückgezogen haben, Die Finanz- und Kreditverpflichtung Frankreichs in die Welt herein ist doch recht erheblich, mindestens so erheblich (genau wie bei Amerika), daß man diese Anlagen unter keinen Umständen verlieren möchte. Aber Das gleiche Frankreich will nun seinerseits nicht auslsihen, trotz seines ungeheueren Kapitalreich­tums unD Ueberflusses.

Das ist ein Widerspruch in sich. Frankreich will nur aufDereincn Ebene denken und arbeiten, und ist doch nun einmal gezwungen, auchaufder anderen Ebene sich zu bewegen, auf der es auch sehr große Interessen hat. Da nun aber die französische Sinnenmell sich in ihrem Denken und Vorstellen ähnlich Der amerikanischen Binnenwelt von Europa abgeschlossen hat, wozu bei Frank­reich noch Der Gesichtspunkt dex instinktiven Ab- lehnung von etwas Unheimlichen und Gefährlichen draußen kommt ist Die Schwierigkeit so groß und Derjenigen in Den Vereinigten Staaten verwandt, eine öffentliche Meinung dieser Art von der na­türlich die Politiker durchaus abhängig sind, zu der Einsicht zu bringen, daß selbst ein solch gefieber­tes Land auf Gedeih und Verderben mit der übri­gen Welt, insonderheit Europa, verbunden bleibt!

Wie weit bei Laval diese Einsicht geht, wisien wir nicht. Hoover übersieht diese Zusammenhänge ohne Zweifel vollständig. Aber beide Staatsmänner haben aegen sich gewaltige Teile ihrer eigenen öffent­lichen Meinung, Die wie Bleigewichte an ihnen han­gen. Immer wieder ist also Die Frage: ob Denn Das heute in Europa noch herrschende Wirtschaftssystem Zeit hat zu warten, bis unoermeidUche Wendungen und Schwenkungen eingetreten sind Was hat es Europa allein gekostet, daß man in Amerika jahre­lang, vom Ende Wilsons an bis in Die jetzige Krise hinein, glaubte, sich abschließen zu können! Wie Da­mals mit Amerika, fo macht man jetzt mit Frank­reich Die Erfahrung, Daß von außen, mit verständi­gen Hinweisen und Darlegungen, wenig oder nichts erreicht werden kann. Und Dabei ist mit Recht in Genf aus deutschem Mund gesagt worden, niemand könne sich darüber täuschen, daß die Fundamente, auf denen das heutige Wirtschasts. und Geldsystem ruht, erschüttert sind!

Schwierige Jinanziage des Kreises Gießen.

Oie Landgemeinden ebenfalls in starker Bedrängnis.

Unserem Wunsche entsprechend, hat uns die Gießener Kreisverwaltung den nachstehenden Ueberblicf über die Finanzlage des - Kreises Gießen und der Land­gemeinden zur Verfügung gestellt.

D. Red.

Die Gesamtumlagen, die die Kreiskasse im Rj. 1931 äu erwarten hat, betragen nach Dem Haushaltsplan Des Kreises Gießen für Dieses Rechnungsjahr 220 000 RM. An Umlagen sinD bis jetzt nur eingegangen 6000 RM., fo Daß noch

2 1 4 0 0 0 R M. ausstehen. Diese Tatsache wirkt auf Die Kassenlage Des Kreises naturgemäß sehr ungünstig ein. Sie ist jeDoch in Der Haupt­sache auf verspätete VerabschieDung von Gemeinde­voranschlägen und dementsprechende verspätete Auf­stellung der Hebregister für die Gemeinde-, Kreis- und Provinzial - Umlagen zurückzuführen. Aus Reichs st euerüberweifungen erwartet der Kreis Gießen im Rj. 1931 voranschlagsmäßig den Betrag von 52 982 RM. aus der Einkommen- und Körverichaftssteuer und von 20 757 RM. aus der Umsatzsteuer, zusammen also 73 749 RM. Eingegan­gen sind bis jetzt aus der Einkommen- und Körper- schaftssteuer 9327 RM., aus Der Umsatzsteuer 3774 RM., zusammen also 13101 RM., so Daß noch über 60000 R M. ausstehen, während nor­malerweise, nachdem die Hälfte des Rj. abgelaufen ist, nur noch etwa 37 000 RM. ausstehen dürften.

Die Kassenlage verschlechtert sich weiterhin durch Elnnahmeausfälle, die aus Maßnahmen des hessischen Staates und des Deutschen Reiches her rühren.

