Ur. 159 Erstes Blatt
181. Jahrgang
Freitag, 10. Zuli 1931
(8r|d)ct*t lü glich, au tzei Bonntag» nnb fteiertag* Beilagen:
Die OHeftnerte
Sletzener Jamditnbläna he,mal m> Bild
Die Scholle
eawatsBeiugspre«:
2.20 Reichsmark und 30 Reichspfenmg für Trüge» lohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt.
Zerafprechanlchlüsfe «nterSammelnummer'2251 Snldjrifl für Drahtnachrichten awjelget (Sieben.
PotW<ftonto: ((Tarflun am Main 11686.
GietzmerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Dmd und Verlag: vrühl'sche Uutverfitüt§-Vuch' und Stetnöraderet L Lange in Sietzen. Schnstleitnng und Seschäftzftelle: Schulftratze Z.
Annahme von Anzeigen für die Tage»nummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Neichspfennig; für Re- klameanzeigen von 70 mne Breite 35 Reichspfennig, Platzoorfchrift 20*, mehr.
Lhefredakteun
Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.IHyriot; für den übrigen leil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Englische Blätter fordern politische Kompensationen.
Deutschland soll als Gegenleistung für das Hoovermoratorium Schiffsneubauten und Zollunion hinausschieben.
Überhörte Zumutungen.
Die deutschen Panzerschiffe stören die europäische Atmosphäre.
London. 9. Juli.' (XU.) Offensichtlich auf den Einfluß höherer Stellen hin. fordert heule die englische presse von Deutschland als Gegenleistung für die Hilfe, die cs durch hoooermoratorium erhalte, von sich aus freiwillig z u r Verbesserung der europäischen Atmosphäre bci- zutragen. Deutschland soll, wie die „Times" und der der Regierung besonders nahestehende „Daily herald übereinstimmend sagen, von sich aus erklären, daß cs die Arbeiten an dem neuen Panzerschiff „Ersah Llfah-Lothringen- wah- rend des hoovermoratoriums und die österreichisch.deutsche Zolloereinigung bis auf weiteres verschieben will.
„Times- fragt, würde es zuviel sein, wenn man von Deutschland im Hinblick auf die ihm gemachten .Zugeständnisse erwartet, daß es von sich aus zur europäischen Zusammenarbeit beitrage? Die Zusage des Kanzlers, das ersparte Geld nichl für Rüstungen verwenden zu wollen, bedeute doch eigentlich nichl sehr viel, sh wenn Deutschland wirklich dazu neige, zur Konsolidierung Europas beizutragen, so habe es seht eine Gelegenheit. „Times" weist daraus hin. daß troh der Schwäche der deut- schen Flotte bedauerlicherweise andere Staaten zum Bau von grofjen Panzerschiffen hätten übergeben müssen. Die Tatsache bleibe bestehen, daß die Ge- fahr eines J I o 11 c n ro e 11 b e ro e r b s z wischen Deutschland und Frankreich vor- t jr? n sei, wenn von Deutschland der Bau der ihm im Versailler Vertrag erlaubten Schiffe f o r t g e - fehl werde. Selbst wenn das deutsche Volk es i i il als wünschenswert betrachten sollte, den Bau t Schisse aufzugeben, so würde doch die Bereitwilligkeit. den Bau während der Zeit, in der andere Rationen zur deutschen Wohlfahrt beitrügen, ein- zustellen, ein willkommener 21 k t der Höflichkeit sein, der ohne Zweifel die Räder des europäischen Wiederaufbaues ölen würde.
Gleichzeitig würde, so sagt die „Times- weiter, ein zeitweiliges 21 u s g e h e n des planes der w i r t- schasttlchen Angleichung Oesterreichs an Deutschland die beste Wirkung haben, da der beabsichtigte Anschluß in einigen Ländern ernst- sich als ein Schritt betrachtet werde, der den L u - ropaplan Briands flöte. Die wirtschaftliche Hilfe für Deutschland käme seht außerdem in einem Ausmaß, an das Deutschland gar nicht gedacht habe, als cs den Anschluß als httfsmah- nahme plante. Durch ein einfaches Aufschieben könne Deutschland zeigen, daß es bereit sei. seinerseits alles zu tun, um eine europäische Familie von Rationen zu schassen, deren Glieder bereit seien, sich in Zetten der Rot gegenseitig zu Helsen.
