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Nr. 237 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)Samstag, lv. Oktober (93;
Ein Stück japanischer Votts- wirtfchast.
politische Eindrücke von einer Weltreise. Von Dr. Paul Rohrbach.
Tokio, September 1931.
Ich habe eine japanische Baumwollspinnerei und Weberei besucht und habe Einiges davon zu erzählen, was den deutschen Leser interessieren wird. Zunächst etwas Paradoxes und zugleich Instruktives: japanische Baumwollstoffe sind jüngst nach Manche st er transportiert worden I Natürlich liegt eine gewisse Demonstration, fast könnte man sagen ein Stück selbstbewußten japanischen Humors darin, denn im Ernst denkt ja niemand hier daran, England zum Absatzgebiet für Kattune aus Japan zu machen. Die Japaner haben aber einmal zeigen wollen, was sie können, und in der Tat, auf dem Gebiet der Baumwollindustrie können sie erstaunlich viel.
Daß die maschinelle Ausrüstung der englischen Spinnereien und Webereien zum Teil veraltet ist, weiß man ja. Auch viele japanische Fabriken arbeiten noch mit älteren Maschinen, aber es gibt andere, die sind moderner ausgerüstet, als diebestenenglischen und diesen an Leistungs- fähiykeit überlegen. Im vorigen Winter gab es im Gebiet der englischen Baumwollindustrie einen Streit zwischen Arbeitern und Fabrikanten wegen Einführung einer neuen Art von Webstühlen, bei der ein Arbeiter acht Stühle bedienen kann, anstatt, wie bisher, nur vier. Die Arbeiter weigerten sich, sie schritten zum Streik, die Fabrikanten zur Aussperrung, und nach vierzehn Tagen — kapitulierten Die Fabrikanten. In der japanischen Fabrik, die ich besucht habe, bedient ein Arbeiter fünf bis sechs Stühle, ein Beweis für feine Leistungsfähigkeit. Nur der japanische Vorarbeiter hat den deutschen und englischen noch nicht erreicht, wurde mir offen zugegeben.
Nun, ein moderner Betrieb für Spinnen und Weben von Baumwolle sieht überall in der Welt ungefähr gleich aus; der Fachmann allein wird da Unterschiede finden, die ihn interessieren. Was aber nicht gleich ist, vielmehr in Japan höchst originell, das sind die A r b e i t e r v e r h ä l t n i s s e. Die Fabrik, die ich besuchte, arbeitet zum größten Teil mit weiblichen Kräften. Sie beschäftigt 1500 Arbeiterinnen, alle im jugendlichen Alter von 19 und wenigen Jahren darüber, und alle diese Mädchen wohnen in der Fabrik. Man lieft öfters, daß die japanischen Arbeiterinnen „kaserniert" sind, daß die Eltern sie für einige Jahre an die Fabrik „verkaufen", daß die Löhne minimal sind usw. Sieht man sich aber die Verhältnisse an, wie sie wirklich sind, so erscheint vieles in ganz anderem Licht. Es ist richtig, daß die Mädchen, wenn sie ganz erwachsen sind, von den Eltern auf dem Dorf in die Fabrik geschickt werden, auf einige Jahre. Sie erhalten in der von mir besuchten Fabrik einen Tagelohn von 70 Sen, das sind 1,40 Mark, also etwa 40 Mark im Monat (der Lohn für männliche Arbeiter ist doppelt so hoch), aber was dieser Lohn praktisch bedeutet, wird man daran ermessen, daß den Arbeiterinnen für die Verpflegung, die sie in der Fabrik erhalten, 15 Sen, 30 Pfennige, auf den Lohn umgerechnet werden. Für 30 Pfennige pro Tag kann also eine Arbeitskraft in Japan unterhalten werden, und im Verhältnis dazu stehen die übrigen Kosten des Lebensunterhalts und der reale Wert des Lohnes.
