Reise im Burgenland
Don Dr. Stephan Kekule von Stradonih.
Das Burgenland, heute unter diesem Namen ein selbständiger Gliedstaat, ein Bundesland des Bun- desfreistaates Oesterreich, ist ein Ergebnis des Weltkrieges und ein Stück des früheren, ehemals „Westungarn" genannten Gebietes. Dieses Westungarn, wie schon sein Name besagt, ein Teil des König- reichs Ungarn, ist durch den Vertrag von St. Germain und die, von Oesterreich nicht anerkannte, Volksabstimmung vom 14. Dezember 1921 in drei Teile zerstückelt worden. Oedenbura, Wieselburg und E i s e n b u r g blieben bei Ungarn, d. h. eigentlich: kamen an es zurück; Preßburg, die ehemalige Königl. Ungarische Freistadt und uralte Krönunasstadt der Köniae von Ungarn, kam an die Tschechoslowakei, der Rest an Oesterreich, so daß also die vier „Burg -Städte, nach denen das Gebiet den Namen hatte, jetzt gar nicht mehr dazu gehören. Dieses nunmehr österreichische Burgenland • liegt südlich von Wien, zwischen Steiermark.und Ungarn eingekeilt, in seinem nördlichen Teile: zwischen Wiener-Neustadt und dem berühmten, flachen, salzhaltigen „Neusiedler See", und hat gegen 300 000 Ein- roohner. Weitaus der überwiegende Teil der Einwohnerschaft ist katholisch. Die Hauptstadt des Landes, in der der Landeshauvtmann und der Landtag ihren Sitz haben, ist Eisenstadt, ein winziges Städtchen von jetzt knapp über fünftausend Einwohnern.
Hieran, an der Begrenzung des Landes überhaupt und an der vorbeschriebenen „Zerstückelungtann man die Hinterlist erkennen, mit der, auch in dem Vertrage von St. Germain, die Grenzziehungen vorgenommen worden sind. Im vorliegenden Falle galt es nicht nur, ein ohnmächtiges Gebilde herzustellen, sondern auch zwischen Oesterreich und Ungarn gewissermaßen einen Zankapfel zu schaffen,
normalen Durchschnittsstandard der Nation beläuft stch der jährliche Fehlbetrag zur Selbsterhaltung auf etwa 8 bis höchstens 10 Prozent der genannten Summe. Woraus klar hervorgeht, daß einezehn- prozentigc Produktionssteigeruna das Land in die glückliche Lage versetzt, sich selbst ernähren au können! Die Voraussetzung zur Erreichung dieser tatsächlich minimalen Produktion»- erhöhung ist nun in dem Augenblick gegeben, in dem die Staatsverwaltung vereinfacht und der Apparat auf ein Minimum reduziert wird. Ties scheint der Dille der ungarischen Nation zu sein. Weder ein Bündnis mit Frankreich, noch eine Abkehr von der nationalkonservaiioen Generallinie der Slaatsführung! Der Ungar ist weder „frankophil" noch „demokratisch" eingestellt und hat den einziaen Wunsch, im Zeichen eines entschiedenen Nationalismus aus eigener Kraft vorwärtszukommen, in der richtigen Erkenntnis, daß nur eine planmäßige Gegenwartspolitik eine Brücke zur besseren Zukunft bauen kann.
Führt der neue Mann, Graf Karolyi, seine in Angriff genommenen Sparmaßnahmen konse- quent durch, werden die Magyaren wieder Vertrauen fassen zu ihren Führern Die Krise wird abflauen und das Liebäugeln mit Frankreich auf der einen, und mit dem Linkskurs auf der anderen Seite muß automatisch aufhören. Nur dann kann Ungarn genesen und dann wird auch ein starker Nationalstaat im Südosten jederzeit gern bereit [ein, mit einem national erstarkenden Mitteleuropa zusam- rnenzugehen. Dazu gehört allerdings aus deutschem Gesichtspunkte heraus zuförderlt eine vernünftige Behandlung der unter ungarischer Oberherrschaft verbliebenen deutschen Minderheit im Magyarenlande. Wenn schon Bethlen in der westungarischen Frage unrichtig gehandelt und eine,Zwang»- magyarisierung", wenn auch nicht gefördert, so doch zumindest stillschweigend geduldet hatte, so muh sein Nachfolger auch diese „Fehlgriffe" schleunigst reparieren.