In ähnlickzen schmeichelnden Worten bemüht sich auch der „Daily herald-, das Blatt der Arbeiterpartei. Deutschland kiarzumachen, daß ein Einstellen des Baues des Panzerschiffes und ein Ausgeben des Zollunlonsplanes im Interesse Deutschlands liege. Der liberale „Manchester Guardian- empfiehlt Deutschland die Einlegung eines Flotten- selerjahres, eine Geste, die in Amerika willkommen geheißen, in Frankreich anerkannt würde, die das französische Schisfbauprogramm beeinflussen und die französisch-italienische Reibung vielleicht verringern könnte.
Verstimmung in Berlin.
Gegen Verquickung von Politischen und wirtschaftlichen Fragen.
Berlin. 9.3uli. (SOICB.) Die Artikel der „Times", des ..Daily Herald" und des „Manchester Guardian", in denen Deutschland aufge- fvrdert wird, eine entgegenkommende Geste zu unternehmen und zur Konsolidierung Europas dadurch beiautragen. daß es auf den Weiterbau der ..Ersatz Lothringen" verzichte, haben i n B e t- li n Verstimmung hervorgerufen, wenn man sich auch darüber klar ist. daß es sich bei den Ausführungen dieser Blätter um keine offiziellen Anregungen handelt. Man muß darauf Hinweisen. daß die Erklärung. Deutschland solle zur Konsolidierung Europas beitragen, insofern ganz abwegig ist. als Deutschland ja nicht durch eigene Schuld in die Krise hineingeraten ist. sondern daß den größten Teil der Verantwortung dafür die anderen Mächte tragen, die durch unvernünftige Verträge und unversöhnliche Haltung Deutschland. Europa und die ganze Welt in eine solche Lage gebracht haben. Man muh weiter das geradezu absurde Verhältnis zwischen den Flotten der alliierten Mächte und derjenigen Deutschlands unterstreichen, dem der Versailler Vertrag nur ganz unzulängliche, überalterte Schisse gelassen hat. ^eberdies würde die Einstellung des Baues des Panzerschiffes, der sich über mehrere Fahre erstreckt, zu den schwer
wiegendsten wirtschaftlichen Folgen führen. Gegenüber der weiteren Forderung der englischen Blätter. Deutschland solle doch in der Frage der Zollunion mit Oesterreich nachgeben, kann man nur auf die demnächst stattfindenden Ver-Handlungen vor dem Haager Gerichtshof verweisen. Diese An-
R om. 9. Juli. (XH.) Der amerikanische Staatssekretär des Aeußeren S t i m s o n ist zu einem inoffiziellen Besuch der italienischen Regierung in Rom eingetroffen und von Mussolini empfangen worden. Rach dem Besuche Stimsons hat Mussolini den amerikanischen Journalisten erklärt, daß die Reise Stimsons, wenn ihr auch kein amtlicher Charakter zukomme, von großer Bedeutung sei: denn es handele sich immerhin um den Außenminister der größten Republik der Welt. Mussolini kennzeichnete Stimson als einen sehr umsichtigen Staatsmann, der ihm gegenüber einen sehr wichtigen, auch von ihm geteilten Gedanken ausgesprochen habe, nämlich den, daß, wenn Europa ruhig bleibe, man einem sicheren wirtschaftlichen Aufschwung cntgcgcnge^e. „Italien wird", so erklärte Mussolini, .voll und ganz der Initiative des Präsidenten Hoover sekundieren, einer Initiative, die ich als eine der größten politischen Ereignisse der Rachkriegszeit ansehe. Italien wird zu der bevorstehenden 21 b - rüstungskonferenz mit größter Loyalität und Aufrichtigkeit gehen. Dies ist voll und ganz von Herrn Stimson verstanden worden."