Ich bat, ob ich die Wohnräume der Arbeiterinnen sehen dürfe. Gerne! Zunächst muh der Besucher seine Schuhe ausziehen und Strohsandalen anlegen, wenn er hinein will, denn alle Korridore, Schlaf- und Aufenthaltsräume, Eßsaal usw. sind mit den seinen japanischen Matten belegt, die keine Stiefelsohlen und Absätze vertragen. Man kann sich die ganze Anlage am ehesten als eine Reihe sog. Pavillons, wie bei unseren modernen Krankenhäusern, in einem großen Baumgarten vorstellen. Zwischen den Pa- villons oder Baracken, die alle schön fest nach japanischer Art gebaut sind, stehen grüne Bäume und blühende Blumen.
Einige dreißig Arbeiterinnen haben einen Schlaf- und Wohnraum, in dem es nichts gibt, als feine Matten auf dem Fußboden und für jedes Mädchen einen Wandschrank, in dem sie ihre Kleider und Schlafdecken verwahrt. Andere Möbel braucht sie nicht. Die GauberFeit und Nettigkeit dieser Räume ist — ich finde kein anderes Wort — entzückend:
ebenso auf den langen Korridoren. Alle Häuser sind einstöckig.
Es gibt einen großen sauberen Eßsaal (ein Gemüsegericht mit Pilzen und gedämpfter Reis waren die Tagesmahlzeit), lange, zementierte Waschkanäle mit Hähnen für warmes und kaltes Wasser auf den Korridoren zur täglichen Reinigung, eine kleine Bibliothek, einen Andachtssaal und einen Raum für Kino und Theater (sogar mit einer kleinen Drehbühne!) in dem tausend Zuschauer sitzen können. Das alles gehört zur „Kasernierung". In dem großen, schönen Saal, in dem die Gottesdienste stattsinden, waren gerade ein paar Mädchen dabei, die Nische, vor der die Zeremonien vollzogen werden, mit Blumen zu schmücken. Im kleinen Bibliotheksraum saßen vielleicht ein Dutzend und bekamen von einem Lehrer Unterricht über irgendeinen Stoff, nach dem ich versäumt habe, mich zu erkundigen.
Wenn man alle diese Räume nicht selbst gesehen hat, so kann man sich schwer vorstellen, wie wohltuend sauber und ordentlich alles aussieht. Es war gerade am Nachmittag. Die Fabrik arbeitet mit zwei Schichten, von 5 bis 14 und 14 bis 23 Uhr. Die erste Schicht war vorbei, die Mädchen hatten sich ge- waschen, hatten gegessen, die Arbeitskleidung mit ihren hübschen, sauberen, bunten Sommerkimonos vertauscht, und sahen aus — ich möchte sagen, wie ein wandelndes Blumenbeet, wie sie an dem Kontorfenster vorüberspazierten, durch das mein Blick auf einen der inneren Korridore ging!
Ich nehme an, daß es in Tokio auch Fabriken geben wird, in denen die Schlaf- und Waschräume eiwas weniger schön sind, als diejenigen, die ich gesehen habe, in denen man vielleicht auch keine solche Andachtshalle, kein Kino und keine Theaterbühne findet. Was mir aber wichtiger erschien, als diese Nettigkeiten der Einrichtung — es sind schließlich mehr als bloße Nettigkeiten, und man sieht, daß die Bestrebung dahin geht, diesen Typus der Unterbringung herrschend zu machen — das war das
durchgehends gute und gesunde, fröhliche Aussehen der Mädchen.