Reibungsflächen künstlich herzustellen. die beide Staatswesen mindestens ständig einander zu entfremden getaner fein sollten.
Vier Fünftel der Einwohnerschaft de» Burgen- landes sind deutsch, der Rest hauptsächlich kroatisch, aber auch magyarisch und jüdisch.
Den Reichsdeutschen, der in da» Land kommt, berührt es ganz eigenartig, wenn er darauf aufmerksam gemacht wird (im Gedächtnis haben kann man ja derartiges nicht!), daß die großen Tonsetzer: Joseph Haydn und Franz ß 1 fgt, der Geiger- könia Josef Joachim, der Meisterschauspieler Josef Kainz und der einst weltberühmte Wiener Anatomieprofessor Josef Hyrtl aus dem Durgenlande gebürtig gewesen sind, so daß also auch die verstorbene Frau Cosima Wagner von der Seite ihres Vaters Franz Liszt her burgenländisches Blut in den Adern hatte. Haydn war aus Rohrau, Hyrtl aus Eisenstadt, Joachim aus Kittsee bei Preßburg, Kainz aus Wieselburg und Liszt aus Raidtng bei Debenburg.
Wer von Norden, etwa von Wien her kommend, in das Burgenland einreist, ist überrascht, wie mit dem Ueberschreiten der Grenze, d. h. eigentlich des Flüßchens Leitha (man denke an den bekannten Ausdruck: „Transleithanien"!) sich der Anblick der bäuerlichen Dorssiedlungen ändert. In Niederöster- reich, also in „Cisleithanien" breite, behäbige Bauernhäuser mit stattlichen Höfen und Ställen; im Burgenlande meist nur zwei Fenster breite Häuschen, deren Giebelseite die Straßenfront bildet, da- neben die Torfahrt, die in den bescheidenen Hof und Au den unansehnlichen Ställen führt. Dabei ist die Anordnung meift so, daß immer das eine Häuschen die Torfahrt links, das andere rechts hat, ober um-
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Budapest, November 1931.
Die am 4. Juni 1920 in Trianon erfolgte Zerstückelung Ungarns, durch die das Land wichtiger und ertragreicher Naturschätze beraubt worden ist, mußte zwangsläufig zu einer Wirt- Ichaftskatastrophe führen. Zweifelsohne lätte zu einer gesunden Entwicklung dieses südöst- ichen Agrarstaates von außen her die Erfüllung, vorerst zumindest Teilerfüllung der rnagnarifchcn Reolstonswünsche gehört. Ungarischerseits hingegen weitest gehende Sparsamkeit auf allen Gebieten und nicht nur Reoisionskampf, sondern eine reale Wirtschaftspolitik.
Unter dem Grafen Bethlen konzentrierten sich die magyarischen Bestrebungen darauf, vor aller Welt großaufgemachte zu demonstrieren, daß Ungarn zur Zeit nicht den Platz unter der Sonne ein- nehme, der ihm gebührt. Um diese bedauerliche Tatsache vor Augen zu führen hat sich aber Ungarn nach jeder Richtung hm sozusagen übernommen. Man bereitete eine bessere Zukunft vor, ohne hierbei den Erfordernissen der Gegenwart Rechnung Au tragen. Weder der Beamtenapparat, noch die übernommenen Repräsentationspflichten entsprachen der wirklichen Lage des Rumpfstaates. Wohl hat Graf Bethlen das taktische Kunststück fertiagebracht. die Klippen nach außen hin au umschiffen, ohne jedoch feinen weitgestreckten Zielen auch nur um einen Schritt näherzukommen.