Auf die Frage eines Journalisten, ob Italien besondere Abrüstungsformeln habe, ertlärtc Mussolini:
„Italien Ist bereit, die geringste Rüstungszisfer anzunehmen, auch 10 000 Gewehre für ganz Italien, vorausgesetzt, daß keine andere Ration
London, 9. Juli. (TU.) Der Besuch des I Reichsbankpräsidenten Dr. Lu her in London hat | nur 1 3/, Stunden gedauert. Er traf um 13.15 Ahr auf dem Flugplatz in Croydon ein, wo er von einem Vertreter der deutschen Botschaft empfangen wurde, und begab sich sofort im Automobil auf die deutsche Botschaft. Tort frühstückte er mit dem Botschafter und wurde bei dieser Gelegenheit über die Lage, wie sie sich vom Londoner Gesichtspunkt aus ansieht, unterrichtet. Obwohl sein fahrplanmäßiger Zug nach Paris erst um 16 Uhr von London abfuhr, benutzte er doch den gegen 15 Llhr nach Basel abgehenden Zug, um mit dem Gouverneur der Bank von England, Montague Rorman. zusammenzutreffen. Die Herren fuhren zusammen bis nach Folkestone, waren also rund V Stunde zusammen. Während Montague Rorman seine Reise fortsetzte, um sich nach Basel zur Sitzung des Direktoriums der BIZ. zu begeben, reifte Dr. Luther auf dem Kanalschiff nach Paris weiter.
lieber den Inhalt der Unterredung mit Montague Rorman ist nichts authentisches bekannt geworden. Gerüchtweise verlautet, daß die englischen Privatbanken ihre Bereitwilligkeit zum Ausdruck gebracht haben, an der Gewährung eines Rediskontes weitgehend teilzunehmen. unter der Bedingung, daß die Dank von England die Führung in dem zu diesem Dehufe zu gründenden Konsortium übernimmt. In Börsenkreisen ist man geneigt, die Bemühungen Dr. Luthers als ein Haussemoment anzusehen. Geht doch daraus ebenso wie aus der Ausfallbürgschaft der deutschen Industrie erneut das ernste Bestreben des Reichs hervor, die Finanzen unter allen Umständen au f eine gesunde Basis zu stellen. Die Börse, die in den Vormittagsstunden eine schwächere Tendenz gezeigt hatte, reagierte auf die Rachricht von Dr. Luthers Besuch durch ein leichtes Anziehen der Kurse. Allerdings verhinderte die noch immer herrschende Unsicherheit das 2lufkommen eines größeren Kaufinterestes. Auch in der Abendpreste ist der Besuch Dr. Luthers das Hauptereignis des Tages.
Luthers pariser Besprechungen.
Paris, 10. Juli. (WTB. Funkspruch) Reichs-, bankpräsident Dr. Luther wurde bei seiner Ankunft in Paris vorn Leiter der Wirlschaftsabtei- lung, der deutschen Botschaft, Gesamd^chaftsrat Döhle, und dem Leiter der Wirtschastsabteilung der Bank von Frankreich, Lucvur - Gouyet empfangen. Dr. Lucher ist in der deutschen Botschaft abgestiegen. Er hat Journalisten erklärt.
beutung der ..Times" hinsichtlich der Zollunion erregt in Berlin um so größere Verwunderung, als erst gestern der „Daily Telegraph" erklärt hat. daß die englische Regierung nicht beabsichtige, politische Fragen mit den rein wirtschaftlichen und finanziel- len Erörterungen £u verquicken.
mehr hat. Sonst würde es auf die Verteidigung mit einem Spazierslock gegen eine Pistole hinauskommen. Italien ist in dieser feiner loyalen Friedenspolitik von der Ueberzeugung geleitet, daß zur Lösung der Wirtschaftskrise die Lösung der politischen und moralischen Krise erforderlich Ist. Ls ist Zelt, daß man für ihre Lösung sorgt, weil sie schon zu lange Zett dauert. Lin (Erfolg der Abrüstungskonferenz ist unumgänglich notwendig, damit die Völker vertrauen zu ihren Regierungen haben können. Die Völker dürfen nicht enttäuscht werden. Das Datum der Abrüstungskonferenz darf nicht verschoben werden.
Auf alle Fälle wird keinerlei Vorschlag in diesem Sinne von Italien ausgehen, das an dem aus den 2. Februar 1932 festgesetzten Datum festhält. Ich drücke meinen Optimismus über die wirtschaftliche Erholung in den nächsten Jahren aus. besonders, wenn die Abrüstungskonferenz Erfolg haben wird. Dieser Erfolg wird den Horizont, wieder aufklären, der aber dunkel bleiben wird, wenn die Konferenz zu keinem Ergebnis führen wird. Die Welt muß ihren Weg wählen. Wir stimmen mit Herrn Stimson überein in der Wahl des Friedensweges." Wie verlautet, hat Musso- lini im übrigen bei dem Hinweis auf die Folgen eines negativen Ausganges der Abrüstungskonferenz sehr eindringlich auf die kommu - nistischeGefahr hingewiefen, bx sich daraus ergeben würde.
er werde heute eine Unterredung mit dem Gouverneurder Dank von Frankreich haben. Rach „Petit Journal" wird er auch eine Besprechung mit Finanzmini st er 5 I a n b in haben, und man darf annehmen, daß er im Laufe des heutigen Tages auch mit dem ehemaligen Gouverneur der Dank von Frankreich. Moreau, und anderen führenden Finanzleuten Fühlung nehmen wird.