So müssen ab 1. April 1931 die Tagegelder und Reisekosten der Kreisfürsorgerinnen, von dem Kreis getragen werden. Dies verursacht eine jährliche Be­lastung von 1200 RM. Die Pauschalvergütung des Reichs für die Bearbeitung und Zahlung der Zu­

satzrente wurde um 300 RM verringert. Der Kreis rechnete mit einem Staatszuschuh für Die gehobene Fürsorge in Höhe von 36 000 RM. Durch Verfü­gung Des Ministers für Arbeit und Wirtschaft vom 31. Juli wurde der Zuschuß auf 16 000 RM. fest­gesetzt. Wenn das seitherige Verfahren, wonach 50 v. H. des Staatszuschusses vorweg zur Bestreitung der Kosten der sozialen Kriegsbeschädigten- und Kriegerhinterbliebenenfürsorge verwendet und der Rest auf die Sozial-, Kleinrentner- und Wochenfür­sorge verteilt würde, dann ist hieraus mit einem Ausfall des Kreises von rund 12 500 RM. zu rech­nen. Der Staatszuschuß zu den Kosten der Fürsorge­erziehung wurde pauschaliert auf 75 v. H. Des vor­jährigen Zuschusses herabgesetzt. Dem Kreis entsteht hieraus ein Ausfall in Höhe von 18 000 RM. jähr­lich. Der Staatszuschuß zur Waisenfürsorge wurde gleichfalls herabgesetzt. Die Ermäßigung verursacht dem Kreise Gießen einen Ausfall von 850 RM. Durch Ermäßigung der Zuschüsse der Landesversiche- rungsanftalt für Heilstättenkuren usw., sowie durch Ermäßigung des Staatszuschusses zu den Kosten der Entkrüppelung Jugendlicher und Erwachsener ist mit einem weiteren Ausfall von etwa 2000 RM. zu rechnen. Die Finanzlage des Kreises ersordert ernste Maßnahmen zum Ausgleich die- s e r Verluste, die sich auf insgesamt 18 650 RM. berechnen.

Oie Gemeinden des Kreises.

Die Erwerbslosigkeit macht sich auch im Kreise Gießen sehr unangenehm bemerkbar. £.e einzelnen Kreisgemeinden sind von ihr ganz unter- schiedlich betroffen. Am 30. September 1931 wurden in offener Fürsorge arbeitsfähige, aber arbeitslose Personen unterstützt:

a) als Wohlfahrtserwerbslose 324

b) davon als Fürsorge- und Notstands- arbeitet beschäftigt 207

Wenn Menschen auseinandergehn

Vornan von 3- Echneider-Foefstl.

Urheberrechtsschutz Verlag O. Mei st er, Werdau.

8. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Gunnar Bosanyi entsetzte sich, olS feine Toch­ter nach Wochen bat, sie für einige Zeit fort- zulassen, ganz gleich, wohin, sie fühle sich so elend, so zerschlagen, sie müsse zugrunde gehen hier, vielleicht könne sie vergessen, wenn sie unter andere Menschen und in eine andere Um­gebung käme.

Tag sur Tag wiederholte sich ihr Bitten, bis er schließlich nachzugeben begann.

Als der erste Schnee über die Steppe fiel und bie Wölfe des Rachts um Die Gehöfte irrten und mit iprem heiseren Gebell Mensch und Tier die Auhe nahmen, neigte sich Raja über das Gesicht des Vaters und küßte ihn zum Abschied.

Er liebkoste ihre schmalen, blassen Wangen, gab ihr Mahnungen, Ratschläge: Sie sollte nicht ver­gessen, die Verwandten In Wien zu besuchen, sich nachts niemals allein auf die Straße wagen und tausend anderes mehr.

Sie hörte c8 mit halbem Ohr, versprach, legte, vom Gefühl der Schuld durchrüttelt. Den Kopf gegen seine Brust, um sich Dann endlich mit einem verzweifelten Lächeln aus seinen Armen loSzumachen.

Bosanyi brachte sein Kind selbst zur Bahn, sah noch eine Weile den Rauchwolken nach, die den Weg zeigten, den der Schnellzug nahm und stieg dann wieder in den Wagen, der ihn zurückbringen sollte. Es war das erstemal, daß ihn die Tochter verließ, das erstemal, Daß er einen Winter allein verleben sollte. Aber es mußte ertragen werden. Gr war eS der Tochter schuldig, daß er sie nicht zugrundegehen ließ. Die Fremde würde Balsam für sie sein.

Rosmarie lebte in einem förmlichen Taumel. Jedesmal, wenn sie aus der Stille und Abge­schiedenheit der Steppe in das Getriebe Wien- zurückkam, berauschte sie Der laute Hall oer RiesenstaDt, zog sie an, stieß sie ab und wurde ihr zum Schluß unentbehrlich. Sie fühlte sich von tausend und abertausend Dingen in Anspruch ge­nommen, was sie über Tage nervös und was ihre Rächte schlaflos machte

Aber nach Wochen verebbte die Erregung. DaS laute Leben wurde wieder zum gewohnten Dasein.