An diesen Spinn- und Webstühlen und von diesen jungen Dingern, die erstaunlich gelehrig für die Arbeit fein sollen, werden die Stoffe verfertigt, die in die Welt hinausgehen, vor allen Dingen nach China, um dem wachsenden Ueberschuß der Bevölkerung Japans Brot zu schaffen. Ohne stete Zunahme des industriellen Exports würde Japan, das um 900 000 Seelen jährlich wächst, einer chronischen Ernährungskrise ins Auge sehen müssen, deren Entwicklung zur nationalen Katastrophe nur eine Frage der Zeit wäre. Die Mädchen bleiben im Durchschnitt zwei bis vier Jahre in der Fabrik. In der Regel zahlt die Fabrik den Eltern einen Vorschuß, der abgearbeitet werden muß. Er dient für die elterliche Wirtschaft; auch das bescheidene Heiratsgut der Tochter erarbeitet sie sich in der Fabrik selbst, und nicht selten macht ihr Verdienst es auch möglich, daß ein Bruder auf eine höhere Schule kommt. In der Nähe der großen Industriezentren, Tokio, Ofaka, Nagaya, wandert der größte Teil der jungen Mädchen vom Lande als Arbeiterinnen während ihrer ersten erwachsenen Jugendjahre durch die Fabriken. Daß die Mädchen später heiraten, ist selbstverständlich — die Jnduftriearbeiterin bleibt für sie eine kurze Episode im tieben. Nur wenige bleiben als ältere Vorarbeiterinnen mit höherem Lohn im Betrieb. Auch sie heiraten, aber sie- haben dann ihren Mann und ihre Familie in der Stadt. Die Behütung und die Kontrolle der Mädchen ist sehr sorgfältig, aber die natürliche Gutartigkeit und Fügsamkeit der Japanerin — sie ist im Durchschnitt vielleicht das harmlos liebenswürdigste Geschöpf, das es auf der Welt gibt — macht die Aufgabe leichter, als sie in europäischen Ländern wäre — auch wenn der Direktor, der mich durch die Fabrik führte, einmal halb seufzend, halb mit Humor, das Wort fallen ließ: „Es ist schon eine Ausgabe, auf 1500 solche Dinger aufzupassen!"
Aktuelle Währungsprobleme.
Von Or. W Prion, o. ö. Professor der Äetriebswirischaffslehre an der Universität Berlin.
I.
Die Goldwährung.
Sn einem zweiten Artikel wird Prof. Prion, der hervorragende Währungstheoretiker, den von der DIZ. zur Diskussion gestellten Plan einer W e l t w ä h - rung behandeln.
Inmitten der großen Sorgen, die die Weltwirtschaftskrise in fast allen Landern auslöst, erheben sich mit besonderer Deutlichkeit die Probleme dec Währung. England hat die Einlösung der Banknoten in Gold eingestellt; die nordischen Staaten sind diesem Beispiel gefolgt; die deutsche Reichs bank kämpft einen verzweifelten Kampf um die Erhaltung ihres Gold- und Devisenbestandes und erklärt, daß sie sich einer Aufhebung der Goldwährung widersetzt. Dasselbe sagen die Niederländische Bank und die Schweizerische No - tionalbank, wahrend Frankreich und die Bereinigten Staaten als Besitzer großer Goldmengen einstweilen sich abwartend verhalten. Inzwischen sehen sich die (Rückwirkungen aus der englischen Maßnahme der Suspendierung der Dankakte vom Jahre 1844 fort: das englische Pfund erleidet einen Berlust bis zu 20 Prozent, die deutschen Börsen bleiben geschlossen, auf „ben internationalen Warenmärkten treten empfindliche Störungen ein, die englische Zahlungsbilanz bessert sich durch Einschränkung der Einfuhr und Forcierung der Ausfuhr — und die Deutsche Reichsbank verliert trotz aller Devisenregelung in der letzten Septemberwoche nicht weniger als 230 Millionen Mark in Gold und Devisen.
Daß unter diesen Umständen das Problem der Währung auch in der öffentlichen Diskussion immer wieder in den Vordergrund tritt, kann nicht wundernehmen. Liegt ein Versagen der Goldwährung vor? Ist das Gold als Währungsgrundlage entthront? Oder ist es nicht jetzt die höchste Zeit, die Währung vom Golde zu trennen? Gibt es denn nichts Besseres, das einfach an die Stelle
des Goldes zu sehen wäre und uns mit einem Schlage von den Wirren und Röten der Währung befreien, könnte? Genau wie in der Inflationszeit und insbesondere zur Zeit der beabsichtigten Stabilisierung der Währung im Jahre 1923 so schwirren auch heute zahlreiche Projekte in der Luft (und auf den Schreibtischen der Regierungen) herum, die uns eine neue, bessere und erfolgreichere Währung bescheren wollen.