Innenpolitisch Höste eine planmäßige, im Rahmen der heutigen Grenzen rationalisierende Wirtschaft»- Politik die richtige Basis schaffen sollen zur Betraf- tigung der stets betonten Tatsache, daß sich in Ungarn nur ein nationalkonseroatioes Regiment auf die Dauer halten kann. Diese Grundlage fehlt heute völlig, und so führen gewisse Kreise den trotz aller Beschönigung offen ^gegebenen Wirtschaftszusammenbruch nicht auf die Fehler der früheren Dethlen-Regierung, sondern irrtüm- licherweise auf da» nationalkonseroative System als solche» zurück. So schiebt man denn dem Grafen Bethlen auch die Schuld für die jetzt zu beobachtende verhängnisvolle Abkehr weiter Kreise von der nationalkonservatioen Idee zu. Die Bevölkerung wankt in ihrem Glauben an die nationalen Führer und man liebäugelt wieder einmal mit der sog. „westlichen Demokratie", der Ungarn den Oktoberumsturz 1918 und die daraus folgende Kommunisten- Herrschaft verdanktel
Gleichzeitig mit dieser Strömung setzt unter dem Druck der hundertprozentigen außenpolitischen Jlo- lierung ein politischer Kurswechsel in Richtung auf Frankreich ein. Das Agrarland im Sudosten Europas steht im Begriff, das bisher so fest gehaltene Steuer seines Staatsschiffes sich aus der Hand gleiten zu lassen.
Die Gegenwartsfragen (Stillhaltung ausländischer Kredite, Budgetsanierung und Sicherung der wankenden Währung) sind wohl von großer Bedeutung, keineswegs aber von ausschlaggebender Tragweite bezüglich der Zukunftentwicklung. Weder die Sanierung des Staatshaushaltes noch die Sicherung der Wahrung vermag sich lediglich auf Auslandan- leihen zu stützen. Bekanntlich bringt eine übermäßige Verschuldung des Staates das betreffende Land nur sehr schnell In ein nicht erwünschtes Abhängigkeit»- Verhältnis zu seinen Geldgebern, ohne seiner Wirt- schäft endgültig wieder in den Sattel au Helsen. 2)ie Franzosen wollen den magyarischen Agrarstaat offensichtlich gegen das Deutsche Reich ausspielen und eine 21 r t „D o n a u f ö ö e r a t i o n" ins Leben rufen, die sich ohne deutsche Mitarbeit AU- guterletzt nur gegen Deutschland richten würde. Ungarn wäre damit für alle Zukunft Frankreich ausgeliefert.
Ganz abgesehen davon, daß an der gerade für Unggrn untragbaren und wirtschaftlich unmöglichen
Lage im Südosten in allererster Linie Frankreich die Schuld trägt, abgesehen auch davon, daß sich die Magyaren rein gefühlsmäßig zu Deutschland hin- gezogen fühlen und nicht etwa zu den mit Frankreich verbündeten Nachfolgestaaten, könnte nämlich die von Frankreich geplante Föderation gerade für Ungarn niemals nennenswerte Vorteile bringen. An einen Zusammenschluß unter ungarischer Führung denkt Frankreich kaum, und für Wirtschaftskonzessionen untergeordneten Ranges würde Ungarn feine staatliche Souveränität nie und nimmer aufs Spiel sehen. Sobald Ungarn zur einzig richtigen Erkenntnis gelangt, daß es s i ch selbst la n i e • r e n muß, wird es auch einsehen, daß ein Bündnis Ungarn-Frankreich nicht in Frage kommt. Die deutsch-ungarische kulturelle Verbundenheit einerseits und anderseits die gegebene Grundlage für eine oeutsch ungariskye wirtschaftlich-industrielle Zusammenarbeit (der Industriestaat im Zentrum und der Agrarstaat im Südosten Europas) sollten die ungarische Regierung davon abhalten, Verpflichtungen einzugehen, die weder seiner Gegenwart noch seiner Zukunft dienlich wären, sondern im Bestfalle vorübergehende Erleichterungen bringen würden.
Um einer zweiten Vergewaltigung Ungarns durch Frankreich vorzubeugen, muß ein Weg gefunden werden, auf dem dieser Aararstacst in die Lage versetzt wird, eine, wenn auch noch so bescheidene Eri- stenz aus eigener Kraft, ohne ausländische Hilfeleistung fristen zu können, bis sich später einmal auch entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Der „modus procedendi" ist einfacher als man cs glaubte. Bei einer aufs strengste rationell- fierten Bewirtschaftung wirst Ungarns Landwirt- chaft jährlich 2,5 Milliarden Pengö ab. Bei einem
Ungarn am Scheideweg
Von unserem X.-Berichterstaster.