Unter Agas Leitung lief das Hauswesen wie am Schnürchen. Die Alte nahm sich sogar Zeit, des Abends im Journal zu lesen.

Rosmaries Lachen und das ihrer Freundinnen erfüllte das Haus. Es roch nach Weihnachts­leckereien und dem harzigen Duft der Riesen­tanne, die auf Der Veranda stand. Aga pflegte sich früh um all diese Dinge zu sorgen.Später bekommt man nur noch das Ausgesuchte", erklärte sie. Hier, wie in der Tanja war sie ein Muster von Fürsorge.

Eine Woche vor dem Fest traf ein Bries von Professor Török ein: Es gehe ihm ausgezeichnet, ob Rosmarie wohlauf sei, ob sie Der Aga ge­horche unD ihren Wunschzettel pünktlich abge­liefert habe?

Aga seufzte, als sie die letzte Stelle las. Bei Gott! Das hatte Rosmarie getan. Er war reichlich lang gewesen unö immer wieder hatte sie hinten Reues angefügt. Wenn Aga vom Einkäufen zurückkam, war sie jedesmal in Schweiß gebadet.

Dela Szengeryi hatte auch ein verschlossenes Kuvert beigelegt. Rosmarie drehte es von links nach rechts und steckte es dann, ohne Aga einen Blick hineintun zu lassen, in den Ausschnitt ihres Kleides.

Abends vor dem Schlafengehen zog sie die vollkommen zerknitterte Hülle heraus und las deren Inhalt mit brennenden Waagen:

»Mein kleiner Liebling!"

Woher nur Dela mit einem Male diese schönen Ausdrücke hatte?

Mein kleiner Liebling!" Er war doch sonst Immer so furchtbar nüchtern gewesen. Aber klein? Klein, war sie nicht mehr.

Sie streckte sich vor dem hohen Ankleidespiegel im.Schlafzimmer und wiegte ihre schlanke Gestalt. Daßn las sie weiter:

Ich hoffe, daß Du gesund und froh bist." Warum sollte sie das nicht sein? Sie fand es lächerlich, toie, er so etwas schreiben konnte. Wenn Du wüßtest, welche Sehnsucht ich habe, nach Dir und der Steppe." Sie schüttelte den Kopf. War das möglich? Run auf einmal hatte er Sehnsucht. Es geschah ihm gerade recht. Warum war er fortgegangen? Ein Mensch mit fiebenunD- zwanzig Jahren mußte doch wissen, was er tat. Und wenn er dann Heimweh bekam, war ihm nicht zu helfen. Run kamen ein paar Sähe, die sie als weniger wichttg erachtete. Die tausend Küsse am Schluß erschienen ihr ganz in der Ordnung.

Die faltete daS Blatt zusammen, besann sich einen Augenblick, öffnete Dann Die Klappe DeS OfenÄ und ließ den Brief in die Glut fallen.

ES war gar nicht nötig, daß Aga ihr über diesen Brief kam. Die sagte totsicher wieder, es schicke sich nicht, daß er so verrückt schreibe. Mein kleiner Liebling", das würde ihr schon gar nicht passen. Sie war manchmal so furchtbar trocken. Aber eS war doch nett von Dela, daß er so eine schöne Anrede gesunden hatte! Wirk­lich nett war daS von ihm!

Sie verschränkte die Hände unter dem Kopf und sah in das blaue Licht der Rachtampel, die von Weißen Seidenschnüren an der Decke gehalten wurde.

Sie dachte an Janos, wie der nun fror und seine Schafe und Rinder mit ihm, während sie schön warm hier in ihrem Bette lag und sich ihren Träumen hingeben konnte. Raja fiel ihr ein und Mutter Horvath und Guido. Gr hatte ihr eine Karte aus Biskra geschickt. Sie hatte den Ort erst in Spitzbergen gesucht und war ganz erstaunt gewesen, daß er in Aegypten lag.

Dann fielen ihr die Lider zu.

Sie träumte! Träumte so wundervoll! Aber nicht von Dela Szengeryi, auch nicht von Guido Horvath, sondern von dem jungen Schäferhund, Den Janos ihr großziehen wollte, bis sie toieber- kam.

Ein sorgloses, seliges Kinderlächeln lag auf ihrem Gesicht, als Aga hereinkam, um daS Licht abzudrehen, weil Rosmarie es Tag für Tag zu vergessen pflegte.