Wenn man in dieser so wichtigen Frage klar sehen und sich ein eigenes Urteil bilden will, bann barf man bie folgenben Grunbtatsachen nicht aus bem Auge lassen: Das Erste: es ist wichtig, zu erkennen, bah seit Kriegsausbruch eine echte Goldwährung in keinsm Lande mehr besteht. Bei einer echten (d. h. eigentlichen) Goldwährung sorgt die vorhandene Goldmenge automatisch für das „richtige" Verhältnis zwischen der umlaufenden Geldmenge und dem durch den Verkehr bedingten Zahlungsmittelbedarf. Und zwar geschieht das in der Weise, daß das Gold — je nach dem Stande der Preise und der Zinssätze — von' einem Lande in das andere strömt und somit P r e i s e u n d Z i n s s ätz e zum annähernden Ausgleich bringt. Das Gold wird hierbei selbst zur Ware, und zwar zu einer Ware, die mit den geringsten Kosten und mit größter Geschwindigkeit zu transportieren ist und außerdem in jedem Lande, das diese Goldwährung hat; in Geld, d. h. Zahlungsmittel des betreffenden Landes umzuwandeln ist. Dieser Ausgleich, der das wesentliche Merkmal der international verbundenen Goldwährung darstellt, ist nicht nur durch zollpolitische Maßnahmen im internationalen Warenverkehr gestört, sondern auch durch eine übermäßige Kreditgewährung — Ausdehnung des Notenumlaufs — untergraben worden. Dazu kommt die in der Goldwährung seit 1922 eingebaute Deckung der Noten auch durch Devisen, was in der Praxis nichts anderes bedeutet, als daß auf den I Kredit, den das devisenbesihende Land dem devisenschuldnerischen Land gewährt, jeweilig e i n neuer inländischer Notenkredit auf
Gießener Stadttheaier.
Max Alsberg und Otto Ernst Hesse: „Vot unten uchung."
Cs wäre falsch, dieses Schauspiel in fünf Akten, welches von einem sehr bekannten Strafverteidiger und einem (nicht ganz so bekannten) Schriftsteller verfaßt wurde, einfach als ein Kriminalstück im primitiven Sinne aufzufassen und es etwa in eine Linie zu stellen mit den zahlreichen „Fällen", die das Zeittheater in den letzten Jahren aufgegriffen hat, und von denen einige auch bei uns gezeigt wurden. Obwohl nicht zu bestreiten ist, daß es mit diesen vieles gemeinsam hat.
Der Unterschied: jene Stücke („Der Hexer", „Der dreizehnte Stuhl" u. a.) waren aus mehr oder weniger äußeren, theatralischen, wenn man will: sensationellen Gründen geschrieben — um Spannung zu erzeugen und eine fesselnde Abendunterhaltung zu schaffen.
An Spannung fehlt es zwar dem neuen Stück von Alsberg und Hesse (Uraufführung Berlin 1930) keineswegs, .., aber es ist den Autoren zuzubilligen, daß es ihnen hier nicht auf die Spannung allein anf n. Sondern auf ein gegenwärtig besonders attuelles Problem und auf eine — wenn auch immerhin vorsichtig formulierte — Tendenz. (Dgl. baä Begleitwort Alsbergs im Programmheft zur hiesigen Aufführung.)