Erste Wirkung des Zeierjahrs.
Tas Reich verzichtet auf Verlängerung des LchatzanweifungStreditcs.
Berlin, 9. Juli. (TU.) Amtlich wird mit- geteilt: „Dos Reichsfinanzministerium hatte kürzlich durch die Reichsbank mit einer inländischen Bankengruppe einen Schahanweisungskredit abgeschlossen, der bis zu 250 Millionen betragen sollte, aber nur mit 184 Millionen Reichsmark in Anspruch genommen worden ist. Die Fälligkeit dieses Betrages war für den 16. Juli vorgesehen mit einem prolongationsrecht zugunsten des Reichs. Auf Grund der durch den hoover-plan einlretenben Ersparnisse und entsprechend der von der Reichsregierung abgegebenen Erklärung, diese Ersparnisse zur Verminderung der^ schwebenden Schulden zu benutzen, hat das Reichsfinanzminl- sterium sich entschlossen, von dem Prolongationsrecht keinen Gebrauch zu machen. Demnach wird der Betrag von 184 Millionen Reichsmark am 16. Juli dem Geldmärkte wieder zugeleitet."
In unterrichteten Kreisen sieht man in dieser Maßnahme der Reichsregierung einen Deweis des vollen 2krtrauend in die Hoover-Aktion, da man überzeugt ist, daß die im Feierjahr auf» gesparten Deträge vollauf ausreichen werden, um die voraussichtlichen Fehlbeträge im Reichshaushalt und in den anderen Haushalten auszugleichen. Die gegenwärtig schwebenden Verhandlungen über einen großen Ausland- kredit sind also nicht etwa zur Abgleichung der Haushalte gedacht, sondern sie haben, ähnlich wie die Ausfallsbürgschaft der großen inländischen Wirtschaftsunternehmungen, den Zweck, das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft und Dankwelt zu stärken, eingefrorene Kre- dite wieder flott zu machen, die Wirtschaft wieder zu beleben und dem Abfluß der Devisen endgültig Einhalt zu tun.
Italien sekundiert der Hoover-Aktion.
Oer Besuch Stimsons in Kom. - Mussolini bezeichnet den Erfolg der Abrüstungskonferenz als notwendige Voraussetzung für eine wirtschaftliche Gesundung Europas.
Der Aeichsbalikpräsidenl in London und Paris.
Or. Luther konferiert mit Montague Norman. — Weiterreise nach Paris.
Spanien vor Zusammentritt der Nationalversammlung.
Don unserem v. Qss.-Berichterstatter. (Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Madrid. Juli 1931.
In zehn Tagen soll die Ratio nalver- s a m m l u n g im alten LorteSgebäude in Madrid zusammen treten und noch immer liegt das offizielle Wahlergebnis nicht vor. Diese Schwierigkeiten haben zur weiteren Folge, daß die ursprünglich auf den 5. Juli festgesetzten Rach- w ah len erst am 12. stattfinden können. Es ist also nicht ausgeschlossen, daß die letzten Abgeordneten erst in zwölfter Stunde namhaft gemacht werden können.
Troy allem aber läßt sich heute schon ein ungefähres Bild über die wahrscheinliche Zusammensetzung der Rationalversammlung geben. Fest steht, daß die Sozialdemokratie alS die stärkste und die Radikalen Republikaner des Außenministers Lerrour alS die zweitstärkste Partei in die Cortes einziehen werden. Ihnen folgen die rechtsliberalen Republikaner des Ministerpräsidenten und diesen mit größerem Abstand die Katalanische Linke des Obersten Macia, der sich heute schon für den Ches der Republik Katalonien hält: die Radikalen Sozialisten des UnterrichtSministerS Marcelino Domingo und die Accion Repu- b l i c a n a, deren Chef der Kriegsminister Azana ist. folgen. Diesen republikanischen Parteien, die zusammen über ungefähr vierhundert Abgeordnetensitze verfügen werden, steht die sogenannte „Recht c“ mit etwa siebzig Abgeordneten als kampfunfähige Minderheit gegenüber. Sie seht sich zusammen auS der Accion Racional, die Nerikale Interessen verteidigt, auS Agrariern. Jaimisten, den Rachkommen jener famosen Karlisten der neunzehnten Jahrhunderts: auS baskischen Autonomisten, vereinzelten Monarchisten und politisch Unabhängigen.