Wenn Menschen anseinandeegehn
Vornan von J. Schneider»Zoersl1.
vrheberrechtsschutz Verlag O. Meister, Werdau.
33. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Degen Mitternacht weckte Dr. Döhle den Forscher aus dem unruhigen Schlummer, in den er gefallen war.
„Szengeryi, ich leide an Wahnvorstellungen."
Sin jäher Schrecken lieh den Forscher empor- fahren. „Du weiht, in welcher Verfassung ich bin
„64 tut mir leid. Ich kann mich auf meine Qluaen nicht mehr verlassen. Aber höre: Mister Taloervn ist — eine Frau."
„Lieber Döhle", mahnte Szengeryi und begann dessen Finger zu streicheln, „deine Verven sind stark überreizt. Wir haben alle furchtbar viel durchgemacht die letzten Wochen. Versuche jetzt zu schlafen. Ich wache bei (Salbeton. Morgen ist alles wieder gut."
.,Du magst recht haben. Ich muhte dem jungen Irländer Wickel machen, weil sich hohe- Fieber bei ihm einstellte. Wenn ich aber wirklich so weit bin, wie es den Anschein hat, dann, Szengeryi, werd' ich mich morgen niederknallen. Ein Arzt, der die Geschlechter nicht mehr auseinander- kennti"
Der Forscher begann sich hastig anzulleiden und brückte den Doktor auf den Diwan nieder, auf bem er geschlafen hatte. „Du kannst ganz ruhig sein. Wenn sein Definden zu Desorgnissen Veranlassung gibt, wecke ich dich."
Al» Szengeryi bei Ealderon eintrat, lag dieser mit offenen Augen, in denen da» Fieber brannte. Ehe der Kranke noch nach dem Wasser greifen konnte, da» In einem Glase auf dem Rachitisch ftanb, hielt Szengeryi eS ihm bereit» an die Lipden.
-Danke!" Die heißen Finger ruhten für Sekundenlänge auf seinem Aetmel. ..Erlauben Sie noch eine Frage, Dr. Szengeryi: WaS würden Sie tun, wenn Ihre Frau lebte?"
Die Qlluifeln in dem a-ketenhaften Gesicht standen verknöchert. „Sie haben mich belogen. Mistet 6 albe ton T‘
„Ja."
„Meine Frau lebt?“
Ein Dicken der Zustimmung
„Sie ist bei Guido Horvath?"
„Heini — Del Ihnen.“
Au» Szengeryi» Gesicht wich die Srftarrung. ..Ealderon spricht im Fieber, er hat vergessen, wie krank er ist", dachte Szengeryi und behutsam
drückte er dessen Schultern in die Kissen zurück.
In den Augen stand jetzt ein Lächeln: „Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet, Dr. Szengeryi. Was würden Sie tun, wenn Ihre Frau lebte?"
Dem Forschet wurde es ungemütlich. Die letzten Wochen muhten vernichtend auf Talbeton» Geist gewirkt haben. Das Gleiche schien auch bet Dr. Döhle bet Fall zu fein. Ein Grauen lief Szengeryi den Rücken hinab.
„Sie sollen jetzt nicht- mehr benken, lieber Freund", bat er eindringlich. „Lassen Sie Ihr Gehirn ruhen und beschäftigen Sie sich mit nichts al- bet Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft lassen Sie gänzlich ausgeschaltet."
Die Liber des jungen Mannes senkten sich. „Ich hätte es so gerne gewuht", kam es schleppend. „so gerne."
Ezengeryis Gedanken jagten sich. „Vielleicht wenn Ich ihm den Willen tue, bah er sich dann beruhigt. Et scheint sich ganz in diese eine Frage verbohrt zu haben", dachte er, bevor er bann unsicher zu sprechen begann:
„Liebet Ealderon, wenn Ihnen damit gedient ist. will ich Ihnen Antwort nicht vorenthalten. Ich möchte gar nicht mehr, dah meine Frau lebt — nein, ich möchte e» nicht mehr. ES würde Immer etwas in mir zurückbleiben gegen sie: Ein Stachel, ein Mißtrauen, ein Verdacht, etwas wie Zorn, daß sie durch ihren gewissenlosen 'Betrug mein ganze- Leben zerbrach. Mein Glück würde sein wie eine Fahne, aus der der Sturm Fetzen gerissen hat. So wie es jetzt ist, ist eS gut. Ich habe das Erinnern an sie und das ist das Heiligste, waS ich besitze. Ich kann nur wiederholen, was ich bereit» gesagt habe: Dah ich die Stelle segne, wo sie ruht. Wenn sie auch lebte — es wäre doch alles zu Ende."