Man wird sich darüber klar sein müssen, daß dieses Problem (und andere, ähnliche, die in jüngster Zeit immer wieder diskutiert worden sind) auf der Dühne nicht zu lösen ist. In Der- lin nicht und bei uns schon gar nicht. Vielleicht gibt es da überhaupt keine Lösung, sondern bestenfalls ein Kompromiß. Aber auf die Lösung kam es in diesem Fall auch nicht an, sondern es handelte sich darum, auf Gegebenheiten innerhalb unserer staatlichen Lebensgemeinschaft hinzuweisen, die doch Wohl bisher nicht so allgemein bekannt waren, wie es wünschenswert erschiene.
Als problematisch in ihrer heute geübten, praktischen Form werden empfunden die Bestandteile einer Strafverhandlung, die dem Laien unter der Bezeichnung „Voruntersuchung" und „Indizienbeweis" wenigstens einigermaßen geläufig sind. Daß der eine der beiden Autoren Strafverteidiger ist und also im Verfahren auf der Seite des Angeklagten stehen würde, gibt dem Aufbau der fünf Akte die entscheidende Richtung.
Die Behandlung der Fabel erweist sich als sehr geschickt, nach Möglichkeit objektiv und — über die Theaterwirkung hinaus, die naturnotwendig mit derartigen ..Kriminalfällen" verbunden ist — ernsthaft bemüht, Fehlerquellen aufzuzeigen und die Problematik des Sachverhalts an einem praktischen Beispiel, an einem Fall „aus dem Leben", einer nicht unkomplizierten Mordsache, zu begründen.
Dabei fallen die Autoren nicht mit der Tür ins Haus, sondern verknüpfen die Kernfragen der Handlung, des Falles und seiner kriminellen Untersuchung mit einem anderen, ebenfalls sehr aktuellen Motiv: dem Gegensatz zwischen den Generationen, zwischen Eltern und Kindern.
Außerdem wird aber das Schauspiel auch aus der Sphäre der neuerdings beliebt gewordenen Akten- und Dokumentenstücke herausgehoben, die eine mehr oder minder trockene Reportage auf die Bühne bringen —: dadurch nämlich, daß die ev.gften Angehörigen des (Untersuchungsrichters in den Fall verwickelt sind. (Aus eine verwirrende und für die Bühne zugespihte, aber nach Alsbergs Worten im Prinzip durchaus nicht unmögliche und nicht einmal ungewöhnliche Weise.)
Sodaß also, ähnlich wie im „Prozeß Gregor Kaska", der Untersuchungsrichter die Möglichkeit des Vorkommens von Irrtümern psychologischer und sachlicher Art, von Mängeln und Schwächen im Verfahren selbst erleben und zugeben muß und die angedeutete Problematik gewissermaßen am eigenen Leibe zu spüren bekommt.
•
Auf diese ziemlich allgemeinen Zusammenhänge Im Schauspiel .Voruntersuchung" hinzuweisen, er
scheint uns wesentlicher, als auf den Aufbau und Verlauf der fünf Akte im einzelnen, auf die Entwicklung und schrittweise Entwirrung des Falles in der Verhandlung einzugehen; ganz abgesehen davon, daß späteren Besuchern hiermit viel vom äußeren Eindruck und der bis zuletzt nicht aussehenden Spannung vorweggenommen würde. Man sollte das Stück in diesem Sinne unvorbereitet auf sich wirken lassen. Sich damit auseinanderzusetzen oder wenigstens eine Weile darüber nachzudenken, muß jedem Einzelnen überlassen bleiben; wir finden, daß dies für Juristen und Laien gleichermaßen anregend sein kann.
Daß hinter dem Drama nicht nur ein Rechtspraktiker, sondern auch ein erfahrener Theaterkenner steht, dürfte die geschickte Einfädelung und bühnenmäßige Wirksamkeit dieses Schauspiels, wie auch seine Ausstattung mit einer stattlichen Anzahl ausgezeichneter Rollen hinreichend begründen. Das Stück ist, rein theatralisch gesehen, überaus dankbar und seines Erfolges beinah von vornherein sicher.