Es muß jetzt schon daraus hingewiefen werden, daß es falsch wäre, dieses Bild als den Riederschlag der wirklichen politischen Meinung deS spanischen Volkes anzusehen. Die Berechtigung dieser Behauptung erhellt auS der Tatsache, daß die Regierung sich zwar einer direkten Beeinflussung der Wahlen enthalten hat. aber erst nachdem sie in der Wahlvorbereitungsperiode alles getan hatte, was in ihren Kräften stand, um eine positive monarchistische und katholische Propaganda zu verhindern, sowie ferner aus den Ziffern über die Wahlbeteiligung. Diese war wesentlich geringer als bei den denkwürdigen Gemeindewahlen vom April, man, schätzt sie auf nur 55 Prozent. Rachdern nun seststeht. daß von den republikanischen Gruppen so ziemlich alles zu den Wahlen gegangen ist, gehen die Wahlenthaltungen auf das Konto der mit dem Regime unzufriedenen Kreise, die also fast die Hälfte aller wahlberechtigten Spanier darstellen. Wenn dieser Teil des Volkes zunächst auch der Weiterentwicklung apathisch gegenüber steht, so ist er immerhin eine Kraft, die im geeigneten Moment mobilisiert werden kann, wenn sie den richtigen Führer findet. Diesen Volksteil nicht vor den Kopf zu stoßen, sondern zu versuchen, ihn auf die Seite der Republik zu ziehen, ist das Programm des Führers der Radikalen Republikaner. L e r r o u x, der sich mit seinen fast konservativ zu nennenden Wahlreden die Sympathien weiter Kreise errungen hat.
D i e Ueberrafchung des WahlsonntagS aber ist das Ergebnis in Katalonien. daS eine erdrückende Mehrheit der katalanischen äußersten Linkendes als Separatistensührers bekannten sanatifchen Obersten Macia ergab. Durch dieses Resultat wird die aufbauende Arbeit der Ratio- nalversammlung außerordentlich erschwert werden. Schon heute steht fest, daß die katalanischen Abgeordneten gegen jenen Teil des Dersassungs- entwurfs. der die Möglichkeit autonomer Zusammenschlüsse verschiedener Provinzen regelt und zuläht. auf das schärfste Einspruch erheben werden. da er den katalanischen Selbständigkeits- Wünschen nicht genügend entgegenkommt. Die Barcelonaer Presse spricht in diesen Tagen säst täglich von der unumstößlichen Rotwendigkeit einer Föderativrepublik, die die einzige Form darstelle, welche Katalonidn akzeptieren könne, und Macia selbst erklärte, nicht in die Rationalversammlung nach Madrid gehen zu wollen. weil er a l s „Staatschef" im Lande unentbehrlich sei.
Abgesehen aber von diesen Schwierigkeiten, deren Beseitigung der Rationalversammlung viel Kopszerbrechen verursachen wird, hat dieser Wahl- ersolg der katalanischen Linken noch einen anderen Haken, der auf sozialem Gebiet liegt Wie bekannt. sind die anarchosyndikalistischen Arbeiterorganisationen in Spanien die erbittertsten Feinde der Sozialdemokratie, und sie herrschen in Katalonien sowohl wie in einem Teil Rordspaniens und Andalusiens vor. Ihr Programm, das als einzige Autorität das Syndikat anerkennt und letzten Endes die Zertrümmerung des Staates verfolgt, verbietet ihnen, an den Wahlen teilzunehmen, was sie aber nicht hinderte, ihren Anhängern Anweisung zu geben, privat für bestimmte Parteien zu stimmen. Diese Parteien aber waren anläßlich der hier kommentierten Wahlen zur Ratio- nalversammlung in Katalonien die katalanische Linke und im übrigen Spanien die Radikalen Sozialisten. Mit anderen Worten: in der Rationalpersammlung werden über achtzig De - pu tier te sitzen, die ihren Wahlerfolg auS-