Szengeryi sah. wie der junge Taldeton den Kops nach bet Seite drehte und die Augen schloh. E- war also richtig und gut gewesen, dah er ihm den Willen erfüllt hatte. Als er nach einer Welle sich abermals übet die Kissen neigte, um nach ihm au schauen, wat er eingefchlasen.
Todmüde warf Szengeryi sich auf den Divan und erwachte nicht mehr, bis der Morgen sich über das Meer hob.
TalberonS Zustanb besserte sich schon am anderen Tage so weit, baß man cchne Gefahr die Rückreise nach Göteborg in» Auge fassen konnte. Allein wollte man ben jungen Irlänber nicht zurücklassen. Szengeryi fühlte sich Lord Talberon gegenüber für dessen Ressen verantwortlich, bet ihm auch außerdem persönlich sehr ans Herz gewachsen war.
Riemais wieder batte Dr. Döhle eine Anspielung gemacht, der junge Irländer sei eine Frau. Auch Szengeryi rührte niemals an diese Aeuße-
rung beS Arztes. Er war aufrieben, daß sich seine schlimmsten ‘Befürchtungen bezüglich einer Geistesstörung nicht erfüllt batten.
Am Abend sollte der Dampfer, ben die norwegische Regierung geschickt hatte, von der Dai abgehen. Man wollte die Rächt zur Fahrt benützen, um bei Tag in Göteborg landen zu können.
Der junge Caweron hatte große Müdigkeit vorgeschützt und gebeten, ihn erst eine halbe Stunde vor der Abfahrt zu wecken.
Als Szengeryi an seiner Tür klopfte, erfolgte kein „Herein". Die Klinke gab nach, das Zimmer war leer, das Bett unberührt. Sc hatte sich also gar nicht schlafen gelegt, vielleicht einen Spaziergang unternommen, von dem er noch nicht zurück war. ES blieben immerhin noch zwanzig Minuten Zeit.
Al» da- erste Sirenenzeichen über die Ducht gellte, wurde er nervös. TS war rücksichtslos von Ealderon, auf sich warten zu lassem Dr. Döhle kam mit dem Mantel über dem Arm und zeigte sich nicht weniger erregt al» der Forscher selbst.
»Ich habe daS Personal gefragt", erklärte er. »ES hat ihn niemand gesehen, nur ein Doy wußte mir zu sagen, er sei schon vor Atpei Stunden toeg- gegangen, landeinwärts, den Eisfeldern entlang und bann verschwunden."
„Ich habe ihn für taktvoller gehalten." Szengeryi zerrte ärgerlich an dem Rever» seines Anzuges. .Er hat doch eine älhr und muß wissen, daß eS Zeit ist."
Heber die Eisfelder her kam ein Mann.
ES war nicht Richard Ealderon.
Auf die Frage, ob er nicht einem jungen Mann begegnet sei, bejahte er. „Aber da- war schon vor geraumer Zeit gewesen. Er hat's wohl nicht recht im Kopfe gehabt", befchied er. .denn er ist auf» Geradewohl drauf loS gelaufen — immer nordwärts, wo eS doch wahrhaftig nichts zu suchen und zu holen gibt. Green-Harbou, die Kohlenmine. liegt viel weiter westlich. Wenn er In die Rächt kommt, erfriert er."
Szengeryi und Dr. Döhle sahen sich an. Man muhte nach Talberon suchen. Gr hatte jedenfalls die Richtung verfehlt, glaubte nach der Ducht K' kzugehen und war nordwärts gelaufen. Döhle den Kapitän Dcrftänblgen, daß eine Verschiebung der Abfahrt notwendig sei.
Szengeryi schnallte sich inzwischen seine Schneeschuhe an die Füße und lieh sich eine Blendlaterne geben. ES war zwar noch Heller Tag. aber es würde Rächt werben, bis man zurückkam
Da Windstille herrschte und kein Schnee gefallen war, konnte et Ealderon- Spur unschwer verfolgen. Rebenher lief die entgegengesetzte de- Mannes, der ihm die Auskunft gegeben hatte.