Die saubere, auf effektvolle Steigerungen und präzises Zusammenspiel bedachte Inszenierung von Karl Heyser holte alles heraus, was der Text in dieser Hinsicht bietet, ohne auf die nachdrückliche Betonung der problematischen Grundlagen der Fabel zu verzichten.
Aus der Besetzung sind einige junge Kräfte mit besonderer Anerkennung hervorzuheben. Walter Michel, hier zum ersten Male vor einer, ganz persönliches Profil verlangenden Aufgabe, arbeitete die klar empfundene Gestalt des jungen Rechtsstudenken in Ton und Haltung prächtig heraus. Reben ihm Sch eicher, der sich mit verbissenem Temperament in die Figur des Angeklagten hineingelebt hatte. Unö Bruck, der aus der Nebenrolle eines wahrhaft unverschämten Voruntersuchungszeugen ein sehr witzig ausgespieltes Kabinettstückchen machte.
*
Heyser als Landgerichtsrat: kalt, scharf, sehr konzentriert; vielleicht hätten doch die menschlichen Züge dieses Richters etwas mehr hervor- 1 gekehrt werden können. In kleineren Aufgaben
gebaut wird. Da zudem das devisenschuldnerische Land jederzeit damit rechnen muß, daß die Devisen in Gold umgewandelt werden, so hält auch dieses Land selbst wieder — zur Sicherstellung seiner Zahlungsfähigkeit — eine Reserve in Devisen, auf denen sich dann wieder neue Kredite aufbauen können. Nicht zuletzt im Zusammenhang mit dieser Umgestaltung der Goldwährung steht die Entwicklung der kurzfristigen Kredite, die insgesamt — in den wichtigsten Ländern — mehr als 40 Milliarden Mark betragen und jetzt die Schwierigkeiten letzten Endes sowohl in England als auch in Deutschland herbeigeführt haben.
Das Zweite ist: daß aus Grund der internationalen Schuld und Reparationsverpflichtungen eine einseitige und unaufhörliche Drainage des Goldes nach den Gläubigerländern, Frankreich und Amerika eingesetzt und hier eine noch nie dagewesene Anhäufung des gelben Metalls bewirkt hat. Der der eigentlichen Goldwährung innewohnende Drang zum Ausgleich funktioniert nicht mehr, weil diese Zahlungen ein Gegenspiel im Warenverkehr nicht mehr haben (der Gegenwert ist im Kriege vernichtet worden) und außerdem die Gläubigerländer diese Mittel entweder gar nicht oder auch wieder kurzfristig — statt langfristig — ausleihen. Nichts charakterisiert die wirkliche Lage, in der sich die Goldwährung heute befindet, deutlicher als das in England geprägte Wort: welch ein Unsinn liegt darin, das Gold an einer Stelle aus der Erde zu gewinnen, um es an einer anderen Stelle wieder in den Keller zu stecken!
Man sieht: das Gold ist nicht erster Linie und allein schuld an der Entwicklung der Währungen. Diese ist in erster Linie d i e Folge der Umgestaltungen, die sich im internationalen Zahlungs- und Warenverkehr dank einer bestimmten Finanz-, Kredit- und Handelspolitik so ausgebildet haben. Und hier haben allein die Maßnahmen einzusehen, wenn die Krise behoben werden soll. Ebenso verständlich ist es, wenn man unter solchen Umständen versucht, durch besondere Maßnahmen das Funktionieren der Goldwährung sicherzustellen, d. h. sie im Endziel aufrecht zu erhalten: die Stillhaltung der Auslandgläubiger und Devisenregelung in Deutschland, die vorübergehende Außerkraftsetzung der Goldeinlösung in England. Es sind dies alles Stützen der Goldwährung, die stützungsbedürftig geworden ist, weil die alten Grundlagen nicht mehr vorhanden beziehungsweise durchlöchert sind. Sieht man die Dinge so an, dann könnte man sich nur ein Mittel denken, mit dem eine Weltwährung aufzubauen wäre: gemeinsames Handeln aller Notenbanken, wobei dann immer noch die Frage der inländischen Versorgung mit Geld und Kredit offenbliebe. Angesichts der nun einmal eingetretenen Lage wird dieser Weg, der zunächst noch weiter von der echten Goldwährung fortführt, sicherlich beschritten werden müssen. Aber es ist ebenso klar, daß ein Gut, das dis Doppelfunktion des inländischen Zahlungsmittels und des internationalen Austauschmittels besser als das Gold erfüllen könnte, nicht vorhanden ist.