Profossor Török stand auf dem Felsgestein des Hochlandes von Madagaskar und wühlte mit Hacke und Schaufel in den vulkanischen Ueber- reften, die seine Forschererwartungen noch um vieles übertrafen.

Einen Steinwurf weiter abwärts saß Dela Szengeryi und studierte das Geäder eines Felsens, aus dem er schon ein großes Stück herausge­brochen hatte. Der Schweiß tropfte ihm in kleinen Rinnsalen über Drust und Rücken. Die Hitze war unerträglich.

Gegen Abend fliegen sie zu den Urwäldern hinab, die an das Hochland grenzten und sich nach Rordosten hin in eine Küstenlandschaft ver­loren.

Zwei Madagassen, die als Führer und Träger dienten, schlugen bereits die Zelte auf. Sie stan­den dicht an den Stranöbünen, von einem Ge­hänge flatternder Blattpflanzen überdeckt. Die Mangrovenwälder, die wie dräuende Ungeheuer nach Dem Wasser starrten, warfen breite LKhatten über daS Gelände.

RichtS alS daS Rauschen deS OzeanS und daS Gekrächz der Sumpfvögel unterbrach die Stille.

Bela Szengeryi nahm ein Bad, und Török wartete nun, vor feinem Zelte sitzend, bis der junge Mann wieder herzuschwamm. AnS Land springend, ließ er sich von einem der Madagassen trockenreiben und verschwand in der Hütte.

Während er dort Toilette machte, stellte Török ein kleines Tischchen bereit und legte zwei Palmen­wedel darüber, auf denen ein Kerzchen brannte. ES war von der Hitze ganz schief gezogen und drohte jeden Augenblick zu fallen. Daneben stand eine Kiste Zigarren und eine Flasche Likör.

»FroheS Weihnachten, mein Lieber!" sagte er.

als Szengeryi wieder zum Vorschein kam. Dela mußte sich erst besinnen.

Dann lachte er. Die Umgebung war so gar nicht weihnachtlich. Die rechte Stimmung mit Schnee und krachendem Frost fehlte.

Weber ihren Häuptern schwankte sattgrüneS Laub, feuerfarbene Lianen spannten sich von Wipfel zu Wipfel. Um die Stämme woben sich zartgrüne Vorhänge von Blattpflanzen in gelb rot, weih und lila. Sie sahen guS wie ein Hauch und wurden durch den geringsten Luftzug zum Beben gebracht.

Török zog einen Brief auS der Tasche, entnahm ihm einen beigelegten Zettel und reichte ihn Szengeryi hinüber.Ganz noch daS Kind", sagte er lachend und sah dem Spiel Der Wasser zu. die gurgelnd gegen die Küste schlugen.

Der junge Mann laS:

.Lieber Bela!

Ich danke Dir für Deinen Brief. Desonder- für die fchöne Anrede. Daß Du Sehnsucht hast, tut mit leid. Aber wenn Du recht fleißig bist, wird das Heimweh bald vergehen. Ich denke oft an Dich, natürlich jetzt zur Weihnacht be­deutend weniger, weil eS soviel anderes zu tun gibt. Die Aga sagt übrigens. Du würdest es in Madagaskar auch nicht so genau nehmen mit Dem Rachhausedenken. Sieber Bela, wird man wirklich nicht schwarz, wenn man eine Regersrau auf Die Wangen küßt? Versuch eS doch einmal und schreib mir dann!

Wenn Deine Handschuhe zerrissen sind, bann schreibe mir'S. Die Aga flickt sie Dir, ober ich stricke Dir neue.

In Liebe Deine RoSmarie."

Szengeryi lachte hell auf, streichelte die wenigen Zeilen mit zarten Fingern und steckte sie in feine Brieftasche.

Der Professor schmunzelte immer noch still vor sich hin.Die Aga wird nicht wenig Mühe mit ihr haben. Sie füttert das Mädchen mit Den Brocken ihrer Erfahrung, will alles und nichts sagen und so werden die beiden ewig nicht klug aneinander, daS Kind nicht an der Alten und die Alte nicht an dem Kind."

Als er merkte, daß Szengeryi gar nicht auf ihn horte, ging er nach dem Zelt. Etwas später kam er wieder heraus und legte Dela die Hand auf die Schulter.Komm! Die Moskitos fangen zu schwärmen an. Es ist das beste, unter das Retz zu schlüpfen." Török hielt SzengeryiS Rechte feft »Man soll nicht Träumen nächhängen. Deren Er­füllung noch in so weiter Ferne liegt und Die möglicherweise für immer nur Träume bleiben werden. Sollten aber eure Herzen sich finden, so will ich dir jetzt schon die Gewißheit geben, daß mir kein anderer al- Sohn so sehr willkom­men ist wie du."

(Fortsetzung folgt.)

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