Plötzlich zweigte Talberon- Spur scharf nach Rocdosten hin. Ab und zu mochte der arme Mensch gefallen sein, denn eS zeigten sich große platte Eindrücke auf bem Schnee.
gekehrt, so daß fast regelmäßig je zwei Torfahrten und je zwei Häuschen aneinander stoßen. Es hat also hier der Bauernstand sich anscheinend nicht so frei entfalten können, wie im angrenzenden Oesterreich. Dabei ist der Boden ergiebig. Lieh-, Geflügel« und Bienenzucht blühen. Wiesen und Weiden sind reichlich, (Betreibe, Zuckerrübe, Gemüse, Kartoffel und Obst (Edelkastanien darunter) liefern guten Ertrag, Rust berühmten Wem („Rüster Ausbruch").
Die vorbeschriebenen bäuerlichen Verhältnisse dürsten ihre Ursache darin haben, daß ein sehr großer Teil de» Burgenlandes im Eigentume ganz großer Grundherren ist. Die bei weitem mächtigsten unter diesen sind die Esterhazy l Fürsten und Grafen), von denen e» drei Linien gibt. Forchtcn- ftein, Czesneck und Lltiohl. Der erste Ast bet Linie Forchlenstein ist der fürstliche. Die wohlerhaltene Burg Forchlenstein ist eine der großen Sehenswür- digkeiten de» Burgenlandes. Sie liegt im „Rosalien- gebirge "in 520 Meter Höhe auf einem hohen Kalk- fclfen und ist feit 1622 im Besitze der Esterhazy. Eigentlich ist es gar keine „Burg" in dem Sinne, wie man sich gewöhnlich eine Burg oorstellt. Dazu sind die Gebäulichkeiten viel zu groß und zu mächtig. E» ist vielmehr eine Burg-Festung, eine Feste, rote man in Deutschland z. B- von der „Feste Jioburg“ spricht. Sie stammt in ihren ältesten Teilen au» dem 13. Jahrhundert und wurde im 17 Jahrhundert umgebaut. Ueberschreitet man die Brücke de» Burg- graben», so wirb man am Eingang und im Hofe zu seinem grenzenlosen Erstaunen Soldaten einer Schloßgarde gewahr: in der malerischen Tracht der Esterhazy-Grenadiere, mit E und Fürstenkrone auf den Patronentaschen, die in beschränkter Anzahl zu überhasten den Fürsten Esterhazy auf Forchlenstein noch gestattet ist, ebenso wie — nebenbei bemerkt — die Fürsten zu Schwarzenberg in der Tschechoslowakei auf die gleiche Weise noch da» Vorrecht genießen, sich „eigenes Militär" halten zu dürfen. Fretlich hat Die „Forchtensteiner Schloßgarde" nicht verhüten können, daß in den lagen der ungarischen Bolsche- wisten-Herrschast de» Bela Kun (März bi» August 1919) sechzehn eiserne Kisten im Schloß ihre» reichen Inhalte» an Kostbarkeiten usw. gänzlich beraubt worben sind.
Im Inneren Hofe de» Schlosses Forchtenstein ist noch eine andere Merkwürdigkeit zu sehen: ein höchst barocke» Reiterdenkmal au» Stein, den ersten Für« ften des Hauses, den Fürsten Paul (geft 1647), im Harnisch darstellend, aber mit einer Fürstcnkrone, nicht etwa mit einem Helm auf dem Haupte, währen das hochgebäumte Pferd seine Vorderhufe auf das davor gestellte neue Fürstenwappen aufstützt. Sicherem» Vernehmen nach ist dieses da» zeitlich älteste Reiterdenkmal auf ungarischem ober ehemal» ungarischem Boden.