Miiielstandsküchen in Frankfurt.
WSN. Franks urt a. M., 9. Oft. Da die Zahl der Handwerksangehörigen, die öf - feniliche Unterstützung in Anspruch nehmen müssen, ständig wächst, hat sich die Notwendigkeit ergeben, Mittel st andsküchen einzurichten. Cs werden zunächst zwei eingerichtet, die eine im Handwerkerhaus, die andere in Dackenheim.
Daten für Samstag, 10 Oktober.
1825: der Präsident der Südafrikanischen Republik Paul Krüger auf Farm Vaalbank geboren; — 1861: der Nordpolfahrer Fridtjof Nansen auf Store Fröen bei Oslo geboren.
Daten für Sonntag, II Oktober.
1531: der schweizerische Reformator Ulrich Zwingli fällt bei Kappel; — 1616: der Dichter Andreas Gry- phius in Glogau geboren; — 1825: der Dichter Kon- rad Ferdinand Meyer in Zürich geboren.
gleichmäßig sicher und angenehm zu sehen: Hub (Zülke), F a s s o 11 (Verteidiger), (Bold (Kommissar). Sehr fein die hilflos-ängstliche Mutter der Maria Koch; Geiger nahm die Partie des Anatol Scherr allzu umständlich; FräulcinWie- lanöer (Gerda) entsprach wohl nicht ganz dem Typ des jungen Mädchens, der hier gemeint ist.
♦
Der Erfolg war vorauszusehen; anhaltender Beifall. hth.
Oie Guillotine der Marie Antoinette.
Eine furchtbare Erinnerung lebt auf, wenn jetzt die Nachricht eintrifft, daß kürzlich sechs Chinesen enthauptet wurden. Genauer gesagt war der Schau- platz der Hinrichtungen Lila auf den Neuen Hebriden, dem französisch-englischen Condominium. Bei dieser Hinrichtung wurde ein Fallbeil verwandt, an das sich Erinnerungen an eine der unglücklichsten Frauen dieser Erde knüpfen. Marie Antoinette starb durch dieses Instrument. Es ruhte dann viele Jahrzehnte lang in irgendeiner staatlichen Rumpelkammer, bis man es wieder hervorholte, weil in irgendeiner Kolonie ein Fallbeil zur Vollstreckung eines Todesurteils benötigt wurde. Man wollte sich keine Kosten machen und holte dieses Todesinstrument heraus, staubte es ab und versandte es über das Meer zu neuer blutiger Arbeit. Seit dieser Zeit ist die Guillotine in der ganzen Welt umhergewandert und hat allenthalben, wo der Scharfrichter auf Reisen angefordert wurde, seine Aufgabe erfüllt. Daß es sich um die Mordmafchine handelte, die Marie Antoinette vom Leben zum Tode brachte, erfuhr man übrigens erst viel später. Der staatliche Verwalter hatte nicht darauf geachtet, daß er eine Antiquität herausgegeben hatte. Seit den letzten Monaten sind von amerikanischer Seite zahllose Angebote gemacht worden, da Sammler die Maschine erwerben wollen. Die Offerten sind abgelehnt wor- den, weil es sich um eine heute noch offiziell in Gebrauch befindliche Exekutionsmaschine handelt. Immerhin soll sie jetzt nach ihrer blutigen Arbeit auf Auckland aus dem Dienst gezogen und nach Paris zurückgebracht werden, wo man sie in einem Museum unterzubringen gedenkt.