Wer einmal in Forchlenstein ist, kommt naturgemäß auch nach dem nahen Städtchen E i s e n st a d t, der eigentlichen Esterhazyschen „Residenz" im bärtigen Lande. In diesem Städtchen, bas am ehesten mit bem nordbeutschen, aber doch noch weit größeren Bückeburg verglichen werden kann, haben die Esterhazy ein großes, prachtvolles, wahrhaft fürstliches Schloß. (Eifenftabt ist berühmt in der Geschichte der Tonkunst, weil der große Haydn daselbst von 1761 ab als Zweiter, von 1766 ab als Erster Kapellmeister de» Fürsten Nikolaus Joseph Esterhazy, der eine eigene Opern-, Konzert- und Kirchen-Musik unterhielt, gewirkt hat. Freilich siedelte 1769 der Ester- hazysche Hof und mit ihm die Kapelle für den Sommer nach bem neu erbauten Schloß „Esterhazy"' am Neusiedler See unb für ben Winter nach Wien über, freilich wurde 1790, nach bem lobe des vorgenannten Fürsten, die Kapelle ganz aufgelöst, und au Wien ist, am 31. Mai 1809, auch Haydn gestorben allein au Eisenstabt haben Ihm die Esterhazy in Der Wallfahrtskirche „Mariae Heimsuchung" em würdiges Grabmal errichtet.
Sinnend steht man hier vor bem Grabmal biese» kerndeutschen Kunstmeisters, liest die lateinische In- schrift darauf und gedenkt des Umstande», daß die lebenslängliche Pension, die Haydn fortdauernd, von 1790 ab bis zu feinem lobe, in Höhe feine» vollen Gehalts vom Haufe Esterhazy erhielt, ihm für
Szengeryi- Aerger unb Zorn schlugen In Mitleid um. Wie mußte eS Talberon zumute fein, wenn er sah, daß er sich Immer mehr In die Ei-- wüste verirrte? Man merkte es den Fußtapfen an, daß er den Weg im Laufschritt zurückgelegt hatte. Die Skier glitten lautlos über Eis und Schnee dahin. Ab und zu tief er Talderons (Hamen nach einer Richtung.
Szengeryi zog die Uhr. Mehr als eineinhalb Stunden war er nun unterwegs.
Die Sterne über ihm flimmerten kalt und mitleidslos. Vielleicht war er längst erfroren! Lag tot am Wege, bis er kam!
Wieder glitten die Hölzer mit leisem Knirschen dahin. Plötzlich wurden Szengeryi» Augen au großen, starren Punkten. Sein Gehör verschärfte
.Wölfel-
Schwarze Striche liefen über die gewellte Fläche hin. Tin langgezogene» DeNen heulte auf, bann stürzten sich ein paar dunkle Körper nach ein und derselben Stelle.
Die Skier rasten.
.Ealderon!"
Langausgestreckt lag er am Wege. Dlut rann auS der Wunde, die an der Stirne klaffte und sickerte langsam in den Schnee. Feige zog sich da- Raubzeug in die Rächt der Tiswüfie zurück.
Szengeryi kniete vor dem Leblosen und suchte ihn hochzubeben: .Talderonl" Der Körper war völlig erstarrt. .Talderonk" Er riß den mitge- brachten Kognak aus der Tasche seiner Pelzjacke und begann Ealderon au reiben. Als er an die Hande kam, sah er, daß die Finger einen Fetzen Papier umklammert hielten. Fast mit DeWalt mußte er ihn aus der MmHammerung lösen. Die Blendlaterne warf einen grellen Schein über die wenigen Duchstaben:
.Dela! Halte Dein Wort und segne die Stelle, unter der ich ruhe. RoSmarie."
Die Polarnacht gab den Schrei, den Szengeryi ausstieß, unheimlich wieder.
.Ro-mariel"
Der Mann, der sich nun über den erstarrten Leib warf, vollbrachte Dinge, deren kein Lebender sonst fähig aewesen wäre.
<$t riß sich die Gewandstücke vom Körper und hüllte den leblos liegenden darin ein. Heber da- leichenkalte Gesicht geneigt, versuchte er den schweigenden Mund mit dem Hauche des feinen aufzutauen. Er wühlte die Hände in den Schnee und rieb die reglosen Finger damit ein, lieh seinen Kops auf die unbewegliche 2rüst fallen und drückte sein Ohr dagegen, ob das Herz noch einen Ton des Lebens von sich gab.
Das Strahlenbündel feiner großen Blendlaterne hatte Dr. Döhle, der seiner Spur folgte, den Weg gewiesen.
.Totr* Gr neigte sich mitleidig über den jungen Wann. (Schluß folgt)


